Papst Franziskus auf dem Weg in die Pyramide

TREFFEN DER WELT- UND RELIGIONSFÜHRER IN NUR-SULTAN (ASTANA) IN KASACHSTAN

12. April 2022 1

Die Pyramide von Nur-Sultan (Astana), in der im September das Treffen "der Weltführer und Religionsführer" unter Anwesenheit von Papst Franziskus stattfinden soll.

(Rom) Das Presseamt der kasachischen Präsidialkanzlei gab bekannt, daß Papst Franziskus Kasachstan besuchen wird. Das vatikanische Presseamt bestätigte indirekt eine Pastoralreise nach Zentralasien. Der Hintergrund ist explosiv.

Nach einem Videotelefonat zwischen dem kasachischen Staatspräsidenten Kassym-Schomart Tokajew und Papst Franziskus veröffentlichte die Pressestelle Tokajews die Absicht des katholischen Kirchenoberhauptes, Kasachstan zu besuchen. Kurz darauf bestätigte Vatikansprecher Matteo Bruni mehr oder weniger die Reisepläne, ohne ein konkretes Datum zu nennen.

Hintergrund der Papst-Reise ist jedoch nicht der Besuch Kasachstans, sondern die Teilnahme am VII. Congress of Leaders of World and Traditional Religions, der für den kommenden 14./15. September geplant ist. Dieses Treffen sollte ursprünglich bereits im Juni 2021 stattfinden, wurde aber wegen der Corona-Maßnahmen auf 2022 verschoben.

Das Treffen der „Führer der Welt und der traditionellen Religionen“ wird in Astana stattfinden, der Hauptstadt Kasachstans, die seit 2019 Nur-Sultan heißt. Zu diesem Zweck wurde 2018 in der Stadt eine 77 Meter hohe Pyramide errichtet, die als „Pyramide des Friedens und der Eintracht“ bezeichnet wird. In dieser Pyramide wird im September die Zusammenkunft der „Weltführer und Religionsvertreter“ erfolgen.

 

Videokonferenz von Papst Franziskus mit dem kasachischen Staatspräsidenten Tokajew

Kasachstan ist neben der Ukraine und Georgien das dritte Land der ehemaligen Sowjetunion bzw. zuvor bereits des Russischen Reiches, auf das sich derzeit die von den USA angeführten westlichen Interventionen konzentrieren, um eine Einkreisung Rußlands zu erreichen. In diesem Zusammenhang standen auch die Unruhen im vergangenen Januar, die zu einer von Rußland angeführten Militärintervention zur Wiederherstellung der Ordnung und der Stabilisierung des Landes führte, die vom 6. bis 19. Januar dauerte.

Mit der Teilnahme an dem Treffen der weltlichen und religiösen Eliten möchte Franziskus den interreligiösen Dialog und die Einheit fördern, um die Länder einander näherzubringen, wie Präsident Tokajew erklärte, denn das, so wird Franziskus von der Presseagentur EFE zitiert, „ist in der heutigen Welt sehr notwendig“.

Das Reich Nasarbajews und sein Erbe

Der Congress of Leaders of World and Traditional Religions wurde 2003 vom ersten Präsidenten des Landes, Nursultan Nasarbajew, ins Leben gerufen. Nasarbajew, der Kasachstan von 1990 bis zu seinem Tod 2019 diktatorisch regierte, war bis zum Zerfall der Sowjetunion 1991 Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik und formal sunnitischer Muslim, in Wirklichkeit aber überzeugter Atheist

Obwohl durch und durch als Sowjetmensch beschrieben, suchte Nasarbajew unter den neuen Vorzeichen schnell die Abnabelung von Moskau und begann sein Land zunehmend in Ost-West-Richtung auf Peking und Ankara auszurichten, während er die Anbindung an Moskau schwächte und in Nord-Süd-Richtung sogar nach Teheran schielte. Nasarbajew, der die klassische Karriere eines kommunistischen Funktionärs hinter sich hatte, verstand es, die zentrifugalen Interessen geschmeidig und notfalls mit Härte auszugleichen und sich dabei selbst zum mächtigen Autokraten zu machen. Als faktischer Diktator achtete er penibel darauf, es nicht zum offenen Bruch mit Moskau kommen zu lassen und dabei den Gesprächskanal nach Washington und in andere westliche Länder offenzuhalten. 

Nasarbajew gelang es auf diese Weise „nebenbei“, seine Familie zur mächtigsten und reichsten des Landes zu machen, mit einem geschätzten Privatvermögen von sieben Milliarden US-Dollar. Die Vernetzung mit dem westlichen „Hochadel“ des Geldes erfolgte nahtlos. Die französische Rothschild-Bank berät die kasachische Zentralbank. Kasachstan ist flächenmäßig größer als die halbe EU und um ein Vielfaches reicher an Bodenschätzen. Da öffnen sich leicht die wichtigsten Türen.

Zur Festigung seiner Macht dezimierte Nasarbajew parallel die russische Volksgruppe im Land. Gab es 1989 37,8 Prozent Russen im Land, kaum weniger als Kasachen (39,7 Prozent), sank ihr Anteil seither auf 18,5 Prozent, während jener der Kasachen auf 69 Prozent anwuchs.

Die russische Sprache ist allerdings nach wie dominant, wird aber vom Kasachischen, einer Turksprache, die den Status der Staatssprache genießt, immer mehr verdrängt. Daneben gewinnt, staatlich gefördert, das Englische als internationale Verkehrssprache an Bedeutung.

Bis zur kommunistischen Oktoberrevolution wurde für das Kasachische die arabische Schrift verwendet. Nach 1917 wurde sie durch die kyrillische Schrift ersetzt, die nun ihrerseits bis 2025 von der lateinischen Schrift abgelöst werden soll. Auch darin zeigt sich die Neuausrichtung des Landes.

Beim Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 gab es in Kasachstan, was im deutschen Sprachraum kaum bekannt ist, eine Million Deutsche (rund sechs Prozent der Gesamtbevölkerung). Ihre Anwesenheit ging auf die Deportation der Rußlanddeutschen unter Stalin im Jahr 1941 zurück. Ihre Vorfahren stammten aus den verschiedensten deutschen Gegenden von der Schweiz bis Schleswig. Der Großteil von ihnen wanderte in den vergangenen 30 Jahren in die Bundesrepublik Deutschland ab. Heute leben noch an die 200.000 Deutsche im Land und machen 1,1 Prozent der Bevölkerung aus.

Die religiösen Verhältnisse 

70 Prozent der Einwohner, vor allem Kasachen und andere Turkvölker, gehören dem sunnitischen Islam an. Innerhalb der Sunna folgen sie der hanafitischen Schule, die unter den Turkvölkern, in Afghanistan, Pakistan, Bangladesch, Syrien und Jordanien führend ist. Allerdings gilt die Religiosität unter kasachischen Muslimen als vergleichsweise gering, wenngleich Nasarbajew, obwohl selbst Atheist, den Islam in einer kontrollierten Form förderte und zahlreiche repräsentative Moscheen errichten ließ.

Der Anteil der Christen im Land wird mit einem Viertel der Bevölkerung angegeben. Wegen der starken Abwanderung der Russen und Deutschen sinkt ihr Anteil. Laut dem International Religious Freedom Report 2010 gibt es in Kasachstan neun russisch-orthodoxe Diözesen und 299 Kirchengemeinden und Klöster, 83 römisch-katholische Pfarreien in vier Diözesen und fünf griechisch-katholische Pfarreien sowie 543 protestantische Bethäuser, die sich auf zahlreiche historische und vor allem freikirchliche Gruppen verteilen. 

Die katholische Präsenz im Land stützt sich vor allem auf die Nachkommen der unter Stalin deportierten Deutschen, Westukrainer und Polen. Die protestantische Präsenz geht auf deutschbaltische Lutheraner und mennonitische Siedler zurück, die im 19. Jahrhundert im Zuge der Eingliederung des Landes in das russische Zarenreich ins Land kamen. Später folgten die Deportierten aus der deutschen Wolgarepublik und den deutschen Schwarzmeersiedlungen und seit dem Ende der Sowjetunion zahlreiche freikirchliche Missionsgesellschaften, vorwiegend aus den USA und Südkorea.

Mit der Umbenennung der Hauptstadt Astana in Nur-Sultan zu Ehren Nasarbajews setzte sich die Distanzierung von der russischen Vergangenheit fort. Astana war 1830 als russische Festung gegründet worden und hieß bis 1961 Akmolinsk. Astana ist die Bischofssitz von Erzbischof Tomasz Peta und Weihbischof Athanasius Schneider. Schneiders Familie gehörte zu den Deportierten vom Schwarzen Meer.

Die Pyramide von Nur-Sultan

Die Pyramide von Nur-Sultan, der Tagungsort des VII. Congress of Leaders of World and Traditional Religions, geht auf einen direkten Auftrag Nasarbajews zurück und erinnert an eine deistisch-freimaurerische Symbolik. Historisch gab es Pyramiden mit einem glatten Mantel nur im alten Ägypten (Pyramiden von Gizeh) aus der Zeit um 2500 v. Chr. Die Cestius-Pyramide in Rom, das Grabmal des 12 v. Chr. verstorbenen Prätors und Volkstribunen Gaius Cestius Epulo, stellt eine Ausnahme dar. Erst im 18. Jahrhundert fand die Pyramide in der Symbolik der freimaurerischen Geheimbünde neue Bedeutung

Die von dem Sozialisten und Freimaurer François Mitterrand, von 1981 bis 1995 Staatspräsident von Frankreich, im Innenhof des Louvre in Auftrag gegebene Glaspyramide wurde 1989 zu den 200-Jahrfeiern der Französischen Revolution fertiggestellt. Die symbolischen Bezüge waren explizit und gewollt.

Die Pyramide hat nur in der Freimaurerei eine theoretisch ausformulierte Bedeutung, die mit dem rauhen Stein (dem unwissenden, unpolierten Menschen, der modelliert und verfeinert werden soll) bzw. dem kubischen Stein (dem perfekten Quader) zusammenhängt. Die Logen behaupten dabei eine okkulte Bedeutung, die sich nur dem „Wissenden“, also dem Freimaurer, erschließe. Im Freimaurer-Wiki heißt es dazu: „Es geht offensichtlich um eine bewußtseinserweiternde Konzentrationsübung. Von seinem eigenen Mittelpunkt ausgehend soll versucht werden eine Struktur zu visualisieren, bei der jeder beliebige Punkt im ‚Kosmos‘ ein Mittelpunkt sein kann.“ Dabei wird auf die jüdische Kabbala, die Bibel (Salomonischer Tempel, Stiftshütte, Geheime Offenbarung des Johannes) und die Kaaba in Mekka verwiesen. Das verstehe, wer kann. Von Relevanz scheint es nicht zu sein, außer für die Logenbrüder. 

 

Frank Albos Buch über Astana (Nur-Sultan)

War Nasarbajew ein Logenbruder? Direkte Hinweise darauf gibt es nicht. Tatsache ist jedoch, daß die von ihm umgesetzte Stadtplanung von Nur-Sultan (Astana) und die dabei errichteten Bauwerke ein gesteigertes Interesse finden und der kasachischen Hauptstadt die Bezeichnung als „Welthauptstadt der Illuminaten einbrachte.

Der Kanadier Frank Albo, Professor für Geschichte an der Universität Winnipeg, spezialisiert auf Architektur und Freimaurerei bzw. esoterische westliche Tradition, veröffentlichte 2017 das Buch „Astana: Architecture, Myth & Destiny“. In der Buchbeschreibung ist von einem „Gründungsmythos“ die Rede, welche die „atemberaubende Architektur“ der kasachischen Hauptstadt, mit „verborgenen Komplexitäten“, „verschlüsselten Botschaften“, „geheimen Lehren“ und als „Rätsel voller Geheimnisse und Mysterien“ zum Ausdruck bringe. Die Stadt, wie sie sich heute präsentiere, sei ein „hermetischer Code“ und ein „architektonischer Fahrplan für ein friedliches Schicksal der Welt“ mit einer „verborgenen Botschaft“.

Albo hatte zuvor mit staatlicher Förderung die freimaurerische und hermetische Symbolik am Parlamentsgebäude von Manitoba erforscht. Der Architekturhistoriker äußert sich dazu nicht, doch dürfte seine Arbeit über Astana (Nur-Sultan) vor dem Hintergrund ähnlicher Kontakte zur kasachischen Staatsführung zustande gekommen sein. Die Frage, ob Nur-Sultan die „Welthauptstadt der Illuminaten“ sei, stellt Albo zwar, ohne sie jedoch zu beantworten. Wegen seiner „Enthüllung“ des Parlamentsgebäudes von Manitoba wird Albo der „kanadische Dan Brown“ genannt. Als solcher scheint er ein Eigeninteresse an weiteren „Enthüllungen“ zu haben.

Papst Franziskus und das Treffen der Weltführer und Religionsvertreter

Bereits im vergangenen Jahr gab es Gerüchte, Papst Franziskus beabsichtige am Kongreß der Weltführer und Religionsvertreter teilzunehmen. Durch die Corona-bedingte Verschiebung erübrigte sich die Frage, ohne daß es zu seinem Dementi oder einer Bestätigung gekommen war – zumindest vorerst. Die Ankündigung eines Papstbesuches durch die kasachische Präsidialkanzlei weist nun jedoch mehr denn je in diese Richtung. Eine offizielle Bestätigung durch den Heiligen Stuhl steht allerdings noch aus.

Für Kasachstan sei der Congress of Leaders of World and Traditional Religions von „großer Bedeutung“, so Staatspräsident Tokajew, der möglichst sanft eine Entmachtung der Familie Nasarbajew anstrebt, um seine eigene Macht zu festigen.

Der Papst und Tokajew erörterten bei der Videokonferenz die Aussichten für eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Kasachstan und dem Vatikan sowie Fragen der Förderung der „interreligiösen Harmonie“.

Der Besuch von Franziskus in Kasachstan würde auch ein Zusammentreffen mit dem dortigen katholischen Episkopat mit sich bringen, das dem derzeitigen Pontifikat unter allen Bischofskonferenzen am meisten kritisch gegenübersteht. Das hat auch mit der Absicht der Papst-Reise zu tun.

2017 haben kasachische Bischöfe als Reaktion auf das umstrittene nachsynodale Schreiben Amoris laetitia das deutlichste Bekenntnis des Weltepiskopats zu den unveränderlichen Wahrheiten des Ehesakraments abgelegt. Weihbischof Athanasius Schneider gehört zu den herausragendsten Bischofsgestalten unserer Zeit. Die Abschaffung des Motu proprio Summorum Pontificum von Benedikt XVI. durch Papst Franziskus im Juli 2021 nannte er einen „Machtmißbrauch“. Im März 2019, als die Bischöfe Kasachstans zum Ad-limina-Besuch nach Rom reisten, besuchten sie auch Benedikt XVI. im Kloster Mater Ecclesiae und signalisierten damit ihre Verbundenheit nicht nur mit seiner Person, sondern auch mit seinem Pontifikat. Keine Selbstverständlichkeit, wie die Ad-limina-Besuche anderer Bischofskonferenzen zeigen. Athanasius Schneider widersprach Franziskus auch nach der Unterzeichnung der Erklärung von Abu Dhabi: Die Vielfalt der Religionen ist nicht gottgewollt. Die christliche Religion ist die einzig gültige Religion und der einzige von Gott gewollte Glaube“. Der österreichische Philosoph Josef Seifert nannte das Abu-Dhabi-Dokument „die Summe aller Häresien“, die automatisch dazu führen müßte, daß Franziskus sein Petrusamt verliert.

Die Erklärung von Abu Dhabi bildete bisher den Höhepunkt in den Einheitsbestrebungen von Franziskus, die sich nicht nur auf die ominösen „abrahamitischen“ Religionen beschränken. In einem Video vom Papst waren auch die Buddhisten miteinbezogen. Beim Assisi-Treffen wurde der Bogen noch weiter gespannt. In diesem Kontext einer „universalen Brüderlichkeit“ aller Menschen, die laut Franziskus alle „Kinder Gottes“ sind und wo es dabei einerlei sei, welcher Religion jemand angehöre, Hauptsache man gehe friedlich miteinander um, ist auch der Congress of Leaders of World and Traditional Religions in Nur-Sultan im kommenden September zu sehen, an dem Franziskus teilnehmen will. Franziskus sieht sich dabei als Primus inter pares und Sprecher der Religionsführer. So wurde es ihm auf beispiellose Weise am 25. September 2015 von den weltlichen Mächtigen über die UNO gewährt, als er die Festrede vor der UNO-Generalversammlung in New York halten konnte, bevor die Agenda 2030 (Ziele für nachhaltige Entwicklung) beschlossen wurde.

Insgesamt erhöht Franziskus die Reisetätigkeit: Im Juni ist eine noch nicht bestätigte Reise in den Libanon im Gespräch, Anfang Juli erfolgt ein Besuch der Demokratischen Republik Kongo und im Südsudan und im selben Monat auch eine Reise nach Kanada.

Video zu Frank Albos Buch über den „Astana-Mythos“. Im Bild die Pyramide, die für das Treffen „der Weltführer und Religionsvertreter“ errichtet wurde

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Flickr/bbcworldservice/akorda.kz (Screenshots)