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Das Neue Testament

 

Alle Evangelien

 Das jeweilige Evangelium ist
an diesen Farben zu erkennen:

Das Evangelium nach Matthäus

Das Evangelium nach Markus

Das Evangelium nach Lukas

Das Evangelium nach Johannes

 

Die heiligen vier Evangelien

Evangelium bedeutet „Frohbotschaft“. Daß Gott seine Verheißungen erfüllt und in Christus der Welt den Erlöser geschenkt hat, ist die froheste Kunde für die gesamte Menschheit. Diese Botschaft allen Geschöpfen zu bringen, war der Auftrag des scheidenden Erlösers an seine Jünger. Nachdem die Apostel zuerst jahrelang mündlich die Frohbotschaft Jesu Christi verkündet hatten, gingen einzelne Männer daran das Wichtigste davon aufzuschreiben. Aber nur vier aus der größeren Zahl schriftlicher Darstellungen (Lk 1, 1) hat die Kirche als kanonisch, als zur göttlichen Offenbarung gehörend, anerkannt. Die Verfasser sind Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, zwei Apostel und zwei Apostelschüler. Wir besitzen in diesen vier Schriften in jeder Hinsicht glaubwürdige geschichtliche Urkunden, deren einwandfreie Überlieferung wir von den Tagen der Apostel bis heute nachweisen können. Jeder Evangelist hat uns die eine und einzige Frohbotschaft des Heils überliefert, aber jeder unter einem besonderen Gesichtspunkt ausgewählt, geordnet und dargestellt, je nach dem Ziel, das er im Auge hatte, und nach dem Leserkreis, an den er sich wandte. Wie wenn vier tüchtige Maler dieselbe Person nach dem Leben malen und trotz aller Selbständigkeit im Farbton und in der Hervorhebung bestimmter Charakterzüge doch ein wahres Bild der Person schaffen, so hat der Geist Gottes uns durch die Künstlerhand der vier Evangelisten das wahre Christusbild zeichnen lassen. Matthäus schildert Christus als den Messias, an dem sich die Weissagungen des Alten Bundes erfüllt haben; Markus denselben Christus als den großen Wundertäter und Bezwinger der Dämonen; Lukas den barmherzigen Heiland, den Freund der Armen und der reuigen Sünder; Johannes endlich den auf Erden erschienenen eingeborenen Sohn Gottes, aus dessen Fülle wir alle empfangen Gnade um Gnade, Licht und Leben.

Die vier Evangelien sind die Krone der ganzen Bibel. Nie feiert die Kirche das heilige Meßopfer, ohne einen Abschnitt aus einem Evangelium zu verlesen, und sie umgibt diese Lesung mit besonders eindrucksvollen Zeremonien. Sie ehrt das Evangelienbuch wie den gegenwärtigen Christus. In der griechischen Kirche liegt es stets neben der heiligen Eucharistie auf dem Altare. Bei Gott und seinem heiligen Evangelium schwört der gläubige Christ den feierlichen Eid. Darum sollte jeder bestrebt sein, von allen Büchern der Heiligen Schrift die vier Evangelien am eifrigsten zu lesen, zu betrachten und sein Leben danach zu formen.

 

 

Das Evangelium nach Matthäus

 

Einleitung:

Der Evangelist Matthäus gehört zum Apostelkollegium. Er hieß auch Levi, Sohn des Alphäus, und wurde bei Kapharnaum von seiner Zollstätte aus zum Apostel berufen. Der verachtete Zöllnerstand war für diese Auszeichnung eines seiner Mitglieder dankbar (Mt 9,9-13). Nach der Himmelfahrt des Herrn wirkte Matthäus zunächst unter seinen Landsleuten in Palästina. Über sein weiteres Leben fehlen uns geschichtliche Zeugnisse. Die Legende hat ihn oft mit Matthias verwechselt. Seine Tätigkeit als Apostel in Äthiopien (Abessinien) erscheint am meisten beglaubigt. Die Kirche feiert sein Fest am 21. September und verehrt seine Gebeine im Dom zu Salerno.

 

Bis in die apostolische Zeit hinauf reichen die Nachrichten, daß Matthäus der Verfasser eines Evangeliums in aramäischer Sprache ist. Es wurde bald in die griechische Weltsprache übersetzt, in der die übrigen Schriften des Neuen Testaments abgefaßt sind, und ist uns nur in dieser Übersetzung erhalten geblieben. Schon die älteste Überlieferung weiß, daß das Matthäusevangelium zunächst für gläubige judenchristliche Leser und gegen ungläubige Juden geschrieben wurde. Der Evangelist weist ihnen nach, daß Jesus Christus der von Gott verheißene Messias und seine Kirche das wahre „Königreich der Himmel“, das messianische Reich ist. Deshalb zitiert er oft Stellen aus dem Alten Testament, die in Christus sich erfüllt haben. Nach kurzer Schilderung der Kindheitsgeschichte (1,1-2,23) und der Vorbereitung des öffentlichen Wirkens (3, 1-4, 11) berichtet Matthäus ausführlicher über die Tätigkeit Jesu in Galiläa (4, 12-18, 35). Daran schließen sich ausgewählte Begebenheiten und Reden auf der Reise nach Jerusalem (19,1-20,34) und in der Hauptstadt (21,1-25,46). Die Darstellung der Leidens‑ und Verklärungsgeschichte bildet den Schlußteil (26, 1-28, 20). Die Einzelheiten sind nicht immer in der strengen geschichtlichen Aufeinanderfolge erzählt, sondern oft nach literarischen und sachlichen Gesichtspunkten gruppiert. Als Zeit der Abfassung kommen wohl noch nicht die vierziger, sondern die fünfziger Jahre in Betracht, als Ort Palästina.

 

Aus der Kindheitsgeschichte Jesu

1 Stammbaum. Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abra­hams. Von Abra­ham stammte Isaak ab, von Isaak Jakob, von Jakob Judas und seine Brüder. Von Judas und der Thamar stammten ab Phares und Zara, von Phares Esron, von Esron Aram. Von Aram stammte Aminadab, von Aminadab Naasson, von Naasson Salmon. Von Salmon und der Rahab stammte Booz, von Booz und der Ruth Obed, von Obed Jesse, von Jesse aber David der König. Von David, dem König, und der, die des Urias Weib gewesen, stammte Salomon. Von Salomon stammte Roboam, von Roboam Abias, von Abias Asa. Von Asa stammte Josaphat, von Josaphat Joram, von Joram Ozias. Von Ozias stammte Joatham, von Joatham Achaz, von Achaz Ezechias. 10 Von Ezechias stammte Manasses, von Manasses Amon, von Amon Josias. 11 Von Josias aber stammten ab Jechonias und seine Brüder um die Zeit der Wegführung nach Babylon.

12 Und nach der Wegführung nach Babylon wurde Jechonias der Stammvater des Salathiel, von Salathiel stammte Zorobabel ab. 13 Von Zorobabel stammte Abiud, von Abiud Eliakim, von Eliakim Azor. 14 Von Azor stammte Sadok, von Sadok Achim, von Achim Eliud. 15 Von Eliud stammte Eleazar, von Eleazar Mathan, von Mathan Jakob. 16 Von Jakob aber stammte ab Joseph, der Mann Mariä, von der geboren wurde Jesus, der Christus genannt wird. 17 So sind es im ganzen von Abra­ham bis auf David vierzehn Geschlechter, von David bis zur babylonischen Gefangenschaft vierzehn Geschlechter und von der babylonischen Gefangenschaft bis auf den Messias vierzehn Geschlechter. 1-17 Der Stammbaum zählt zwar die Ahnen Josephs, des gesetzlichen Vaters Jesu, auf; aber auch die Mutter des Herrn stammte von Abra­ham (Gal 3, 16; 4, 4) und David ab (Lk 1, 27; Röm 1, 3; 2 Tim 2, 8). Nur völlige Mißachtung aller geschichtlichen Zeugnisse kann zu der Behauptung führen, Jesus sei arischer Herkunft. Der Evangelist will durch die nicht lückenlose, schematisch gegliederte Ahnenreihe (V. 17) dartun, daß von Anfang an die gesamte Geschichte Israels auf Christus hingeordnet ist. Von den außer Maria genannten vier Frauen sind drei nur durch Sünde Stammütter des Messias geworden: Thamar, Rahab und die Frau des Urias; die vierte wurde aus dem heidnischen Moabitervolk berufen. Aber nichts von den sündigen Erbanlagen ist auf Jesus übergegangen; denn bei Joseph hört die männliche Reihe auf. Maria aber ist ohne Erbsünde ins Leben getreten und durch ein Wunder ohne Mitwirken eines menschlichen Vaters die Mutter des Gotteskindes geworden, wie der folgende Abschnitt (18-25) zeigt.

 

Geburt Jesu. 18 Mit der Geburt Jesu Christi aber verhielt es sich also: Als seine Mutter Maria mit Joseph verlobt war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, daß sie empfangen hatte vom Heiligen Geiste. 19 Joseph aber, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht in üblen Ruf bringen wollte, gedachte sie heimlich zu entlassen. 20 Während er mit diesem Gedanken umging, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traume und sprach: Joseph, Sohn Davids, scheue dich nicht, Maria, dein Weib, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist vom Heiligen Geiste. 21 Sie wird einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden. 22 Dies alles ist geschehen, damit in Erfüllung gehe, was vom Herrn durch den Propheten gesagt worden: 23 Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und man wird ihm den Namen Emmanuel geben, das heißt: Gott mit uns (Is 7, 14). 24 Joseph stand vom Schlafe auf und tat, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm sein Weib zu sich. 18-24: Aus Bescheidenheit schweigt Maria über das Wunder ihrer jungfräulichen Mutterschaft. Joseph kommt dadurch in peinlichste Verlegenheit. Bei gerichtlicher Anzeige wäre Maria wie eine treulose Braut gesteinigt worden. In schonender Liebe will ihr Joseph ohne viel Aufsehen den Scheidebrief ausstellen. Da greift Gott ein und weiht Joseph in das Geheimnis der Menschwerdung ein. 25 Aber er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar [den Erstgeborenen]. Und er nannte seinen Namen Jesus. 25: Das Wörtchen „bis“ besagt nicht, Maria sei später auf natürliche Weise Mutter anderer Kinder geworden (vgl. 1 Mos 8, 7; 2 Sm 6, 23; Mt 12, 20; 28, 20). Der Zusatz „den Erstgeborenen“ fehlt in den wichtigsten Handschriften des griechischen Textes. Er setzt keine nachgeborenen Kinder voraus, sondern hat rechtlichen Sinn. So nennen wir den Erstgeborenen eines regierenden Fürsten Kronprinz, auch wenn er keine Geschwister hat. .

 

2 Die Weisen. Als Jesus zu Bethlehem in Judäa in den Tagen des Königs Herodes geboren wurde, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenlande nach Jerusalem 1: Die Geburt Jesu fällt etwa 6-7 Jahre früher, als unsere seit dem 6 Jahrhundert übliche „christliche Zeitrechnung“ annimmt, sonst hätte Herodes, der nachweislich um Ostern des Jahres 4 vor Beginn dieser Zeitrechnung starb, nicht mehr das Gotteskind verfolgen können. und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern beim Aufgehen gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten. 2: Die Weisen oder Magier sind keine Könige, sondern sternkundige Männer gewesen. Erst spätere Zeit hat sie im Hinblick auf Is 60, 1-6 und Ps 72, 10-11 (vgl. Epistel und Offertorium der Festmesse am 6. Jan.) zu Königen gemacht und den dreifachen Gaben entsprechend ihre Zahl auf drei festgelegt. Sie sind die ersten Christusverehrer aus der Heidenwelt und deuten an, daß Christi Reich katholisch, d. h. allumfassend sein werde, nicht auf Israel beschränkt. Als der König Herodes dies hörte, erschrak er und ganz Jerusalem mit ihm. Und er versammelte alle Oberpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Messias geboren werden sollte. Sie aber sprachen zu ihm: Zu Bethlehem in Judäa, denn so steht geschrieben beim Propheten: Und du Bethlehem im Lande Juda, bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird hervorgehen ein Fürst, der mein Volk Israel regieren soll (Mich 5, 2). Nun ließ Herodes die Weisen heimlich zu sich kommen und erforschte von ihnen genau, wann ihnen der Stern erschienen sei. Dann schickte er sie nach Bethlehem und sagte: Gehet hin und forschet genau nach dem Kinde, und wenn ihr es gefunden habt, so zeiget es mir an, damit auch ich komme, es anzubeten. Nachdem sie den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie beim Aufgehen gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Orte, wo das Kind war, ankam und stille stand. 10 Da sie aber den Stern sahen, hatten sie eine überaus große Freude. 11 Und sie gingen in das Haus, fanden das Kind mit Maria, seiner Mutter, fielen nieder und beteten es an. Sie taten auch ihre Schätze auf und brachten ihm Geschenke dar: Gold, Weihrauch und Myrrhe. 11: Die Magier fanden das Kind nicht mehr in der Krippe, sondern in dem Hause, in das die Heilige Familie nach der Darstellung Jesu im Tempel übergesiedelt war. 12 In einem Traumgesicht erhielten sie die Weisung, nicht mehr zu Herodes zurückzukehren; darum zogen sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.

 

Flucht nach Ägypten. 13 Als sie weggezogen waren, siehe, da erscheint ein Engel des Herrn dem Joseph im Traume und spricht: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten und bleibe dort, bis ich es dir sage. Denn Herodes hat im Sinne, das Kind suchen zu lassen um es zu töten. 14 Er stand auf, nahm das Kind und seine Mutter bei Nacht und zog fort nach Ägypten. 15 Und er blieb daselbst bis zum Tode des Herodes. So sollte sich erfüllen, was von dem Herrn durch den Propheten gesagt worden ist: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn berufen (Os 11, 1) 13-15: Joseph ist ein herrliches Vorbild des schweigenden und pünktlichen Gehorsams. Den echten Christen erkennt man weniger am Reden als am Tun.

 

Bethlehemitischer Kindermord. 16 Als Herodes sich von den Weisen hintergangen sah, wurde er sehr zornig und ließ in Bethlehem und der ganzen Umgebung alle Knäblein von zwei Jahren und darunter umbringen, nach der Zeit, die er von den Weisen erforscht hatte. 17 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremias: 18 Eine Stimme ward gehört zu Rama, großes Weinen und Wehklagen. Rachel beweint ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen, weil sie nicht mehr sind (Jer 31,15). 16-18 Wenn in Bethlehem und der Umgebung damals etwa 3000 Menschen lebten; so hat Herodes ungefähr 70-80 Kinder ermorden lassen. Rachels Grab am Wege von Bethlehem nach Jerusalem erinnerte den Evangelisten an die Worte des Propheten.

 

Rückkehr nach Nazareth. 19 Nachdem aber Herodes gestorben war, siehe, da erscheint ein Engel des Herrn im Traume dem Joseph in Ägypten 20 und spricht: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel; denn die dem Kinde nach dem Leben trachteten, sind gestorben. 21 Da stand er auf, nahm das Kind und seine Mutter und zog in das Land Israel. 22 Als er aber hörte, daß Archelaus an Stelle seines Vaters Herodes in Judäa regiere, fürchtete er sich, dorthin zu ziehen. Und nachdem er im Traume eine Weisung erhalten hatte, begab er sich in die Landschaft Galiläa. 19-22 Joseph dachte zunächst an die Niederlassung in Bethlehem, der Stadt seiner Ahnen.. 23 Dort angekommen, ließ er sich nieder in einer Stadt mit Namen Nazareth, damit erfüllt würde, was durch die Propheten gesagt ist: Er wird ein Nazarener heißen. .

 

Vorbereitung der öffentlichen Wirksamkeit

3 Johannes der Täufer. In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und predigte in der Wüste von Judäa also: Bekehrt euch, denn das Himmelreich ist nahe. 2: Wörtlich: „Denket um, denn das Königreich der Himmel ist herangenaht.“ Aufrichtige Gesinnungsänderung, Abkehr vom Irdischen und Hinkehr zum Ewigen tut not. „Reich der Himmel“ nennt Matthäus mit Vorliebe das messianische Reich Gottes, weil die Juden den Gebrauch des Namens Gottes zu vermeiden suchten. Dieses Reich beginnt hienieden, vollendet sich aber im Jenseits. Dieser ist es, von dem der Prophet Isaias geweissagt hat: Stimme eines Herolds in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht gerade seine Pfade (Is 40, 3). Johannes trug ein Kleid von Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften. Seine Nahrung aber waren Heuschrecken und wilder Honig. Da ging Jerusalem zu ihm hinaus und ganz Judäa, besonders die ganze Gegend am Jordan. Sie ließen sich von ihm taufen im Jordan und bekannten dabei ihre Sünden. Als er aber viele Pharisäer und Sadduzäer zu seiner Taufe kommen sah, sprach er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gelehrt, dem kommenden Zorne zu entgehen? So bringet denn würdige Früchte der Bekehrung! Maßet euch nicht an, bei euch zu sagen: Wir haben Abra­ham zum Vater; denn ich sage euch: Gott kann dem Abra­ham aus diesen Steinen hier Kinder erwecken. 10 Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt. Ein jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. 11 Ich taufe euch mit Wasser zur Bekehrung; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht würdig, ihm die Schuhe nachzutragen; dieser wird euch mit dem Heiligen Geiste und mit Feuer taufen. 12 Die Wurfschaufel hat er in seiner Hand und wird seine Tenne reinigen, den Weizen wird er in seine Scheune sammeln, die Spreu aber in unauslöschlichem Feuer verbrennen. 7-12: Der ernste Bußprediger durchschaut die selbstgerechten Pharisäer ebenso wie die freidenkerischen Sadduzäer. Jene pochten auf Rasse und Blut und auf die buchstäbliche Erfüllung des Gesetzes; diese glaubten an kein Fortleben der Seele. So meinten beide Parteien, das künftige Gottesgericht nicht fürchten zu müssen. Der Messias aber wird die Scheidung der Geister herbeiführen und jeden nach den Früchten seines Lebens beurteilen. 1-12: Vgl. Mk 1,2-8; Lk 3,1-18; Jo 1,19-28.

 

Taufe Jesu. 13 Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. 14 Doch Johannes wollte ihn abhalten und sagte: Ich habe nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir? 15 Jesus antwortete ihm: Laß es nur zu, denn so ziemt es uns, daß wir jegliche Gerechtigkeit erfüllen. Da gab er ihm nach. 16 Als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf; und siehe, der Himmel öffnete sich ihm, und er sah den Geist Gottes herabsteigen wie eine Taube und auf sich zukommen. 17 Und siehe, eine Stimme vom Himmel sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe. 13-17: Vgl. Mk 1,9-11; Lk 3,21-22. Nicht aus Schuldbewußtsein läßt Jesus sich taufen, sondern weil es zur „Gerechtigkeit“, zur vollen Erfüllung des göttlichen Willens gehörte, daß der Messias den Menschen bei allem Guten Vorbild war. Er will nicht unnötige Ausnahmen machen. Bei dieser feierlichen Einführung in sein messianisches Wirken tritt die ganze hochheilige Dreifaltigkeit in Erscheinung.

 

4 Fasten und Versuchung Jesu. Da wurde Jesus vom Geiste in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn zuletzt. Da trat der Versucher heran und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden. Er antwortete: Es steht geschrieben: Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt (5 Mos 8, 3). Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so stürze dich hinab; denn es steht geschrieben: Er hat seinen Engeln deinetwegen befohlen, daß sie dich auf den Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest (Ps 91, 11 f). Jesus entgegnete ihm: Es steht auch geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht versuchen (5 Mos 6, 16). Wieder nahm ihn der Teufel mit auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weiche, Satan! Denn es steht geschrieben: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen (5 Mos 6 13). 11 Alsdann verließ ihn der Teufel, und siehe, Engel traten herzu und bedienten ihn. 1-11 Vgl. Mk 1,12-13, Lk 4,1-13. Nur von außen her konnte Christus versucht werden. Der Teufel will ihn unter geschickter Ausnutzung der irdisch-nationalen Messias­erwartungen der Juden vom opfervollen Weg des Erlöserberufes ablenken. Jesus lehnte jeden Kompromiß mit dem Zeitgeist ab und duldet keinen Mißbrauch der Bibel. Er lehrt uns durch sein Beispiel, wie wir selbst die Versuchung zur Sünde abwehren sollen.

 

Jesus in Galiläa

Jesus in Kapharnaum 12 Als Jesus gehört hatte, daß Johannes eingekerkert sei, zog er sich zurück nach Galiläa. 13 Er verließ [die Stadt] Nazareth und kam nach Kapharnaum am See, im Gebiet von Zabulon und Nephthalim, und nahm dort Wohnung. 14 So sollte sich das Wort des Propheten Isaias erfüllen: 15 Das Land Zabulon und das Land Nephthalim, das zum See hin liegt, jenseits vom Jordan, das heidnische Galiläa, 16 das Volk, das im Finstern sitzt, sah ein großes Licht, und denen, die im Lande des Todesschattens sitzen, ist ein Licht aufgegangen (Is 8, 23; 9, 1. 2). 17 Von dieser Zeit an begann Jesus öffentlich zu lehren mit den Worten: Bekehrt euch, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 12-17 Kapharnaum wird der Leuchter, von dem das Licht des Messias weit ins dunkle Land hinausstrahlt.

 

Die ersten Jünger. 18 Als Jesus am galiläischen See hinwandelte, sah er zwei Brüder, den Simon, der Petrus genannt wird, und dessen Bruder Andreas, wie sie das Netz in den See auswarfen; denn sie waren Fischer. 19 Er sprach zu ihnen: Folget mir nach, und ich will euch zu Menschenfischern machen. 20 Sie verließen sogleich ihre Netze und folgten ihm. 21 Von da ging er weiter und sah zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes, wie sie im Schifflein mit ihrem Vater Zebedäus die Netze ausbesserten. Und er berief auch sie. 22 Sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten ihm nach. 18-22: Vgl. Mk 1,16-20; Lk 5,1-11.

 

Jesus als Lehrer und Heiland 23 Jesus zog nun in ganz Galiläa umher, lehrte in ihren Synagogen, verkündete die Frohbotschaft vom Reiche und heilte alle Krankheit und jedes Gebrechen unter dem Volke. 24 Und sein Ruf verbreitete sich über ganz Syrien, und man brachte zu ihm alle Leidenden mit allerlei Krankheiten und Plagen. Besessene, Mondsüchtige, Gelähmte, und er heilte sie. 25 Und es begleiteten ihn große Scharen aus Galiläa, aus den Zehn-Städten, aus Jerusalem, aus Judäa und aus der Gegend jenseits des Jordan. 23-25: Vgl. Mk 1, 39; Lk 4, 15. 44 Apg 10, 38. Jesu Lehre ist „Evangelium“, gute Mär, Frohbotschaft vom Gottesreich. Seine Religion fordert viel, gibt aber auch edelste Freude.

 

Die Bergpredigt

5 Die acht Seligkeiten. Als er aber die Volksscharen sah, stieg er auf den Berg. Als er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm. Und er tat seinen Mund auf und lehrte sie also: Selig sind die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Land besitzen. Selig sind, die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Kap. 5-7: Vgl. Lk 6, 20-49. Die Bergpredigt gehört zu den wichtigsten Abschnitten des Neuen Testaments. Matthäus gibt darin in gedrängter Zusammenfassung und Auswahl die Gedanken wieder, die Jesus seinen Jüngern und dem Volke in längeren Ausführungen vorgetragen hat. Einiges hat der Evangelist aus anderem Zusammenhang eingefügt. Selig sind, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott anschauen. Selig sind die Friedensstifter; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. 10 Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen; denn ihrer ist das Himmelreich. 11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen und alles Böse fälschlich wider euch aussagen um meinetwillen. 12 Freuet euch und frohlocket, denn euer Lohn ist groß im Himmel. Denn so haben sie auch die Propheten vor euch verfolgt. 1-12: Vgl. Lk 6,20-26.

 

Ermahnungen an die Jünger. 13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz seine Kraft verliert, womit soll man dann salzen? Es taugt zu nichts mehr, als daß es hinausgeworfen und von den Leuten zertreten werde. 14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben. 15 Auch zündet man ein Licht nicht an, um es unter den Scheffel zu stellen, sondern auf den Leuchter, damit es allen leuchte im Hause. 16 So leuchte euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. 13-16: Vgl. Mk 9,50; 4,21; Lk 14,34-35; 8,16; 11, 33. Christusjünger sollen mit dem Salz übernatürlicher Werte andere vor sittlicher Fäulnis bewahren, ihnen aber nicht das Leben versalzen. Ihr Licht soll leuchten, nicht blenden.

 

Jesus und das alte Gesetz. 17 Glaubet nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, aufzuheben, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, wird nicht ein Strichlein oder ein Häkchen vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. 19 Wer also eins von diesen geringsten Geboten auflöst und so die Menschen lehrt, der wird der Geringste heißen im Himmelreich. Wer aber es befolgt und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. 20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht vollkommener sein wird als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen. 17-20: Vgl. Lk 16, 17. Die alttestamentliche Offenbarung hat im Neuen Testament ihre Geltung nicht verloren, sondern ihre Vollendung gefunden. Wer sie ablehnt, trennt Krone und Stamm von der Wurzel.

 

Vom fünften Gebot. 21 Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll dem Gerichte verfallen sein. 22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, der wird des Gerichtes schuldig sein. Wer aber zu seinem Bruder sagt: Dummkopf, wird dem Hohen Rate verfallen sein. Wer jedoch sagt: Du Narr, wird dem höllischen Feuer verfallen sein. 23 Wenn du also deine Gabe zum Altare bringst und dich dort erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so laß deine Gabe dort vor dem Altare und geh hin und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe. 25 Versöhne dich mit deinem Widersacher ohne Verzug, solange du mit ihm auf dem Wege bist, damit dich nicht der Widersacher dem Richter übergebe und der Richter dem Gerichtsdiener, und du in den Kerker geworfen werdest. 26 Wahrlich, ich sage dir: Du wirst von da nicht herauskommen, bis du den letzten Heller bezahlt hast. 21-26: Vgl. Lk 12, 57-59. An sechs Beispielen zeigt Jesus mit gesetzgebender Vollmacht, daß im Neuen Bund das Gottesgesetz in seinem wahren ursprünglichen Sinn zu beobachten ist (21-48). Er fordert eine Religion der Gesinnung und Tat.

 

Vom sechsten Gebot. 27 Ihr habt gehört, daß [zu den Alten] gesagt worden ist: Du sollst nicht ehebrechen. 28 Ich aber sage euch: Jeder, der ein Weib lüstern ansieht, der hat schon Ehebruch mit ihr begangen in seinem Herzen. 29 Wenn dein rechtes Auge dir Ärgernis gibt, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder verlorengehe, als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde. 30 Und wenn deine rechte Hand dir Ärgernis gibt, so haue sie ab und wirf sie von dir; denn es ist für dich besser, daß eines deiner Glieder verlorengehe, als daß dein ganzer Leib in die Hölle fahre. 27-30 Wer die schlechte Tat meiden will, muß die Begierde zügeln. Die ungeordnete Begierde reizt zum lüsternen Blick; der lüsterne Blick stachelt zur bösen Tat an. 31 Es ist ferner gesagt worden: Wer sein Weib entlassen will, der soll ihr einen Scheidebrief geben. 32 Ich aber sage euch: Jeder, der sein Weib entläßt, abgesehen vom Fall der Unzucht, macht, daß sie die Ehe bricht; und wer eine Entlassene zur Ehe nimmt, bricht die Ehe. 31-32 Vgl. Lk 16, 18. Die Religion Jesu läßt unter keinen Umständen nach gültig geschlossener und vollzogener Ehe eine Wiederverheiratung zu Lebzeiten beider Ehegatten zu, auch nicht bei Ehebruch. Das ist der wirksamste Schutz der Familie und der Frauenwürde. Unter bestimmten Voraussetzungen kann es erlaubt werden, daß die Ehegatten voneinander getrennt leben. Das Band ihrer Ehe aber bleibt bestehen. Nur der Tod vermag es zu lösen

 

Vom Eide. 33 Wiederum habt ihr gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht falsch schwören, sondern du sollst dem Herrn halten, was du geschworen hast. 34 Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören, weder bei dem Himmel, weil er der Thron Gottes ist, 35 noch bei der Erde, weil sie der Schemel seiner Füße ist, noch bei Jerusalem, weil es die Stadt des großen Königs ist. 36 Auch bei deinem Haupte sollst du nicht schwören, weil du nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz machen kannst. 37 Euer Jawort sei vielmehr ein Ja, euer Nein ein Nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen. 33-37 Der Eid bleibt erlaubt. Jesus selber hat vor Gericht geschworen (Mt 26, 63-64). Wo aber die innere und äußere Wahrhaftigkeit herrscht, wie er sie fordert, ist kein Eid mehr nötig.

 

Wiedervergeltung. 38 Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Aug um Aug, Zahn um Zahn. 39 Ich aber sage euch: Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen, sondern wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin. 40 Und will jemand mit dir vor Gericht streiten und dir deinen Rock nehmen, so laß ihm auch den Mantel. 41 Und wer dich nötigt, eine Meile mitzugehen, mit dem mache einen Weg von zwei. 42 Wer dich um etwas bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, von dem wende dich nicht ab. 38-42 Vgl. Lk 6,29-30. Wir dürfen unser Recht suchen (vgl. Jo 18,22-23) Höher jedoch als kaltes Recht steht die Bruderliebe.

 

Versöhnlichkeit. 43 Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 43-48: Vgl. Lk 6,27-28. 32-36. Das Gebot, den Feind zu hassen, hatten die Gesetzeslehrer widerrechtlich beigefügt. Feindesliebe ist nicht charakterlose Schwäche, sondern heldische Seelenkraft und Nachahmung des göttlichen Vorbildes. 44 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; [tut Gutes denen, die euch hassen,] und betet für die, welche euch verfolgen [und verleumden], 45 auf daß ihr Kinder eures Vaters im Himmel seid, der seine Sonne über Gute und Böse aufgehen und über Gerechte und Ungerechte regnen läßt. 46 Wenn ihr nämlich nur die liebet, welche euch lieben, was sollt ihr da für einen Lohn haben? Tun dies nicht auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßet, was tut ihr da Besonderes? Tun dies nicht auch die Heiden? 48 Ihr also sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. .

 

6 Almosengeben. Habet acht, daß ihr eure Gerechtigkeit nicht übet vor den Menschen, um von ihnen gesehen zu werden, sonst habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du daher Almosen gibst, so laß es nicht vor dir herposaunen wie die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon empfangen. Wenn du aber Almosen gibst, so soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut, damit dein Almosen im Verborgenen bleibe, und dein Vater, der es im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten. 1-4 Stilles Wohltun aus Gottesliebe leistet auf die Dauer am meisten, weil es aus inneren Quellen fließt, nicht aus verkappter Selbstsucht oder Zwang.

 

Vom Gebet. Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken herumstehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon empfangen. Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Türe und bete zu deinem Vater im Verborgenen, und dein Vater, der es im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten. Wenn ihr aber betet, so sollt ihr nicht plappern wie die Heiden. Denn diese meinen, erhört zu werden, wenn sie viele Worte machen. Macht es also nicht wie sie. Euer Vater weiß ja schon, was ihr brauchet, ehe ihr ihn bittet. Ihr aber sollt also beten: Vater unser, der du bist in dem Himmel! Geheiligt werde dein Name. 10 Zu uns komme dein Reich. Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. [Amen.]

 

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch [eure Sünden] vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Sünden auch nicht vergeben. 5-15: Vgl. Lk 11,1-4. Nicht das öffentliche Bekenntnis des Glaubens noch das gemeinsame Beten tadelt Jesus, sondern die eitle Schaustellung. Im Vaterunser hat er uns das herrlichste Gemeinschaftsgebet gelehrt. Wer zu stolz ist, um mit andern zusammen zu Gott zu beten, wird es auch bald nicht mehr in stiller Kammer allein tun.

 

Vom Fasten. 16 Wenn ihr fastet, so sollt ihr nicht trübselig dreinschauen wie die Heuchler. Sie entstellen ihr Angesicht, damit die Leute sehen, daß sie fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon empfangen. 17 Du aber, wenn du fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, 18 damit die Leute nicht sehen, daß du fastest, sondern nur dein Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der es im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten. 16-18 Jesus setzt voraus, daß wir fasten; aber wir sollen es in rechter Meinung tun.

 

Vom rechten Schätzesammeln. 19 Sammelt euch keine Schätze auf Erden, wo sie Motte und Rost (Wurm) verzehren, und wo Diebe einbrechen und stehlen, 20 sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo sie weder Motte noch Rost (Wurm) verzehren, und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen. 21 Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. 22 Die Leuchte deines Leibes ist dein Auge. Ist dein Auge gesund, so wird dein ganzer Leib licht sein; 23 ist aber dein Auge krank, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun aber das Licht in dir Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein! 19-23: Vgl. Lk 12,33-34; 11,34-36. Was das Auge für den Leib bedeutet, das ist die reine Gesinnung im religiösen Leben.

 

Unnützes Sorgen. 24 Niemand kann zwei Herren dienen; denn er wird den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. 25 Darum sage ich euch: Sorget nicht ängstlich für euer Leben, was ihr essen werdet, noch für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist das Leben nicht mehr als die Speise, und der Leib nicht mehr als die Kleidung? 26 Seht hin auf die Vögel des Himmels; sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen, und euer himmlischer Vater ernähret sie. Seid ihr nicht viel mehr als sie? 27 Wer unter euch kann mit seinen Sorgen seiner Lebenslänge auch nur eine Elle zusetzen? 28 Und warum sorget ihr ängstlich für die Kleidung? Betrachtet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht und spinnen nicht, 29 und doch sage ich euch: Selbst Salomon in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen. 30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Felde, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, also kleidet, wieviel mehr euch, ihr Kleingläubigen? 31 Sorget euch also nicht ängstlich und saget nicht: Was werden wir essen, was werden wir trinken, was werden wir anziehen? 32 Denn nach all dem trachten die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß ja doch, daß ihr dies alles brauchet. 33 Suchet also zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch dazugegeben werden. 34 Sorget darum nicht ängstlich für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner Plage. 24-34: Vgl. Lk 16,13; 12,22-31. Jeder ist vor die Entscheidung gestellt, ob er Gott dienen will oder nicht. Geht er im Diesseits auf, so wird das Geld sein Götze. Sorglosigkeit um Irdisches darf aber nicht aus Bequemlichkeit entspringen. Wer sich um sein Fortkommen plagt, als komme alles auf ihn an, dabei aber kindlich auf Gott vertraut, als hänge alles von dessen Hilfe ab, bleibt innerlich frei und froh. .

 

7 Warnung vor freventlichem Urteil. Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit dem Urteil, mit dem ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in dem Auge deines Bruders, und den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie magst du zu deinem Bruder sagen: Laß mich den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, in deinem Auge ist ein Balken? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und dann sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest. 1-5: Vgl. Lk 6,37-38. 41-42. Der Pharisäergeist, den Jesus hier geißelt, ist unter Christen doppelt häßlich. Niemand soll glauben, er sei fromm, wenn er lieblos ist im Urteil über andere.

 

Ehrfurcht und Selbstachtung. Gebet das Heilige nicht den Hunden und werfet eure Perlen nicht den Schweinen vor, damit sie nicht etwa mit ihren Füßen sie zertreten, sich umkehren und euch zerreißen. 6: Zur Religion gehört Ehrfurcht und Selbstachtung. Unfähigkeit, das Heilige zu achten, steht oft im Bunde mit Gehässigkeit gegen jede Religion und ihre Vertreter.

 

Vom Beten. Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; wer anklopft, dem wird aufgetan werden. Oder ist wohl ein Mensch unter euch, der seinem Sohne, wenn er um Brot bittet, einen Stein gäbe? 10 Oder, wenn er um einen Fisch bittet, wird er ihm eine Schlange darreichen? 11 Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten! 7-11: Vgl. Lk 11,9-13. Wozu die eigene Kraft nicht ausreicht, das sollen wir in demütigem Gebet erflehen. 12 Alles also, was ihr von den Leuten erwartet, das sollt ihr ihnen ebenso tun; denn das ist das Gesetz und die Propheten. 12: Vgl. Lk 6,31. Das ist mehr, als wenn einer dem andern das nicht antut, was ihm selber unangenehm wäre. Diese „goldene Lebensregel“ faßt kurz zusammen, was das Alte Testament von den Pflichten der Nächstenliebe sagt.

 

Von den zwei Wegen. 13 Gehet ein durch die enge Pforte, denn weit ist das Tor und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind es, die da hineingehen. 14 Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und nur wenige sind es, die ihn finden.

 

Falsche Propheten. 15 Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind. 16 An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Sammelt man denn Trauben von Dornen oder Feigen von Disteln? 17 So bringt jeder gute Baum gute Früchte, der schlechte Baum aber bringt schlechte Früchte. 18 Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein schlechter Baum kann nicht gute Früchte bringen. 19 Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. 20 An ihren Früchten also werdet ihr sie erkennen. 13-20: Vgl. Lk 13,24; 6,43-45. Wer den rechten Weg zum ewigen Glück finden will, darf nicht mit der Masse laufen, die meist opferscheu ist, und darf sich keinen Führern anvertrauen, die anders handeln als reden.

 

Kennzeichen des wahren Christen. 21 Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut [der wird in das Himmelreich eingehen]. 22 Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen prophetisch geredet? Haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Wunder gewirkt? 23 Alsdann werde ich ihnen offen erklären: Niemals habe ich euch gekannt! Weichet von mir, ihr Übeltäter! 24 Jeder also, der diese meine Worte hört und sie befolgt, ist gleich einem weisen Manne, der sein Haus auf einen Felsen gebaut hat. 25 Da fiel der Platzregen, es kamen die Ströme, es bliesen die Winde und stürmten ein auf jenes Haus, aber es fiel nicht zusammen, denn es war auf dem Felsen gegründet. 26 Wer diese meine Worte hört und sie nicht befolgt, der gleicht einem törichten Manne, der sein Haus auf den Sand gebaut hat. 27 Da fiel der Platzregen, es kamen die Ströme, es bliesen die Winde und stießen an jenes Haus, und es stürzte ein, und sein Fall war groß.

28 Und es geschah, als Jesus diese Reden vollendet hatte, da staunten die Volksscharen über seine Lehre; 29 denn er lehrte sie wie einer, der Macht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten [und Pharisäer]. 21-29: Vgl. Lk 6,46-49; 13,26-27. Nicht aufs fromme Reden kommt es an, sondern auf das Leben nach Gottes Gebot. Ohne dies nutzt einem sogar die Wunderkraft nichts.

 

Jesus, der große Wundertäter

8 Heilung des Aussätzigen. Als Jesus vom Berge herabstieg, folgten ihm große Volksmassen. Und siehe, ein Aussätziger kam, fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen. Jesus streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will, werde rein! Und sogleich wurde sein Aussatz rein. Jesus sprach zu ihm: Sieh zu, daß du es niemandem sagest; geh vielmehr hin, zeige dich dem Priester und opfere die Gabe, die Moses befohlen hat, ihnen zum Zeugnisse (3 Mos 14, 2). 1-4: Vgl. Mk 1,40-44, Lk 5,12-14.

 

Heilung des kranken Knechtes. Als er aber in Kapharnaum eingezogen war, trat ein Hauptmann zu ihm und bat ihn: Herr, mein Knecht liegt zu Hause gelähmt und leidet arge Schmerzen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete: O Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehest unter mein Dach aber sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Wenn ich auch nur ein Mensch und der Obrigkeit unterworfen bin, so habe ich doch Soldaten unter mir. Und sage ich zu einem: Geh, so geht er, und zu einem andern: Komm, so kommt er, und zu meinem Knechte: Tu das, so tut er's. 10 Da Jesus das hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm folgten: Wahrlich, ich sage euch, solch großen Glauben habe ich in Israel bei niemand gefunden. 11 Ich sage euch aber: Viele werden vom Osten und Westen kommen und mit Abra­ham, Isaak und Jakob im Himmelreiche zu Tische sitzen; 12 die Kinder des Reiches aber werden hinausgeworfen in die Finsternis draußen; da wird Heulen und Zähneknirschen sein. 13 Dann sprach Jesus zu dem Hauptmann: Gehe hin, wie du geglaubt hast, so soll dir geschehen. Und zur selben Stunde ward der Knecht gesund. 5-13: Vgl. Lk 7,1-10. Der heidnische Hauptmann findet in demütigem Glauben den Weg zum Gottesreich, die auf ihre Rassenvorzüge pochenden Juden dagegen werden ausgeschlossen. Die Sorge um seinen Knecht und das Verhältnis zu seinen Untergebenen sind vorbildlich.

 

Heilung der Schwiegermutter des Petrus. 14 Als Jesus in das Haus des Petrus kam, sah er dessen Schwiegermutter fieberkrank darniederliegen. 15 Er nahm sie bei der Hand, und das Fieber verließ sie, sie stand auf und bediente ihn. 16 Als es aber Abend geworden war, brachte man zu ihm viele Besessene, und er trieb die Geister aus durch sein Wort und machte alle Kranken gesund. 17 So sollte in Erfüllung gehen, was durch den Propheten Isaias gesagt ist: Er hat unsere Gebrechen auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen (Is 53, 4). 14-17: Vgl. Mk 1,29-34 Lk 4,38-41.

 

Erfordernisse der Nachfolge Christi. 18 Als Jesus viel Volk um sich her sah, befahl er, ans andere Ufer zu fahren. 19 Da trat ein Schriftgelehrter hinzu und sprach zu ihm: Meister, ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst. 20 Jesus erwiderte ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wohin er sein Haupt lege. 21 Ein anderer, einer seiner Jünger, sprach zu ihm: Herr, laß mich zuvor hingehen und meinen Vater begraben. 22 Jesus entgegnete ihm: Folge mir nach und laß die Toten ihre Toten begraben. 18-22: Vgl. Lk 9,57-62. Die Nachfolge Christi fordert Heldensinnn. Weichliche und unentschlossene Charaktere taugen nicht dazu.

 

Der Sturm auf dem Meere. 23 Als er in das Schifflein stieg, folgten ihm seine Jünger. 24 Und siehe, es erhob sich ein großer Sturm auf dem See, so daß das Schifflein von den Wellen bedeckt wurde. Er aber schlief. 25 Da traten sie zu ihm, weckten ihn und riefen: Herr, rette uns, wir gehen zugrunde! 26 Jesus sprach zu ihnen: Was seid ihr furchtsam, ihr Kleingläubigen? Dann stand er auf, gebot den Winden und dem See, und es ward große Windstille. 27 Die Leute aber staunten und sprachen: Wer ist doch dieser, daß ihm sogar die Winde und das Meer gehorchen? 23-27: Vgl. Mk 4,35-41; Lk 8,22-25.

Die Besessenen. 28 Als er über den See in das Gebiet der Gerasener gekommen war, liefen ihm zwei Besessene entgegen, die kamen aus den Grabhöhlen und waren überaus wild, so daß niemand auf jenem Wege vorbeigehen konnte. 29 Und siehe, sie schrien: [Jesus,] Sohn Gottes, was willst du von uns? Bist du hierher gekommen, uns vor der Zeit zu quälen? 30 Es war aber nicht weit von ihnen eine große Schweineherde auf der Weide. 31 Und die bösen Geister baten ihn: Wenn du uns von da austreibst, so laß uns in die Schweineherde fahren. 32 Er antwortete ihnen: Fahret hin! Sie fuhren aus und fuhren in die Schweine und siehe, die ganze Herde stürmte den Abhang hinab in den See und kam im Wasser um. 33 Die Hirten aber flohen und erzählten in der Stadt alles, auch das, was sich mit den Besessenen zugetragen hatte. 34 Und siehe, die ganze Stadt zog hinaus, Jesus entgegen; und als sie ihn sahen, baten sie ihn, er möge sich entfernen aus ihrem Gebiet. 34: Die Heilung ihrer Mitbürger hätte den Gerasenern den Verlust der Schweineherde aufwiegen und sie zum Glauben führen müssen; aber dem Diesseitsmenschen sind ein paar Schweine mehr wert als die Güter der Übernatur. 28-34: Vgl. Mk 5,1-20; Lk 8,26-39. Besessenheit ist keine Nervenkrankheit, sondern Besitzergreifung der physischen und psychischen Kräfte eines Menschen durch den Teufel, so daß der Teufel wie ein zweites Ich von den Organen und Fähigkeiten des Besessenen auch gegen dessen Willen Gebrauch macht oder ihre normalen Funktionen stört. Sie ist an und für sich unabhängig vom sittlichen Zustand des Menschen. Zur Zeit Jesu trat diese Erscheinung häufiger auf, kommt aber auch heute noch vor. Die Macht Jesu über die bösen Geister war ein besonders wirksamer Beweis seiner göttlichen Sendung (Mt 12, 28).

 

9 Heilung eines Gelähmten. Hierauf stieg er in das Schifflein, fuhr über und kam in seine Stadt. Siehe, da brachte man zu ihm einen Gelähmten, der auf einem Bette lag. Da Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei getrost, mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben. Siehe, einige der Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Der lästert Gott. Da Jesus ihre Gedanken durchschaute, sprach er: Warum denket ihr Böses in euren Herzen? Was ist leichter zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben, oder zu sagen: Steh auf und wandle? 5: Beides mit Erfolg zu sagen, erfordert göttliche Macht, aber bei dem einen läßt sich die Wirkung kontrollieren. Damit ihr aber wißt, daß der Menschensohn Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben — da sprach er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause. Und er stand auf und ging nach Hause. Als aber die Volksscharen dies sahen, wurden sie von der Furcht ergriffen und priesen Gott, der solche Macht den Menschen gegeben. 1-8: Vgl. Mk 2,1-12, Lk 5,17-26.

 

Berufung des Matthäus. Als Jesus von da wegging, sah er einen Mann an der Zollstätte sitzen, mit Namen Matthäus. Er sprach zu ihm: Folge mir nach! Da stand dieser auf und folgte ihm. 10 Und es begab sich, als er im Hause zu Tische saß, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und setzten sich mit Jesus und seinen Jüngern zu Tische. 11 Da die Pharisäer dies sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Warum ißt euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? 12 Jesus, der dies hörte, sprach: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 13 Gehet hin und lernet, was das heißt: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer; denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder. 13: Ohne barmherzige Liebe sind Opfer wertlos. Die Gerechten bedürfen keiner besonderen Einladung. 9-13: Vgl. Mk 2,13-17; Lk 5,27-32.

 

Fasten. 14 Hierauf traten die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer [so viel], deine Jünger aber fasten nicht? 15 Jesus antwortete ihnen: Können denn die Hochzeitsleute trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen wird, alsdann werden sie fasten. 16 Niemand aber setzt einen Lappen aus ungewalktem Tuch auf ein altes Kleid. Denn der Fleck reißt vom Kleide ab, und der Riß wird schlimmer. 17 Auch gießt man nicht neuen Wein in alte Schläuche, sonst zerreißen die Schläuche, und der Wein läuft aus, und die Schläuche gehen zugrunde. Vielmehr füllt man neuen Wein in neue Schläuche, dann bleibt beides erhalten. 14-17: Vgl. Mk 2,18-22; Lk 5,33-39. Das neue Tuch und der neue Wein bedeuten die Lehre des Erlösers, das alte Kleid und die alten Schläuche bedeuten die pharisäischen Gesetzesauslegungen, die mit der neuen Lehre nicht mehr vereinbar sind. Daß Jesus nicht das Fasten als solches verurteilt, beweist sein eigenes Fasten. Echte Frömmigkeit schafft zwischen Christus und den Gläubigen ein Verhältnis beglückender Liebe und Freude wie zwischen Bräutigam und Braut.

 

Heilung der Blutflüssigen und Erweckung der Tochter des Jairus. 18 Während er so zu ihnen redete, siehe, da trat ein Vorsteher herzu, fiel ihm zu Füßen und sprach: [Herr,] meine Tochter ist eben zum Sterben gekommen. Aber komme doch, leg ihr die Hand auf, so wird sie leben. 19 Jesus erhob sich und folgte ihm mit seinen Jüngern. 20 Und siehe, eine Frau, die seit zwölf Jahren am Blutflusse litt, trat von hinten hinzu und berührte die Quaste seines Gewandes. 21 Denn sie dachte: Wenn ich nur sein Gewand berühre, so werde ich gesund. 22 Jesus aber wandte sich um, sah sie und sprach: Tochter sei getrost, dein Glaube hat dir geholfen! Und die Frau ward gesund von jener Stunde an. 23 Als Jesus in das Haus des Vorstehers kam und dort die Flötenspieler und die lärmende Menge sah, 23: Lärmende Totenklage galt als Zeichen großer Trauer. 24 sprach er: Geht fort! Denn das Mädchen ist nicht tot, sondern schläft. Da verlachten sie ihn. 25 Nachdem die Menge hinausgeschafft war, trat er ein, nahm es bei der Hand, und das Mädchen stand auf. 26 Die Kunde hiervon verbreitete sich in jener ganzen Gegend. 18-26: Vgl. Mk 5, 21-43; Lk 8,40-56. Mit Demut und Vertrauen bittet der Vater für sein einziges Kind.

 

Heilung zweier Blinden und eines Besessenen. 27 Als Jesus von da weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die schrien: Erbarme dich unser, Sohn Davids! 28 Da er in das Haus gekommen war, traten die Blinden zu ihm, und Jesus sprach zu ihnen: Glaubet ihr, daß ich dies tun kann? Sie sprachen zu ihm: Ja, Herr! 28 „Sohn Davids“ ist einer der gebräuchlichsten Titel für den Messias. 29 Da berührte er ihre Augen und sprach: Nach eurem Glauben geschehe euch! 30 Und ihre Augen öffneten sich. Jesus aber gebot ihnen strenge: Sehet zu, daß es niemand erfahre! 30 Jesus hat nie Wert darauf gelegt, auf die Massen Eindruck zu machen. 31 Sie aber gingen hinaus und verbreiteten die Kunde von ihm in jener ganzen Gegend. 32 Nachdem sie fort waren, siehe, da brachte man zu ihm einen Stummen, der besessen war. 33 Und da der böse Geist ausgetrieben war, redete der Stumme. Die Volksscharen riefen voll Staunen: Noch nie ist so etwas vorgekommen in Israel! 34 Die Pharisäer aber sagten: Durch den obersten der Teufel treibt er die Teufel aus!

 

Rückblick auf Jesu Wirken. 35 Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete die Frohbotschaft vom Reiche und heilte alle Krankheiten und Gebrechen. 36 Als er aber die Volksscharen sah, empfand er Mitleid mit ihnen. Denn sie waren abgehetzt und ganz verwahrlost, wie Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Dann sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist zwar groß, aber der Arbeiter sind wenige. 38 Bittet daher den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende).

 

Aussendung der Apostel 10 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Gewalt, die unreinen Geister auszutreiben und jede Krankheit und jedes Gebrechen zu heilen. Die Namen der zwölf Apostel aber sind: Der erste Simon, der Petrus genannt wird, und sein Bruder Andreas; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes; 2: Petrus ist bereits der Führer des Jüngerkreises Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; Simon der Eiferer, und Judas Iskariot, der sein Verräter wurde. Diese zwölf sandte Jesus aus mit dem Auftrag: Auf einen Weg zu den Heiden gehet nicht und eine Samariterstadt betretet nicht. Vielmehr gehet zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. 5-6: Später hat Jesus die Heidenmission ausdrücklich befohlen (Mt 28, 19). Zunächst sollte den Israeliten das Heil angeboten werden. Gehet hin und predigt: Das Himmelreich ist nahe! Heilet Kranke, wecket Tote auf, macht Aussätzige rein, treibet böse Geister aus. Umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebet! Verschafft euch nicht Gold noch Silber noch Kupfergeld in eure Gürtel, 10 auch keine Reisetasche, keine zwei Röcke, keine Schuhe, keinen Stab, denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert. 10: Während hier und Lk 9,3 der Stab verboten ist, ist die Mitnahme nach Mk 6,8 ausdrücklich erlaubt. Der gewöhnliche Wanderstab zum Schutz und zur Stütze war erlaubt, aber nicht der vielfach übliche überflüssige Zierstab. 11 Wenn ihr in eine Stadt oder in ein Dorf kommet, so fraget, wer darin würdig sei; dort bleibet, bis ihr weiter geht. 12 Wenn ihr aber das Haus betretet, grüßet es [mit den Worten: Friede diesem Hause]! 13 Und ist das Haus würdig, so wird euer Friede darauf kommen; ist es aber nicht würdig, so wird euer Friede auf euch zurückkehren. 14 Wo man euch nicht aufnimmt und auf eure Worte nicht hört, da gehet hinaus aus dem Hause oder der Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. 15 Wahrlich, ich sage euch: Es wird dem Lande Sodoma und Gomorrha am Tage des Gerichtes erträglicher ergehen als einer solchen Stadt. 1-15: Vgl. Mk 3,13-19; Lk 6,12-16; Mk 6,7-13; Lk 9,1-6.

 

Voraussage der Verfolgung. 16 Sehet, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe. Seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben! 17 Nehmet euch in acht vor den Menschen. Denn sie werden euch den Gerichten ausliefern und in ihren Synagogen euch geißeln. 18 Und vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinet willen, um vor ihnen und den Heiden Zeugnis zu geben. 19 Wenn sie euch ausliefern, so macht euch keine Sorge, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. 20 Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eures Vaters redet durch euch. 19-20: Vgl. Mk 13 11, Lk 12, 11-12. 21 Es wird aber der Bruder den Bruder in den Tod liefern und der Vater das Kind; und Kinder werden sich auflehnen gegen die Eltern und sie in den Tod bringen. 22 Ihr werdet gehaßt sein von allen um meines Namens willen. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden. 23 Wenn man euch verfolgt in dieser Stadt, fliehet in eine andere. Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet noch nicht fertig sein mit den Städten Israels, bis der Menschensohn kommt. 24 Der Jünger steht nicht über dem Meister und der Knecht nicht über seinem Herrn. 25 Der Jünger muß zufrieden sein, wenn er wird wie sein Meister, und der Knecht, wenn er wird wie sein Herr. Haben sie den Hausvater Beelzebul geheißen, wieviel mehr seine Hausgenossen! 16-25: Vgl. Mt 24,9-14; Mk 13,9-13; Lk 21,12-19. Die Zugehörigkeit zu Christus fordert Bekennermut.

 

Vertrauen und Ausdauer. 26 Fürchtet sie also nicht! Denn nichts ist verborgen, das nicht offenbar, und nichts geheim, das nicht bekannt werden wird. 27 Was ich euch im Finstern sage, das saget im Lichte, und was euch ins Ohr geflüstert wird, das verkündet auf den Dächern. 27: Auf den flachen Dächern wurden Neuigkeiten verkündet. 28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber die Seele nicht töten können. Fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib in der Hölle zu verderben vermag. 29 Verkauft man denn nicht zwei Sperlinge um ein paar Pfennige? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar alle Haare des Hauptes gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht. Ihr seid mehr wert als viele Sperlinge. 32 Jeder nun, der sich zu mir bekennt vor den Menschen, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel. 24-33 Vgl. Lk 6, 40: 12, 1-9 34 Glaubet nicht, daß ich gekommen bin, Frieden auf die Erde zu bringen! 35 Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert! Ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter, die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. 36 Und die Feinde des Menschen werden seine Hausgenossen sein. 37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. 38 Und wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. 39 Wer sein Leben findet, wird es verlieren; und wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. 40 Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. 41 Wer einen Propheten aufnimmt, weil er Prophet ist, wird Prophetenlohn empfangen; und wer einen Gerechten aufnimmt wegen seiner Gerechtigkeit, wird den Lohn eines Gerechten empfangen. 42 Und wer einem von diesen Kleinen nur einen Becher frischen Wassers zu trinken reicht wegen seines Jüngernamens, wahrlich, ich sage euch: Er wird seinen Lohn nicht verlieren. 34-42: Vgl., Lk 12,51-53; 14,25-27; 10, 16; Mk 9,41. Jesus fordert seine Jünger auf, den Frieden mit Gott und der Kirche höher zu stellen als den Frieden mit den Anverwandten, seine Nachfolge höher als die Furcht vor Schmerz und Tod, das Leben der Seele höher als das des Leibes. Er will keinen Unfrieden in die Familie bringen, der aus Lieblosigkeit und Eigennutz entsteht; er will aber auch keinen faulen Frieden unter Verletzung der Gewissenspflicht.

 

Widerspruch gegen Jesus

11 Jesus und der Täufer. Als Jesus die Unterweisung an seine zwölf Jünger vollendet hatte, ging er von da weg, um in ihren (der Galiläer) Städten zu lehren und zu predigen. Johannes aber hörte im Gefängnis von den Taten des Messias und sandte [zwei] von seinen Jüngern und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete ihnen: Gehet hin und meldet dem Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird die Heilsbotschaft verkündet (Is 35, 5. 6; 61, 1. 2). Und selig ist, wer an mir nicht Anstoß nimmt.

 

Während sie aber weggingen, fing Jesus an, zu den Volksscharen über Johannes zu reden: Was seid ihr in die Wüste hinausgegangen zu sehen? Ein Rohr, vom Winde hin und her bewegt? Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Menschen in weichlichen Kleidern? Sehet, die weichliche Kleider tragen, findet man in den Palästen der Könige. Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Er ist noch mehr als ein Prophet. 10 Denn dieser ist's, von dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesichte her, der deinen Weg vor dir bereiten soll (Mal 3, 1). 11 Wahrlich, ich sage euch: Unter denen, die von Weibern geboren wurden, ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer. Aber der Geringste im Himmelreiche ist größer als er. 12 Seit den Tagen Johannes des Täufers bis jetzt leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt gebrauchen, reißen es an sich. 13 Denn alle Propheten und das Gesetz bis auf Johannes haben es geweissagt, 14 und wenn ihr es annehmen wollet: Er ist Elias, der da kommen soll. 15 Wer Ohren hat, der höre.

 

16 Womit aber soll ich dieses Geschlecht vergleichen? Es ist den Kindern gleich, die auf dem Markte sitzen und ihren Gespielen zurufen: 17 Wir haben euch aufgespielt, aber ihr habt nicht getanzt. Wir haben Klagelieder gesungen, aber ihr habt nicht an die Brust geschlagen. 18 Denn es kam Johannes, der aß und trank nicht, und sie sagen: Er hat einen bösen Geist. 19 Es kam der Menschensohn, er ißt und trinkt, und sie sagen: Seht, ein Schlemmer und Weintrinker, ein Freund von Zöllnern und Sündern. Aber die Weisheit hat ihre Rechtfertigung gefunden in ihren Taten. 2-19: Vgl. Lk 7,18-35. Jesus stellt den charaktervollen Vorläufer seinen Hörern als Vorbild hin. Sie sind wie eigensinnige Kinder, denen es niemand recht machen kann. V. 12 kann bedeuten: Nur mit Anstrengung und Kampf kommt einer ins Himmelreich; oder aber: Das Reich des Messias wird von seinen Feinden bekämpft und vergewaltigt. V. 19 lautet am Schluß in manchen Textzeugen: „Aber die Weisheit ward als gerecht erkannt von ihren Kindern.“

 

Wehe über die Städte. 20 Darauf begann er die Strafrede an die Städte, in denen seine meisten Wunder geschehen waren, weil sie sich nicht bekehrt hatten. 21 Wehe dir, Korozain, wehe dir, Bethsaida! Denn wenn zu Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die bei euch geschehen sind, längst hätten sie in Sack und Asche Buße getan. 22 Doch ich sage euch: Tyrus und Sidon wird es erträglicher gehen am Tage des Gerichtes als euch. 23 Und du, Kapharnaum, wirst du etwa bis in den Himmel erhoben werden? Du wirst bis in die Hölle hinunterfahren. Denn wenn zu Sodoma die Wunder geschehen wären, die in dir geschehen sind, es stünde noch bis heute. 24 Doch ich sage euch: Dem Lande Sodoma wird es am Tage des Gerichtes erträglicher gehen als dir. 20-24: Vgl. Lk 10,13-16. Große Gnaden erhöhen die Verantwortung.

 

Lobgebet Jesu. 25 In jener Zeit hub Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dieses vor Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber geoffenbart hast. 26 Ja, Vater, denn also ist es wohlgefällig gewesen vor dir. 27 Alles ist mir von meinem Vater übergeben; und niemand kennt den Sohn als der Vater; und auch den Vater kennt niemand als der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will. 28 Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken. 29 Nehmet mein Joch auf euch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Bürde ist leicht. 25-30: Vgl. Lk 10,21-23. Dieses herrliche Selbstzeugnis widerlegt die Behauptung, in den älteren Evangelien spreche Jesus nicht von seiner göttlichen Würde.

 

12 Der Sabbat. Zu jener Zeit ging Jesus am Sabbat durch die Saaten. Seine Jünger aber waren hungrig und fingen an, Ähren abzupflücken und zu essen. Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat zu tun nicht erlaubt ist. Er entgegnete ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David getan, als ihn und seine Gefährten hungerte? (1 Sm 4 21, 6). Wie er in das Haus Gottes ging und sie die Schaubrote aßen, die ihm und seinen Gefährten zu essen nicht erlaubt war, sondern nur den Priestern? (3 Mos 24, 9.) Oder habt ihr nicht gelesen im Gesetze, daß die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen und doch ohne Schuld sind? (4 Mos 28, 9.) Ich sage euch aber: Hier ist ein Größerer als der Tempel. Hättet ihr erkannt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer, niemals hättet ihr die Schuldlosen verurteilt. Denn Herr ist der Menschensohn [auch] über den Sabbat. 1-8: Vgl. Mk 2,23-28; Lk 6,1-5. Solches Abpflücken war nach 5 Mos 23, 26 jedem Volksgenossen erlaubt. Die Pharisäer sahen darin einen Verstoß gegen das Gebot der Sabbatruhe.

 

Heilung am Sabbat. Er ging weiter von da und kam in ihre Synagoge. 10 Und siehe, da war ein Mann mit einer verdorrten Hand. Sie fragten ihn: Darf man auch am Sabbat heilen? Sie wollten ihn nämlich verklagen. 11 Er sprach zu ihnen: Wenn einer von euch ein einziges Schaf hat und es fällt am Sabbat in eine Grube, wird er es nicht ergreifen und herausziehen? 12 Wieviel mehr als ein Schaf ist ein Mensch wert! Also ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun. 13 Dann sprach er zu dem Manne: Strecke deine Hand aus! Er streckte sie aus, und sie ward hergestellt und gesund wie die andere. 14 Die Pharisäer aber gingen hinaus und hielten Rat wider ihn, wie sie ihn umbringen könnten. 9-14: Vgl. Mk 3,1-6; Lk 6,6-11. 15 Jesus aber merkte dies und entfernte sich von dort; viele folgten ihm, und er machte sie alle gesund. 16 Er gebot ihnen strenge, von ihm nicht öffentlich zu reden. 17 So sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Isaias gesagt worden ist: 18 Siehe, das ist mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Liebling, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich will meinen Geist auf ihn legen und er wird den Völkern das Recht verkünden. 19 Er wird nicht zanken noch schreien, noch wird jemand seine Stimme auf den Gassen hören. 20 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen, bis er das Recht zum Siege gebracht hat. 21 Und die Völker werden auf seinen Namen hoffen. (Is 42,1-4).

 

Heilung eines Besessenen. 22 Da brachte man zu ihm einen Besessenen, der blind und stumm war. Und er heilte ihn, so daß der Stumme redete und sah. 23 Und alle Volksscharen gerieten außer sich und sprachen: Ist dieser nicht am Ende der Sohn Davids? 24 Da es aber die Pharisäer hörten, sprachen sie: Dieser treibt die Teufel bloß aus durch Beelzebul, den obersten der Teufel! 25 Jesus kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das in sich gespalten ist, wird verwüstet werden, und jede Stadt oder jedes Haus, das in sich gespalten ist, wird nicht bestehen. 26 Wenn nun der Satan den Satan austreibt, so ist er wider sich selbst entzweit. Wie wird aber dann sein Reich bestehen? 27 Und wenn ich durch Beelzebul die Teufel austreibe, durch wen treiben dann eure Söhne sie aus? Also sind sie selbst eure Richter. 28 Wenn ich aber durch den Geist Gottes die Teufel austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen! 29 Oder wie kann jemand in das Haus des Starken eingehen und seine Habe rauben, wenn er nicht vorher den Starken gebunden hat? Dann erst kann er sein Haus plündern. 30 Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. 22-30: Vgl. Mk 3,23-27; Lk 11,14-23. Die Macht Jesu über die Dämonen konnten die Gegner nicht leugnen. Die widersinnige Erklärung sollte den starken Eindruck seiner Wunder auf das Volk verhüten. 31 Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben, aber die Lästerung wider den Geist wird nicht vergeben werden. 32 Wer ein Wort redet wider den Menschensohn, dem wird vergeben werden, wer aber wider den Heiligen Geist redet, dem wird weder in dieser noch in der künftigen Welt vergeben werden. 33 Entweder lasset den Baum gut sein, dann ist auch seine Frucht gut, oder lasset den Baum schlecht sein, dann ist auch seine Frucht schlecht. Denn an der Frucht erkennt man den Baum. 34 Ihr Schlangenbrut! Wie könnt ihr Gutes reden, da ihr böse seid? Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund. 35 Der gute Mensch bringt aus seinem guten Schatze Gutes hervor, der böse Mensch bringt aus seinem bösen Schatze Böses hervor. 36 Ich sage euch aber: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tage des Gerichtes Rechenschaft geben müssen. 37 Denn auf Grund deiner Worte wirst du freigesprochen werden, und auf Grund deiner Worte wirst du verdammt werden. 31-37 Vgl. Mk 3,28-30; Lk 12,10. Nicht nur seine Taten, auch seine Reden hat der Mensch zu verantworten. Die Lästerreden der Pharisäer verraten solche Verstocktheit, daß die Voraussetzung der Verzeihung, die Reue, unmöglich wird. Die Stelle dient als Beweis für die ewige Hölle und das Fegefeuer.

 

Zeichenforderung. 38 Da entgegneten ihm einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern: Meister, wir möchten ein Zeichen von dir sehen. 39 Er antwortete ihnen: Das böse und ehebrecherische Geschlecht verlangt ein Zeichen. Aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als das Zeichen des Propheten Jonas (Jon 2,1). 40 Gleichwie nämlich Jonas drei Tage und drei Nächte im Bauche des Seeungeheuers gewesen, also wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoße der Erde sein. 41 Die Männer von Ninive werden am Gerichtstage gegen dieses Geschlecht auftreten und es verdammen. Denn sie haben auf die Predigt des Jonas Buße getan. Und siehe, hier ist mehr als Jonas! 42 Die Königin des Südens wird am Gerichtstage gegen dieses Geschlecht auftreten und es verdammen. Denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomons zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomon (3 Kg 10, 1)! 38-42: Vgl. Lk 11,29-32. Jesus lag zwar nur zwei Nächte im Grab; dennoch durfte er nach den damaligen Regeln der Zählung und Schriftdeutung die vorhergehende Zeitangabe wörtlich wiederholen.

 

In der Gewalt des Satans. 43 Wenn aber der unreine Geist von dem Menschen ausgefahren ist, wandert er durch dürre Orte, sucht Ruhe und findet sie nicht. 44 Alsdann spricht er: Ich will in mein Haus zurückkehren, von wo ich ausgegangen bin. Und er kommt, findet es leer, mit Besen gereinigt und geschmückt. 45 Dann geht er hin, nimmt sieben andere Geister zu sich, die ärger sind als er selbst, und sie fahren ein und wohnen darin. Und die letzten Dinge dieses Menschen werden ärger als die ersten. Ebenso wird es auch diesem boshaften Geschlechte ergehen. 43-45: Vgl. Lk. 11,24-26.

 

Die Verwandten Jesu. 46 Als er noch zu den Volksscharen sprach, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und suchten ihn zu sprechen. 47 Da sagte einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sprechen. 48 Er antwortete dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? 49 Und er streckte die Hand nach seinen Jüngern hin aus und sprach: Siehe da meine Mutter und meine Brüder! 50 Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter. 46-50: Vgl. Mk 3,31-35, Lk 8,19-21. Die mehrfach genannten „Brüder“ Jesu, ebenso seine „Schwestern“ (Mt 13,56; Mk 6,3), sind nicht leibliche Geschwister oder Stiefgeschwister, sondern Vettern und Basen. Als Eltern werden nämlich Kleophas und seine Frau Maria angegeben. Der Ausdruck „Bruder“ und „Schwester“ für nahe Verwandte findet sich auch sonst in der Bibel (vgl. 1 Mos 13,8; 14,14-16; 29,13-15; 1 Chr 23,21-22; Job 42,11). Tob 3,15 (griechischer Text) ist sogar von einem „nahen Bruder“ = einem nahen Verwandten die Rede. Jesus hat seine Mutter nicht verleugnet, sondern das Beispiel gänzlichen Aufgehens im Dienste Gottes gegeben. Ein Sohn, der ganz im Dienste des Allerhöchsten steht, darf nicht seine Berufspflichten hinter der Rücksicht auf die Verwandten zurücktreten lassen.

 

Sieben Gleichnisse vom Himmelreich

13 Das Gleichnis vom Sämann. An jenem Tage ging Jesus aus dem Hause und setzte sich an den See. Es sammelten sich um ihn große Volksmassen. Darum stieg er in ein Schifflein und setzte sich. Die ganze Menge stand am Ufer. Er redete vieles zu ihnen in Gleichnissen. Er sprach: Siehe, ein Sämann ging aus, zu säen. Als er säte, fiel einiges auf den Weg, und die Vögel [des Himmels] kamen und pickten es auf. Anderes fiel auf steinigen Grund, wo es nicht viel Boden hatte, und es ging rasch auf, weil es keinen tiefen Grund hatte. Als aber die Sonne aufgegangen war, wurde es versengt und verdorrte, weil es keine Wurzel hatte. Anderes aber fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen mit auf und erstickten es. Anderes endlich fiel auf gutes Erdreich und brachte Frucht, einiges hundertfältige, anderes sechzigfältige, anderes dreißigfältige. Wer Ohren hat, der höre! 10 Da traten die Jünger heran und fragten ihn: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? 11 Er antwortete: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreiches zu verstehen, ihnen aber ist es nicht gegeben. 12 Denn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird im Überfluß haben. Wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. 13 Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht hören und nicht verstehen. 14 Und so erfüllt sich an ihnen die Weissagung des Isaias: Hören werdet ihr und nicht verstehen; sehen werdet ihr und doch nicht sehen. 15 Denn verstockt ward das Herz dieses Volkes, und mit ihren Ohren hörten sie schwer, und ihre Augen schlossen sie, damit sie nicht etwa sehen mit den Augen und hören mit den Ohren und verstehen mit dem Herzen und sich bekehren, und ich sie heile (Is 6, 16 9.10). 16 Selig aber sind eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören. 17 Denn wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt zu sehen, was ihr sehet, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr höret, und haben es nicht gehört. 18 So höret also ihr das Gleichnis vom Sämann: 19 Bei jedem, der das Wort vom Reiche hört und nicht versteht, kommt der Böse und raubt, was in sein Herz gesät ward. Bei dem ist der Samen auf den Weg gesät worden. 20 Bei wem aber auf steinigem Grund gesät ward, das ist der, welcher das Wort hört und es sogleich mit Freuden aufnimmt. 21 Er hat aber keine Wurzel in sich, sondern ist ein wetterwendischer Mensch. Und wenn um des Wortes willen Trübsal und Verfolgung entstehen, so kommt er gleich zu Fall. 22 Bei wem unter die Dornen gesät ward, das ist jener, der das Wort hört, aber die Sorge dieser Welt und der Trug des Reichtums ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. 23 Was aber in das gute Erdreich gesät ward, das ist der, welcher das Wort hört und versteht, der bringt dann auch Frucht und trägt teils hundertfältig, teils sechzigfältig, teils dreißigfältig. 1-23: Vgl. Mk 4, 1-20; Lk 8, 4-15. Äcker von der Beschaffenheit, wie das Gleichnis sie voraussetzt, sieht man in Palästina heute noch.

 

Das Gleichnis vom Unkraut. 24 Er trug ihnen ein anderes Gleichnis vor: Das Himmelreich ist gleich geworden einem Manne der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut mitten unter den Weizen und ging davon. 26 Als nun die Saat aufsproß und Frucht ansetzte, kam auch das Unkraut zum Vorschein. 27 Da traten die Knechte des Hausvaters herzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Die Knechte aber sagten zu ihm: Willst du, daß wir hingehen und es zusammenlesen? 29 Er antwortete: Nein, ihr möchtet sonst beim Sammeln des Unkrautes zugleich mit diesem den Weizen ausreißen. 30 Lasset beides zusammen wachsen bis zur Ernte; und zur Zeit der Ernte will ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Büschel zum Verbrennen, den Weizen aber sammelt in meine Scheune. 24-30: Jesus selber hat also gelehrt, daß es in seiner Kirche auf Erden nicht nur gute Christen geben werde. Die große Scheidung kommt am Ende.

 

Das Gleichnis vom Senfkorn. 31 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor: Das Himmelreich ist gleich einem Senfkorn, das ein Mann nahm und auf seinen Acker säte. 32 Dieses ist zwar das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber herangewachsen ist, so ist es das größte unter allen Gartengewächsen. Es wird ein Baum, so daß die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen wohnen.

 

Das Gleichnis vom Sauerteig. 33 Ein anderes Gleichnis sprach er zu ihnen: Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl mengte, bis die gesamte Teigmasse durchsäuert war.

 

34 Alles dieses redete Jesus in Gleichnissen zu den Volksscharen und ohne Gleichnis redete er nicht zu ihnen. 35 So sollte sich das Wort des Propheten erfüllen: Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und kundmachen, was seit Erschaffung der Welt verborgen war (Ps 78, 2). 31-35: Vgl. Mk 4,30-32, Lk 13,18-21. Das Gleichnis vom Senfkorn veranschaulicht das äußere Wachstum der Kirche, jenes vom Sauerteig ihre innere Umgestaltungskraft. Ersteres zu fördern, ist vor allem Aufgabe des Mannes, bei letzterer hat die Frau besonderen Anteil. Das Sauerteiggleichnis verrät, wie teilnehmend Jesus das häusliche Wirken der Hausfrau beobachtete. Es gehörte zu ihren Pflichten, täglich das Mehl zu mahlen und das Brot zu backen für den Bedarf der Familie.

 

Erklärung des Gleichnisses vom Unkraut. 36 Dann entließ er die Volksscharen und ging nach Hause. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker. 37 Er antwortete ihnen: Der den guten Samen aussät, ist der Menschensohn. 38 Der Acker ist die Welt, der gute Samen aber, das sind die Kinder des Reiches; und das Unkraut, das sind die Kinder des Bösen. 39 Der Feind, der es gesät hat, das ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt, und die Schnitter sind die Engel. 40 Gleichwie man nun das Unkraut sammelt und im Feuer verbrennt, so wird es auch am Ende der Welt gehen. 41 Der Menschensohn wird seine Engel aussenden. Diese werden aus seinem Reiche alle Verführer und Übeltäter sammeln 42 und werden sie in den Feuerofen werfen. Da wird Heulen und Zähneknirschen sein. 43 Alsdann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne im Reiche ihres Vaters. Wer Ohren hat, der höre!

 

Die drei Gleichnisse vom Schatz im Acker, von der Perle und vom Fischnetze. 44 Das Himmelreich ist gleich einem Schatze, der im Acker verborgen ist. Den findet ein Mensch und verbirgt ihn. In seiner Freude geht er hin, verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker. 45 Wiederum ist es mit dem Himmelreich, wie wenn der Kaufmann schöne Perlen sucht. 46 Hat er eine einzige kostbare Perle gefunden, dann geht er hin, verkauft all seinen Besitz, um sie dafür zu kaufen. 47 Ferner ist das Himmelreich gleich einem Netze, das ins Meer geworfen wurde und Fische aller Art aufnahm. 48 Als es voll war, zog man es heraus, setzte sich ans Ufer und sammelte die guten in Gefäße, die schlechten aber warf man weg. 49 So wird es auch am Ende der Welt gehen. Die Engel werden ausziehen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten absondern 50 und sie in den Feuerofen werfen. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.

 

51 Habt ihr alles verstanden? Sie antworteten ihm: Ja. 52 Und er sprach zu ihnen: Darum ist jeder Schriftgelehrte, der die Schule des Himmelreiches durchgemacht hat, gleich einem Hausvater, der Neues und Altes aus seinem Schatze hervorholt. 44-52 Wer alles für die Sache Gottes opfert, hat den besten Tausch gemacht. Das Bild des Fischnetzgleichnisses war am See Genesareth häufig zu sehen. Es hat ähnlichen Sinn wie das Unkrautgleichnis.

 

Letzte Wanderung durch Galiläa

Jesus in Nazareth. 53 Und es begab sich, als Jesus diese Gleichnisse beendet hatte, ging er von da weg. 54 Er kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie verwundert fragten: Woher hat der da diese Weisheit und die Wunderkräfte? 55 Ist er nicht des Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria und seine Brüder Jakobus, Joseph, Simon und Judas? 56 Sind nicht auch seine Schwestern alle bei uns? Woher hat er denn dies alles? 57 Und sie nahmen Anstoß an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Nirgends findet ein Prophet weniger Anerkennung als in seiner Vaterstadt und in seinem Hause. 58 Und er wirkte daselbst nicht viele Wunder wegen ihres Unglaubens. 35-58 Vgl. Mk 6,1-6. Über die Brüder und Schwestern Jesu vgl. die Anmerkung zu Mt 12,46-30.

 

14 Die Enthauptung des Täufers. In jener Zeit hörte der Vierfürst Herodes die Kunde von Jesus. Er sagte zu seinen Leuten: Das ist Johannes der Täufer. Der ist von den Toten auferstanden, und darum wirken die Wunderkräfte in ihm. Herodes hatte nämlich den Johannes ergreifen, binden und ins Gefängnis werfen lassen wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte ihm gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, sie zur Frau zu nehmen. Er hätte ihn gern töten lassen, aber er fürchtete das Volk, weil man ihn für einen Propheten hielt. Am Geburtstage des Herodes aber tanzte die Tochter der Herodias inmitten des Saales und gefiel dem Herodes. Deshalb versprach er mit einem Eide, ihr alles zu geben, was sie von ihm verlangen würde. Angestiftet von ihrer Mutter, sprach sie: Gib mir hier auf einer Schüssel das Haupt Johannes des Täufers. Da wurde der König bestürzt; allein wegen des Eides und wegen der Tischgenossen befahl er, es zu geben, sandte hin 10 und ließ den Johannes im Gefängnis enthaupten. 11 Man brachte das Haupt auf einer Schüssel und gab es dem Mädchen, und sie brachte es ihrer Mutter. 12 Da holten seine Jünger den Leichnam und begruben ihn. Dann gingen sie hin und berichteten es Jesus. 13 Als Jesus dies vernahm, zog er sich von dort in einem Schifflein zurück in eine einsame Gegend abseits. Da die Volksscharen davon hörten, folgten sie ihm zu Fuß aus den Städten. 1-13: Vgl. Mk 6,14-29; Lk 9,7-9; 3,19-20. Gemeint ist Herodes Antipas, ein Sohn Herodes d. Gr. Er war von 4 v. Chr. bis 39 n. Chr. Vierfürst von Galiläa und Peräa. Herodias wurde ihrem Manne untreu, weil sie gern Königin geworden wäre; aber Antipas erlangte nie die Königswürde. Die Ehebrecherin scheute nicht davor zurück, ihr Kind in die Blutschuld hineinzuziehen, um sich an Johannes rächen zu können.

 

Erste Brotvermehrung. 14 Als er landete und viel Volk sah, empfand er Mitleid mit ihnen und heilte ihre Kranken. 15 Als es Abend geworden war, traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Die Gegend ist öde, und die Stunde des Essens ist vorbei. Entlaß die Volksscharen, sie sollen in die Flecken gehen und sich Speise kaufen. 16 Jesus entgegnete ihnen: Sie brauchen nicht wegzugehen; gebet ihr ihnen zu essen. 17 Sie antworteten: Wir haben hier nur fünf Brote und zwei Fische. 18 Er aber sprach zu ihnen: Bringet sie mir her. 19 Nachdem er den Scharen befohlen hatte, sich aufs Gras niederzulassen, nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, sah auf gen Himmel, segnete, brach und gab den Jüngern die Brote; die Jünger gaben sie den Volksscharen. 20 Sie aßen alle und wurden satt. Und sie hoben die Reste auf, zwölf Körbe voll Stücklein. 21 Die Zahl derer aber, die gegessen hatten, betrug etwa fünftausend Männer, ohne Frauen und Kinder.

 

Jesus wandelt auf dem Meere. 22 Und sogleich nötigte Jesus seine Jünger, in das Schifflein zu steigen und vor ihm an das andere Ufer zu fahren, bis er die Scharen entlassen hätte. 23 Als er die Scharen entlassen hatte, stieg er auf den Berg, ganz allein um zu beten; und da es Abend geworden, war er allein dort. 24 Das Schifflein aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen, denn es war Gegenwind. 25 Um die vierte Nachtwache aber kam er zu ihnen, auf dem See wandelnd. 26 Als die Jünger ihn auf dem See wandeln sahen, riefen sie voll Schrecken: Es ist ein Gespenst! 27 Sogleich redete Jesus sie an: Seid getrost, ich bin's, fürchtet euch nicht! 28 Da antwortete ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so heiß mich zu dir kommen auf dem Wasser. 29 Er sprach: Komm! und Petrus stieg aus dem Schifflein und wandelte über das Wasser, um zu Jesus zu kommen. 30 Als er aber den heftigen Wind merkte, bekam er Angst, fing an zu sinken und rief laut: Herr, rette mich! 31 Sogleich streckte Jesus seine Hand aus, faßte ihn an und sprach: Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? 31: Nicht den Wagemut des Apostels tadelt Jesus, sondern den mangelnden Glauben. 32 Als sie in das Schifflein gestiegen waren, legte sich der Wind. 33 Die im Schifflein waren, warfen sich vor ihm nieder und sprachen: Wahrlich, du bist Gottes Sohn! 34 Sie fuhren nun hinüber und kamen in die Landschaft Genesareth. 34 Genesar heißt die fruchtbare Ebene am westlichen Ufer des Sees Genesareth zwischen Magdala und Tabgha. 35 Als die Leute jener Gegend ihn erkannten, schickten sie in die ganze Umgegend, brachten alle Kranken zu ihm 36 und baten ihn, nur die Quaste seines Mantels berühren zu dürfen. Und alle, die sie berührten, wurden gesund. 14-35: Vgl. Mk 6,32-56, Lk 9,l0-17; Jo 6,1-26. Die Wunder der Brotvermehrung und des Wandelns auf dem See stehen in innerer Beziehung zur Verheißung der heiligen Eucharistie, die Johannes danach berichtet.

 

15 Jesu Lehren im Gegensatz zu denen der Pharisäer. Da kamen Schriftgelehrte und Pharisäer aus Jerusalem zu Jesus und sprachen: Warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Alten? Waschen sie doch die Hände nicht, wenn sie Brot essen. Er aber antwortete ihnen: Warum übertretet ihr selbst das Gebot Gottes um eurer Überlieferung willen? Denn Gott hat geboten: Du sollst Vater und Mutter ehren, und: Wer Vater oder Mutter flucht, soll des Todes sterben (5 Mos 5, 16). Ihr aber saget: Wenn einer zu Vater oder Mutter spricht: Opfergabe soll sein, was ich dir zu leisten hätte, so braucht er seinen Vater und seine Mutter nicht zu ehren. Damit habt ihr Gottes Gebot aufgehoben um eurer Überlieferung willen. Ihr Heuchler, treffend hat Isaias von euch geweissagt: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit von mir. Vergeblich aber ehren sie mich, indem sie Lehren und Satzungen von Menschen vortragen (Is 29, 13). 10 Dann rief er die Menge zu sich und sprach zu ihnen: Höret und verstehet wohl! 11 Nicht, was zum Munde eingeht, verunreinigt den Menschen, sondern was vom Munde ausgeht, das verunreinigt den Menschen. 12 Darauf traten seine Jünger hinzu und sprachen zu ihm: Weißt du, daß die Pharisäer Anstoß genommen haben, als sie das Wort hörten? 13 Er antwortete: Jede Pflanzung, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerottet werden. 14 Lasset sie! Blinde Blindenführer sind sie. Wenn aber ein Blinder einen Blinden führt, so fallen beide in die Grube. 15 Petrus antwortete ihm: Erkläre uns dieses Gleichnis! 16 Er sprach: Seid auch ihr immer noch ohne Einsicht? 17 Sehet ihr nicht, daß alles, was zu dem Munde eingeht, in den Magen kommt und seinen natürlichen Ausgang nimmt? 18 Was aber aus dem Munde herausgeht, kommt aus dem Herzen, und das verunreinigt den Menschen. 19 Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Gotteslästerung. 20 Das ist's, was den Menschen verunreinigt. Aber essen, ohne die Hände zu waschen, verunreinigt den Menschen nicht. 16-20: Die Speisen gelangen gar nicht bis zum Herzen, d. h. bis zur Seele, können sie also auch nicht verunreinigen. Ist aber das Herz unrein, so ist die Quelle unrein und somit alles, was aus ihr hervorkommt 1-20: Vgl. Mk 7,1-23; Lk 6,39. „Überlieferungen der Alten“ hießen die Deutungen und Zusätze der Schriftgelehrten zum Gesetz des Moses. Sie verkehrten oft den Sinn des Gesetzes, wurden aber von manchen strenger befolgt als das ursprüngliche Gesetz. Besonders kleinlich waren die Vorschriften über Waschungen sowie über Rein und Unrein.

 

Die kanaanäische Frau. 21 Jesus ging weg von da und zog sich in die Gegend von Tyrus und Sidon zurück. 22 Siehe, da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend und rief ihm zu: Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter wird arg von einem bösen Geiste geplagt. 23 Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger hinzu und baten ihn: Schick sie fort; denn sie schreit hinter uns her. 24 Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. 25 Sie aber kam, warf sich vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! 26 Er entgegnete: Es ist nicht recht, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hündlein vorzuwerfen. 27 Sie aber sprach: Jawohl, Herr! Denn auch die Hündlein essen von den Brosamen, die vom Tische ihrer Herren fallen. 28 Da antwortete Jesus: O Frau, dein Glaube ist groß, dir geschehe, wie du willst. Und von jener Stunde an ward ihre Tochter gesund. 21-28 Vgl. Mk 7,24-30. In Demut und Beharrlichkeit besteht die Mutter glänzend die schwere Glaubensprobe beim Hilfesuchen für ihr Kind.

 

Weitere Heilungen. 29 Von dort weg begab sich Jesus an den See von Galiläa, stieg auf den Berg und setzte sich dort. 30 Da kamen große Volksscharen zu ihm. Sie hatten Lahme, Krüppel, Blinde, Stumme und viele andere bei sich. Diese legten sie zu seinen Füßen nieder, und er heilte sie, 31 so daß die Volksscharen staunten, da sie sahen, daß Stumme redeten, Krüppel gesund wurden, Lahme wandelten und Blinde sehend wurden. Und sie priesen den Gott Israels.

 

Zweite Brotvermehrung. 32 Jesus rief seine Jünger zu sich und sprach: Mich erbarmet des Volkes. Denn sie harren schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen, und ich will sie nicht ungespeist entlassen, sie möchten sonst auf dem Wege verschmachten. 33 Da entgegneten ihm seine Jünger: Woher nehmen wir in der Wüste so viele Brote, um eine so große Menge zu sättigen? 34 Jesus fragte sie: Wieviel Brote habt ihr? Sie sagten: Sieben und wenige Fischlein. 35 Er befahl der Menge, sich auf der Erde zu lagern. 36 Dann nahm er die sieben Brote und die Fische, dankte, brach sie, gab sie seinen Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volke. 37 Und alle aßen und wurden satt. Von den Stücken aber, die übriggeblieben waren, hoben sie sieben Körbe voll auf. 38 Derer aber, die gegessen hatten, waren viertausend Männer, ohne Frauen und Kinder. 39 Alsdann entließ er das Volk, stieg in das Schifflein und fuhr in das Gebiet von Magedan. 39: Die Zahl der Männer kennzeichnet am besten die Größe der Volksmenge. Frauen und Kinder sind also nicht aus Geringschätzung nicht mitgezählt. Die Lage des Ortes ist umstritten. 32-39 Vgl. Mk 8,1-10.

 

16 Warnung vor den Lehren der Pharisäer. Da kamen die Pharisäer und Sadduzäer zu ihm, um ihn zu versuchen. Und sie baten ihn, er möchte sie ein Wunderzeichen vom Himmel sehen lassen. Er antwortete ihnen: Wenn es Abend geworden, sagt ihr: Es wird schön Wetter, denn der Himmel ist rot. Und am Morgen: Heute wird stürmisches Wetter sein, denn der Himmel rötet sich trübe. Das Aussehen des Himmels also wißt ihr zu deuten, aber in die Zeichen der Zeit könnt ihr euch nicht finden? Das böse und ehebrecherische Geschlecht verlangt ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als das Zeichen des [Propheten] Jonas. Dann ließ er sie stehen und ging weg. 4: Ehebrecherisch werden die Juden genannt, weil sie Gott die Treue brachen, der einen Bund mit ihnen eingegangen war.

 

Sauerteig der Pharisäer. Als nun seine Jünger an das andere Ufer gekommen waren, da hatten sie vergessen, Brot mit sich zu nehmen. Er sprach zu ihnen: Sehet wohl zu und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer. Da überlegten sie untereinander und sagten: Wir haben kein Brot mitgenommen. Jesus merkte dies und sprach: Was macht ihr euch Gedanken darüber, ihr Kleingläubigen, daß ihr kein Brot habt? Begreift ihr noch nicht? Denkt ihr nicht mehr an die fünf Brote für die fünftausend Mann, und wieviel Körbe ihr aufgehoben habt? 10 Auch nicht an die sieben Brote für die viertausend Mann, und wie viele Körbe ihr aufgehoben habt? 11 Warum begreift ihr nicht, daß ich nicht von Brot zu euch redete? Hütet euch aber vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer! 12 Da verstanden sie, daß er nicht gemeint hatte, sie sollten sich vor dem Sauerteig des Brotes hüten, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer. 1-12: Vgl. Mk 8,11-21

 

Bekenntnis und Vorrang des Petrus. 13 Jesus kam in das Gebiet der Stadt Cäsarea Philippi. Da fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? 14 Sie sprachen: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elias, wieder andere für Jeremias oder einen aus den Propheten. 15 Da sprach er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? 16 Da antwortete Simon Petrus: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. 17 Jesus erwiderte ihm: Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas. Denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18 Und ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. 19 [Und] dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Was immer du binden wirst auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden sein. Und was immer du lösen wirst auf Erden, das soll auch im Himmel gelöst sein. 20 Dann gebot er seinen Jüngern, sie sollten niemand sagen, daß er der Messias sei. 20: Das Volk war wegen seiner falschen Messias­erwartungen noch nicht reif dafür. 13-20: Vgl. Mk 8,27-30; Lk 9,18-21. Wer die Geschichtlichkeit dieses Abschnittes leugnet, muß das ganze Evangelium als ungeschichtlich ablehnen. Jesus erklärt den Apostel Petrus zum Fundament der Kirche und verheißt ihm den Primat, die oberste Leitung der sichtbaren Kirche auf Erden. Jo 21,15-17 erfolgt die Einsetzung. Das Papsttum ist also von Christus selber eingesetzt.

 

Leidensverkündigung und Belehrung

Leidensweissagung. 21 Von da an begann Jesus seinen Jüngern zu zeigen, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, von den Oberpriestern und Schriftgelehrten vieles leiden, getötet werden, aber am dritten Tage auferstehen. 22 Da nahm ihn Petrus beiseite und fing an, es ihm zu verweisen: Das sei ferne von dir, Herr, das darf dir nicht widerfahren! 22: Die Schärfe des Ausdrucks lehrt, wie treu Jesus am Willen Gottes festhält, der ihm den Weg des Leidens weist, während Petrus in unerleuchtetem Eifer den Meister von diesem Wege ablenken will und so zum Helfer Satans wird, der ähnliche Versuche in der Wüste gemacht hatte. Wer einen anderen Weg zum ewigen Heile weist, ist ein „falscher Prophet“. 23 Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Weg von mir, Satan! Ein Ärgernis bist du mir. Denn du hast nicht Sinn für die Sache Gottes, sondern für die Sache der Menschen.

 

Jesus fordert Selbstverleugnung. 24 Dann sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. 25 Denn wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren. Wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden. 26 Was nützte es nämlich dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, an seiner Seele aber Schaden litte? Oder was kann der Mensch wohl geben als Entgelt für seine Seele? 27 Denn der Menschensohn wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln kommen und dann einem jeden vergelten nach seinen Werken. 28 Wahrlich, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht kosten, bis sie den Menschensohn in seinem Reiche kommen sehen. 21-28: Vgl. Mk 8,31-9, 1; Lk 9,22-27.

 

17 Jesu Verklärung. Nach sechs Tagen nahm Jesus den Petrus, Jakobus und Johannes, dessen Bruder, mit und führte sie auf einen hohen Berg, abseits. Da ward er vor ihnen verklärt, sein Angesicht glänzte wie die Sonne, seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, es erschienen ihnen Moses und Elias, die mit ihm redeten. Petrus nahm das Wort und sprach zu Jesus: Herr, es ist ein Glück für uns, hier zu sein. Willst du, so werde ich hier drei Hütten bauen, dir eine, dem Moses eine und dem Elias eine. Während er noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und eine Stimme aus der Wolke sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe, auf ihn sollt ihr hören! Da die Jünger dies hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr. Da trat Jesus hinzu, rührte sie an und sprach: Stehet auf und fürchtet euch nicht! Als sie aber ihre Augen erhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. Während sie von dem Berge herabstiegen, befahl ihnen Jesus: Saget niemanden von dieser Erscheinung, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist. 1-9: Dieselben drei Apostel sollten Zeugen der Verklärung und der Todesangst im Ölgarten sein. Vorzeitiges Bekanntwerden hätte falschen Erwartungen Vorschub geleistet. 10 Und die Jünger fragten ihn: Warum sagen denn die Schriftgelehrten, Elias müsse zuvor kommen? (Mal 4, 6.). 11 Er antwortete ihnen: Freilich wird Elias kommen und alles wiederherstellen. 12 Ich sage euch aber, Elias ist schon gekommen, aber sie haben ihn nicht erkannt, sondern mit ihm gemacht, was sie nur wollten. So wird auch der Menschensohn von ihnen zu leiden haben. 13 Da verstanden die Jünger, daß er von Johannes dem Täufer zu ihnen geredet habe.

 

Heilung eines Mondsüchtigen. 14 Da sie nun zu dem Volke gekommen waren, trat ein Mann zu ihm, fiel vor ihm auf die Knie nieder 15 und sprach: Herr, erbarme dich meines Sohnes! Er ist mondsüchtig und muß arg leiden, denn er fällt oft ins Feuer und oft ins Wasser. 16 Ich habe ihn zu deinen Jüngern gebracht, doch sie konnten ihn nicht heilen. 17 Jesus antwortete: O ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringet ihn her zu mir! 18 Jesus drohte ihm, und der böse Geist fuhr von ihm aus, und der Knabe ward geheilt von jener Stunde an. 19 Alsdann traten die Jünger allein zu Jesus und sprachen: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? 20 Jesus antwortete ihnen: Wegen eures Kleinglaubens. Denn wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr einen Glauben habt wie ein Senfkörnlein, so könnt ihr zu diesem Berge sagen: Rücke von hier weg, dorthin — und er wird wegrücken, und nichts wird euch unmöglich sein. 19-20: Hätten die Jünger auch nur ein wenig vom vollkommenen Glauben, so könnten sie Übermenschliches leisten (vgl. Mt 21, 20-22; Mk 11, 20-25). 21 Diese Art aber wird nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben.

 

Zweite Leidensweissagung. 22 Als sie sich nun in Galiläa beisammen aufhielten, sprach Jesus zu ihnen: Der Menschensohn muß den Händen der Menschen überliefert werden. 1-22: Vgl. Mk 9,2-32, Lk 9,28-45. Von Mt 17,15-26 sind die Verszahlen im lateinischen Text um eine Stelle niedriger. 23 Sie werden ihn töten. Aber am dritten Tag wird er auferstehen. Da wurden sie sehr betrübt.

 

Tempelsteuer. 24 Als sie aber nach Kapharnaum kamen, traten die Einnehmer der Doppeldrachme zu Petrus und sprachen: Bezahlt euer Meister die Doppeldrachme nicht? (2 Mos 30,13.) 24: Jeder freie Israelit mußte jährlich einen halben Schekel oder eine Doppeldrachme (etwa 1,50 Mk.) als Steuer für den Tempel entrichten. 25 Er sagte: Doch! Als er nach Hause gekommen war, kam ihm Jesus zuvor und sprach: Was meinst du, Simon, von wem nehmen die Könige der Erde Abgaben oder Steuer? Von ihren Kindern oder von den Untertanen? 26 Jener erwiderte: Von den Untertanen. Da sagte Jesus zu ihm: Also sind die Kinder frei. 27 Damit wir sie aber nicht ärgern, so geh hin an den See, wirf die Angel aus und nimm den Fisch, der zuerst herauskommt. Und wenn du sein Maul öffnest, so wirst du ein Vierdrachmenstück finden. Das nimm und gib ihnen für mich und dich.

 

18 Lehren über Demut und Ärgernis. In jener Stunde traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wer ist wohl der größte im Himmelreich? Da rief Jesus ein Kind herbei, stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr euch nicht bekehret und nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen. Wer also sich verdemütigt wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf. Wer aber einem aus diesen Kleinen, die an mich glauben, Anlaß zur Sünde gibt, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ins tiefe Meer versenkt würde. Wehe der Welt um der Ärgernisse willen! Es müssen zwar Ärgernisse kommen, wehe aber dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt. Wenn deine Hand oder dein Fuß dir Anlaß zur Sünde gibt, so haue sie ab und wirf sie von dir. Es ist für dich besser, daß du verstümmelt oder hinkend in das Leben eingehst, als daß du mit zwei Händen oder zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen werdest. Und wenn dir dein Auge Anlaß zur Sünde gibt, so reiß es aus und wirf es von dir. Es ist für dich besser, daß du mit einem Auge in das Leben eingehest, als daß du mit zwei Augen in das höllische Feuer geworfen werdest. 10 Sehet zu, daß ihr keines dieser Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel schauen im Himmel immerfort das Angesicht meines Vaters, der im Himmel ist. 11 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu retten, was verloren war.

 

12 Was meint ihr? Wenn einer hundert Schafe hat und ein einziges von ihnen sich verirrt, läßt er nicht die neun­undneun­zig auf den Bergen und geht hin und sucht das verirrte? 13 Und wenn es ihm glückt, es zu finden, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich mehr über dieses als über die neun­undneun­zig, die nicht irregegangen sind. 14 So ist es nicht der Wille eures Vaters im Himmel, daß eines von diesen Kleinen verlorengehe. 1-14: Vgl. Mk 9,33-49; Lk 9,46-48; 17,1-2. Das von Christus verkündete Kinderschutzgesetz zeigt den Wert jeder Menschenseele. Um sie zu retten, ist kein Opfer zu groß.

 

Mahnung zur Versöhnlichkeit. 15 Hat dein Bruder wider dich gefehlt, so gehe hin und verweise es ihm unter vier Augen. 16 Gibt er dir Gehör, so hast du deinen Bruder gewonnen. Gibt er dir aber kein Gehör, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit alles auf der Aussage zweier oder dreier Zeugen feststehe (5 Mos 19,15). 17 Hört er diese nicht, so sage es der Kirche. Wenn er aber die Kirche nicht hört, so sei er dir wie ein Heide und ein Zöllner. 18 Wahrlich, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. 19 Abermals sage ich euch: Wenn zwei aus euch auf Erden einmütig um etwas bitten wollen, so wird es ihnen von meinem himmlischen Vater gegeben werden. 20 Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. 15-20: Vgl. Lk 17,3-4. Die kirchliche Obrigkeit hat die Vollmacht, schwere Vergehen mit dem Ausschluß aus der Gemeinschaft der Gläubigen zu bestrafen. Dieses Strafurteil wird von Gott anerkannt.

 

Das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht. 21 Alsdann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft muß ich meinem Bruder vergeben, wenn er wider mich sündigt? Bis siebenmal? 22 Jesus antwortete ihm: Ich sage dir: Nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal. 23 Darum ist das Himmelreich einem Könige gleich, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. 24 Als er damit anfing, brachte man ihm einen, der ihm zehntausend Talente schuldig war. 24: Nach unserer Währung sind zehntausend Talente etwa 52 Millionen Goldmark, hundert Denare dagegen 87 Goldmark. Die Pflicht des Verzeihens ist überaus ernst. 25 Da er nichts hatte, um zu bezahlen, befahl sein Herr, ihn und sein Weib und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und zu bezahlen. 26 Da warf sich der Knecht vor ihm nieder und bat ihn: Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen. 27 Voll Mitleid mit diesem Knecht ließ der Herr ihn frei und schenkte ihm die Schuld. 28 Beim Hinausgehen aber traf dieser Knecht einen seiner Mitknechte, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sprach: Bezahle, was du schuldig bist! 29 Da warf sich sein Mitknecht vor ihm nieder und bat ihn: Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen. 30 Der aber wollte nicht, sondern ging hin und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt hätte. 31 Da nun seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt. Sie gingen hin und meldeten ihrem Herrn alles, was sich zugetragen hatte. 32 Sein Herr ließ ihn rufen und sagte zu ihm: Du böser Knecht! Die ganze Schuld habe ich dir nachgelassen, weil du mich gebeten hast. 33 Hättest du nicht auch deines Mitknechtes dich erbarmen müssen, wie auch ich mich deiner erbarmt habe? 34 Voll Zorn übergab ihn sein Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt hätte. 35 So wird auch mein himmlischer Vater mit euch verfahren, wenn ihr nicht, ein jeder seinem Bruder, von Herzen verzeiht. 21-35: Wahre Liebe fragt nicht nach den Grenzen der Pflicht, sondern verzeiht, sooft sie Gelegenheit hat. Im engen Kreis der Familie bietet sich solche Gelegenheit an jedem Tage.

 

Die Reise nach Jerusalem

19 Ehescheidung und Ehelosigkeit. Und es begab sich, als Jesus diese Reden beendet hatte, zog er weg aus Galiläa und kam in das Gebiet von Judäa, jenseits des Jordans. Es folgten ihm große Volksscharen nach; und er heilte sie daselbst. Da traten die Pharisäer zu ihm, um ihn zu versuchen, und sprachen: Ist es einem Manne erlaubt, seine Frau aus jedem Grunde zu entlassen? Er antwortete ihnen: Habt ihr nicht gelesen, daß der Schöpfer von Anfang an die Menschen als Mann und Weib geschaffen und gesagt hat: Deshalb wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein (1 Mos 2, 24). So sind sie also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Sie sagten zu ihm: Warum hat dann Moses geboten, den Scheidebrief zu geben und sie zu entlassen? (5 Mos 24, 1.) Er erwiderte ihnen: Moses hat euch um eurer harten Herzen willen erlaubt, eure Frauen zu entlassen. Im Anfang war es nicht so. Ich aber sage euch: Wer immer seine Frau entläßt, außer wegen Unzucht, und eine andere nimmt, der bricht die Ehe. Und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe. 9: Auch das Vergehen der Unzucht seitens der Frau gibt nicht das Recht, das Eheband zu lösen und eine neue Ehe einzugehen. Der zweite Evangelist formuliert den Ausspruch Jesu ganz allgemein (Mk 10,11-12). 10 Da sprachen seine Jünger zu ihm: Wenn die Sache zwischen Mann und Frau so steht, dann empfiehlt es sich nicht, zu heiraten. 11 Er sprach zu ihnen: Nicht alle fassen dieses Wort sondern nur die, denen es gegeben ist. 12 Denn es gibt Ehe-Unfähige, die vom Mutterschoß her zur Ehe unfähig sind; und es gibt solche, die von Menschen zur Ehe unfähig gemacht worden sind und es gibt solche, die sich selbst zur Ehe unfähig gemacht haben um des Himmelreiches willen. Wer es fassen kann, der fasse es! 10-12: Die Apostel erschrecken vor einer unauflöslichen Ehe. Jesus stellt den freiwilligen Verzicht auf die Ehe aus Liebe zu Gott als höheres Lebensideal hin. Dadurch hat er aber die Eheleute nicht als minder vollkommene Christen hinstellen wollen. Das Maß der Vollkommenheit hängt nicht von dem Ehestand oder dem jungfräulichen Stande allein ab, sondern von der Liebe und Treue, mit der einer seine Standespflichten erfüllt. Vers 11 besagt, daß auch zu einer unlösbaren Ehe Gottes Gnade erforderlich ist. 1-12: Vgl. Mk 10, 1-12. Die Pharisäer suchten den Herrn in den Streit ihrer Schulen über die Gründe zur Ehescheidung hineinzuziehen. Die Schule Schammais forderte einen ernsten Verstoß der Frau gegen Sitte und Anstand. Die Schule Hillels dagegen erlaubte die Entlassung der Frau aus dem geringfügigsten Anlaß. Jesus aber geht auf ihre Spitzfindigkeiten gar nicht ein, sondern bringt den ursprünglichen Willen des Schöpfers in der unauflöslichen Ehe zwischen einem einzigen Manne und einer einzigen Frau zur Geltung. Das Recht, die Frau durch den Scheidebrief zu entlassen, gilt im Christentum nicht mehr.

 

Jesus segnet die Kinder. 13 Hierauf brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflege und bete. Allein die Jünger fuhren sie hart an. 14 Jesus aber sprach zu ihnen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht. Denn für solche ist das Himmelreich. 15 Und er legte ihnen die Hände auf und zog von dort weiter.

 

Der reiche Jüngling und Wert des Reichtums. 16 Da trat einer hinzu und sprach zu ihm: [Guter] Meister, was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu erlangen? 17 Er sprach zu ihm: Was fragst du mich über das Gute? Einer ist der Gute [Gott]. Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote. 18 Er sagte zu ihm: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst kein falsches Zeugnis geben; 19 ehre deinen Vater und deine Mutter; liebe deinen Nächsten wie dich selbst. 20 Der Jüngling erwiderte ihm: Dies alles habe ich [von meiner Jugend an] beobachtet. Was fehlt mir noch? 21 Jesus antwortete ihm: Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe alles, was du hast und gib den Erlös den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach. 22 Als der Jüngling dies hörte, ging er traurig davon. Denn er besaß viele Güter.

 

Warnung vor Reichtum. 23 Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Es ist schwer, daß ein Reicher in das Himmelreich eingehe. 24 Ja, ich sage es euch noch einmal: Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Himmelreich. 24: Der starke Vergleich soll die große Schwierigkeit kennzeichnen, den Gefahren des Reichtums zu entgehen. 25 Da die Jünger dies hörten, sprachen sie bestürzt: Wer kann denn dann gerettet werden? 26 Jesus blickte sie an und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist das unmöglich, bei Gott aber ist alles möglich. 27 Da erwiderte Petrus: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was wird uns also dafür zuteil werden? 28 Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Welterneuerung, wenn der Menschensohn auf seinem herrlichen Throne sitzen wird, auch auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stamme Israels richten. 29 Und jeder, der Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen verlassen hat, der wird Hundertfältiges dafür erhalten und das ewige Leben erben. 30 Viele Erste aber werden Letzte und Letzte Erste sein. 13-30: Vgl. Mk 10,13-31; Lk 18,15-30. 13-15: Das Kind hat ein heiliges Recht darauf, durch religiöse Unterweisung zu Christus geführt zu werden. Den Eltern und Erziehern obliegt die strenge Pflicht, für diese Unterweisung Sorge zu tragen. Niemand darf sie daran hindern.

 

20 Das Gleichnis von den Arbeitern. Das Himmelreich ist gleich einem Hausherrn, der am frühesten Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg zu dingen. Als er sich mit den Arbeitern auf einen Taglohn von einem Denar geeinigt hatte, schickte er sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er aus, sah andere auf dem Markte müßig stehen und sagte zu ihnen: Gehet auch ihr in meinen Weinberg, und was recht ist, will ich euch geben. Sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und neunte Stunde und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde ausging, fand er andere dastehen und sagte zu ihnen: Warum steht ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie antworteten ihm: Es hat uns niemand gedungen. Er sagte zu ihnen: Gehet auch ihr in meinen Weinberg. Am Abend aber sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Rufe die Arbeiter und zahle ihnen den Lohn aus, von den letzten angefangen bis zu den ersten. Es kamen also die, welche um die elfte Stunde eingetreten waren, und es erhielt jeder einen Denar. 10 Als die ersten kamen, meinten sie, mehr zu empfangen. Aber auch von ihnen erhielt jeder einen Denar. 11 Da sie ihn empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn mit den Worten: 12 Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleich gehalten, die wir die Last und Hitze des Tages getragen haben. 13 Er aber antwortete einem von ihnen: Freund, ich tue dir kein Unrecht. Bist du nicht um einen Denar mit mir übereingekommen? 14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten auch geben wie dir. 15 Oder darf ich mit meinem Eigentum nicht tun, was ich will? Ist dein Auge böse, weil ich gut bin? 16 Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. [Denn viele sind berufen, wenige aber sind auserwählt.] 16: Der Satz: “Denn viele sind berufen, wenige aber sind auserwählt“, fehlt in den meisten griechischen Handschriften. Er bedeutet nicht, die Mehrzahl der Menschen komme in die Hölle. Aus den berufenen Juden fanden nur wenige das Heil. 1-16 Wir dürfen uns des ewigen Lohnes für unsere guten Werke freuen, aber Gott ist unabhängig in der Bemessung.

 

Dritte Leidensweissagung. 17 Als Jesus vorhatte, nach Jerusalem hinaufzugehen, nahm er die Zwölf beiseite und sprach unterwegs zu ihnen: 18 Sehet, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird den Oberpriestern und Schriftgelehrten überliefert werden, und sie werden ihn zum Tode verurteilen. 19 Sie werden ihn den Heiden übergeben zur Verspottung, Geißelung und Kreuzigung. Doch am dritten Tage wird er auferstehen. 17-19: Vgl. Mk 10,32-34, Lk 18,31-34.

 

Die Söhne des Zebedäus. 20 Da trat die Mutter der Söhne des Zebedäus mit ihren Söhnen zu ihm, fiel vor ihm nieder, um ihm eine Bitte vorzutragen. 21 Er sprach zu ihr: Was willst du? Sie antwortete ihm: Sprich, daß diese meine zwei Söhne in deinem Reiche einer zu deiner Rechten, der andere zu deiner Linken sitzen sollen. 22 Jesus antwortete: Ihr wisset nicht, um was ihr bittet! Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sprachen zu ihm: Wir können es. 23 Da sprach er: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken; das Sitzen aber zu meiner Rechten oder Linken habe nicht ich zu verleihen, sondern das gebührt denen, welchen es bereitet ist von meinem Vater. 24 Als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über die zwei Brüder. 25 Jesus rief sie zu sich und sprach: Ihr wisset, daß die Fürsten der Völker sich als Herren über sie gebärden und die Großen sie vergewaltigen. 26 Nicht so soll es unter euch sein, sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener. 27 Wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht. 28 Ist doch auch der Menschensohn nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösepreis für viele. 20-28: Vgl. Mk 10,35-45. Die Mutter heißt Salome, ihre Söhne sind die Apostel Johannes und Jakobus der Ältere.

 

Blindenheilung. 29 Als sie aus Jericho hinausgingen, folgte ihm eine große Volksmenge. 30 Und siehe, zwei Blinde, die am Wege saßen, hörten, daß Jesus vorübergehe. Und sie schrien: Herr, erbarme dich unser, du Sohn Davids! 31 Das Volk fuhr sie an, daß sie schweigen sollten. Da schrien sie nur noch lauter: Herr, erbarme dich unser, du Sohn Davids! 32 Jesus blieb stehen, rief sie herbei und sprach: Was wollt ihr, daß ich euch tue? 33 Sie antworteten ihm: Herr, daß unsere Augen geöffnet werden! 34 Voll Mitleid berührte Jesus ihre Augen, und sogleich sahen sie und folgten ihm. 29-34: Vgl. Mk 10,46-52; Lk 18,35-43. Nach Lukas geschieht das Wunder, „als Jesus sich Jericho näherte“, nach Matthäus und Markus, „als sie aus Jericho fortgingen“. Alt-Jericho und Neu-Jericho lagen eine halbe Stunde auseinander in der Richtung des Weges Jesu. Matthäus und Markus denken an Alt-Jericho, Lukas meint Neu-Jericho.

 

Tage der Entscheidung

Einzug in Jerusalem 21 Als sie sich Jerusalem näherten und nach Bethphage am Ölberge kamen, da sandte Jesus zwei Jünger ab und sprach zu ihnen: Gehet in das Dorf, das vor euch liegt, und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr. Bindet sie los und führt sie zu mir. Und wenn jemand etwas zu euch sagt, so sprechet: Der Herr braucht sie; er wird sie aber bald zurückschicken. Das ist aber geschehen, damit erfüllt würde das Wort des Propheten, der da spricht: Saget der Tochter Sion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig, reitend auf einem Esel, und zwar auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttieres (Is 62,11; Zach 9, 9). Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte. Sie brachten die Eselin mit dem Füllen legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Die gewaltige Menge aber breitete ihre Kleider auf den Weg. Andere brachen Zweige von den Bäumen ab und streuten sie auf den Weg. Die Volksscharen, die vorausgingen und nachfolgten, riefen: Hosanna dem Sohne Davids! Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe! (Ps 118, 25. 26.) 10 Bei seinem Einzug in Jerusalem kam die ganze Stadt in Aufregung und sprach: Wer ist dieser? 11 Die Volksscharen aber sagten: Dies ist Jesus, der Prophet von Nazareth in Galiläa. 1-11: Vgl. Mk 11,1-11, Lk 19,29-44; Jo 12,12-19. Vor seinem Leiden duldet Jesus die öffentliche Huldigung, der er früher auswich. Alle sollen wissen, daß er der Messias ist.

 

Im Tempel. 12 Und Jesus ging in den Tempel, trieb hinaus, die im Tempel kauften und verkauften, stieß die Tische der Wechsler und die Stände der Taubenhändler um 13 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus heißen; ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht (Is 56). 14 Es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er machte sie gesund. 15 Da nun die Oberpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er wirkte, und die Kinder, die im Tempel riefen: Hosanna dem Sohne Davids! — wurden sie unwillig 16 und sprachen zu ihm: Hörst du, was diese sagen? Jesus aber sprach zu ihnen: Ja freilich! Habt ihr denn niemals gelesen: Aus dem Munde von Unmündigen und Säuglingen hast du dir Lob bereitet? (Ps. 8, 3.) 17 Er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Bethanien und blieb daselbst über Nacht. 12-17 Vgl. Mk 11,15-19; Lk 19, 45-49; To 2,13-22. Ob Jesus zweimal den Tempel reinigte, ist umstritten. Vielleicht geschah es, wie Johannes erzählt, nur beim ersten Osterfest. Die Synoptiker holen den Bericht nach, weil sie nur von diesem einen Besuch Jesu in Jerusalem ausführlicher melden.

 

Der unfruchtbare Feigenbaum. 18 Als er aber des Morgen in die Stadt zurückkehrte, hungerte ihn. 19 Und er sah einen Feigenbaum am Wege, ging hin und fand nichts an ihm als nur Blätter. Da sprach er zu ihm: Nie mehr soll Frucht auf dir wachsen in Ewigkeit! Und sogleich verdorrte der Feigenbaum. 20 Als die Jünger dies sahen, wunderten sie sich und sprachen: Wie ist der Feigenbaum so plötzlich verdorrt! 21 Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so könnt ihr nicht nur das tun, was an dem Feigenbaum geschah, sondern, wenn ihr zu diesem Berge sagt: Hebe dich fort und stürze dich ins Meer, so wird es geschehen. 22 Und alles, was ihr im Gebete gläubig verlanget, das werdet ihr empfangen. 18-22: Vgl. Mk 11,12-14. 20-25. Das einzige Wunder dieser Art wirkt Jesus, um seine Strafgewalt zu offenbaren und die künftige Verwerfung

 

Streitreden mit den Juden

Vollmachtsfrage. 23 Als er in den Tempel gekommen war und eben lehrte, traten die Oberpriester und Ältesten des Volkes zu ihm und fragten: In welcher Vollmacht tust du dies? Wer hat dir die Vollmacht dazu gegeben? 24 Jesus erwiderte ihnen: Auch ich will euch eine Frage vorlegen; wenn ihr mir diese beantwortet, dann will auch ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich diese Dinge tue. 25 Woher war die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von Menschen? Sie überlegten untereinander: Sagen wir „vom Himmel“, so wird er uns erwidern: Warum habt ihr ihm also nicht geglaubt? 26 Sagen wir aber „von Menschen“, so haben wir das Volk zu fürchten. Denn alle halten den Johannes für einen Propheten. 27 Sie antworteten also Jesus: Wir wissen es nicht. Da sprach er zu ihnen: Nun, so sage ich euch auch nicht, in welcher Vollmacht ich dies tue. 23-27: Vgl. Mk 11,27-33; Lk 20,1-8.

 

Die ungleichen Söhne. 28 Was meint ihr aber davon: Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg. 29 Der antwortete: Jawohl, Herr, ging aber nicht hin. 30 Dann ging er zum zweiten und sprach ebenso. Der entgegnete: Ich mag nicht! Nachher aber reute es ihn, und er ging doch hin. 31 Wer von beiden hat den Willen des Vaters erfüllt? Sie sagten: Der letzte. Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und die Buhlerinnen kommen vor euch in das Reich Gottes. 32 Denn Johannes kam zu euch auf dem Weg der Gerechtigkeit, und ihr habt ihm nicht geglaubt; die Zöllner und Buhlerinnen aber haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen, und gleichwohl seid ihr hernach nicht in euch gegangen, so daß ihr ihm geglaubt hättet. 28-32: Besser ist es, einen bewußten Fehler reumütig zu sühnen, als frommes Getue mit innerer Unwahrhaftigkeit zu verbinden.

 

Das Gleichnis von den bösen Winzern. 33 Höret ein anderes Gleichnis! Es war ein Hausherr, der pflanzte einen Weinberg, umgab ihn mit einem Zaune, grub darin eine Kelter, baute einen Turm, verpachtete ihn an Winzer und verreiste. 34 Als die Zeit der Früchte gekommen war, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte in Empfang zu nehmen. 35 Die Winzer aber ergriffen seine Knechte; den einen schlugen sie, den andern töteten sie, den dritten steinigten sie. 36 Abermals schickte er andere Knechte, und zwar mehr als zuvor; sie machten es ihnen ebenso. 37 Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen und sprach: Vor meinem Sohne werden sie sich scheuen. 38 Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie untereinander: Das ist der Erbe, kommt, wir wollen ihn umbringen, und unser wird sein Erbe sein. 39 Und sie ergriffen ihn, warfen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. 40 Wenn der Herr des Weinbergs kommt, was wird er wohl diesen Winzern tun? 41 Sie sagten zu ihm: Er wird die Elenden elend umbringen und seinen Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm zur rechten Zeit den Ertrag abliefern. 41: Sie ahnen noch nicht, daß sie ihr eigenes Verdammungsurteil sprechen. 42 Da sprach Jesus zu ihnen: Habt ihr niemals in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen, und es ist wunderbar in unsern Augen? (Ps 118,22.23.) 43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volke gegeben werden, das seine Früchte bringt. 44 Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert werden; und auf wen er fällt, den zermalmt er. 45 Als nun die Oberpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, merkten sie, daß er sie meinte. 46 Sie suchten daher Gelegenheit, ihn zu ergreifen, aber sie fürchteten die Volksmassen, weil sie ihn für einen Propheten hielten. 33-46: Vgl. Mk 12,1-12; Lk; 20,9-19.

 

22 Das Gleichnis vom Hochzeitsmahl. Jesus fing abermals an, in Gleichnissen zu ihnen zu reden und sprach: Das Himmelreich ist einem Könige gleich, der seinem Sohne Hochzeit hielt. Er sandte seine Knechte aus, um die zur Hochzeit Geladenen zu rufen; aber sie wollten nicht kommen. Wiederum sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Geladenen: Sehet mein Mahl habe ich bereitet, meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, und alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit! Sie aber achteten nicht darauf und gingen ihre Wege, der eine auf seinen Meierhof, der andere zu seinem Geschäft. Die übrigen aber ergriffen seine Knechte, behandelten sie schmählich und töteten sie. Da geriet der König in Zorn, schickte seine Heere aus, ließ jene Mörder umbringen und ihre Stadt in Brand stecken. Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereitet, aber die Geladenen waren nicht würdig. Geht also hinaus an die Straßenecken und ladet zur Hochzeit, wen immer ihr findet. 10 Seine Knechte gingen hinaus auf die Straßen und brachten alle zusammen, die sie fanden, Böse und Gute, und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen. 11 Da ging der König hinein, um sich die Gäste anzusehen, und sah daselbst einen Menschen, der kein hochzeitliches Kleid anhatte. 12 Und er sprach zu ihm: Freund, wie bist du da hereingekommen, da du kein hochzeitliches Kleid anhast? Dieser aber verstummte. 13 Da sprach der König zu den Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die Finsternis draußen; da wird Heulen und Zähneknirschen sein. 14 Denn viele sind berufen, wenige aber auserwählt. 1-14: Vgl. Lk 14,15-24. Auch dieses Gleichnis weist wie die zwei vorhergehenden auf die Verwerfung Israels und die Berufung der Heiden hin. Die wahre Religion ist nicht mehr an Blut und Rasse der Juden gebunden.

 

Die Steuerfrage. 15 Darauf gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn in einer Rede fangen könnten. 16 Und sie schickten ihre Jünger mit den Herodianern zu ihm und ließen sagen: Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und den Weg Gottes nach der Wahrheit lehrst und dich um niemand kümmerst; denn du siehst nicht auf die Person der Menschen. 17 Sag uns nun: Was meinst du, ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen oder nicht? 18 Jesus erkannte ihre Bosheit und sprach: Was versucht ihr mich, ihr Heuchler? 19 Zeigt mir die Steuermünze! Sie reichten ihm einen Denar hin. 20 Da sprach Jesus zu ihnen: Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift? 21 Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: Gebt also dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! 22 Als sie dies hörten, verwunderten sie sich, verließen ihn und gingen davon.

 

Die Sadduzäer und die Auferstehung. 23 Am gleichen Tage kamen Sadduzäer zu ihm, die behaupten, es gebe keine Auferstehung. Und sie fragten ihn: 24 Meister, Moses hat gesagt: Wenn einer stirbt, ohne ein Kind zu hinterlassen, so soll sein Bruder dessen Weib nehmen und seinem Bruder Nachkommenschaft erwecken (5 Mos 25, 5). 25 Nun waren bei uns sieben Brüder. Der erste nahm ein Weib und starb. Und weil er keine Kinder hatte, hinterließ er sein Weib seinem Bruder. 26 Desgleichen tat auch der zweite und der dritte bis zum siebten. 27 Zuletzt von allen starb auch das Weib. 28 Nun, wem aus diesen sieben wird bei der Auferstehung das Weib angehören? Denn alle haben sie gehabt. 29 Jesus antwortete ihnen: Ihr seid im Irrtum und versteht weder die Schrift noch die Macht Gottes. 30 Denn in der Auferstehung werden sie weder heiraten noch verheiratet werden, sondern sie sind wie die Engel Gottes im Himmel. 31 Was die Auferstehung der Toten betrifft, habt ihr nicht gelesen, was Gott gesagt hat, da er zu euch spricht: 32 Ich bin der Gott Abra­hams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? (2 Mos 3, 6.) Gott ist doch kein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. 23-32 Durch die gebotene Schwagerehe oder Leviratsehe sollte das Aussterben der Familie verhindert und die Witwe versorgt werden. Die Sadduzäer wollen mit dem Beispiel den Auferstehungsglauben lächerlich machen. 33 Da dies die Volksscharen hörten, staunten sie über seine Lehre. 15-33 Vgl. Mk 12,13-27; Lk 20,20-40.

 

Die Frage der Pharisäer über das Hauptgebot. 34 Als die Pharisäer erfuhren, daß er die Sadduzäer zum Schweigen gebracht habe, kamen sie zusammen. 35 Und einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, stellte ihn auf die Probe mit der Frage: 36 Welches Gebot ist das größte im Gesetz? 37 Er aber sprach zu ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Vernunft (5 Mos 6, 5). 38 Dies ist das größte und erste Gebot. 39 Das andere aber ist diesem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3 Mos 19, 18). 40 An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. 34-40 Vgl. Mk 12,28-34 (Lk 10,25-28). Beide Gebote sind gleich, zwei Seiten des einen Gebotes, weil die Nächstenliebe sichtbar gewordene Gottesliebe ist.

 

Die Frage Jesu an die Pharisäer über den Messias. 41 Da nun die Pharisäer versammelt waren, fragte sie Jesus: 42 Was haltet ihr vom Messias, wessen Sohn ist er? Sie sprachen zu ihm: Davids. 43 Da erwiderte er ihnen: Wie nennt ihn aber David im Geiste „Herr“, da er spricht: 44 Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege? (Ps 110, 1.) 45 Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er dann sein Sohn? 46 Und niemand konnte ihm ein Wort erwidern, noch wagte es einer von jenem Tage an, ihn weiter zu fragen. 41-46 Vgl. Mk 12,35-37; Lk 20,41-44. Jesus offenbart seine Gottessohnschaft.

 

Mahnungen und Warnungen 23 Danach richtete Jesus an die Volksscharen und an seine Jünger folgende Rede: Auf dem Stuhle des Moses sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. 3: Jesus unterscheidet das Amt vom Amtsträger. Die Unwürdigkeit eines Amtsträgers entbindet den Untergebenen nicht von der Gehorsamspflicht. Darum haltet und tut alles, was sie euch sagen. Nach ihren Werken aber sollt ihr nicht tun; denn sie sagen es wohl, tun es aber nicht. Sie binden schwere und unerträgliche Lasten und legen sie auf die Schultern der Menschen, wollen sie aber selber mit keinem Finger heben. 4: Die Lasten sind die kleinlichen Vorschriften, die das religiöse Leben zur Qual machten (vgl. Apg 15, 10). Alle ihre Werke tun sie, um von den Leuten gesehen zu werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und ihre Quasten lang. 5: Mit dem Gebetsriemen (Tefilla) wurde beim Beten eine würfelförmige Kapsel, in der vier Bibelstellen, auf Pergament geschrieben, enthalten waren (2 Mos 13,1-10; 13,11-16; 5 Mos 6,4-9; 11, 13-21), auf der Stirn und am linken Oberarm festgebunden (vgl. 5 Mos 6,8). Die Quasten (Zizit) waren an den vier Zipfeln des Obergewandes angebracht (vgl. 4 Mos 15,38f.; Mt 9,20; 14, 36). Sie haben gern die ersten Plätze bei den Gastmählern und die ersten Sitze in den Synagogen. Sie lassen sich gern auf dem Markte grüßen und von den Leuten Meister nennen. Ihr aber sollt euch nicht Meister nennen lassen. Denn einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr keinen von euch auf Erden Vater nennen. Denn einer ist euer Vater, der im Himmel. 10 Und laßt euch nicht Lehrer nennen. Denn einer ist euer Lehrer, der Messias. 11 Wer der Größte unter euch ist, der soll euer Diener sein. 12 Wer sich aber selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. 8-10: Nicht Titel und Rangordnung verbietet Jesus, sondern eitle Titelsucht, die Gott hinter dem Menschen zurücktreten läßt.

 

Weherufe über die Pharisäer. 13 Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt das Himmelreich vor den Menschen. Ihr selbst geht nicht hinein, und ihr laßt auch jene nicht hinein, die hinein wollen. 14 [Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verpraßt die Häuser der Witwen, indes ihr lange Gebete hersagt. Darum wird ein strenges Gericht über euch kommen.] 15 Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr durchzieht Meer und Land, um einen einzigen zum Glaubensgenossen zu machen. und wenn er es geworden, dann macht ihr ihn zum Kind der Hölle, doppelt so schlimm als ihr. 15: Daher der Ausdruck „Proselytenmacherei“. 16 Wehe euch, ihr blinden Wegweiser. Ihr sagt: Wenn jemand beim Tempel schwört, das ist nichts. Wer aber beim Golde des Tempels schwört, der ist gebunden. 17 Ihr Toren und Verblendeten! Was ist denn mehr, das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt? 18 Weiter: Wenn jemand beim Altare schwört, das ist nichts. Wer aber bei der Gabe schwört, die darauf liegt, der ist gebunden. 19 Ihr Verblendeten! Was ist denn größer, die Gabe oder der Altar, der die Gabe heiligt? 20 Wer also beim Altare schwört, der schwört bei diesem und bei allem, was darauf liegt. 21 Und wer beim Tempel schwört, der schwört bei diesem und bei dem, der darin wohnt. 22 Und wer beim Himmel schwört, der schwört beim Throne Gottes und bei dem, der darauf sitzt. 23 Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Pfefferminze, Dill und Kümmel. Was aber das Wichtigste ist vom Gesetz, die Gerechtigkeit, die Barmherzigkeit und die Treue, vernachlässigt ihr. Dieses sollte man tun und jenes nicht lassen! 24 Ihr blinden Wegweiser! Ihr seihet die Mücke, das Kamel aber verschluckt ihr. 25 Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Den Becher und die Schüssel reinigt ihr von außen, inwendig aber sind sie voll Raub und Gier. 26 Du blinder Pharisäer! Mache zuerst das Innere des Bechers und der Schüssel rein, damit auch das Äußere rein werde. 27 Wehe euch ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gleicht übertünchten Gräbern, von außen [vor den Leuten] fallen sie zwar schön in die Augen, inwendig aber sind sie voll Totengebein und allem Unrat. 27: Durch das Tünchen wurden die Grabstätten weithin sichtbar gemacht, damit niemand sie betrete und unrein werde. 28 Geradeso erscheint auch ihr von außen zwar gerecht vor den Menschen, inwendig aber seid ihr voll Heuchelei und Ungerechtigkeit. 29 Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr baut die Gräber der Propheten und ziert die Denkmäler der Gerechten 30 und sagt: Hätten wir in den Tagen unserer Väter gelebt, wir wären an dem Blute der Propheten nicht mitschuldig geworden. 31 So gebt ihr euch selbst das Zeugnis, daß ihr Söhne der Prophetenmörder seid. 32 Macht es nur voll, das Maß eurer Väter! 33 Ihr Schlangen- und Natterngezücht! Wie werdet ihr der Verurteilung zur Hölle entrinnen? 34 Darum seht, ich sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte. Einige aus ihnen werdet ihr töten und kreuzigen, andere von ihnen werdet ihr geißeln in euren Synagogen und von Stadt zu Stadt verfolgen, 35 damit über euch komme alles gerechte Blut, das auf Erden vergossen ward vom Blute des gerechten Abel an bis zum Blute des Zacharias, des Sohnes des Barachias, den ihr zwischen dem Tempel und dem Altar umgebracht habt (1 Mos 4, 8; 2 Chron 24, 20-22). 36 Wahrlich, ich sage euch: Dies alles wird über dieses Geschlecht kommen. 1-36 Vgl. Mk 12,38-40; Lk 11,37-54; 20,45-47. Vor allem Volk reißt Jesus seinen Feinden die Heuchlermaske vom Gesicht. Diese Weherufe sind ein schauerliches Gegenstück zu den acht Seligpreisungen in der Bergpredigt.

 

Weheruf über Jerusalem. 37 Jerusalem, Jerusalem, das du die Propheten mordest und steinigst, die zu dir gesandt worden. Wie oft wollte ich deine Kinder versammeln, wie eine Henne ihre Küch­lein unter ihre Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt! 38 Sehet, euer Haus wird euch verödet überlassen werden. 39 Denn ich sage euch: Von nun an werdet ihr mich nicht mehr sehen, bis ihr sprechet: Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! 37-39: Vgl. Lk 13,34-35. Mit dieser ergreifenden Klage schließt die öffentliche Lehrtätigkeit Jesu ab. Bei der Wiederkehr zum Gericht werden die bekehrten Juden ihn freudig als Messias begrüßen.

 

24 Allgemeine Vorzeichen. Jesus verließ den Tempel und ging fort. Da traten seine Jünger zu ihm, um ihn auf die Bauwerke des Tempels hinzuweisen. Er aber antwortete ihnen: Seht ihr dies alles? Wahrlich, ich sage euch, kein Stein wird hier auf dem andern gelassen werden, der nicht zerstört wird. Als er sich auf dem Ölberg gesetzt hatte, da traten die Jünger allein zu ihm und sprachen: Sag uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen deiner Wiederkunft und des Endes der Welt sein? Jesus antwortete ihnen: Sehet zu, daß euch niemand verführe. Denn viele werden unter meinem Namen kommen und sagen: Ich bin der Messias! Und sie werden viele verführen. Ihr werdet von Kriegen und Kriegszügen hören sehet zu, daß ihr euch nicht verwirren lasset, denn alles dieses muß geschehen, aber es ist noch nicht das Ende. Denn es wird Volk wider Volk und Reich wider Reich aufstehen, und es wird hier und dort Pest, Hunger und Erdbeben geben. Dies alles aber ist nur ein Anfang der Wehen. Alsdann werden sie euch der Drangsal überliefern und euch töten, und ihr werdet verhaßt sein bei allen Völkern um meines Namens willen. 10 Dann werden viele Ärgernis nehmen und einander verraten und einander hassen. 11 Es werden viele falsche Propheten aufstehen und viele verführen. 12 Und weil die Ungerechtigkeit überhand nimmt, wird die Liebe der meisten erkalten. 13 Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden. 14 Und es wird diese Frohbotschaft vom Reiche in der ganzen Welt allen Völkern zum Zeugnisse verkündet werden; alsdann wird das Ende kommen.

 

Vorzeichen der Zerstörung Jerusalems. 15 Wenn ihr nun die grauenhafte Verwüstung, wie sie von dem Propheten Daniel vorhergesagt worden, am heiligen Orte walten sehet, — wer das liest, der merke es wohl (Dan 9, 27)! — 16 dann fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge, 17 wer auf dem Dache ist, der steige nicht herab, um die Sachen aus seinem Hause zu holen: 18 und wer auf dem Felde ist, kehre nicht zurück, um seinen Rock zu holen. 19 Wehe aber den Frauen, die in jenen Tagen ein Kind unter dem Herzen oder an der Brust tragen. 19: Die hoffenden und stillenden Mütter werden besonders schwer unter den Drangsalen zu leiden haben. 20 Betet aber, daß eure Flucht nicht im Winter oder am Sabbat geschehe.

 

Vorzeichen der Wiederkunft Christi. 21 Denn hierauf wird es eine große Trübsal geben, wie es von Anfang der Welt bis jetzt keine gegeben hat, noch je geben wird. 22 Und wenn jene Tage nicht abgekürzt wären, so würde kein Mensch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen werden jene Tage abgekürzt werden. 23 Wenn dann jemand zu euch sagt: Sehet, hier ist der Messias oder: dort! so glaubt es nicht. 24 Denn es werden falsche Messiasse und falsche Propheten auftreten; und sie werden große Zeichen und Wunder tun, um auch die Auserwählten, wenn es möglich wäre, irrezuführen. 24: Diese Scheinwunder werden mit Hilfe Satans gewirkt. 25 Sehet, ich habe es euch vorhergesagt! 26 Wenn man euch also sagt: Sehet, er ist in der Wüste, so geht nicht hinaus; sehet, er ist in den Kammern, so glaubt es nicht. 27 Denn wie der Blitz vom Osten ausgeht und bis zum Westen leuchtet, ebenso wird es auch mit der Ankunft des Menschensohnes sein. 27: Unerwartet, aber allen sichtbar wird der Weltenrichter erscheinen. 28 Wo das Aas ist, da sammeln sich die Geier. 28. Es bedarf keiner Einladung. Jeder wird schnell und sicher an der Richtstätte sein, wie Vögel, die von weitem Beute wittern.

 

Wiederkunft Christi. 29 Sogleich nach der Drangsal jener Tage wird die Sonne verfinstert werden, der Mond wird seinen Schein nicht mehr geben, die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden (Is 13, 10). 30 Hierauf wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen, dann werden alle Geschlechter der Erde weheklagen, und sie werden den Menschensohn kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit großer Macht und Herrlichkeit. 31 Er wird seine Engel senden mit mächtigem Posaunenschall; und sie werden seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern, zusammenbringen.

 

Das Gleichnis vom Feigenbaum. 32 Vom Feigenbaum aber lernet das Gleichnis: Wenn sein Zweig schon zart wird und die Blätter hervorsprossen, wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. 33 So sollt ihr auch, wenn ihr dies alles sehet, merken, daß es nahe vor der Tür ist. 34 Wahrlich, ich sage euch. Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. 35 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. 36 Von jenem Tag aber und jener Stunde hat niemand Kenntnis, auch die Engel des Himmels nicht, nur der Vater allein.

 

Mahnworte. 37 Denn wie in den Tagen des Noe, so wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein. 38 Wie sie nämlich in den Tagen vor der Sintflut aßen und tranken, heirateten und verheirateten, bis zu dem Tage, da Noe in die Arche ging, 39 und nichts merkten, bis die Sintflut kam und alles wegraffte, also wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein. 40 Sind dann zwei auf dem Felde, so wird der eine aufgenommen, der andere zurückgelassen werden. 41 Mahlen zwei auf einer Mühle, so wird die eine aufgenommen, die andere zurückgelassen werden. 40-41: Jeder muß mit innerer Bereitschaft gerüstet sein. Weder gleiches Geschlecht noch gleicher Beruf geben den Ausschlag. Das Mehl auf der Handmühle zu mahlen, war Sache der Frauen. 42 Darum wachet! Denn ihr wißt nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. 42: Immer wieder mahnt der Herr zur Wachsamkeit. Die folgenden Gleichnisse dienen demselben Zweck.

 

Der wachsame Hausvater. 43 Das aber seht ihr ein: Wenn der Hausvater wüßte, zu welcher Nachtstunde der Dieb kommt, so würde er sicherlich wach bleiben und nicht in sein Haus einbrechen lassen. 44 Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht vermutet. 45 Wer ist wohl der getreue und kluge Knecht, den sein Herr über sein Hausgesinde gesetzt hat, daß er ihnen die Speise gebe zur rechten Zeit? 46 Selig ist jener Knecht, den sein Herr bei seiner Ankunft also handeln findet. 47 Wahrlich, ich sage euch: Über alle seine Güter wird er ihn setzen. 48 Wenn aber der böse Knecht bei sich spricht: Mein Herr kommt noch lange nicht, 49 und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen und mit den Trunkenbolden zu essen und zu trinken, 50 so wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, da er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, 51 und wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Teil bei den Heuchlern geben; da wird Heulen und Zähneknirschen sein. 1-51: Vgl. Mk 13,1-37, Lk 21,5-36; 12,25-48; 17,26-35. Diese Rede ist dadurch schwierig zu verstehen, weil manches sich auf das Ende der Welt, anderes auf den Untergang Jerusalems bezieht.

 

25 Das Gleichnis von den Jungfrauen. Dann wird das Himmelreich gleich sein zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam [und der Braut] entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht und fünf klug. Die fünf törichten nahmen zwar ihre Lampen, aber kein Öl mit sich. Die klugen dagegen nahmen mit den Lampen auch Öl in ihren Gefäßen mit. Als der Bräutigam länger ausblieb, wurden alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht erhob sich der Ruf: Der Bräutigam kommt! Hinaus, ihm entgegen! Da standen alle diese Jungfrauen auf und richteten ihre Lampen her. Die törichten sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl; denn unsere Lampen erlöschen. Die klugen antworteten: Es möchte nicht genügen für uns und euch. Geht lieber zu den Krämern und kauft euch. 10 Während sie nun hingingen, um zu kaufen, kam der Bräutigam. Die bereit waren, gingen mit ihm zur Hochzeitsfeier hinein, und die Türe ward verschlossen. 11 Endlich kamen auch die andern Jungfrauen und sagten: Herr, Herr, tu uns auf! 12 Er aber antwortete: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht! 13 Wachet also! Denn ihr wisset weder den Tag noch die Stunde. 1-13: Die Jungfrauen sind Freundinnen der Braut. Den törichten wird ihre Sorglosigkeit zum Verhängnis. Jeder muß selber sein Heil sichern.

 

Das Gleichnis von den Talenten. 14 Denn es wird da gehen wie mit einem Manne, der in die Fremde zog, seine Knechte zu sich rief und ihnen seine Güter übergab. 15 Einem gab er fünf Talente, dem andern zwei, dem dritten aber eines, einem jeden nach seiner Fähigkeit; dann reiste er ab. 16 Sofort ging nun der, welcher die fünf Talente empfangen hatte, hin und handelte damit und gewann andere fünf dazu. 17 Desgleichen gewann auch der, der die zwei erhalten hatte, andere zwei. 18 Der aber eines empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. 19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und hielt Abrechnung mit ihnen. 20 Es kam der, welcher die fünf Talente empfangen hatte, brachte fünf andere Talente und sprach: Herr, fünf Talente hast du mir übergeben, siehe ich habe noch fünf andere dazugewonnen. 21 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und getreuer Knecht! Weil du über weniges treu gewesen bist, so will ich dich über vieles setzen. Geh ein in die Freude deines Herrn! 22 Es kam auch der, welcher die zwei Talente empfangen hatte, und sprach: Herr zwei Talente hast du mir übergeben; siehe, ich habe noch zwei andere dazugewonnen. 23 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und getreuer Knecht! Weil du über weniges treu gewesen bist, so will ich dich über vieles setzen. Geh ein in die Freude deines Herrn! 24 Es kam aber auch der, welcher das eine Talent empfangen hatte, und sprach: Herr, ich weiß, daß du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast. 25 Aus Angst ging ich hin und verbarg dein Talent in der Erde. Siehe, da hast du, was dein ist! 26 Da antwortete ihm sein Herr: Du böser und fauler Knecht! Du wußtest, daß ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. 27 Du hättest also mein Talent auf die Wechselbank bringen sollen, und ich hätte bei meiner Ankunft das Meinige mit Zinsen wiedererhalten. 28 Nehmt ihm also das Talent, und gebt es dem, der die zehn Talente hat. 29 Denn jedem, der da hat, wird gegeben, daß er im Überfluß habe. Wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat, genommen werden. 30 Den unnützen Knecht aber werft hinaus in die Finsternis draußen. Da wird Heulen und Zähneknirschen sein. 14-30: Vgl. 19,11-27. Gott fordert gewissenhafte Berufsarbeit von allen. Nicht die bessere oder geringere Begabung ist entscheidend für den Lohn, sondern die Treue in der Ausnutzung des Empfangenen. Auch Nichtstun ist Sünde.

 

Das Weltgericht. 31 Wenn nun der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommen wird und alle seine Engel mit ihm, dann wird er sich auf seinen herrlichen Thron setzen. 32 Alle Völker werden vor ihm versammelt werden; und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. 33 Die Schafe wird er zu seiner Rechten, die Böcke aber zu seiner Linken stellen. 34 Alsdann wird der König zu denen auf seiner Rechten sagen: Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt Besitz von dem Reich, das euch seit Grundlegung der Welt bereitet ist! 35 Denn ich war hungrig, und ihr habt mich gespeist; ich war durstig, und ihr habt mich getränkt; ich war ein Fremdling, und ihr habt mich beherbergt; 36 (ich war) nackt, und ihr habt mich bekleidet; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten entgegnen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dich gespeist, oder durstig und dich getränkt? 38 Wann haben wir dich als Fremdling gesehen und dich beherbergt, oder nackt und dich bekleidet? 39 Oder wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Der König wird ihnen antworten: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan! 41 Dann wird er auch zu denen auf der Linken sprechen: Weichet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet worden ist! 42 Denn ich war hungrig, und ihr habt mich nicht gespeist; ich war durstig, und ihr habt mich nicht getränkt; 43 ich war ein Fremdling, und ihr habt mich nicht beherbergt; nackt, und ihr habt mich nicht bekleidet; krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht. 44 Dann werden auch sie ihm entgegnen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder als Fremdling oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht gedient? 45 Dann wird er ihnen antworten: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan! 46 Diese werden eingehen in die ewige Pein, die Gerechten aber in das ewige Leben. 32-46: Die Schuld der Verdammten ist, daß sie nichts Gutes taten. Auch wegen anderer Sünden kann sich jemand die Hölle verdienen, wie die Werke der leiblichen Barmherzigkeit allein nicht zur Seligkeit genügen.

 

Jesu Leiden und Tod

 

Das letzte Abendmahl

26 Sitzung des Hohen Rates. Nachdem Jesus alle diese Reden beendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: Ihr wißt, daß nach zwei Tagen Ostern ist; dann wird der Menschensohn ausgeliefert zur Kreuzigung. Damals versammelten sich die Oberpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der Kaiphas hieß. Und sie faßten den Beschluß, Jesus mit List zu ergreifen und zu töten. Sie sagten aber: Nur nicht am Festtage, damit kein Aufruhr unter dem Volke entsteht. 1-5: Vgl. Mk 14,1-2, Lk 22,1-2

 

Die Salbung in Bethanien. Als aber Jesus zu Bethanien, im Hause Simons, des Aussätzigen war, trat eine Frau zu ihm mit einem Gefäß aus Alabaster voll köstlichen Salböls und goß es über sein Haupt aus, da er zu Tische saß. Als das die Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Verschwendung? Denn das hätte man teuer verkaufen und den Armen geben können. 10 Jesus aber merkte es und sprach zu ihnen: Warum kränkt ihr diese Frau? Sie hat ein gutes Werk an mir getan! 11 Denn die Armen habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit. 12 Wenn sie diese Salbe über meinen Leib ausgoß, hat sie es für mein Begräbnis getan. 13 Wahrlich, ich sage euch: Wo immer man in der ganzen Welt diese Frohbotschaft verkünden wird, da wird man auch zu ihrem Andenken sagen, was sie getan hat. 6-13: Vgl. Mk 14,3-9; Jo 12,1-8. Simon der Aussätzige ist vielleicht der Vater der Geschwister Martha, Maria und Lazarus gewesen. Er ist nicht mit dem Pharisäer Simon (Lk 7,36-50) zu verwechseln; Maria ist nicht die Sünderin, die Jesus im Hause dieses Pharisäers salbte.

 

Verrat des Judas. 14 Hierauf ging einer von den Zwölfen, der Judas Iskariot hieß, zu den Oberpriestern 15 und sprach: Was wollt ihr mir geben, wenn ich ihn euch in die Hände liefere? Sie bestimmten ihm dreißig Silberlinge. 16 Von da an suchte er eine Gelegenheit, ihn zu verraten. 14-16: Vgl. Mk 14,10-11; Lk 22,3-6. Der Judaslohn, nach unserem Geld etwa 80 Mk., entsprach der Sühne für die Tötung eines Sklaven.

 

Die Abendmahlsfeier. 17 Am ersten Tage der ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wo willst du, daß wir für dich das Osterlamm bereiten? 18 Jesus aber sprach: Geht in die Stadt zu einem gewissen Mann und sagt ihm: Der Meister spricht: Meine Zeit ist nahe; bei dir will ich mit meinen Jüngern Ostern halten. 19 Die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Ostermahl. 17-19: Vgl. Mk 14,12-16; Lk 22,7-13.

 

Entlarvung des Verräters. 20 Als es Abend geworden war, setzte er sich mit seinen zwölf Jüngern zu Tische. 21 Und da sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten! 22 Da wurden sie sehr betrübt, und einer um den andern fing an zu fragen: Ich bin es doch nicht etwa, Herr? 23 Er antwortete: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. 24 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht. Wehe aber dem Menschen, durch welchen der Menschensohn verraten wird! Jenem Menschen wäre es besser, wenn er nicht geboren wäre. 25 Da sprach Judas, der ihn verriet: Ich bin es doch nicht etwa, Meister? Er antwortete ihm: Du hast's gesagt! 20-25: Vgl. Mk 14,17-21; Lk 22,14-18. 21-23; Jo 13,21-32. Der Verräter Judas hat schon vor der Einsetzung des Allerheiligsten Altarssakramentes den Saal verlassen, hat also nicht mehr die heilige Kommunion und Priesterweihe empfangen.

 

Einsetzung des Allerheiligsten Altarssakramentes. 26 Während des Mahles nahm Jesus Brot, segnete und brach es, gab es seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin (und) esset; das ist mein Leib. 27 Und er nahm einen Kelch, dankte, gab ihn ihnen und sprach: Trinket alle daraus, 28 denn dies ist mein Blut des [Neuen] Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. 29 Ich sage euch aber: Ich werde von nun an nicht mehr trinken von diesem Gewächse des Weinstocks, bis zu jenem Tage, da ich es neu mit euch im Reiche meines Vaters trinken werde. 26-29: Vgl. Mk 14,22-24; Lk 22,19-20, 1 Kor 11,23-26. Der natürliche Sinn der Worte Jesu kann nur von der wirklichen Verwandlung von Brot und Wein in sein gottmenschliches Fleisch und Blut verstanden werden.

 

Voraussage der Verleugnung. 30 Dann stimmten sie den Lobgesang an und gingen hinaus an den Ölberg. 31 Da sagte Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr alle an mir Anstoß nehmen. Denn es steht geschrieben: Ich will den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden zerstreut werden (Zach 13,7). 32 Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch vorausgehen nach Galiläa. 33 Da antwortete ihm Petrus: Wenn auch alle an dir Anstoß nehmen, so werde ich niemals Anstoß nehmen. 34 Jesus sagte zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen! 35 Da sprach Petrus zu ihm: Wenn ich auch mit dir sterben müßte, werde ich dich doch nicht verleugnen. In gleicher Weise sprachen alle Jünger. 30-35: Vgl. Mk 14,27-31; Lk 22,31-34; Jo 13,36-38.

 

Jesus am Ölberg

Jesu Todesangst. 36 Dann kam Jesus mit ihnen in einen Meierhof, Gethsemani genannt, und sprach zu seinen Jüngern: Setzet euch hier, während ich dorthin gehe und bete. 37 Und er nahm den Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus mit und fing an, sich zu betrüben und zu zagen. 38 Dann sprach er zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis in den Tod. Bleibet hier und wachet mit mir. 39 Und er ging ein wenig vorwärts, fiel auf sein Angesicht, betete und sprach: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst. 40 Er kam zu seinen Jüngern, fand sie schlafend und sprach zu Petrus: So habt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen können? 41 Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet! Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach. 42 Wieder ging er hin, zum zweiten Male, betete und sprach: Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht vorübergehen kann, ohne daß ich ihn trinke, so geschehe dein Wille. 43 Und er kam abermals und fand sie schlafend. Denn ihre Augen waren schwer geworden. 44 Da verließ er sie wieder, ging hin und betete zum dritten Male, indem er die nämlichen Worte sprach. 45 Dann kam er zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen: 46 Ihr schlaft und ruht euch aus! Seht, die Stunde ist da, und der Menschensohn wird in die Hände der Sünder überliefert. Stehet auf, lasset uns gehen! Sehet, mein Verräter naht. 36-46: Vgl. Mk 14,32-42; Lk 22,40-46.

 

Gefangennahme Jesu. 47 Und da er noch redete, siehe, da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm ein großer Haufe mit Schwertern und Prügeln, [abgeschickt] von den Oberpriestern und Ältesten des Volkes. 48 Sein Verräter hatte ihnen aber ein Zeichen gegeben und gesagt: Den ich küssen werde, der ist's, den ergreifet! 49 Und sogleich trat er zu Jesus und sprach: Sei gegrüßt, Meister! Und er küßte ihn. 50 Jesus aber sprach zu ihm: Freund, dazu bist du also gekommen? Dann traten sie hinzu, legten Hand an Jesus und ergriffen ihn. 47-50: Vgl. Mk 14,43-52; Lk 22,47-53; Jo 18,2-12. Jesus beweist, daß er ganz frei das Todesleiden auf sich nimmt. 51 Und siehe, einer von denen, welche mit Jesus waren, streckte die Hand aus, zog sein Schwert und schlug auf den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab. 52 Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert, wohin es gehört. Denn alle, die das Schwert ergreifen, kommen durch das Schwert um. 53 Oder meinst du, daß ich meinen Vater nicht bitten könnte, und er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel zu Hilfe schicken? 54 Wie würde dann aber die Schrift erfüllt werden, daß es so geschehen muß? 55 In jener Stunde sagte Jesus zu den Scharen: Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen, mit Schwertern und Prügeln, um mich zu ergreifen. Täglich saß ich im Tempel und lehrte, und ihr habt mich nicht ergriffen. 56 Dies alles aber ist geschehen, damit die Schriften der Propheten erfüllt würden. Da verließen ihn alle Jünger und flohen.

 

Jesus vor seinen Richtern

Jesus vor dem Hohen Rat. 57 Jene aber ergriffen Jesus und führten ihn zu Kaiphas, dem Hohenpriester, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten. 58 Petrus aber folgte ihm von ferne bis zum Palast des Hohenpriesters, ging hinein und setzte sich zu den Dienern, um den Ausgang zu sehen. 59 Die Oberpriester aber und der ganze Rat suchten falsches Zeugnis wider Jesus, um ihn dem Tode zu überliefern. 60 Doch sie fanden keines, obwohl viele falsche Zeugen aufgetreten waren. Zuletzt aber kamen zwei [falsche Zeugen] 61 und sprachen: Dieser hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes niederreißen und ihn in drei Tagen wieder aufbauen. 62 Da stand der Hohepriester auf und sprach zu ihm: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich aussagen? 63 Jesus aber schwieg. Und der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns sagest, ob du der Messias bist, der Sohn Gottes. 64 Jesus antwortete ihm: Du hast es gesagt! Ich sage euch aber: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen. 65 Da zerriß der Hohepriester seine Kleider mit den Worten: Er hat Gott gelästert! Was haben wir noch Zeugen nötig? Sehet, nun habt ihr die Lästerung gehört. 66 Was dünket euch? Sie antworteten: Er ist des Todes schuldig! 67 Dann spien sie in sein Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten, andere aber gaben ihm Backenstreiche 68 und sprachen: Weissage uns, wer ist's, der dich geschlagen hat? 57-68: Vgl. Mk 14,53-65; Lk 22,54. 63-71, Jo 18,24. Das Urteil stand von vornherein fest.

 

Verleugnung des Petrus. 69 Petrus aber saß draußen im Hofe; da trat eine Magd zu ihm und sprach: Du warst auch bei Jesus, dem Galiläer. 70 Er aber leugnete vor allen und sprach: Ich verstehe nicht, was du sagst. 71 Als er zur Torhalle hinausging, sah ihn eine andere Magd und sprach zu denen, die da waren: Auch dieser war bei Jesus, dem Nazarener. 72 Und er leugnete abermals mit einem Schwure: Ich kenne den Menschen nicht. 73 Nach einer kleinen Weile traten die Umstehenden herzu und sagten zu Petrus: Wahrlich, du bist auch einer von jenen; denn auch deine Sprache verrät dich. 74 Da fing er an zu fluchen und zu schwören, daß er diesen Menschen nicht kenne. Und alsbald krähte ein Hahn. 75 Da erinnerte sich Petrus des Wortes Jesu, der gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich. 69-75: Mk 14,66-72; Lk 22,55-62; Jo 18, 15-18. 25-27

 

27 Auslieferung an Pilatus. In der Morgenfrühe faßten alle Oberpriester und Ältesten des Volkes den Beschluß wider Jesus, ihn dem Tode zu überliefern. Sie führten ihn gebunden fort und übergaben ihn dem Landpfleger [Pontius] Pilatus. 1-2: Vgl. Mk 15,1; Lk 23,1; Jo 18,28. Die jüdische Behörde durfte kein Todesurteil ohne Bestätigung des römischen Landpflegers vollstrecken lassen.

 

Das Ende des Judas. Als nun Judas, der ihn verraten hatte, sah, daß er zum Tode verurteilt war, brachte er, von Reue ergriffen, die dreißig Silberlinge den Oberpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe gesündigt, weil ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sagten: Was geht das uns an? Siehe du zu! Da warf er die Silberlinge in den Tempel, entfernte sich, ging hin und erhängte sich [mit einem Stricke]. Die Oberpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: Es ist nicht erlaubt, sie in den Tempelschatz zu legen, denn es ist Blutgeld. Sie hielten nun Rat und kauften dafür den Töpferacker zum Begräbnis für die Fremden. Deswegen heißt dieser Acker [Hakeldama, das heißt] Blutacker bis auf den heutigen Tag. Da erfüllte sich das Wort des Propheten Jeremias: Sie nahmen die dreißig Silberlinge, den Preis, um den die Söhne Israels den Hochgeschätzten eingeschätzt haben, 10 und gaben sie für den Töpferacker, wie mir der Herr aufgetragen hat (Jer 32, 6-9; Zach 11,12.13). 3-10: Vgl. Apg. 1,15-20. Das Geständnis des Verräters hätte sie von der Unschuld Jesu überzeugen müssen. Die Reue des Judas ging nur aus natürlichen Beweggründen hervor; darum führte sie nicht, wie bei Petrus, zur Verzeihung, sondern zum Selbstmord.

 

Jesus vor Pilatus. 11 Jesus aber wurde vor den Landpfleger gestellt, und der Landpfleger fragte ihn: Bist du der König der Juden? Jesus sprach zu ihm: Du sagst es. 12 Da ihn die Oberpriester und Ältesten anklagten, antwortete er nichts. 13 Hierauf sprach Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, welch schwere Anklagen sie gegen dich vorbringen? 14 Aber er antwortete ihm auf keine einzige Frage, so daß der Landpfleger sich sehr verwunderte. 15 Es war aber gebräuchlich, daß der Landpfleger auf den hohen Festtag einen Gefangenen losgab, den das Volk wollte. 16 Nun hatte man damals einen berüchtigten Gefangenen, der Barabbas hieß. 17 Da sie also versammelt waren, sprach Pilatus: Welchen soll ich euch losgeben, den Barabbas oder Jesus, der Christus genannt wird? 18 Denn er wußte, daß sie ihn aus Neid überantwortet hatten. 19 Während er auf dem Richterstuhle saß, ließ ihm seine Frau sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, denn ich habe heute seinetwegen im Traume viel gelitten. 20 Allein die Oberpriester und Ältesten beredeten die Volksmassen, den Barabbas loszubitten, Jesus aber töten zu lassen. 21 Der Landpfleger entgegnete ihnen: Welchen von beiden wollt ihr frei für euch haben? Sie sagten: Den Barabbas! 22 Pilatus fragte sie: Was soll ich denn mit Jesus machen, der Christus genannt wird? Da riefen alle: Er soll gekreuzigt werden! 23 Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie aber schrien noch lauter: Er soll gekreuzigt werden! 24 Da nun Pilatus sah, daß er nichts ausrichte und der Lärm noch größer werde, nahm er Wasser, wusch seine Hände vor dem Volke und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten; sehet ihr zu! 25 Das ganze Volk antwortete und schrie: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! 25: Die entsetzliche Selbstverfluchung zeigt, wohin ein Volk kommen kann, wenn es gewissenlosen Hetzern sein Ohr leiht. 11-25: Vgl. Mk 15,2-14; Lk 23,2-5. 13--23; Jo 18,28-19, 16.

 

Geißelung und Dornenkrönung. 26 Alsdann gab er ihnen den Barabbas los. Jesus aber ließ er geißeln und lieferte ihn aus zur Kreuzigung. 27 Darauf nahmen die Soldaten des Landpflegers Jesus zu sich in das Richthaus und versammelten um ihn die ganze Abteilung. 28 Sie zogen ihn aus und legten ihm einen scharlachroten Mantel um, 29 flochten eine Krone aus Dornen, setzten sie auf sein Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand. Sie beugten das Knie vor ihm und verspotteten ihn mit den Worten: Heil dir, König der Juden! 30 Sie spien ihn an, nahmen das Rohr und schlugen ihn auf das Haupt. 31a Nachdem sie ihn so verspottet hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab, zogen ihm seine Kleider an 31b und führten ihn fort, um ihn zu kreuzigen. 26-31: Vgl. Mk 15,15-20; Jo 19,1-5.

 

Jesus auf Golgotha

Kreuzigung. 32 Als sie hinauszogen, trafen sie einen Mann von Cyrene, mit Namen Simon. Diesen nötigten sie, sein Kreuz zu tragen. 33 Sie kamen an den Ort, welcher Golgotha, das ist Schädelstätte, heißt. 34 Da gaben sie ihm Wein, mit „Galle“ vermischt, zu trinken. Und nachdem er davon gekostet hatte, wollte er nicht trinken. 35 Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider und warfen das Los darüber. [So sollte das Wort des Propheten in Erfüllung gehen: Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und über mein Gewand das Los geworfen (Ps 22 19).] 36 Und sie setzten sich und bewachten ihn. 37 Über sein Haupt hefteten sie eine Inschrift mit der Angabe seiner Schuld: Dieser ist Jesus, der König der Juden. 38 Dann wurden mit ihm zwei Räuber gekreuzigt, einer zur Rechten und der andere zur Linken.

 

Verspottung Jesu am Kreuze. 39 Die Vorübergehenden aber lästerten und schüttelten ihre Köpfe 40 und sagten: Ei, der du den Tempel Gottes zerstörst und ihn in drei Tagen wieder aufbaust, hilf dir selbst! Wenn du der Sohn Gottes bist, steig herab vom Kreuze! 41 Gleicherweise spotteten auch die Oberpriester samt den Schriftgelehrten und Ältesten und sagten: 42 Andern hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen! Ist er König von Israel, so steige er jetzt herab vom Kreuze; dann werden wir an ihn glauben. 43 Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun, wenn er Wohlgefallen an ihm hat. Denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn (Ps 22, 9). 44 Ebenso schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm zusammen gekreuzigt waren. 32-44: Vgl. Mk 15,21-32; Lk 23,26-4; Jo 19,17-27. Jesus kostete ein wenig von dem Wein, um seinen Dank für die gute Absicht der Schmerzenslinderung zu bekunden, aber er wollte ihn nicht trinken, um bei vollem Bewußtsein für uns zu leiden. „Galle“ bedeutet hier bittere Gewürze (vgl. Mk 15,23), wodurch die betäubende Wirkung erhöht wurde. Es war ein Vorrecht edler Frauen, einem Verurteilten diesen Liebesdienst zu erweisen und den Betäubungstrunk zu reichen.

 

Jesu Tod

Seine letzten Worte. 45 Von der sechsten bis zur neunten Stunde aber kam eine Finsternis über das ganze Land. 46 Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabakthani, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Ps 22, 2.) 47 Einige, die dastanden und dies hörten, sprachen: Dieser ruft den Elias. 48 Und alsbald lief einer von ihnen hin, nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig, steckte ihn an ein Rohr und gab ihm zu trinken. 49 Die übrigen aber sagten: Halt, wir wollen sehen, ob Elias kommt, ihn zu retten. 50 Jesus aber rief abermals mit lauter Stimme und gab den Geist auf. 45-50: Vgl. Mk 15,33-37; Lk 23,44-46; Jo 19,28-30. Das Gefühl der Gottverlassenheit war für die Menschennatur Jesu der furchtbarste Schmerz.

 

Wunder beim Tode Jesu. 51 Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriß von oben bis unten in zwei Stücke, die Erde bebte, und die Felsen spalteten sich. 52 Die Gräber öffneten sich, und viele Leiber der Heiligen, die entschlafen waren, standen auf, gingen aus den Gräbern hervor 53 und kamen nach seiner Auferstehung in die heilige Stadt und erschienen vielen. 54 Als der Hauptmann und seine Leute, die Jesus bewachten, das Erdbeben und das, was vorging, sahen, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn! 55 Es standen dort aber auch viele Frauen von ferne, welche Jesus aus Galiläa gefolgt waren, um ihm zu dienen. 56 Unter diesen war Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus und Joseph, und die Mutter der Söhne des Zebedäus. 51-56: Vgl. 15,38-41; Lk 23,45-49.

 

Jesu Begräbnis. 57 Als es nun Abend geworden war, kam ein reicher Mann aus Arimathäa mit Namen Joseph, der auch selbst ein Jünger Jesu war. 58 Dieser ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Da befahl Pilatus, daß man den Leichnam ausliefere. 59 Und Joseph nahm den Leichnam, wickelte ihn in reine Leinwand 60 und legte ihn in sein neues Grab, das er in einem Felsen hatte aushauen lassen. Vor den Eingang des Grabes wälzte er einen großen Stein und ging weg. 61 Maria Magdalena aber und die andere Maria blieben da und saßen dem Grabe gegenüber. 57-61: Vgl. Mk 15,42-47: Lk 23,50-56; Jo 19,38-42.

 

Die Wache am Grabe. 62 Des andern Tages nun, der auf den Rüsttag folgte, versammelten sich die Oberpriester und Pharisäer bei Pilatus 63 und sprachen: Herr, wir haben uns erinnert, daß jener Verführer, als er noch lebte, gesagt hat: Nach drei Tagen werde ich auferstehen. 64 Befiehl also, das Grab bis auf den dritten Tag sicher zu bewachen. Sonst könnten seine Jünger kommen, ihn stehlen und dem Volke sagen: Er ist von den Toten auferstanden. So würde der letzte Betrug ärger als der erste. 65 Pilatus sprach zu ihnen: Ihr sollt eine Wache haben! Gehet, sorget für Sicherheit nach eurem Gutdünken. 66 Sie aber gingen hin und sicherten das Grab, indem sie den Stein versiegelten im Beisein der Wache. 62-66: Gegen ihren Willen sind die Feinde Jesu zu Kronzeugen der wahren Auferstehung des Gekreuzigten geworden.

 

Die Auferstehung

28 Die Frauen am Grabe. Nach dem Sabbat aber, als am ersten Tage der Woche der Morgen anbrach, kam Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es entstand ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn stieg vom Himmel nieder, trat hinzu, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Sein Anblick aber war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee. Die Wächter erbebten aus Furcht vor ihm und wurden wie tot. Der Engel aber nahm das Wort und sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, daß ihr Jesus, den Gekreuzigten, suchet. Er ist nicht hier. Er ist nämlich auferstanden, wie er gesagt hat. Kommet und sehet den Ort, wo er gelegen hat. Nun geht eilends und saget seinen Jüngern, daß er auferstanden ist. Sehet, er geht euch voraus nach Galiläa, daselbst werdet ihr ihn sehen. Sehet, ich habe es euch gesagt. Sie gingen eilends mit Furcht und großer Freude von dem Grab hinweg und liefen, um es seinen Jüngern zu verkünden. Und siehe, Jesus begegnete ihnen und sprach: Seid gegrüßt! Sie aber traten hinzu und umfaßten seine Füße und beteten ihn an. 10 Jesus sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Gehet hin und verkündet es meinen Brüdern, daß sie nach Galiläa gehen; dort werden sie mich sehen. 1-10: Vgl. Mk 16,1-11; Lk 24,1-11; Jo 20,1-18. „Die andere Maria“ ist die Frau des Kleophas, die Mutter der „Brüder Jesu“.

 

Die Wächter bestochen. 11 Als diese nun hingegangen waren, da kamen einige von der Wache in die Stadt und meldeten den Oberpriestern alles, was sich zugetragen hatte. 12 Diese versammelten sich mit den Ältesten, hielten Rat, gaben den Soldaten viel Geld 13 und sprachen: Saget: Seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, da wir schliefen. 14 Und wenn dieses dem Landpfleger zu Ohren kommen sollte, so wollen wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, daß ihr nichts zu befürchten braucht. 15 Sie nahmen das Geld und taten, wie man sie angewiesen hatte; und es verbreitete sich dieses Gerede unter den Juden bis auf den heutigen Tag. 11-15: Die teure Bestechung hätten sie sich erspart, wenn sie anders die Tatsache der Auferstehung hätten widerlegen können.

 

Jesus erscheint den Aposteln. 16 Die elf Jünger aber gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin sie Jesus beschieden hatte. 17 Und da sie ihn sahen, beteten sie ihn an; einige aber zweifelten. 18 Jesus trat hinzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und machet alle Völker zu Jüngern und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie alles halten, was ich euch befohlen habe. Und sehet, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt. 16-20: Vgl. Mk 16,15-18. Im Bewußtsein göttlicher Vollmacht überträgt Christus seinen Aposteln und ihren Nachfolgern bis zum Weltende das Lehramt, Priesteramt und Hirtenamt.

 

 

Das Evangelium nach Markus

 

Einleitung.

Markus, mit dem vollen Namen Johannes Markus, war jüdischer Abstammung und scheint in Jerusalem beheimatet gewesen zu sein, wo das Haus seiner Mutter Maria als Versammlungsort der Christen genannt wird (Apg 12, 12). Mit seinem Vetter Barnabas begleitete er den Apostel Paulus auf der ersten Missionsreise, kehrte aber in Perge um, wahrscheinlich durch die großen Schwierigkeiten entmutigt (Apg 13,5. 13). Darum weigerte sich Paulus, ihn auf der zweiten Missionsreise mitzunehmen (Apg 15, 37). Später aber weilte Markus wieder bei dem gefangenen Apostel in Rom (Kol 4,10, Phlm 24). Der heilige Petrus nennt ihn seinen Sohn (1 Petr 5 13), wohl weil er ihn getauft hatte. Über das Wirken des Evangelisten nach der Hinrichtung der beiden Apostelfürsten fehlen uns nähere Nachrichten. Seit Eusebius gilt er als erster Bischof von Alexandrien in Ägypten. Die Kirche verehrt ihn am 25. April als Märtyrer. Über seinen nach Venedig überführten Reliquien wurde dort im 10. Jahrhundert der herrliche Markusdom erbaut. Schon die älteste Überlieferung nennt Markus den „Schüler und Dolmetsch des Petrus“ und bringt sein Evangelium in engere Beziehung zur Predigt des Apostelfürsten. Dem entsprechen auch der Inhalt und die Eigenart des zweiten Evangeliums. Es ist in erster Linie für heidenchristliche Leser bestimmt und will sie davon überzeugen, daß in dem großen Wundertäter Jesus von Nazareth der Sohn Gottes auf Erden erschienen ist. Nach kurzem Bericht über die Einführung Jesu in sein Amt durch den Vorläufer und die Gotteserscheinung bei der Taufe (1,1-13) schildert Markus das öffentliche Wirken Jesu in Galiläa (1,14-9, 50), in Judäa und Jerusalem (10,1-13, 37) und erzählt dann die Leidens- und Verklärungsgeschichte des Herrn (14,1-16, 20).

 

Das Evangelium wurde zu Rom geschrieben, wahrscheinlich zwischen 55-60, weil es jünger ist als das aramäische Matthäusevangelium, aber älter als dessen griechische Übersetzung und älter als das Lukasevangelium.

 

Vorgeschichte

1 Johannes der Täufer. Die frohe Botschaft von Jesus Christus dem Sohne Gottes, beginnt, wie es geschrieben steht beim Propheten Isaias: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, daß er deinen Weg bereite. Stimme eines Herolds in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, machet gerade seine Pfade! (Is 40 3, Mal 3, 1.) Johannes der Täufer trat in der Wüste auf und predigte eine Taufe der Bekehrung zur Vergebung der Sünden. Das ganze Judenland und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus, ließen sich von ihm taufen im Jordanfluß und bekannten ihre Sünden. Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüfte; er nährte sich von Heuschrecken und wildem Honig. 6: Johannes trug nicht ein Gewand aus Kamelfell, sondern ein rauhes, aus Kamelhaar gewirktes Kleid. Gedörrte Heuschrecken und der Honig wilder Bienen bilden heute noch zuweilen die Kost armer Leute im Orient. Er predigte also: Ein Stärkerer als ich kommt nach mir; ich bin nicht würdig, mich niederzubücken, um seine Schuhriemen aufzulösen. Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geiste taufen. 2-8: Vgl. Mt 3,1-12; Lk 3,1-20. Die Johannestaufe tilgte die Sünden nicht wie das Sakrament der Taufe, deren Vorbild sie war. Gott verzieh denen, die sich Taufen ließen, die Sünden wegen ihrer Reue.

 

Taufe und Versuchung Jesu. Und es begab sich in jenen Tagen, daß Jesus von Nazareth in Galiläa kam und von Johannes im Jordan getauft wurde. 10 Sobald er aus dem Wasser heraufstieg, sah er, wie der Himmel sich öffnete und der Geist gleich einer Taube auf ihn herabschwebte [und über ihm blieb]. 11 Eine Stimme erscholl vom Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich mein Wohlgefallen! 9-11: Vgl. Mt 3,13-17; Lk 3,21-22

 

12 Alsbald trieb ihn der Geist hinaus in die Wüste. 13 Dort war er vierzig Tage [und vierzig Nächte] und wurde vom Satan versucht. Er lebte unter den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm. 12-13: Vgl. Mt 4,1-11; Lk 4,1-13.

 

Wirksamkeit Jesu in Galiläa

 

Erfolge und Widerstände

Die ersten Jünger. 14 Nach der Gefangennahme des Johannes kam Jesus nach Galiläa und predigte die frohe Botschaft [vom Reiche] Gottes. 15 Er sprach: Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes hat sich genaht. Bekehret euch und glaubet an die frohe Botschaft! 14-15: Vgl. Mt 4,12-17; Lk 4,14-15; Jo 3,22-24; 4, 1-2. 16 Als er am galiläischen See dahinzog, sah er den Simon und dessen Bruder Andreas eben ihre Netze in den See auswerfen, denn sie waren Fischer. 17 Jesus sprach zu ihnen: Kommt, folget mir nach, und ich will euch zu Menschenfischern machen! 18 Sofort verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach. 19 Als er von da ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und dessen Bruder Johannes, die eben auch im Schiffe die Netze herrichteten. 20 Er berief sie alsogleich. Sie ließen ihren Vater Zebedäus mitsamt den Taglöhnern im Schiffe und folgten ihm. 16-20: Vgl. Mt 4,18-22; Lk 5,1-11. Weil Zebedäus einen eigenen Fischerkahn besaß und Tagelöhner beschäftigte, gehörten die Apostel Johannes und Jakobus nicht zu den ärmsten Volksschichten.

 

Heilung eines Besessenen. 21 Sie gingen nach Kapharnaum hinein, und sogleich am Sabbat begab sich Jesus in die Synagoge und lehrte. 22 Sie waren betroffen über seine Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Macht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten. 23 In ihrer Synagoge war gerade ein Mann, der einen unreinen Geist hatte. Dieser schrie: Ha! 24 Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu verderben. Ich weiß, wer du bist: Der Heilige Gottes. 25 Jesus aber drohte ihm und sprach: Verstumme und fahre aus von ihm! 26 Der unreine Geist riß ihn hin und her und fuhr mit lautem Geschrei von ihm aus. 27 Da fragten alle untereinander voll Verwunderung: Was ist das? Das ist eine neue Lehre mit Vollmacht! Er gebietet sogar den unreinen Geistern, und sie gehorchen ihm! 28 Der Ruf von ihm verbreitete sich alsbald überall in der ganzen Umgegend von Galiläa. 21-28: Vgl. Lk 4,31-37. Markus berichte mit Vorliebe von der Macht Jesu über die Dämonen.

 

Im Hause des Petrus. 29 Er verließ die Synagoge und begab sich gleich mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas. 30 Die Schwiegermutter des Simon aber lag darnieder am Fieber. Und sogleich redeten sie ihretwegen mit ihm. 31 Er trat hinzu, nahm sie bei der Hand und richtete sie auf; sofort verließ sie das Fieber, und sie bediente sie. 32 Am Abend nach Sonnenuntergang brachte man zu ihm alle Kranken und Besessenen. 33 Die ganze Stadt war vor der Türe versammelt. 34 Er machte viele gesund, die mit allerlei Krankheiten geplagt waren, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden, weil sie ihn erkannten. 29-34: Vgl. Mt 8,14-17; Lk 4,38-41

 

Wanderungen in Galiläa. 35 Des Morgens, noch tief in der Nacht, stand er auf und ging hinaus an einen einsamen Ort und betete daselbst. 36 Simon und seine Begleiter eilten ihm nach. 37 Als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Alle suchen dich! 38 Er antwortete ihnen: Laßt uns anderswohin in die nächstgelegenen Dörfer und Städte gehen, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich ausgezogen. 39 So wanderte er durch ganz Galiläa, predigte in ihren Synagogen und trieb die bösen Geister aus. 35-39: Vgl. Mt 4,23; Lk 4,42-44. Jesu Beispiel zeigt uns, daß auch ein vollbesetztes Tagewerk noch Zeit zum Verkehr mit Gott im Gebete läßt.

 

Heilung eines Aussätzigen. 40 Ein Aussätziger kam zu ihm, bat ihn, fiel auf die Knie und sprach zu ihm: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. 41 Voll Erbarmen streckte Jesus seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will, sei rein! 42 Da wich sogleich der Aussatz von ihm, und er ward rein. 43 Er fuhr ihn an und wies ihn alsbald fort und sprach zu ihm: 44 Hüte dich, jemand etwas davon zu sagen. Geh vielmehr hin, zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Moses befohlen hat, ihnen zum Zeugnis (3 Mos 14, 2). 45 Als er aber fortgegangen war, fing er an, das Geschehene eifrig zu verkünden und auszubreiten. So konnte Jesus nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen, sondern blieb draußen an einsamen Orten. Aber sie kamen zu ihm von überallher. 40-45: Vgl. Mt 8,1-4; Lk 5,12-16

 

2 Heilung des Gichtbrüchigen. Nach einigen Tagen kam er wieder nach Kapharnaum hinein. Als man hörte, daß er zu Hause sei, kamen viele zusammen, so daß sie auch draußen vor der Tür keinen Platz hatten. Und er predigte ihnen das Wort. Da brachte man zu ihm einen Gelähmten, der von vier Männern getragen wurde. Weil sie ihn der Volksmenge wegen nicht vor ihn bringen konnten, deckten sie das Dach ab, dort, wo er war, und durch die Öffnung ließen sie das Bett, auf dem der Gelähmte lag, hinab. Als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Kind, deine Sünden sind dir vergeben! Daselbst saßen aber einige Schriftgelehrte? die in ihrem Herzen dachten: Wie kann dieser so sprechen? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein? Jesus erkannte sogleich diese ihre Gedanken in seinem Geiste und sprach zu ihnen: Warum denkt ihr so in euren Herzen? Was ist leichter zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und wandle? 10 Damit ihr aber wisset, daß der Menschensohn auf Erden Macht hat, Sünden zu vergeben, so — dabei wandte er sich an den Gelähmten — 11 sage ich dir: Steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 12 Da stand er auf, nahm sogleich sein Bett und ging vor aller Augen weg. Alle gerieten außer sich, priesen Gott und sprachen: So etwas haben wir noch niemals gesehen! 1-12: Vgl. Mt 9,1-8, Lk 5,17-26. Die niedrigen Häuser hatten meist eine Außentreppe, die auf das flache Dach führte.

 

Berufung des Matthäus. 13 Er ging abermals an den See hinaus, und alles Volk kam zu ihm, und er lehrte sie. 14 Im Vorbeigehen sah er den Levi, den Sohn des Alphäus, an der Zollstätte sitzen. Er sprach zu ihm: Folge mir nach! Er stand auf und folgte ihm. 15 Und es geschah, als er in dessen Haus zu Tische saß, waren auch viele Zöllner und Sünder zugleich mit Jesus und seinen Jüngern zu Tische; denn es waren viele, und sie pflegten ihm nachzufolgen. 16 Als die Schriftgelehrten aus dem Kreise der Pharisäer sahen, daß er mit Sündern und Zöllnern aß, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum ißt und trinkt er mit den Zöllnern und Sündern? 17 Als Jesus dies hörte, entgegnete er ihnen: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder. 13-17: Vgl. Mt 9,9-13; Lk 5,27-32. Die am See Genesareth entlang führende Handelsstraße und die Nähe mehrerer Landesgrenzen erklärt die große Zahl der anwesenden Zöllner.

 

Vom Fasten. 18 Die Jünger des Johannes und die Pharisäer hatten Fasttag. Da kam man zu Jesus und fragte ihn: Warum fasten die Jünger des Johannes und der Pharisäer, deine Jünger aber fasten nicht? 19 Jesus erwiderte ihnen: Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten. 20 Es werden aber Tage kommen, da ihnen der Bräutigam genommen wird; dann, an jenem Tage, werden sie fasten. 21 Niemand setzt ein Stück von ungewalktem Tuch auf ein altes Kleid, sonst reißt das Flickstück davon ab, das Neue vom Alten, und der Riß wird größer. 22 Auch gießt niemand neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche, der Wein [läuft aus] und die Schläuche gehen zugrunde. Neuer Wein gehört vielmehr in neue Schläuche. 22: Im Neuen Bund herrscht ein anderer Geist als im Alten. 18-22: Vgl. Mt 9,14-17; Lk 5,33-39. Es handelte sich um einen privaten Fasttag. Jesus ist der Bräutigam, der um die Menschheit als Braut wirbt während seines Erdenlebens.

 

Vom Sabbat. 23 Ein anderes Mal ging der Herr am Sabbat durch die Saatfelder, und seine Jünger pflückten unterwegs Ähren ab. 24 Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Siehe, warum tun sie am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25 Er entgegnete ihnen: Habt ihr niemals gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn und seine Begleiter hungerte? 26 Wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abiathar in das Haus Gottes ging und die Schaubrote aß, die niemand essen durfte als die Priester, und wie er seinen Begleitern davon gab? (1 Sm 21, 6.) 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Sabbats willen! 28 Darum ist der Menschensohn auch Herr über den Sabbat. 23-28: Vgl. Mt 12,1-8; Lk 6,1-5. Die Antwort Jesu verrät göttliches Selbstbewußtsein.

 

3 Heilung am Sabbat. Er ging wieder einmal in die Synagoge. Daselbst war ein Mann mit einer verdorrten Hand. Sie beobachteten ihn, ob er ihn am Sabbat heilen werde, damit sie ihn anklagen könnten. Da sprach er zu dem Manne mit der verdorrten Hand: Steh auf, komm her in die Mitte! Und er sprach zu ihnen: Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder zugrunde gehen zu lassen? Sie aber schwiegen. Zornig sah er sie ringsum an, betrübt über die Verstocktheit ihres Herzens, und sprach zu dem Manne: Strecke deine Hand aus! Er streckte sie aus, und seine Hand ward wieder gesund. Die Pharisäer aber gingen hinaus und hielten sogleich mit den Herodianern Rat wider ihn, wie sie ihn umbringen könnten. 1-6: Vgl. Mt 12,9-14; Lk 6,6-11.

 

Jesu Tätigkeit am See Genesareth

Zulauf und Heilungen. Jesus aber ging mit seinen Jüngern weg an den See. Und viel Volk von Galiläa und Judäa folgte ihm. Auch von Jerusalem und Idumäa und von jenseits des Jordans und aus der Gegend von Tyrus und Sidon kam eine große Menge zu ihm, als sie von all seinen Taten hörten. Da sagte er zu seinen Jüngern, es solle wegen der Volksmenge ein Schifflein für ihn bereitgehalten werden, damit sie ihn nicht erdrückten. 10 Denn er heilte viele, so daß alle, die mit Leiden behaftet waren, sich an ihn herandrängten, um ihn zu berühren. 11 Wenn die unreinen Geister ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist der Sohn Gottes! 12 Er aber drohte ihnen heftig, daß sie ihn nicht bekannt machen sollten. 7-12: Vgl. Mt 12,15-16; Lk 6,17-19. Jesus will kein unnötiges Aufsehen erregen, erst recht nicht durch teuflische Mithilfe.

 

Wahl der Apostel. 13 Er stieg auf den Berg und berief die zu sich, die er selbst wollte. Und sie kamen zu ihm. 14 Und er bestellte die Zwölf, daß sie bei ihm seien, und daß er sie zum Predigen ausschicke 15 und daß sie die Vollmacht hätten, [die Krankheiten zu heilen und] die bösen Geister auszutreiben. 16 Er bestellte die folgenden zwölf: Dem Simon gab er den Namen Petrus; 17 Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, den Bruder des Jakobus, denen er den Namen Boanerges, das heißt Donnersöhne, gab; 18 Andreas, Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Thomas, Jakobus, den Sohn des Alphäus, Thaddäus, Simon, den Kananäer, 19 und Judas Iskariot, der sein Verräter wurde. 13-19: Vgl. Mt 10,1-4; Lk 6,12-16. Der Name „Donnersöhne“ kennzeichnet das stürmische Temperament und beweist, daß auch „der Jünger der Liebe“ kein weichlicher, süßlicher Mensch war, wie ihn oft die Kunst darstellt.

 

Falsche Urteile über Jesus. 20 Als er nach Hause kam, versammelte sich wieder das Volk, so daß sie nicht einmal essen konnten. 21 Da die Seinen dies hörten, gingen sie hin, um sich seiner zu bemächtigen. Denn sie sagten: Er ist außer sich. 22 Die Schriftgelehrten aber, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er hat den Beelzebul, und: Durch den obersten der Teufel treibt er die Teufel aus. 23 Da rief er sie herbei und redete mit ihnen in Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben? 24 Wenn ein Reich in sich gespalten ist, so kann jenes Reich nicht bestehen. 25 Und wenn ein Haus in sich gespalten ist, so kann jenes Haus nicht bestehen. 26 Wenn nun der Satan gegen sich selbst aufsteht, so ist er entzweit und wird nicht bestehen können, sondern es ist mit ihm zu Ende. 27 Niemand aber kann in das Haus des Starken kommen und sein Hausgerät rauben, wenn er nicht zuvor den Starken bindet. Dann erst wird er sein Haus plündern. 28 Wahrlich, ich sage euch: Alle Sünden werden den Menschenkindern vergeben und alle Lästerungen, die sie ausstoßen mögen. 29 Wer aber wider den Heiligen Geist lästert, der wird in Ewigkeit keine Vergebung erhalten, sondern ist ewiger Sünde schuldig. 29: Der Heilige Geist ist der Spender aller Gnade und der Geist der Wahrheit. Wer bewußt seiner Gnade widersteht und gegen die Wahrheit mit Lüge kämpft, ist keiner Reue fähig. 30 Denn sie sagten: Er hat einen unreinen Geist. 20-30: Vgl. Mt 12,22-37. 43-45, Lk 11,14-32. Die Anhänger Jesu fürchten, er mute sich zuviel zu. Ihre Sorge ist gut gemeint. Das Urteil: „Er ist außer sich“ kann sich aber auch auf das unvernünftige drängende Volk beziehen und muß dann übersetzt werden: „Es (das Volk) ist außer sich.“ Das Urteil der Schriftgelehrten dagegen geht aus Bosheit hervor.

 

Die Verwandten Jesu. 31 Nun kamen seine Mutter und seine Brüder. Sie blieben draußen stehen, schickten zu ihm hinein und ließen ihn rufen. 32 Das Volk saß um ihn her. Man sagte ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder sind draußen und suchen dich. 33 Da antwortete er ihnen: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? 34 Und er schaute auf die, welche rings um ihn her saßen, und sprach: Sehet da meine Mutter und meine Brüder. 35 Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter. 31-35: Vgl. Mt 12,46-50; Lk 8,19-21. Die Bindung an den Willen Gottes muß stärker sein als die Liebe zu den leiblichen Verwandten. Über „Brüder Jesu“ vgl. die Anmerkung zu Mt 12,46.

 

Gleichnisse

4 Das Gleichnis vom Sämann. Jesus fing abermals an, am See zu lehren, und es sammelte sich viel Volk um ihn. Darum stieg er in einen Kahn und saß in ihm auf dem See. Das ganze Volk aber war auf dem Lande am See. Er lehrte sie vieles in Gleichnissen und sprach zu ihnen in seinen Unterweisungen: Höret! Siehe, der Sämann ging aus, zu säen. Beim Säen fiel einiges an den Weg, und die Vögel des Himmels kamen und fraßen es auf. Einiges fiel auf felsigen Grund, wo es nicht viel Boden hatte. Es ging zwar schnell auf, weil es keinen tiefen Boden hatte. Als aber die Sonne höher stieg, wurde es versengt und verdorrte, weil es keine Wurzel hatte. Einiges fiel unter die Dornen. Die Dornen wuchsen auf und erstickten es, und es brachte keine Frucht. Anderes endlich fiel in gutes Erdreich, ging auf, wuchs und brachte Frucht, dreißig-, sechzig-, ja hundertfältig. Und er rief aus: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

 

10 Als er allein war, fragte ihn seine Umgebung samt den Zwölfen über die Gleichnisse. 11 Er sprach zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Gottesreiches gegeben; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen dargeboten, 12 damit sie sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen vergeben werde. 11-12: Jesus wollte durch seine Gleichnisreden die Menschen nicht verstocken, auch keine bekannten Wahrheiten verhüllen. Aber die Geheimnisse des Gottesreiches legte er dem Volke in der Hülle eines Gleichnisses vor. Wer guten Willens war, vermochte ihren tiefen Sinn zu finden. 13 Und er sprach zu ihnen: Versteht ihr dieses Gleichnis nicht, wie werdet ihr dann alle Gleichnisse begreifen? 14 Der Sämann sät das Wort. 15 Am Wege hin wird das Wort gesät bei denen, die es zwar hören; dann kommt aber sogleich der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät ist. 16 Ähnlich geartet sind die, bei denen auf felsigen Grund gesät wird, hören sie es, so nehmen sie es alsbald mit Freuden auf. 17 Sie haben aber keine Wurzel in sich und halten nur eine Zeitlang aus. Wenn dann um des Wortes willen Trübsal und Verfolgung kommen, fallen sie gleich ab. 18 Andere, wo unter die Dornen gesät wurde, sind jene, welche das Wort zwar hörten, 19 aber die Sorgen der Welt, der trügerische Reichtum und die Begierden nach den übrigen Dingen schleichen sich ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. 20 Auf gutes Erdreich endlich wurde gesät bei denen, die das Wort hören und aufnehmen und Frucht bringen, dreißig-, sechzig-, ja hundertfältig. 1-20: Vgl. Mt 13,1-23; Lk 8,4-15.

 

Andere Gleichnisse. 21 Und er sprach zu ihnen: Läßt man sich etwa ein Licht bringen, um es unter den Scheffel oder unter das Bett zu stellen, und nicht dazu, daß man es auf den Leuchter stelle? 22 Denn nichts ist verborgen, was nicht offenbar werden, und nichts geschieht geheim, was nicht an den Tag kommen soll. 23 Wer Ohren hat zu hören, der höre!

 

24 Weiter sprach er zu ihnen: Merket wohl, was ihr höret! Mit dem Maße, mit dem ihr ausmesset, wird euch eingemessen werden, ja es wird euch noch dazugegeben werden. 25 Denn wer hat, dem wird gegeben. Wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen werden, was er hat. 21-25: Vgl. Lk 8,16-18. Die Religion muß auch nach außen sich bekunden und das ganze Leben erfassen. Treues Mitwirken zieht neue Gnaden nach sich; der Nachlässige (= wer nicht hat) verliert bald alles.

 

Das Gleichnis vom Samen auf dem Ackerfeld. 26 Wiederum sprach er: Mit dem Reiche Gottes ist es, wie wenn ein Mann Samen auf das Ackerland streut. 27 Er mag schlafen oder aufstehen, bei Tag und bei Nacht, der Same keimt und wächst auf, ohne daß er es selber weiß. 28 Denn die Erde trägt von selbst Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, endlich die volle Frucht in der Ähre. 29 Und wenn die Frucht es gestattet, legt er alsbald die Sichel an; denn die Ernte ist da. 26-29 Christus hat den Samen des Gotteswortes auf Erden ausgestreut und läßt ihn wachsen aus innerer Kraft bis zur Ernte beim Weltgericht.

 

Das Gleichnis vom Senfkorn. 30 Er fuhr fort: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen oder unter welchem Bilde es darstellen? 31 Es ist wie ein Senfkörnlein. Wenn dieses in die Erde gesät wird, ist es das kleinste unter allen Samenkörnern auf der Erde. 32 Ist es aber gesät, so wächst es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt so große Zweige, daß die Vögel des Himmels unter seinem Schatten wohnen können.

 

33 In vielen solchen Gleichnissen predigte er ihnen das Wort, je nach ihrer Fassungskraft. 34 Ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen. Wenn sie aber allein waren, legte er seinen Jüngern alles aus. 30-34: Vgl. Mt 13,31-32. 34-35, Lk 13,18-19. Das Senfkorn ist das kleinste unter den damals in Palästina verwendeten Saatkörnern.

Wunder

Der Sturm auf dem Meere. 35 Am Abend jenes Tages sagte er zu ihnen: Laßt uns hinüberfahren an das andere Ufer! 36 Sie entließen das Volk und nahmen ihn, so wie er war, im Schiffe mit; und andere Schiffe begleiteten ihn. 37 Ein gewaltiger Sturm erhob sich und warf die Wellen in das Schiff, so daß es sich mit Wasser füllte. 38 Er aber war hinten im Kahne und schlief auf einem Kissen. 39 Sie weckten ihn auf mit dem Rufe: Meister, liegt dir nichts daran, daß wir untergehen? Er stand auf, gebot dem Winde und sprach zum See: Sei still, verstumme! Da legte sich der Wind, und es wurde ganz still. 40 Er sprach zu ihnen: Was seid ihr denn so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? 41 Sie fürchteten sich sehr und sprachen zueinander: Wer ist doch dieser, daß ihm Wind und See gehorchen! 35-41: Vgl. Mt 8,18. 23-27, Lk 8,22-25.

 

5 Heilung des Besessenen. Sie kamen über den See hinüber in die Landschaft der Gerasener. Als er aus dem Schifflein stieg, lief ihm sogleich von den Grabhöhlen her ein Mann mit einem unreinen Geist entgegen. Dieser hatte seinen Aufenthalt in den Grabhöhlen, und bisher konnte man ihn nicht einmal mit Ketten binden. Denn schon oft war er mit Fußfesseln und Ketten gefesselt worden, aber die Ketten waren von ihm zerrissen und die Fußfesseln zerrieben worden, und niemand konnte ihn bändigen. Immerfort, Tag und Nacht, hielt er sich in den Grabhöhlen und im Gebirge auf, schrie und schlug sich selbst mit Steinen. Als er Jesus von ferne sah, lief er hin, warf sich vor ihm nieder und schrie mit lauter Stimme: Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Denn er sprach zu ihm: Fahre aus von diesem Menschen, unreiner Geist! Er fragte ihn auch: Wie heißest du? Er antwortete ihm: Legion ist mein Name; denn wir sind viele. 10 Er bat ihn inständig, er möchte sie nicht aus dieser Gegend vertreiben. 11 Es war aber dort am Berge eine große Schweineherde auf der Weide. 12 Die Geister baten ihn: Jage uns in die Schweine, laß uns in sie fahren! 13 Er gestattete es ihnen sogleich. Da fuhren die unreinen Geister aus und fuhren in die Schweine. Die Herde stürzte sich den Abhang hinunter in den See, an zweitausend, und sie ertranken im See. 14 Ihre Hirten aber flohen davon und meldeten es in der Stadt und auf den Gehöften. Und die Leute gingen hinaus, um zu sehen, was geschehen war. 15 Sie kamen zu Jesus und sahen den Besessenen, der die Legion gehabt hatte, dasitzen, angekleidet und bei gesundem Verstande, und sie fürchteten sich. 16 Die Augenzeugen erzählten ihnen, was mit dem Besessenen vorgefallen war und mit den Schweinen. 17 Da baten sie ihn, er möchte sich entfernen aus ihrem Gebiete. 18 Als er das Schiff bestieg, bat ihn der, welcher zuvor besessen gewesen, ihn begleiten zu dürfen. 19 Doch er ging nicht darauf ein, sondern sprach zu ihm: Geh nach Hause zu den Deinigen und erzähle ihnen, was der Herr Großes an dir getan und wie er sich deiner erbarmt hat. 20 Jener ging hin und verkündete im Gebiet der Zehn-Städte, was Jesus an ihm Großes getan. Und alle verwunderten sich. 1-20: Vgl. Mt 8,28-34; Lk 8,26-39. Matthäus nennt zwei Besessene, Markus und Lukas erwähnen bloß den einen, der die Hauptrolle spielte. In seiner heidnischen Heimat soll der Geheilte zum Glaubensboten werden; im jüdischen Gebiet hätte er das Wirken Jesu eher gehemmt.

 

Heilung einer Blutflüssigen und Auferweckung der Tochter des Jairus. 21 Als Jesus im Schiffe wieder über den See gefahren war, versammelte sich viel Volk um ihn; und er verweilte am See. 22 Da kam einer von den Synagogenvorstehern, namens Jairus. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen 23 und bat ihn inständig: Mein Töchterchen liegt in den letzten Zügen. Komm und leg ihm die Hände auf, damit es gesund werde und lebe! 24 Er ging mit ihm. Viel Volk begleitete ihn und umdrängte ihn. 25 Eine Frau, die seit zwölf Jahren am Blutflusse litt 26 und viel von vielen Ärzten ausgestanden und ihr ganzes Vermögen aufgewendet und doch keine Hilfe gefunden hatte — vielmehr war es nur schlimmer geworden —, 27 hatte von Jesus gehört. Sie kam unter der Menge von hinten heran und berührte sein Kleid. 28 Denn sie dachte: Wenn ich nur seine Kleider berühre, werde ich gesund. 29 Sogleich wurde ihr Blutfluß gestillt, und sie fühlte an ihrem Leib, daß sie von der Plage geheilt sei. 30 Jesus merkte sogleich an sich, daß eine Kraft von ihm ausgegangen war. Er wandte sich in der Menge um und fragte: Wer hat meine Kleider angerührt? 31 Seine Jünger antworteten ihm: Du siehst doch, daß dich das Volk umdrängt, und da fragst du: Wer hat mich berührt? 32 Doch er sah sich um nach der, die es getan hatte. 33 Da kam die Frau, voll Furcht und Zittern, im Bewußtsein dessen, was mit ihr geschehen war, fiel vor ihm nieder und gestand ihm die volle Wahrheit. 34 Er aber sprach zu ihr: Tochter, dein Glaube hat dir geholfen! Geh hin im Frieden und sei geheilt von deiner Plage!

 

35 Während er noch redete, kamen Leute von dem Synagogenvorsteher mit der Nachricht: Deine Tochter ist gestorben; warum belästigst du den Meister noch weiter? 36 Jesus fing das Wort auf, das da gesprochen wurde, und sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht, glaube nur! 37 Er ließ niemand mit als Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. 38 Sie kamen in das Haus des Synagogenvorstehers. Jesus vernahm den Lärm und das laute Weinen und Wehklagen. 39 Er ging hinein und sprach zu ihnen: Warum lärmt und weint ihr? Das Mädchen ist nicht tot, sondern schläft. 40 Da lachten sie ihn aus. Er aber wies alle hinaus und ging mit dem Vater und der Mutter des Mädchens und seinen Begleitern dorthin, wo das Mädchen lag. 40: Das Lachen der berufsmäßigen Klageweiber beweist den wirklichen Tod des Mädchens, den Jesus nur bildhaft als Schlaf bezeichnet hatte. 41 Da faßte er das Mädchen bei der Hand und sprach zu ihm: Talitha kumi, das heißt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! 42 Sogleich stand das Mädchen auf und ging umher; es war nämlich zwölf Jahre alt. Große Bestürzung ergriff die Leute. 43 Er schärfte ihnen nachher ernstlich ein, daß es niemand erfahre. Dann sagte er, man solle ihr zu essen geben. 21-43: Vgl. Mt 9,18-26; Lk 8,40-56. Das Leiden der Frau war um so quälender, weil auch die Gegenstände, die sie berührte, als levitisch unrein galten, so daß ein Zusammenleben mit ihr erschwert war.

 

Jesu Wanderung um den See

6 Jesus in Nazareth. Von da ging er weg und kam in seine Vaterstadt. Seine Jünger begleiteten ihn. Am Sabbat begann er in der Synagoge zu lehren. Und die vielen Zuhörer verwunderten sich [über seine Lehre] und fragten: Woher hat er denn dies? Was ist das für eine Weisheit, die ihm verliehen ist? Und solche Wunder geschehen durch seine Hände! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn Marias, ein Bruder des Jakobus, Joses, Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie wurden irre an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Nirgends findet ein Prophet weniger Anerkennung als in seiner Vaterstadt und bei seinen Verwandten und seiner Familie. Und er konnte daselbst kein einziges Wunder wirken, außer daß er wenige Kranke durch Handauflegung heilte. 6a Er wunderte sich über ihren Unglauben. 6b Und er zog durch die Dörfer ringsherum und lehrte. 5-6: Jesus konnte seine Wunderkraft nicht anwenden, weil auf seiten seiner Landsleute der Glaube als notwendige Voraussetzung fehlte. 1-6: Vgl. Mt 13,53-58; Lk 4,16-30. Niemals werden diese „Brüder“ und „Schwestern“ Jesu als Kinder Marias oder Josephs erwähnt. Es waren Vettern und Basen. Vgl. Mt 12,46.

 

Aussendung der Apostel. Er berief die Zwölf, sandte sie zwei und zwei aus und gab ihnen Gewalt über die unreinen Geister. Er gebot ihnen, nichts mit auf den Weg zu nehmen außer einem Stab; kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel. Sandalen sollten sie tragen, aber nicht zwei Röcke anziehen. 10 Auch sprach er zu ihnen: Wo ihr in ein Haus einkehrt, da bleibet, bis ihr von dort weitergeht. 11 Wo man euch aber nicht aufnimmt noch hört, von da gehet fort und schüttelt den Staub von euren Füßen, ihnen zum Zeugnis. 12 Und sie zogen aus und predigten, man solle Buße tun. 13 Sie trieben auch viele böse Geister aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie. 7-12: Vgl. Mt 10,1. 9-15; Lk 9,1-6; 10,3-12. Bei der Salbung der Kranken mit Öl handelte es sich noch nicht um das Sakrament der heiligen Ölung.

 

Enthauptung des Täufers. 14 Der König Herodes hörte davon — denn sein Name war in aller Munde — und sprach: Johannes der Täufer ist von den Toten auferstanden — darum wirken die Wunderkräfte in ihm. 15 Andere aber sagten: Er ist Elias; wieder andere: Er ist ein Prophet, wie einer aus den Propheten. 16 Da Herodes dies hörte, sprach er: Johannes, den ich habe enthaupten lassen, der ist [von den Toten] auferstanden. 14-16: Das schlechte Gewissen plagte Herodes. 14-29: Vgl. Mt 14,1-12; Lk 3,19-20; 9,7-9. 17 Herodes hatte nämlich Leute ausgesandt und Johannes verhaften, fesseln und im Gefängnis halten lassen wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus, weil er sie zur Frau genommen hatte. 18 Denn Johannes hatte zu Herodes gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, deines Bruders Frau zu haben. 19 Darum war ihm Herodias aufsässig und hätte ihn gern umbringen lassen; aber sie konnte es nicht, 20 denn Herodes fürchtete den Johannes, weil er wußte, daß er ein gerechter und heiliger Mann sei. Er hielt ihn in Haft, und wenn er ihn hörte, wurde er sehr verlegen, aber er hörte ihn gern. 20: Der lateinische Text lautet: „Er nahm ihn in Schutz, tat vieles auf seine Worte hin und hörte ihn gern.“ Die Ehebrecherin mochte fürchten, entlassen zu werden, wenn der Einfluß des Gefangenen auf Herodes länger dauerte. 21 Da kam ein gelegener Tag, das Geburtsfest des Herodes, an welchem dieser seinen Fürsten, den Hauptleuten und Vornehmsten von Galiläa ein Gastmahl gab. 22 Da trat die Tochter der Herodias herein und tanzte. Sie gefiel dem Herodes und seinen Gästen. Und der König sprach zu dem Mädchen: Begehre von mir, was du willst, ich will es dir geben. 23 Ja, er schwur ihr: Was du auch von mir begehrst, ich will es dir geben, und wäre es auch die Hälfte meines Reiches. 24 Sie ging hinaus und fragte die Mutter: Was soll ich begehren? Diese aber antwortete: Das Haupt Johannes des Täufers. 25 Sogleich ging sie in Eile zum König und bat: Ich will, daß du mir sofort auf einer Schüssel das Haupt Johannes des Täufers gebest. 26 Da wurde der König tief betrübt. Allein wegen seiner Eide und wegen der Tischgenossen wollte er sie nicht abweisen. 26: Der Eid konnte ihn nicht zu etwas Bösem verpflichten. 27 Er schickte gleich einen Scharfrichter ab mit dem Befehl, sein Haupt [auf einer Schüssel] zu bringen. Dieser ging hin, enthauptete ihn im Gefängnis 28 und brachte sein Haupt auf einer Schüssel und gab es dem Mädchen, und das Mädchen gab es seiner Mutter. 29 Die Jünger hörten dies, kamen und holten seinen Leichnam und setzten ihn in einem Grabe bei.

 

Rückkehr der Apostel. Erste Brotvermehrung. 30 Die Apostel kamen zu Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. 31 Und er sprach zu ihnen: Ziehet euch zurück an einen einsamen Ort und ruhet ein wenig aus. Denn derer, die ab und zu gingen, waren viele, und sie hatten nicht einmal Zeit zum Essen. 32 Sie stiegen in ein Schiff und fuhren abseits an einen einsamen Ort. 33 Aber man sah sie abfahren, und viele merkten es. Die Leute liefen aus allen Städten zu Fuß dorthin zusammen und kamen ihnen zuvor. 34 Als Jesus ausstieg, sah er eine große Volksmenge. Er fühlte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er begann, sie über vieles zu belehren. 35 Da es bereits spät war, traten seine Jünger herzu und sprachen: Diese Gegend ist öde, und es ist schon spät. 36 Entlaß sie, damit sie in die umliegenden Dörfer und Flecken gehen und sich zu essen kaufen können. 37 Er entgegnete ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Sollen wir hingehen und für zweihundert Denare Brot kaufen und ihnen zu essen geben? 37. Zweihundert Denare hätten gereicht, um für jeden Mann nach heutigem Geld ein „Dreipfennigbrötchen“ zu kaufen. 38 Er aber erwiderte ihnen und sagte: Wieviel Brote habt ihr? Geht und Sehet nach! Nachdem sie nachgesehen, sagten sie: Fünf und zwei Fische. 39 Er gebot ihnen, daß alle in Gruppen sich auf dem grünen Grase niederlassen sollten. 40 Sie lagerten sich in Abteilungen zu je hundert und je fünfzig. 41 Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, segnete und brach die Brote und gab sie seinen Jüngern zum Austeilen. Auch die zwei Fische verteilte er unter alle. 42 Alle aßen und wurden satt. 43 Ja, man hob noch zwölf Körbe voll Brocken auf, auch Überbleibsel von den Fischen. 44 Es waren aber derer, die gegessen hatten, fünftausend Männer.

 

Jesus wandelt auf dem See. 45 Alsbald nötigte er seine Jünger, das Boot zu besteigen und an das andere Ufer nach Bethsaida ihm vorauszufahren; unterdessen wollte er das Volk entlassen. 45: Die Jünger kamen sonst in Gefahr, in die falsche messianische Begeisterung der Menge hineingerissen zu werden. 46 Als er sie entlassen hatte, ging er auf den Berg, um zu beten. 47 Es war Abend geworden, und das Schiff befand sich mitten auf dem See, er war allein auf dem Lande. 48 Er sah, daß sie große Mühe hatten beim Rudern, denn sie hatten Gegenwind. Da kam er um die vierte Nachtwache zu ihnen, auf dem See wandelnd, und wollte an ihnen vorbeigehen. 49 Als sie ihn aber auf dem See wandeln sahen, meinten sie, es sei ein Gespenst, und schrien auf. 50 Denn alle sahen ihn und erschraken. Er aber redete sie alsbald an mit den Worten: Seid getrost, ich bin es, fürchtet euch nicht! 51 Und er stieg zu ihnen in das Schiff, und der Wind legte sich. Sie aber gerieten vor Staunen ganz außer sich; 52 denn sie waren nicht zur Einsicht gelangt bei den Broten, weil ihr Herz verhärtet war. 51-52: Wären die Jünger weniger schwerfällig gewesen, so hätten sie schon bei dem Wunder der Brotvermehrung die Macht des Meisters über die Naturgesetze erkennen müssen. 53 Sie fuhren hinüber ans Land, kamen nach Genesareth und legten an. 54 Beim Aussteigen erkannten ihn die Leute sogleich, 55 liefen in der ganzen Gegend umher und brachten die Kranken auf Tragbahren, wo sie hörten, daß er es sei. 56 Und wo er in Dörfer oder in Städte oder in Gehöfte kam, legte man die Kranken auf die freien Plätze und bat ihn, daß sie nur die Quaste seines Gewandes berühren dürften. Und alle, die ihn berührten, wurden gesund. 30-56: Vgl. Mt 14,13-36; Lk 9,10-17; Jo 6,1-24.

 

7 Vorschriften der Pharisäer. Und es versammelten sich bei ihm die Pharisäer und einige von den Schriftgelehrten, die von Jerusalem gekommen waren. Als sie bemerkten, daß einige seiner Jünger mit unreinen, das heißt ungewaschenen Händen ihre Mahlzeit hielten, — die Pharisäer und alle Juden essen nämlich, weil sie an der Überlieferung der Alten festhalten, nur nach gründlicher Waschung der Hände, und vom Markte gekommen, essen sie nicht, ohne sich zuvor zu waschen, und so gibt es noch viele andere Gebräuche, welche sie der Überlieferung gemäß beobachten: das Waschen von Bechern, Krügen, Kupfergeschirren [und Bettstätten] — da fragten ihn die Pharisäer und Schriftgelehrten: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Satzung der Alten, sondern essen das Brot mit unreinen Händen? Er antwortete ihnen: Treffend hat Isaias von euch Heuchlern geweissagt, wie geschrieben steht: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit von mir. Vergeblich ehren sie mich, indem sie Lehren und Satzungen von Menschen vortragen (Is 29, 13). Denn das Gebot Gottes setzt ihr hintan und haltet die Menschensatzungen, Waschen von Krügen und Bechern und vieles andere derart tut ihr. Und er sprach zu ihnen: Schön hebt ihr Gottes Gebot auf, um eure Überlieferungen zu halten. 9: Die Überlieferungen der Juden waren rein menschliche Zutaten zum göttlichen Gesetz, also etwas anderes als die mündliche Überlieferung in der Kirche Christi, die neben der Heiligen Schrift eine Offenbarungsquelle bildet. 10 Moses hat gesagt: Du sollst Vater und Mutter ehren, und: Wer seinem Vater oder seiner Mutter flucht, soll des Todes sterben. 11 Ihr aber sagt: Wenn einer zu Vater oder Mutter spricht: Korban, das heißt Opfergabe soll sein, was ich dir zu leisten hätte, 12 so laßt ihr ihn nichts mehr tun für seinen Vater und seine Mutter 13 und hebt so das Wort Gottes auf durch eure Satzung, die ihr weiter überliefert habt. Und noch vieles derart tut ihr. 14 Und er rief die Menge wieder herbei und sprach zu ihnen: Höret mich alle und verstehet es! 15 Nichts, was von außen in den Menschen eingeht, kann ihn verunreinigen, sondern was aus dem Menschen ausgeht, das verunreinigt ihn. 16 Wer Ohren hat zu hören, der höre! 17 Als er vom Volke weg nach Hause gegangen war, fragten ihn seine Jünger über das Gleichnis. 18 Er sprach zu ihnen: Seid denn auch ihr ohne Einsicht? Versteht ihr nicht, daß alles, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht verunreinigen kann? 19 Denn es kommt nicht in sein Herz, sondern in den Magen und nimmt den natürlichen Ausgang, der alle Speisen ausscheidet. 20 Was aber, fuhr er fort, aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. 21 Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, 22 Ehebruch, Geiz, Bosheit, Betrug, Schamlosigkeit, böser Blick, Lästerung, Hoffart, Torheit. 23 All dies Böse kommt von innen heraus und verunreinigt den Menschen. 1-23: Vgl. Mt 15,1-20.

 

Die kanaanäische Frau. 24 Er machte sich auf und zog von da in das Gebiet von Tyrus und Sidon. Er ging in ein Haus und wollte, daß es niemand erfahre, konnte aber nicht verborgen bleiben. 25 Denn eine Frau, deren Tochter einen unreinen Geist hatte, hörte alsbald von ihm, kam und fiel ihm zu Füßen. 26 Die Frau war eine Heidin, aus Syrophönizien gebürtig. Sie bat ihn, er möge den bösen Geist aus ihrer Tochter austreiben. 27 Er sprach zu ihr: Laß zuerst die Kinder satt werden. Denn es ist nicht recht, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hündlein vorzuwerfen. 27: Nach dem Urtext gebraucht auch Jesus den weniger demütigenden Ausdruck „Hündlein“ statt „Hunde“. Zuerst soll nach Gottes Willen den Israeliten, den Kindern in der Familie, das Heil angeboten werden. 28 Sie entgegnete ihm: Jawohl, Herr! Auch die Hündlein essen unter dem Tische von den Brosamen der Kinder. 29 Er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen gehe hin. Der böse Geist ist ausgefahren aus deiner Tochter. 30 Als sie heimkam, fand sie die Tochter auf dem Bette liegen, der böse Geist war ausgefahren. 24-30: Vgl. Mt 15,21-28

 

Heilung des Taubstummen. 31 Er ging wieder weg aus dem Gebiet von Tyrus und kam durch Sidon an den galiläischen See mitten in das Gebiet der Zehn-Städte. 32 Da brachte man zu ihm einen Taubstummen mit der Bitte, er möge ihm die Hand auflegen. 33 Er nahm ihn vom Volke abseits, legte ihm seine Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel, 34 sah auf zum Himmel, seufzte und sprach zu ihm: Ephpheta, das heißt: Öffne dich! 35 Und sogleich öffneten sich seine Ohren, und das Band seiner Zunge ward gelöst, und er redete richtig. 36 Er verbot ihnen, es jemand zu sagen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr verkündeten sie es. 37 Und sie gerieten ganz außer sich vor Staunen und sagten: Er hat alles wohl gemacht. Die Tauben macht er hören und die Stummen reden. 31-37: Jemand zu Christus führen, damit er ihm helfe, ist wahre Liebe.

 

8 Zweite Brotvermehrung. In jenen Tagen war wieder viel Volk beisammen, und sie hatten nichts zu essen. Da rief er seine Jünger herbei und sprach zu ihnen: Mich erbarmt des Volkes. Denn sie harren schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie ungespeist nach Hause gehen lasse, werden sie auf dem Wege verschmachten; und einige von ihnen sind weit her gekommen. Da entgegneten ihm seine Jünger: Woher wird jemand hier in der Wüste Brot bekommen können, sie zu sättigen? Er fragte sie: Wieviel Brote habt ihr? Sie sagten: Sieben. Da befahl er der Menge, sich auf der Erde zu lagern. Dann nahm er die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern zum Vorlegen; und sie legten sie dem Volke vor. Sie hatten auch einige Fischlein. Er segnete auch diese und ließ sie vorlegen. Und sie aßen und wurden satt. Und von den Stücken, die übrig geblieben waren, hoben sie sieben Körbe voll auf. Es waren aber bei viertausend. Und er entließ sie.

 

Warnung vor den Pharisäern. 10 Sogleich stieg er mit seinen Jüngern in das Schiff und kam in das Gebiet von Dalmanutha. 1-10: Vgl. Mt 15,32-39. 11 Da kamen die Pharisäer heraus und fingen mit ihm zu streiten an. Sie forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel und versuchten ihn. 12 Er aber seufzte auf in seinem Herzen und sprach: Warum verlangt dieses Geschlecht ein Zeichen? Wahrlich, ich sage euch: Nimmermehr wird diesem Geschlecht ein Zeichen gegeben werden! 13 Und er ließ sie stehen, stieg wieder in das Schiff und fuhr hinüber. 14 Sie hatten aber vergessen, Brot mitzunehmen; nur ein einziges Brot hatten sie bei sich im Schiffe. 15 Er mahnte sie mit den Worten: Sehet zu und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und vor dem Sauerteig des Herodes. 16 Da machten sie sich untereinander Gedanken darüber, daß sie kein Brot hätten. 17 Jesus merkte dies und sagte zu ihnen: Was macht ihr euch Gedanken, daß ihr keine Brote habt? Erkennt und begreift ihr denn noch nicht? Habt ihr noch ein verhärtetes Herz? 18 Habt ihr Augen und sehet nicht? Habt ihr Ohren und höret nicht? Und denkt ihr nicht mehr daran, 19 als ich die fünf Brote brach für die Fünftausend, wie viele Körbe voll Stücklein habt ihr da aufgehoben? Sie sagten zu ihm: Zwölf. 20 Und da ich die sieben Brote für die Viertausend brach, wieviel Körbe voll Stücklein habt ihr aufgehoben? Sie sagten zu ihm: Sieben. 21 Da sprach er zu ihnen: Begreift ihr noch nicht? 11-21: Vgl. Mt 16,1-12 Das Bild vom Sauerteig wird von Jesus im guten (Mt 13,33) und im bösen Sinne gebraucht. Hier versinnbildet es die falsche Frömmigkeit der Pharisäer und die gehässige Sittenlosigkeit des Herodes. Beides bot die Gefahr der Ansteckung.

 

Heilung eines Blinden. 22 Sie kamen nach Bethsaida. Da brachte man einen Blinden zu ihm mit der Bitte, er möge ihn berühren. 23 Er faßte den Blinden bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, benetzte seine Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte ihn, ob er etwas sehe. 24 Er blickte auf und sagte: Ich sehe die Leute; denn wie Bäume sehe ich sie umhergehen. 25 Darauf legte er die Hände noch einmal auf seine Augen. Da sah er scharf hin und ward hergestellt, so daß er alles deutlich sah. 26 Er schickte ihn nach Haus und sprach: Geh auch nicht ins Dorf hinein. 22-26: Wie so oft, will Jesus Aufsehen vermeiden. Er wirkt das Wunder in zwei Stufen, um das Vertrauen des Blinden zu heben. Im Lateinischen steht: Geh heim, und wenn du ins Dorf kommst, sag es niemand. Im Griechischen ist Bethsaida gemeint, im Lateinischen das Heimatdorf des Geheilten.

 

Jesus bei Cäsarea Philippi

Bekenntnis des Petrus. 27 Jesus zog mit seinen Jüngern fort in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Auf dem Wege fragte er seine Jünger: Für wen halten mich die Leute? 28 Sie antworteten ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elias, andere für einen aus den Propheten. 29 Da sprach er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Petrus antwortete ihm: Du bist der Messias! 30 Er schärfte ihnen ein, niemanden von ihm etwas zu sagen.

 

Erste Leidensweissagung. 31 Nun fing er an, sie zu belehren, der Menschensohn müsse vieles leiden, von den Ältesten, Oberpriestern und Schriftgelehrten verworfen und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. 31: Jesus gebrauchte gern den messianischen Titel „Menschensohn“ als Selbstbezeichnung, weil dieser seit Daniel übliche Titel weniger die falschen Messias­erwartungen förderte. Die Jünger müssen lernen, das Leiden ihres Meisters als unvermeidlich zu betrachten und die Religion Jesu als Religion des Kreuzes zu erfassen. Das Seelenheil geht über alles. 32 Er redete davon ganz offen. Da nahm ihn Petrus beiseite und fing an, es ihm zu verweisen. 33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an, drohte dem Petrus und sprach: Weg von mir, Satan! Denn du hast nicht Sinn für das, was Gottes, sondern was der Menschen ist. 33: Wer uns einen anderen Weg weisen will als den Weg des Kreuzes in der Nachfolge Christi, hält uns als Gehilfe Satans vom ewigen Heile ab. 34 Dann rief er das Volk und seine Jünger zusammen und sprach zu ihnen: Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. 35 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um der Heilsbotschaft willen, der wird es retten. 36 Denn was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele verliert? 37 Oder was kann der Mensch wohl geben als Entgelt für seine Seele? 38 Denn wer sich meiner und meiner Worte schämt vor diesem ehebrecherischen und sündhaften Geschlecht, dessen wird auch der Menschensohn sich schämen, wenn er kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. 27-39: Vgl. Mt 16,13-28; Lk 9,18-27

 

Und er sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht kosten, bis sie das Reich Gottes kommen sehen mit Macht.

 

Die Verklärung. Nach sechs Tagen nahm Jesus den Petrus, Jakobus und Johannes mit und führte sie ganz allein auf einen hohen Berg. Da ward er vor ihnen verklärt. Seine Kleider wurden ganz glänzend weiß [wie der Schnee], so wie sie kein Walker auf Erden bleichen kann. Es erschienen ihnen Elias mit Moses, die mit Jesus redeten. Da nahm Petrus das Wort und sprach zu Jesus: Meister, es ist gut, daß wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, dir eine, dem Moses eine und dem Elias eine. Er wußte nämlich nicht, was er sagte, so waren sie erschrocken. Da kam eine Wolke, die sie überschattete, und aus der Wolke erscholl eine Stimme: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören! Und plötzlich, als sie um sich blickten, sahen sie niemand mehr bei sich als Jesus allein. Während sie von dem Berge herabstiegen, gebot er ihnen, niemanden von dieser Erscheinung zu erzählen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden wäre. 10 Sie hielten fest an dem Wort, besprachen sich aber, was das bedeute: „von den Toten auferstehen“. 11 Und sie fragten ihn: Warum sagen denn die [Pharisäer und] Schriftgelehrten, Elias müsse zuvor kommen? (Mal 3, 23.) 12 Er antwortete ihnen: Elias wird zuvor kommen und alles wiederherstellen. Wie steht aber von dem Menschensohn geschrieben, daß er viel leiden und verachtet werden soll? 13 Ich sage euch aber: Elias ist schon gekommen, aber man hat mit ihm gemacht, was man wollte, wie von ihm geschrieben steht. 1-13: Vgl. Mt 17,1-13; Lk 9,28-36. Die Verse des 9. Kapitels bleiben im Lateinischen um eins hinter den Zahlen des griechischen Textes zurück, worin 8,39 = 9,1 ist.

 

Heilung eines besessenen Knaben. 14 Da sie zu den Jüngern kamen, sahen sie viel Volk um sie her und Schriftgelehrte mit ihnen im Wortwechsel. 15 Sobald das ganze Volk Jesus erblickte, gerieten sie in freudige Erregung, liefen hinzu und grüßten ihn. 16 Er fragte sie: Worüber streitet ihr mit ihnen? 17 Da antwortete einer aus der Menge: Meister, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht; der ist von einem stummen Geist besessen. 18 Wenn er ihn packt, zerrt er ihn hin und her. Dann schäumt er, knirscht mit den Zähnen und liegt starr da. Ich sagte zu deinen Jüngern, sie möchten ihn austreiben; aber sie vermochten es nicht. 19 Da antwortete er ihnen: O ungläubiges Geschlecht! Wie lange soll ich noch bei euch sein? Wie lange soll ich euch noch ertragen? 20 Bringet ihn her zu mir! Sie brachten ihn zu ihm. Sobald er ihn erblickte, zerrte ihn der Geist. Er fiel zu Boden und wälzte sich schäumend. 21 Da fragte Jesus seinen Vater: Wie lange hat er dieses Leiden? Dieser antwortete: Von Kindheit an. 22 Schon oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Wenn du etwas vermagst, so erbarme dich unser und hilf uns! 23 Jesus sprach zu ihm: Was das angeht: Wenn du etwas vermagst, so wisse: Wer glaubt, dem ist alles möglich. 24 Sogleich rief der Vater des Knaben: Ich glaube, [Herr]! Hilf meinem Unglauben! 24: Der Vater glaubt, aber sein Glaube erscheint ihm noch viel zu schwach, um das Wunder zu verdienen. Das Leiden des Knaben ist wirkliche Besessenheit, wenn es auch wie Epilepsie aussieht. 25 Da Jesus sah, daß das Volk herbeieilte, drohte er dem unreinen Geist und sprach zu ihm: Taubstummer Geist, ich gebiete dir, fahr aus von ihm und komm nie mehr in ihn! 26 Da schrie er, schüttelte ihn heftig und fuhr aus von ihm. Und er war wie tot, so daß die meisten sagten: Er ist gestorben! 27 Jesus aber nahm ihn bei der Hand und richtete ihn empor, und er stand auf. 28 Zu Hause fragten ihn seine Jünger allein: Warum haben wir ihn nicht austreiben können? 29 Er antwortete ihnen: Diese Art kann nur ausgetrieben werden durch Gebet [und Fasten].

 

Zweite Leidensweissagung. 30 Von da gingen sie weiter und wanderten durch Galiläa; aber er wollte nicht, daß es jemand erfahre. 31 Denn er belehrte seine Jünger und sagte ihnen: Der Menschensohn wird in die Hände der Menschen überliefert werden. Sie werden ihn töten, aber drei Tage nach seinem Tode wird er auferstehen. 14-31: Vgl. Mt 17;14-23; Lk 9,37-45 32 Sie verstanden die Rede nicht, scheuten sich aber, ihn zu fragen.

 

Streit der Jünger. 33 Sie kamen nach Kapharnaum. Als er zu Hause war, fragte er sie: Wovon habt ihr auf dem Wege gesprochen? 34 Sie schwiegen, denn sie hatten auf dem Wege miteinander gestritten, wer von ihnen der Größte sei. 35 Da setzte er sich nieder, rief den Zwölfen und sprach zu ihnen: Wenn jemand der Erste sein will, so sei er der Letzte von allen und der Diener aller. 36 Und er nahm ein Kind, stellte es mitten unter sie, schloß es in seine Arme und sprach zu ihnen: 37 Wer eines von diesen Kindern in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, nimmt nicht sowohl mich auf, als den, der mich gesandt hat. 35-37: Dieses Beispiel und die Worte des Erlösers über die Würde des Kindes hatten eine ganz neue Wertschätzung der Kindesseele im Gefolge. Religiöse Erziehungsarbeit am Kinde ist Christusdienst und Gottesdienst. 38 Da sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben einen gesehen, wie er, ohne uns zu folgen, in deinem Namen Teufel austrieb, und wir wehrten es ihm, weil er uns nicht nachfolgt. 39 Jesus erwiderte: Wehret es ihm nicht! Denn niemand kann in meinem Namen ein Wunder wirken und so bald übel von mir reden. 40 Denn wer nicht wider uns ist, der ist für uns. 41 Wenn euch jemand einen Becher Wasser zu trinken gibt [in meinem Namen], darum, weil ihr Christus angehöret, wahrlich, ich sage euch: Er wird seinen Lohn nicht verlieren. 33-41: Nicht Strebertum und Geltungsbedürfnis, sondern demütiges Dienen ziert den Christusjünger.

 

Warnung vor Ärgernissen. 42 Wer einem aus diesen Kleinen, die an mich glauben, Anlaß zur Sünde gibt, für den wäre es besser, daß ein Eselsmühlstein an seinen Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde. 43 Wenn dir deine Hand Anlaß zur Sünde gibt, so haue sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt ins Leben einzugehen, als mit zwei Händen in die Hölle zu fahren, in das unauslöschliche Feuer 44 [wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt] (Is 66, 24). 45 Und wenn dein Fuß dir Anlaß zur Sünde gibt, so haue ihn ab. Es ist für dich besser, lahm in das Leben einzugehen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden 46 [in das unauslöschliche Feuer, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt]. 47 Und wenn dein Auge dir Ärgernis gibt, so reiß es aus. Es ist für dich besser, einäugig in das Reich Gottes einzugehen, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden, 48 wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt. 49 Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden [und jedes Opfer mit Salz gesalzen]. 50 Das Salz ist gut; wenn aber das Salz schal wird, womit könntet ihr es würzen? Habet Salz in euch und haltet Frieden untereinander. 42-50: Wenn Christus solche Opfer verlangt zur Vermeidung der Sünde und mit ewiger Höllenstrafe droht, kann die Sünde nicht eine leicht verzeihliche Schwäche sein. Allen Opfern wurde Salz beigegeben. Leiden und Prüfungen machen die Christusjünger zur wohlgefälligen Opfergabe; und das Salz der Opfergesinnung sichert den Frieden untereinander. 33-50: Vgl. Mt 18,1-9; Lk 9,46-50; 17,1-2

 

Jesus in Judäa und Peräa

10 Unauflöslichkeit der Ehe. Er machte sich auf von da und kam in das Gebiet von Judäa und das Ostjordanland, und die Volksscharen versammelten sich wieder um ihn, und er lehrte sie abermals, wie er gewohnt war. Da traten die Pharisäer hinzu und fragten ihn, um ihn zu versuchen: Ist es einem Manne erlaubt sein Weib zu entlassen? Er aber antwortete ihnen: Was hat euch Moses geboten? Sie sprachen: Moses hat erlaubt, einen Scheidebrief zu schreiben und das Weib zu entlassen (5 Mos 24,1). Jesus antwortete ihnen: Mit Rücksicht auf eure harten Herzen hat er euch diese Vorschrift gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott einen Mann und ein Weib geschaffen. Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen. Und die beiden werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch (1 Mos 2, 24). Was nun Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. 10 Zu Hause fragten ihn seine Jünger abermals darüber. 11 Und er sprach zu ihnen: Wer sein Weib entläßt und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch an ihr. 12 Und wenn sie ihren Mann entläßt und einen anderen heiratet, so bricht sie die Ehe. 1-12 Vgl. Mt 19,1-12. Das Wirken Jesu in der Heimatprovinz ist zu Ende. Das Leiden naht.

 

Segnung der Kinder. 13 Sie brachten Kinder zu ihm, daß er sie berühren möchte. Die Jünger aber fuhren die, welche sie herbrachten, hart an. 14 Als nun Jesus das sah, ward er unwillig und sprach zu ihnen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn für solche ist das Reich Gottes. 15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht aufnimmt wie ein Kind, wird nicht hineingelangen. 16 Und er schloß sie in seine Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie. 13-16: Die Kinder zu Christus zu führen, ist das schönste Vorrecht und die heiligste Pflicht der Eltern und Erzieher.

 

Der reiche Jüngling. 17 Als er sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? 18 Jesus sprach zu ihm: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. 18: Jesus hält sich nicht für einen sündigen Menschen, sondern will den Jüngling zu tieferem Verstehen seiner Person führen. Er lehrt ihn auch die wichtige Wahrheit: Wer nach dem höchsten sittlichen Ziele strebt, wird sich mit der bloßen Erfüllung der Gebote nicht begnügen, sondern aus Liebe mehr zu tun bemüht sein. 19 Die Gebote kennst du: Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben, du sollst nicht betrügen, du sollst Vater und Mutter ehren. 20 Er aber antwortete ihm: Meister, dies alles habe ich von meiner Jugend an gehalten. 21 Jesus aber blickte ihn an, gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir noch: Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach. 22 Jener aber wurde unwillig über dieses Wort und ging betrübt davon; denn er hatte viele Güter.

 

Jesu Warnung vor Reichtum. 23 Jesus blickte umher und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die, welche viel Vermögen haben, in das Reich Gottes eingehen! 24 Die Jünger aber waren betroffen über seine Worte. Jesus wiederholte ihnen: Kinder, wie schwer ist es, daß die, welche auf Geld ihr Vertrauen setzen, in das Reich Gottes eingehen! 25 Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes. 26 Da erschraken sie noch mehr und sprachen zueinander: Wer kann dann selig werden? 27 Jesus blickte sie an und sprach: Bei den Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott; denn bei Gott ist alles möglich. 23-27: Gottes Gnade vermag den Menschen auch für den freiwilligen Verzicht auf die Erdengüter zu begeistern.

 

Lohn der freiwilligen Armut. 28 Da nahm Petrus das Wort und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt! 29 Jesus antwortete: Wahrlich, ich sage euch: Niemand verläßt Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker um meinetwillen oder um der Heilsbotschaft willen 30 und erhält nicht Hundertfältiges dafür, jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen und in der zukünftigen Welt das ewige Leben. 31 Viele aber, welche die Ersten sind, werden die Letzten, und welche die Letzten sind, werden die Ersten sein. 13-31: Vgl. Mt 19,13-30; Lk 18,15-30. Wer also noch die Lösung des ehelichen Bandes für erlaubt hält, stellt das jüdische Recht über das christliche. 28-31: Gott sichert denen, die um seinetwillen alles verließen, kein sorgenloses Erdenleben zu, sondern höheren Lohn im Jenseits. Aber keiner darf sich falscher Selbstgewißheit überlassen.

 

Dritte Leidensweissagung. 32 Sie waren nun auf dem Wege nach Jerusalem hinauf; Jesus ging vor ihnen her; sie staunten und folgten ihm voll Furcht. Da nahm er abermals die Zwölf zu sich und begann mit ihnen von dem zu sprechen, was ihm widerfahren werde: 33 Sehet, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird den Oberpriestern und Schriftgelehrten [und Ältesten] überliefert werden. Sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden übergeben. 34 Diese werden ihn verspotten und anspeien und ihn geißeln und töten. Aber nach drei Tagen wird er auferstehen. 32-34: Vgl. Mt 20,17-19, Lk 18,31-34. Ein herrliches Vorbild: Jesus geht unerschrocken dem schwersten Leiden entgegen, das er bis in seine Einzelheiten voraussieht. Es ist der Gang durch die Nacht zum Licht.

 

Die Söhne des Zebedäus. 35 Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sprachen: Meister, wir wünschen, daß du uns eine Bitte gewährest. 36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr von mir? 37 Sie sagten: Gewähre uns, daß wir, einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken, in deiner Herrlichkeit sitzen. 38 Jesus entgegnete ihnen: Ihr wisset nicht um was ihr bittet! Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder getauft werden mit der Taufe, mit welcher ich getauft werde? 39 Sie antworteten ihm: Wir können es. Da sprach Jesus zu ihnen: Den Kelch werdet ihr zwar trinken, den ich trinke, und mit der Taufe getauft werden, mit welcher ich getauft werde, 40 aber das Sitzen zu meiner Rechten oder Linken habe ich nicht zu verleihen, sondern das gebührt denen, welchen es bereitet ist. 41 Als die Zehn dies hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 42 Jesus aber rief sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisset: Die, welche als Fürsten der Völker angesehen werden, herrschen über sie, und ihre Großen vergewaltigen sie. 43 Nicht so ist es unter euch, sondern wer groß werden will, der sei euer Diener, 44 und wer unter euch der Erste sein will, der sei der Diener aller. 42-44: Niemand hat entschiedener gefordert, aber auch niemand vorbildlicher bewiesen als Jesus, daß Gemeinnutz vor Eigennutz geht. 45 Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. 35-45: Vgl. Mt 20, 20-28. Nach Mt war die Mutter dabei. Alle drei stecken noch in den falschen Messiashoffnungen.

 

Heilung eines Blinden. 46 Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer sehr großen Volksmenge aus Jericho auszog, saß der Sohn des Timäus, Bartimäus, ein blinder Bettler, am Wege. 47 Und als er hörte, daß es Jesus von Nazareth sei, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner! 48 Viele fuhren ihn an, daß er schweigen solle. Er aber schrie noch lauter: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 49 Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn! Sie riefen den Blinden herbei und sagten zu ihm: Sei getrost, steh auf, er ruft dich! 50 Da warf er sein Obergewand weg, sprang auf und kam zu Jesus. 51 Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete ihm: Meister, daß ich wieder sehe! 52 Da sprach Jesus zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen! Und sogleich konnte er wieder sehen und folgte ihm auf dem Wege. 46-52‑ Vgl. Mt 20,29-34; Lk 18,35-43. Über die scheinbaren Widersprüche vgl. die Erklärung zu Mt 20,29-34.

 

Tätigkeit Jesu in Jerusalem

 

Beginn der Leidenswoche

11 Einzug in Jerusalem. Als sie sich Jerusalem bei Betphage und Bethanien am Ölberge näherten, sandte er zwei von seinen Jüngern ab mit dem Auftrag: Geht in das Dorf, das vor euch liegt, und sogleich, wenn ihr hineinkommt, werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch kein Mensch gesessen hat; bindet es los und bringt es. Und wenn euch jemand fragt: Was macht ihr da? so saget: Der Herr braucht es und schickt es bald hierher zurück. Da gingen sie hin und fanden das Füllen, angebunden an der Türe, draußen auf der Dorfstraße; und sie banden es los. Einige von denen, die dabeistanden, sagten zu ihnen: Was macht ihr, daß ihr das Füllen losbindet? Sie antworteten ihnen, wie es ihnen Jesus befohlen hatte, und man ließ sie gewähren. Da führten sie das Füllen zu Jesus, legten ihre Kleider darüber, und er setzte sich darauf. Viele breiteten ihre Kleider auf den Weg, andere brachen Zweige auf den Feldern ab und streuten sie auf den Weg. Und die vorangingen und die nachfolgten, riefen laut: Hosanna! Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! 10 Hochgelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosanna in der Höhe! 1-10 Vgl. Mt 21,1-9; Lk 19,29-44; Jo 12,12-19. Das Volk huldigt Christus als Messiaskönig, der das Reich Davids erneuert. Mit dem Ruf „Hosanna in der Höhe“ = „Hilf doch, (Gott) in der Höhe“, rufen sie den Segen des Himmels auf ihn herab.

 

Verfluchung des Feigenbaums. 11 Er zog ein in Jerusalem und ging in den Tempel. Nachdem er alles ringsherum besehen hatte, ging er, als bereits der Abend gekommen war, hinaus nach Bethanien mit den Zwölfen. 12 Des anderen Tages aber, da sie von Bethanien weggingen, hungerte ihn. 13 Er sah von ferne einen Feigenbaum, der Blätter hatte, und ging hinzu, ob er wohl etwas an ihm fände. Als er aber hinkam, fand er nichts als Blätter, denn es war nicht Feigenzeit. 14 Da redete er ihn an mit den Worten: Niemals esse jemand wieder eine Frucht von dir in Ewigkeit! Seine Jünger hörten es. 11-14: Vgl. Mt 21,18-19. Der Fluch und seine Wirkung (V. 20-21) hat symbolische Bedeutung. Der Baum ist ein Bild Israels.

 

Tempelreinigung. 15 Sie kamen nach Jerusalem. Er ging in den Tempel und trieb die Verkäufer und Käufer im Tempel hinaus, die Tische der Wechsler und die Stände der Taubenhändler stieß er um. 16 Und er ließ nicht zu, daß jemand ein Gerät durch den Tempel trug. 17 Er lehrte sie also: Steht nicht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker? Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht (Is 56, 7). 18 Als die Oberpriester und die Schriftgelehrten dies hörten, trachteten sie, wie sie ihn umbringen könnten; sie hatten nämlich Furcht vor ihm; denn das ganze Volk war erstaunt über seine Lehre. 19 Und wenn es Abend wurde, gingen sie zur Stadt hinaus. 15-19: Vgl. Mt 21,12-13; Lk 19,45-48; Jo 2,13-22

 

Macht des Glaubens. 20 Am Morgen kamen sie an dem Feigenbaum vorüber und sahen, daß er von der Wurzel aus verdorrt war. 21 Da erinnerte sich Petrus und sagte zu ihm: Meister, sieh, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt! 22 Jesus erwiderte ihnen: Habet Glauben an Gott! 23 Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berge spricht: Hebe dich und stürze dich ins Meer, und er zweifelt nicht in seinem Herzen, sondern glaubt, daß alles, was er sagt, geschehen werde, so wird es ihm zuteil! 24 Darum sage ich euch: Alles, was ihr im Gebete begehret, glaubet nur, daß ihr es empfangen habt, so wird es euch werden. 25 Wenn ihr zum Gebete dasteht, so vergebet, wenn ihr etwas gegen jemand habt, damit auch euer himmlischer Vater euch eure Sünden vergebe. 26 [Wenn ihr aber nicht vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch eure Sünden nicht vergeben.] Vers 26 fehlt in den meisten Handschriften des Urtextes und ist wohl aus Mt 6,15 hierher übertragen. 20-26: Vgl. Mt 21,20-22

 

Im Streit mit Pharisäern und Sadduzäern

Anfrage des Hohen Rates. 27 Sie kamen abermals nach Jerusalem. Als er in dem Tempel umherwandelte, traten die Oberpriester, Schriftgelehrten und Ältesten zu ihm 28 und fragten ihn: In welcher Vollmacht tust du dies? Wer hat dir die Vollmacht dazu gegeben? 29 Jesus entgegnete ihnen: Ich will euch nur eine Frage vorlegen. Beantwortet mir diese; dann will ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich dies tue. 30 War die Taufe des Johannes vom Himmel oder von Menschen? Antwortet mir! 31 Da überlegten sie miteinander: Sagen wir „vom Himmel“, so wird er erwidern: Warum habt ihr ihm also nicht geglaubt? 32 Sollen wir etwa sagen: „Von Menschen“? Sie hatten Angst vor dem Volk; denn alle hielten den Johannes wirklich für einen Propheten. Sie antworteten Jesus also: Wir wissen es nicht. 33 Da sprach Jesus zu ihnen: Nun, so sage ich euch auch nicht, in welcher Vollmacht ich dies tue. 27-33: Vgl. Mt 21,23-27; Lk 20,1-8. Es ist Dienstag in der Leidenswoche.

 

12 Gleichnis von den Winzern. Er begann in Gleichnissen zu ihnen zu reden: Ein Mann pflanzte einen Weinberg, umgab ihn mit einem Zaune, grub eine Kelter, baute einen Turm, verpachtete ihn an Winzer und verreiste. Als die Zeit kam, schickte er zu den Winzern einen Knecht, um von den Winzern seinen Teil am Ertrag des Weinbergs in Empfang zu nehmen. Diese ergriffen und schlugen ihn und ließen ihn leer abziehen. Abermals schickte er zu ihnen einen anderen Knecht; auch diesen verwundeten sie am Kopf und taten ihm Schmach an. Und er schickte wieder einen anderen, den töteten sie, und mehrere andere, die sie zum Teil mißhandelten, zum Teil töteten. Da hatte er noch seinen einzigen Sohn, den er überaus liebte. Den sandte er zuletzt an sie ab und sprach: Vor meinem Sohne werden sie sich scheuen. Die Winzer aber sagten zueinander: Das ist der Erbe; kommt, wir wollen ihn umbringen, und unser wird das Erbe sein. Und sie ergriffen ihn, töteten ihn und warfen ihn zum Weinberg hinaus. Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Winzer umbringen und den Weinberg anderen geben. 10 Habt ihr diese Schriftstelle nicht gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. 10: Christus ist der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben. Vgl. Apg 4,11. 11 Vom Herrn ist das geschehen, und es ist wunderbar in unsern Augen? (Ps 118, 22. 23.) 12 Sie suchten ihn zu ergreifen, aber sie fürchteten das Volk. Denn sie merkten wohl, daß er mit diesem Gleichnis sie meine. So ließen sie von ihm ab und gingen davon. 1-12: Vgl Mt 21,33-46; Lk 20,9-19. Gott hat mit Israel gehandelt wie der Mann mit seinem Weinberg.

 

Die Steuermünze. 13 Sie schickten einige aus den Reihen der Pharisäer und der Herodianer zu ihm, um ihn in einer Rede zu fangen. 14 Diese kamen und sprachen zu ihm: Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und nach niemandem fragst. Denn du siehst nicht auf die Person der Menschen, sondern lehrst den Weg Gottes nach der Wahrheit. Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen oder nicht? Sollen wir sie zahlen oder sollen wir sie nicht zahlen? 14: Drei Tage später nennen sie ihn einen Volksverführer (Lk 23,5) und am Samstag einen Betrüger (Mt 27,63). 15 Er erkannte ihre Heuchelei und sprach zu ihnen: Warum versucht ihr mich? Bringt mir einen Denar her, daß ich ihn sehe! 16 Da brachten sie einen. Er sprach zu ihnen: Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift? Sie antworteten ihm: Des Kaisers. 17 Da erwiderte ihnen Jesus: Gebt also dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Und sie staunten über ihn.

 

Die Sadduzäer und die Auferstehung. 18 Es kamen zu ihm Sadduzäer, die da sagen, es gebe keine Auferstehung. Diese fragten ihn: 19 Meister, Moses hat uns vorgeschrieben: Wenn jemands Bruder stirbt und eine Frau, aber kein Kind hinterläßt, so soll sein Bruder die Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommenschaft erwecken (5 Mos 25, 5). 20 Nun waren sieben Brüder. Der erste nahm eine Frau; und da er starb, hinterließ er keine Nachkommenschaft. 21 Da nahm sie der zweite; auch dieser starb und hinterließ keine Nachkommenschaft. Ebenso der dritte. 22 [Es nahmen sie auf gleiche Weise] die sieben und hinterließen keine Nachkommenschaft. Zuletzt von allen starb auch die Frau. 23 Bei der Auferstehung nun, falls sie auferstehen werden, wessen Frau wird sie sein? Denn alle sieben haben sie zur Frau gehabt. 24 Jesus antwortete ihnen: Seid ihr nicht im Irrtum deshalb, weil ihr weder die Schrift noch die Macht Gottes versteht? 24: „Die Unkenntnis der Heiligen Schrift ist an allem Unheil schuld“ (Joh. Chrysostomus). 25 Denn wenn sie von den Toten auferstehen, werden sie weder heiraten, noch verheiratet werden, sondern sie sind wie Engel im Himmel. 25: Jesus will die Ehe nicht als etwas Minderwertiges hinstellen, sondern den Spöttern klarmachen, daß sie in ihren Ansichten über das Leben im Jenseits von ganz verkehrten Voraussetzungen ausgehen. 26 Was aber die Auferstehung der Toten betrifft, habt ihr nicht im Buche Moses gelesen, in der Geschichte vom Dornbusch, wie Gott zu ihm sprach: Ich bin der Gott Abra­hams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? (2 Mos 3,6.) 27 Gott aber ist kein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. Ihr irrt euch sehr. 13-27: Vgl. Mt 22,15-33; Lk 20,20-40

 

Das Hauptgebot. 28 Einer von den Schriftgelehrten hatte ihren Wortwechsel gehört und bemerkt, daß er ihnen treffend geantwortet hatte. Er kam herbei und fragte ihn, welches das erste aller Gebote sei. 29 Jesus antwortete ihm: Das erste [von allen Geboten] ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. 30 Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deiner ganzen Vernunft und aus allen deinen Kräften. [Dies ist das erste Gebot] (5 Mos 6,4. 5). 31 Das andere aber lautet also: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ein anderes größeres Gebot als dieses gibt es nicht (3 Mos 19,18). 32 Der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Trefflich, Meister, ganz richtig hast du gesprochen, denn es ist nur ein Gott und außer ihm ist kein anderer. 33 Und ihn soll man lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Einsicht, [aus ganzer Seele] und aus allen Kräften, und den Nächsten soll man lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. 34 Als Jesus sah, daß er verständig geantwortet hatte, sprach er zu ihm: Du bist nicht ferne vom Gottesreiche! Und niemand mehr wagte, ihm eine Frage vorzulegen. 28-34: Vgl. Mt 22,34-40; Lk 10,25-28. Die Schriftgelehrten unterschieden nicht weniger als 613 Einzelsatzungen im Gesetz des Alten Bundes. 248 Gebote (Zahl der Glieder am Menschenleibe) und 365 Verbote (Zahl der Tage im Jahr).

 

Warnung vor den Schriftgelehrten. 35 Jesus lehrte im Tempel und sprach: Wie sagen die Schriftgelehrten, der Messias sei Davids Sohn? 36 David sagte ja selbst im Heiligen Geiste: Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde als Schemel dir zu Füßen lege. 37a David selbst nennt ihn also „Herr“. Wie ist er dann sein Sohn? 37b Und die große Volksmenge hörte ihn gern. 38 Er sprach zu ihnen in seiner Unterweisung: Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die gerne in langen Kleidern einhergehen und gegrüßt sein wollen auf dem Markte, 39 in den Synagogen gerne obenan sitzen und bei Gastmählern die ersten Plätze suchen, 40 die die Häuser der Witwen verprassen unter dem Vorwand langer Gebete. Über sie wird ein um so strengeres Gericht kommen. 35-40: Vgl. Mt 22,41-46; 23,1-36; Lk 20,41-47.

 

Das Scherflein der Witwe. 41 Jesus setzte sich der Schatzkammer gegenüber und sah, wie das Volk Geld in die Schatzkammer brachte, viele Reiche brachten viel hinein. 42 Da kam auch eine arme Witwe und brachte zwei Scherflein hinein, das ist einen Pfennig. 43 Da rief er seine Jünger zusammen und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr hereingebracht als alle andern, die etwas in die Schatzkammer brachten. 44 Denn alle haben von ihrem Überfluß hineingebracht; diese aber opferte von ihrer Armut alles, was sie hatte, ihren ganzen Lebensunterhalt. 41-44: Vgl. Lk 21,1-4. Für die verschiedenen Zwecke waren 13 Behälter dort angebracht. Der Opfernde nannte dem Priester den Betrag, den er spendete, und den Zweck. So konnte Jesus beobachten, was die einzelnen opferten. Gott bewertet das Opfer nach der Gesinnung des Spenders, nicht nach dem Umfang der Gabe.

 

Vom Ende Jerusalems und der Welt

13 Allgemeine Vorzeichen. Als er aus dem Tempel heraustrat, sagte einer von seinen Jüngern zu ihm: Meister, sieh doch, was für Steine und was für Bauten? Jesus antwortete ihm: Siehst du alle diese gewaltige Bauten? Kein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht zerstört wird. Als er auf dem Ölberg saß, dem Tempel gegenüber, fragten ihn Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas noch besonders: Sag uns, wann wird dies geschehen? Und welches wird das Zeichen sein, wann dies alles in Erfüllung gehen soll? Jesus antwortete ihnen: Sehet zu, daß euch niemand verführe! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es, und sie werden viele verführen. Wenn ihr aber höret von Kriegen und Kriegsgerüchten, so erschrecket nicht. Denn das muß geschehen, aber es ist noch nicht das Ende. Denn es wird Volk wider Volk und Reich wider Reich aufstehen; und es werden Erdbeben sein hier und dort und Hungersnot. Das ist der Anfang der Wehen. Sehet euch vor! Denn sie werden euch den Gerichten ausliefern, und in den Synagogen werdet ihr gegeißelt und vor Statthalter und Könige gestellt werden um meinetwillen, ihnen zum Zeugnis. 10 Allen Völkern muß zuerst die Heilsbotschaft verkündet werden. 10: Der Satz widerlegt die Behauptung, Jesus habe irrtümlich das baldige Weltende erwartet. Zur Verkündigung der Heilsbotschaft unter allen Völkern war nämlich lange Zeit nötig. 11 Wenn man euch den Gerichten ausliefert, so macht euch vorher keine Sorge, was ihr reden sollt, sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Heilige Geist. 12 Es wird der Bruder den Bruder in den Tod liefern und der Vater das Kind, die Kinder werden sich auflehnen gegen die Eltern und sie in den Tod bringen. 13 Und ihr werdet allen verhaßt sein um meines Namens willen. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.

 

Vorzeichen der Zerstörung Jerusalems. 14 Wenn ihr nun die grauenhafte Verwüstung dort seht, wo sie nicht herrschen soll — wer das liest, verstehe es wohl — dann fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge (Dan 9, 27). 15 Wer auf dem Dache ist, steige nicht in das Haus hinab und gehe nicht hinein, um etwas aus seinem Haus zu holen. 16 Wer auf dem Felde ist, der kehre nicht zurück, seinen Rock zu holen. 17 Wehe aber denen, die in jenen Tagen ein Kind unter dem Herzen oder an der Brust tragen. 17: Der Erlöser hat besonderes Mitleid mit der Not der hoffenden und stillenden Mutter. 18 Bittet, daß es nicht im Winter geschehe!

 

Vorzeichen der Wiederkunft Christi. 19 Denn in jenen Tagen wird eine Drangsal sein, wie es desgleichen, seit Gott sein Schöpfungswerk begonnen hat, bis jetzt keine gegeben hat, noch je geben wird. 20 Wenn der Herr diese Tage nicht abgekürzt hätte, würde kein Mensch gerettet werden. Aber um der Auserwählten willen, die er erwählt hat, kürzte er die Tage ab. 21 Wenn dann jemand zu euch sagt: Siehe, hier ist der Messias, siehe, dort! — so glaubt es nicht! 22 Denn es werden falsche Messiasse und falsche Propheten auftreten und Zeichen und Wunder wirken, um, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten in Irrtum zu führen. 23 Ihr aber sehet euch vor! Sehet, ich habe euch alles vorhergesagt.

 

Wiederkunft Christi. 24 In jenen Tagen nach dieser Drangsal wird die Sonne verfinstert werden, der Mond wird seinen Schein nicht mehr geben, 25 die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. 26 Dann werden sie den Menschensohn in den Wolken kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit. 27 Dann wird er seine Engel aussenden und seine Auserwählten von den vier Winden zusammenbringen lassen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

 

Gleichnis vom Feigenbaum. 28 Vom Feigenbaum aber lernet das Gleichnis: Wenn sein Zweig schon saftig wird und die Blätter hervorsprossen, wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. 29 So sollt auch ihr, wenn ihr dies sehet, merken, daß er nahe vor der Türe ist. 30 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. 31 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. 30-31: Der Vers gibt den Jüngern die Antwort auf ihre Frage nach der Zerstörung Jerusalems innerhalb eines Menschenalters. Diese für die Jünger niederschmetternde Auskunft beteuerte Jesus feierlich. 32 Von jenem Tag aber und jener Stunde hat niemand Kenntnis, weder die Engel im Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater. 32: Den Zeitpunkt des Gerichtes mitzuteilen, gehört nicht zur messianischen Aufgabe des Sohnes, obgleich er ihn kennt.

 

Gleichnis vom Hausherrn. 33 Sehet zu, wachet [und betet]. Denn ihr wißt nicht, wann die Zeit da ist. 34 Es ist wie bei einem Manne, der verreiste, sein Haus verließ, seinen Knechten Vollmacht gab, jedem sein Geschäft, und den Türhüter beauftragte, wachsam zu sein. 35 Seid also wachsam. Denn ihr wißt nicht, wann der Herr des Hauses kommt, abends oder um Mitternacht oder beim Hahnenschrei oder in der Frühe, 36 sonst könnte er, wenn er unerwartet kommt, euch schlafend finden. 37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet! 1-37: Vgl. Mt 24,1-25, 46; Lk 21,5-38.

 

Leiden, Sterben und Verherrlichung Christi

 

Die Vorbereitung

14 Beschluß des Hohen Rates. Nach zwei Tagen aber war Ostern und das Fest der ungesäuerten Brote. Die Oberpriester und Schriftgelehrten überlegten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. Sie sagten nämlich: Nur nicht am Festtage, damit kein Aufruhr unter dem Volke entsteht. 1-2: Vgl. Mt 26,1-5; Lk 22,1-2

 

Jesus in Bethanien. Als er zu Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und zu Tische saß, kam eine Frau mit einem Gefäß aus Alabaster, voll kostbarer Salbe von echter Narde. Sie zerbrach das Gefäß und goß sie über sein Haupt aus. Einige aber gaben ihrem Unwillen untereinander Ausdruck: Wozu diese Verschwendung der Salbe? Man hätte die Salbe um mehr als dreihundert Denare verkaufen und den Armen geben können. Und sie schimpften über sie. 5: Der Wert der Salbe ist also höher als das Jahreseinkommen eines vollbeschäftigten Arbeiters (Mt 20,2), ein Beweis für die Wohlhabenheit der bethanischen Geschwister und für ihre Liebe zu Jesus. Was Christus geopfert wird, ist stets gut verwendet. Jesus aber sprach: Lasset sie! Warum kränket ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan! Denn die Armen habt ihr allezeit bei euch und könnt ihnen Gutes tun, wann ihr wollt. Mich aber habt ihr nicht allezeit. Diese tat, was sie konnte. Sie salbte schon zum voraus meinen Leib zum Begräbnis ein. Wahrlich, ich sage euch: Wo man in der ganzen Welt die Heilsbotschaft verkünden wird, da wird man auch zu ihrem Andenken erzählen, was sie getan hat. 3-9: Vgl. Mt 26,6-13; Jo 12,1-8. Die Salbung fand schon sechs Tage vor Ostern statt (Jo 12,1). Der Bericht wird vom Evangelium nachgetragen wegen der üblen Rolle, die Judas beim Mahle spielte.

 

Der Verrat des Judas. 10 Da ging Judas Iskariot, einer von den Zwölfen, zu den Oberpriestern, um ihnen Jesus zu verraten. 11 Als sie das hörten, freuten sie sich sehr und versprachen, ihm Geld zu geben. Er suchte eine günstige Gelegenheit, ihn zu verraten. 10-11: Vgl. Mt 26,14-16; Lk 22,3-6. Wer sich über Verrat freut und ihn bezahlt, ist schlimmer als der Verräter selbst.

 

Feier des Abendmahls. 12 Am ersten Tage der ungesäuerten Brote, da man das Osterlamm zu schlachten pflegte, sagten seine Jünger zu ihm: Wo sollen wir hingehen und Vorbereitungen treffen, damit du das Osterlamm essen kannst? 13 Da sandte er zwei seiner Jünger und sprach zu ihnen: Geht in die Stadt; da wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt, ihm folget, 14 und wo er eintritt, da sagt zu dem Hausherrn: Der Meister läßt dir sagen: Wo ist mein Gemach, in dem ich das Osterlamm mit meinen Jüngern essen kann? 15 Und er wird euch ein großes, mit Polstern belegtes und hergerichtetes Obergemach zeigen. Dort richtet für uns zu. 16 Die Jünger gingen hin, kamen in die Stadt und fanden es, wie er ihnen gesagt hatte. Und sie bereiteten das Ostermahl.

 

Entlarvung des Verräters. 17 Da es nun Abend geworden war, kam er mit den Zwölfen. 18 Als sie zu Tische lagen und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer von euch, der mit mir ißt, wird mich verraten! 19 Da wurden sie betrübt, und einer um den andern fragte ihn: Ich bin es doch nicht? 20 Er antwortete: Einer von den Zwölfen, der [die Hand] mit mir in die Schüssel tunkt. 21 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht. Wehe aber dem Menschen, durch welchen der Menschensohn verraten wird! Ihm wäre es besser, wenn er nicht geboren wäre. 21: Judas ist also ewig verdammt; sonst träfe der Satz nicht zu. 12-21: Vgl. Mt 26,17-25; Lk 22,7-23; Jo 13,1-30.

 

Einsetzung des allerheiligsten Altarssakramentes. 22 Während des Mahles nahm Jesus Brot, segnete es, brach es und gab es ihnen mit den Worten: Nehmet hin; das ist mein Leib. 23 Dann nahm er einen Kelch, dankte und gab ihn ihnen und alle tranken daraus. 24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des [Neuen] Bundes, das für viele vergossen wird. 25 Wahrlich, ich sage euch: Ich werde nicht mehr trinken von dem Gewächse des Weinstocks, bis zu jenem Tage, da ich es im Reiche Gottes neu trinken werde. 22-25: Vgl. Mt 26,26-29; Lk 22,19-20, 18; 1 Kor 11,23-26.

 

Beteuerung der Jünger. 26 Und nachdem sie den Lobgesang gesprochen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg. 27 Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet alle [in dieser Nacht an mir] irre werden. Denn es steht geschrieben: Ich will den Hirten schlagen, und die Schafe werden zerstreut werden (Zach 13 7). 28 Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch vorangehen nach Galiläa. 29 Da sprach Petrus zu ihm: Wenn auch alle an dir irre werden, so werde ich es nicht tun. 30 Jesus entgegnete ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen! 31 Der aber ereiferte sich über die Maßen: Und wenn ich auch mit dir sterben müßte, werde ich dich doch nicht verleugnen. In gleicher Weise sprachen aber auch alle. 26-31: Vgl. Mt 26,30-35; Lk 22,31-34; Jo 13,36-38.

 

Jesus am Ölberg

Todesangst. 32 Sie kamen in einen Meierhof, Gethsemani genannt. Da sprach er zu seinen Jüngern: Setzet euch hier, während ich bete. 33 Nun nahm er Petrus, Jakobus und Johannes mit. Dann fing er an zu zittern und zu zagen. 34 Er sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis in den Tod. Bleibet hier und wachet. 35 Und er ging ein wenig vorwärts, fiel auf die Erde nieder und betete, daß, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge. 36 Er sprach: Abba, Vater, dir ist alles möglich. Laß diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst. 37 Er kam und fand sie schlafend. Und er sprach zu Petrus: Simon, du schläfst? Nicht eine Stunde konntest du wachen? 38 Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet! Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach. 39 Und er ging wieder hin, zu beten, und sprach dieselben Worte. 40 Da er wieder zurückkam, fand er sie abermals schlafend; denn ihre Augen waren schwer geworden, und sie wußten nicht, was sie ihm antworten sollten. 41 Und er kam zum drittenmal und sprach zu ihnen: Ihr schlaft weiter und ruhet! Es ist genug: Die Stunde ist gekommen. Sehet, der Menschensohn wird in die Hände der Sünder überliefert. 42 Stehet auf, lasset uns gehen. Sehet, mein Verräter naht! 41-42: Der Gottmensch sucht Trost bei seinen Jüngern. In schweren Stunden brauchen wir einen verstehenden Menschen. Den besten Trost aber finden wir wie die Menschennatur Jesu in vertrauensvollem Gebet und mutigem Jasagen zum Willen Gottes.

 

Gefangennahme Jesu. 43 Und da er noch redete, kam Judas [Iskariot], einer von den Zwölfen, und mit ihm ein großer Haufe mit Schwertern und Prügeln, [abgeschickt] von den Oberpriestern, Schriftgelehrten und Ältesten. 44 Sein Verräter hatte ihnen aber ein Zeichen gegeben und gesagt: Den ich küssen werde, der ist's, den ergreifet und führet ihn vorsichtig ab. 45 Als er herangekommen war, trat er sogleich auf ihn zu und sprach: [Sei gegrüßt,] Meister! Und er küßte ihn. 46 Sie aber legten Hand an ihn und ergriffen ihn. 47 Einer von den Umstehenden zog sein Schwert und schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab. 48 Jesus sagte zu ihnen: Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit Schwertern und Prügeln, um mich zu fangen. 49 Täglich war ich bei euch und lehrte im Tempel, und ihr habt mich nicht ergriffen. Allein es mußte die Schrift erfüllt werden. 50 Da verließen ihn alle [Jünger] und flohen. 51 Ein Jüngling, der ein Linnenhemd auf dem bloßen Leibe trug, folgte ihm, und man ergriff ihn. 52 Er aber ließ das Linnenhemd los und floh nackt davon. 51-52: Der Evangelist erzählt diesen kleinen Zwischenfall, weil er wahrscheinlich selbst der Jüngling gewesen ist. 32-52: Vgl. Mt 26,36-56; Lk 22,39-53, Jo 18,1-12. Gethsemani bedeutet Ölpresse. Die Umgebung ist reich an Olivenbäumen, daher „Ölberg“.

 

Vor dem Hohen Rat

Sitzung des Hohen Rates. 53 Sie führten Jesus zu dem Hohenpriester. Dort versammelten sich alle Oberpriester und Ältesten und Schriftgelehrten. 54 Petrus aber folgte ihm von ferne bis hinein in den Hof des Hohenpriesters. Er saß bei den Dienern am Feuer und wärmte sich. 55 Die Oberpriester und der ganze Hohe Rat suchten Zeugnis wider Jesus, um ihn töten zu können; doch sie fanden keines. 56 Viele machten zwar falsche Aussagen wider ihn, aber ihre Aussagen stimmten nicht überein. 57 Einige traten auf, machten falsche Aussagen wider ihn, indem sie sprachen: 58 Wir haben ihn sagen hören: Ich will diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, niederreißen und in drei Tagen einen andern aufbauen, der nicht mit Händen gemacht ist. 59 Aber nicht einmal in diesem Falle stimmte ihre Aussage überein. 59: Zwei übereinstimmende Zeugenaussagen waren erforderlich. 60 Da stand der Hohepriester auf, trat in die Mitte und fragte Jesus: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich vorbringen? 61 Er aber schwieg und antwortete nichts. Abermals fragte ihn der Hohepriester: Bist du der Christus, der Sohn [Gottes] des Hochgelobten? 62 Jesus sprach zu ihm: Ich bin es! Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Allmacht [Gottes] sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen. 63 Da zerriß der Hohepriester seine Kleider und sprach: Was haben wir noch Zeugen nötig? 63: Das galt als Zeichen höchster Entrüstung. Das Kleid wurde dabei am Schlitz auf der Brust etwas eingerissen. 64 Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was dünkt euch? Sie urteilten alle, daß er des Todes schuldig sei. 65 Nun spien ihn einige an, verhüllten sein Angesicht, schlugen ihn mit Fäusten und sagten zu ihm: Weissage! Die Diener nahmen ihn mit Backenstreichen in Empfang.

 

Verleugnung des Petrus. 66 Petrus war unten im Hofe. Da kam eine von den Mägden des Hohenpriesters, 67 und da sie den Petrus sich wärmen sah, schaute sie ihn an und sagte: Auch du warst bei Jesus, dem Nazarener. 68 Er leugnete und sprach: Ich kenne ihn nicht und verstehe auch nicht, was du sagst. Er ging in die Vorhalle hinaus; da krähte der Hahn. 69 Die Magd sah ihn abermals und sagte zu den Umstehenden: Dieser ist auch einer von jenen. 70 Er leugnete abermals. Gleich darauf sagten die Umstehenden wieder zu Petrus: Wahrhaftig, du bist einer von jenen; denn du bist auch ein Galiläer. 71 Da fing er an zu fluchen und zu schwören: Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet. 72 Und alsbald krähte der Hahn zum zweitenmal. Da erinnerte sich Petrus des Wortes, das Jesus ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er begann zu weinen. 72: Die Reue des Petrus war echt, die des Judas nicht. 53-72: Vgl. Mt 26,57-75; Lk 22,54-71; Jo 18,13-27.

 

Vor Pilatus

15 Sogleich in der Morgenfrühe faßten die Oberpriester mit den Ältesten, den Schriftgelehrten und dem ganzen Gerichtshof Beschluß. Dann ließen sie Jesus binden und fortführen und übergaben ihn dem Pilatus. Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete ihm: Du sagst es! Die Oberpriester brachten viele Klagen gegen ihn vor. Pilatus fragte ihn abermals: Antwortest du nichts? Sieh, welch schwere Anklagen sie gegen dich vorbringen! Jesus aber antwortete nichts mehr, so daß Pilatus sich verwunderte. 5: Das Schweigen Jesu ist der Ausdruck höchster Würde, es besagt mehr als alles Schreien der Masse.

 

Auf das Fest pflegte er ihnen einen von den Gefangenen freizugeben, den sie sich ausbitten durften. Nun war ein Mann namens Barabbas mit andern Aufrührern im Gefängnis. Diese hatten bei einem Aufstand einen Mord begangen. Das Volk zog hinauf und begann, um das zu bitten, was er sonst immer gewährte. Pilatus erwiderte ihnen: Wollt ihr, daß ich euch den König der Juden freigebe? 10 Er wußte nämlich, daß die Oberpriester ihn aus Neid überantwortet hatten. 11 Die Oberpriester aber hetzten das Volk auf, daß er ihnen vielmehr den Barabbas freigebe. 12 Pilatus entgegnete ihnen abermals: Was soll ich denn mit dem machen, den ihr den König der Juden nennt? 13 Sie riefen abermals: Kreuzige ihn! 14 Pilatus sprach zu ihnen: Was hat er denn Böses getan? Allein sie schrien noch mehr: Kreuzige ihn! 15 Pilatus wollte dem Volke willfährig sein. Darum gab er ihnen den Barabbas frei, Jesus aber ließ er geißeln und übergab ihn zur Kreuzigung.

 

Die Dornenkrönung. 16 Die Soldaten aber führten ihn hinein in das Innere des Palastes, das heißt der Statthalterresidenz und riefen die ganze Abteilung zusammen. 17 Sie legten ihm einen Purpurmantel um, flochten eine Dornenkrone, setzten sie ihm auf und fingen an, 18 ihm zu huldigen: Sei gegrüßt, König der Juden! 19 Sie schlugen ihm mit einem Rohr auf das Haupt, spien ihn an, beugten die Knie und huldigten ihm. 20a Nachdem sie ihn verspottet hatten, nahmen sie ihm den Purpurmantel ab, zogen ihm seine Kleider an 20b und führten ihn hinaus, um ihn zu kreuzigen. 1-20 Vgl. Mt 27,11-31; Lk 23,1-25; Jo 18,28-19, 16.

 

Kreuzigung Jesu. 21 Einen Vorübergehenden, Simon von Cyrene, der vom Felde kam, den Vater des Alexander und Rufus, nötigten sie, sein Kreuz zu tragen. 21: Nur Markus nennt die Söhne Simons, weil sie der römischen Christengemeinde bekannt waren (Röm 16, 13). 22 Sie führten ihn an den Ort Golgotha, das heißt Schädelstätte. 23 Dort reichten sie ihm mit Myrrhe gewürzten Wein; er aber nahm ihn nicht. 24 Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider und warfen das Los darüber, was ein jeder bekommen solle. 25 Es war aber die dritte Stunde, da sie ihn kreuzigten. 25: Johannes nennt die sechste Stunde. Markus rechnet nämlich die Geißelung nach römischer Sitte schon zur Kreuzigung. 26 Die Inschrift mit der Angabe seiner Schuld lautete: Der König der Juden. 27 Mit ihm kreuzigten sie zwei Räuber, einen zu seiner Rechten, den andern zu seiner Linken. 28 So erfüllte sich das Wort der Schrift: Er ist unter die Übeltäter gerechnet worden (Is 53, 12).

 

29 Die Vorübergehenden lästerten ihn, schüttelten ihre Köpfe und sagten: Ei, der du den Tempel zerstörst und in drei Tagen wieder aufbaust, 30 hilf dir selbst und steig herab vom Kreuze! 31 Gleicherweise verspotteten ihn auch die Oberpriester und Schriftgelehrten und sprachen zueinander: Andern hat er geholfen sich selbst kann er nicht helfen! 32 Der Messias, der König von Israel, er steige jetzt herab vom Kreuze, daß wir sehen und glauben. Auch die, welche mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn.

 

Jesu Tod. 33 Als die sechste Stunde gekommen war, kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 34 Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eloi, Eloi, lama sabakthani, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Ps 22, 2). 35 Einige von den Umstehenden hörten es und sagten: Hört, er ruft den Elias. 36 Einer lief hin, füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sagte: Laßt mich, wir wollen sehen, ob Elias kommt und ihn herabnimmt. 36: Jesus ist also am Kreuze nicht mit Essig und Galle getränkt worden. Der Essig war ein saurer Wein, wie ihn die Soldaten bei sich hatten. 37 Jesus aber stieß einen lauten Schrei aus und gab den Geist auf. 38 Da zerriß der Vorhang des Tempels in zwei Stücke von oben bis unten. 39 Der Hauptmann aber, der ihm gegenüber stand und ihn so [laut rufend] sterben sah, sprach: Wahrlich, dieser Mensch war Gottes Sohn! 40 Von ferne schauten auch Frauen zu, darunter Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus des Jüngeren und des Joses, und Salome. 41 Diese hatten ihn, als er in Galiläa war, begleitet und ihm gedient. Auch viele andere waren da, die zugleich mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren. 21-41: Vgl. Mt 27,32-56; Lk 23,26-49; Jo 19,17-30..

 

Jesu Grablegung

42 Als es bereits Abend geworden war^ — es war nämlich Rüsttag, das heißt der Tag vor dem Sabbat —,43 kam Joseph von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der selbst auf das Reich Gottes wartete. Dieser trat herzhaft vor Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. 44 Pilatus wunderte sich, daß er schon verschieden sei. Er ließ den Hauptmann kommen und fragte ihn, ob er denn schon gestorben sei. 45 Als er es vom Hauptmann erfahren hatte, schenkte er dem Joseph den Leichnam. 46 Der kaufte Leinwand, nahm ihn ab, wickelte ihn in die Leinwand und legte ihn in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang des Grabes. 46: Heute überdeckt die Grabeskirche zugleich den Golgothafelsen und die Grabstätte. 47 Maria Magdalena aber und Maria, die Mutter des Joses, sahen zu, wo er beigesetzt wurde. 42-47: Vgl. Mt 27,57-66; Lk 23,50-56; Jo 19,31-42. Alle vier Evangelisten berichten, daß Jesus an einem Freitag gestorben ist, nach den drei Älteren war es um die neunte Stunde = 3 Uhr nachmittags.

 

Die Verherrlichung Jesu

 

Die Auferstehung

16 Die Frauen am Grabe. Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome Spezereien, um hinzugehen und Jesus zu salben. Sie kamen am ersten Tag der Woche in aller Frühe zum Grabe, da die Sonne eben am Aufgehen war. Sie sprachen zueinander: Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Als sie hinblickten, sahen sie, daß der Stein weggewälzt war; er war nämlich sehr groß. Sie gingen in das Grab hinein und sahen einen Jüngling zur Rechten sitzen, angetan mit einem weißen Gewande, und sie erschraken sehr. Dieser aber sprach zu ihnen: Erschrecket nicht! Ihr suchet Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Sehet den Ort, wo sie ihn hingelegt hatten. Aber geht hin und sagt seinen Jüngern, besonders dem Petrus, daß er euch vorangehe nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Sie gingen hinaus und flohen vom Grabe weg; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas, weil sie sich fürchteten.

 

Jesus erscheint den Seinigen. Nachdem er in der Frühe, am ersten Tage der Woche auferstanden war, erschien er zuerst der Maria Magdalena, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. 10 Sie ging hin und berichtete es seinen Begleitern, die jetzt trauerten und weinten. 11 Als sie hörten, daß er lebe und ihr erschienen sei, glaubten sie es nicht.

 

12 Hernach erschien er in anderer Gestalt zweien aus ihnen, die aufs Land gingen. 13 Auch sie gingen hin und meldeten es den übrigen, aber sie glaubten es ihnen ebenfalls nicht.

 

14 Später erschien er den Elfen, da sie zu Tische saßen. Er verwies ihnen ihren Unglauben und ihre Herzenshärte, weil sie denen nicht geglaubt hatten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten. 15 Er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und verkündet die Frohbotschaft allen Geschöpfen. 16 Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden. 17 Folgende Wunderzeichen werden jene, die gläubig geworden, begleiten: In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Sprachen reden, 18 Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen, und sie werden gesund werden. 1-18: Vgl. Mt 28,1-20; Lk 24,1-49; Jo 20,1-21, 23. Die Frauen kauften die Spezereien am Samstag, nachdem beim Sonnenuntergang die Sabbatruhe aufgehört hatte. Immer wieder wird der Unglaube und Schrecken der Jünger betont. Niemand dachte an die Auferstehung. Das macht es unmöglich, dieses Wunder als Einbildung der Jünger und der frommen Frauen zu erklären.

 

Himmelfahrt

19 Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes. 20 Jene aber gingen hin und predigten überall. Und der Herr wirkte mit und bekräftigte das Wort durch die begleitenden Wunderzeichen. 19-20: Der im Himmel thronende Christkönig lebt und wirkt auf Erden seiner Kirche. Die Taufe gliedert uns in die Lebensgemeinschaft mit ihm ein. 9-20: Der Abschnitt 9-20 fehlt zwar in wichtigen Handschriften, gehört aber zum Evangelium.

 

 

Das Evangelium nach Lukas

 

Einleitung

Der Evangelist Lukas war Heidenchrist und stammte aus Antiochien in Syrien. Von Beruf Arzt, scheint er zunächst als Laienapostel für Christus gewirkt zu haben. Er gehört zu den treuesten und eifrigsten Mitarbeitern des hl. Paulus. Freiwillig hat er fünf Jahre lang mit ihm die Gefangenschaft in Cäsarea und Rom geteilt. Sein Beruf, seine Heimat und der Verkehr mit dem Völkerapostel gaben ihm den weiten Blick, den Sinn für die alle Menschen umfassende Bedeutung der Erlösung, wie sie sein Evangelium verkündet. Jesus ist darin dargestellt als der barmherzige Heiland der Sünder, der Helfer in aller Not. Als Arzt hat Lukas tiefer in das Leid der Menschen geschaut, vor allem auch der Frauen. Darum erzählt er mehr als die andern Evangelisten von der gewinnenden Güte des Herrn ihnen gegenüber. Von der Gottesmutter berichtet sein Evangelium so viel, daß ihn das Mittelalter seit dem 6. Jahrhundert zum Maler, besonders zum „Madonnenmaler“ gemacht hat. Er ist bemüht, die Ereignisse des Lebens Jesu in ihren Zusammenhang mit dem Zeitgeschehen im Römerreich zu rücken. Das Lukasevangelium berichtet zunächst wichtige Einzelheiten aus der Kindheitsgeschichte Jesu und seines Vorläufers (Kap. 1-2) sowie aus der unmittelbaren Vorbereitung des öffentlichen Auftretens Jesu (3,1-4,13). Danach schildert es Jesu Tätigkeit in Galiläa (4,14-9,50), sein Lehren und Wunderwirken auf der Wanderung vom Norden nach dem Süden des Landes (9,51-18,14) — es ist der sogenannte Reisebericht — und sein Auftreten in Judäa und Jerusalem (18,15-21,38). Den Abschluß bildet wie in andern Evangelien die Geschichte des Leidens, Sterbens und der Verklärung des Erlösers (22,1-24,53).

 

Das Evangelium wurde zwischen 61-63 geschrieben, wahrscheinlich in Rom. Nach dem Tode der Apostelfürsten hat der hl. Lukas, wie die Überlieferung meldet, in Achaia und Böotien gewirkt und starb nach einem alten Zeugnis 84jährig „voll des Heiligen Geistes“ als Blutzeuge Christi. Sein Fest wird am 18. Oktober gefeiert.

 

1 Vorwort des Evangelisten. Schon manche haben es unternommen, eine Erzählung der Begebenheiten zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben, so wie es uns die überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind. So habe auch ich mich entschlossen, allem von den ersten Anfängen an sorgfältig nachzugehen und es für dich, edler Theophilus, der Reihe nach niederzuschreiben, damit du dich von der Zuverlässigkeit der Lehren, über die du unterwiesen worden bist, überzeugen kannst. 1-4: Dieses Vorwort verrät im Urtext durch seine klassisch schöne Form die hohe Bildung des Verfassers. Er widmet sein Werk einem edlen Freund, nachdem er gewissenhafte die mündlichen und schriftlichen Quellen durchforscht hat. Die Inspiration des Heiligen Geistes enthebt ja den Menschen nicht der Mühe des eigenen Schaffens.

 

Aus der Kindheitsgeschichte Jesu und des Vorläufers

Verheißung der Geburt des Täufers. In den Tagen des Herodes des Königs von Judäa, lebte ein Priester mit Namen Zacharias aus der Klasse des Abias; seine Frau stammte von Aaron ab und hieß Elisabeth. 5: Zacharias sowohl wie Elisabeth konnten ihre Abstammung mehr als 1000 Jahre zurück nachweisen. Beide waren gerecht vor Gott und wandelten tadellos in allen Geboten und Satzungen des Herrn. Doch hatten sie kein Kind, weil Elisabeth unfruchtbar war und beide in vorgerücktem Alter standen. Es begab sich aber, als er vor Gott den Priesterdienst versah, weil seine Klasse an der Reihe war, da wurde er ausgelost, wie es Brauch bei der Priesterschaft war, in den Tempel des Herrn zu gehen und das Rauchopfer darzubringen. 8-9: Es gab 24 Priesterklassen. Jede hatte außer an den höchsten Festen jährlich zweimal je eine Woche Dienst im Tempel. Das Los bestimmte, welche Verrichtungen der einzelne Priester zu vollziehen hatte. 10 Die ganze Menge des Volkes betete während des Rauchopfers draußen. 11 Da erschien ihm ein Engel des Herrn zur Rechten des Rauchopferaltars. 12 Zacharias erschrak bei diesem Anblick, und Furcht überfiel ihn. 13 Der Engel aber sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias! Denn dein Gebet ist erhört: Dein Weib Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Johannes geben. 14 Du wirst Freude und Jubel haben, und viele werden sich über seine Geburt freuen. 15 Denn er wird groß sein vor dem Herrn: Wein und Rauschtrank wird er nicht trinken, aber vom Heiligen Geiste erfüllt werden schon vom Mutterleibe an. 16 Viele Israeliten wird er zum Herrn, ihrem Gott, bekehren 17 und vor ihm im Geiste und in der Kraft des Elias einhergehen, um die Herzen der Väter den Kindern zuzuwenden und Ungehorsame zur Gesinnung der Gerechten zurückzuführen, und so dem Herrn ein vorbereitetes Volk zu schaffen. 18 Zacharias sagte zu dem Engel: Woran soll ich dies erkennen? Bin ich doch ein Greis, und mein Weib steht in vorgerücktem Alter. 19 Der Engel entgegnete ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht. Ich bin abgesandt, zu dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu bringen. 20 Siehe, du wirst stumm sein und nicht reden können bis zu dem Tage, da dies geschieht, weil du meinen Worten, die zu ihrer Zeit in Erfüllung gehen werden, nicht geglaubt hast. 21 Das Volk wartete auf Zacharias und wunderte sich, daß er so lange im Tempel blieb. 22 Als er herauskam, konnte er nicht zu ihnen sprechen. Da erkannten sie, daß er im Tempel eine Erscheinung gehabt hatte. Er konnte ihnen nur zuwinken und blieb stumm. 21-22: Der Priester hatte nach dem Opfer dem Volk von der Treppe des Heiligtums herab den Segen zu spenden. 23 Und es geschah, als die Tage seines Dienstes zu Ende waren, ging er nach Hause. 24 Nach diesen Tagen aber empfing sein Weib Elisabeth. Sie hielt sich fünf Monate lang verborgen und sagte: 25 Also hat der Herr an mir getan in den Tagen, da er auf mich sah, um meine Schmach bei den Leuten wegzunehmen. 25: Elisabeth hielt sich verborgen, bis niemand mehr an ihrer Mutterschaft zweifeln konnte und es offensichtlich war, das Gott die als Schmach und Schuld geltende Kinderlosigkeit von ihr genommen hatte.

 

Verkündigung der Geburt Jesu. 26 Im sechsten Monate aber wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt Galiläas mit Namen Nazareth 27 zu einer Jungfrau gesandt. Sie war einem Manne namens Joseph verlobt, aus dem Hause Davids, und der Name der Jungfrau war Maria. 28 Der Engel trat bei ihr ein und sprach: Sei gegrüßt, du Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir; [du bist gebenedeit unter den Weibern]. 29 Sie erschrak über seine Rede und dachte nach, was dieser Gruß bedeuten solle. 30 Der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast bei Gott Gnade gefunden. 31 Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären. Dem sollst du den Namen Jesus geben. 32 Dieser wird groß sein und der Sohn des Allerhöchsten genannt werden. Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; 33 er wird über das Haus Jakobs für ewig herrschen, und seines Reiches wird kein Ende sein. 34 Da sprach Maria zum Engel: Wie wird dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne? 35 Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten dich überschatten. Deswegen wird auch das Heilige, das [von dir] geboren werden soll, Sohn Gottes genannt werden. 34-35: Nicht aus Zweifelsucht fragte Maria. Sie bittet nur demütig um Aufschluß, wie sich ihr Mutterwerden mit der ungeteilten Hingabe an Gott in steter Jungfräulichkeit vereinbaren lasse. Die Antwort des Engels belehrt sie, daß ihr Kind keinen menschlichen Vater haben, sondern durch unmittelbares Einwirken des lebenschaffenden Gottesgeiste aus ihr geboren werden solle, daß sie also Mutter werden und zugleich Jungfrau bleiben dürfe. 36 Siehe, auch deine Verwandte Elisabeth hat in ihrem hohen Alter einen Sohn empfangen; schon der sechste Monat ist es bei ihr, die als unfruchtbar gilt; 37 bei Gott ist ja kein Ding unmöglich. 38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte! Und der Engel schied von ihr. 38: Marias Antwort offenbart das Wesen aller Frömmigkeit: Demütige Bereitschaft des Geschöpfes vor dem Schöpfer, unbedingtes Jasagen des freien Menschen zum Willen Gottes.

 

Maria bei Elisabeth und das Magnifikat. 39 Maria aber machte sich in jenen Tagen auf und eilte in das Gebirge in eine Stadt Judas. 39: Nach der Überlieferung ist es der Ort Ain-Karim, anderthalb Stunden westlich von Jerusalem, auch St. Johann im Gebirge genannt. 40 Sie trat in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. 41 Und es geschah, als Elisabeth Marias Gruß hörte, hüpfte das Kind in ihrem Schoße, und Elisabeth wurde vom Heiligen Geiste erfüllt. 42 Sie rief mit lauter Stimme: Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes! 43 Woher wird mir die Ehre zuteil, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 44 Denn siehe, sobald die Stimme deines Grußes an mein Ohr drang, hüpfte das Kind in meinem Schoße vor Freude. 45 Und selig ist, die geglaubt hat, daß in Erfüllung gehen wird, was ihr vom Herrn gesagt worden ist! 46 Da sprach Maria:

 

Hoch preist meine Seele den Herrn,

47 und mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heiland.

48 Denn er hat herabgeschaut auf seine kleine Magd.

Siehe, von nun an werden alle Geschlechter mich seligpreisen.

49 Denn Großes hat an mir der Mächtige getan,

und heilig ist sein Name.

50 Sein Erbarmen wächst von Geschlecht zu Geschlecht

für die, welche ihn fürchten.

51 Er übet Macht mit seinem Arme,

zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

52 Die Gewalthaber stürzt er vom Throne

und erhöhet die Niedrigen.

53 Die Hungernden erfüllt er mit Gütern,

und die Reichen läßt er leer ausgehen.

54 Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen,

eingedenk seines Erbarmens,

55 wie er es unsern Vätern verheißen hat,

dem Abra­ham und seinen Nachkommen auf ewig.

46-55: Das Magnifikat ist Ausdruck höchster Geistesfülle,

aber auch Zeugnis für Marias Vertrautheit mit der Heiligen Schrift

und für ihre Volksverbundenheit. Täglich erklingt dieses Lied von neuem in der Vesper.

 

56 Maria blieb etwa drei Monate bei ihr. Dann kehrte sie nach Hause zurück. 56: Die Magd des Herrn übt Mutterdienst und Familienpflege. Echte Gottesliebe wird sichtbar in tätiger Nächstenliebe.

 

Geburt des Johannes und das Benediktus. 57 Für Elisabeth war die Zeit ihrer Niederkunft gekommen, und sie gebar einen Sohn. 58 Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, daß der Herr großes Erbarmen mit ihr gehabt habe, und beglückwünschten sie. 59 Am achten Tage kamen sie, den Knaben zu beschneiden. Sie wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben. 60 Die Mutter entgegnete: Nein, er soll Johannes heißen! 61 Sie sprachen zu ihr: Es gibt doch niemand in deiner Verwandtschaft, der diesen Namen trägt. 62 Da befragten sie seinen Vater durch Zeichen, wie er ihn genannt wissen wolle. 63 Er forderte ein Schreibtäfelchen und schrieb darauf: Johannes ist sein Name. Da wunderten sich alle. 64 Im selben Augenblick aber ward sein Mund geöffnet und seine Zunge gelöst; er konnte sprechen und pries Gott. 65 Da ergriff alle Nachbarn Furcht, und alle diese Ereignisse wurden auf dem ganzen Bergland von Judäa besprochen. 66 Alle, die davon hörten, erwogen es im Herzen und sagten: Was wird wohl aus diesem Kinde werden? War ja doch die Hand des Herrn mit ihm. 67 Sein Vater Zacharias aber ward vom Heiligen Geiste erfüllt und sprach prophetisch also:

 

68 Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels,

denn er hat sein Volk heimgesucht und ihm Erlösung gebracht.

69 Er hat uns ein Horn des Heiles aufgerichtet

im Hause seines Knechtes David,

70 wie er durch den Mund seiner heiligen Propheten

vor alters gesprochen hat:

71 uns zu retten vor unsern Feinden

und aus der Hand aller, die uns hassen;

72 Erbarmen zu üben mit unsern Vätern

und seines heiligen Bundes eingedenk zu sein,

73 seines Eides, den er unserm Vater Abra­ham geschworen:

74 uns zu verleihen, daß wir, aus der Hand unserer Feinde befreit,

ihm ohne Furcht dienen 75 in Heiligkeit und Gerechtigkeit

vor seinen Augen alle unsere Lebenstage.

76 Du aber, Kind, sollst ein Prophet des Höchsten heißen,

vor dem Herrn einhergehen,

seine Pfade zu bereiten

77 und seinem Volke Heilserkenntnis zu geben

zur Vergebung der Sünden

78 wegen des herzlichen Erbarmens unseres Gottes.

Mit ihm wird uns der Aufgang aus der Höhe heimsuchen,

78: Wie die aufgehende Sonne den lichten Tag bringt, so sendet Gott den Erlöser als Licht der Welt.

79 um denen zu erscheinen, die in Finsternis und Todesschatten sitzen,

um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu leiten. 68-79: Der Lobgesang

des Zacharias, „das Benediktus“, wird täglich im kirchlichen Morgengebet, den Laudes,

 angestimmt. Er preist den göttlichen Heilsplan und zeichnet die Aufgabe des Vorläufers.

 

80 Der Knabe aber wuchs und erstarkte im Geiste; er hielt sich in der Wüste auf bis zu dem Tage, da er vor Israel auftrat.

 

2 Geburt Jesu. Es begab sich aber in jenen Tagen, daß ein Befehl erging vom Kaiser Augustus, wonach der ganze Erdkreis aufgenommen werden sollte. Diese Aufnahme war die erste, die zu der Zeit stattfand, als Quirinius Statthalter von Syrien war. 2: Man kann den Urtext auch übersetzen: „Diese Aufzeichnung fand früher statt als diejenige unter Quirinius, dem Statthalter von Syrien.“ Unbewußt hat der Regierungserlaß des römischen Kaisers zur Erfüllung der Weissagung des Propheten Michäus beigetragen, der Messias werde in Bethlehem geboren. Alle gingen hin, sich aufschreiben zu lassen, ein jeder in seine Stadt. Auch Joseph reiste von Galiläa aus der Stadt Nazareth hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, 4: Der Weg von Nazareth nach Bethlehem ist 148 Kilometer weit und führt über Berg und Tal, eine schwere Reise für die hoffende Mutter des Herrn. um sich mit Maria, der ihm verlobten Frau, die guter Hoffnung war, aufschreiben zu lassen. Es geschah aber, während sie dort waren, kam für sie die Zeit ihrer Niederkunft. Sie gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge für sie kein Platz war.

 

Die Hirten bei der Krippe. In derselben Gegend befanden sich Hirten auf dem Felde, die bei ihrer Herde Nachtwache hielten. Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen, und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie. Sie gerieten darob in große Furcht. 10 Der Engel aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volke zuteil werden soll: 11 Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren worden, der da ist der Messias, der Herr. 12 Dies soll euch zum Zeichen sein: Ihr werdet ein Kindlein finden, das in Windeln eingewickelt ist und in einer Krippe liegt. 13 Sogleich gesellte sich zum Engel eine große himmlische Heerschar, die Gott lobte und sprach: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind! 14: Das „Gloria“ der Engel kann auch übersetzt werden: „Ehre ist Gott in der Höhe und auf Erden Friede unter den Menschen, die ihm wohlgefallen.“ Das Doppelziel der Menschwerdung ist: Gottes Ehre wird hergestellt und das Heil der Menschen gesichert.

 

15 Und es begab sich, als die Engel von ihnen weg in den Himmel zurückgekehrt waren, sprachen die Hirten zueinander: Laßt uns nach Bethlehem hinübergehen und das Geschehene schauen, das der Herr uns kundgetan hat. 16 Eilends gingen sie hin und fanden Maria und Joseph und das Kind, das in der Krippe lag. 17 Als sie es aber gesehen hatten, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. 18 Alle, die es hörten, wunderten sich über das, was die Hirten ihnen erzählten. 19 Maria aber behielt alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. 19: Maria selbst wird dem Evangelisten vieles aus der Kindheit Jesu erzählt haben. 20 Die Hirten aber kehrten heim, sie lobten und priesen Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen verkündet worden war.

 

Jesu Beschneidung und Darstellung im Tempel. 21 Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden mußte, erhielt es den Namen Jesus, wie ihn der Engel vor seiner Empfängnis im Mutterschoß genannt hatte.

 

22 Als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetze des Moses voll waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen. 22: Die Entfernung von Bethlehem nach Jerusalem beträgt 8 Kilometer. „Die Tage der Reinigung“ der Mutter dauerten nach der Geburt eines Knaben 7 + 33 = 40 Tage, nach der Geburt eines Mädchens doppelt so lange. Maria unterzog sich freiwillig der Zeremonie der Reinigung im Tempel. 23 Denn so steht es geschrieben im Gesetz des Herrn: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht gelten (2 Mos 24 13,12). 24 Auch wollten sie das Opfer entrichten, wie es der Herr im Gesetz vorgeschrieben hatte, ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. 25 Und siehe, in Jerusalem lebte ein Mann mit Namen Simeon; er war gerecht und gottesfürchtig; er wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war in ihm. 26 Ihm war vom Heiligen Geiste geoffenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, bevor er den Gesalbten des Herrn gesehen habe. 27 Auf Eingebung des Geistes war er in den Tempel gekommen; als die Eltern das Jesuskind hereinbrachten, um für es alles nach dem Herkommen des Gesetzes zu tun, 28 da nahm er es auf seine Arme, pries Gott und sprach:

 

29 Nun lässest du, Herr, deinen Knecht

nach deinem Wort im Frieden scheiden;

30 denn meine Augen haben dein Heil geschaut,

31 das du vor allen Völkern bereitet hast:

32 ein Licht zur Erleuchtung der Heiden

und eine Verherrlichung deines Volkes Israel.

29-32: Der Lobgesang Simeons ist in das liturgische

Abendgebet der Kirche aufgenommen, ein sinnvoller

Dank am Schluß eines gnadenreichen Tages.

 

33 Sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was über ihn gesagt wurde. 34 Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist bestimmt zum Fall und zum Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem man widerspricht; deine eigene Seele aber wird ein Schwert durchdringen. 35 So werden die Gedanken vieler Herzen offenbar werden. 34-35: Zu allen Zeiten scheiden sich an Christus die Geister. Lebensgemeinschaft mit ihm wird hienieden zur Leidensgemeinschaft mit ihm. 36 Auch eine Prophetin Anna, eine Tochter Phanuels aus dem Stamme Aser, lebte damals; sie war hochbetagt. Nach ihrem Jungfrauenstand hatte sie sieben Jahre mit ihrem Manne gelebt 37 und war jetzt eine Witwe von 84 Jahren. Sie verließ den Tempel nie und diente Gott mit Fasten und Beten bei Tag und Nacht. 38 Zur selben Stunde fand sie sich ein und pries Gott; sie redete über ihn zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems harrten. 38: In froher Dankbarkeit für die empfangene Gnade wird Anna zur unermüdlichen Verkünderin der Ankunft des Messias. 39 Nachdem sie alles nach dem Gesetz des Herrn erfüllt hatten, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth zurück. 39: Vgl. die Anmerkung zu Mt 2,11 40 Das Kind aber wuchs und erstarkte; es war voll Weisheit, und Gottes Wohlgefallen ruhte auf ihm.

 

Der zwölfjährige Jesus im Tempel. 41 Seine Eltern gingen alljährlich nach Jerusalem zum Osterfeste. 42 Als der Knabe zwölf Jahre alt war, zogen sie gemäß dem Festbrauch nach Jerusalem hinauf. 41-42: Nach 2 Mos 23,17; 34,23-24; 5 Mos 16,16-17 war den Männern der Gang zum Heiligtum an Ostern, Pfingsten und Laubhütten vorgeschrieben. Dieses Gebot verpflichtete den israelitischen Knaben erst vom vollendeten 13. Jahre an. Jesus ging also noch freiwillig mit, ebenso Maria. 43 Als die Tage vorüber waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Jesusknabe aber blieb in Jerusalem zurück, ohne daß es seine Eltern merkten. 44 Sie meinten, er sei bei der Reisegesellschaft, gingen eine Tagereise weit und suchten ihn bei den Verwandten und Bekannten. 45 Da sie ihn aber nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn. 46 Und es geschah nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel, wie er unter den Lehrern saß, ihnen zuhörte und sie fragte. 47 Alle, die ihn hörten, gerieten außer sich über seine Einsicht und seine Antworten. 48 Als sie ihn sahen, waren sie entsetzt, und seine Mutter sagte ihm: Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49 Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist? 49: Das Festhalten am Willen des Vaters ist für Jesus die oberste Norm. Darin geht er ganz auf, auch wenn er dabei der Mutter und dem Pflegevater Schmerz bereiten muß. Nicht vom Hause des Vaters ist das Wort zu verstehen. 50 Sie aber verstanden nicht, was er ihnen mit diesem Worte sagen wollte. 51 Er zog mit ihnen nach Nazareth hinab und war ihnen untertan. Seine Mutter bewahrte all diese Vorgänge in ihrem Herzen. 52 Jesus aber nahm zu an Weisheit, Alter und Wohlgefallen bei Gott und den Menschen.

 

Der Vorläufer und Jesus

3 Auftreten des Täufers. Es war im 15. Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Landpfleger von Judäa. Herodes Vierfürst von Galiläa, sein Bruder Philippus Vierfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis, Lysanias Vierfürst von Abilene. Hohepriester waren Annas und Kaiphas. Da erging das Wort des Herrn an Johannes, den Sohn des Zacharias, in der Wüste. Er trat auf in der ganzen Gegend am Jordan und predigte die Taufe der Bekehrung zur Vergebung der Sünden, wie im Buche der Aussprüche des Propheten Isaias geschrieben steht: Eines Herolds Stimme in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht eben seine Pfade! Jedes Tal soll ausgefüllt, jeder Berg und Hügel abgetragen werden! Was krumm ist, soll gerade, was uneben, ebener Weg werden. Und alles Fleisch soll das Heil Gottes schauen (Is 40, 3-5). Er sprach nun zu den Volksscharen, die hinausgezogen, sich von ihm taufen zu lassen, also: Schlangengezücht! Wer hat euch gezeigt, dem drohenden Zorngericht zu entgehen? Bringt würdige Früchte der Bekehrung und fangt nicht an, bei euch zu sagen: Wir haben Abra­ham zum Vater! Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abra­ham Kinder erwecken. Aber schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt. Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird ausgehauen und ins Feuer geworfen. 7-9: Wem es an der rechten Gesinnung fehlt, der hat von dem äußerlichen Vollzug der Bußtaufe keinen Nutzen. Ebensowenig gibt Blut und Rasse vor Gott den Ausschlag. 10 Da fragten ihn die Volksscharen: Was sollen wir denn tun? 11 Er antwortete ihnen: Wer zwei Röcke hat, gebe dem einen, der keinen hat, und wer Speisen hat, tue desgleichen! 12 Auch Zöllner kamen, sich taufen zu lassen, und sagten ihm: Meister was sollen wir tun? 13 Er antwortete ihnen: Fordert nicht mehr, als euch angesetzt ist! 14 Ebenso fragten ihn Soldaten: Was sollen denn wir tun? Er sagte ihnen: Mißhandelt niemand, drangsaliert niemand und seid zufrieden mit eurer Löhnung! 14: An dieses Johanneswort knüpft der Kapuziner in „Wallensteins Lager“ seine Soldatenpredigt an. 15 Das Volk war voller Erwartung, und alle erwogen in ihrem Herzen über Johannes, er sei gewiß selbst der Messias. 16 Aber Johannes gab allen darauf zur Antwort: Ich taufe euch mit Wasser. Es kommt aber der, der mächtiger ist als ich, dessen Schuhriemen aufzulösen ich nicht würdig bin. Er wird euch mit dem Heiligen Geiste und mit Feuer taufen. 17 Er hat die Wurfschaufel in seiner Hand und wird seine Tenne reinigen, den Weizen wird er in seine Scheune bringen und die Spreu in unauslöschlichem Feuer verbrennen. 17: Mit der Wurfschaufel wurde auf der Tenne unter freiem Himmel die Spreu vom Weizen gesondert. So wird der Messias machtvoll die Scheidung der Bösen von den Guten in Israel vollziehen. 18 Noch viele andere Mahnungen gab er dem Volke, da er die Frohbotschaft verkündete. 1-18: Vgl. Mt 3,1-12, Mk 1,I-8. 1: Trotz der sechsfachen Zeitangabe läßt sich das Jahr nicht genau festlegen, weil die Regierungsjahre des Tiberius verschieden gezählt werden. Pontius Pilatus war 26-36 Landpfleger in Judäa. Nur Kaiphas war amtlicher Hoherpriester, aber sein Schwiegervater trug noch als gewesener Hoherpriester den Titel und hatte großen Einfluß.

 

19 Der Vierfürst Herodes aber, der von ihm wegen der Herodias, der Frau seines Bruders, und wegen all des Bösen, das Herodes getan hatte, zurechtgewiesen wurde, 20 beging zu all dem hinzu die weitere Untat, den Johannes in den Kerker werfen zu lassen. 19-20: Vgl. Mt 14,3-12; Mk 6,17-29. Lukas zeigt sich besonders gut über die Geschichte der Herodianer unterrichtet.

 

Taufe Jesu. 21 Es geschah aber, als alles Volk sich taufen ließ, wurde auch Jesus getauft, und da er betete, öffnete sich der Himmel, 22 der Heilige Geist ließ sich in leiblicher Gestalt einer Taube gleich auf ihn herab, und eine Stimme kam vom Himmel her: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen! 21-22: Vgl. Mt 3,13-17; Mk 1,9-11; Jo 1,32-34.

 

Jesu Stammbaum. 23 Jesus war, da er auftrat, etwa 30 Jahre alt und galt als der Sohn des Joseph. Dieser war ein Sohn des Heli, 24 dieser des Mathat, dieser des Levi, dieser des Melchi, dieser des Janne, dieser des Joseph, 25 dieser des Mathathias, dieser des Amos, dieser des Nahum, dieser des Hesli, dieser des Nagge, 26 dieser des Mahath, dieser des Mathathias, dieser des Semei, dieser des Joseph, dieser des Juda, 27 dieser des Joanna, dieser des Resa, dieser des Zorobabel, dieser des Salathiel, dieser des Neri, 28 dieser des Melchi, dieser des Addi, dieser des Kosan, dieser des Elmadam, dieser des Her, 29 dieser des Jesu, dieser des Eliezer, dieser des Jorim, dieser des Mathat, dieser des Levi, 30 dieser des Simeon, dieser des Juda, dieser des Joseph, dieser des Jona, dieser des Eliakim, 31 dieser des Melea, dieser des Menna, dieser des Mathatha, dieser des Nathan, dieser des David, 32 dieser des Jesse, dieser des Obed, dieser des Booz, dieser des Salmon, dieser des Naasson, 33 dieser des Aminadab, dieser des Aram, dieser des Esron, dieser des Phares, dieser des Juda, 34 dieser des Jakob, dieser des Isaak, dieser des Abra­ham, dieser des Thare, dieser des Nachor, 35 dieser des Sarug, dieser des Ragau, dieser des Phaleg, dieser des Heber, dieser des Sale, 36 dieser des Kainan, dieser des Arphaxad, dieser des Sem, dieser des Noe, dieser des Lamech, 37 dieser des Mathusale, dieser des Henoch, dieser des Jared, dieser des Malaleel, dieser des Kainan, 38 dieser des Henos, dieser des Seth, dieser des Adam, dieser Gottes. 23-38: Vgl. Mt 1,1-17. Lukas führt den Stammbaum Jesu nicht nur bis Abra­ham zurück, wie Matthäus es tut, sondern bis auf Adam, den Gott schuf. Jesus ist nicht nur der Erlöser des Judenvolkes, sondern der ganzen Menschheit, aber er stammt als Mensch von David und Abra­ham ab. Daß Jesus allgemein für den wirklichen Sohn Josephs gehalten wurde, beweist die tiefe Demut Marias, die das Geheimnis der jungfräulichen Geburt ihres Kindes nicht bekanntmachte.

 

4 Versuchung Jesu. Voll des Heiligen Geistes kehrte Jesus vom Jordan zurück und wurde vom Geiste in der Wüste umhergeführt, vierzig Tage lang, und wurde vom Teufel versucht. Er aß nichts in jenen Tagen, und als sie vorüber waren, hungerte ihn. Da sprach der Teufel zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so befiehl diesem Stein, er solle Brot werden! Jesus entgegnete ihm: Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, [sondern von jeglichem Worte Gottes]. Dann führte er ihn hinauf und zeigte ihm alle Reiche des Erdkreises in einem Augenblick und sprach zu ihm: Ich will dir alle Macht und Herrlichkeit geben; mir ist sie ja übergeben, und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du mich anbetest, soll sie ganz dein eigen sein! Darauf entgegnete ihm Jesus: Es steht geschrieben: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen. Hierauf führte er ihn nach Jerusalem, stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so stürze dich von hier hinab! 10 Es steht ja geschrieben: Er hat seinen Engeln deinetwegen befohlen, dich zu behüten. 11 Sie werden dich auf den Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest (Ps 91, 11). Jesus entgegnete ihm: 12 Es ist gesagt: Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen (5 Mos 6 16). 13 Nachdem der Teufel mit all seinen Versuchungen zu Ende war, ließ er von ihm ab bis zu gelegener Zeit. 13: Dauernde Sicherheit vor teuflischen Anfechtungen gibt es hienieden nicht. 1-13. Vgl. Mt 4,1-11; Mk 1,12-13. Versucht zu werden, ist noch kein Zeichen mangelnden Wohlgefallens Gottes. Es gilt, den Versucher mit der festen Entschiedenheit und Ruhe abzuwehren, wie wir sie an Jesus bewundern.

 

Messianische Tätigkeit in Galiläa

 

Beginn der galiläischen Wirksamkeit

In der Vaterstadt. 14 In der Kraft des Geistes kehrte Jesus nach Galiläa zurück, und sein Ruf verbreitete sich in der ganzen Gegend. 15 Er lehrte in ihren Synagogen und wurde von allen gepriesen. 16 So kam er nach Nazareth, wo er aufgewachsen war. Nach seiner Gewohnheit ging er am Sabbat in die Synagoge und erhob sich, um vorzulesen. 16: Die Lesung mit Erklärung der Heiligen Schrift bildete einen Hauptteil des Synagogendienstes. War kein Priester da, so geschah sie durch Laien. 17 Da reichte man ihm das Buch des Propheten Isaias. Er öffnete das Buch und fand die Stelle, wo geschrieben steht:

 

18 Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich gesalbt hat, den Armen die Frohbotschaft zu bringen, hat er mich gesandt, [zu heilen, die zerknirschten Herzens sind,] den Gefangenen Befreiung und den Blinden das Augenlicht zu verkünden, die Niedergedrückten in die Freiheit zu entlassen, 19 das Gnadenjahr des Herrn [und den Tag der Vergeltung] zu verkünden (Is 61,1. 2). 20 Als er das Buch zusammengerollt hatte, gab er es dem Diener zurück und setzte sich. Aller Augen waren in der Synagoge auf ihn gerichtet. 21 Da begann er zu ihnen zu sprechen: Heute ist diese Schriftstelle vor euren Ohren in Erfüllung gegangen. 22 Alle stimmten ihm zu und wunderten sich über die anmutigen Worte, die aus seinem Munde flossen. Sie sagten: Ist das nicht der Sohn Josephs? 23 Er entgegnete: Ihr werdet mir freilich das Sprichwort entgegenhalten: Arzt, heile dich selbst! Tu auch hier in deiner Vaterstadt die großen Taten, die, wie wir hören, in Kapharnaum geschehen sind. 24 Dann fuhr er fort: Wahrlich, ich sage euch: Kein Prophet ist in seiner Vaterstadt willkommen. 25 Ich sage euch der Wahrheit gemäß: Viele Witwen lebten in den Tagen des Elias in Israel, als der Himmel drei Jahre und sechs Monate verschlossen und eine große Hungersnot im ganzen Lande entstanden war; 26 aber zu keiner von ihnen wurde Elias geschickt, sondern zu einer Witwe nach Sarepta im Sidonierland. 27 Ebenso gab es unter dem Propheten Elisäus viele Aussätzige in Israel, aber keiner von ihnen wurde gereinigt, sondern der Syrer Naaman. 28 Bei diesen Worten ergriff alle in der Synagoge eine Wut, 29 sie erhoben sich, stießen ihn zur Stadt hinaus und brachten ihn bis zum Rand des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, um ihn hinabzustürzen. 30 Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging fort. 23-30: Jesus macht ihnen klar, daß äußere Beziehungen zum Messias keinen Nutzen haben, sondern nur die Verantwortung vergrößern, wenn demütiger Glaube fehlt. Das verletzt ihren Lokalpatriotismus. Jesus bewahrt seine Landsleute gegen ihren Willen vor dem Verbrechen des Messiasmordes. 14-30: Vgl. Mt 4,12-17; 13,53-58; Mk 1,14-15; 6,1-6.

 

Heilung eines Besessenen. 31 Dann ging er zur Stadt Kapharnaum in Galiläa hinab und lehrte die Leute dort am Sabbat. 32 Sie erschraken über seine Lehre, denn sein Wort war mit Macht ausgerüstet. 33 In der Synagoge war ein Mann, der hatte den Geist eines unreinen Dämons. Dieser schrie laut auf: 34 Ha, was willst du mit uns, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, uns zu verderben? Ich weiß, wer du bist: Der Heilige Gottes. 35 Jesus gebot ihm streng: Schweig und fahr aus von ihm! Da schleuderte ihn der böse Geist mitten unter sie und fuhr aus, ohne ihm einen Schaden zuzufügen. 36 Da überfiel alle ein Schrecken, und sie sagten zueinander: Was ist doch das! Mit Macht und Kraft gebietet er den unreinen Geistern, und sie fahren aus! 37 Und die Kunde von ihm drang in jeden Ort der Umgegend. 31-37: Vgl. Mt 4,13-14; Mk 1,21-28.

 

Heilung der Schwiegermutter des Petrus. 38 Er verließ die Synagoge und ging in das Haus des Simon. Die Schwiegermutter des Simon war von dem großen Fieber befallen, und man bat ihn für sie. 39 Er trat zu ihren Häupten hin und gebot dem Fieber, und es verließ sie; sofort stand sie auf und bediente sie. 40 Nach Sonnenuntergang brachten alle, die Kranke mit allerlei Übeln hatten, dieselben zu ihm. Er aber legte jedem die Hände auf und machte alle gesund. 41 Aus vielen fuhren böse Geister aus, die schrien: Du bist der Sohn Gottes! Doch er drohte ihnen und ließ sie nicht reden; denn sie wußten, daß er der Messias sei. 42 Bei Tagesanbruch aber ging er fort und begab sich an einen einsamen Ort. Doch die Volksscharen suchten ihn und trafen ihn auch. Sie wollten ihn festhalten und nicht weiterziehen lassen. 43 Er aber entgegnete ihnen: Auch den anderen Städten muß ich die Frohbotschaft vom Reiche Gottes bringen. Denn dazu bin ich gesandt. 44 So predigte er denn in den Synagogen von Galiläa. 38-44: Vgl. Mt 8,14-17; Mk 1,29-39. 38: Lukas bezeichnet als Arzt die Krankheit genauer als Matthäus und Markus mit dem medizinischen Fachausdruck „das große Fieber“..

 

5 Der reiche Fischfang. Als die Volksscharen sich an ihn herandrängten, um das Wort Gottes zu hören, stand er am Ufer des Sees Genesareth. Da sah er zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer hatten sie verlassen und wuschen die Netze. Er stieg in eines von den Booten, das dem Simon gehörte, und bat ihn, etwas vom Land weg hinauszufahren. Er setzte sich nun und lehrte die Volksscharen vom Boot aus. Als er zu sprechen aufgehört hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf die hohe See und werfet eure Netze zum Fang aus! Da entgegnete Simon: Meister, die ganze Nacht haben wir gearbeitet und nichts gefangen. Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Sie taten es und fingen eine große Menge Fische, so daß ihre Netze zu zerreißen drohten. Daher winkten sie ihren Genossen im andern Boot, sie möchten kommen und ihnen helfen. Diese kamen, und sie füllten beide Boote, so daß sie fast versanken. Als Simon Petrus dies sah, fiel er vor Jesus auf die Knie und sprach: Herr, geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch! Denn Staunen hatte ihn und alle seine Genossen ergriffen wegen des Fischfangs, den sie gemacht hatten, 10 ebenso den Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, welche die Genossen Simons waren. Jesus aber sagte zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an sollst du Menschenfischer sein! 11 Sie brachten die Boote ans Land, verließen alles und folgten ihm nach. 1-11: Vgl. Mt 4,18-22; Mk 1,16-20. Nur Lukas berichtet die Berufung der Apostel im Zusammenhang mit dem ersten wunderbaren Fischfang. Das Schiff des Petrus ist ein Bild der Kirche.

 

Erste Widerstände

Heilung eines Aussätzigen. 12 Und es geschah, als er in einer der Städte weilte, da war dort ein Mann voller Aussatz. Als er aber Jesus sah, fiel er auf sein Antlitz nieder und bat ihn: Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen. 13 Er streckte die Hand aus, berührte ihn und sprach: Ich will, sei rein! Sogleich wich der Aussatz von ihm. 14 Er gebot ihm, niemand etwas zu sagen, sondern: Geh hin, zeige dich dem Priester und bringe für deine Reinigung das von Moses vorgeschriebene Opfer dar, ihnen zum Zeugnisse. 14: Ehe ein geheilter Aussätziger für rein galt, mußte ein Priester ihm ein amtliches Zeugnis ausstellen, und der Geheilte hatte ein Opfer darzubringen. 15 Aber die Kunde von ihm breitete sich um so mehr aus. Große Volksscharen strömten zusammen, um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden. 16 Er aber hielt sich zurückgezogen an einsamen Orten auf und betete. 12-16: Vgl. Mt 8,1-4; Mk 1,40-45.

 

Heilung eines Gelähmten. 17 Und es begab sich, als er eines Tages lehrte, waren Pharisäer und Gesetzeslehrer zugegen, die aus allen Dörfern von Galiläa, Judäa und aus Jerusalem gekommen waren. Und die Kraft des Herrn war in ihm wirksam zum Heilen. 18 Da brachten Männer auf einem Bett einen Menschen, der gelähmt war, sie suchten ihn hineinzubringen und vor ihn hinzulegen. 19 Da es ihnen aber wegen der Menschenmenge nicht gelingen wollte, ihn hineinzubringen, stiegen sie auf das Dach und ließen ihn zwischen den Ziegeln mit dem Bett hinunter gerade vor Jesus hin. 20 Als er ihren Glauben sah, sprach er: Mensch, deine Sünden sind dir vergeben. 21 Die Schriftgelehrten und Pharisäer aber machten sich darüber Gedanken: Wer ist dieser, der da Gotteslästerungen ausspricht? Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 22 Jesus aber kannte ihre Gedanken und gab ihnen zur Antwort: Was macht ihr euch Gedanken in euren Herzen? 23 Was ist leichter zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben, oder zu sagen: Steh auf und wandle? 24 Damit ihr aber erkennet, daß der Menschensohn Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben, — nun sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause! 25 Sofort erhob er sich vor ihnen, nahm [das Bett], auf dem er gelegen hatte, und ging, Gott preisend, nach Hause. 26 Da gerieten alle außer sich, und sie priesen Gott. Voll Furcht sagten sie: Wir haben heute unglaubliche Dinge gesehen. 17-26: Vgl. Mt 9,1-8; Mk 2,1-12. Jesus legt hier ein klares Selbstzeugnis für seine Gottessohnschaft ab. Das Bett des Kranken war nur eine Matte oder Decke.

 

Berufung des Zöllners. 27 Hernach ging er hinaus und sah einen Zöllner namens Levi an der Zollstätte sitzen. Er sagte zu ihm: Folge mir! 28 Der stand auf, verließ alles und folgte ihm. 29 Levi veranstaltete ihm ein großes Gastmahl in seinem Haus. Eine große Menge Zöllner und andere Leute saßen mit ihnen zu Tische. 30 Hierüber murrten die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten, sie sagten zu seinen Jüngern: Warum eßt und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern? 31 Jesus entgegnete ihnen: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 32 Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Bekehrung.

 

Vom Fasten. 33 Sie aber sagten zu ihm: Die Jünger des Johannes fasten viel und verrichten Gebete, ebenso die der Pharisäer, während die deinigen essen und trinken. 34 Jesus entgegnete ihnen: Könnt ihr die Hochzeitsgäste zum Fasten anhalten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? 35 Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten — in jenen Tagen. 34-35: Jesus ist der Bräutigam, die erlöste Menschheit seine Braut. Die Zeit seines Erdenlebens war das frohe Hochzeitsfest; da war kein Trauern und Fasten am Platze.

 

36 Er trug ihnen auch eine Gleichnisrede vor: Niemand schneidet einen Fleck von einem neuen Kleid und setzt ihn auf ein altes Kleid; er würde ja sonst das neue zerschneiden, und der Fleck vom neuen Kleid würde zum alten nicht passen. 37 Niemand gießt neuen Wein in alte Schläuche; sonst sprengt der neue Wein die Schläuche, er läuft aus, und die Schläuche gehen zugrunde. 38 Nein! Neuen Wein muß man in neue Schläuche füllen; [dann halten beide]. 39 Niemand, der alten Wein getrunken hat, will gleich neuen; denn er sagt: Der alte ist besser. 36-39: Die neue Religion Jesu läßt sich mit dem engherzigen Pharisäismus nicht vereinen; aber gütig zeigt Jesus Verständnis dafür, daß sich viele erst nach und nach an die neuen Formen gewöhnen können. 27-39: Vgl. Mt 9,9-17; Mk 2,13-22. Der Zöllner Levi ist der Apostel und Evangelist Matthäus.

 

6 Sabbatheiligung. Am [zweitersten] Sabbat ging er durch Getreidefelder; seine Jünger pflückten Ähren ab, zerrieben sie mit den Händen und aßen sie. 1: Wahrscheinlich lautete der Text ursprünglich nur: „An einem Sabbat“. Der sonst nicht nachweisbare Ausdruck „zweiterster Sabbat“ könnte den ersten Sabbat nach dem in die Osterwoche fallenden Sabbat, also den zweiten zwischen Ostern und Pfingsten bezeichnen. Einige Pharisäer sagten zu ihnen: Warum tut ihr, was man am Sabbat nicht tun darf? Jesus entgegnete ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als ihn und seine Gefährten hungerte? Wie er in das Haus Gottes ging, die Schaubrote nahm und aß und seinen Gefährten gab? Die darf aber niemand essen als allein die Priester (3 Mos 24, 9). Er sagte ihnen: Herr ist der Menschensohn auch über den Sabbat. An einem andern Sabbat aber geschah es, daß er in die Synagoge ging und lehrte. Dort war ein Mann, dessen rechte Hand verdorrt war. 6: Lukas allein nennt die rechte Hand. Als Arzt ist ihm das nicht bedeutungslos. Die Schriftgelehrten und Pharisäer aber gaben acht, ob er am Sabbat heilen werde, um einen Grund zu einer Anklage gegen ihn zu finden. Doch er kannte ihre Gedanken und sagte zu dem Manne mit der verdorrten Hand: Auf, stelle dich in die Mitte hier! Er stand auf und stellte sich dahin. Jesus sagte nun zu ihnen: Ich frage euch: Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder zu verderben? 10 Er blickte sie alle ringsum an; dann sagte er zu ihm: Strecke deine Hand aus! Er tat es, und seine Hand ward wiederhergestellt. 11 Sie aber wurden von blinder Wut erfüllt und besprachen sich miteinander, was sie Jesus antun wollten. 1-11: Vgl. Mt 12,1-14; Mk 2,23-3,6..

 

Apostelwahl und Bergpredigt

Wahl der Apostel. 12 Es geschah aber in jenen Tagen, daß er fortging auf den Berg, um zu beten, und er verbrachte die ganze Nacht im Gebete zu Gott. 13 Nach Tagesanbruch rief er seine Jünger zu sich und wählte zwölf von ihnen aus, die er auch Apostel nannte, 14 nämlich Simon, den er Petrus nannte, und seinen Bruder Andreas, Jakobus und Johannes, Philippus und Bartholomäus, 15 Matthäus und Thomas, Jakobus, des Alphäus Sohn, und Simon mit dem Beinamen Eiferer, 16 Judas, des Jakobus Bruder, und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde. 12-16: Vgl. Mt 10,1-4; Mk 3,13-19.

 

17 Er stieg mit ihnen nun hinab und blieb auf einem ebenen Platze stehen; bei ihm war eine große Schar seiner Jünger und eine große Volksmenge aus ganz Judäa, Jerusalem und dem Küstenland von Tyrus und Sidon; 18 diese Leute waren gekommen, ihn zu hören und sich von ihren Krankheiten heilen zu lassen. Auch die von unreinen Geistern Geplagten wurden geheilt. 19 Und das ganze Volk suchte ihn zu berühren, denn eine Kraft ging von ihm aus, die alle heilte.

 

Seligpreisungen. 20 Er aber richtete seine Augen auf seine Jünger und sprach:

Selig ihr Armen, denn euer ist das Gottesreich! 21 Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden! Selig, die ihr jetzt weinet, denn ihr werdet lachen! 22 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen, ausstoßen, schmähen, euch um euren guten Namen bringen um des Menschensohnes willen! 23 Freut euch an jenem Tage und frohlocket! Denn sehet, euer Lohn ist groß im Himmel! Ihre Väter haben es ja den Propheten ebenso gemacht.

 

Weherufe. 24 Wehe dagegen euch Reichen, denn ihr habt euren Trost schon empfangen! 24: Nur jene Reichen trifft das Wehe, die im Reichtum ihr Genüge, „ihren Trost“ haben und nach nichts Höherem verlangen. 25 Wehe euch, die ihr jetzt satt seid, denn ihr werdet hungern! Wehe euch, die ihr jetzt lachet; denn ihr werdet trauern und weinen! 25: Nicht dem Frohsinn gilt das Wehe, sondern der frivolen Ausgelassenheit. 26 Wehe, wenn euch alle Menschen schöntun! Ihre Väter haben es ja den falschen Propheten ebenso gemacht.

 

Feindesliebe. 27 Aber euch, die ihr zuhöret, sage ich: Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen! 28 Segnet die, welche euch fluchen, betet für die, welche euch beschimpfen! 29 Schlägt dich einer auf die eine Wange, so halte ihm auch die andere hin; nimmt dir einer den Mantel weg, so verweigere ihm auch den Leib­rock nicht. 30 Jedem, der dich bittet, gib und fordere von dem nichts zurück, der dir das Deinige wegnimmt! 31 Wie ihr wollt, daß euch die Menschen tun, so tut auch ihr ihnen! 32 Wenn ihr die liebt, welche euch lieben, welchen Dank habt ihr da zu erwarten? Lieben doch auch die Sünder die, welche sie lieben. 33 Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank verdient ihr? Tun dies ja doch auch die Sünder! 34 Und leiht ihr denen, von welchen ihr das Geliehene wieder zu erhalten hofft, welchen Dank wollt ihr dafür erwarten? Leihen doch auch Sünder den andern Sündern, um die gleiche Summe wieder zu erhalten. 35 Liebt vielmehr eure Feinde; tut Gutes und leiht ohne Hoffnung auf Wiederersatz! Dann wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein, der gütig ist gegen Undankbare und Böse. 36 Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist! 36: Im Vergleich mit Mt 5,48 beweist dieser Satz, daß nur jener vollkommen ist, der barmherzig ist. 37 Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet werden! Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt werden! Vergebt, so wird euch vergeben werden! 38 Gebt, und es wird euch gegeben werden! Ein gutes, eingedrücktes, gerütteltes und übervolles Maß wird man euch in euren Schoß geben. Denn mit demselben Maß, mit dem ihr messet, wird euch wieder gemessen werden. 38: Mit „Schoß“ ist der über dem Gürtel gebildete weite Bausch des Kleides gemeint, der als Tasche diente. 27-38: Christus will die Buchstabenmoral der Pharisäer nicht durch eine andere Buchstabenmoral ersetzen. In seinem Reiche ist nicht starres Recht, sondern hingebende Liebe oberstes Gesetz. Der Selbstsucht stellt er die Selbstlosigkeit gegenüber. Unrecht und Gewalt hat er nie gutgeheißen. Von einem Christen muß höhere Opferbereitschaft gefordert werden als von einem Ungläubigen.

 

Demütige Selbstprüfung. 39 Er trug ihnen auch eine Gleichnisrede vor: Kann wohl ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in die Grube fallen? 40 Der Schüler steht nicht über dem Lehrer; ist er ganz ausgebildet, so gleicht er seinem Lehrer. 41 Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken aber in deinem Auge beachtest du nicht? 42 Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, laß mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen, während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann magst du sehen, wie du den Splitter aus dem Auge deines Bruders herausbringst! 43 Kein guter Baum trägt schlechte Frucht, und kein schlechter Baum trägt gute Frucht. 44 Ein jeglicher Baum wird an seiner Frucht erkannt. Denn von Disteln sammelt man keine Feigen, noch bricht man vom Dornbusch eine Traube. 45 Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatze seines Herzen Gutes hervor, der böse Mensch dagegen bringt aus dem bösen Böses hervor. Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund. 43-45: Wer im Gnadenstande lebt und die Gottesliebe zur Grundhaltung seiner Seele macht, dessen Werke sind von selbst übernatürlich gute Früchte: „Liebe Gott, dann tue, was du willst!“

 

Gleichnis vom Hausbau. 46 Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut doch nicht, was ich sage? 47 Ich will euch zeigen, wem der gleicht, der zu mir kommt, meine Worte hört und danach tut: 48 Er gleicht einem Mann, der beim Hausbau tief grub und das Fundament auf den Felsen legte. Da die Überschwemmung kam, prallte die Strömung an jenes Haus, konnte es aber nicht erschüttern; denn es war ausgezeichnet gebaut. 49 Wer dagegen hört und nicht befolgt, gleicht einem Mann, der sein Haus ohne Fundament auf den Boden hinstellte; die Strömung prallte dagegen an, und es fiel sofort ein, und der Einsturz jenes Hauses war gewaltig. 46-49: Christentum ist die Religion des im Werk lebendigen Christusglaubens. Sich um Christi Gesetz nicht kümmern, ist niemals „positives Christentum“. 17-49: Vgl. Mt 5,1-7, 29. Nicht bis in die Ebene, sondern bis zu einem Sattel am Berg stieg Jesus hinab. Also berichtet auch Lukas eine Bergpredigt Jesu, und zwar dieselbe wie Matthäus, aber unter Fortlassung der vor allem für die Juden bestimmten Redeteile.

 

Nach der Apostelwahl

7 Der Hauptmann von Kapharnaum. Als er all seine Worte vor den Ohren des Volkes vollendet hatte, ging er nach Kapharnaum hinein. Der Knecht eines Hauptmannes lag todkrank darnieder; er war diesem lieb und wert. Da er von Jesus gehört hatte, sandte er zu ihm Älteste der Juden mit der Bitte, er möge kommen und seinen Knecht gesund machen Als diese zu Jesus gekommen waren, baten sie ihn inständig mit den Worten: Er verdient es, daß du ihm dies gewährst; denn er liebt unser Volk und hat uns sogar die Synagoge gebaut. Jesus ging mit ihnen. Als er nicht mehr weit vom Hause weg war, ließ ihm der Hauptmann durch Freunde sagen: Herr, bemühe dich nicht! denn ich bin nicht würdig, daß du unter mein Dach eingehst. Ich habe mich deshalb auch nicht selber für würdig erachtet, zu dir zu kommen. Doch sprich nur ein Wort, und mein Knecht wird gesund. Auch ich bin ja ein Mann, der einer Kommandogewalt unterstellt ist, und habe Soldaten unter mir; sage ich einem: Geh, so geht er, und einem andern: Komm, so kommt er, und meinem Knecht: Tu das, so tut er's. Als Jesus das hörte, verwunderte er sich über ihn und wandte sich zu der ihm folgenden Menge mit den Worten: [Wahrlich], ich sage euch: So großen Glauben habe ich nicht einmal in Israel gefunden. 10 Nach ihrer Rückkehr in das Haus trafen die Boten den Knecht, [der krank gewesen war], gesund an. 1-10: Vgl. Mt 8,5-13. Der Hauptmann stand als Heide im Dienst des Herodes Antipas, war also kein „römischer Hauptmann“.

 

Erweckung des Jünglings von Naim. 11 In der Folgezeit geschah es, daß er sich in eine Stadt mit dem Namen Naim begab. Seine Jünger und viel Volk begleiteten ihn. 12 Als er sich dem Stadttor näherte, siehe, da trug man gerade einen Toten heraus, den einzigen Sohn seiner Mutter, die Witwe war; viel Volk aus der Stadt begleitete sie. 13 Als der Herr sie sah, empfand er Mitleid mit ihr und sprach zu ihr: Weine nicht! 14 Dann trat er hinzu und berührte die Bahre. Die Träger aber blieben stehen. Da sprach er: Jüngling, ich sage dir, steh auf! 15 Der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und er gab ihn seiner Mutter. 16 Alle ergriff Furcht, sie priesen Gott und sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten; und: Gott hat sein Volk heimgesucht. 17 Die Kunde über ihn verbreitete sich im ganzen Judenlande und in der ganzen Umgegend. 11-17: Nur Lukas erzählt dieses ergreifende Wunderwerk erbarmender Heilandsliebe.

 

Die Frage des Täufers. 18 Dem Johannes berichteten seine Jünger von all diesen Begebenheiten. Johannes ließ zwei von seinen Jüngern zu sich kommen 19 und sandte sie zu Jesus mit der Frage: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? 20 Als die Männer bei ihm eintrafen, sagten sie: Johannes der Täufer hat uns zu dir gesandt und läßt fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? 21 Eben damals heilte er viele von Krankheiten, Gebrechen und bösen Geistern und schenkte vielen Blinden das Augenlicht. 22 Er gab ihnen zur Antwort: Geht hin und meldet dem Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird die frohe Botschaft verkündigt; 23 und selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt. 24 Als aber die Boten des Johannes sich entfernt hatten, begann er über Johannes zu den Volksscharen zu reden: Was seid ihr in die Wüste hinausgegangen zu sehen? Ein Schilfrohr, das vom Wind hin und her bewegt wird? 25 Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Menschen mit weichlichen Kleidern angetan? Seht, die da prächtige Kleider tragen und üppig leben, wohnen in Königspalästen. 18-25: Vgl. Mt 11,2-19. Auch im Kerker wirkt Johannes als Wegbereiter des Messias. Jesus läßt die Tatsachen sprechen, in denen sich prophetische Weissagungen an ihm erfüllen. Demütiger Glaube bekennt ihn als den ersehnten Erlöser. Stolze Nörgelsucht findet stets Scheingründe zum Anstoßnehmen. 26 Aber was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Propheten? Wahrlich, ich sage euch: Mehr als einen Propheten. 27 Er ist es, von dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll (Mal 3, 1). 28 Ich sage euch: Unter den vom Weibe Geborenen gibt es keinen größeren [Propheten] als Johannes [den Täufer], und doch ist der Geringste im Reich Gottes größer als er. 28: Als Gotteskind zum Reiche Christi zu gehören, ist höhere Gnade, als der größte Prophet des Alten Bundes zu sein. 29 Das ganze Volk, das zuhörte, und die Zöllner gaben Gott die Ehre und empfingen die Taufe des Johannes. 30 Die Pharisäer und Schriftgelehrten aber verwarfen den Ratschluß Gottes, der ihnen galt, und ließen sich nicht von ihm taufen.

 

Gleichnis von den spielenden Kindern. 31 [Der Herr aber sprach:] Mit wem soll ich die Menschen dieses Geschlechtes vergleichen? Wem sind sie ähnlich? 32 Sie gleichen Kindern, die auf dem Markte sitzen und einander die Worte zurufen: Wir haben euch auf der Flöte vorgeblasen, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint. 33 Denn Johannes der Täufer trat auf, aß kein Brot und trank keinen Wein. Da saget ihr: Er hat einen bösen Geist. 34 Es kam der Menschensohn, er ißt und trinkt, und ihr saget: Sehet den Schlemmer und Weinsäufer, den Freund der Zöllner und Sünder. 35 Aber die Weisheit war als gerecht erkannt von all ihren Kindern. 31-35: Niemand kann es dem recht machen, der nur nach Laune und Vorurteil sein Verhalten einrichtet. Jesus Vorbild ist so anziehend, weil er alles Absonderliche vermied und in allem nur Gottes Ehre suchte. Das ist echte Lebensweisheit.

 

Die Salbung durch die Sünderin. 36 Einer von den Pharisäern lud Jesus zum Mahle ein. Er ging in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tische. 37 Und siehe, eine Frau lebte in der Stadt, eine Sünderin; sie erfuhr, daß er im Hause des Pharisäers zu Tische sitze. Da brachte sie ein Alabastergefäß mit Salböl, 38 trat von hinten weinend zu seinen Füßen hinzu, begann seine Füße mit ihren Tränen zu benetzen, trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes, küßte seine Füße und salbte sie mit dem Öl. 39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er bei sich: Wenn dieser ein Prophet wäre, wüßte er wahrhaftig, wer und welcher Art die Frau ist, die ihn anrührt, daß sie eine Sünderin ist. 40 Da redete ihn Jesus also an: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Der aber antwortete: Sprich, Meister! 41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner; der eine schuldete ihm fünfhundert Denare der andere fünfzig. 42 Da sie nicht bezahlen konnten, schenkte er beiden die Schuld. Welcher wird ihn nun mehr lieben? 43 Simon antwortete: Ich denke der, dem er mehr geschenkt hat. Er aber sagte zu ihm: Du hast recht geurteilt. 44 Dann sagte er, der Frau zugewandt, zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich kam in dein Haus, du gabst mir kein Wasser für die Füße. Sie aber benetzte meine Füße mit ihren Tränen und trocknete sie mit ihren Haaren. 45 Du gabst mir keinen Kuß, sie aber küßte, seitdem ich eingetreten bin, unablässig meine Füße. 46 Du salbtest mein Haupt nicht mit Öl, sie aber salbte meine Füße mit Salböl. 47 Deswegen, sage ich dir, werden ihr viele Sünden vergeben, weil sie viel geliebt hat. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt auch wenig. 48 Dann sprach er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben. 49 Da begannen die Tischgenossen bei sich zu denken: Wer ist dieser, daß er sogar Sünden vergibt? 50 Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen, gehe hin im Frieden! 36-50: Dieses ergreifende Zeugnis für Jesu Heilandsliebe gehört zum Sondergut des Lukasevangeliums. Nirgendwo im Neuen Testament wird diese namenlose Sünderin mit Maria Magdalena oder mit Maria von Bethanien verwechselt.

 

Jüngerunterweisung

8 Die Getreuen des Herrn. Und es geschah in der Folgezeit, da zog Jesus von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf, predigte und verkündete die Frohbotschaft vom Reiche Gottes. Bei ihm waren die Zwölf und etliche Frauen, die von bösen Geistern und Krankheiten geheilt worden waren: Maria mit dem Zunamen Magdalene, von der sieben böse Geister ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chusa, eines Verwalters des Herodes, Susanna und viele andere, die ihnen mit ihrem Vermögen dienten. 1-3: Zum ständigen Gefolge gehörten nicht bloß Männer, sondern auch Frauen; sie sind die Führerinnen des christlichen Frauenapostolats geworden.

 

Das Gleichnis vom Sämann. Als aber eine große Volksmenge zusammenkam und die Leute aus allen Städten ihm zuströmten, sprach er im Gleichnis: Ein Sämann ging aus, seinen Samen zu säen. Da er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel des Himmels fraßen es auf. Anderes fiel auf den Felsen, ging auf und verdorrte, da es keine Feuchtigkeit hatte. Anderes fiel mitten unter die Dornen; die Dornen wuchsen mit auf und erstickten es. Anderes endlich fiel auf gutes Erdreich; es ging auf und brachte hundertfältige Frucht. Bei diesen Worten rief er aus: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Seine Jünger aber fragten ihn, was dieses Gleichnis bedeute. 10 Er erwiderte ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, zu den übrigen muß man in Gleichnissen reden, damit sie sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen. 11 Dieses Gleichnis will folgendes besagen: Der Same ist das Wort Gottes. 12 Die am Wege sind die, welche es hören, dann aber kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und gerettet werden. 13 Die auf dem Felsen hören das Wort und nehmen es mit Freuden auf. Allein diese haben keine Wurzel; eine Zeitlang glauben sie, zur Zeit der Versuchung aber fallen sie ab. 14 Was unter die Dornen fällt, bedeutet jene, die zwar hören, aber dann hingehen und es in den Sorgen, dem Reichtum und den Genüssen des Lebens ersticken lassen und keine reife Frucht bringen; 15 Was aber auf gutes Erdreich fällt, bedeutet die, welche das Wort hören und es in einem guten und redlichen Herzen bewahren und Frucht bringen in Beharrlichkeit.

 

Sinnsprüche über die Jüngeraufgabe. 16 Niemand zündet ein Licht an und bedeckt es dann mit einem Gefäß oder stellt es unter das Bett, sondern er stellt es auf einen Leuchter, damit die Eintretenden das Licht sehen. 4-16: Vgl. Mt 13,1-23; Mk 4,1-20. 17 Nichts ist ja verborgen, was nicht offenkundig, nichts geheim, was nicht bekannt wird und an den Tag kommt. 18 Gebt also acht, wie ihr hört! Wer etwas hat, dem wird gegeben werden; wer aber nichts hat, dem wird auch, was er zu haben meint, genommen werden. 18: Echte Tugend wächst, eingebildete vergeht. 16-18: Vgl. Mk 4,21-25.

 

Jesu Mutter und Verwandte. 19 Seine Mutter und seine Brüder kamen zu ihm, konnten aber wegen der Volksmenge nicht zu ihm gelangen. 20 Man meldete ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. 21 Er aber entgegnete ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind die, welche das Wort Gottes hören und es befolgen. 19-21: Vgl. Mt 12,46-50; Mk 3,31-35. Jesus hat nie seine Mutter verleugnet. Diese demütige Magd des Herrn gehörte ja mehr als irgend jemand zu denen, die Gottes Wort hören und es befolgen. Jesus will seiner Umgebung zeigen, daß auch die innigsten Bande des Blutes ihn keinen Augenblick von seiner messianischen Berufsarbeit fortzuziehen vermögen.

 

Stillung des Seesturms. 22 Eines Tages bestieg er mit seinen Jüngern ein Schifflein und sagte zu ihnen: Wir wollen an das jenseitige Ufer des Sees hinüberfahren. Sie stießen ab, 23 und während sie dahinfuhren, schlief er ein. Da ging ein Sturmwind auf den See nieder, und sie bekamen ihr Schiff voll Wasser und gerieten in Gefahr. 24 Da traten sie zu ihm hin und weckten ihn mit den Worten: Meister, Meister, wir gehen unter. Er erhob sich und gebot dem Winde und dem tobenden Wasser; sie legten sich, und es wurde still. 25 Dann sagte er zu ihnen: Wo ist euer Glaube? Voll Furcht und Staunen sagten sie zueinander: Wer ist wohl der, daß er sogar den Winden und dem Wasser gebietet, so daß sie ihm gehorchen? 22-25: Vgl. Mt 8,18. 23-27; Mk 4,35-41. Der vor übergroßer Müdigkeit im tobenden Sturm schlafende Gottessohn ist ein herrliches Bild echter Menschlichkeit und übermenschlicher Sicherheit.

 

Der Besessene von Gerasa. 26 Sie fuhren nach dem Gebiet der Gerasener, das Galiläa gegenüber liegt. 27 Als er ans Land gegangen war, kam ihm ein Mann entgegen, der böse Geister hatte; er trug schon seit langer Zeit keine Kleidung und blieb in keinem Hause, sondern hielt sich in den Grabhöhlen auf. 28 Sobald er Jesus sah, schrie er auf, fiel vor ihm nieder und rief mit lauter Stimme: Was willst du von mir, Jesus, Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich bitte dich, quäle mich nicht! 29 Er hatte nämlich dem unreinen Geist befohlen, von dem Menschen auszufahren. Schon seit langem hatte jener ihn in seiner Gewalt, und obwohl er mit Ketten und Fesseln gebunden und bewacht worden war, hatte er die Bande zerrissen und war vom bösen Geiste in die Wüste getrieben worden. 30 Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Jener sagte: Legion; denn viele böse Geister waren in ihn gefahren. 31 Sie baten ihn, er möge ihnen nicht befehlen, in den Abgrund zu fahren. 32 Es war aber dort auf dem Berge eine Herde von zahlreichen Schweinen am Weiden; sie baten ihn nun, er möchte ihnen erlauben, in jene zu fahren. Er gestattete es ihnen. 33 Die bösen Geister fuhren also aus dem Manne aus und fuhren in die Schweine. Die Herde aber stürmte den Abhang hinab in den See und ertrank. 34 Als die Hirten sahen, was geschehen war, flohen sie und meldeten es in der Stadt und auf den Höfen. 33-34: Als Herr über alles darf Jesus zur deutlicheren Offenbarung seiner Macht den materiellen Schaden zulassen. 35 Da gingen die Leute hinaus, um zu sehen, was vorgefallen war, und kamen zu Jesus. Sie fanden den Mann, aus dem die bösen Geister ausgefahren waren, wie er zu den Füßen Jesu saß, bekleidet und bei gesundem Verstand, und sie fürchteten sich. 36 Die Augenzeugen erzählten ihnen nun, wie der Besessene [von der Legion] geheilt worden sei. 37 Da bat ihn (Jesus) die ganze Bevölkerung des Gebietes der Gerasener, er möge sie verlassen, denn sie waren von großer Furcht erfaßt. Er aber bestieg das Schiff und kehrte zurück. 37: Diese Gerasener sind der Typ jener Menschen, deren ganze Sorge sich um Vergängliches dreht, die lieber auf die Gegenwart des größten Wundertäters verzichten, als daß sie ein paar Schweine hergeben. 38 Der Mann aber, von dem die bösen Geister ausgefahren waren, bat ihn um die Erlaubnis, ihn begleiten zu dürfen. Doch er schickte ihn weg mit den Worten: 39 Kehre in dein Haus zurück und erzähle, was Gott Großes an dir getan hat! Er ging fort und verkündete in der ganzen Stadt, was Jesus Großes an ihm getan habe. 26-39: Vgl. Mt 8,28-34; Mk 5,1-20.

 

Die Tochter des Jairus und die blutflüssige Frau. 40 Bei seiner Rückkunft empfing das Volk Jesus, denn sie hatten ihn alle erwartet. 41 Und siehe, da kam ein Mann namens Jairus, ein Synagogenvorsteher. Er fiel Jesus zu Füßen und bat ihn, er möge in sein Haus kommen. 42 Er hatte nämlich eine einzige Tochter von etwa zwölf Jahren, und die lag im Sterben. Während er hinging, umdrängten ihn die Volksscharen. 43 Da trat von rückwärts eine Frau herzu, die seit zwölf Jahren an Blutfluß litt und schon ihr ganzes Vermögen an die Ärzte ausgegeben hatte, ohne von einem geheilt worden zu sein. 43: Als Arzt sagt Lukas nicht, daß die Kranke unter seinen Kollegen viel ausgestanden habe, daß es aber nur noch schlimmer mit ihr geworden sei, wie Markus berichtet. 44 Sie berührte die Quaste seines Kleides, und alsbald hörte der Blutfluß auf. 45 Jesus sagte: Wer hat mich berührt? Da alle es verneinten, sagten Petrus [und seine Gefährten]: Meister, die Volksscharen umgeben und umdrängen dich; [wie kannst du fragen: Wer hat mich berührt?] 46 Jesus aber erwiderte: Es hat mich jemand angerührt. Denn ich spürte, daß eine Kraft von mir ausgegangen ist. 47 Als nun die Frau sah, daß sie nicht verborgen geblieben war, kam sie zitternd herbei, fiel ihm zu Füßen und sprach es vor allem Volke aus, warum sie ihn berührt habe und wie sie sogleich geheilt worden sei. 48 Er aber sprach zu ihr: Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden!

 

49 Noch sprach er, da kam jemand vom Synagogenvorsteher mit der Meldung: Deine Tochter ist gestorben, sei dem Meister nicht mehr lästig! 50 Jesus hörte dies und sagte zu ihm: Du brauchst nicht bange zu sein! Glaube nur, und sie wird gesund! 51 Als er beim Haus angelangt war, ließ er nur den Petrus, den Johannes und Jakobus sowie den Vater und die Mutter des Mädchens mit hineingehen. 52 Alles weinte und klagte um das Mädchen. Er aber sprach: Weinet nicht, das Mädchen ist nicht tot, es schläft nur! 53 Da verlachten sie ihn, weil sie wohl wußten, daß es gestorben war. 54 Er aber faßte es an der Hand und rief: Mädchen steh auf! 55 Da kehrte sein Geist zurück, und es stand sogleich auf, dann ließ er ihm zu essen geben. 56 Seine Eltern waren außer sich; er verbot ihnen, von dem Geschehenen jemand etwas zu sagen. 40-56: Vgl. Mt 9,18-26; Mk 5,21-43. Nur der feinfühlende dritte Evangelist erwähnt, daß es sich um die einzige Tochter handelte.

 

9 Aussendung der Apostel. Er rief die Zwölf [Apostel] zusammen und gab ihnen Macht über alle bösen Geister und Gewalt, Krankheiten zu heilen. Dann sandte er sie aus, das Reich Gottes zu verkünden und die Kranken zu heilen. Er sprach zu ihnen: Nehmet nichts mit auf den Weg, keinen Stab und keine Tasche, kein Brot und kein Geld. Auch sollt ihr nicht zwei Röcke haben! Wenn ihr in ein Haus kommt, so bleibet dort, bis ihr von da fortzieht! Und überall, wo man euch nicht aufnimmt, da verlaßt die Stadt und schüttelt [sogar] den Staub von euren Füßen zum Zeugnis gegen sie. Sie zogen also aus, gingen von Dorf zu Dorf, verkündeten überall die Frohbotschaft und heilten. 1-6: Vgl. Mt 10,1. 5-15; Mk 6,7-13. Unbelastet von allem Entbehrlichen sollen die Apostel ihrem Berufe dienen. Wer sie abweist, verwirkt sein Heil.

 

Furcht des Herodes vor Jesus. Auch der Vierfürst Herodes hörte von all diesen Vorgängen und geriet in Unruhe, weil einige sagten: Johannes ist von den Toten auferstanden; andere aber: Elias ist erschienen, wieder andere: Einer von den alten Propheten ist auferstanden. Herodes aber sagte: Den Johannes habe ich doch enthaupten lassen. Wer ist aber der, von dem ich solche Dinge höre? So hatte er den Wunsch, ihn zu sehen. 7-9: Vgl. Mt 14,1-2; Mk 6,14-16. Den fehlenden Glauben ersetzt meist törichter Aberglaube, besonders bei schlechtem Gewissen.

 

Brotvermehrung. 10 Die Apostel kehrten zurück und erzählten ihm alles, was sie getan hatten. Da nahm er sie mit und zog sich, um allein zu sein, zurück in eine Stadt namens Bethsaida. 11 Als die Volksscharen dies erfuhren, folgten sie ihm. Er nahm sie an, redete zu ihnen vom Reich Gottes, und die der Heilung Bedürftigen machte er gesund. 12 Schon neigte sich aber der Tag; da traten die Zwölf zu ihm und sagten: Laß die Menge ziehen; sie sollen in die umliegenden Dörfer und Höfe gehen, um Obdach und Nahrung zu finden. Denn hier sind wir in der Einöde. 13 Er entgegnete ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische. Wir müßten sonst etwa hingehen und für diese ganze Menge Nahrungsmittel kaufen. 14 Es waren nämlich ungefähr fünftausend Männer. Da sagte er zu seinen Jüngern: Laßt sie sich in Gruppen zu je etwa fünfzig lagern. 15 Sie machten es so und ließen alle sich lagern. 16 Er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte gegen den Himmel, segnete und brach sie und übergab sie den Jüngern, damit diese sie den Volksscharen vorlegten. 17 Alle aßen und wurden satt. Ja man hob noch an übriggebliebenen Brocken zwölf Körbe voll auf. 10-17 Vgl. Mt 14,13-21; Mk 6,31-44; Jo 6,1-15.

 

Bekenntnis des Petrus. 18 Und es geschah, als er einmal allein betete und nur die Jünger um ihn waren, fragte er sie: Für wen halten mich die Volksscharen? 19 Sie antworteten: Für Johannes den Täufer, andere für Elias, andere glauben, es sei einer von den alten Propheten auferstanden. 20 Er fragte weiter: Für wen haltet aber ihr mich? Petrus gab zur Antwort: Für den Gesalbten Gottes. 21 Er verbot ihnen jedoch strenge, das irgend jemand zu sagen. 21: Messias, Christus und Gesalbter bedeutet dasselbe. Das Schweigegebot war nötig, solange das Volk an seinen falschen Messias­erwartungen festhielt.

 

Leidensweissagung. 22 Denn, sprach er, der Menschensohn muß vieles leiden, von den Ältesten, den Oberpriestern und Schriftgelehrten verworfen und getötet werden, aber am dritten Tage auferstehen.

 

Kreuzweg der Jünger. 23 Zu allen aber sagte er: Will mir jemand nachfolgen, so verleugne er sich selbst und nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir. 23: Der Selbstsucht ein für allemal den Kampf ansagen und nicht nur gelegentlich ein, sondern Tag für Tag sein Kreuz auf sich nehmen, bedeutet Christusnachfolge. Es gilt, hienieden alles einzusetzen, um alles zu gewinnen, wenn der göttliche Richter zur großen Entscheidung erscheint. 24 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren, und wer sein Leben um meinetwegen verliert, wird es retten. 25 Denn was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selber aber verliert oder zugrunde geht? 26 Denn wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich der Menschensohn schämen, wenn er in seiner und des Vaters und der heiligen Engel Herrlichkeit kommt. 27 In Wahrheit sage ich euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht kosten, bis sie das Reich Gottes sehen! 27: Das Reich Gottes, d. h. die Kirche, trat schon am Pfingstfest herrlich in Erscheinung. 18-27: Vgl. Mt 16,13-28; Mk 8,27-9,1.

 

Verklärung Jesu. 28 Es geschah aber etwa acht Tage nach diesen Reden, da nahm er Petrus, Jakobus und Johannes mit und stieg auf den Berg, um zu beten. 29 Während des Gebetes veränderte sich das Aussehen seines Antlitzes, und sein Gewand wurde glänzend weiß. 30 Und siehe, es redeten zwei Männer mit ihm, Moses und Elias; 31 sie erschienen in Herrlichkeit und sprachen von seinem Ende, das er in Jerusalem finden sollte. 32 Petrus aber und seine Gefährten waren vom Schlafe übermannt; als sie erwachten, sahen sie seine Herrlichkeit und die beiden Männer bei ihm. 33 Als diese von ihm scheiden wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, daß wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Moses und eine für Elias; wußte er doch nicht, was er redete. 34 Während er noch so redete, kam eine Wolke und beschattete sie. Sie aber fürchteten sich, als jene in die Wolke eingingen. 35 Da erscholl eine Stimme aus der Wolke: Das ist mein auserwählter Sohn! Ihn höret! 36 Als die Stimme erscholl, war Jesus wieder allein. Sie aber schwiegen und teilten in jenen Tagen niemand etwas von dem Geschehenen mit. 28-36: Vgl. Mt 17,1-9; Mk 9,2-9

 

Heilung eines besessenen Knaben. 37 Als sie am folgenden Tage vom Berge herabstiegen, kam ihnen eine große Volksmenge entgegen. 38 Und siehe, ein Mann aus dem Volk rief laut: Meister, ich bitte dich, sieh nach meinem Sohn, denn er ist mein einziger. 39 Ein Geist packt ihn, dann schreit er gleich laut auf; er reißt ihn hin und her, so daß er schäumt, er will nicht von ihm lassen und reibt ihn völlig auf. 40 Ich habe deine Jünger gebeten, ihn auszutreiben; sie konnten's aber nicht. 41 Jesus entgegnete: O ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Wie lange noch soll ich bei euch sein und euch ertragen? Bring deinen Sohn her! 41: Es bedurfte übermenschlicher Geduld, um nach allen vergeblichen Bemühungen um echten Glauben das erbetene Wunder zu wirken. 42 Noch auf dem Weg riß und zerrte ihn der böse Geist hin und her. Jesus aber drohte dem unreinen Geist, heilte den Knaben und gab ihn seinem Vater zurück.

 

Zweite Leidensweissagung. 43a Alles staunte über die Majestät Gottes, 43b und während sich alle über all seine Taten wunderten, sagte er zu seinen Jüngern: 44 Nehmet euch diese Worte wohl zu Ohren: Der Menschensohn wird nämlich in die Hände der Menschen überliefert werden. 45 Jene aber verstanden dieses Wort nicht; es war für sie dunkel, so daß sie es nicht erfaßten. Doch scheuten sie sich, ihn darüber zu fragen. 37-45: Vgl. Mt 17, 14-2; Mk 9, 14-32.

 

Rangstreit der Jünger. 46 Es kam ihnen der Gedanke in den Sinn, wer wohl der Größte unter ihnen wäre. 47 Jesus jedoch, der die Gedanken ihres Herzens wohl kannte, nahm ein Kind, stellte es an seine Seite 48 und sagte zu ihnen: Wer dieses Kind in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer der Kleinste unter euch allen ist, der ist groß. 49 Da nahm Johannes das Wort und sprach: Meister, wir trafen einen, der in deinem Namen böse Geister austrieb; wir hinderten ihn daran, weil er nicht mit uns dir folgt. 50 Jesus aber entgegnete ihm: Wehret ihm nicht; denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch. 50: Der Beschwörer förderte durch seine Berufung auf Christus dessen Ansehen. 46-50: Vgl. Mt 18,1-5; Mk 9,33-40.

 

Der Reisebericht

 

Aussendung der Jünger

Der Eifer der Jünger gegen die unfreundlichen Samariter. 51 Es geschah aber, als die Tage seiner Ankunft (in den Himmel) vollzählig wurden, da machte er sich allen Ernstes daran, nach Jerusalem zu gehen, 52 und sandte Boten vor sich her. Diese kamen auf ihrer Reise in ein Samariterdorf, um für ihn Herberge zu bestellen. 53 Aber man nahm ihn nicht auf, weil sein Antlitz auf Jerusalem gerichtet war. 54 Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, willst du, so möchten wir Feuer vom Himmel herabkommen und es sie verzehren heißen? 55 Er aber wandte sich zu ihnen und schalt sie. [Ihr wißt nicht, wes Geistes ihr seid. Der Menschensohn ist nicht gekommen, Seelen zu verderben, sondern zu retten.] 56 Sie zogen also in eine andere Ortschaft. 51-56: Aus religiös-politischer Eifersucht war in den Hauptwallfahrtszeiten die Spannung zwischen Juden und Samaritern besonders groß. Jesus verurteilt jede Verquickung der Religion mit nationalpolitischen Gesichtspunkten. Der eingeklammerte Satz fehlt in den meisten Textzeugen.

 

Entschiedene Nachfolge Jesu. 57 Auf dem Wege sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Jesus erwiderte ihm: Die Füchse haben Höhlen, die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn jedoch hat nichts, wohin er sein Haupt legen könnte. 59 Einen andern forderte er auf: Folge mir! Dieser aber sagte: Herr, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe! 60 Jesus entgegnete ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! 61 Ein anderer sagte: Ich will dir folgen, Herr, doch erlaube mir, daß ich zuvor Abschied nehme von meinen Hausgenossen! 62 Jesus entgegnete ihm: Keiner, der seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, ist tauglich fürs Reich Gottes. 57-62: Vgl. Mt 8,19-22. Vom echten Christusjünger wird ein opfervolles Leben und Einstellung auf das höchste Ziel gefordert. Zögernde Halbheit taugt nicht dazu.

 

10 Aussendung der 72 Jünger. Hernach stellte der Herr noch andere zweiundsiebzig auf und sandte sie zu zweien vor sich her in jede Stadt und Ortschaft, wo er selbst hinkommen wollte.Er sagte ihnen: Die Ernte ist groß, der Arbeiter sind es aber nur wenige. Bittet also den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende! Geht hin! Seht, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe. Nehmt weder Beutel noch Tasche noch Schuhe mit und grüßt niemand unterwegs. 4: Der umständliche orientalische Gruß hätte sie zu lange aufgehalten. Mangel an Höflichkeit darf nicht mit diesem Jesuswort beschönigt werden. Kommt ihr in ein Haus, so sagt zuerst: Friede diesem Hause! Ist daselbst ein Kind des Friedens, so wird euer Friede auf ihm ruhen; wenn nicht, so wird er zu euch zurückkehren. In eben diesem Hause bleibet, esset und trinket, was da ist; denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Zieht nicht von einem Haus zum andern! Und wenn ihr in eine Stadt kommt, wo man euch aufnimmt, da esset, was man euch vorsetzt, heilet die Kranken darin und saget ihnen: Das Reich Gottes hat sich genaht! 7-8. Anspruchslos sollen die Jünger sein und niemand durch wählerisches Umherziehen von Haus zu Haus beleidigen. 10 Wenn ihr aber in eine Stadt kommt, wo man euch nicht aufnimmt, da geht auf ihre Straßen hinaus und sagt: 11 Selbst den Staub, der sich von eurer Stadt an unsere Füße gehängt hat, schütteln wir auf euch ab; aber das wisset: Das Reich Gottes hat sich genaht. 12 Ich sage euch: Sodoma wird es an jenem Tage erträglicher gehen als jener Stadt.

 

Das Wehe des Herrn über die unbußfertigen Städte. 13 Weh dir, Korozain, weh dir Bethsaida! Denn wären die Wunder in Tyrus und Sidon geschehen, die in euch geschehen sind, sie hätten schon längst in Sack und Asche dasitzend Buße getan. 14 Es wird aber auch Tyrus und Sidon im Gericht erträglicher gehen als euch. 15 Und du, Kapharnaum, wirst du etwa bis zum Himmel erhöht werden? Bis zur Hölle sollst du hinabgestürzt werden. 16 Wer euch hört, hört mich, und wer euch ablehnt, lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, lehnt den ab, der mich gesandt hat. 13-16: Vgl. Mt 11,20-24; 10,40. Der Wehruf hat sich in erschreckendem Maße erfüllt. Die Ruinen der Städte sind kaum noch zu entdecken.

 

Rückkehr der Jünger. 17 Die Zweiundsiebzig aber kehrten mit Freuden zurück und meldeten: Herr, selbst die bösen Geister sind uns in deinem Namen untertan. 18 Er sprach zu ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. 19 Seht, ich habe euch Macht gegeben, über Schlangen und Skorpione hinzuschreiten, und Macht über alle Gewalt des Feindes, und nichts soll euch schaden. 20 Doch freut euch nicht darüber, daß die Geister euch untertan sind, freut euch vielmehr darüber, daß eure Namen im Himmel eingezeichnet sind. 17-20: Gottes Wohlgefallen ist höher zu bewerten als alle äußeren Erfolge.

 

Jesus preist den Vater. 21 In eben dieser Stunde frohlockte er im Heiligen Geiste und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dies vor Weisen und Klugen verborgen, Einfältigen aber geoffenbart hast. Ja, Vater, denn so ist es wohlgefällig vor dir gewesen. 22 Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand erkennt; wer der Sohn ist, außer dem Vater, und niemand, wer der Vater ist, außer dem Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. 23 Dann wandte er sich besonders zu seinen Jüngern mit den Worten: Glückselig die Augen, die sehen, was ihr sehet! 24 Denn ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, aber sie sahen es nicht, und hören, was ihr höret; aber sie hörten es nicht. 21-24: Vgl. Mt 11,25-27; 13,16-17. Im Munde eines bloßen Menschen wären diese Worte voll göttlichen Selbstbewußtseins vollendeter Größenwahn.

 

Von echter Nächstenliebe und rechtem Beten

Der barmherzige Samariter. 25 Und siehe, ein Gesetzeslehrer trat auf, ihn zu versuchen. Er sagte: Meister, was muß ich tun, um ewiges Leben zu erlangen? 26 Dieser erwiderte ihm: Was steht im Gesetze geschrieben? Wie liesest du? 27 Jener antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und mit deiner ganzen Vernunft und deinen Nächsten wie dich selbst. 28 Er erwiderte ihm: Du hast richtig geantwortet. Tu das, so wirst du leben! 29 Jener aber wollte sich rechtfertigen und fragte deshalb Jesus: Wer ist mein Nächster? 30 Da nahm Jesus das Wort und sprach: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter die Räuber. Diese plünderten ihn aus, schlugen ihn wund, gingen weg und ließen ihn halbtot liegen. 30: Der Höhenunterschied beträgt mehr als tausend Meter. Der einsame Weg ist heute noch gefahrvoll. 31 Zufällig kam ein Priester des Weges hinab; er sah ihn und ging vorüber. 32 Ebenso ein Levit; er kam an jenen Ort, sah ihn und ging vorüber. 33 Ein reisender Samariter aber, der in seine Nähe kam, sah ihn und ward von Mitleid gerührt. 34 Er ging hinzu, verband seine Wunden und goß zugleich Öl und Wein darauf. Dann setzte er ihn auf sein Reittier, brachte ihn in die Herberge und sorgte für ihn. 35 Am andern Tage zog er zwei Denare heraus und gab sie dem Herbergwirt mit den Worten: Sorge für ihn, und was du noch darüber aufwendest, will ich dir bezahlen, wenn ich zurückkomme. 36 Wer von diesen dreien scheint dir für den unter die Räuber Gefallenen der Nächste gewesen zu sein? 37 Jener antwortete: Der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat. Jesus sprach zu ihm: Geh hin und tu desgleichen! 25-37: Das herrliche Lehrstück ist Sondergut des Lukasevangeliums, ebenso die folgende Szene in Bethanien.

 

Maria und Martha. 38 Auf der Wanderung kam er in einen Flecken. Eine Frau namens Martha nahm ihn in ihr Haus auf. 39 Sie hatte eine Schwester mit Namen Maria. Diese setzte sich zu den Füßen des Herrn und hörte auf sein Wort. 40 Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihn reichlich zu bewirten. Sie trat nun hinzu und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester mich allein aufwarten läßt? Sag ihr doch, sie solle mit mir Hand anlegen. 41 Der Herr entgegnete ihr: Martha, Martha, du sorgst und beunruhigst dich um viele Dinge; 42 doch weniges oder eines nur ist notwendig. Maria hat den besten Teil erwählt, der ihr nicht wird genommen werden. 38-42. Fleiß und Umsicht sind Tugenden. Martha übertreibt sie und unterschätzt die Innerlichkeit. Weder im tätigen noch im beschaulichen Leben liegt an sich schon die Vollkommenheit, sondern in der Gottesliebe. Jesu Leben ist die vorbildliche Vereinigung beider Ideale.

 

11 Das Vaterunser. Einstmals betete Jesus an einem Orte. Als er aufhörte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat! Da sprach er zu ihnen: Wenn ihr betet, sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name! Es komme dein Reich! Gib uns täglich unser ausreichendes Brot! Und vergib uns unsere Sünden, wie auch wir vergeben allen unseren Schuldigern! Und führe uns nicht in Versuchung! 1-4: Vgl. Mt 6,9-13. Hier ist der Wortlaut des Vaterunsers etwas kürzer als in der Bergpredigt. Vielleicht hat Jesus es bei verschiedenen Gelegenheiten verschieden vorgebetet.

 

Das beharrliche Gebet. Dann sprach er zu ihnen: Gesetzt, einer von euch hat einen Freund. Dieser kommt mitten in der Nacht zu ihm mit der Bitte: Freund, leihe mir drei Brote, denn ein Freund von mir ist auf der Reise zu mir gekommen, aber ich habe ihm nichts vorzusetzen. Jener dagegen antwortet von innen: Fall mir nicht lästig; denn die Tür ist schon geschlossen, und meine Kinder sind schon bei mir in der Schlafkammer; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. [Jener aber fährt fort zu klopfen.] Ich sage euch: Wenn er auch nicht um dessentwillen, weil er sein Freund ist, aufsteht und ihm etwas gibt, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er nötig hat. Deswegen sage ich euch: Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden. 10 Denn jeder, der bittet, empfängt, wer sucht, findet, und dem, der anklopft, wird aufgetan werden. 11 Wenn aber einer von euch Vater ist, und sein Sohn bittet ihn um Brot, wird er ihm etwa einen Stein geben? Oder um einen Fisch — wird er ihm statt des Fisches eine Schlange geben? 12 Oder wenn er um ein Ei bittet, wird er ihm einen Skorpion reichen? 13 Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wißt, wieviel mehr wird euer Vater vom Himmel her den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten. 13: Der Heilige Geist ist „Gottes siebenfache Gabe“, d. h. das Höchste und Beste, was Gott überhaupt zu geben vermag. 9-13: Vgl. Mt 7,7-11.

 

Böswillige Verdächtigung und ihre Abwehr

Heilung eines Besessenen. 14 Er trieb einen bösen Geist aus, der stumm war. Als aber der Geist ausgefahren war, redete der Stumme. Darüber verwunderten sich die Volksscharen. 15 Einige von ihnen aber sagten: Durch Beelzebul, den Obersten der bösen Geister, treibt er die Geister aus. 16 Andere aber versuchten ihn und verlangten von ihm ein Zeichen vom Himmel. 17 Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das in sich selbst uneins ist, zerfällt, und ein Haus stürzt über das andere. 18 Wenn also auch Satan mit sich selbst uneins ist, wie wird sein Reich Bestand haben können? Sagt ihr ja, ich treibe durch Beelzebul die Geister aus. 19 Wenn ich aber durch Beelzebul die Geister austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Deswegen werden sie selbst eure Richter sein. 20 Wenn ich aber die bösen Geister durch den Finger Gottes austreibe, so ist wahrhaftig das Reich Gottes schon zu euch gekommen. 21 Wenn der Starke bewaffnet sein Schloß bewacht, so ist sein Besitz in Sicherheit. 22 Wenn aber ein Stärkerer als er über ihn kommt und ihn besiegt, so nimmt er ihm seine ganze Waffenrüstung, auf die er vertraute, und verteilt seine Beute. 23 Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. 14-23: Vgl. Mt 12,22-30; Mk 3,22-27. Die unerhörte Verdächtigung sollte das Volk von Jesus fernhalten. Die Antwort Jesu läßt den Pfeil auf den Schützen zurückschnellen. Es gibt keine Neutralen im Kampfe gegen Christus.

 

In der Gewalt des Satans. 24 Wenn der unreine Geist aus dem Menschen ausgefahren ist, wandert er durch dürre Orte und sucht Ruhe. Weil er aber keine findet, sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehren, von wo aus ich ausgefahren bin. 25 Wenn der böse Geist kommt, es ausgekehrt und geschmückt findet, 26 dann geht er hin und nimmt noch sieben andere Geister mit sich, die noch ärger sind als er; sie ziehen ein und wohnen darin. So werden die letzten Dinge jenes Menschen schlimmer als die ersten. 24-26: Vgl. Mt 12,43-45. Wer nicht zu Christus hält, der den Teufel vertreibt, gerät völlig in die Gewalt des Bösen.

 

Seligpreisung Jesu und seiner Mutter. 27 Es geschah aber, als er so redete, erhob eine Frau aus der Volksmenge ihre Stimme und sprach zu ihm: Selig der Leib, der dich getragen, und die Brust, die du gesogen hast. 28 Er erwiderte: Ja freilich, selig, die das Wort Gottes hören und beobachten. 27-28: „Seliger ist Maria durch den Glauben an Christus als durch die Empfängnis seiner Menschheit. Sogar die mütterliche Verwandtschaft hätte ihr nichts genützt, hätte sie nicht freudiger Jesus im Herzen als im Schoße getragen.“ (Hl. Augustinus.)

 

Das Zeichen des Jonas. 29 Als große Volksscharen zusammenströmten, begann er zu sprechen: Dieses Geschlecht ist ein schlimmes Geschlecht; es verlangt ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben als das Zeichen des [Propheten] Jonas. 30 Denn gleichwie Jonas für die Niniviten ein Zeichen wurde, so wird es auch der Menschensohn für dieses Geschlecht sein. 31 Die Königin des Südens wird mit den Männern dieses Geschlechts vor Gericht auftreten und ihre Verurteilung bewirken, denn sie kam von den Enden der Erde, um Salomons Weisheit zu hören — und doch ist hier mehr als Salomon! 32 Die Männer von Ninive werden mit diesem Geschlechte vor Gericht erscheinen und seine Verurteilung bewirken; denn sie haben auf die Predigt des Jonas hin Buße getan — und doch ist hier mehr als Jonas!

 

Vom Licht. 33 Niemand zündet ein Licht an und stellt es in einen Winkel oder unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter, damit die Eintretenden den hellen Schein sehen. 34 Die Leuchte deines Leibes ist dein Auge. Ist dein Auge gesund, so ist dein ganzer Leib erhellt; ist es aber krank, so ist dein ganzer Leib im Finstern. 35 Siehe also zu, daß das Licht in dir nicht Finsternis sei! 36 Ist dein Leib ganz erhellt und kein Teil davon dunkel, so wird er ganz hell sein, wie wenn ein Licht mit seinem Glanz dich erleuchtet. 29-36: Vgl. Mt 12,38-42; 5,15; 6,22-23

 

Weherufe über die Pharisäer und Schriftgelehrten. 37 Während er redete, bat ihn ein Pharisäer, er möge bei ihm speisen. Er ging hin und setzte sich zu Tische. 38 Der Pharisäer aber sah es und wunderte sich darüber, daß er sich vor der Mahlzeit nicht gewaschen hatte. 39 Der Herr aber sagte zu ihm: Nun, ihr Pharisäer reinigt das Äußere des Bechers und der Schüssel, euer Inneres aber ist voll Raub und Bosheit. 40 Ihr Toren! Hat nicht der, welcher das Äußere gemacht hat, auch das Innere gemacht? 41 Gebt lieber den Inhalt als Almosen. Dann ist alles für euch rein. 41: Almosen aus Gottesliebe spendet nur, wer im Herzen die Sünde nicht duldet. 42 Doch wehe euch, ihr Pharisäer! Ihr gebt den Zehnten von Pfefferminze, Raute und jeglichem Kraut, aber das Recht und die Liebe Gottes laßt ihr außer acht; das sollte man tun, das andere aber nicht lassen. 43 Weh euch, ihr Pharisäer! Ihr liebt es, in den Synagogen den ersten Platz zu haben und auf dem Markt gegrüßt zu werden. 44 Weh euch! Ihr gleicht den unkenntlichen Gräbern, über welche die Leute, ohne es zu wissen, hinwandeln. 45 Da entgegnete ihm ein Gesetzeslehrer: Meister, mit diesen Worten beschimpfst du auch uns. 46 Jener erwiderte: Wehe auch euch, ihr Gesetzeslehrer! Ihr legt den Menschen unerträgliche Lasten auf, berührt die Lasten aber selbst auch nicht mit einem Finger. 47 Weh euch! Ihr baut den Propheten Denkmäler, nachdem eure Väter sie getötet haben. 48 Wahrlich, ihr bezeugt damit, daß ihr die Taten eurer Väter billigt; jene haben sie getötet, ihr aber errichtet ihnen Grabmäler. 48: Die Lehren der Propheten zu befolgen, ist wichtiger, als ihnen Denkmäler zu errichten. 49 Deshalb hat auch die Weisheit Gottes gesprochen: Ich werde zu ihnen Propheten und Apostel senden; einige von ihnen werden sie töten und verfolgen, 50 damit das Blut aller Propheten, das seit Erschaffung der Welt vergossen worden ist, von diesem Geschlechte gefordert werde, 51 vom Blute Abels an bis zum Blute des Zacharias, der zwischen Altar und Tempel umgebracht worden ist. Ja, wahrlich, ich sage euch: Es wird von diesem Geschlechte gefordert werden. 52 Weh euch, ihr Gesetzeslehrer! Ihr habt den Schlüssel zur Erkenntnis weggenommen. Ihr seid selbst nicht eingetreten und habt auch noch die abgehalten, die eintreten wollten. 52: Eine Erklärung der Heiligen Schrift, die den Weg zu Christus mehr versperrt als weist, ist ein Verbrechen. 53 Als er dann von dort weggegangen war, begannen die Pharisäer und Schriftgelehrten, ihm heftig zuzusetzen und ihn über allerlei auszuforschen. 54 Dabei lauerten sie ihm auf in der Erwartung, etwas aus seinem Munde aufzufangen, [worüber sie ihn anklagen könnten]. 37-54: Vgl. Mt 23,1-36

 

12 Ermahnung zur Standhaftigkeit im Kampf gegen die Feinde. Als zahlreiche Volksscharen zusammengeströmt waren, so daß sie einander auf die Füße traten, begann er zuerst zu seinen Jüngern zu sprechen: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer; das ist die Heuchelei! Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar, nichts geheim, das nicht bekannt würde. Darum wird man, was ihr im Dunkeln gesagt habt, beim hellen Licht hören, und was ihr in den Kammern ins Ohr geflüstert habt, auf den Dächern verkünden. Euch aber, meinen Freunden sage ich: Fürchtet euch nicht vor denen, die nur den Leib töten können, sonst aber nichts zu tun vermögen! Ich will euch aber zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, der nach dem Töten die Macht hat, in die Hölle zu werfen! Ja, ich sage euch, den fürchtet! Verkauft man nicht fünf Sperlinge um zwei Pfennige? Und doch ist auch nicht einer von ihnen vor Gott vergessen. Sogar die Haare eures Hauptes sind alle gezählt. Fürchtet euch also nicht, ihr seid mehr wert als viele Sperlinge! Ich sage euch aber: Wer mich vor den Menschen bekennen wird, zu dem wird sich der Menschensohn vor Gottes Engeln bekennen; wer mich aber vor den Menschen verleugnen wird, der wird vor Gottes Engeln verleugnet werden. 10 Wer etwas gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben werden. Wer aber den Heiligen Geist lästert, dem wird nicht vergeben werden. 10: Vergebung setzt Reue voraus. Reue aber fehlt, wo wider besseres Wissen die Gnade des Heiligen Geistes und seine Wahrheit abgelehnt werden. 11 Wenn man euch vor die Synagogen und vor die Obrigkeiten und Behörden führt, seid unbesorgt, wie oder was ihr antworten oder was ihr sagen sollt. 12 Denn der Heilige Geist wird euch in jener Stunde lehren, was ihr sagen müßt. 1-12: Vgl. Mt 10,19-20. 26-33; 12,31-32; Mk 13,11.7

 

Vom Weltgeist und seiner Überwindung

Warnung vor Habsucht. 13 Aus der Volksmenge sagte einer zu ihm: Meister, sag meinem Bruder, er solle mit mir das Erbe teilen! 14 Er entgegnete ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbverteiler über euch aufgestellt? 15 Dann sagte er zu ihnen: Hütet euch doch ja vor aller Habsucht! Denn wenn auch einer Überfluß hat, so hängt doch sein Leben nicht von seinem Besitze ab. 13-15: Ein lehrreiches Sondergut im „sozialen Evangelium“. Das Gesetzbuch der Kirche gibt heute noch strenge Vorschriften über die Behandlung geldlicher Angelegenheiten durch Priester und Ordensleute. 16 Er trug ihnen dann folgendes Gleichnis vor: Eines reichen Mannes Acker trug reichliche Früchte. 17 Er dachte bei sich: Was soll ich tun? Ich habe ja keinen Platz, meine Früchte unterzubringen. 18 Da sagte er sich: So werde ich es machen; ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen; dort werde ich alle meine Erzeugnisse und meine Güter unterbringen. 19 Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Meine Seele, du hast viele Güter auf manches Jahr bereitliegen, ruh aus, iß, trink und laß dir's wohl sein! 20 Gott aber sprach zu ihm: Du Tor! Noch in dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern; wem wird dann das gehören, was du aufgespeichert hast? 21 So geht es mit dem, der für sich Schätze aufhäuft, aber nicht vor Gott reich ist. 16-21: Ziel der Berufsarbeit muß mehr sein als Anhäufung von Vermögen. Aller Besitz verpflichtet gegenüber der Gemeinschaft und vor allem Gott gegenüber, der ihn gab.

 

Warnung vor ängstlicher Sorge. 22 Dann sprach er zu seinen Jüngern: Darum sage ich euch: Seid nicht ängstlich besorgt um euer Leben, was ihr essen, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt. 23 Das Leben ist mehr wert als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung. 24 Betrachtet die Raben, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie haben nicht Vorratskammer noch Scheune — und doch ernährt sie Gott. Um wieviel seid ihr mehr wert als die Vögel! 25 Wer von euch kann aber mit seinen Sorgen seinem Leben auch nur eine kurze Spanne zusetzen? 25: Nicht die Körpergröße, die „Statur“, wie der lateinische Text sagt, ist gemeint, sondern die Lebensdauer. 26 Wenn ihr also auch nicht das Geringste ausrichten könnt, warum seid ihr um das Weitere so ängstlich besorgt? 27 Betrachtet die Lilien, wie sie weder spinnen noch weben; und doch sage ich euch: Nicht einmal Salomon in all seiner Pracht war gekleidet wie eine von ihnen. 28 Wenn aber Gott das Gras auf dem Felde, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, um wieviel mehr euch, ihr Kleingläubigen! 29 So fragt auch ihr nicht, was ihr essen und was ihr trinken sollt, und laßt euch nicht beunruhigen! 30 Denn nach all dem trachten die Heidenvölker. 31 Euer Vater weiß ja, daß ihr dies braucht. Suchet vielmehr [zuerst] sein Reich [und seine Gerechtigkeit]; so wird euch [all] dies dreingegeben werden. 22-31: Vgl. Mt 6,25-33. 32 Fürchte dich nicht, du kleine Herde; denn es hat eurem Vater gefallen, euch das Reich zu geben. 33 Verkauft eure Habe und gebt davon Almosen! Erwerbt euch Beutel, die nicht altern, einen Schatz im Himmel, der nicht abnimmt, an den kein Dieb kommt, den keine Motte zerfrißt. 34 Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein. 32-34: Vgl. Mt 6,19-21. Erst das Jenseits gibt dem Diesseits den rechten Sinn. Was wir lieben, muß größer sein als wir selbst.

 

Mahnung zur Wachsamkeit. 35 Eure Lenden sollen umgürtet und eure Lampen brennend sein [in euren Händen]. 36 Ihr sollt Leuten gleichen, die ihren Herrn erwarten, wenn er von der Hochzeit kommt, damit sie ihm, wenn er kommt und anklopft, sogleich öffnen. 37 Selig jene Knechte, die der Herr bei seiner Ankunft wachend findet; wahrlich, ich sage euch: Er wird sein Kleid schürzen, sie zu Tisch sitzen heißen, herumgehen und sie bedienen. 38 Kommt er in der zweiten oder in der dritten Nachtwache und trifft er sie so an, dann Heil ihnen! 39 Das aber seht ihr ein: Wüßte der Hausvater, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er wahrhaftig [wach bleiben und] nicht in sein Haus einbrechen lassen. 40 So seid auch ihr bereit, denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht vermutet. 41 Da fragte ihn Petrus: Herr, gilt dieses Gleichnis nur uns oder auch allen? 42 Da sprach der Herr: Wer ist wohl der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde setzt, damit er ihm zur rechten Zeit den angemessenen Unterhalt verabreiche? 43 Selig jener Knecht, den der Herr bei seiner Ankunft also handelnd findet. 44 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über all sein Besitztum setzen! 45 Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und anfängt, Knechte und Mägde zu mißhandeln, zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, 46 so wird der Herr jenes Knechtes an einem Tage kommen, wo er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, ihn in Stücke hauen und ihm seinen Anteil unter den Ungläubigen anweisen. 35-46: Vgl. Mt 24,42-51; Mk 13,33-37. Die Forderung steter Berufstreue und Wachsamkeit ist hier in das Bild orientalischer Rechte des Herrn über seine Sklaven gekleidet. 47 Jener Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht bereit hält, noch nach seinem Willen handelt, wird viele Schläge erhalten; 48 wer ihn aber nicht kennt und Dinge tut, die Schläge verdienen, erhält wenige. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel verlangt; wem viel anvertraut ist, von dem wird noch mehr gefordert.

 

Notwendigkeit des Kampfes. 49 Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und wie sehr wünsche ich, daß es schon brenne! 50 Ich habe eine Taufe auf mich zu nehmen, und wie drängt es mich, bis sie vollzogen ist! 49-50: Das Feuer Christi erfaßt die Herzen, läutert das Gold, vertilgt die Schlacken. Über Christus selber schlagen die Leidenswogen zusammen wie das Wasser über dem Täufling beim Untertauchen. Dennoch sehnt er sich danach. 51 Meint ihr, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Entzweiung. 52 Von jetzt an werden in einem Hause fünf uneins sein; drei werden gegen zwei und zwei gegen drei sein: 53 Der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter. 51-53: Vgl. Mt 10,34-36. Christus will nicht den faulen Frieden der Charakterlosen. Man muß sich solche Stellen wie Lk 12,49-53 merken, um denen zu antworten, die Christus als feigen, weichlichen Führer von Schwächlingen hinstellen. Das Aufrechte und Kämpferische gehört zum Wesen seiner Nachfolge, aber nicht der Stolz und die Streitsucht.

 

Strafe der Unbußfertigkeit

Zeichen der Zeit. 54 Hierauf sprach er zu den Volksscharen: Wenn ihr im Westen eine Wolke aufsteigen seht, sagt ihr gleich: Es kommt Regen, und es trifft ein. 55 Spürt ihr den Südwind wehen, so sagt ihr: Es wird heiß, und es trifft ein. 56 Ihr Heuchler, das Aussehen des Himmels und der Erde wißt ihr zu deuten, warum wollt ihr diese Zeit nicht deuten? 57 Warum beurteilt ihr nicht auch von selbst, was recht ist? 58 Wenn du nämlich mit deinem Gegner zur Obrigkeit gehst, gib dir unterwegs Mühe, von ihm loszukommen, damit er dich nicht etwa vor den Richter schleppe, der Richter dich dem Gerichtsdiener übergebe und der Gerichtsdiener dich in den Kerker werfe. 59 Ich sage dir: Du wirst von da nicht herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlt hast. 54-59: Wahre Weisheit macht nicht vor der entscheidenden Frage halt und bringt rechtzeitig das Leben in Ordnung.

 

13 Mahnung zur Umkehr. Zu eben der Zeit kamen einige und erzählten von den Galiläern, deren Blut Pilatus vergossen hatte, während sie eben opferten. Er erwiderte ihnen: Glaubt ihr, daß diese Galiläer größere Sünder gewesen seien als alle andern Galiläer, weil sie solches erleiden mußten? Nein, sage ich euch, aber wenn ihr euch nicht bekehret, werdet ihr alle gleichfalls umkommen. Es ist ebenso wie mit jenen achtzehn, die der einstürzende Turm von Siloe erschlug; glaubt ihr, sie seien schuldiger gewesen als alle andern Einwohner von Jerusalem? Nein, sage ich euch; aber wenn ihr euch nicht bekehrt, werdet ihr alle gleichfalls umkommen. 1-5: Diese Galiläer waren wahrscheinlich Anhänger der revolutionären Zelotenpartei. Jesus sieht die weit schlimmeren Ereignisse voraus, die sich bei der Zerstörung Jerusalems zutrugen.

 

Der unfruchtbare Feigenbaum. Er trug ihnen auch folgendes Gleichnis vor: Jemand hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt. Er kam und suchte Frucht an ihm, fand aber keine. Da sprach er zu dem Winzer: Siehe, schon drei Jahre komme ich nun und suche Frucht an diesem Feigenbaum, finde aber keine. Haue ihn um! Wozu saugt er noch den Boden aus? Der aber erwiderte ihm: Herr, laß ihn noch dieses Jahr stehen! Ich will rings um ihn aufgraben und Dünger einlegen; vielleicht bringt er künftig doch Frucht; wenn nicht, dann magst du ihn später umhauen lassen. 6-9: Gottes Geduld mit Israel geht ihrem Ende entgegen; die letzte Gnadenfrist bricht an.

 

Heilung der gekrümmten Frau. 10 Am Sabbat lehrte er in einer Synagoge. 11 Dort war eine Frau, die schon achtzehn Jahre einen Geist des Siechtums hatte; sie war verkrümmt und konnte sich nicht ganz aufrichten. 12 Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte zu ihr: Frau, du bist von deinem Siechtum befreit! 13 Dann legte er ihr die Hände auf. Augenblicklich richtete sie sich auf und pries Gott. 14 Entrüstet darüber, daß Jesus am Sabbat geheilt hatte, nahm der Synagogenvorsteher das Wort und sagte zum Volk: Sechs Tage sind da zur Arbeit; an diesen mögt ihr kommen und euch heilen lassen, nicht aber am Tage des Sabbats. 15 Ihm entgegnete der Herr: Ihr Heuchler, bindet nicht ein jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los, um sie zur Tränke zu führen? 16 Diese Tochter Abra­hams aber, die der Satan schon volle achtzehn Jahre gebunden hielt, sollte am Sabbat nicht von dieser Fessel gelöst werden dürfen? 17 Bei diesen Worten schämten sich alle seine Gegner; das ganze Volk aber freute sich über all die herrlichen Taten, die durch ihn geschahen. 10-17: Nur Lukas erzählt dieses Heilungswunder. Der Buchstabe des Gesetzes gilt den Heuchlern mehr als ein Werk barmherziger Liebe.

 

Gleichnisse vom Himmelreich. 18 Er sprach: Wem ist das Gottesreich ähnlich, und womit soll ich es vergleichen? 19 Es gleicht einem Senfkorn, das jemand in seinen Garten säte. Es wuchs und wurde zu einem großen Baum, und die Vögel des Himmels ließen sich in seinen Zweigen nieder.

 

20 Wiederum sprach er: Womit soll ich das Gottesreich vergleichen? 21 Es gleicht einem Sauerteig, den ein Weib nahm und unter drei Maß Mehl mengte, bis das Ganze durchsäuert war. 18-21: Vgl. Mt 13,31-33; Mk 4,30-32. Beide Geschlechter dürfen mitwirken. Mannesarbeit schafft der Kirche das Wachstum nach außen. Frauliche Mitarbeit gehört zum Durchdringen der Herzen mit der Lebenskraft Christi.

 

Der Kampf um das Himmelreich. 22 Er zog durch Städte und Dörfer, lehrte dabei und setzte seine Reise nach Jerusalem fort. 23 Da sagte jemand zu ihm: Herr, sind es wenige, die gerettet werden? Er sprach zu ihnen: 24 Bemüht euch, durch die enge Türe einzugehen. Denn ich sage euch: Viele werden einzugehen suchen, aber es nicht vermögen. 25 Ist aber der Hausvater aufgestanden und hat die Türe geschlossen, so mögt ihr draußen stehen, an die Türe klopfen und sagen: Herr, öffne uns! Er aber wird euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. 26 Alsdann werdet ihr anfangen zu erklären: Wir haben doch vor dir gegessen und getrunken, und du hast auf unsern Straßen gelehrt! 27 Doch er wird euch entgegnen: Ich sage euch: Ich weiß nicht, woher ihr seid! Weicht von mir, all ihr Übeltäter! 28 Da wird Heulen und Zähneknirschen herrschen, wenn ihr Abra­ham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reiche Gottes, euch selbst aber ausgeschlossen seht. 29 Von Ost und West, von Nord und Süd werden sie kommen und sich im Reiche Gottes zu Tische setzen. 30 Und siehe, es gibt Letzte, die Erste, und es gibt Erste, die Letzte sein werden. 22-30: Vgl. Mt 7,13-14. 22-24; 8,11-12. Die rassenmäßige Zugehörigkeit zum auserwählten Volke nutzt ohne entsprechende Gesinnung und Tat gar nichts in den Augen des göttlichen Richters.

 

Warnung vor Herodes. 31 Zur gleichen Stunde kamen einige Pharisäer zu ihm und sagten: Geh fort und entferne dich von hier, denn Herodes will dich töten. 32 Er entgegnete ihnen: Geht und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe böse Geister aus und vollbringe Heilungen heute und morgen, und übermorgen gelange ich zur Vollendung. 33 Jedoch heute, morgen und übermorgen muß ich noch wandern; denn es darf kein Prophet außerhalb Jerusalems umkommen. 31-33: Weder der schlaue Herodes noch die hinterlistigen Pharisäer bringen Jesus vom Wege des Willens Gottes ab. Er fürchtet weder den einen noch den andern, durchschaut aber alle.

 

Wehe über Jerusalem. 34 Jerusalem, Jerusalem, das du die Propheten tötest und die steinigst, die zu dir gesandt werden, wie oft wollte ich deine Kinder versammeln, wie eine Henne ihre Küch­lein unter ihren Flügel, ihr aber habt nicht gewollt. 35 Seht, euer Haus wird euch überlassen. Ich sage euch aber: Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis [der Tag kommt, da] ihr sprechet: Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. 34-35: vgl. Mt 23,37-39. Der Weheruf offenbart ergreifend die erbarmende Liebe des Erlösers zu seinem Volke. „Euer Haus wird euch verödet gelassen werden“, lautet eine andere Lesart.. Gott wird daraus ausziehen und es der Zerstörung preisgeben.

 

Berufung der Heiden und Sünder

14 Heilung eines Wassersüchtigen. Und es geschah, als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines vornehmen Pharisäers ging, um da zu speisen, lauerten sie ihm auf. Und siehe, es trat vor ihn ein wassersüchtiger Mann. Da nahm Jesus das Wort und fragte die Gesetzeslehrer und Pharisäer: Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen oder nicht? Sie aber schwiegen. Da faßte er ihn an, heilte ihn und hieß ihn von dannen gehen. Dann fragte er sie: Wenn einem von euch ein Esel [Sohn?] oder Ochs in den Brunnen fällt, zieht er ihn dann nicht gleich am Sabbat heraus? Darauf konnten sie ihm nichts erwidern.

 

Mahnung zur Bescheidenheit. Da er aber wahrnahm, wie die Geladenen sich die ersten Plätze auswählten, trug er ihnen folgendes Gleichnis vor: Wenn du von jemand zu einem Festmahl geladen bist, so setze dich nicht auf den ersten Platz! Es könnte ein Vornehmerer als du von ihm geladen sein, und der, welcher dich und jenen geladen hat, kommen und dir sagen: Mach diesem Platz! Dann müßtest du schließlich mit Schande den letzten Platz einnehmen. 10 Nein, bist du geladen, so geh hin und setze dich auf den letzten Platz; dann mag der, welcher dich geladen, kommen und dir sagen: Freund, rücke weiter hinauf! Das wird dir vor allen Tischgenossen Ehre machen; 11 denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht. 12 Zu dem aber, der ihn geladen hatte, sagte er: Wenn du ein Mittag- oder Abendmahl gibst, so lade nicht deine Freunde, noch deine Brüder, noch deine Verwandten, noch reiche Nachbarn ein. Sonst laden sie dich wieder ein und halten dich schadlos. 13 Lade vielmehr, wenn du ein Gastmahl gibst, Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein; 14 dann wirst du selig sein; denn sie können es dir nicht vergelten; dir wird vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten. 7-14: Nur die echte, nicht die schielende, „bucklige“ Demut und nur die selbstlose, nicht die berechnende Gastfreundschaft haben Wert vor Gott.

 

Gleichnis vom Gastmahl. 15 Als aber einer von den Tischgenossen dies hörte, sagte er zu ihm: Selig, wer im Reiche Gottes speisen wird! 16 Er erwiderte ihm: Ein Mann veranstaltete ein großes Gastmahl und ließ viele Einladungen ergehen. 17 Als die Stunde des Mahles da war, gab er seinem Knecht den Auftrag, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn alles ist bereit! 18 Da fingen sie insgesamt an, sich zu entschuldigen. Der erste sagte zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen, ihn anzusehen, ich bitte dich, halte mich für entschuldigt! 19 Der zweite sagte: Ich habe fünf Paar Ochsen gekauft und gehe hin, sie zu prüfen; ich bitte dich, halte mich für entschuldigt. 20 Ein dritter sagte: Ich habe ein Weib genommen und kann deshalb nicht kommen. 21 Der Knecht kehrte zurück und berichtete es seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sagte zu seinem Knecht: Schnell geh hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und bring die Bettler und Krüppel, die Blinden und Lahmen herein! 22 Der Knecht sagte: Herr, was du befohlen, ist geschehen; aber es ist noch Platz da. 23 Da befahl der Herr dem Knecht: Geh hinaus an die Wege und Zäune und nötige sie hereinzukommen, damit mein Haus voll werde! 24 Denn ich sage euch: Keiner von jenen Männern, die geladen waren, soll mein Mahl zu kosten bekommen. 15-24: Vgl. Mt 22,1-14

 

Nachfolge Jesu. 25 Es zogen aber viele Volksscharen mit ihm. Da wandte er sich um und sprach zu ihnen: 26 Wer zu mir kommt, aber Vater und Mutter, Weib und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben nicht haßt, kann mein Jünger nicht sein. 27 Wer sein Kreuz nicht trägt und mir nicht folgt, kann mein Jünger nicht sein. 25-27: Vgl. Mt 10,37-39. Was hier „hassen“ bedeutet, zeigt klar die Parallelstelle Mt 10,37: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich...“ Wenn Gott ruft, ist kein Opfer zu scheuen. 28 Will nämlich einer von euch einen Turm bauen, setzt er sich dann nicht zuvor hin und berechnet die Kosten [um zu prüfen], ob er die Mittel zur Ausführung des Baues habe? 29 Sonst ist, wenn er den Grund gelegt hat, nachher aber den Bau nicht vollenden kann, zu befürchten, daß alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten 30 und zu sagen: Dieser Mann fing einen Bau an und konnte ihn nicht fertigbringen. 31 Oder wenn der König gegen einen andern König in den Krieg ziehen will, setzt er sich dann nicht zuvor hin und überlegt, ob er mit zehntausend Mann dem entgegentreten könne, der mit zwanzigtausend gegen ihn heranzieht? 32 Kann er das nicht, so läßt er jenen, solange er noch fern ist, durch eine Gesandtschaft um Frieden bitten. 33 So kann also keiner von euch, wenn er nicht all seiner Habe entsagt, mein Jünger sein. 34 Das Salz ist etwas Gutes; wenn aber auch das Salz schal wird, womit soll man es dann würzen? 35 Es taugt weder für den Boden noch für den Düngerhaufen; man wirft es eben hinaus. Wer Ohren hat zu hören, der höre! 28-35: Jeder muß sich von vornherein klar darüber sein, daß die Nachfolge Christi stete Anstrengung und heißen Kampf kostet. Ohne das Salz dauernder Opferbereitschaft taugt keiner dazu.

 

15 Gleichnis von dem verlorenen Schafe. Es nahten sich ihm allerhand Zöllner und Sünder, ihn zu hören. 1-32: Nur Lukas erzählt uns die folgenden drei trostvollen Gleichnisse suchender und erbarmender Gottesliebe nacheinander. Vgl. Mt 18,12-14. Darüber murrten die Pharisäer und Schriftgelehrten; sie sagten: Dieser nimmt sich der Sünder an und ißt mit ihnen. Daraufhin trug er ihnen folgendes Gleichnis vor: Wer von euch, der hundert Schafe besitzt, läßt nicht, wenn er eins verliert, die neun­undneun­zig in der Steppe und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Hat er es gefunden, so nimmt er es voll Freude auf seine Schultern, und nach Hause gekommen, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel größere Freude sein über einen einzigen Sünder, der sich bekehrt, als über neun­undneun­zig Gerechte, die der Bekehrung nicht bedürfen.

 

Gleichnis von der verlorenen Drachme. Oder zündet nicht eine Frau, die zehn Drachmen besitzt und eine davon verliert, ein Licht an, kehrt das Haus aus und sucht sorgfältig, bis sie dieselbe findet? Und hat sie dieselbe gefunden, dann ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte. 10 Ebenso, sage ich euch, wird bei den Engeln Gottes Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der sich bekehrt.

 

Gleichnis vom verlorenen Sohn. 11 Er fuhr fort: Ein Mann hatte zwei Söhne. 12 Der jüngere von ihnen sagte zum Vater: Vater, gib mir den Anteil am Vermögen, der mir zukommt. Da teilte er das Vermögen unter sie. 13 Wenige Tage darauf packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog fort in ein fernes Land. Dort verschwendete er sein Vermögen durch ein liederliches Leben. 14 Als er alles durchgebracht hatte, entstand in jenem Land eine schwere Hungersnot, und auch er fing an, Mangel zu leiden. 15 Da ging er hin und verdingte sich an einen Bürger jenes Landes. Dieser schickte ihn auf seine Felder, die Schweine zu hüten. 16 Gern hätte er seinen Hunger mit den Schoten gestillt, welche die Schweine fraßen; aber niemand gab sie ihm. 16: Gemeint sind die Früchte des Johannisbrotbaumes. 17 Da ging er in sich und dachte: Wie viele Taglöhner [im Hause] meines Vaters haben Brot im Überfluß, ich aber muß hier Hungers sterben. 18 Ich will mich aufmachen, zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, Ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir; 18: Aus Scheu vor dem Gebrauch des Gottesnamens setzten die Juden gern „Himmel“ für Gott. Vgl. „Himmelreich“ = „Gottesreich“. 19 ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Halte mich nur wie einen deiner Taglöhner! 20 Er machte sich also auf und ging zu seinem Vater. Noch war er weit weg, da sah ihn sein Vater und ward von Mitleid gerührt. Er eilte ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. 21 Der Sohn aber sagte zu ihm: Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. 22 Der Vater jedoch befahl seinen Knechten: Schnell bringt das beste Kleid heraus und zieht es ihm an, gebt einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße! 23 Holt auch das Mastkalb und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden worden. Da fingen sie an, ein Freudenmahl zu halten.

 

25 Sein älterer Sohn aber war auf dem Felde. Als er sich bei der Rückkehr dem Hause näherte, hörte er Musik und Tanz. 26 Da rief er einen der Knechte und fragte, was das zu bedeuten habe. 27 Dieser antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund zurückerhalten hat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm zu. 29 Jener gab dem Vater zur Antwort: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und habe noch nie dein Gebot übertreten. Aber mir hast du noch nie ein Böcklein gegeben, damit ich mit meinen Freunden ein Freudenmahl hätte halten können. 30 Jetzt aber, da dieser dein Sohn da gekommen ist, der dein Vermögen mit Dirnen verpraßt hat, hast du für ihn gar das Mastkalb schlachten lassen. 31 Er entgegnete ihm: Mein Kind, du bist immerdar bei mir, und all das Meinige ist ja dein. 32 Aber ein Freudenmahl mußte gehalten werden, denn dein Bruder da war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden worden. 25-32: Engherziger Auserwähltenstolz ist ein häßlicher Fehler an denen, die das Glück dauernder Lebensgemeinschaft mit Gott genießen dürfen. Nicht „der Stand“ macht vollkommen, sondern demütiger und treuer Gebrauch der Standesgnaden.

 

Wert des Reichtums und der Armut

16 Gleichnis vom ungetreuen Verwalter. Weiter sprach er zu seinen Jüngern: Es war einmal ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter. Dieser wurde bei ihm angeschuldigt, er verschleudere sein Vermögen. Er ließ ihn rufen und sagte zu ihm: Was muß ich von dir hören? Gib Rechenschaft von deiner Verwaltung! Denn du kannst nicht länger die Verwaltung führen. Der Verwalter dachte bei sich: Was soll ich anfangen, da mein Herr mir die Verwaltung abnimmt? Graben kann ich nicht; zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tue, damit sie mich nach meiner Entfernung von der Verwaltung in ihre Häuser aufnehmen.Er ließ also die einzelnen Schuldner seines Herrn kommen und fragte den ersten: Wieviel bist du meinem Herrn schuldig? Der antwortete: Hundert Krüge Öl. Er sagte zu ihm: Da hast du deinen Schuldschein! Schnell setz dich und schreibe fünfzig! Dann fragte er einen andern: Wieviel bist du schuldig? Der sagte: Hundert Malter Weizen. Er darauf: Da hast du deinen Schuldschein, schreibe achtzig! 5-7: Ein Krug oder Bath = 39,4 Liter, also 100 Krüge = 39,4 Hektoliter. Ein Malter oder Kor = 393,9 Liter, also 100 Malter = 393,9 Hektoliter. Der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt habe: Denn die Kinder dieser Welt sind gegenüber ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. 8: Der Herr lobt oder rühmt, wie das Wort auch heißen kann, nicht den Schwindel, sondern die Schlauheit des Schwindlers, der seine Zukunft zu sichern versteht. Nicht mit gleichen Mitteln, aber mit gleicher Sorge gilt es, das ewige Heil zu sichern. Der beste Zweck heiligt nie ein schlechtes Mittel.

 

Auch ich sage euch: Macht euch mit dem ungerechten Reichtum Freunde, damit sie euch, wenn er zu Ende geht, in die ewigen Wohnungen aufnehmen. 10 Wer im Kleinsten treu ist, ist auch treu im Großen, und wer im Kleinsten unredlich ist, ist auch unredlich im Großen. 11 Wenn ihr nun mit dem ungerechten Reichtum nicht treu geschaltet habt, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? 12 Und wenn ihr mit Fremdem nicht treu gewirtschaftet habt, wer wird euch das geben, was euer Eigentum sein soll? 13 Kein Knecht kann zwei Herren dienen; entweder wird er den einen hassen und den andern lieben oder zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. 13: Vgl. Mt 6,24.

 

Zurechtweisung der Pharisäer. 14 Dies alles aber hörten die geizigen Pharisäer und verhöhnten ihn. 15 Da sagte er zu ihnen: Ihr seid die Leute, die sich vor den Menschen als Gerechte ausgeben, Gott aber kennt eure Herzen. Denn was bei den Menschen als erhaben gilt, ist vor Gott ein Greuel. 16 Das Gesetz und die Propheten reichen bis auf Johannes; von da an wird die frohe Botschaft vom Gottesreich verkündet, und alles sucht mit Gewalt hineinzukommen. 17 Leichter aber vergehen Himmel und Erde, als daß vom Gesetz auch nur ein Häkchen wegfalle. 18 Jeder, der seine Frau entläßt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch, und wer eine von ihrem Mann Geschiedene heiratet, begeht Ehebruch. 16-18: Vgl. Mt 11,12-12; 5,18. 32; 19,9. Weil Gott das Band der sakramentalen Ehe knüpft, hat keine Macht auf Erden, weder Kirche noch Staat, das Recht, dieses einmal geknüpfte Band zu lösen und die Wiederverheiratung Geschiedener zu erlauben.

 

Gleichnis vom reichen Prasser und vom armen Lazarus. 19 Es war ein reicher Mann, der sich in Purpur und feine Leinwand kleidete und Tag für Tag herrliche Mahlzeit hielt. 20 Es war aber auch ein Armer namens Lazarus, der ganz mit Geschwüren bedeckt vor dessen Türe lag. 21 Gerne hätte er sich mit den Abfällen von des Reichen Tisch gesättigt [aber niemand gab sie ihm]; sogar die Hunde kamen und beleckten seine Geschwüre. 21: Das ist dem Armen nur eine Erhöhung der Qual und Verlassenheit, aber er ist zu schwach, um die Hunde zu verjagen. 22 Es geschah aber, daß der Arme starb und von den Engeln in den Schoß Abra­hams getragen wurde. Auch der Reiche starb und wurde begraben. 23 Als er in der Hölle inmitten seiner Qualen seine Augen erhob, sah er von ferne Abra­ham und Lazarus in dessen Schoß. 24 Da rief er laut: Vater Abra­ham, erbarme dich meiner und sende den Lazarus, daß er seine Fingerspitze ins Wasser tauche und meine Zunge abkühle, denn ich leide große Pein in dieser Flamme! 25 Abra­ham jedoch erwiderte ihm: Sohn, bedenke, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus hingegen ebenso das Üble, jetzt wird dieser hier getröstet, du hingegen wirst gepeinigt. 26 Zu alledem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, daß die, welche von hier zu euch hinübergehen wollten, es nicht können, und ebenso auch niemand von dort hierher zu uns kommen kann. 27 Er sprach: Dann bitte ich dich, Vater, sende ihn in das Haus meines Vaters, 28 ich habe nämlich noch fünf Brüder; er soll sie warnen, damit sie nicht auch an diesen Ort der Qual kommen. 29 Abra­ham aber entgegnete ihm: Sie haben Moses und die Propheten, auf die sollen sie hören. 30 Jener erwiderte: Doch nicht, Vater Abra­ham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie sich bekehren. 31 Er aber antwortete ihm: Wenn sie auf Moses und die Propheten nicht hören, so werden sie sich auch nichts sagen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

 

Unterweisung der Jünger über das Gottesreich

17 Vom Ärgernis. Er sprach zu seinen Jüngern: Ärgernisse können nicht ausbleiben; wehe aber dem, durch den sie kommen. Es wäre für ihn besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde, als daß er einem dieser Kleinen Ärgernis gibt. 1-2: Vgl. Mt 18,6-9; Mk 9,42.

 

Versöhnlichkeit. 3a Habt acht auf euch! 3b Wenn dein Bruder sich [gegen dich] verfehlt, so verweise es ihm! Bereut er es, so vergib ihm! Sollte er sich siebenmal am Tag gegen dich verfehlen und siebenmal am Tag sich wieder an dich wenden und sagen: Es reut mich, so vergib ihm! 3-4: Vgl. Mt 18,15-22,

 

Kraft des Glaubens. Die Apostel sprachen zum Herrn: Mehre uns den Glauben! Der Herr aber erwiderte: Hättet ihr einen Glauben auch nur so groß wie ein Senfkorn, so könntet ihr zu diesem Maulbeerfeigenbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanze dich ins Meer! — er würde euch gehorchen. 5-6: Vgl. Mt 17,20; 21,21; Mk 11,23.

 

Gleichnis vom Ackerknecht. Wer von euch, der einen Knecht als Ackerer oder Hirten hat, sagt zu ihm, wenn er vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setze dich zu Tisch? Sagt er ihm nicht vielmehr: Bereite mir die Mahlzeit, gürte dich und bediene mich, bis ich gegessen und getrunken habe; hernach magst du essen und trinken? Weiß er etwa jenem Knecht Dank, weil er seine Befehle ausgeführt hat? [Ich meine nicht.] 10 So sollt auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch aufgetragen war, sagen: Wir sind unnütze Knechte, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan. 7-10: In ihrer Lohnsucht glaubten die Pharisäer einen Rechtsanspruch auf besondere göttliche Entgeltung zu besitzen.

 

Heilung der zehn Aussätzigen. 11 Und es begab sich, als er auf Reise nach Jerusalem durch das Grenzgebiet von Samaria und Galiläa zog, kamen ihm, 12 als er ein Dorf betrat, zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben von ferne stehen 13 und riefen mit lauter Stimme: Jesus, Meister, erbarme dich unser! 14 Als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie rein. 15 Einer aber kehrte um, als er sich geheilt sah, und pries Gott mit lauter Stimme. 16 Dann fiel er ihm zu Füßen auf sein Angesicht nieder und dankte ihm. Und das war ein Samariter. 17 Jesus aber fragte: Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind denn die neun anderen? 18 So hat sich also keiner gefunden, der zurückkehrte und Gott die Ehre gäbe, als dieser Fremdling? 19 Dann sprach er zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen. 11-19: Dankbare Menschen sind gute Menschen. Den Undank hat Christus schmerzlich empfunden.

 

Wiederkunft Christi. 20 Auf die Frage der Pharisäer, wann das Reich Gottes komme, antwortete er ihnen: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichem Gepränge (oder: nicht so, daß man ihm zusehen kann). 21 Es wird nicht heißen: Da ist es oder dort. Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. 21: In der Person Christi hat das Reich Gottes still seinen Einzug in die Welt gehalten. Gegen die Sichtbarkeit der Kirche beweist der Satz also nichts. 22 Dann sprach er zu seinen Jüngern: Es werden Tage kommen, da ihr euch danach sehnt, auch nur einen Tag des Menschensohnes zu sehen, aber ihr werdet ihn nicht sehen. 23 Man wird zu euch sagen: Siehe, da ist er! Siehe, dort ist er! Gehet nicht dahin und lauft ihnen nicht nach! 24 Denn gleichwie der Blitz am Himmel aufflammt und von einem Ende bis zum andern unter dem Himmel hin leuchtet, so wird es mit dem Menschensohn sein an seinem Tage. 25 Zuvor aber muß er viel leiden und von diesem Geschlecht verworfen werden. 26 Wie es ging in den Tagen Noes, so wird es auch gehen in den Tagen des Menschensohnes. 27 Die Menschen aßen und tranken, freiten und ließen sich freien bis zu dem Tage, da Noe in die Arche ging. Da kam die Sintflut und vertilgte alle. 28 Es wird ebenso gehen wie in den Tagen Lots: Die Menschen aßen und tranken, kauften und verkauften, pflanzten und bauten; 29 an dem Tage aber, als Lot Sodoma verließ, regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und vertilgte alle. 30 Geradeso wird es zugehen an dem Tage, da der Menschensohn sich offenbart. 31 Wer an jenem Tage auf dem Dache ist und seine Gäste im Hause hat, steige nicht herab, sie zu holen, und wer auf dem Felde ist, kehre gleichfalls nicht zurück. 32 Denkt an Lots Weib! 33 Wer sein Leben zu retten sucht, wird es verlieren, und wer es verliert, wird es erhalten. 34 Ich sage euch: In jener Nacht werden zwei auf einem Lager sein, der eine wird aufgenommen, der andere zurückgelassen werden. 35 Zwei werden zusammen mahlen; die eine wird aufgenommen, die andere zurückgelassen werden. 36 [Zwei werden auf dem Felde sein; der eine wird aufgenommen, der andere zurückgelassen werden.] 37 Sie fragten ihn darauf: Wo, Herr? Er antwortete ihnen: Wo ein Aas ist, da sammeln sich auch die Geier. 22-37: Vgl. Mt 24,23. 26-27, 37-40

 

18 Gleichnis vom gottlosen Richter. Um ihnen zu zeigen, daß man allezeit beten müsse und nicht nachlassen dürfe, trug er ihnen ein Gleichnis vor: In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und nach keinem Menschen etwas fragte. Es war aber in jener Stadt eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Schaffe mir Recht gegen meine Widersacher! Lange Zeit wollte er nicht. Hernach aber sagte er sich: Zwar fürchte ich Gott nicht und frage nach keinem Menschen etwas; weil mir aber diese Witwe lästig fällt, will ich ihr doch zum Recht verhelfen, sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mir ins Gesicht. Der Herr fuhr fort: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Gott aber sollte seinen Auserwählten nicht Recht schaffen, die doch Tag und Nacht zu ihm rufen, und sie lange warten lassen? Ich sage euch: Er wird ihnen ohne Verzug zu ihrem Recht verhelfen. Wird aber wohl der Menschensohn, wenn er kommt, auf Erden den Glauben finden?

 

Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner. Einigen aber, die von sich überzeugt waren, gerecht zu sein, und die andern verachteten, trug er folgendes Gleichnis vor: 10 Zwei Menschen gingen in den Tempel hinauf, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei sich also: Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen, wie die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie der Zöllner da. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich erwerbe. 13 Der Zöllner aber stand weit hinten und getraute sich nicht einmal, seine Augen gen Himmel zu erheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause, ganz anders als jener. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. 9-14: Ein Pharisäer galt ohne weiteres als besonders „fromm“, ein Zöllner war der Inbegriff der Gottlosigkeit. Gott aber sieht ins Herz.

 

In Judäa

 

An der Grenze von Judäa

Jesus, der Kinderfreund. 15 Die Leute brachten auch die kleinen Kinder zu ihm, damit er sie berühre. Als aber die Jünger das sahen, fuhren sie sie hart an. 16 Jesus aber rief sie herbei und sprach: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht! Denn für solche ist das Reich Gottes. 17 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen. 17: Vor Gott müssen auch die Erwachsenen Kinder bleiben. Die „Großen“ sind oft sehr klein in seinen Augen.

 

Der reiche Jüngling. 18 Ein Vornehmer fragte ihn: Guter Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? 19 Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. 20 Du kennst die Gebote: Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht stehlen! Du sollst kein falsches Zeugnis geben! Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren! 21 Jener erwiderte: Das alles habe ich von Jugend auf beobachtet. 22 Da Jesus das hörte, sagte er zu ihm: Eines fehlt dir noch: Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben. Dann komm und folge mir! 22: Der Vollkommene begnügt sich nicht mit dem, was geboten und verboten ist; er strebt in gänzlicher Hingabe nach dem Höchsten. 23 Da er aber das hörte, ward er sehr traurig, denn er war überaus reich. 24 Als Jesus ihn [so traurig] sah, sagte er: Wie schwer ist es für die, welche viel Besitz haben, ins Reich Gottes einzugehen! 25 Denn leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes. 25: Diese sprichwörtliche Redensart bezeichnet eine besonders schwierige oder fast unmögliche Sache. Oft hat der Reiche nicht das Geld, sondern das Geld hat ihn und läßt ihn nicht mehr los. 26 Da fragten die Zuhörer: Wer kann da gerettet werden? 27 Er antwortete: Was bei Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott. 28 Petrus aber sprach: Siehe, wir haben unser Eigentum verlassen und sind dir nachgefolgt. 29 Er sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es gibt keinen, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder um des Reiches Gottes willen verläßt, 30 ohne daß er viel mehr empfängt in dieser Welt und in der künftigen ewiges Leben. 15-30: Vgl. Mt 19,l3-30; Mk 10,13-31.

 

Leidensweissagung. 31 Er nahm die Zwölf beiseite und sprach zu ihnen: Siehe, wir gehen nach Jerusalem hinauf. Nunmehr wird alles in Erfüllung gehen, was durch die Propheten über den Menschensohn geschrieben ist. 32 Er wird nämlich den Heiden übergeben, verspottet, mißhandelt und angespien werden. 33 Man wird ihn geißeln und dann töten, aber am dritten Tage wird er auferstehen. 34 Sie aber verstanden nichts davon; diese Rede blieb ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

 

Von Jericho nach Jerusalem

Heilung des Blinden. 35 Es begab sich aber, als er sich Jericho näherte, saß ein Blinder am Weg und bettelte. 36 Er hörte die Volksmenge vorüberziehen und fragte, was das bedeute. 37 Man sagte ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. 38 Da rief er: Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die Vorausgehenden fuhren ihn an und hießen ihn schweigen. Er aber rief nur noch lauter: Sohn Davids, erbarme dich meiner! 40 Da blieb Jesus stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er herangekommen war, fragte er ihn: 41 Was willst du, daß ich dir tue? Jener sagte: Herr, daß ich wieder sehe! 42 Jesus sagte zu ihm: sei wieder sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43 Sogleich konnte er wieder sehen und folgte ihm nach und pries Gott. Auch alles Volk, das zugesehen hatte, lobte Gott. 35-43: Vgl. Mt 20,29-34; Mk 10,46-52.

 

19 Der Zöllner Zachäus. Er kam dann nach Jericho hinein und ging hindurch. Daselbst war ein Mann namens Zachäus. Dieser war ein Oberzöllner und war reich. Er wollte Jesus in Person sehen; aber es war ihm wegen der Volksmenge nicht möglich, denn er war klein von Gestalt. Er lief deswegen voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort mußte er vorbeikommen. Als Jesus an die Stelle kam, blickte er auf und sprach zu ihm: Zachäus, schnell steig herab! Denn heute muß ich in deinem Hause bleiben. Er stieg schnell herab und nahm ihn mit Freuden auf. Alle, die es sahen, murrten und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt, um Herberge zu nehmen. Zachäus aber trat vor den Herrn hin und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen; und wenn ich jemand übervorteilt habe, so erstatte ich es vierfach. Jesus erwiderte ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, weil auch er ein Sohn Abra­hams ist. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren war. 1-10. Auch dieses Zeugnis der Sünderliebe Jesu hat nur Lukas überliefert. Die große Masse will Jesus sehen aus Sensationslust, den Zöllner aber treibt wahre Heilsbegierde. Soll Jesus bei uns Einkehr halten, so dürfen wir nicht mit der Masse laufen.

 

Gleichnis von den anvertrauten Pfunden. 11 Vor jenen Zuhörern fügte er auch ein Gleichnis an, weil er nahe bei Jerusalem war, und sie meinten, jetzt müsse gleich das Reich Gottes erscheinen. 12 Er sagte also: Ein vornehmer Mann zog in ein fernes Land, um die Königswürde zu erlangen und dann zurückzukehren. 13 Er rief zehn von seinen Knechten zu sich, gab ihnen zehn Minen und sagte zu ihnen: Treibt Handel damit, bis ich komme! 14 Seine Mitbürger aber haßten ihn, sie schickten ihm eine Gesandtschaft nach, die erklären sollte: Wir wollen nicht, daß dieser über uns König sei. 15 Und es geschah, als er im Besitze der Königskrone zurückkam, ließ er die Knechte rufen, denen er das Geld gegeben hatte, um zu erfahren, was jeder durch seinen Handel gewonnen habe. 16 Der erste erschien und sagte: Herr, deine Mine hat zehn Minen dazu eingebracht. 17 Er sprach zu ihm: Recht so, du guter Knecht! Weil du im Geringsten treu gewesen bist, sollst du Herrscher über zehn Städte sein. 18 Der zweite kam und sagte: Herr, deine Mine hat fünf Minen getragen. 19 Diesem sagte er: Auch du sollst über fünf Städte gesetzt sein. 20 Da kam der dritte und sagte: Herr, hier hast du deine Mine, ich habe sie im Schweißtuch aufgehoben, 21 denn ich fürchtete mich vor dir, weil du ein strenger Mann bist. Du nimmst, was du nicht angelegt, und erntest, was du nicht gesät hast. 22 Er entgegnete ihm: Aus deinem eigenen Munde will ich dir das Urteil sprechen, du nichtsnutziger Knecht. Du wußtest, daß ich ein strenger Mann bin und nehme, was ich nicht angelegt, und ernte, was ich nicht gesät habe. 23 Warum hast du mein Geld nicht auf die Bank gegeben, daß ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen wieder hätte erheben können? 23: Jede Gottesgabe stellt uns vor eine Aufgabe; sie zu vernachlässigen, ist Sünde. 24 Dann sagte er zu den Umstehenden: Nehmt ihm die Mine und gebt sie dem, der die zehn Minen hat! 25 Sie entgegneten ihm: Herr, er hat ja schon zehn Minen. 26 Ich sage euch: Jedem, der etwas hat, wird noch gegeben werden [und er wird Überfluß haben]; dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen, was er hat. 27 Meine Feinde aber, die mich nicht zum König über sich haben wollten, bringt hierher und macht sie vor mir nieder. 11-27: Ob das Gleichnis von den Pfunden oder Minen nur eine andere Wiedergabe des Gleichnisses von den Talenten (Mt 25,14-30) ist, ist umstritten. Trotz einiger Ähnlichkeiten ist die Verschiedenheit sehr groß. Der Wert einer Mine betrug etwa 80 Mark.

 

Einzug in Jerusalem. 28 Nach diesen Worten schritt Jesus voran, hinauf nach Jerusalem. Und es begab sich, 29 als er in die Nähe von Bethphage und Bethanien am Ölberg kam, sandte er zwei seiner Jünger ab 30 mit dem Auftrag: Geht in das Dorf, das vor euch liegt. Wenn ihr hineinkommt, werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch niemand gesessen hat. Bindet es los und führet es her! 31 Wenn jemand euch fragt: Warum bindet ihr es los? sollt ihr antworten: Der Herr braucht es. 32 Die Abgesandten gingen hin und fanden es, wie er ihnen gesagt hatte. 33 Als sie das Füllen losbanden, sagten seine Eigentümer zu ihnen: Was bindet ihr das Füllen los? 34 Sie antworteten: Der Herr braucht es. 35 Sie führten es nun zu Jesus, legten ihre Kleider auf das Füllen und ließen Jesus aufsitzen. 36 Während er dahinzog, breiteten sie ihre Kleider auf dem Wege aus. 37 Als er sich schon dem Abstieg des Ölbergs näherte, begann die ganze Jüngerschar voll Freude mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Wundertaten, die sie gesehen hatten. 38 Sie riefen: Hochgelobt sei der König, der da kommt im Namen des Herrn! Friede im Himmel und Ehre in der Höhe! 39 Einige Pharisäer, die unter der Volksmenge waren, sprachen zu ihm: Meister, verweise es deinen Jüngern! 40 Er entgegnete ihnen: Ich sage euch, wenn diese schweigen, werden die Steine rufen. 28-40: Mt 21,1-9; Mk 11,1-10; Jo 12,12-19

 

Jesu Klage über Jerusalem. 41 Als er der Stadt näher gekommen war und sie vor sich sah, weinte er über sie 42 und sprach: Wenn doch auch du an diesem deinem Tage erkannt hättest, was dir zum Heile dient! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen. 43 Es werden nämlich Tage über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall gegen dich aufwerfen, dich einschließen und von allen Seiten bedrängen. 44 Sie werden dich und deine Kinder, die in dir wohnen, zu Boden schmettern und keinen Stein in dir auf dem andern lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast. 41-44: Nur bei Lukas lesen wir diesen erschütternden Klageruf des Herrn. Der Grundakkord des Evangeliums klingt wuchtig darin wider. Jedes Volk und jeder Mensch hat solche Stunden der Entscheidung.

 

Tempelreinigung. 45 Dann ging er in den Tempel und trieb die Verkäufer [und Käufer] hinaus mit den Worten: 46 Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus sein. Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht. 47 Er lehrte dann täglich im Tempel. Die Oberpriester aber und die Schriftgelehrten sowie die Führer des Volkes suchten ihn ums Leben zu bringen, 48 wußten aber nicht, was sie machen sollten; denn das ganze Volk war gespannt, ihn zu hören. 45-48: Vgl. Mt 21,12-13; Mk 11,15-17; Jo 2,13-16.

 

Streitreden Jesu im Tempel

20 Die Frage nach Jesu Vollmacht. Und es geschah an einem der Tage, als er das Volk im Tempel lehrte und die frohe Botschaft verkündete, traten die Oberpriester und Schriftgelehrten mit den Ältesten an ihn heran und legten ihm die Frage vor: Sag uns, welche Vollmacht du hast, dies zu tun, oder wer ist es, der dir diese Vollmacht verlieh? Jesus gab ihnen zur Antwort: Auch ich möchte euch eine Frage vorlegen, beantwortet sie mir! Stammte die Taufe des Johannes vom Himmel oder von Menschen? Sie dachten nun bei sich: Sagen wir „vom Himmel“, so wird er uns entgegnen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? Sagen wir aber „von Menschen“, so wird das ganze Volk uns steinigen; denn es ist überzeugt, daß Johannes ein Prophet war. Sie antworteten daher, sie wüßten nicht, woher sie stamme. 7: Auf eine Lüge kommt es ihnen nicht an, weil ihnen das Geständnis der Wahrheit unbequem ist. Darauf erwiderte Jesus: Dann sag ich euch auch nicht, mit welcher Vollmacht ich dies tue. 1-8: Vgl. Mt 21, 23-77: Mk 11,27-33.

 

Gleichnis von den Winzern. Er trug aber dem Volke folgendes Gleichnis vor: Ein Mann pflanzte einen Weinberg und verpachtete ihn an Winzer. Dann verreiste er auf lange Zeit außer Landes. 10 Als es Zeit war, ließ er durch einen Knecht die Winzer auffordern, ihm seinen Teil vom Ertrag des Weinbergs abzuliefern. Doch die Winzer schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. 11 Er schickte noch einen zweiten Knecht. Auch ihn schlugen sie, beschimpften ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. 12 Er schickte noch einen dritten: Diesen verwundeten sie sogar und stießen ihn hinaus. 13 Da sprach der Eigentümer des Weinbergs: Was soll ich tun? Ich will meinen geliebten Sohn schicken; vor ihm werden sie doch wohl Achtung haben. 14 Als aber die Winzer ihn erblickten, berieten sie miteinander und sagten: Das ist der Erbe; wir wollen ihn umbringen; dann ist das Erbe unser. 14: Vielleicht lautete der Pachtvertrag entsprechend für den Todesfall des einzigen Erben. 15 Und sie stießen ihn aus dem Weinberg hinaus und töteten ihn. Was wird nun der Eigentümer des Weinbergs ihnen antun? 16 Er wird kommen, die Winzer umbringen lassen und den Weinberg andern geben. Als sie das hörten, entgegneten sie: Das sei ferne! 17 Er aber blickte sie an und sprach: Was bedeutet denn die Stelle der Schrift: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist der Eckstein geworden? 18 Jeder, der auf jenen Stein fällt, wird zerschmettert werden; auf wen er aber fällt, den wird er zermalmen? 19 Die Oberpriester und Schriftgelehrten suchten noch in der gleichen Stunde Hand an ihn zu legen; doch fürchteten sie sich vor dem Volk. Sie hatten nämlich gemerkt, daß er mit diesem Gleichnis sie gemeint hatte. 9-19: Vgl. Mt 21,33-46; Mk 12,1-12.

 

Die Steuerfrage. 20 So beobachteten sie ihn denn scharf und sandten Aufpasser aus, welche sich den Anschein rechtschaffener Leute geben sollten, um ihn in einer Rede zu fangen. Dann wollten sie ihn der Obrigkeit und der Gewalt des Landpflegers ausliefern. 20: Diese Methode findet immer noch Anwendung. 21 So fragten sie ihn denn: Meister, wir wissen, daß du recht redest und lehrst und nicht auf die Person schaust, sondern den Weg Gottes nach der Wahrheit lehrst. 22 Ist es uns erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen oder nicht? 23 Er durchschaute aber ihre Bosheit und entgegnete ihnen: [Was versucht ihr mich?] 24 Zeigt mir einen Denar! Wessen Bild und Aufschrift trägt er? Sie antworteten ihm: Des Kaisers. 25 Da sprach er zu ihnen: Gebt also dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. 24-25 Indem sie kaiserliches Geld annehmen, erkennen sie die Oberhoheit des Kaisers an, müssen also auch Steuern zahlen. 26 Und sie waren nicht imstande, ihn vor dem Volke bei einem Wort zu fassen, und voll Verwunderung über seine Antwort schwiegen sie.

 

Über die Auferstehung. 27 Dann kamen einige Sadduzäer, welche die Auferstehung leugnen. Sie fragten ihn: 28 Meister, Moses hat uns vorgeschrieben: Wenn jemandes Bruder kinderlos stirbt und eine Witwe hinterläßt, so soll sein Bruder die Frau heiraten und das Geschlecht seines Bruders fortpflanzen. 29 Nun waren einmal sieben Brüder. Der erste nahm eine Frau und starb kinderlos. 30 Nun heiratete sie der zweite [auch er starb kinderlos]; 31 dann nahm sie der dritte und so alle sieben. Sie starben aber, ohne Nachkommen zu hinterlassen. 32 Zuletzt von allen starb auch die Frau. 33 Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Haben ja doch alle sieben sie zur Frau gehabt. 34 Jesus erwiderte ihnen: Die Kinder dieser Welt heiraten und lassen sich heiraten. 35 Diejenigen aber, die jener Welt und der Auferstehung von den Toten für würdig erachtet werden, heiraten nicht, noch lassen sie sich heiraten. 36 Denn sie können auch nicht mehr sterben; sie sind den Engeln gleich und Kinder Gottes, da sie Kinder der Auferstehung sind. 37 Daß aber die Toten auferstehen, hat auch Moses angedeutet an der Stelle vom Dornbusch, wo er den Herrn „den Gott Abra­hams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs“ nennt. 38 Er ist aber nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Denn ihm leben alle. 39 Einige von den Schriftgelehrten sagten hierauf zu ihm: Meister, du hast gut gesprochen. 40 Von jetzt an wagten sie nicht mehr, ihn über etwas zu fragen. 20-40: Vgl. Mt 22,15-33, Mk 12,13-27.

 

Christus, der Gottessohn. 41 Er aber sprach zu ihnen: Wie kann man sagen, der Messias sei Davids Sohn? 42 Sagt doch David selbst im Buch der Psalmen: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, 43 bis ich deine Feinde dir als Schemel unter die Füße lege. 44 David nennt ihn also „Herr“ Wie ist er dann sein Sohn? 41-44: Vgl. Mt 22,41-46; Mk 12,35-37. Jesus will nicht etwa „arische“ Abstammung beanspruchen, sondern dartun, daß er als Mensch zwar leiblicher Nachkomme Davids, aber als Person der Sohn Gottes sei.

 

Warnung vor den Schriftgelehrten. 45 Während das ganze Volk zuhörte, sprach er zu seinen Jüngern: 46 Hütet euch vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern einher, lieben es, auf Marktplätzen gegrüßt zu werden und in den Synagogen die ersten Sitze und bei den Gastmählern die ersten Plätze einzunehmen. 47 Sie verzehren die Häuser der Witwen und sagen zum Schein lange Gebete her. Sie werden ein sehr strenges Gericht zu gewärtigen haben. 45-47: Vgl. Mt 23; Mk 12,38-40.

 

21 Das Scherflein der Witwe. Als er aufblickte sah er, wie reiche Leute ihre Gaben in die Schatzkammer einlegten. Er sah aber auch eine arme Witwe dort zwei Heller einlegen. Da sagte er: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr als alle eingelegt. Denn all diese haben von ihrem Überfluß zu den Gaben Gottes hineingelegt, diese aber hat von ihrer geringen Habe alles, was sie zum Lebensunterhalt brauchte, eingelegt. 1-4: Vgl. die Erklärung zu Mk 12,41-44.

 

Vom Untergang Jerusalems und der Welt

Allgemeine Vorzeichen. Als einige vom Tempel sagten, er sei mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt, sprach er: Es werden Tage kommen, da von dem, was ihr da seht, kein Stein auf dem andern gelassen wird; alles wird zerstört werden. Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen, und an welchem Zeichen wird man den Beginn dieser Ereignisse erkennen? Er sprach: Sehet zu, daß ihr euch nicht irreführen lasset! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es, und: Die Zeit ist gekommen. Lauft ihnen nicht nach! Wenn ihr aber von Kämpfen und Aufständen hört, laßt euch nicht schrecken! Denn das muß zuvor kommen, aber das Ende ist noch nicht gleich da. 10 Alsdann sprach er zu ihnen: Es wird sich Volk gegen Volk und Reich gegen Reich erheben, 11 starke Erdbeben wird es mancherorts geben, Pest, Hungersnot, Schrecknisse am Himmel und gewaltige Zeichen. 12 Aber bevor all dies geschieht, wird man Hand an euch legen, euch verfolgen, den Synagogen und Gefängnissen übergeben, vor Könige und Statthalter schleppen um meines Namens willen. 13 Der Ausgang aber wird für euch ein Ruhmeszeugnis sein. 14 Nehmt es euch also zu Herzen und denkt nicht zuvor darüber nach, wie ihr euch verantworten sollt. 15 Denn ich werde euch Beredsamkeit und Weisheit verleihen, der alle eure Gegner nicht zu widerstehen und zu widersprechen vermögen. 16 Ihr werdet sogar von Eltern, Brüdern, Verwandten und Freunden ausgeliefert werden, und manche aus euch wird man ums Leben bringen; 17 ihr werdet von allen gehaßt sein um meines Namens willen; 18 aber kein Haar soll von eurem Haupt verlorengehen. 19 Durch euer standhaftes Ausharren werdet ihr eure Seelen gewinnen.

 

Untergang Jerusalems. 20 Wenn ihr aber Jerusalem von Heeren umlagert seht, dann wisset, daß seine Verwüstung nahe ist. 21 Dann sollen die, welche in Judäa sind, ins Gebirge fliehen, die in der Stadt sind, sollen wegziehen, und die auf dem Land sind, nicht in die Stadt ziehen. 21: Die Christen Jerusalems zogen vor der Belagerung nach Pella im Ostjordanland. 22 Denn das sind Tage der Rache, an denen sich alles erfüllt, was geschrieben steht. 23 Wehe aber den hoffenden und stillenden Frauen in jenen Tagen! Denn es wird eine große Drangsal im Lande herrschen und ein Zorngericht dieses Volk treffen. 24 Sie werden unter dem scharfen Schwert fallen und als Gefangene unter alle Völker verschleppt werden, und Jerusalem wird von den Heiden zertreten werden, bis die Zeiten der Heiden abgelaufen sind. 24: Die Zeiten der Heiden laufen ab, wenn der Weltenrichter naht.

 

Untergang der Welt. 25 Es werden Zeichen erscheinen an Sonne, Mond und Sternen; auf der Erde wird unter den Völkern Angst und Hilflosigkeit herrschen wegen des Brausens des Meeres und der Brandung. 26 Die Menschen werden vergehen aus Furcht in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen werden. Denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. 27 Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit. 28 Wenn das aber im Anzug ist, dann richtet euch auf und erhebet eure Häupter, denn eure Erlösung naht. 29 Er trug ihnen ein Gleichnis vor: Seht den Feigenbaum und alle anderen Bäume! 30 Wenn sie zu treiben beginnen, wißt ihr von selbst, sobald ihr es seht, daß der Sommer nahe ist. 31 So sollt ihr auch, wenn ihr diese Ereignisse eintreten sehet, erkennen, daß das Reich Gottes nahe ist. 32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht soll nicht vergehen, bis all das geschieht. 33 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.

 

Vorsicht und Ausdauer. 34 Nehmt euch in acht, daß eure Herzen nicht durch Völlerei, Trunkenheit und Sorgen um den Lebensunterhalt beschwert werden und jener Tag nicht unvermutet über euch hereinbreche 35 wie eine Schlinge; denn er wird über alle kommen, die auf der ganzen Erde wohnen. 36 Wachet daher allezeit und betet, damit ihr imstande seid, all dem, was bevorsteht, zu entgehen und vor den Menschensohn zu treten. 34-36: Christen müssen ihr Sinnen und Trachten auf das Jenseits einstellen. 5-36: Vgl. Mt 24-25; Mk 13. 37 Bei Tag lehrte er im Tempel, bei Nacht aber ging er hinaus und hielt sich auf dem Berg auf, der Ölberg heißt. 38 In der Frühe kam alles Volk zu ihm in den Tempel, ihn zu hören.

 

Leiden und Sterben Jesu

 

Verrat und Abendmahl

22 Verrat des Judas. Das Fest der ungesäuerten Brote, Ostern genannt, war nahe. Die Oberpriester und Schriftgelehrten sannen darauf, wie sie ihn töten könnten; sie fürchteten jedoch das Volk. 1-2: Vgl. Mt 26,1-5, Mk 14,1-2 In Judas aber, der Iskariot genannt wurde, einen von den Zwölfen, fuhr der Satan. Er ging hin und besprach sich mit den Oberpriestern und Befehlshabern, wie er ihnen Jesus ausliefern könnte. Sie freuten sich und kamen mit ihm überein, ihm Geld zu geben. Er sagte zu und wartete auf eine günstige Gelegenheit, ihn ohne Aufsehen beim Volk an sie auszuliefern. 3-6: Vgl.. Mt 6,14-16; Mk 14,10-11; Jo 13,2. 27. Judas hat die Feinde Jesu aus großer Verlegenheit befreit. Trotzdem bieten sie ihm nur einen Schacherlohn an.

 

Abendmahlsfeier. Es kam aber der Tag der ungesäuerten Brote, an dem man das Osterlamm schlachten mußte. Er sandte deswegen den Petrus und Johannes fort mit dem Auftrag: Geht und richtet uns das Osterlamm zum Genuß her! Sie fragten: Wo sollen wir es bereiten? 10 Er sagte zu ihnen: Seht, wenn ihr in die Stadt hineinkommt, wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt; folgt ihm in das Haus, in das er hineingeht, 11 und sagt dem Hausherrn: Der Meister läßt dich fragen: Wo ist das Gemach, in dem ich mit meinen Jüngern das Osterlamm essen kann? 12 Er wird euch ein großes, mit Polstern ausgestattetes Obergemach zeigen; dort bereitet es zu! 13 Sie gingen hin und fanden es, wie er es ihnen gesagt hatte, dann bereiteten sie das Ostermahl.

 

14 Als die Stunde da war, setzte er sich mit den zwölf Aposteln zu Tische. 15 Dann sprach er zu ihnen: Gar sehnlich habe ich danach verlangt, dieses Ostermahl mit euch zu essen, bevor ich leide. 16 Denn ich sage euch: Ich werde es von jetzt an nicht mehr essen, bis es seine Erfüllung erhält im Reiche Gottes. 17 Da nahm er einen Kelch, dankte und sprach: Nehmet ihn und teilet ihn unter euch! 18 Denn ich sage euch: Ich werde vom Gewächs des Weinstocks von nun an nicht mehr trinken, bis das Reich Gottes kommt. 16-18: Das Ostermahl erhält seine vollkommene Erfüllung erst in den Freuden des Himmels. 19 Alsdann nahm er Brot, dankte, brach es, gab es ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! 20 Ebenso nahm er nach dem Mahle den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blute, das für euch vergossen wird. 19-20: Die Einsetzungsworte im Lukasevangelium stimmen am meisten mit denen überein, die der hl. Paulus überliefert hat. 21 Doch seht, die Hand meines Verräters ist mit mir auf dem Tisch. 22 Der Menschensohn geht zwar hin, wie es bestimmt ist. Indes wehe dem Menschen, durch den er verraten wird. 23 Da fingen sie an, einander zu fragen, wer von ihnen so etwas tun würde.

 

Streit der Jünger. 24 Es entstand auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen wohl der größte sei. 25 Er aber sprach zu ihnen: Die Könige der Völker herrschen über sie, und ihre Gewalthaber lassen sich „gnädige Herren“ nennen. 26 Bei euch darf es nicht so sein, sondern der Größte unter euch sei wie der Geringste und der Vorsteher wie der Diener. 27 Denn wer ist größer, der zu Tisch sitzt oder der bedient? Doch der, welcher zu Tisch sitzt! Ich aber bin unter euch wie der Diener. 28 Ihr aber habt mit mir in meinen Anfechtungen ausgeharrt; 29 so vermache ich euch denn das Reich, wie mein Vater es mir vermacht hat. 30 Ihr sollt in meinem Reiche an meinem Tische essen und trinken und auf Thronen sitzen, die zwölf Stämme Israels zu richten. 7-30: Vgl. Mt 26,17-29; Mk 14,12-29; Jo 13,1-35; 1 Kor 11,23-26.

 

Voraussage der Verleugnung Petri. 31 [Der Herr sprach]: Simon, Simon, siehe, der Satan hat verlangt, euch sieben zu dürfen wie den Weizen. 32 Ich aber habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht schwinde; und wenn du dich dereinst zurückgefunden hast, so stärke deine Brüder! 33 Der aber erwiderte ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir in Kerker und Tod zu gehen. 34 Doch er entgegnete ihm: Ich sage dir, Petrus, der Hahn wird heute nicht krähen, bis du dreimal geleugnet hast, mich zu kennen. 35 Er sagte ihnen auch: Als ich euch ohne Geldbeutel, ohne Tasche und Schuhe aussandte, hat euch da irgend etwas gemangelt? Sie antworteten: Nichts. 36 Da sprach er zu ihnen: Nun aber soll, wer einen Beutel hat, ihn an sich nehmen, ebenso, wer eine Tasche hat, und wer kein Schwert hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich dafür eines kaufen. 37 Denn ich sage euch: An mir muß noch in Erfüllung gehen, was geschrieben steht: Er ist unter die Übeltäter gerechnet worden. Es geht ja mit mir zu Ende. 38 Sie sagten zu ihm: Herr, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte ihnen: Genug jetzt! 31-38: Vgl. Mt 26,31-35; Mk 14,27-31; Jo 13,36-38. Nicht aus sich, sondern nur durch besondere Gnade vermag Petrus seinen Führerposten zu bekleiden.

 

Am Ölberg

Todesangst Jesu. 39 Darauf ging er hinaus und begab sich nach seiner Gewohnheit an den Ölberg. Die Jünger folgten ihm. 40 Als er an den Ort kam, sprach er zu ihnen: Betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet! 41 Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Steinwurf weit und betete auf den Knien: 42 Vater, wenn du willst, laß diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! 43 Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. 44 Als ihn Todeskampf befiel, betete er noch inständiger, und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde rannen. 43-44: Dem Arzt Lukas, der allein die Stärkung durch den Engel und den Blutschweiß erwähnt, sind wir für diese Mitteilung dankbar. Nicht aus Angst hat der Herr Blut geschwitzt, weil die Angst das Blut stocken läßt, sondern wegen der Heftigkeit des Kampfes seiner menschlichen Natur gegen das Todesleiden. 45 Er erhob sich nun vom Gebet und ging zu seinen Jüngern; er fand sie vor Traurigkeit schlafend. 46 Da sprach er zu ihnen: Warum schlafet ihr? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet!

 

Gefangennahme Jesu. 47 Noch redete er; da kam eine Rotte. Einer von den Zwölfen, Judas mit Namen, ging ihnen voraus; er trat zu Jesus hin, ihn zu küssen. 48 Jesus aber sprach zu ihm: Judas, mit einem Kusse verrätst du den Menschensohn? 49 Als seine Begleiter sahen, was kommen würde, sagten sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? 50 Einer von ihnen schlug wirklich nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab. 51 Jesus sagte darauf: Laßt das! Nicht weiter! Dann berührte er das Ohr und heilte ihn. 52 Zu den Oberpriestern aber und den Befehlshabern der Tempelwache und den Ältesten, die gegen ihn angerückt waren, sprach Jesus: Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit Schwertern und Prügeln. 52: Die Vorsteher der 24 Priesterklassen sowie die obersten Tempelbeamten aus der priesterlichen Aristokratie werden meist „Hohepriester“ genannt. Um sie von den eigentlichen Trägern dieses Titels, dem jeweiligen Inhaber des höchsten Amtes in Israel und von seinen noch lebenden Vorgängern zu unterscheiden, würden jene besser als „Oberpriester“ bezeichnet. 53 Als ich Tag für Tag bei euch im Tempel war, habt ihr nicht Hand an mich gelegt. Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis. 39-53: Vgl. Mt 26,30. 36-56; Mk 14. 26. 32-57; Jo 18,1-11.

 

Jesus vor dem Hohen Rate

Verleugnung des Petrus. 54 Sie führten ihn gefangen weg und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters; Petrus aber folgte von ferne. 55 Die Leute hatten mitten im Hof ein Feuer angezündet und sich dazu gesetzt; auch Petrus setzte sich mitten unter sie. 56 Da sah ihn eine Magd im Lichtschein sitzen, faßte ihn ins Auge und sagte dann: Der war auch bei ihm. 57 Er aber leugnete es, indem er sagte: Weib, ich kenne ihn nicht. 58 Ein wenig später erblickte ihn ein anderer und sagte: Auch du gehörst zu ihnen! Petrus entgegnete: Nein, Mensch. 59 Nach etwa einer Stunde versicherte ein anderer ganz bestimmt: Wahrlich, der war auch bei ihm, er ist ja ein Galiläer. 60 Petrus entgegnete: Mensch, ich weiß nicht, was du da sagen willst. Noch redete er, da krähte auch schon der Hahn. 61 Da wandte der Herr sich um und sah Petrus an. Jetzt erinnerte sich Petrus der Worte des Herrn, wie er ihm gesagt hatte: Bevor der Hahn heute kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62 Und er ging hinaus und weinte bitterlich. 63 Die Männer, die Jesus bewachten, verspotteten und mißhandelten ihn; 64 sie verhüllten sein Gesicht, [schlugen ihn] und fragten: Weissage! Wer ist's, der dich geschlagen hat? 65 Noch viele andere Schmähungen stießen sie gegen ihn aus. 54-65: Vgl. Mt 26,57-58; 67-75; Mk 14,53-54. 65-72; Jo 18,15-18. 25-27.

 

Gerichtssitzung des Synedriums. 66 Als es Tag geworden war, versammelten sich die Ältesten des Volkes, die Oberpriester und Schriftgelehrten, ließen ihn in ihren Sitzungssaal führen 67 und sprachen: Bist du der Messias, so sage es uns! Er entgegnete ihnen: Wenn ich es euch sage, so glaubt ihr mir nicht, 68 und wenn ich euch frage, so antwortet ihr mir nicht [und laßt mich nicht frei]. 69 Aber von nun an wird der Menschensohn zur Rechten des allmächtigen Gottes sitzen. 70 Da sprachen alle: Du bist also der Sohn Gottes? Er antwortete: Ihr sagt es; ich bin es. 71 Da sprachen sie: Was brauchen wir noch ein Zeugnis? Wir haben es ja selbst aus seinem eigenen Mund gehört. 66-71: vgl. Mt 26,59-66; 27,1; Mk 14,55-64; 15,1; Jo 18,24. In majestätischer Ruhe und Würde steht der Angeklagte vor seinen ungerechten Richtern.

 

Jesus vor Pilatus und Herodes

23 Verhandlung vor Pilatus. Die ganze Versammlung erhob sich nun, und sie führten ihn zu Pilatus. Sie begannen mit folgender Anklage gegen ihn: Wir haben gefunden, daß dieser unser Volk aufwiegelt; er verbietet, dem Kaiser Steuer zu zahlen, und sagt, er sei der Messiaskönig. Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete: Ja, ich bin es. Pilatus erklärte den Oberpriestern und Volksscharen: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen. Sie aber riefen ihm noch ungestümer zu: Durch seine Lehre bringt er das ganze Judenland in Aufruhr, angefangen von Galiläa bis hierher. Als Pilatus dies hörte, fragte er, ob der Mann aus Galiläa sei. Als er vernahm, daß er zum Machtgebiete des Herodes gehöre, schickte er ihn zu Herodes, der in jenen Tagen gleichfalls in Jerusalem war. 7: So glaubte Pilatus, sich aus der Sache ziehen zu können, die ihm lästig und heikel war. 1-7: vgl. Mt 27,2. 11-14; Mk 15, 1-5; Jo 18,28-38.7

 

Jesus vor Herodes. Herodes freute sich sehr, als er Jesus sah, denn schon lange hatte er gewünscht, ihn zu sehen, weil er viel über ihn gehört hatte, und er hoffte, eine Wundertat von ihm zu sehen. So stellte er denn viele Fragen an ihn; Jesus aber gab ihm keine Antwort. 10 Unterdessen standen die Oberpriester und Schriftgelehrten da und klagten ihn heftig an. 11 Da verachtete ihn Herodes mit seinem Gefolge, verspottete ihn, ließ ihm ein Prunkkleid anziehen und schickte ihn zu Pilatus zurück. 12 An eben diesem Tage wurden Herodes und Pilatus miteinander befreundet, während sie vorher sich feind gewesen waren. 8-12: Herodes hatte einen Palast in Jerusalem. Jesus tut diesem Ehebrecher nicht die Ehre an, ein Wort zu erwidern, obschon er sich so hätte die Freiheit erwirken können.

 

Jesus wieder vor Pilatus. 13 Pilatus ließ nun die Oberpriester, die Ratsmitglieder und das Volk zusammenkommen 14 und sagte zu ihnen: Ihr habt diesen Mann da zu mir gebracht, weil er das Volk aufwiegle; ich habe ihn in eurer Gegenwart verhört, habe aber keine der Anklagen, die ihr wider diesen Mann vorbringt, für begründet gefunden. 15 Aber auch Herodes nicht; denn er hat ihn zu uns zurückgeschickt. Wahrlich, er hat nichts getan, was den Tod verdiente. 16 Ich werde ihn also züchtigen lassen und dann freigeben.

 

Jesus und Barabbas. 17 Auf den Festtag mußte er ihnen einen Gefangenen freilassen. 18 Da schrie der ganze Haufe zusammen: Hinweg mit diesem! Gib uns den Barabbas frei! 19 Dieser war wegen eines Aufruhrs in der Stadt und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden. 19: Wenn es sich um einen politischen Aufruhr gehandelt hat, galt Barabbas als Patriot, und das Vorgehen des Pilatus war höchst ungeschickt. 20 Abermals redete ihnen Pilatus zu, da er Jesus freigeben wollte. 21 Doch sie schrien: Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm! 22 Zum dritten Male sagte er zu ihnen: Was hat er denn Böses getan? Ich habe keine Todesschuld an ihm gefunden; ich will ihn also züchtigen lassen und dann freigeben. 23 Sie aber setzten ihm mit lautem Geschrei zu und forderten seine Kreuzigung; ihr Geschrei drang auch durch. 24 Pilatus entschied, daß ihrem Verlangen willfahren werde. 25 Er ließ also den frei, der wegen Aufruhrs und Mordes im Kerker lag und den sie verlangten. Jesus aber gab er ihrem Willen preis. 13-25: Vgl. Mt 27,15-26; Mk 15,6-15; Jo 18,39-19,16.

 

Golgotha

Auf dem Kreuzweg. 26 Als sie ihn dann abführten, hielten sie einen gewissen Simon von Cyrene an, der gerade vom Felde kam, und luden ihm das Kreuz auf, damit er es Jesus nachtrage. 27 Eine große Menge Volkes folgte ihm, auch Frauen, die über ihn weinten und klagten. 28 Jesus wandte sich zu ihnen um und sprach: Ihr Töchter Jerusalems, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder! 29 Denn seht, es kommen Tage, da man sagen wird: Selig die Unfruchtbaren und die Frauen, die nicht Mutter wurden und deren Brust nicht nährte. 30 Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallet über uns! Und zu den Hügeln: Bedecket uns! 31 Denn wenn man das am grünen Holz tut, was wird dann mit dem dürren geschehen? 32 Mit ihm wurden aber auch noch zwei Missetäter zur Hinrichtung geführt. 26-32: Vgl. Mt 27,31-32; Mk 15,20-21, Jo 19; Jo 16-17. Die Begegnung mit den weinenden Frauen erzählt nur Lukas. Ihnen hält der Herr seine letzte Predigt. Das lebensfrische Holz ist der unschuldige Erlöser, das dürre sind die des Gnadenlebens beraubten Juden.

 

Kreuzigung. 33 Als man an den Ort gelangte, der „Schädel“ heißt, kreuzigte man ihn dort und die Verbrecher, den einen zu seiner Rechten, den andern zu seiner Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Sie verteilten dann seine Kleider, indem sie das Los warfen. 35 Das Volk stand da und schaute zu. Die Ratsmitglieder aber verspotteten ihn: Andern hat er geholfen, er mag sich selbst helfen, wenn er der Gesalbte Gottes, der Auserwählte, ist. 36 Auch die Soldaten verhöhnten ihn. Sie traten hinzu und boten ihm Essig an 37 mit den Worten: Wenn du der König der Juden bist, so hilf dir selbst! 38 Über ihm war eine Inschrift angebracht [in griechischer, lateinischer und hebräischer Sprache]: Das ist der König der Juden. 39 Einer von den gehenkten Verbrechern lästerte ihn: Bist du nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und uns! 40 Der andere aber wies ihn zurecht mit den Worten: Fürchtest auch du Gott nicht, da du doch die gleiche Strafe erleidest? 41 Wir freilich leiden mit Recht; denn wir empfangen die gerechte Strafe für unsere Taten; dieser aber hat nichts Böses getan. 42 Dann sprach er: Jesus gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst! 43 Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein. 33-43: Vgl. Mt 27,33-49; Mk 15,22-36; Jo 19,18-30. Das Gebet Jesu für seine Todfeinde (V. 34) und das Gnadenwort an den reuigen Schächer gehören zum Sondergut des Lukasevangeliums.

 

Tod Jesu. 44 Es war bereits etwa um die sechste Stunde, da brach eine Finsternis über das ganze Land herein, die bis zur neunten Stunde dauerte, 45 weil die Sonne ihren Schein verlor. Der Vorhang des Tempels riß mitten entzwei. 46 Da rief Jesus mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Nach diesen Worten verschied er. 47 Als aber der Hauptmann sah, was geschehen war, pries er Gott und sprach: Wahrlich, dieser Mensch war gerecht. 48 Und all die Volksscharen, die zu diesem Schauspiel zusammengekommen waren und die Ereignisse sahen, schlugen an ihre Brust und kehrten heim. 49 Alle seine Bekannten aber, auch die Frauen, die ihm von Galiläa her gefolgt waren, standen von ferne, um zu sehen, was vorging. 49: Es ist also falsch, zu behaupten, von den Jüngern Jesu sei nur Johannes dem Meister nach Golgotha gefolgt. Gerade Lukas, der soviel Rühmendes von den Frauen im Gefolge des Herrn zu sagen weiß, nennt hier die Männer zuerst. 44-49: Vgl. Mt 27,50-56; Mk 15,37-41; Jo 19,30.

 

Begräbnis Jesu. 50 Und siehe, ein Mann namens Joseph, ein Mitglied des Hohen Rates, ein guter und gerechter Mann, 51 von Arimathäa, einer Stadt Judäas, der selbst auf das Reich Gottes wartete, hatte ihrem Beschluß und ihrem Vorgehen nicht zugestimmt. 52 Dieser ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. 53 Er nahm ihn (vom Kreuze) ab, hüllte ihn in Leinwand und legte ihn in ein Felsengrab, in das noch niemand gelegt worden war. 54 Es war Rüsttag, und der Sabbat brach schon an. 54: Der Sabbat begann beim Sonnenuntergang am Freitag. 55 Die Frauen aber, die mit ihm aus Galiläa gekommen waren, waren mitgegangen und hatten das Grab und die Bestattung seines Leichnams mit angesehen. 56 Sie kehrten darauf zurück und bereiteten Spezereien und Salben zu; am Sabbat aber ruhten sie nach dem Gesetz. 50-56: Vgl. Mt 27,57-61; Mk 15,42-47; Jo 19,38-42.

 

Jesu Auferstehung und Himmelfahrt

24 Die Frauen beim Grabe. Am ersten Wochentage aber gingen sie in aller Frühe zum Grabe mit den Spezereien, die sie zubereitet hatten. Sie fanden den Stein vom Grabe weggewälzt und gingen hinein, fanden aber den Leichnam des Herrn Jesus nicht. Und es geschah, während sie noch bestürzt waren, siehe, da standen zwei Männer in glänzendem Gewande vor ihnen. Sie erschraken und senkten den Blick zu Boden. Diese aber sprachen zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden. Erinnert euch daran, wie er zu euch sagte, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muß in die Hände der Sünder ausgeliefert und gekreuzigt werden, aber am dritten Tage auferstehen. Da erinnerten sie sich wieder an seine Worte. Sie kehrten vom Grabe zurück und meldeten all das den Elfen und allen übrigen. 10 Es waren aber Maria Magdalena, Johanna, Maria, die Mutter des Jakobus, und noch andere mit ihnen, die den Aposteln diese Nachricht brachten. 11 Ihre Worte kamen ihnen aber wie törichtes Gerede vor, und sie glaubten ihnen nicht. 12 Petrus aber machte sich auf und eilte zum Grabe. Er neigte sich vor und sah nur die Leinentücher daliegen. Voll Staunen über das Geschehene ging er weg.

 

Die Emmausjünger. 13 Und siehe, am gleichen Tage gingen zwei von ihnen nach einem Flecken namens Emmaus, der sechzig Stadien von Jerusalem entfernt war. 14 Sie sprachen miteinander von all dem, was sich zugetragen hatte. 15 Und es geschah, als sie so miteinander sich unterhielten und besprachen, nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Ihre Augen aber waren gehalten, so daß sie ihn nicht erkannten. 17 Er fragte sie: Was sind das für Reden, die ihr miteinander auf dem Weg führt? Da blieben sie traurig stehen. 17: Im lateinischen Text fragt Jesus weiter: „Und warum seid ihr traurig?“ 18 Der eine, mit Namen Kleophas antwortete ihm: Bist du der einzige Fremdling in Jerusalem, der nicht weiß, was dort in diesen Tagen geschehen ist? 19 Er fragte sie: Was denn? Sie sagten: Das mit Jesus von Nazareth. Er war doch ein Prophet, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk. 20 Ihn haben unsere Oberpriester und Ratsherrn der Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt. 21 Wir freilich hofften, er sei es, der Israel erlösen werde; nun ist aber bei all dem heute schon der dritte Tag, seitdem dies geschehen ist. 22 Zwar haben uns einige Frauen aus unserm Kreis in Aufregung versetzt. Sie waren vor Sonnenaufgang beim Grab, 23 fanden aber den Leichnam nicht. Sie kamen mit der Kunde, sie hätten eine Erscheinung von Engeln gehabt, die sagten, er lebe. 24 Darauf gingen einige von den Unsrigen zum Grabe; sie fanden es so, wie die Frauen gesagt haben, ihn selbst aber sahen sie nicht. 25 Da entgegnete er ihnen: O ihr Unverständigen! Wie schwer wird es eurem Herzen, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben! 26 Mußte nicht der Messias das leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Dann erklärte er ihnen, von Moses und allen Propheten angefangen, die Stellen, die in allen Schriften von ihm handelten. 28 So kamen sie nahe an den Flecken, wohin sie gehen wollten. Jesus tat so, Als wollte er weitergehen. 29 Doch sie nötigten ihn mit den Worten: Bleibe bei uns, denn es wird Abend, und der Tag hat sich schon geneigt! Da trat er ein und blieb bei ihnen. 30 Und es geschah, während er mit ihnen zu Tische saß, nahm er das Brot, segnete es, brach es und reichte es ihnen. 30: Die Art, wie Jesus betete und segnete, war unnachahmlich. 31 Da wurden ihre Augen aufgetan, und sie erkannten ihn; er aber entschwand ihren Blicken. 32 Da sagten sie zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns die Schriften erschloß? 33 Noch in derselben Stunde machten sie sich auf den Weg und kehrten nach Jerusalem zurück. Dort trafen sie die Elf und ihre Gefährten beisammen. 34 Diese sprachen: Der Herr ist wahrhaft auferstanden und dem Simon erschienen. 35 Nun erzählten sie, was sich auf dem Weg zugetragen hatte, und wie sie ihn beim Brotbrechen erkannt hätten. 1-35: Vgl. Mt 28,1-10; Mk 16,1-13; Jo 20,1-18. Wer die Berichte vorurteilsfrei liest, erkennt, daß bei den Jüngern und Jüngerinnen jede Voraussetzung für eine nur in der Einbildung erlebte Erscheinung des Auferstandenen fehlt.

 

Erscheinung Jesu vor den Aposteln. 36 Noch redeten sie davon, da stand er selbst mitten unter ihnen und grüßte sie: Friede sei mit euch! [Ich bin es, fürchtet euch nicht!] 37 Verwirrt und erschrocken meinten sie, einen Geist zu sehen. 38 Er sprach zu ihnen: Was seid ihr bestürzt, und warum steigen Zweifel in euren Herzen auf? 39 Seht doch meine Hände und meine Füße! Ich bin es! Betastet mich und schaut mich an! Ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr es an mir sehet. 40 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße. 41 Da sie aber vor Freude immer noch nicht glaubten und sich verwunderten, fragte er: Habt ihr etwas zu essen da? 42 Sie reichten ihm ein Stück gebratenen Fisch [und eine Honigscheibe]. 43 Er nahm es und aß es vor ihren Augen [und gab ihnen, was übrig blieb]. 36-43: Vgl. Jo 20,19-23.

 

Abschiedsrede Jesu. 44 Dann sprach er zu ihnen: Das besagten meine Worte, die ich zu euch gesprochen habe, als ich noch bei euch weilte: Alles muß sich erfüllen, was im Gesetze des Moses, in den Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht. 45 Darauf erschloß er ihnen den Sinn für das Verständnis der Schriften 45: Nur wenn Gott uns erleuchtet, verstehen wir den Sinn der Heiligen Schrift. Das Lehramt der Kirche ist die von Christus gesetzte Auslegerin. 46 und sprach zu ihnen: So steht es geschrieben, der Messias werde leiden und am dritten Tage von den Toten auferstehen, 47 und in seinem Namen werde bei allen Völkern, angefangen von Jerusalem, die Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden. 48 Ihr seid Zeugen hiervon. 49 Siehe, ich sende die Verheißung meines Vaters auf euch herab. Bleibet in der Stadt, bis ihr mit der Kraft von oben ausgerüstet werdet!

 

Himmelfahrt Jesu. 50 Hierauf führte er sie hinaus, Bethanien zu, erhob seine Hände und segnete sie. 51 Und es geschah, während er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr in den Himmel hinauf. 52 Sie beteten ihn an, dann kehrten sie mit großer Freude nach Jerusalem zurück. 53 Sie hielten sich beständig im Tempel auf und lobten und priesen Gott. 50-53: Vgl. Mk 16,19; Apg 1,6-12. Die Stätte der Himmelfahrt wird auf der mittleren Höhe des Ölbergs am Wege nach Bethanien verehrt.

 

 

Das Evangelium nach Johannes

 

Einleitung

Der Evangelist Johannes (= Gotthold) war wie sein Vater Zebedäus von Beruf Fischer am See Genesareth. Mit seinem Bruder, dem älteren Jakobus, schloß er sich früh der messianischen Bewegung an und wurde Jünger des Vorläufers, der ihn mit Andreas als die zwei ersten dem Messias zuführte (Jo 1,37-40). Nach vorübergehender Rückkehr zu seinem Gewerbe wurde er mit Jakobus endgültig zur Nachfolge Christi berufen (Mt 4,21-22). Salome, die Mutter der beiden, schloß sich ebenfalls dauernd dem Messias an (Lk 8,1-3; Mt 20,20 ff. Mk 15,40). Der Meister gewann Johannes so lieb, daß er als „der Jünger, den Jesus lieb hatte,“ bekannt war. Ihm hat der Erlöser sterbend die Mutter anvertraut. Nach der Himmelfahrt war er neben Petrus, mit dem ihn treueste Freundschaft verband, eine führende Persönlichkeit in der Urgemeinde. Bis auf seinen Schüler Polykarp geht die Überlieferung zurück, daß Johannes lange in Ephesus gewirkt hat. Unter Kaiser Domitian schrieb er in der Verbannung auf Patmos die Geheime Offenbarung, kehrte unter Nerva nach Ephesus zurück und starb dort zur Zeit Trajans (98-117), also um 100. Sein hohes Alter gab Anlaß zu der Auffassung, er sei unsterblich (Jo 21,23). Die neuesten Ausgrabungen in Ephesus haben unter der Kuppel der ehemaligen gewaltigen Basilika sein Grabmal freigelegt, eine Anlage aus dem 2. Jahrhundert. Vom Johannesevangelium ist 1935 die älteste Bibelhandschrift des Neuen Testamentes entdeckt worden, ein Blatt aus einem Papyruskodex, der nur einige Jahrzehnte jünger ist als die Originalschrift. Das Evangelium spiegelt treu den Charakter des Apostels Johannes wider: Eine innige Liebe und Treue zu Christus, festen Glauben an seine Gottheit und Menschheit, ein kämpferisches, stürmisches Temperament. Kein Apostelbild hat die Kunst so verzeichnet wie das des vierten Evangelisten. Um die Feinde des wahren Christusglaubens abzuwehren, aber auch, um den nach der Wahrheit suchenden Hellenen Christus als den fleischgewordenen Gottessohn, den Weg, die Wahrheit und das Leben zu verkünden, hat Johannes gegen Ende seines Lebens das vierte Evangelium in Ephesus geschrieben. Nach dem wuchtigen Prolog (1,1-18) erzählt er die Täuferzeugnisse und die erste Jüngerberufung (1,19-51), dann Jesu öffentliches Wirken, namentlich in Judäa und Jerusalem (2,1-12,50), endlich das Leiden und Sterben und die Auferstehung (13,1-25).

 

Prolog

1 Jesus, das menschgewordene Wort Gottes.Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. 1-18: Aus den ewigen Höhen steigt der Evangelist wie ein Adler in kühnem Kreisflug ins Erdendasein des Gottessohnes herab. Logos, Verbum, Wort nennt er ihn mit einem damals vielgebrauchten Titel. Das ewige Sein des Logos bei Gott (1-2), sein Verhältnis zur Schöpfung, vor allem zur Menschheit (3-5), sein Eintritt in die Welt nach voraufgegangener Ankündigung (6-9), der Kampf zwischen Licht und Finsternis (18-13), die Menschwerdung zur Gnadenvermittlung und Wahrheitsverkündigung (14-18) sind die Leitgedanken dieser unvergleichlichen Sätze. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts geworden, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erfaßt. Ein Mensch trat auf, gesandt von Gott, sein Name war Johannes.Der kam zum Zeugnisse, um Zeugnis zu geben von dem Lichte, damit alle durch ihn glaubten. Er war nicht das Licht, sondern sollte nur von dem Lichte Zeugnis geben. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 9: Der Lateinische Text lautet: „Er (der Logos) war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt.“ 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, und doch hat die Welt ihn nicht erkannt. 11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, ihnen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Geblüte noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 12-13: Schärfer kann kaum betont werden, daß nicht Rasse und Blut das Wesen der Religion ausmachen. 14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 15 Johannes legt Zeugnis von ihm ab und ruft: Dieser war es, von dem ich sprach: Der nach mir kommen wird, ist mir voraus, denn er war früher als ich. 16 Und aus seiner Überfülle haben wir alle empfangen Gnade um Gnade. 17 Denn durch Moses wurde das Gesetz gegeben, durch Jesus Christus ist die Gnade und die Wahrheit geworden. 18 Gott hat nie jemand geschaut; der Eingeborene, [der] Gott [ist], der im Schoße des Vaters ist, er hat uns Kunde gebracht.

 

Jesus offenbart sich als Gottessohn im Jüngerkreis

Das erste und das zweite Zeugnis des Täufers. 19 Das ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden von Jerusalem Priester und Leviten mit der Frage zu ihm schickten: Wer bist du? 20 Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Messias. 21 Sie fragten ihn: Was denn? Bist du Elias? Er sagt: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein. 21. Johannes liebt es, in lebhafter Schilderung zur Zeitform der Gegenwart überzuwechseln; die Übersetzung paßt sich dem an. 22 Da sagten sie zu ihm: Wer bist du, damit wir denen eine Antwort bringen, die uns geschickt haben? Was sagst du von dir selbst? 23 Er sprach: Ich bin die Stimme eines [Herolds], der in der Wüste ruft: Bereitet den Weg des Herrn, wie der Prophet Isaias gesprochen(Is 40, 3). 20-23: Nur ganz große Menschen bringen es fertig, so selbstlos zu sein, wenn Volksgunst und Erfolg winken.24 Die Abgesandten kamen aber von den Pharisäern. 25 Sie fragten ihn weiter: Warum taufst du denn, wenn du nicht der Messias, noch Elias, noch der Prophet bist? 26 Johannes antwortete ihnen: Ich spende die Wassertaufe. In eurer Mitte aber steht der, den ihr nicht kennet, 27 der nach mir kommt [und mir doch voraus ist], dessen Schuhriemen aufzulösen ich nicht würdig bin. 28 Dies geschah in Bethanien jenseits des Jordans, wo Johannes taufte.

 

29 Tags darauf sieht Johannes Jesus auf sich zukommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt. 30 Der ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir vorgeht, denn er war eher als ich. 31 Ich kannte ihn nicht, aber damit er in Israel offenbar werde, bin ich gekommen und taufte mit Wasser. 32 Und Johannes bezeugte: Ich habe den Geist in Gestalt einer Taube vom Himmel herabkommen sehen, und er blieb auf ihm. 33 Ich kannte ihn nicht. Der aber, der mich gesandt hat, die Wassertaufe zu spenden, hat mir gesagt: Der, auf den du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geiste tauft. 34 Ich habe es gesehen und habe es bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.

 

Das dritte Zeugnis des Täufers und die ersten Jünger. 35 Tags darauf stand Johannes wieder da mit zweien seiner Jünger. 36 Da erblickt er Jesus, der des Weges kam, und spricht: Seht, das Lamm Gottes! 37 Die zwei Jünger hörten diese Worte und folgten Jesus nach. 38 Jesus aber wandte sich um, sah, wie sie ihm nachkamen und spricht zu ihnen: Was suchet ihr? Sie entgegneten ihm: Rabbi, d. h. Meister, wo wohnst du? 39 Er sagte zu ihnen: Kommt, dann werdet ihr es sehen! Sie kamen und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm. Es war um die zehnte Stunde. 39: Diese Stunde, vier Uhr nachmittags, hat Johannes, der eine von den zwei Erstberufenen, nie vergessen. 40 Der eine von den beiden, die auf das Wort des Johannes hin ihm gefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. 41 Dieser trifft zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias, das heißt übersetzt: Christus, gefunden. 42 Und er führte ihn zu Jesus. Jesus schaute ihn an und sprach: Du bist Simon, der Sohn des Johannes. Du sollst Kephas heißen, das bedeutet Fels. 43 Am folgenden Tage wollte er nach Galiläa ziehen. Da findet er den Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! 44 Philippus war aus Bethsaida, der Heimat des Andreas und Petrus. 45 Philippus findet den Nathanael und sagt zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Moses im Gesetze und die Propheten geschrieben haben, Jesus, den Sohn Josephs aus Nazareth. 46 Nathanael erwiderte ihm: Kann denn aus Nazareth etwas Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh! 47 Jesus sah den Nathanael herankommen und sagt von ihm: Seht da, ein wahrer Israelit, in dem kein Falsch ist. 48 Da spricht Nathanael zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete ihm und sagte: Da du unter dem Feigenbaum warst, ehe Philippus dich rief, habe ich dich gesehen. 49 Nathanael entgegnete ihm: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels. 50 Jesus erwiderte und sagte ihm: Weil ich dir sagte, ich habe dich unter dem Feigenbaum gesehen, glaubst du? Du wirst noch Größeres als dieses sehen. 51 Weiter sagt er zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen und die Engel Gottes über dem Menschensohn auf- und niedersteigen sehen. 51: Die Nähe von Bethel, wo Jakob die Himmelsleiter schaute, gab Anlaß zu dieser Anspielung. 35-51: „Begegnungen mit Jesus“ könnte man diesen Abschnitt überschreiben. Jeden weiß Jesus anders, ganz der Eigenart des einzelnen entsprechend, an sich zu fesseln.

 

2 Hochzeit zu Kana. Und am dritten Tag war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war dabei. Aber auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit geladen. Als der Wein ausging, sagt die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Frau, was begehrst du da von mir? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 4: Den Vollsinn dieser Antwort vermochte Maria besser zu verstehen als wir, weil sie den Klang der Stimme, den Blick des Auges und das gesamte Verhalten ihres Sohnes mitvernahm. Ihr Auftrag an die Diener beweist, daß sie nicht irgendwie gekränkt war. Jesus spricht als Messias und gibt seiner Mutter zu verstehen, daß nur der Wille des himmlischen Vaters maßgebend ist, wann und wie er sein Amt ausüben soll (vgl. Lk 2,49). Maria gibt in ihrem Verhalten das Beispiel einer klugen und umsichtigen Frau. Da sagt seine Mutter zu den Dienern: Alles, was er euch sagt, das tuet. Es standen aber sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigungen dort, wie sie bei den Juden üblich waren. Jeder von ihnen hielt zwei bis drei Maß. Jesus sagt zu ihnen: Füllet die Krüge mit Wasser, und sie füllten sie bis zum Rande. 7: Ein Maß = 39,3 Liter, zusammen also 471,6-707,4 Liter, ein gutes halbes Fuder. Die Gabe sollte des Spenders würdig sein. Darauf spricht er zu ihnen: Schöpfet nun und bringt es dem Speisemeister. Sie brachten es hin. Der Speisemeister verkostete das Wasser, das zu Wein verwandelt war. Er wußte nicht, woher er gekommen sei. Die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wußten es. Da ruft der Speisemeister dem Bräutigam zu 10 und sagt zu ihm: Jedermann setzt zuerst den guten Wein vor und dann, wenn sie angetrunken sind, den geringeren. Du aber hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. 10: Keine allgemeine Weinregel, sondern ein Hochzeitsscherz! 11 Diesen Anfang der Wunder machte Jesus zu Kana in Galiläa; er offenbarte dadurch seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn. 1-11: Sein erstes Wunder wollte Jesus bei der Feier einer Familiengründung wirken. Von der Heiligung der Familie hängt die sittliche Erneuerung der Menschheit ab.

 

Offenbarung Jesu in Jerusalem, Samaria und Galiläa

 

Jesus in Jerusalem am Osterfeste

Tempelreinigung. 12 Darauf zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und Jüngern nach Kapharnaum hinab. Dort blieben sie nur wenige Tage. 12: Über die „Brüder“ Jesu vgl. die Erklärung zu Mt 12,46 13 Das Osterfest der Juden war nahe, und Jesus ging nach Jerusalem hinauf. 14 Im Tempel traf er Leute, die Ochsen, Schafe und Tauben verkauften, und Geldwechsler, die sich dort niedergelassen hatten. 15 Da machte er eine Geißel aus Stricken und trieb alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Ochsen. Das Geld der Wechsler verstreute er, und ihre Tische stieß er um. 16 Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das von hier fort und macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle. 13-16: Vgl. Mt 21,12-13; Mk 11,15-17; Lk 19,45-46 17 Da erinnerten sich seine Jünger, daß geschrieben steht: Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren. 18 Die Juden aber sprachen zu ihm: Mit welchem Wunderzeichen beweisest du, daß du solches tun darfst? 19 Jesus antwortete ihnen und sagte: Brechet diesen Tempel ab, und ich will in ihn in drei Tagen wieder erstehen lassen. 20 Die Juden sagten: Sechsundvierzig Jahre hat man an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder erstehen lassen? 21 Er meinte aber den Tempel seines Leibes. 22 Nach seiner Auferstehung von den Toten erinnerten sich seine Jünger an dies Wort und glaubten der Schrift und dem Worte, das Jesus gesprochen hatte. 23 Während Jesus beim Osterfeste war, glaubten viele an seinen Namen, da sie seine Wunder sahen, die er wirkte. 24 Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte 25 und nicht nötig hatte, daß ihm jemand Zeugnis über einen Menschen gebe, denn er wußte selbst, was im Menschen war. 23-25: Auf Massenerfolge hat Jesus nie großen Wert gelegt.

 

3 Nikodemus bei Jesus. Es war ein Mann aus den Pharisäern, namens Nikodemus, ein Ratsherr der Juden. Dieser kam bei Nacht zu ihm und sprach: Rabbi, wir wissen, daß du ein gottgesandter Lehrer bist, denn die Wunder, die du wirkst, kann niemand wirken, außer Gott ist mit ihm. Jesus erwiderte und sagte zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht wiedergeboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus sagt zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt geworden ist? Kann er denn in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und wieder geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht wiedergeboren ist aus dem Wasser und dem Geiste, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen. Was aus dem Fleische geboren ist, das ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht darüber, daß ich dir gesagt habe: Ihr müßt wiedergeboren werden. Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Brausen. Aber du weißt nicht, woher er kommt, oder wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geiste geboren ist. Nikodemus entgegnete und sagte zu ihm: Wie kann das geschehen? 10 Jesus antwortete und sagte zu ihm: Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht? 11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Was wir wissen, reden wir, und was wir gesehen haben, bezeugen wir. Ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. 12 Wenn ich von den irdischen Dingen zu euch redete und ihr glaubet nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich von den himmlischen zu euch rede? 13 Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen als der, der vom Himmel herabkam, der Menschensohn, [der im Himmel ist]. 14 Gleichwie Moses die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muß auch der Menschensohn erhöht werden, 15 damit jeder, der an ihn glaubt, [nicht verlorengehe, sondern] ewiges Leben habe. 16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde. 18 Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet, wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, weil er an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. 19 Das ist aber das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist und die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht; denn ihre Werke waren böse. 20 Denn jeder, der Böses tut, haßt das Licht und kommt nicht an das Licht, damit seine Werke nicht gerügt werden. 21 Wer aber die Wahrheit übt, der kommt an das Licht, damit seine Werke offenbar werden, weil sie in Gott getan sind. 18-21: Niemand kann ein vorbildlicher Mensch sein, wenn er seiner ersten Pflicht gegen Gott durch den Unglauben untreu wird. Der rechte Glaube aber ist nicht bloßes Fürwahrhalten, sondern „Übung der Wahrheit“ durch ein Leben nach Gottes Gesetz. 1-21: Das Nikodemusgespräch dreht sich um das Wesen der neuen Religion: Nicht die Rasse gibt den Ausschlag, sondern die übernatürliche Wiedergeburt aus Gott, der Glaube an die Offenbarung und das Leben aus dem Glauben. Selbsterlösung gibt es nicht. Gottes Sohn hat uns erlöst. An ihm scheiden sich die Geister wie Licht und Finsternis.

 

Jesus in Judäa

Jesus und der Täufer. 22 Hierauf kam Jesus mit seinen Jüngern in die Landschaft Judäa. Dort hielt er sich mit ihnen auf und taufte. 23 Aber auch Johannes taufte zu Änon bei Salim. Denn dort gab es viel Wasser. Die Leute kamen dorthin und ließen sich taufen. 24 Johannes war nämlich noch nicht eingekerkert. 24: Diese Bemerkung soll Mißverständnisse im Hinblick auf die älteren Evangelien verhüten. 25 Da entstand ein Streit von seiten der Johannesjünger mit einem Juden wegen der Abwaschung. 26 Sie kamen zu Johannes und sagten zu ihm: Rabbi! Der jenseits des Jordan bei dir war und dem du Zeugnis gabst, siehe, der tauft, und alle kommen zu ihm. 27 Johannes antwortete: Ein Mensch kann nicht sich etwas nehmen, es muß ihm vom Himmel gegeben sein. 28 Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe: Ich bin nicht der Messias, sondern ich bin vor ihm hergesandt. 29 Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam. Der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich gar sehr über die Stimme des Bräutigams. So ist auch meine Freude jetzt vollkommen. 30 Er muß wachsen, ich aber abnehmen. Der von oben kommt, steht über allen. Wer von der Erde stammt, ist von der Erde und redet von der Erde. 27-30 Der Vorläufer teilt nicht die kleinliche Eifersucht seiner Jünger. Als Freund des Bräutigams (Jesu) freut er sich, daß das Volk wie eine Braut zu diesem kommt. Selbstlos tritt er zurück, wie der Morgenstern erblaßt wenn die Sonne aufsteigt. Zur Zeit der Sonnenwende im Sommer wird sein Fest gefeiert. 31 Wer vom Himmel kommt, steht über allen. 32 Was er gesehen und gehört hat, das bezeugt er. Doch niemand nimmt sein Zeugnis an. 33 Wer sein Zeugnis annimmt, hat verbürgt, daß Gott wahrhaftig ist. 34 Denn wen Gott gesandt hat, der redet die Worte Gottes, da Gott seinen Geist ungemessen gibt. 35 Der Vater liebt den Sohn und hat ihm alles in die Hand gelegt. 36 Wer an den Sohn glaubt, der hat ewiges Leben; wer aber ungehorsam gegen den Sohn ist, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm. 36: Der Glaube an Christus, nichts anderes, entscheidet über ewiges Leben

 

In Samaria

4 Jesus und die Pharisäer. Als nun der Herr erfuhr, die Pharisäer hätten gehört, daß Jesus mehr Jünger gewinne und mehr taufe als Johannes — und doch taufte Jesus nicht selbst, sondern seine Jünger —, da verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.Dabei mußte er durch Samaria ziehen. Er kommt an eine Stadt in Samaria, die Sychar heißt, nahe bei dem Felde, das Jakob seinem Sohne Joseph gegeben hatte. Dort war der Brunnen Jakobs. Müde von der Reise, setzte sich Jesus ohne weiteres bei dem Brunnen nieder. Es war ungefähr die sechste Stunde.

 

Gespräch Jesu mit der Samariterin. Da kommt eine Samariterin, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagt zu ihr: Gib mir zu trinken. Seine Jünger waren nämlich in die Stadt gegangen, um Speisen einzukaufen. Die Samariterin erwidert ihm: Wie kannst du, der du doch ein Jude bist, von mir, einer samaritischen Frau, zu trinken wünschen? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern. 10 Jesus antwortete und sagte zu ihr: Würdest du Gottes Gabe kennen und wissen, wer der ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken, so hättest du ihn wohl gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gereicht. 11 Da sagt sie zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief. Woher hast du da das lebendige Wasser? 11: Der Brunnen ist heute noch 32 Meter tief. 12 Bist du größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat mit seinen Kindern und seinen Herden? 13 Jesus erwiderte und sagte zu ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten, 14 wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird nicht mehr dürsten in Ewigkeit, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zur Quelle eines Wassers werden, das ins ewige Leben hinüberströmt. 15 Da sagt ihm die Frau: Herr, gib mir dieses Wasser, damit mich nicht mehr dürstet und ich nicht mehr hierherkommen muß, um zu schöpfen. 16 Er sagte zu ihr: Geh, rufe deinen Mann und komm hierher. 17 Die Frau antwortete und sagte zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus sagt zu ihr: Du hast recht gesprochen: Ich habe keinen Mann. 18 Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Da hast du wahr gesprochen. 19 Herr, erwidert die Frau, ich sehe, daß du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei der Ort, wo man anbeten müsse. 20: Gemeint ist der Garizim, der Tempelberg der Samariter. 21 Jesus antwortet ihr: Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berge da noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil kommt von den Juden. 23 Doch es kommt die Stunde, und sie ist schon da, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden, denn solche Anbeter sucht der Vater. 24 Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten. 24: Nicht in veräußerlichten Formen und nicht im Widerspruch zwischen Gesinnung und Tat will Gott verehrt sein. Gemeinsame Gottverehrung im liturgischen Opfer ist eine selbstverständliche Pflicht. 25 Die Frau sagt zu ihm: Ich weiß, daß der Messias kommt, der Christus genannt wird. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. 26 Da spricht Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir redet.

 

Ankunft der Jünger. 27 In diesem Augenblick kamen seine Jünger. Sie wunderten sich, daß er mit einer Frau redete. Doch sagte keiner: Was suchst du, oder was redest du mit ihr? 27: Das Sprechen mit einer Frau in der Öffentlichkeit hielten die Juden damals für eines Mannes unwürdig.28 Da ließ die Frau ihren Krug stehen, ging in die Stadt und sagt den Leuten: 29 Kommt doch und seht einen Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe; ob der nicht der Christus ist? 30 Da gingen sie aus der Stadt hinaus und kamen zu ihm.

 

32 Die Jünger baten ihn unterdessen: Rabbi, iß! 32 Er aber sprach zu ihnen: Ich habe eine Speise zu essen, die ihr nicht kennt. 33 Die Jünger fragten einander: Hat ihm wohl jemand zu essen gebracht? 34 Jesus spricht zu ihnen: Meine Speise ist, daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe. 35 Saget ihr nicht: Es sind noch vier Monate, dann kommt die Ernte? Seht, ich sage euch: Erhebt eure Augen und betrachtet die Felder. Sie sind weiß zur Ernte. 35: Da die Getreideernte in jener hochgelegenen Gegend im Mai stattfindet, hat sich die Szene am Jakobsbrunnen im Januar abgespielt, ein wichtiger Anhaltspunkt für die Dauer des öffentlichen Wirkens Jesu. Die geistige Ernte unter den Samaritern dagegen ist bereits reif. 36 Und der Schnitter bekommt schon seinen Lohn und fährt Frucht ein zum ewigen Leben, damit sich gemeinsam freuen der Sämann und der Schnitter. 37 Denn hier hat das Sprichwort recht: Ein anderer ist es, der sät, und ein anderer, der erntet. 38 Ich habe euch ausgesandt, zu ernten, was ihr nicht angebaut habt. Andere haben gearbeitet, und ihr seid in ihre Arbeit eingetreten.

 

Glaube der Samariter. 39 Aus jener Stadt aber glaubten viele Samariter an ihn, weil die Frau es ihnen bezeugte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe. 40 Die Samariter waren also zu ihm gekommen. Sie baten ihn, bei ihnen zu bleiben, und er blieb zwei Tage dort. 41 Und noch viel mehr glaubten an ihn wegen seines Wortes. 42 Sie sagten zu der Frau: Wir glauben nun nicht mehr um deiner Rede willen, denn wir haben selber gehört und wissen, daß dieser wahrhaftig der Heiland der Welt ist. 7-42: Das Gespräch am Jakobsbrunnen ist ein Musterbeispiel der seelenaufschließenden Erlöserliebe.

 

Wunder in Galiläa

Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten. 43 Nach den zwei Tagen ging er von da weiter nach Galiläa. 44 Denn Jesus selbst bezeugte es, daß kein Prophet in seinem Vaterlande geehrt ist. 45 Er kam also nach Galiläa. Die Galiläer nahmen ihn auf, da sie alles gesehen hatten, was er am Feste zu Jerusalem gewirkt hatte. Sie waren nämlich auch zum Feste gekommen. 46 So kam er wieder nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser in Wein verwandelt hatte. Es war nun ein königlicher Beamter, dessen Sohn in Kapharnaum krank lag. 47 Dieser hatte erfahren, daß Jesus von Judäa nach Galiläa gekommen sei. Darum ging er zu ihm und bat ihn, er möge hinabkommen und seinen Sohn, der schon im Todeskampfe lag, gesund machen. 48 Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. 48: Der Vorwurf gilt mehr dem wundersüchtigen Volk als dem bittenden Vater. Die verachteten Samariter glaubten ohne Wunder, die Juden aber trotz der Wunder in ihrer Mehrheit nicht. 49 Der königliche Beamte spricht zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt. 50 Da sagt Jesus zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt. Der Mann glaubte dem Worte Jesu und ging. 51 Unterwegs kamen seine Knechte ihm entgegen und meldeten ihm, sein Sohn lebe. 52 Er fragte sie, um welche Zeit es mit ihm besser geworden sei. Sie antworteten: Gestern um die siebte Stunde verließ ihn das Fieber. 53 Da erkannte der Vater, daß es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt; und er glaubte mit seinem ganzen Hause. 54 Dieses zweite Wunder wirkte Jesus, als er von Judäa nach Galiläa gekommen war.

 

Offenbarung Jesu vor den Feinden in Judäa und Galiläa

 

Der Unglaube in Judäa

5 Der Kranke am Bethesdateich. Danach war ein [das?] Fest der Juden, und Jesus ging nach Jerusalem hinauf. Zu Jerusalem befindet sich am Schaftor ein Teich, der auf hebräisch Bethesda heißt, mit fünf Säulengängen. 1-2: Welches Fest gemeint ist, läßt sich schwer sagen, wahrscheinlich das zweite Osterfest. Im Lateinischen heißt es in V. 2: Zu Jerusalem ist ein Schafteich, der auf hebräisch Bethsaida heißt. In diesen lag eine Menge von Kranken, Blinden, Lahmen und Abgezehrten, die auf die Bewegung des Wassers warteten. Ein Engel [des Herrn] stieg nämlich von Zeit zu Zeit in den Teich herab und brachte das Wasser in Bewegung. Wer nun nach dem Aufwallen des Wassers als erster hinabstieg, wurde gesund, er mochte eine Krankheit haben, welche er wollte. Dort war ein Mann, der seit achtunddreißig Jahren krank lag. Als Jesus ihn daliegen sah und wußte, daß er schon lange Zeit so daran war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: O Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser aufwallt. Bis ich aber selbst komme, steigt ein anderer vor mir hinab. Da spricht Jesus zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh! Sogleich ward der Mann gesund, nahm sein Bett und ging. Es war aber Sabbat an jenem Tag. 10 Darum sagten die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist Sabbat. Du darfst dein Bett nicht tragen. 11 Er aber erwiderte: Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm dein Bett und geh! 12 Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir sagte: Nimm dein Bett und geh? 13 Der Geheilte aber wußte nicht, wer es war. Jesus hatte sich nämlich entfernt, da eine Menge Volkes an dem Orte war. 14 Später findet ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden. Sündige jetzt nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres begegne. 15 Der Mann ging hin und erzählte den Juden, daß es Jesus war, der ihn gesund gemacht habe. 15: Der Geheilte hatte keine böse Absicht bei der Meldung. 16 Deshalb verfolgten die Juden Jesus, weil er das am Sabbat tat.

 

Jesus über seine Wesenseinheit mit dem Vater. 17 Jesus aber entgegnete ihnen: Mein Vater wirkt bis jetzt. So wirke auch ich. 18 Deshalb suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat nicht hielt, sondern auch Gott seinen Vater nannte und so sich Gott gleichstellte. 19 Jesus erwiderte ihnen und sagte: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Sohn kann von sich aus nichts tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht. Was dieser tut, das tut in gleicher Weise auch der Sohn. 17 ff.: Daß Jesus sich für den wahren Sohn Gottes hielt, haben die Gegner richtig verstanden. Aus dem gemeinsamen göttlichen Wesen folgt das gleiche Wirken.20 Denn der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er selbst tut. Ja noch größere Werke als diese wird er ihm zeigen, damit ihr euch verwundern sollt. 21 Denn wie der Vater die Toten erweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, wen er will. 21: Während hier von geistiger Neubelebung die Rede ist, wird nachher (V. 28-29) die leibliche Auferweckung gelehrt. 22 Der Vater richtet nämlich auch niemand, sondern hat das ganze Gericht dem Sohne übergeben, 23 damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht, der ihn gesandt hat. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist vom Tode zum Leben übergegangen. 25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde, ja sie ist schon da, wo die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie hören, werden leben. 26 Denn wie der Vater Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohn verliehen, Leben in sich selbst zu haben. 27 Er hat ihm auch die Gewalt gegeben, Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. 28 Wundert euch nicht darüber. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern liegen, seine Stimme hören 29 und hervorgehen werden; die das Gute getan haben, werden auferstehen zum Leben, die aber das Böse verübten, werden auferstehen zur Verdammung. 30 Ich kann nichts aus mir selbst tun. Wie ich höre, so richte ich, und mein Gericht ist gerecht, weil ich nicht meinen Willen suche, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.

 

Sein göttliches Wesen durch Johannes und den himmlischen Vater bezeugt. 31 Wenn ich über mich selbst Zeugnis gebe, so ist mein Zeugnis nicht wahr. 32 Es ist ein anderer, der über mich Zeugnis gibt, und ich weiß, daß das Zeugnis wahr ist, das er über mich gibt. 33 Ihr habt zu Johannes geschickt, und er hat der Wahrheit Zeugnis gegeben. 34 Ich nehme aber kein Zeugnis von einem Menschen an, sondern ich sage dies, damit ihr gerettet werdet. 35 Er war die brennende, leuchtende Lampe. Ihr aber wolltet nur für eine Stunde euch an seinem Lichte ergötzen. 36 Ich aber habe ein höheres Zeugnis als das des Johannes; denn die Werke, die mir der Vater auszuführen gab, diese Werke, die ich tue, sie geben Zeugnis über mich, daß der Vater mich gesandt hat. 37 Und der Vater, der mich gesandt hat, gibt selbst über mich Zeugnis. Ihr aber habt seine Stimme niemals gehört noch seine Gestalt gesehen 38 noch sein Wort dauernd in euch. Denn ihr glaubt dem nicht, den jener gesandt hat. 39 Ihr forschet in den Schriften, weil ihr glaubt, darin ewiges Leben zu haben, und gerade sie sind es, die Zeugnis über mich geben. 39: Hiermit hat Jesus selbst die hohe Bedeutung der Bibel des Alten Testamentes auch im Neuen Bund anerkannt. Sie enthält göttliche Offenbarung; kein Christ darf sie ablehnen, sonst lehnt er Gott und Christus ab. 40 Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, um Leben zu haben. 41 Ich nehme keine Ehre von Menschen an. 42 Aber von euch weiß ich, daß ihr die Liebe Gottes nicht in euch habt. 43 Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, aber ihr nehmet mich nicht auf. Wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommen wird, den werdet ihr aufnehmen. 44 Wie könnt ihr gläubig werden, da ihr voneinander Ehre annehmet, aber die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, nicht begehrt. 45 Glaubt nicht, ich werde euch beim Vater anklagen. Der euch anklagt, ist Moses, auf den ihr euch verlasset. 46 Wenn ihr nämlich dem Moses glaubtet, würdet ihr wohl auch mir glauben, denn von mir hat jener geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr dann meinen Worten glauben?

 

Jesus in Galiläa

6 Die Brotvermehrung. Darauf begab sich Jesus auf das andere Ufer des galiläischen Meeres, des [Sees] von Tiberias. Eine große Menge folgte ihm, da sie die Wunder sahen, die er an den Kranken wirkte.Jesus stieg auf den Berg. Dort setzte er sich mit seinen Jüngern nieder. Es war aber das Osterfest der Juden nahe. Da nun Jesus die Augen erhob und eine große Menge zu sich kommen sah, spricht er zu Philippus: Wo sollen wir Brot kaufen zum Essen für diese? Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen; denn er wußte wohl, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: Brot für zweihundert Denare reicht nicht hin, daß jeder nur ein weniges bekomme. Da sagt einer von den Jüngern, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, zu ihm: Es ist ein Knabe hier, der fünf Gerstenbrote und zwei Fische hat. Allein, was ist dies für so viele? 10 Jesus sagte: Lasset die Leute sich setzen. Es gab aber viel Gras an dem Orte. Da ließen sie sich nieder, etwa fünftausend Männer an der Zahl. 11 Jesus nahm nun die Brote, dankte und teilte sie unter die aus, welche sich gelagert hatten, desgleichen von den Fischen, soviel sie wollten. 12 Als sie genug hatten, sagt er zu seinen Jüngern: Sammelt die übriggebliebenen Stücke, damit nichts zugrunde geht. 13 Sie sammelten nun und füllten zwölf Körbe mit den Stücken von den fünf Gerstenbroten, die beim Essen übriggeblieben waren. 14 Da die Leute nun sahen, was für ein Wunder er gewirkt hatte, sprachen sie: Dieser ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommen soll. 15 Jesus erkannte, daß sie kommen wollten, um ihn mit Gewalt zum Könige zu machen; darum zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein. 1-15: Vgl. Mt 14,13-21; Mk 6,31-44; Lk 9,10-17. Das Wunder der Brotvermehrung und ebenso das Wandeln Jesu über den See bereitete auf die Verheißung der hl. Eucharistie vor, in der wir unter Brotgestalt den wahren Leib Christi verehren.

 

Jesus wandelt auf dem See. 16 Als es aber Abend geworden war, gingen seine Jünger an den See hinab, 17 stiegen in ein Schiff und fuhren über den See auf Kapharnaum zu. Es war schon Nacht und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen. 18 Es wehte ein starker Wind, und der See ging hoch. 19 Als sie etwa fünfundzwanzig bis dreißig Stadien gefahren waren, sehen sie Jesus auf dem See wandeln und sich dem Schiffe nähern; und sie fürchteten sich. 19: Da der See 10-12 Kilometer breit ist, waren sie also trotz aller Anstrengung erst in der Mitte. 20 Er aber spricht zu ihnen: Ich bin es, fürchtet euch nicht! 21 Bereitwillig nahmen sie ihn in das Schiff, und alsbald war das Schiff am Lande, da, wo sie hinwollten. 16-21: Vgl. Mt l4,22-33; Mk 6;45-52.

 

Das Volk sucht Jesus. 22 Am andern Tag merkte die Menge, die noch jenseits des Sees war, daß kein anderes Schiff dagewesen war als das eine, und daß Jesus nicht mit seinen Jüngern in das Schiff gestiegen war, vielmehr seine Jünger allein abgefahren waren. 23 Von Tiberias her kamen andere Schiffe in die Nähe des Ortes, wo sie das vom Herrn gesegnete Brot gegessen hatten. 24 Als nun das Volk sah, daß Jesus und seine Jünger nicht mehr da waren, stiegen sie selbst in die Schifflein und fuhren nach Kapharnaum, um Jesus zu suchen. 25 Sie fanden ihn jenseits des Sees und sprachen: Rabbi, wann bist du hierhergekommen?

 

Verheißung des allerheiligsten Altarssakramentes

Der Vater gibt das Brot des Lebens. 26 Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr suchet mich, nicht weil ihr Wunder gesehen, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. 27 Bemühet euch nicht um die vergängliche Speise, sondern um die, welche bleibt zum ewigen Leben, die der Menschensohn euch geben wird. Denn ihn hat Gott der Vater durch sein Siegel beglaubigt. 28 Sie sprachen zu ihm: Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu wirken? 29 Jesus erwiderte ihnen und sagte: Das ist das Werk Gottes, daß ihr an den glaubt, den er gesandt hat. 30 Da fragten sie ihn: Welches Wunder wirkst du denn, daß wir es sehen und dir glauben? Nun, was wirkest du? 31 Unsere Vorfahren haben das Manna in der Wüste gegessen, wie geschrieben steht: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen (Ps 78, 24).

 

Jesus das wahre Lebensbrot. 32 Jesus entgegnete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Moses hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. 33 Denn das Brot Gottes ist das, welches vom Himmel herabkommt und der Welt das Leben gibt. 34 Da sagten sie zu ihm: Herr, gib uns für immer dieses Brot. 35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, den wird nicht mehr hungern, und wer an mich glaubt, den wird nicht mehr dürsten. 36 Aber ich habe euch gesagt: Ihr habt mich gesehen und glaubet nicht. 37 Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und den, der zu mir kommt, werde ich gewiß nicht hinausweisen. 38 Denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. 39 Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, daß ich nichts von allem, was er mir gegeben hat, verlorengehen lasse, sondern es auferwecke am Jüngsten Tage. 40 Denn dies ist der Wille meines Vaters [der mich gesandt hat], daß jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe und ich ihn auferwecke am Jüngsten Tage. 41 Da murrten die Juden über ihn, weil er gesagt hatte: Ich bin das [lebendige] Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, 42 und sprachen: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josephs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen? 43 Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Murret nicht untereinander. 44 Niemand kann zu mir kommen, wenn ihn der Vater, der mich gesandt hat, nicht zieht, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. 44: Der Glaube an Christus ist Gnade Gottes, die der Mensch durch eigene Schuld verscherzen kann. 45 Bei den Propheten steht geschrieben: Alle werden von Gott unterwiesen sein (Is 54, 13). Jeder, der den Vater gehört und von ihm gelernt hat, kommt zu mir.46 Nicht als ob jemand den Vater gesehen hätte. Nur der, der von Gott ist, der hat den Vater gesehen. 47 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, hat ewiges Leben. 26-47: Im ersten Teil der Rede verheißt Jesus sich als das Lebensbrot, zu dessen Genuß wir durch den Glauben an seine Person gelangen.

 

Sein Fleisch ist eine Speise, sein Blut ein Trank. 48 Ich bin das Brot des Lebens. 48: Hier beginnt der zweite Teil der Rede: Jesu wahres Fleisch und Blut müssen wir in der Eucharistie als Lebensbrot genießen. 49 Eure Väter haben das Manna in der Wüste gegessen und sind gestorben. 50 Von solcher Art ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, daß jeder, der davon ißt, nicht stirbt. 51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn jemand von diesem Brote ißt, wird er ewig leben. Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. 52 Da stritten die Juden untereinander und sprachen: Wie kann uns dieser sein Fleisch zu essen geben? 53 Jesus sagte zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esset und sein Blut nicht trinket, so habt ihr kein Leben in euch. 53: Der gläubige Empfang der heiligen Eucharistie ist also unerläßliche Pflicht jedes Erwachsenen. Wer selten oder nie zur heiligen Kommunion geht, kann kein guter Christ sein. 54 Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der hat ewiges Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. 55 Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise, und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. 56 Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. 57 Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich um des Vaters willen lebe, so wird auch der, welcher mich ißt, um meinetwillen leben. 58 Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Nicht wie das [Manna], das eure Väter gegessen haben und gestorben sind. Wer dieses Brot ißt, wird ewig leben. 59 Das sagte er, als er in der Synagoge zu Kapharnaum lehrte.

 

Wirkung seiner Rede. 60 Viele von seinen Jüngern, die dies hörten, sprachen: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören? 61 Jesus aber wußte, daß seine Jünger darüber murrten, und sagte zu ihnen: Ärgert euch dieses? 62 Wenn ihr nun den Menschensohn dorthin auffahren sehen werdet, wo er zuvor war? 63 Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützet nichts. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben. 62-63: Der Genuß seines rohen menschlichen Fleisches und Blutes wird nach seiner Verklärung gar nicht möglich sein, könnte auch als tote Speise kein Leben schenken. Sein vom Geiste belebtes und so vergeistigtes Fleisch und Blut reicht er uns im Sakramente. Der v e r k l ä r t e Christus wohnt im Tabernakel. 64 Unter euch sind aber einige, die nicht glauben. Denn Jesus wußte von Anfang an, welche nicht an ihn glaubten und wer ihn verraten würde. 65 Er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist. 66 Von da an zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm. 66: Es ist die sogenannte galiläische Krisis, die hier ausbricht. 67 Nun sagte Jesus zu den Zwölfen: Wollt nicht auch ihr fortgehen? 67: Jesus bettelt nicht. Er fordert klare Entscheidung. 68 Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. 69 Und wir haben geglaubt und erkannt, daß du der Heilige Gottes bist. 69: Im Lateinischen steht: „daß du Christus, der Sohn Gottes, bist.“ 70 Jesus entgegnete ihm: Habe ich nicht euch zwölf auserwählt, und doch ist einer von euch ein Teufel! 71 Er meinte damit den Judas, den Sohn des Simon Iskariot; denn der war es, der ihn verraten sollte, einer aus den Zwölfen.

 

Auf dem Laubhüttenfest in Jerusalem

7 Jesu Reise zum Feste. Hernach wanderte Jesus in Galiläa umher; denn in Judäa wollte er nicht mehr umherziehen, weil die Juden ihn zu töten suchten. Es war gerade das Laubhüttenfest der Juden nahe. Da sagten seine Brüder zu ihm: Geh von hier weg und begib dich nach Judäa, damit auch deine Jünger deine Werke sehen, die du vollbringst. Denn niemand tut etwas im Verborgenen, der selbst öffentlich bekannt zu werden sucht. Wirkst du solche Dinge, so zeige dich offen der Welt. Denn auch seine Brüder glaubten nicht an ihn. Jesus sagte zu ihnen: Meine Zeit ist noch nicht gekommen, doch für euch ist die Zeit immer günstig. Euch kann die Welt nicht hassen; mich aber haßt sie, weil ich von ihr Zeugnis gebe, daß ihre Werke böse sind. Geht ihr hinauf zu diesem Feste, ich gehe nicht hinauf zu diesem Feste, weil meine Zeit noch nicht erfüllt ist.3-8: Die Verwandten Jesu teilten die falschen Messias­erwartungen ihres Volkes. Ihrem Drängen will Jesus nicht entsprechen, geht darum nicht mit den Pilgerscharen zum Fest. So sprach er zu ihnen und blieb in Galiläa. 10 Als aber seine Brüder hinaufgegangen waren zum Fest, ging auch er hinauf, nicht öffentlich, sondern gleichsam im geheimen. 11 Auf dem Feste suchten ihn die Juden und fragten: Wo ist doch jener? 12 Es war viel heimliches Gerede über ihn unter dem Volke. Einige sagten: Er ist gut, andere dagegen: Nein, sondern er verführt das Volk. 13 Niemand aber redete frei heraus von ihm aus Furcht vor den Juden.

 

Jesu Auftreten und Selbstzeugnis auf dem Feste. 14 Als man aber bereits mitten in der Festzeit war, kam Jesus zum Tempel herauf und lehrte.15 Die Juden sprachen verwundert: Wie versteht dieser die Schrift, da er doch nicht studiert hat? 16 Jesus antwortete ihnen und sagte: Meine Lehre ist nicht mein, sondern dessen, der mich gesandt hat. 17 Wenn jemand dessen Willen tun will, so wird er erkennen, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich aus mir selber rede. 18 Wer aus sich selbst redet, der sucht die eigene Ehre, wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und keine Ungerechtigkeit ist in ihm.

 

Heiligung des Sabbats. 19 Hat nicht Moses euch das Gesetz gegeben? Aber niemand von euch erfüllt das Gesetz. Warum sucht ihr mich zu töten? 20 Die Menge erwiderte: Du bist vom Teufel besessen. Wer will dich denn töten? 21 Jesus entgegnete ihnen: Ein Werk habe ich gewirkt, und ihr alle seid verwundert deshalb. 22 Moses gab euch die Beschneidung — nicht als ob sie von Moses stammte, sondern von den Vätern, — und ihr beschneidet jemand am Sabbat. 23 Wenn nun jemand am Sabbat die Beschneidung empfängt, damit nicht das Gesetz Moses verletzt wird, was seid ihr dann böse über mich, daß ich am Sabbat einen ganzen Menschen gesund gemacht habe? 19 ff.: Jesus spielt auf das am Sabbat gewirkte Wunder am Bethesdateich an (5,1 ff.). Die fremden Pilger kennen diesen Zusammenhang nicht. 24 Urteilt nicht nach dem Scheine, sondern sprechet ein gerechtes Urteil. 25 Da sagten einige aus Jerusalem: Ist das nicht der, den sie töten wollen? 26 Siehe, er redet öffentlich, und sie sagen ihm nichts. Haben die Vorsteher wirklich erkannt, daß dieser der Messias ist? 27 Doch wissen wir ja, woher dieser ist. Wenn aber der Messias kommt, weiß niemand, woher er ist. 27: Nicht der Geburtsort ist gemeint, sondern die Verborgenheit des Messias vor Anbruch seines Reiches. 28 Da rief Jesus, der im Tempel lehrte, laut: Ihr kennt mich und wisset, woher ich bin. Allein von mir selbst bin ich nicht gekommen, sondern der Wahrhaftige, den ihr nicht kennt, ist es, der mich gesandt hat. 29 Ich kenne ihn, denn aus ihm bin ich, und er hat mich gesandt. 30 Nun suchten sie ihn zu ergreifen. Allein niemand legte Hand an ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen. 31 Vom Volke aber glaubten viele an ihn. Sie sagten: Kann wohl der Messias, wenn er kommt, mehr Wunder wirken, als dieser tat? 32 Die Pharisäer hörten, wie im Volke solches Gerede über ihn ging, und die Oberpriester und Pharisäer schickten Diener aus, um ihn zu ergreifen. 33 Da sagte Jesus: Nur noch eine kurze Zeit bin ich bei euch, dann gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. 34 Ihr werdet mich suchen, aber nicht finden, und dahin, wo ich bin, könnt ihr nicht kommen. 35 Da sprachen die Juden untereinander: Wo will denn dieser hingehen, daß wir ihn nicht finden sollen? Will er etwa in die Diaspora der Griechen gehen und die Griechen lehren? 36 Was soll das bedeuten, daß er sagt: Ihr werdet mich suchen und nicht finden, und dahin, wo ich bin, könnt ihr nicht kommen?

 

Der Höhepunkt des Festes. 37 Am letzten, dem großen Tage des Festes, stand Jesus da und rief laut: Wen dürstet, der komme zu mir und trinke. 38 Wer an mich glaubt, aus dessen Innern werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. 37-38: Jesus hat diese bedeutungsvollen Worte während der feierlichen Wasserprozession gesprochen und so ein herrliches Selbstzeugnis für seine messianische Sendung abgelegt. Die Trennung der Satzteile ist umstritten. Einen guten, durch Handschriften bezeugten Sinn ergibt folgende Gliederung: „Wen dürstet, der komme zu mir. Und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift gesagt hat: Ströme lebendigen Wassers werden aus seinem (= Christi) Leibe fließen.“ Dieses lebendige Wasser ist der Heilige Geist. 39 Damit meinte er den Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten. Weil nämlich Jesus noch nicht verherrlicht war, war der Geist noch nicht mitgeteilt. 40 Da das Volk diese seine Reden hörte, sagten einige: Dieser ist wahrhaftig der Prophet. 41 Andere sprachen: Er ist der Messias. Wieder andere aber meinten: Kommt denn der Messias aus Galiläa? 42 Sagt nicht die Schrift: Aus dem Stamme Davids und aus dem Flecken Bethlehem, wo David war, kommt der Messias? 43 So entstand seinetwegen ein Streit unter dem Volke. 44 Einige von ihnen aber wollten ihn ergreifen, aber niemand legte Hand an ihn. 45 So kamen die Diener zu den Oberpriestern und Pharisäern zurück. Diese sagten ihnen: Warum habt ihr ihn nicht hergeführt? 46 Die Diener antworteten: Nie hat ein Mensch so geredet, wie dieser Mensch redet. 47 Darauf erwiderten ihnen die Pharisäer: Habt auch ihr euch verführen lassen? 48 Hat denn von den Vorstehern oder den Pharisäern jemand an ihn geglaubt? 49 Nein, nur dies Volk da, das das Gesetz nicht kennt. Sie sind verflucht! 50 Einer von ihnen, Nikodemus, der früher einmal zu ihm gekommen war, sagt zu ihnen: 51 Verurteilt denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn gehört und sein Tun festgestellt hat? 52 Sie entgegneten ihm: Du bist wohl auch ein Galiläer? Forsche doch nach, dann wirst du sehen, daß aus Galiläa kein Prophet aufsteht. 53 Dann gingen sie auseinander, ein jeder in sein Haus.

 

8 Die Ehebrecherin. Jesus aber ging auf den Ölberg.Am frühen Morgen aber kam er wieder in den Tempel, und das ganze Volk kam zu ihm. Er setzte sich nieder und lehrte sie. Da bringen die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ergriffen worden war. Sie stellen sie in die Mitte und sagen zu ihm: Meister, diese Frau ist beim Ehebruch auf frischer Tat ergriffen worden.Nun hat uns Moses im Gesetze geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu? 5: Es handelt sich also um eine Braut, deren Untreue so bestraft wurde, weil sie rechtlich als Ehefrau galt. Die Untreue einer eigentlichen Ehefrau wurde durch Erdrosselung gesühnt. Da ein jüdisches Mädchen damals mit 13 Jahren verlobt zu werden pflegte, ist die Sünderin nach unseren Begriffen fast noch ein Kind gewesen. So sprachen sie aber nur, um ihn zu versuchen und ihn anklagen zu können. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Da sie nicht nachließen, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe zuerst einen Stein auf sie. Hierauf bückte er sich wieder und schrieb auf die Erde. Da sie dies hörten, ging einer nach dem andern hinaus, die ältesten zuerst, bis zu den letzten. Jesus blieb allein mit der Frau zurück, die in der Mitte stand. 10 Jesus aber richtete sich nun auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie? Hat dich niemand verurteilt? 11 Sie erwiderte: Niemand, Herr! Und Jesus sprach zu ihr: So will auch ich dich nicht verurteilen. Gehe hin und sündige von nun an nicht mehr! 11: Menschliches Sündenelend und göttliche Erlöserliebe stehen sich hier gegenüber. 7,53-8,11: Obgleich diese Erzählung in den meisten ältesten Textzeugen fehlt, gehört sie zum Bibeltext.

 

Selbstzeugnis Jesu vor den Pharisäern.12 Wiederum sprach Jesus zu ihnen: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wandelt nicht in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. 12: Das Wort vom Licht der Welt wurde wohl während der festlichen Tempelbeleuchtung gesprochen und mußte dadurch um so tieferen Eindruck machen. 13 Da sagten die Pharisäer zu ihm: Du gibst Zeugnis von dir selbst, dein Zeugnis ist nicht wahr. 14 Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Wenn ich auch Zeugnis von mir selbst gebe, ist mein Zeugnis doch wahr. Denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe. Ihr aber wisset nicht, woher ich komme oder wohin ich gehe. 15 Ihr richtet nach dem Fleische, ich aber richte niemand. 16 Und wenn ich richte, so ist mein Gericht wahr, denn ich bin nicht allein, sondern ich und der mich gesandt hat, der Vater. 17 Auch in eurem Gesetze steht geschrieben, daß das Zeugnis zweier Menschen wahr ist. 18 Ich bin es, der ich Zeugnis von mir selbst gebe, aber es gibt auch Zeugnis von mir, der mich gesandt hat, der Vater. 19 Darauf sagten sie zu ihm: Wo ist dein Vater? Jesus antwortete: Ihr kennet weder mich noch meinen Vater. Wenn ihr mich kennen würdet, so würdet ihr wohl auch meinen Vater kennen. 20 Diese Worte sprach Jesus bei der Schatzkammer, da er im Tempel lehrte; und niemand ergriff ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen.

 

Unbußfertigkeit. 21 Wiederum sprach Jesus zu ihnen: Ich gehe hin, und ihr werdet mich suchen, aber in eurer Sünde werdet ihr sterben. Wo ich hingehe, dahin könnet ihr nicht kommen. 22 Da sagten die Juden: Will er sich vielleicht selbst das Leben nehmen, daß er sagt: Wo ich hingehe, dahin könnet ihr nicht kommen? 23 Er entgegnete ihnen: Ihr seid von unten, ich bin von oben. Ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. 24 Ich habe euch ja gesagt: Ihr werdet in euren Sünden sterben. Denn, wenn ihr nicht glaubet, daß ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben. 25 Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du denn? Jesus sagte zu ihnen: Was rede ich überhaupt mit euch! 25: Die Antwort kann auch übersetzt werden: „Das (bin ich), was ich euch von Anfang an gesagt habe.“ 26 Viel habe ich über euch zu sagen und zu richten. Doch der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und ich rede das zur Welt, was ich von ihm gehört habe. 27 Sie erkannten nicht, daß er von seinem Vater zu ihnen sprach. 28 Da sagte Jesus: Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin und nichts von mir selbst tue, sondern rede, wie mich der Vater gelehrt hat. 28: Die Ereignisse beim Tode Jesu brachten viele zur Einsicht, ebenso das Wunder des Pfingstfestes. 29 Der mich gesandt hat, ist bei mir. Er hat mich nicht allein gelassen, weil ich immer das tue, was ihm wohlgefällt. 30 Als er das sagte, glaubten viele an ihn.

 

Die wahren Söhne Abra­hams. 31 Nun sprach Jesus zu den Juden, die zum Glauben an ihn gelangt waren: Wenn ihr in meinem Worte verharret, dann seid ihr wahrhaftig meine Jünger. 32 Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. 33 Sie entgegneten: Wir sind Abra­hams Nachkommen und sind nie jemandes Sklaven gewesen. Wie kannst du sagen: Ihr werdet frei sein? 34 Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der Sünde tut, ist der Sünde Knecht. 35 Der Knecht bleibt nicht auf immer in dem Hause, der Sohn aber bleibt auf immer. 36 Wenn der Sohn euch frei gemacht hat, dann werdet ihr wahrhaft frei sein. 37 Ich weiß, daß ihr Kinder Abra­hams seid. Allein ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort in euch keinen Boden findet. 38 Ich rede, was ich bei meinem Vater gesehen habe, und so tut auch ihr, was ihr von eurem Vater gehört habt. 39 Da erwiderten sie und sagten zu ihm: Unser Vater ist Abra­ham. Jesus spricht zu ihnen: Wenn ihr Kinder Abra­hams seid, so tuet auch Abra­hams Werke. 40 Nun sucht ihr mich aber zu töten, mich, der ich euch doch die Wahrheit verkündet habe, die ich von Gott gehört. So etwas hat Abra­ham nicht getan. 41 Ihr tut die Werke eures Vaters. Da sprachen sie zu ihm: Wir sind doch keine Hurenkinder! Wir haben Einen Vater, Gott. 42 Jesus sagte zu ihnen: Wenn Gott euer Vater wäre, so würdet ihr doch mich lieben. Ich bin von Gott ausgegangen und gekommen. Ich bin nämlich nicht von mir selbst gekommen, sondern er hat mich gesandt. 43 Warum versteht ihr meine Rede nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt. 44 Ihr habt den Teufel zum Vater und die Begierden eures Vaters wollt ihr erfüllen. Er war von Anfang an ein Menschenmörder und steht nicht in der Wahrheit, weil in ihm keine Wahrheit ist. Wenn er Lügen redet, redet er aus seinem Eigenen, denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge. 45 Wenn aber ich die Wahrheit rede, so glaubt ihr mir nicht. 46 Wer aus euch kann mich einer Sünde überführen? Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht? 47 Wer aus Gott ist, der hört Gottes Wort. Darum hört ihr es nicht, weil ihr nicht aus Gott seid. 38-47: Mit fast erschreckender Deutlichkeit offenbarte Jesus hier die tiefsten Ursachen der Feindschaft gegen seine Lehre. Wer die Lüge zum Prinzip erhebt, kann nie ein Jünger Christi werden, der die Wahrheit selber ist. Wenn Jesus den Teufel als Vater seiner Feinde bezeichnet, meint er die Geistesverwandtschaft; denn vorher hat er ja Abra­ham als ihren leiblichen Ahnherrn genannt. 48 Da entgegneten die Juden und sagten zu ihm: Sagen wir nicht mit Recht, daß du ein Samariter bist und vom Teufel besessen? 49 Jesus antwortete: Ich bin nicht vom Teufel besessen, sondern ich ehre meinen Vater, ihr aber verunehrt mich. 50 Doch ich suche meine Ehre nicht. Es ist einer da, der sie sucht und richtet. 51 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn einer mein Wort hält, so wird er den Tod in Ewigkeit nicht schauen. 52 Darauf sagten die Juden zu ihm: Nun erkennen wir, daß du von einem bösen Geiste besessen bist. Abra­ham und die Propheten sind gestorben, und du sagst: Wenn einer mein Wort hält, der wird den Tod nicht verkosten in Ewigkeit. 53 Bist du vielleicht größer als unser Vater Abra­ham, der gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben. Zu was machst du dich selbst? 54 Jesus sagte: Wenn ich mich selbst rühme, so ist meine Ehre nichts. Mein Vater ist es, der mich verherrlicht, von dem ihr saget, er sei euer Gott. 55 Doch ihr habt ihn nicht erkannt. Ich aber kenne ihn. Würde ich sagen, ich kenne ihn nicht, so wäre ich ein Lügner, gleich wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte sein Wort. 56 Abra­ham, euer Vater, hat frohlockt, daß er meinen Tag sehen werde. Er sah ihn und freute sich. 56: Schon bei der Geburt Isaaks begann für Abra­ham das Schauen der messianischen Heilszeit. Vom Jenseits her sah er den menschgewordenen Messias in seinem Amt. 57 Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast den Abra­ham gesehen? 58 Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abra­ham ward, bin ich.59 Da hoben sie Steine, um nach ihm zu werfen. Jesus aber verbarg sich und ging aus dem Tempel hinweg. 59: Es wurde immer noch an den Nebenbauten des Tempels gebaut, so daß Steine umherlagen.

 

Jesus und der Blindgeborene

9 Heilung des Blindgeborenen. Im Vorübergehen sah er einen Menschen, der von Geburt an blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder dieser noch seine Eltern haben sich versündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.2-3: Jesus teilt nicht die Auffassung der Juden, jedes Leiden sei Sündenstrafe. Wir müssen die Werke dessen tun, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Nach diesen Worten spuckte er auf den Boden, bereitete mit dem Speichel einen Teig, strich den Teig auf seine Augen und sprach zu ihm: Gehe hin und wasche dich im Teiche Siloe — das heißt übersetzt: Gesandter. Er ging, wusch sich und kam sehend wieder. Da sagten die Nachbarn und die, welche ihn früher gesehen hatten, weil er ein Bettler war: Ist das nicht der, der da saß und bettelte? Die einen sagten: Ja, er ist es, aber andere: Keineswegs, sondern er sieht ihm ähnlich. Er selbst sprach: Ich bin es. 10 Da sagten sie zu ihm: Wie sind dir denn die Augen geöffnet worden? 11 Er entgegnete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sprach zu mir: Gehe an den Siloe und wasche dich. Ich ging, wusch mich und sah. 12 Sie fragten ihn: Wo ist jener? Er erwiderte: Ich weiß es nicht.

 

Verhör des geheilten Blinden durch die Pharisäer. 13 Darauf führten sie den, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. 14 Es war aber Sabbat an dem Tag, an dem Jesus den Teig gemacht und seine Augen geöffnet hatte. 15 Auch die Pharisäer fragten ihn wieder, wie er sehend geworden sei. Er sagte zu ihnen: Er hat mir einen Teig auf die Augen gelegt, ich habe mich gewaschen, und jetzt sehe ich. 16 Da sprachen einige von den Pharisäern: Dieser Mensch, der den Sabbat nicht hält, ist nicht aus Gott. Andere aber meinten: Wie kann ein Sünder solche Wunder tun? So waren die Meinungen geteilt. 17 Darum fragen sie den Blinden aufs neue: Was sagst du von ihm, da er dir doch die Augen geöffnet hat? Er aber antwortete: Daß er ein Prophet ist. 18 Die Juden wollten nun nicht von ihm glauben, daß er blind gewesen und sehend geworden sei. Darum riefen sie die Eltern des geheilten Blinden 18: Wo schlechter Wille ist, kann auch ein offensichtliches Wunder nicht den Glauben wecken. Wie sich die Männer der Behörde drehen und wenden, um an der Wahrheit vorbeizukommen, und wie an dem gesunden Menschenverstand des Geheilten ihre Kunst scheitert, ist köstlich dargestellt. 19 und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, er sei blind geboren? Wie ist er jetzt sehend geworden?20 Seine Eltern erwiderten und sprachen: Wir wissen, daß dies unser Sohn ist und daß er blind geboren ist. 21 Wie er aber jetzt sehend geworden ist, wissen wir nicht, oder wer ihm die Augen geöffnet hat, wissen wir nicht. Fragt ihn selbst! Er ist alt genug. Er selbst mag über sich Auskunft geben. 22 So sagten seine Eltern aus Furcht vor den Juden. Die Juden hatten es nämlich schon abgemacht, wenn jemand ihn als den Messias bekenne, solle er aus der Synagoge ausgeschlossen werden. 23 Aus diesem Grunde sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt ihn selbst. 24 Nun ließen sie den Mann, der blind gewesen war, ein zweites Mal kommen und sprachen zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, daß dieser Mensch ein Sünder ist. 25 Jener erwiderte: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Eines weiß ich, daß ich blind war und jetzt sehe. 26 Sie fragten ihn nun: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? 27 Er antwortete: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht darauf gehört. Was wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden? 28 Da beschimpften sie ihn und sprachen: Magst du sein Jünger sein. Wir aber sind des Moses Jünger. 29 Wir wissen, daß Gott mit Moses geredet hat. Von diesem aber wissen wir nicht, woher er ist. 30 Jener Mensch entgegnete ihnen und sagte: Das ist ja gerade das Wunderliche, daß ihr nicht wisset, woher er ist, und er hat doch meine Augen aufgetan. 31 Wir wissen doch, daß Gott Sünder nicht erhört. Wer aber gottesfürchtig ist und Gottes Willen tut, den erhört er.32 Solange die Welt steht, hat man noch nicht gehört, daß jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. 33 Wenn dieser nicht aus Gott wäre, so hätte er nichts vermocht. 34 Da sagten sie zu ihm: Du bist ganz in Sünden geboren und willst uns belehren? Und sie stießen ihn aus.

 

Der Geheilte wird gläubig. 35 Jesus hörte, daß sie ihn ausgestoßen hatten. Als er ihn traf, fragte er ihn: Glaubst du an den Menschensohn? 36 Jener erwiderte und sagte: Herr, wer ist es, damit ich an ihn glaube? 37 Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn vor Augen. Der mit dir redet, der ist es. 38 Er aber sagte: O Herr, ich glaube, und warf sich vor ihm nieder. 39 Jesus sagte: Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen, damit die, welche nicht sehen, sehen, und die, welche sehen, blind werden. 39: Jesus ist die Sonne der Wahrheit. Das gesunde Auge freut sich ihres Lichtes, das kranke wird geblendet durch eigene Schuld. 40 Das hörten einige Pharisäer, die bei ihm waren, und sagten zu ihm: Sind wir vielleicht auch blind?41 Jesus erwiderte ihnen: Wäret ihr blind, so hättet ihr keine Sünde. Nun aber sprecht ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

 

Gleichnisse

10 Jesus der gute Hirte. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Türe in den Schafstall eintritt, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Türe eintritt, der ist ein Hirt der Schafe. Dem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, er ruft seine eigenen Schafe mit Namen und führt sie hinaus. Hat er seine Schafe herausgelassen, so geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern vor ihm fliehen, denn die Stimme der Fremden kennen sie nicht.Dieses Gleichnis sprach Jesus zu ihnen. Sie aber verstanden nicht, was er ihnen damit sagen wollte. Darum sprach Jesus wieder zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. 7: Es gibt keinen anderen Zugang zum Reiche Gottes als ChristusAlle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber, und die Schafe hörten nicht auf sie. Ich bin die Tür. Wer durch mich eingeht, dem wird geholfen sein. Er wird eingehen und ausgehen und Weide finden.10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu töten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es reichlich haben. 11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte setzt sein Leben ein für die Schafe. 12 Der Mietling aber, der kein Hirte ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, läßt die Schafe im Stich und flieht, und der Wolf fällt die Schafe an und jagt sie auseinander. Der Mietling aber flieht, 13 weil er Mietling ist und ihm nichts an den Schafen liegt. 14 Ich bin der gute Hirt und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, 15 wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne, und ich gebe mein Leben für die Schafe. 16 Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Schafstalle sind. Auch sie muß ich herführen, sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirt werden. 17 Der Vater liebt mich deshalb, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu gewinnen. 1-17: Das Bild des Hirten und seiner Herde kannten die Hörer aus täglicher Anschauung. 18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich gebe es freiwillig hin, ich habe die Macht, es hinzugeben, und habe die Macht, es wieder zu gewinnen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater erhalten. 18: Erlösungstod ist nicht stumme Ergebung eines Kraftlosen in sein Geschick, sondern ganz freie Liebestat. 19 Wegen dieser Reden wurden die Juden wieder uneins. 20 Viele von ihnen aber sagten: Er ist besessen und wahnsinnig, was hört ihr ihn an? 21 Andere sagten: Das sind nicht die Worte eines Besessenen. Kann denn ein böser Geist Blinden die Augen öffnen?

 

Die Rede am Tempelweihfest

Die Einheit des Sohnes mit dem Vater.22 Danach fand das Fest der Tempelweihe in Jerusalem statt. Es war Winter. 23 Da ging Jesus im Tempel in der Halle Salomons umher. 24 Die Juden umringten ihn und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns noch in Unsicherheit? Wenn du der Messias bist, so sage es uns offen. 25 Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubet nicht. Die Werke, die ich im Namen meines Vaters wirke, die geben von mir Zeugnis. 26 Ihr aber glaubet nicht, weil ihr nicht von meinen Schafen seid. 27 Meine Schafe hören meine Stimme, ich kenne sie, und sie folgen mir. 28 Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden in Ewigkeit nicht verlorengehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen. 29 Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand vermag sie der Hand des Vaters zu entreißen. 30 Ich und der Vater sind eins. 31 Da schleppten die Juden wieder Steine herbei, um ihn zu steinigen. 32 Jesus antwortete ihnen: Viele gute Werke habe ich euch von meinem Vater her gezeigt. Für welches dieser Werke steinigt ihr mich? 33 Die Juden erwiderten ihm: Wegen eines guten Werkes steinigen wir dich nicht, sondern wegen der Gotteslästerung, weil du dich selbst zu Gott machst, da du doch ein Mensch bist. 34 Jesus entgegnete ihnen: Steht nicht in eurem Gesetze geschrieben: Ich sprach: Götter seid ihr? (Ps 82,6.) 35 Wenn er also die Götter genannt hat, an welche das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht ungültig werden kann, 36 was sagt ihr dann zu dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst Gott, weil ich sagte: Ich bin Gottes Sohn? 37 Wenn ich die Werke meines Vaters nicht tue, so glaubet mir nicht. 38 Wenn ich sie aber tue und ihr mir nicht glauben wollt, so glaubet doch den Werken, damit ihr erkennet und einsehet, daß der Vater in mir ist und ich im Vater bin. 34-38: Jesus nimmt für sich die Gottessohnschaft im eigentlichen Sinn in Anspruch, nicht nur im moralischen Sinn oder als Adoptivsohn. Er ist gleicher Natur und Wesenheit mit dem Vater. So haben ihn die Gegner verstanden, und so wollte er verstanden sein. 39 Da suchten sie ihn wieder zu ergreifen. Er aber entzog sich ihren Händen.

 

Jesus im Ostjordanland. 40 Und er begab sich wieder über den Jordan an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte. Dort blieb er. 41 Viele kamen zu ihm und sprachen: Johannes hat zwar kein Wunder gewirkt, aber alles, was Johannes von diesem gesagt hat, ist wahr gewesen. 42 Und viele kamen dort zum Glauben an ihn.

 

Jesus und Lazarus

11 Der Tod des Lazarus. Es war aber einer krank, Lazarus aus Bethanien, dem Dorfe Marias und ihrer Schwester Martha. Das war jene Maria, welche den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihren Haaren getrocknet hat. Ihr Bruder Lazarus war nun krank. 1-2: Wäre Marthas Schwester dieselbe Person wie Maria Magdalena, dann hieße Bethanien bei Jerusalem nicht „Dorf Marias“, weil Maria Magdalena ihren Namen von dem Ort Magdala am See Genesareth hat. Maria von Bethanien ist auch nicht die bekehrte Sünderin (Lk 7,36-50), denn diese lebte in einer Stadt Galiläas. Johannes weist hier auf die in Bethanien erfolgte Salbung Jesu durch Maria hin, weil Matthäus und Markus den Namen Marias nicht genannt hatten. Die Schwestern schickten hin und ließen ihm sagen: Herr, siehe, den du liebhast, der ist krank. Als Jesus es hörte, sagte er: Diese Krankheit führt nicht zum Tode, sondern dient zur Ehre Gottes. Der Sohn Gottes soll durch sie verherrlicht werden. Jesus liebte aber die Martha, ihre Schwester Maria und den Lazarus. Da er nun hörte, er sei krank, blieb er noch zwei Tage an dem Orte, wo er war. Erst als diese um waren, spricht er zu den Jüngern: Wir wollen nach Judäa zurückkehren. Die Jünger sagen zu ihm: Meister, eben wollten dich die Juden steinigen, und nun gehst du wieder hin? Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? 10 Wenn jemand bei Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; wenn aber einer bei Nacht umhergeht, stößt er an, weil kein Licht in ihm ist. 11 So sprach er, und danach sagt er zu ihnen: Unser Freund Lazarus schläft. Allein ich gehe hin, um ihn aufzuwecken. 12 Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, wird er gesund werden. 13 Jesus hatte jedoch von seinem Tode gesprochen. Sie aber glaubten, er rede von der Ruhe des Schlafes. 14 Darum sprach Jesus jetzt offen zu ihnen: Lazarus ist gestorben. 15 Ich freue mich um euretwillen, daß ich nicht dort war, damit ihr glaubet. Laßt uns nun zu ihm gehen. 16 Da sagte Thomas, der Zwilling genannt wurde, zu seinen Mitjüngern: Laßt auch uns hingehen, um mit ihm zu sterben.

 

Martha und Maria. 17 Als Jesus ankam, fand er ihn bereits vier Tage im Grabe liegen. 18 Bethanien aber lag nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. 18: Der Weg führt über den Ölberg. Fünfzehn Stadien = 2,7 Kilometer. 19 Viele von den Juden waren zu Martha und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.20 Als nun Martha von der Ankunft Jesu hörte, ging sie ihm entgegen. Maria dagegen blieb zu Hause sitzen. 21 Martha sprach nun zu Jesus: Herr, wärest du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben. 22 Aber auch jetzt weiß ich, daß Gott dir alles geben wird, um was du ihn bittest. 23 Jesus erwidert ihr: Dein Bruder wird auferstehen. 24 Martha sagt zu ihm: Ich weiß, daß er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. 25 Jesus sprach zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist. 26 Und jeder, der im Leben an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Glaubst du das? 27 Sie sagt zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias bist, der Sohn [des lebendigen] Gottes, der in die Welt kommen soll. 21-27: Dieses Zwiegespräch voll tiefster Trostgedanken aus dem Glauben an die Auferstehung verwendet die Kirche als Evangelium in der Meßliturgie am Tage der Beerdigung. Was Jesus hier von sich aussagt, setzt die göttliche Wesenheit seiner Person voraus. 28 Nachdem sie das gesagt hatte, ging sie weg und rief heimlich ihre Schwester Maria mit den Worten: Der Meister ist da und ruft dich. 29 Wie aber jene dies hörte, stand sie schnell auf und kam zu ihm. 30 Jesus aber war noch nicht in das Dorf gekommen, sondern war an dem Orte, wo Martha ihn getroffen hatte, geblieben. 31 Als die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, daß Maria schnell aufstand und hinausging, meinten sie, sie gehe zum Grabe, um dort zu weinen, und folgten ihr. 32 Wie nun Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füße mit den Worten: Herr, wärest du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben. 33 Da Jesus sie und die Juden in ihrer Begleitung weinen sah, wurde er im Innern erschüttert und tief erregt. 34 Er sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie antworten ihm: Herr, komm und sieh! 35 Und Jesus weinte. 36 Da sagten die Juden: Seht, wie lieb er ihn hatte. 37 Einige aus ihnen aber sprachen: Hätte der, welcher die Augen des Blindgeborenen öffnete, nicht auch machen können, daß dieser nicht starb? 37: Der Haß findet in allem einen Grund zum Nörgeln.

 

Jesus erweckt den Lazarus. 38 Jesus erschauert aufs neue in seinem Innern und geht ans Grab. Dies war eine Höhle, und ein Stein lag davor.38: Die seelische Erschütterung Jesu ist nicht nur hervorgerufen durch menschliches Mitleid, sondern durch den Gedanken an die Herrschaft des Todes, an das bevorstehende eigene Todesleiden und an den schlimmsten Tod vieler unter den Zeugen, die im Unglauben vorsätzlich verharren. 39 Jesus sagt: Nehmet den Stein weg! Martha, die Schwester des Verstorbenen, entgegnet ihm: Herr, er riecht schon, denn er ist bereits vier Tage tot. 40 Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, wenn du glaubst, werdest du die Herrlichkeit Gottes sehen? 41 Nun hoben sie den Stein weg. Jesus aber blickte aufwärts und sagte: Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast. 42 Ich wußte zwar, daß du mich immer erhörst, aber wegen des Volkes, das herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, daß du mich gesandt hast. 43 Und nachdem er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! 44 Da kam der Verstorbene heraus. Hände und Füße waren ihm mit Tüchern verbunden, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch umwickelt. Jesus sagt zu ihnen: Macht ihn los und laßt ihn gehen.

 

Wirkung dieses Wunders. 45 Viele von den Juden, die zu Maria [und Martha] gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan, glaubten an ihn. 46 Einige aus ihnen aber gingen zu den Pharisäern und erzählten ihnen, was Jesus getan hatte. 47 Die Oberpriester und Pharisäer beriefen darauf den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir, da dieser Mensch viele Wunder wirkt? 48 Wenn wir ihn so gewähren lassen, so werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die [heilige] Stätte und das Volk wegnehmen. 49 Einer aber von ihnen, namens Kaiphas, der in jenem Jahre Hoherpriester war, sagte zu ihnen: 50 Ihr wisset nichts und bedenket nicht, daß es für euch besser ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht. 51 Das sprach er aber nicht aus sich selbst, sondern da er in jenem Jahre Hoherpriester war, weissagte er, daß Jesus für das Volk sterben werde, 52 und nicht allein für das Volk, sondern auch, um die zerstreuten Kinder Gottes zu sammeln und zu vereinigen. 49-52: Gott benutzt den unwürdigen Träger der Hohenpriesterwürde, um die Allgemeinheit der Erlösung verkünden zu lassen. 53 Von jenem Tage an waren sie entschlossen, ihn zu töten. 54 Jesus bewegte sich darum nicht mehr öffentlich unter den Juden, sondern zog sich in die Gegend nahe bei der Wüste zurück, in eine Stadt, die Ephraim heißt. Dort hielt er sich mit den Jüngern auf. 55 Das Osterfest der Juden aber war nahe. Da zogen viele aus dem Lande vor dem Osterfeste nach Jerusalem hinauf, um die Reinigungsgebräuche mitzumachen. 56 Sie suchten nun Jesus, standen im Tempel zusammen und sagten zueinander: Was meint ihr? Er wird wohl nicht zum Feste kommen? 57 Die Oberpriester und Pharisäer aber hatten Befehle erlassen, wer wisse, wo er sei, habe es anzuzeigen, damit man ihn festnehmen könne.

 

12 Salbung Jesu. Sechs Tage vor dem Osterfeste kam nun Jesus nach Bethanien, wo Lazarus wohnte, den Jesus von den Toten auferweckt hatte. Dort bereiteten sie ihm ein Gastmahl, und Martha bediente, Lazarus aber war einer von denen, die mit ihm zu Tische saßen.Da nahm Maria ein Pfund kostbarer Salbe von echter Narde, salbte die Füße Jesu und trocknete seine Füße mit ihren Haaren ab; das Haus aber wurde von dem Duft der Salbe erfüllt. Einer aber aus seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn verraten sollte, sagt: Warum hat man diese Salbe nicht um dreihundert Denare verkauft und den Armen gegeben?Das sagte er aber nicht, weil ihm an den Armen etwas gelegen war, sondern weil er ein Dieb war, den Beutel führte und von dem, was hineingelegt wurde, unterschlug. Jesus erwiderte: Lasset sie, damit sie dies für den Tag meines Begräbnisses verbrauche. 7: Was Maria tat, hatte prophetischen Sinn. Es war eine Vorwegnahm der Salbung des Leichnams Jesu. Auch dieses Wort Jesu beweist, daß Maria von Bethanien nicht Maria Magdalena ist, denn diese nahm an der Grablegung teil und ging am Ostermorgen wieder zum Grabe, um die Salbung des Leichnams zu vollenden. Arme habt ihr nämlich immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer. 1-8: Vgl. Mt 26,6-13; Mk 14, 3-9. Die Veranstaltung des Gastmahls für den Geächteten war ein mutiges Bekenntnis. Die große Menge der Juden erfuhr, daß er dort sei, und sie kamen nicht allein um Jesu willen, sondern auch, um den Lazarus zu sehen, den er von den Toten auferweckt hatte. 10 Die Oberpriester dachten aber daran, auch den Lazarus zu töten. 11 Denn um seinetwillen gingen viele Juden hin und glaubten an Jesus. 10-11: Die einzige Schuld des Lazarus ist sein erfolgreiches Wirken für Jesus.

 

Jesus in Jerusalem

Einzug in Jerusalem. 12 Am andern Tage ging die große Menge, die zum Feste gekommen war und gehört hatte, daß Jesus nach Jerusalem komme, 13 ihm mit den Palmzweigen entgegen und rief. Hosanna! Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König Israels! 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht: 15 Fürchte dich nicht, Tochter Sion! Siehe, dein König kommt, sitzend auf dem Füllen einer Eselin (Zach 9, 9). 16 Dies verstanden seine Jünger anfangs nicht. Aber als Jesus verherrlicht war, da erinnerten sie sich, daß dies von ihm geschrieben war und daß sie dies an ihm getan hatten. 17 Das Volk, das bei ihm gewesen war, als er den Lazarus aus dem Grabe gerufen und ihn von den Toten auferweckt hatte, legte Zeugnis davon ab. 18 Deshalb zog ihm auch die Volksmenge entgegen, weil sie gehört hatte, er habe dieses Wunderzeichen gewirkt. 19 Die Pharisäer aber sprachen zueinander: Da seht ihr, daß ihr nichts ausrichtet; siehe, die [ganze] Welt ist ihm nachgelaufen. 12-19: Vgl. Mt 21,1-11; Mk 11,1-10; Lk 19,29-44.

 

Letzte Rede Jesu im Tempel. 20 Es waren aber unter denen, die hinaufgezogen waren, um am Feste anzubeten, einige Griechen. 21 Diese gingen zu Philippus, der aus Bethsaida in Galiläa war und baten ihn: Herr, wir möchten Jesus sehen. 22 Philippus geht und sagt es dem Andreas, und Andreas und Philippus melden es Jesus. 20-22: Diese Griechen waren Heiden, denen das Heidentum nicht mehr genügte. Als ehrliche Sucher nach der Wahrheit läßt Gott sie den Weg zu Christus finden. 23 Jesus aber erwidert ihnen und sagt: Die Stunde ist gekommen, daß der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. 25 Wer sein Leben liebt, verliert es, wer aber sein Leben in dieser Welt haßt, der wird es für das ewige Leben bewahren. 24-25: Was Jesus von sich sagt, gilt auch für die Seinen.26 Wenn jemand mir dienen will, der folge mir nach, und wo ich bin, da soll auch mein Diener sein. Wenn jemand mir dient, den wird mein Vater ehren. 27 Nun ist meine Seele erschüttert, und was soll ich sagen? Vater, rette mich aus dieser Stunde? Doch deshalb bin ich in diese Stunde eingetreten: 27: Das schwerste Leid nimmt der Erlöser mutig auf sich, weil er dadurch den Vater verherrlicht. 28 Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. 29 Das Volk, das dastand und dies hörte, sprach, es habe gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat mit ihm geredet.30 Jesus aber antwortete und sagte: Nicht um meinetwillen ist diese Stimme gekommen, sondern um euretwillen. 31 Jetzt ist das Gericht dieser Welt. Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen. 32 Ich aber, wenn ich erhöht sein werde von der Erde, werde alle zu mir ziehen. 32: Für niemand schlagen so viele Herzen wie für Christus. Sich bewußt seiner Liebe entziehen, bedeutet schwerste Schuld. 33 Das aber sagte er, um die Art seines Todes anzudeuten. 34 Das Volk erwiderte ihm: Wir haben aus dem Gesetze gehört, daß der Messias ewig bleibe. Wie sagst du nun: Der Menschensohn muß erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? 35 Da sagt Jesus zu ihnen: Noch eine kleine Weile ist das Licht unter euch. Geht euren Weg, solange ihr das Licht habet, damit die Finsternis euch nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, weiß nicht, wo er hingeht. 36 Glaubet an das Licht, solange ihr das Licht habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Also sprach Jesus. Dann ging er weg und verbarg sich vor ihnen.

 

Rückblick auf die Wirksamkeit. 37 Obwohl er aber so viele Wunder vor ihnen gewirkt hatte, glaubten sie nicht an ihn. 38 So sollte das Wort des Propheten Isaias in Erfüllung gehen, das er gesprochen hat: O Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt? Und wem ist der Arm des Herrn offenbar gemacht? (Is 53, 1.) 39 Sie konnten nicht glauben, denn wiederum hat Isaias gesagt: 40 Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verhärtet, daß sie nicht sehen mit ihren Augen und nicht einsehen mit ihrem Herzen noch sich bekehren, und ich sie heile (Is 6,9. 10).41 So sagte Isaias, da er seine Herrlichkeit schaute, und von ihm hat er gesprochen. 42 Doch glaubten selbst viele von den Ratsherren an ihn, nur bekannten sie es der Pharisäer wegen nicht offen, um nicht aus der Synagoge gestoßen zu werden. 43 Denn sie schätzten die Ehre bei den Menschen höher als die Ehre bei Gott. 37-43: Das Geheimnis der Gnade und das Geheimnis der Bosheit hat von jeher die denkenden Menschen beschäftigt. Jedem wird die hinreichende Gnade angeboten (38). Lehnt er sie stolz ab, dann verfällt er durch eigene Schuld in Verstocktheit. Der übernatürliche Lebenskeim stirbt in ihm ab.

 

Jesu göttliche Sendung. 44 Jesus aber rief mit lauter Stimme: Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. 45 Und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat. 46 Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. 47 Wenn jemand meine Worte hört, aber nicht befolgt, so richte nicht ich ihn. Denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu retten. 48 Wer mich ablehnt und meine Worte nicht annimmt, der hat seinen Richter. Das Wort, das ich gesprochen habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage. 49 Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir geboten, was ich reden und verkünden soll. 50 Und ich weiß, sein Gebot ist ewiges Leben. Was ich also rede, rede ich so, wie es mir der Vater gesagt hat. 44-50: Wer Christus verneint, verneint Gott; denn Christus und der Vater sind eins.

 

Jesu Selbstoffenbarung im Kreise der Seinen

 

Abschiedsfeier

13 Fußwaschung. Das Osterfest war nahe. Jesus wußte, daß seine Stunde gekommen sei, da er aus dieser Welt zum Vater gehen sollte; und da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, so liebte er sie bis ans Ende. Das Abendmahl hatte begonnen, und schon hatte der Teufel dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, ins Herz gegeben, ihn zu verraten. Jesus wußte, daß der Vater alles in seine Hände gegeben hatte, daß er von Gott aus gegangen sei und zu Gott zurückkehre. So steht er vom Mahle auf, legt sein Oberkleid ab, nahm ein Linnentuch und band es sich um. Darauf gießt er Wasser in ein Becken und fing an, die Füße der Jünger zu waschen und mit dem Tuche, womit er umgürtet war, abzutrocknen. So kommt er zu Simon Petrus; der aber sagt ihm: Herr, du willst mir die Füße waschen? Jesus erwiderte und sagte zu ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht, wirst es aber nachher verstehen. Petrus sagt zu ihm: In Ewigkeit sollst du mir die Füße nicht waschen. Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, wirst du keine Gemeinschaft mit mir haben. Da sagt Simon Petrus zu ihm: Herr, nicht allein meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. 10 Jesus sagt zu ihm: Wer ein Bad genommen, hat nur nötig, die Füße zu waschen, sonst ist er ganz rein. Auch ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Denn er wußte, wer ihn verraten würde, darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. 12 Nachdem er ihnen nun die Füße gewaschen und sein Oberkleid genommen hatte, ließ er sich wieder nieder und sagte zu ihnen: Versteht ihr, was ich euch getan habe? 13 Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr sprecht recht, denn ich bin es. 14 Wenn nun ich, der Herr und der Meister, eure Füße gewaschen habe, dann müsset auch ihr einander die Füße waschen. 15 Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr tuet, wie ich euch getan habe. 14-15: Jesus fordert nicht die Wiederholung der gleichen äußeren Handlung, sondern die Betätigung der gleichen demütigen Liebe. Erst die Gesinnung gibt den „religiösen Übungen“ Wert. 16 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr, noch der Gesandte größer als der ihn gesandt hat. 17 Wenn ihr dies wisset so seid ihr selig, wenn ihr es tut. 17: Christentum ist kein bloßes Wissen um Christus, sondern Christusnachfolge in der Tat. 18 Nicht von euch allen rede ich. Ich weiß, wen ich erwählt habe; allein die Schrift muß erfüllt werden: Der mein Brot ißt, hat seine Ferse gegen mich erhoben. 19 Schon jetzt sage ich es euch, ehe es geschieht, damit ihr glaubet, wenn es geschehen ist, daß ich es bin. 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer einen aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf. Wer aber mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.

 

Entlarvung des Verräters. 21 Nachdem Jesus dies gesprochen hatte, wurde er im Geiste erschüttert und beteuerte: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten. 22 Da schauten die Jünger einander an, ratlos, wen er meine. 23 Einer von seinen Jüngern aber, der, den Jesus liebte, ruhte an der Brust Jesu. 24 Diesem winkt Simon Petrus und sagt zu ihm: Frage, wer es ist, den er meint. 25 Darauf lehnte sich dieser so [ohne Umstände] an die Brust Jesu und sagte zu ihm: Herr, wer ist es? 26 Jesus antwortet: Der ist's, dem ich den Bissen eintunken und reichen werde. Darauf tunkt er den Bissen ein und gibt ihn dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sagt Jesus zu ihm: Was du tun willst, das tue gleich.28 Niemand von den Tischgenossen verstand aber, warum er so zu ihm sagte. 29 Denn einige meinten, weil Judas die Kasse führte, habe Jesus ihm sagen wollen: Kaufe, was wir zum Feste brauchen, oder er solle den Armen etwas geben. 30 Als nun jener den Bissen genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht. 30: Bei der Eucharistiefeier war Judas nicht mehr zugegen 26-30: Beim Ostermahl war eine Tunke aus verschiedenen Früchten vorgeschrieben, Charoset genannt. Wenn der Vorsitzende einem Tischgenossen einen Bissen eintunkte und reichte, galt das als Ehrung wie bei uns das Erheben des Glases und das Zutrinken.

 

Abschiedsreden

Das neue Gebot. 31 Als er hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. 32 Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, so wird Gott auch ihn in sich selbst verherrlichen, und er wird ihn alsbald verherrlichen. 33 Kindlein, nur noch eine kleine Weile bin ich bei euch. Ihr werdet mich suchen, aber was ich den Juden sagte, das sage ich jetzt auch euch: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. 34 Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebet, so, wie ich euch geliebt habe, sollt auch ihr einander lieben.34 Die Nächstenliebe ist zwar schon im Gesetz des Alten Bundes vorgeschrieben, aber wegen des weiteren Umfanges, des reicheren Inhaltes. des höheren Grades und der tieferen Begründung kann Christus von einem neuen Gebot, von „seinem Gebot“ sprechen. 35 Daran sollen alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe zueinander habt.

 

Jesus weissagt die Verleugnung des Petrus.36 Da spricht Simon Petrus zu ihm: Herr, wo gehst du hin? Jesus entgegnete: Wo ich hingehe, kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst aber später folgen. 37 Petrus sagt zu ihm: Herr, weshalb kann ich dir jetzt nicht folgen? Ich will mein Leben für dich hingegeben. 38 Jesus erwidert: Du willst dein Leben für mich hingeben? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, ehe du mich dreimal verleugnet hast.

 

Erste Trostrede

14 Euer Herz erschrecke nicht. Ihr glaubet an Gott, glaubet auch an mich! Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Wäre es nicht so, so hätte ich es euch gesagt. Denn ich gehe hin, euch ein Heim zu bereiten. Wenn ich hingegangen bin und euch ein Heim bereitet habe, so komme ich wieder und will euch zu mir nehmen, damit ihr auch seiet, wo ich bin. Wohin ich gehe, wisset ihr und kennt auch den Weg. Da sagt Thomas zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, wie können wir den Weg wissen?Jesus antwortete ihm: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als durch mich. Hättet ihr mich erkannt, so würdet ihr auch meinen Vater kennen. Von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. Philippus sagt zu ihm: Herr, zeige uns den Vater und es genügt uns. Jesus erwidert ihm: So lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt? Philippus, wer mich gesehen hat, hat auch den Vater gesehen. Wie kannst du da sagen: Zeige uns den Vater? 10 Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir aus, vielmehr tut der Vater, der in mir bleibt, seine Werke. 11 Glaubet mir, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist. Wenn nicht, dann glaubet doch um der Werke selbst willen. 10-11: Vater und Sohn sind eins in der Wesenheit, die der Vater in ewiger Zeugung dem Sohne schenkt.

 

12 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird auch selber die Werke, die ich wirke, vollbringen, ja er wird noch größere tun als diese; denn ich gehe zum Vater. 12: Nach dem Heimgang des Sohnes zum Vater werden die Jünger das Werk Christi mit wachsendem Erfolg fortsetzen. 13 Und ich werde tun, um was immer ihr [den Vater] in meinem Namen bitten werdet, damit der Vater im Sohne verherrlicht werde. 13: Im Namen Jesu heißt, in der lebendigen Einheit mit Jesus bitten, wie sie durch Gnade geschaffen wird. 14 Ich werde tun, um was ihr mich in meinem Namen bitten werdet. 15 Wenn ihr mich liebet, so haltet meine Gebote. 16 Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen andern Beistand geben, der ewig bei euch bleiben soll, 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 1-17, 26: Die Abschiedsreden Jesu mit dem hohenpriesterlichen Gebet gehören zu den schönsten Teilen der Heiligen Schrift. Sie gewähren uns tiefen Einblick in das Herz des Erlösers und sind eine unerschöpfliche Trostquelle für jedes gläubige Menschenherz. 18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. 19 Noch eine kleine Weile, und die Welt sieht mich nicht mehr. Ihr aber sehet mich, denn ich lebe, und ihr werdet leben. 20 An jenem Tage werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. 21 Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. Wer aber mich liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. 22 Da sagt zu ihm Judas, nicht der Iskariot: Herr, was ist geschehen, daß du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt? 23 Jesus erwiderte und sagte zu ihm: Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. 24 Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht. Das Wort aber, das ihr höret, ist nicht mein, sondern dessen Wort, der mich gesandt hat, des Vaters.

 

Verleihung des Friedens. 25 Dies habe ich zu euch geredet, da ich noch bei euch bin. 26 Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. 27 Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht! 28 Ihr habt gehört, daß ich euch sagte: Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Wenn ihr mich liebtet, so würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe, denn der Vater ist größer als ich. 28 Der Sohn ist Gott wie der Vater; aber als Mensch ist er dem Vater untergeordnet. 29 Nun habe ich es euch gesagt, ehe es geschieht, damit ihr glaubet, wenn es geschieht. 30 Nicht mehr vieles werde ich mit euch reden. Denn es kommt der Fürst dieser Welt, aber an mir hat er keinen Teil. 31 Die Welt aber soll erkennen, daß ich den Vater liebe und tue, wie mir der Vater geboten hat. Stehet auf, laßt uns von hinnen gehen!

 

Zweite Trostrede

15 Jesus der wahre Weinstock. Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibet in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe von sich selbst keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibet. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt viele Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun. Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er wie ein Rebzweig hinausgeworfen, und er verdorrt. Man liest sie auf, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, so möget ihr bitten, um was ihr nun wollt, und es wird euch zuteil werden. Dadurch ist mein Vater verherrlicht, daß ihr viele Frucht bringt und euch als meine Jünger erweist. 1-8 Die absolute Notwendigkeit der gnadenvollen Lebensgemeinft mit Christus wird in diesem Gleichnis klar gelehrt.

 

Das Gebot der Liebe. Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibet in meiner Liebe! 10 Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. 11 Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde. 11: Trotz aller Leiden ist die Religion Jesu die reichste Freudenquelle. Für den leiden zu dürfen, mit dem uns innigste Liebe verbindet, beglückt. 12 Das ist mein Gebot, daß ihr einander liebet, wie ich euch geliebt habe. 13 Eine größere Liebe hat niemand, als die, daß er sein Leben für seine Freunde hingibt. 14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch heiße. 15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles geoffenbart, was ich von meinem Vater gehört habe. 16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestellt, daß ihr hingeht und Frucht bringet und eure Frucht daure, damit der Vater euch alles gebe, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. 16: Berufung ist Gnade. Auserwähltenstolz ist Torheit. 17 Dies trage ich euch auf: Liebet einander!

 

Schicksal der Jünger. 18 Wenn die Welt euch haßt, so wisset, daß sie mich vor euch gehaßt hat. 19 Wäret ihr von der Welt, so würde die Welt das ihrige lieben. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch von der Welt auserwählt habe, darum haßt euch die Welt.20 Gedenket des Wortes, das ich zu euch gesprochen habe: Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie auch das eure halten. 21 Dies alles aber werden sie euch um meines Namens willen antun, weil sie den, der mich gesandt hat, nicht kennen. 18 ff: Die Leidensgemeinschaft mit Christus gehört notwendig zur Lebensgemeinschaft mit ihm, solange der Kampf zwischen Gut und Böse noch nicht beendet ist. 22 Wäre ich nicht gekommen und hätte nicht zu ihnen geredet, so hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde.23 Wer mich haßt, der haßt auch meinen Vater. 24 Wenn ich unter ihnen nicht die Werke getan hätte, die kein anderer je tat, so hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie diese gesehen und hassen trotzdem mich und meinen Vater. 25 Aber es mußte das Wort erfüllt werden, das in ihrem Gesetze geschrieben steht: Sie haben mich gehaßt ohne Grund (Ps 25,19).26 Wenn aber der Beistand kommen wird, den ich vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird von mir Zeugnis geben. 27 Und auch ihr gebt Zeugnis, weil ihr von Anfang an bei mir seid.

 

16 Dieses habe ich zu euch geredet, damit ihr keinen Anstoß nehmt. Sie werden euch aus den Synagogen ausstoßen, ja es kommt die Stunde, da jeder, der euch tötet, glaubt, Gott einen [heiligen] Dienst zu leisten. Solches werden sie euch antun, weil sie weder den Vater noch mich kennen. 4a Dies habe ich zu euch geredet, damit ihr daran denket, daß ich es euch gesagt habe, wenn die Stunde dafür kommt. 4b Von Anfang an habe ich euch das nicht gesagt, weil ich bei euch war. Nun aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du? Sondern die Traurigkeit hat euer Herz erfüllt, weil ich euch dies gesagt habe.

 

Der Trost des Heiligen Geistes. Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich hingehe; denn, wenn ich nicht hingehe, so wird der Beistand nicht zu euch kommen. Wenn ich aber hingehe, so werde ich ihn zu euch senden. Wenn jener kommt, wird er die Welt überführen von der Sünde und von der Gerechtigkeit und vom Gerichte. Von der Sünde, weil sie nicht an mich geglaubt haben. 10 Von der Gerechtigkeit, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr sehen werdet. 11 Von dem Gerichte aber, weil der Fürst dieser Welt gerichtet ist. 8-11: Der Heilige Geist setzt das Werk Christi fort. In seinem Lichte muß die Welt erkennen, daß es Sünde ist, Christus abzulehnen, der die gerechteste Sache auf Erden vertreten hat und doch gekreuzigt wurde. Ein strenges Gericht ist die notwendige Folge. 12 Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen. 13 Doch wenn jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit einführen. Denn er wird nicht von sich aus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. 14 Er wird mich verherrlichen, denn er wird von dem Meinigen nehmen und es euch verkünden. 15 Alles, was der Vater hat, ist mein. Darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem Meinigen und wird es euch verkünden. 13-15: Der Vater hat die göttliche Wesenheit und damit alle Wahrheit ewig aus sich selbst, der Sohn empfängt sie in der ewigen Zeugung vom Vater, der Heilige Geist durch den ewigen Ausgang aus dem Vater und dem Sohne.

 

Trennung und Wiedersehen. 16 Eine kleine Weile, und ihr seht mich nicht mehr, und wiederum eine kleine Weile, und ihr werdet mich wiedersehen, [denn ich gehe zum Vater.] 17 Da sagten einige Jünger zueinander: Was heißt das, was er zu uns sagt: Eine kleine Weile, und ihr seht mich nicht mehr, und wieder eine kleine Weile, und ihr werdet mich wiedersehen? Und: Ich gehe zum Vater? 18 Sie sprachen also: Was heißt das, was er sagt: Eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet.19 Jesus merkte, daß sie ihn fragen wollten, und sagte zu ihnen: Ihr fragt euch untereinander darüber, daß ich sprach: Eine kleine Weile, und ihr sehet mich nicht mehr, und wiederum eine kleine Weile, und ihr werdet mich wiedersehen. 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und wehklagen, die Welt aber wird sich freuen. Ihr werdet trauern, aber eure Trauer wird sich in Freude verwandeln. 21 Die Frau ist traurig, wenn sie gebären soll, weil ihre Stunde gekommen ist; hat sie aber das Kind geboren, so denkt sie nicht mehr an die Pein aus Freude darüber, daß ein Mensch zur Welt geboren ward. 21: Jede christliche Frau darf in den Mühen und Beschwerden der Mutterschaft Trost und Kraft aus der Tatsache schöpfen, daß der Sohn Gottes in dieser weihevollen Stunde durch den Hinweis auf ihr Leid und ihre Freude seine Jünger ermutigt hat. 22 Auch ihr seid jetzt traurig, ich werde euch aber wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude wird euch niemand nehmen. 23 An jenem Tage werdet ihr mich nach nichts mehr fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bittet, wird er es euch geben in meinem Namen. 23: Das Bitten hört auf, wenn die Stunde der beseligenden Erfüllung anbricht. Dann wird das Beten zum jubelnden Preis und Dank. 24 Bisher habt ihr um nichts in meinem Namen gebeten. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen sei. 25 Dieses habe ich in Bildreden zu euch geredet. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildreden zu euch reden, sondern euch offen vom Vater Kunde geben werde. 26 An jenem Tage werdet ihr in meinem Namen bitten, und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten werde. 27 Denn der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und geglaubt habt, daß ich von Gott ausgegangen bin.

 

Blick in die Zukunft. 28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen. Ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater. 29 Da sagen seine Jünger: Siehe, jetzt redest du offen und sprichst nicht mehr bildlich. 30 Jetzt wissen wir, daß du alles weißt und nicht nötig hast, daß dich jemand frage. Darum glauben wir, daß du von Gott ausgegangen bist. 31 Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubet ihr? 32 Sehet, es kommt die Stunde, ja, sie ist schon gekommen, daß ihr zerstreut werdet, ein jeder in sein Obdach, und mich allein lasset. Ich aber bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. 33 Das habe ich euch gesagt, auf daß ihr Frieden in mir habet. In der Welt habt ihr Drangsal, doch seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.

 

Das hohepriesterliche Gebet

17 Jesu Gebet für sich. Nach diesen Worten erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche. So wie du ihm Macht gabst über alles Fleisch (= über alle Menschen), damit er allem, was du ihm gegeben hast, ewiges Leben gebe. Das aber ist das ewige Leben, daß sie dich, den allein wahren Gott, erkennen, und den du gesandt hast, Jesus Christus. Ich habe dich auf Erden verherrlicht, indem ich das Werk vollendete, das du mir zu tun aufgetragen hast. Jetzt verherrliche auch du mich, o Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehedem die Welt war.

 

Jesu Gebet für die Jünger. Ich habe deinen Namen den Menschen geoffenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben, und dein Wort haben sie bewahrt. Nun haben sie erkannt, daß alles, was du mir gabst, von dir ist. Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben, und sie nahmen sie an und haben wahrhaftig erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und geglaubt, daß du mich gesandt hast. Ich bitte für sie. Nicht für die Welt bitte ich, sondern für sie, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein. 9: Jesus hat bei vielen Gelegenheiten für die gottentfremdete Welt gebetet, auch noch am Kreuze. Aber in der Abschiedsstunde von den Seinen stehen diese seinem Herzen am nächsten. 10 Und alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein. und ich bin in ihnen verherrlicht. 11 Ich bin nicht mehr in der Welt, sie aber sind in der Welt, während ich zu dir komme. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, auf daß sie eins seien, so wie wir. 12 Solange ich bei ihnen war, habe ich sie bewahrt in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ist verlorengegangen außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde. 13 Jetzt aber komme ich zu dir und spreche dies in der Welt, damit sie meine Freude vollkommen in sich haben. 14 Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehaßt, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin. 15 Ich bitte nicht, du mögest sie von der Welt wegnehmen, sondern daß du sie vor dem Bösen bewahrest. 16 Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. 17 Heilige sie in der Wahrheit. Dein Wort ist Wahrheit. 18 Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich auch sie in die Welt gesandt. 19 Und für sie weihe ich mich selbst, damit auch sie geweiht seien in Wahrheit.

 

Gebet für alle Gläubigen. 20 Doch nicht nur für sie bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben, 21 damit alle eins seien, wie du, o Vater, in mir und ich in dir, so sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast. 22 Ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie eins seien, wie wir eins sind: 23 Ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien, damit die Welt erkenne, daß du mich gesandt und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast. 24 Vater, ich will, daß die, welche du mir gegeben hast, dort bei mir seien, wo ich bin, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast. Denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt. 25 Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, aber ich habe dich erkannt, und diese haben erkannt, daß du mich gesandt hast. 26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgemacht und werde ihn kundmachen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen. 20-26: Unsere Einheit mit Christus und untereinander soll jener Einheit des Wesens gleichen, die Gott dem Vater und dem Sohn ewig eigen ist 1-26: Bevor Christus als Hoherpriester sich selbst zum Opfer brachte, hat er diesen unvergleichlichen „Introitus“ gesprochen, zugleich das ergreifende Abendgebet seines Lebens. Der ewige Vater möge die Früchte des Erlösungsopfers dem Erlöser selbst (1-5), den Jüngern (6-19) und allen Erlösten (20-26) zuwenden.

 

Jesu Leiden und Tod

18 Jesu Gefangennahme. Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus über den Winterbach Kedron. Dort war ein Garten, in den er mit seinen Jüngern hineinging. Es kannte aber auch Judas, der Verräter, den Ort, denn Jesus war mit seinen Jüngern dort oft zusammengekommen. Judas hatte nun die Kohorte sowie von den Oberpriestern und Pharisäern Knechte erhalten und geht dorthin mit Laternen, Fackeln und Waffen. Jesus aber, der alles wußte, was über ihn kommen sollte, trat vor und spricht zu ihnen: Wen suchet ihr? Sie erwiderten ihm: Jesus von Nazareth. Er sagt zu ihnen: Ich bin es. Aber auch Judas, sein Verräter, stand bei ihnen. Da er ihnen nun sagte: Ich bin es, wichen sie zurück und fielen zu Boden. Wiederum fragte er sie: Wen suchet ihr? Sie aber sagten: Jesus von Nazareth. Jesus erwiderte: Ich habe euch gesagt, daß ich es bin. Wenn ihr also mich suchet, so lasset diese gehen. So sollte das Wort erfüllt werden, das er gesprochen hatte: Von denen, die du mir gegeben hast, habe ich keinen verlorengehen lassen. 10 Da nun Simon Petrus ein Schwert bei sich hatte, zog er es heraus, schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab. Der Knecht aber hieß Malchus. 11 Da sprach Jesus zu Petrus: Stecke dein Schwert in die Scheide. Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir der Vater gereicht hat?

 

Jesus vor Annas und Kaiphas — Verleugnung des Petrus. 12 Die Kohorte, der Oberst und die Knechte der Juden ergriffen nun Jesus und banden ihn. 13 Sie führten ihn zuerst zu Annas; denn dieser war der Schwiegervater des Kaiphas, des Hohenpriesters in jenem Jahr. 13: Annas war früher ebenfalls Hoherpriester und besaß noch großen Einfluß. 14 Kaiphas aber war es, der den Juden den Rat gegeben hatte, es sei besser, daß ein einzelner Mensch für das Volk sterbe. 1-14: Vgl. Mt 26,36. 47-56; Mk 14,32. 43-52; Lk 22,39. 47-53. 15 Simon Petrus aber und ein anderer Jünger folgten Jesus. Jener Jünger aber war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus in den Vorhof des Hohenpriesters hinein. 15: Der ungenannte Jünger scheint der Evangelist Johannes selbst gewesen zu sein. 16 Petrus aber stand draußen an der Türe. Da ging der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, hinaus, sprach mit der Türhüterin und führte den Petrus hinein. 17 Da sagt die Magd an der Türe zu Petrus: Gehörst nicht auch du zu den Jüngern dieses Menschen? Der sagt: Nein. 18 Die Knechte und Gerichtsdiener aber, die wegen der Kälte ein Kohlenfeuer angezündet hatten, standen da und wärmten sich. Zu ihnen hatte sich auch Petrus hingestellt, um sich zu wärmen. 19 Nun verhörte der Hohepriester Jesus über seine Jünger und über seine Lehre. 20 Jesus erwiderte ihm: Ich habe öffentlich zur Welt geredet. Ich habe stets in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden sich versammeln, und im verborgenen habe ich nichts gesprochen. 21 Was fragst du mich? Frage die, die es gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe. Siehe, diese wissen, was ich gesagt habe. 22 Als er aber dies gesagt hatte, gab einer der Knechte, der dabei stand, Jesus einen Backenstreich und sprach: Antwortest du so dem Hohenpriester? 23 Jesus entgegnete ihm: Habe ich unrecht geredet, so beweise es, daß es unrecht war, habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich? 23: Jesu Verhalten zeigt, daß seine Mahnung in der Bergpredigt (Mt 5,39) nicht für alle Fälle gilt. 24 Nun schickte ihn Annas gebunden zum Hohenpriester Kaiphas. 25 Simon Petrus aber stand da und wärmte sich. Nun sprachen sie zu ihm: Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern? Er leugnete und sprach: Ich bin es nicht. 26 Da sagt einer von den Knechten des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: Habe ich dich nicht im Garten bei ihm gesehen? 27 Wiederum leugnete Petrus, und sogleich krähte der Hahn. 12-27: Vgl. Mt 26,57-75; Mk 14,53-72; Lk 22,54-71.

 

Vor dem römischen Richter. 28 Von Kaiphas führen sie dann Jesus in das Gerichtshaus. Es war aber frühmorgens. Sie selber gingen nicht in das Gerichtshaus hinein, damit sie sich nicht verunreinigten, sondern das Ostermahl essen könnten. 28: Da Jesus nach dem Berichte der älteren Evangelien bereits am Abend vorher das rituelle Osterlamm gegessen hat, so ist hier an ein anderes heiliges Festmahl zu denken; oder die Tage des Monates Nisan konnten in jenem Jahre wegen unbestimmter Neumondsbeobachtung verschieden gezählt werden. Vgl. Bemerkung zu 19,31. 29 Darum kam Pilatus zu ihnen heraus und sagt: Welche Anklage habt ihr gegen diesen Menschen vorzubringen? 30 Sie entgegneten und sagten zu ihm: Wenn dieser kein Übeltäter wäre, so hätten wir ihn nicht vor dich gebracht. 31 Pilatus sprach darauf zu ihnen: So nehmet ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetze. Da sagten die Juden zu ihm: Uns ist nicht gestattet, jemanden zu töten. 31: Ein Todesurteil durfte nur mit Genehmigung der römischen Behörde vollstreckt werden. 32 So sollte das Wort erfüllt werden, das Jesus gesprochen hatte, um anzudeuten, welches Todes er sterben werde. 33 Pilatus ging also wieder in das Gerichtshaus hinein, rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der König der Juden? 34 Jesus antwortete: Sagst du dies aus dir selbst, oder haben andere über mich bei dir geredet? 35 Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die Oberpriester haben dich mir überliefert. Was hast du getan? 36 Jesus erwiderte: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so hätten meine Dienstleute gekämpft, damit ich den Juden nicht überliefert würde. Nun aber ist mein Reich nicht von hier. 37 Da sprach Pilatus zu ihm: Also bist du ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren, und dazu bin ich in die Welt gekommen, daß ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme. 38 Pilatus sagt zu ihm: Was ist Wahrheit? Nach diesen Worten ging er wieder zu den Juden hinaus und sagt zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. 37-38: Dieses feierliche Selbstzeugnis für Christi Königtum ist uns ebenso wie die Verse 31-33 durch ein Blatt aus der ältesten bisher entdeckten Bibelhandschrift des Neuen Testamentes erhalten geblieben, noch nicht fünfzig Jahre nach Abfassung des Evangeliums geschrieben, und zwar in Ägypten. 39 Es ist aber bei euch Brauch, daß ich euch auf das Osterfest einen freilasse. Wollt ihr also, daß ich euch den König der Juden freilasse? 40 Da schrien sie wieder und riefen: Nicht diesen, sondern den Barabbas. Barabbas aber war ein Räuber.

 

19 Geißelung und Dornenkrönung. Hierauf nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen, setzten sie ihm aufs Haupt und bekleideten ihn mit einem Purpurmantel. Sie traten zu ihm hin und sagten: Sei gegrüßt, du König der Juden, und schlugen ihm ins Angesicht. Danach trat Pilatus aufs neue hinaus und sagt zu ihnen: Seht, ich führe ihn euch heraus, damit ihr erkennet, daß ich keine Schuld an ihm finde. Jesus kam nun heraus und trug die Dornenkrone und den Purpurmantel. Pilatus sagt zu ihnen: Ecce homo! Sehet, welch ein Mensch! Da die Oberpriester und die Diener ihn erblickten, schrien sie: Kreuzige, kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen: So nehmt ihr ihn und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm. Da entgegneten ihm die Juden: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben, denn er hat sich selbst zum Sohne Gottes gemacht. Da nun Pilatus dieses Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr. 8: Die Furcht des Pilatus wächst durch den Aberglauben. Die Heiden erzählten sich von Göttern, die auf Erden erschienen seien und sich an denen rächten, die sie nicht gut aufgenommen hatten. Er ging in das Gerichtshaus zurück und sagt zu Jesus: Wo bist du her? Jesus aber gab ihm keine Antwort. 10 Da sagt Pilatus zu ihm: Du sprichst nicht mit mir? Weißt du nicht, daß ich Macht habe, dich freizusprechen, und Macht, dich zu kreuzigen? 11 Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben worden wäre. Darum hat der, welcher mich überliefert hat, eine größere Sünde. 11: Der Gottessohn bettelt nicht um die Gunst des Richters, sagt ihm sogar, sein Nachgeben sei Sünde, wenn auch die Schuld der Juden größer ist.

 

Todesurteil gegen Jesus. 12 Auf dieses hin suchte ihn Pilatus freizulassen. Die Juden aber schrien: Wenn du diesen freilässest, bist du kein Freund des Kaisers, jeder, der sich zum Könige macht widersetzt sich dem Kaiser. 13 Da nun Pilatus diese Worte hörte, ließ er Jesus herausführen und setzte sich auf den Richterstuhl an dem Platz, der Lithostrotos, auf hebräisch aber Gabbatha heißt. 13: Pilatus war schon früher beim Kaiser verklagt worden wegen unnötiger Verletzung des religiösen Empfindens der Juden. Bei erneuter Klage fürchtet er die kaiserliche Gunst ganz zu verlieren. 14 Es war aber der Rüsttag des Osterfestes, um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Seht, euer König! 15 Da schrien jene: Hinweg, hinweg! Kreuzige ihn! Pilatus entgegnet: Euren König soll ich kreuzigen? Die Oberpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser. 18,28-19,15: Vgl. Mt 27,11-31; Mk 15,1-20, Lk 23,1-25.

 

Kreuzigung Jesu. 16a Jetzt übergab er ihnen Jesus zur Kreuzigung. 16b Sie übernahmen also Jesus, 17 und er ging, indem er sich selbst das Kreuz trug, hinaus zur sogenannten Schädelstätte, die hebräisch Golgotha heißt. 17: Der Golgothahügel lag damals außerhalb der Stadtmauern; heute liegt er fast in der Mitte der später neugebauten Stadt. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere rechts und links von ihm, Jesus aber in der Mitte. 19 Pilatus hatte auch eine Aufschrift abgefaßt und oben am Kreuz anheften lassen. Sie lautete: Jesus von Nazareth, der König der Juden. 20 Diese Aufschrift nun lasen viele von den Juden; denn der Ort, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt, und sie war hebräisch, lateinisch und griechisch geschrieben. 21 Darum sagten die Oberpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der König der Juden, sondern: Er hat gesagt: Ich bin der König der Juden. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. 23 Als nun die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und teilten sie in vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, und dazu den Leib­rock. Der Leib­rock aber war ohne Naht, von oben an ganz durchgewebt. 24 Da sagten sie zueinander: Wir wollen ihn nicht zerschneiden, sondern um ihn losen, wem er gehören soll; damit die Schrift erfüllt würde: Sie haben meine Kleider unter sich verteilt und das Los geworfen über mein Gewand (Ps 22, 19). So taten also die Soldaten. 25 Neben dem Kreuze Jesu aber standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, des Kleophas Frau, und Maria von Magdala. 26 Da nun Jesus seine Mutter und den Jünger, den er liebte, dastehen sah, spricht er zur Mutter: Frau, siehe da, dein Sohn! 27 Darauf spricht er zu dem Jünger: Siehe da, deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger in sein Haus auf. 26- 27: Der Erlöser hat uns allen seine eigene Mutter zur Mutter gegeben. Zur Religion Jesu gehört also auch die Verehrung der Gottesmutter.

 

Tod Jesu. 28 Hierauf sagt Jesus, weil er wußte, daß schon alles vollbracht sei, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet (Ps 69, 22). 29 Es stand nun ein Gefäß voll Essig da; sie nahmen einen Schwamm voll Essig, steckten ihn auf einen Hysopstengel und brachten ihn an seinen Mund. 30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Darauf neigte er sein Haupt und gab den Geist auf. 28-30: Auch diese einzige Bitte um eine Erleichterung in seinen Qualen spricht Jesus vor allem aus, um bis zum letzten den Willen des Vaters zu erfüllen.

 

31 Die Juden baten nun, weil es Rüsttag war, damit die Leichen nicht während des Sabbats am Kreuze blieben — denn jener Sabbat war ein großer Festtag — den Pilatus, er möge ihnen die Schenkel zerschlagen und sie wegschaffen lassen. 31. Diese Zeitbestimmung zeigt, daß der Evangelist auch 18,28 und 19,14 nicht den 14. Nisan als Todestag Jesu nennt. 32 Da kamen die Soldaten und zerschlugen die Schenkel der beiden, die mit ihm gekreuzigt worden waren. 33 Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, daß er schon tot war, zerschlugen sie seine Schenkel nicht, 34 sondern einer von den Soldaten stieß ihm mit der Lanze in die Seite, und sogleich floß Blut und Wasser heraus. 31-34: Durch das Zerschmettern der Schenkel mit einer Keule sollte der Tod beschleunigt werden. Der Lanzenstoß in die Seite Jesu war nicht soldatischer Übermut, sondern ein Gnadenstoß für den Fall, daß etwa doch noch Leben da wäre. 35 Und der dies gesehen, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahrhaftig. Er weiß, daß er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubet. 36 Denn dies ist geschehen, damit die Schrift in Erfüllung gehe: Kein Knochen soll an ihm zerbrochen werden (2 Mos 12,46; Ps 34,21). 37 Und wieder eine andere Schriftstelle sagt: Sie werden schauen auf den, den sie durchstochen haben (Zach 12,10).16-37: Vgl. Mt 27,32-56; Mk 15,21-41; Lk 23,26-49.

 

Grablegung. 38 Joseph von Arimathäa, der ein Jünger Jesu war, und zwar aus Furcht vor den Juden im geheimen, bat danach den Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen. Pilatus gestattete es. Darum ging er hin und nahm den Leichnam Jesu ab. 39 Aber auch Nikodemus, der einst bei Nacht zum erstenmal zu Jesus gekommen war, kam und brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, gegen hundert Pfund. 40 Nun nahmen sie den Leichnam Jesu und umbanden ihn samt den Spezereien mit Leinenbinden, wie es bei den Juden Brauch ist beim Begraben. 41 An dem Orte aber, wo er gekreuzigt wurde, war ein Garten und in dem Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war. 42 Dorthin legten sie nun Jesus wegen des Rüsttags der Juden, weil das Grab in der Nähe war. 38-42: Vgl. Mt 27,57-61; Mk 15,42-47; Lk 23,50-55. Der am Freitag bei Sonnenuntergang beginnende Sabbat nötigte zur Eile.

 

Der Auferstandene

20 Petrus und Johannes am Grabe. Am ersten Tage der Woche aber in der Morgenfrühe, da es noch finster war, geht Maria Magdalena an das Grab und sieht den Stein vom Grabe weggenommen. Da eilt sie fort und kommt zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus liebte, und sagt zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grabe genommen, und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Nun gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grabe. Beide liefen miteinander. Jener andere Jünger aber lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grabe. Er beugt sich vor und sieht die Linnentücher daliegen, ging aber nicht hinein. Darauf kommt Simon Petrus ihm nach. Er ging in das Grab hinein und sieht die Linnentücher daliegen, das Schweißtuch aber, das auf seinem Haupte gelegen hatte, lag nicht bei den Tüchern, sondern zusammengewickelt an einem Orte für sich. 7: Aus der Lage der Tücher ergab sich, daß die Leiche nicht fortgeschafft worden war; denn das sorgfältige Lösen und Falten hätte unnötige Zeit gekostet. Auch wäre der Leichnam in den Tüchern leichter zu tragen gewesen. Da ging auch der andere Jünger, der zuerst ans Grab gekommen war, hinein, sah und glaubte. Sie hatten nämlich die Schrift, daß er von den Toten auferstehen müsse, noch nicht erfaßt. 10 Da gingen die Jünger wieder weg nach Hause.

 

Jesus erscheint der Maria Magdalena. 11 Maria aber stand außen am Grabe und weinte. Während sie nun weinte, beugte sie sich vor ins Grab hinein 12 und sieht zwei Engel in weißen Kleidern da sitzen, wo der Leib Jesu gelegen hatte, den einen zu Häupten, den andern zu Füßen. 13 Und sie sagen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie sagt zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 14 Nach diesen Worten wandte sie sich um und sieht Jesus dastehen. Sie wußte aber nicht, daß es Jesus war. 15 Jesus sagte zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, so sag mir, wo du ihn hingelegt hast, und ich will ihn holen. 16 Da sagt Jesus zu ihr: Maria! Sie wendet sich um und sagt zu ihm auf hebräisch: Rabbuni, das heißt Meister. 17 Jesus entgegnet ihr: Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren. Geh vielmehr zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich fahre hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. 17: Nicht das Berühren verbietet Jesus, sondern das Festhalten. Die Zeit des ungestörten Zusammenseins kommt erst im Jenseits. 18 Da geht Maria Magdalena hin und meldet den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und dies habe er ihr gesagt. 1-18: Vgl. Mt 28,1-10; Mk 16,1-11; Lk 24,1-12

 

Jesus erscheint den Aposteln. 19 Als es nun Abend geworden war an jenem ersten Wochentage und dort, wo die Jünger sich aufhielten, die Türen aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, kam Jesus, trat mitten unter sie und sagt zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Und nach diesen Worten zeigte er ihnen die Hände und die Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21 Wiederum sprach Jesus zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Und nachdem er dies gesagt hatte, hauchte er sie an und spricht zu ihnen: Empfanget den Heiligen Geist. 23 Welchen ihr die Sünden nachlaßt, denen sind sie nachgelassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. 21-23: Aus höchster Machtvollkommenheit verleiht Jesus seinen Aposteln die Gewalt der Sündenvergebung in der Kraft des Heiligen Geistes. Das Bußsakrament ist das Ostergeschenk des auferstandenen Erlösers. Die Unterscheidung von Nachlassen und Behalten fordert, wenn sie nicht zur Willkür werden soll, persönliches und vollständiges Sündenbekenntnis, verbunden mit Reue und Vorsatz. 19-23. Vgl. Mk 16,14; Lk 24,36-49.

 

Jesus erscheint dem Thomas. 24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer von den Zwölfen, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die andern Jünger sagten ihm: Wir haben den Herrn gesehen Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meinen Finger in das Mal der Nägel lege und meine Hand in seine Seite lege, werde ich es nie und nimmer glauben. 26 Nach acht Tagen waren seine Jünger wiederum drinnen und Thomas bei ihnen. Da kommt Jesus bei verschlossenen Türen, trat mitten unter sie und sprach: Friede sei mit euch! 27 Darauf sagte er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus spricht zu ihm: Weil du mich gesehen hast, bist du gläubig geworden? Selig sind, die nicht sehen und dennoch glauben.

 

Nachwort. 30 Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die nicht in diesem Buche aufgezeichnet sind. 31 Diese aber sind aufgeschrieben worden, damit ihr glaubet, daß Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habet in seinem Namen. 30-31: Dieser Schluß verrät, daß das letzte Kapitel ein Nachtrag ist.

 

21 Jesus erscheint den Jüngern am See Tiberias. Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern wiederum am See von Tiberias, er offenbarte sich aber auf folgende Weise: Simon Petrus und Thomas, der der Zwilling genannt wird, und Nathanael, der aus Kana in Galiläa war, die Söhne des Zebedäus und zwei weitere Jünger waren da beisammen. Simon Petrus sagt zu ihnen. Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir gehen auch mit dir; sie gingen hinaus und bestiegen das Boot. In jener Nacht aber fingen sie nichts. Als der Morgen schon angebrochen war, stand Jesus am Ufer. Aber die Jünger wußten nicht, daß es Jesus war. Da sagt Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr etwas als Zukost? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz zur Rechten des Bootes aus, so werdet ihr etwas finden. Sie warfen es aus und konnten es nicht mehr einziehen vor der Menge der Fische. Da sagt jener Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr. Als Simon Petrus hörte, daß es der Herr sei, warf er sich sein Oberkleid um — denn er war nicht ganz bekleidet — und sprang in den See. 7: Petrus handelt so, wie bei uns jemand tun würde, der in „Hemdsärmeln“ gearbeitet hat und dann den „Rock“ anzieht, um jemand zu begrüßen. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht weit, sondern nur etwa zweihundert Ellen vom Land entfernt, und schleppten das Netz mit den Fischen nach. Da sie ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und einen Fisch darauf liegen und Brot. 10 Jesus sagt zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg ein und zog das Netz ans Land. Es war gefüllt mit einhundertdreiundfünfzig großen Fischen. Und obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht. 12 Jesus spricht zu ihnen: Kommt, frühstückt! Keiner aber von den Jüngern wagte es, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wußten, daß es der Herr war. 13 Jesus kommt, nimmt das Brot und gibt es ihnen, desgleichen auch den Fisch. 14 Dies war bereits das drittemal, daß sich Jesus nach seiner Auferstehung von den Toten seinen Jüngern offenbarte.

 

Jesus bestellt den Petrus zum Oberhirten.15 Als sie nun gefrühstückt hatten, sagt Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebe. Der sagt zu ihm: Weide meine Lämmer! 16 Wiederum, zum zweitenmal, sagt er zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebe. Der sagt ihm: Weide meine Schafe! 17 Zum dritten Male sagt er zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus betrübt, daß er zum dritten Male sprach: Liebst du mich? und sagte zu ihm: Herr, du weißt alles, dir ist auch bekannt, daß ich dich liebe. Jesus spricht zu ihm: Weide meine Schafe. 18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und bist gegangen, wohin du wolltest; wenn du aber alt sein wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst. 19 Das sagte er aber, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Und nach diesen Worten sagt er zu ihm: Folge mir! 15-19: Johannes hat nichts von der Verheißung des Primates an Petrus erzählt. Sie war den Christen aus den älteren Evangelien bekannt. Die Einsetzung aber berichtet er als einziger noch lebender Augenzeuge. Dreimal läßt Jesus feierlich den Apostel seine Liebe bekennen zur Sühne der dreimaligen Verleugnung. Dann überträgt er ihm als guter Hirte die oberste Leitung seiner ganzen Herde, ehe er zum Vater zurückkehrt. Das Papsttum ist also vom Erlöser selbst eingesetzt.20 Als Petrus sich umwandte, sieht er den Jünger folgen, den Jesus liebte, der auch beim Abendmahle an seiner Brust gelegen und gefragt hatte: Herr, wer ist es, der dich verrät? 21 Bei seinem Anblick sagt Petrus zu Jesus: Herr, was aber wird aus diesem? 22 Jesus sagt zu ihm: Wenn ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht das dich an? Du folge mir! 23 Daher ging das Gerede unter den Brüdern, jener Jünger sterbe nicht. Jesus aber hatte nicht zu ihm gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht das dich an? 18-23: Petrus starb für seinen Herrn am Kreuze. Johannes ist, soweit wir wissen, der einzige Apostel, der eines natürlichen Todes starb.

 

Zeugnis über den Verfasser des Evangeliums.24 Das ist der Jünger, der Zeugnis gibt von diesen Dingen und dies geschrieben hat, und wir wissen, daß sein Zeugnis wahr ist. 25 Jesus aber hat noch viele andere Dinge getan. Wenn man diese einzeln aufschreiben wollte, so glaube ich, nicht einmal die [ganze] Welt würde die Bücher fassen, die geschrieben werden müßten. 24-25: Die Schüler des Evangelisten widmen ihrem verehrten Lehrer diesen Nachruf.

 

 

Die Apostelgeschichte

 

Einleitung

Lukas der Evangelist fügt seinem „ersten Bericht“, wie er das Evangelium nennt, für denselben edlen Freund Theophilus ein zweites Werk hinzu, das seit den ältesten Zeiten den Titel „Apostelgeschichte“ trägt. Der Titel ist etwas ungenau, denn das Buch enthält nicht die Geschichte aller Apostel. Nicht einmal das Wirken der beiden Apostelfürsten wird vollständig berichtet. Der Verfasser schildert vielmehr, wie sich in der Kraft des Heiligen Geistes das Evangelium Christi oder, wie wir heute sagen, das Christentum von Jerusalem aus immer weiter verbreitet hat, trotz aller Verfolgungen der Apostel. „Evangelium vom Wirken des Heiligen Geistes durch die Apostel“ könnte man das Buch überschreiben. Nicht Menschenwerk, sondern eine Stiftung Gottes auf Erden ist die Kirche. Eine kurze Einleitung gibt Auskunft über den Missionsbefehl Jesu, die Sendung des Heiligen Geistes und die Ergänzung des Apostelkollegiums (1,1-26). Der erste Hauptteil stellt die Kirche in ihrem judenchristlichen Zeitabschnitt dar. Jerusalem ist der Mittelpunkt (2,1-9, 30). Im zweiten Hauptteil erzählt Lukas die Grundlegung und Befestigung der Heidenmission. Antiochien in Syrien wird zum Hauptstützpunkt (9,31-15,34). Den Inhalt des dritten Hauptteils bildet der Höhepunkt der Missionstätigkeit des Heidenapostels Paulus und sein Zeugnis für Christus in der Gefangenschaft (15,35-28,31). Die Abfassung der Apostelgeschichte ist aus dem Anfang und Schluß zu datieren. Sie liegt nach der Vollendung des dritten Evangeliums (1,1), aber vor der Entscheidung des Prozesses gegen Paulus in Rom am Ende der ersten Gefangenschaft (28,30-31). Also wurde das Buch im Jahre 63 geschrieben.

 

Gründung und Entwicklung der Kirche in Palästina

 

Von der Himmelfahrt bis Pfingsten

1 Vorrede und Himmelfahrt Jesu. In meinem ersten Bericht, lieber Theophilus, handelte ich von allem, was Jesus von Anfang an getan und gelehrt hat, bis zum Tage seiner Aufnahme in den Himmel, nachdem er seinen auserwählten Aposteln im Heiligen Geist seine Aufträge gegeben. Ihnen hat er sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als lebend bezeugt; er erschien ihnen vierzig Tage hindurch und gab ihnen Aufschluß über das Reich Gottes. Er aß mit ihnen und befahl ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern die Verheißung des Vaters abzuwarten, die ihr — sprach er — aus meinem Munde gehört habt. Denn Johannes taufte mit Wasser, ihr aber werdet in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geiste getauft werden. Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Königreich für Israel wieder her? Er aber entgegnete ihnen: Es steht euch nicht zu, Zeiten und Fristen zu wissen, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der über euch kommen wird, und sollt meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an die Grenze der Erde. 8: Die Erfüllung dieser Verheißung und die Durchführung dieses letzten Auftrages Christi bilden das eigentliche Thema der Apostelgeschichte. Als er dies gesprochen hatte, ward er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke entzog ihn ihren Blicken. 10 Als sie unverwandt gen Himmel schauten, während er hinging, siehe, da standen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen. 11 Diese sprachen: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel hinauf? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt auffahren sehen in den Himmel. 12 Dann kehrten sie nach Jerusalem zurück, von dem Berge, der Ölberg heißt und nahe bei Jerusalem liegt, einen Sabbatweg entfernt. 12: Sabbatweg hieß die Strecke, die der Israelit am Sabbat gehen durfte. Sie betrug 2000 Ellen = etwa einen Kilometer. 13 Und als sie hineingekommen waren, stiegen sie in das Obergemach hinauf, wo sie sich gewöhnlich aufhielten: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus [der Sohn] des Alphäus und Simon der Eiferer und Judas [der Bruder] des Jakobus. 14 Diese alle verharrten einmütig im Gebet mit den Frauen, auch mit Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern. 14: Maria ist das Herz der Gemeinde. „Brüder“ Jesu sind seine Vettern. Vgl. Mt 12,46.

 

Wahl des Apostels Matthias. 15 In diesen Tagen stand Petrus auf inmitten der Brüder — es war eine Schar von ungefähr hundertzwanzig Personen — und sprach: 16 Liebe Brüder! Es mußte das Schriftwort erfüllt werden, das der Heilige Geist durch den Mund Davids vorausverkündet hat über Judas, der denen, die Jesus gefangennahmen, als Führer diente. 17 Er zählte zu uns und hatte Anteil an diesem Amte. 18 Dieser erwarb sich von dem Sündenlohn einen Acker, stürzte kopfüber, barst mitten entzwei, und alle seine Eingeweide fielen heraus. 19 Dies wurde allen Bewohnern Jerusalems bekannt; darum erhielt jener Acker in ihrer Sprache den Namen Hakeldama, d. h. Blutacker. 20 Denn es steht im Buch der Psalmen geschrieben: Seine Wohnstätte werde öde, und niemand wohne darin, und: Sein Amt soll ein anderer erhalten (Ps 69,26; 109,8). 21 So muß denn einer von den Männern, die mit uns zusammen waren während der ganzen Zeit, da der Herr bei uns aus- und einging 22 von der Taufe des Johannes an bis auf den Tag, da er von uns weg aufgenommen wurde — von diesen einer muß mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden. 23 Da stellten sie zwei vor, Joseph, genannt Barsabas, mit dem Zunamen der Gerechte, und Matthias. 24 Dann beteten sie also: Du, Herr, der du die Herzen aller kennst, zeige, welchen von diesen beiden du erwählt hast, 25 die Stelle dieses Dienstes und Apostelamtes einzunehmen, wovon Judas abfiel, um hinzugehen an seinen Ort. 26 Dann warfen sie das Los über sie, und das Los fiel auf Matthias; und er wurde den elf Aposteln beigezählt. 26: Die Gemeinde stellt unter Leitung des hl. Petrus die Apostelkandidaten auf; aber nur Gott kann dieses Amt verleihen..

 

Pfingsten

2 Ausgießung des Heiligen Geistes. Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle an einem Ort beisammen. Da entstand plötzlich vom Himmel her ein Brausen, gleich dem eines daherfahrenden heftigen Windes, und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen. Und es erschienen ihnen zerteilte Zungen wie von Feuer, und als sich je eine auf jeden einzelnen von ihnen niederließ, wurden alle vom Heiligen Geiste erfüllt und fingen an, in andern Zungen zu sprechen, so wie der [Heilige] Geist ihnen eingab, zu reden. Es wohnten damals in Jerusalem Juden, gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als dieses Brausen entstand, strömte die Menge herbei und geriet in Bestürzung. Denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Erstaunt und verwundert sprachen alle: Sind nicht alle diese, die da reden, Galiläer? Wie kommt es, daß wir sie hören, ein jeder in seiner eigenen Sprache, in der wir geboren sind? Parther, Meder, Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa, Kappadozien, Pontus und Asien, 10 von Phrygien und Pamphylien, Ägypten und von den Landstrichen Libyens bei Cyrene und die hier weilenden Römer, 11 Juden sowohl als Proselyten, Kreter und Araber — wie hören wir sie in unsern Sprachen die Großtaten Gottes verkünden? 12 Alle waren außer sich und ratlos, und einer sagte zum andern: Was soll das bedeuten? 13 Andere jedoch spotteten: Sie sind voll süßen Weines! 9-13: Die jüdische Diaspora erstreckte sich damals über die gesamte Kulturwelt. Außer den geborenen Juden waren Proselyten, d. h. Konvertiten aus den verschiedenen Ländern Zeugen des Pfingstwunders. Viele von ihnen werden als Laienapostel bald in ihrer Heimat die ersten Verkünder des Evangeliums geworden sein.

 

Predigt des Petrus. 14 Da stand Petrus mit den Elfen auf, erhob seine Stimme und sprach zu ihnen: Ihr jüdischen Männer und alle Bewohner von Jerusalem! Dies sei euch kund und hört auf meine Worte! 15 Diese da sind nicht betrunken, wie ihr meint; denn es ist erst die dritte Stunde des Tages. 15: Die dritte Stunde des Tages ist neun Uhr vormittags. Bis dahin trank man überhaupt nichts. 16 Vielmehr erfüllt sich jetzt das Wort des Propheten Joel: 17 Es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da werde ich von meinem Geiste über alles Fleisch ausgießen. Eure Söhne und eure Töchter werden prophetisch reden, eure Jünglinge werden Gesichte schauen, und euren Greisen werden Traumgesichte erscheinen. 18 Ja auch über meine Knechte und Mägde werde ich in jenen Tagen von meinem Geiste ausgießen, und sie werden prophetisch reden. 19 Ich werde Wunder wirken am Himmel oben und Zeichen auf der Erde unten, Blut und Feuer, Rauch und Qualm. 20 Die Sonne wird sich in Finsternis wandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und glanzvolle. 21 Dann wird es geschehen: Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden (Joel 3,1-5). 17-21: Als „die letzten Tage“ bezeichneten die Propheten die messianische Zeit. Ohne Unterschied des Geschlechtes, des Alters und Standes gießt dann Gott seinen Geist in Fülle aus. Eine glorreiche Zeit bricht für die Guten an, Tage des Schreckens und des Gerichtes für die Gottlosen.

 

22 Ihr Männer aus Israel, hört diese Worte! Jesus, den Nazarener, einen Mann, von seiten Gottes bei euch beglaubigt durch Machterweise, Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn unter euch wirkte, 23 wie ihr selbst wißt, den habt ihr, da er nach Gottes bestimmtem Plan und Vorherwissen ausgeliefert war, durch Gesetzlose [ans Kreuz] angenagelt und getötet. 24 Ihn hat aber Gott auferweckt, nachdem er ihn von den Wehen des Todes befreit hatte; er konnte ja von diesem unmöglich festgehalten werden. 25 Denn David sagt von ihm: Ich schaute den Herrn vor meinem Angesichte immerdar; denn er ist mir zu meiner Rechten, damit ich nicht wanke. 26 Darum freut sich mein Herz und frohlockt meine Zunge. Und auch mein Fleisch wird ruhen in Hoffnung. 27 Denn du wirst meine Seele nicht im Totenreiche lassen und deinem Heiligen nicht die Verwesung zu schauen geben. 28 Du wirst mir Wege des Lebens kundtun, du wirst mich mit Freude erfüllen vor deinem Angesichte (Ps 16, 8-11).

 

29 Ihr Brüder! Ich darf doch wohl freimütig zu euch reden von dem Erzvater David. Er ist gestorben und begraben worden, und sein Grab ist bei uns bis auf den heutigen Tag. 30 Da er nun ein Prophet war und wußte, daß ihm Gott mit einem Eide geschworen hatte, es werde einer seiner Nachkommen auf seinem Throne sitzen, 31 so hat er, in die Zukunft schauend, von der Auferstehung des Messias gesprochen, daß er nämlich nicht im Totenreiche verbleiben und sein Fleisch nicht die Verwesung schauen werde.

 

32 Diesen Jesus hat Gott auferweckt! Des sind wir Zeugen. 33 Da er durch die Rechte Gottes erhöht worden und den verheißenen Heiligen Geist vom Vater empfangen hatte, hat er diesen ausgegossen, wie ihr seht und hört. 34 Denn nicht David ist zum Himmel aufgestiegen; und doch spricht er selbst: Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, 35 bis ich deine Feinde als Schemel unter deine Füße lege (Ps 110, 1). 36 So erkenne denn das ganze Haus Israel mit voller Gewißheit, daß Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Messias gemacht hat. 22-36: Die erste Predigt des hl. Petrus ist voll unerhörter Kühnheit und unwiderleglicher Beweiskraft. Hätte nicht Gottes Geist und die Macht der Wahrheit daraus gesprochen, so wäre Petrus wie ein irrsinniger verlacht worden.

 

Wirkung auf die Menge. 37 Als sie dies hörten, ging es ihnen durchs Herz. Sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Was sollen wir tun, ihr Brüder? 38 Petrus sprach zu ihnen: Bekehret euch, und ein jeder von euch lasse sich taufen im Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden. Dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. 39 Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die ferne sind, so viele ihrer der Herr, unser Gott, berufen wird. 40 Noch mit vielen andern Worten legte er Zeugnis ab und ermahnte sie: Laßt euch retten aus diesem verkehrten Geschlecht! 41 Die nun sein Wort annahmen, empfingen die Taufe, und es wurden an jenem Tage bei dreitausend Seelen hinzugefügt.

 

Schilderung des Lebens der ersten Christen. 42 Sie verharrten in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebete. 43 Große Furcht aber kam über jedermann, und es geschahen Wunder und Zeichen durch die Apostel in Jerusalem, [und es war große Furcht unter allen]. 44 Alle Gläubigen hielten zusammen und hatten alles gemeinsam. 45 Ihr Hab und Gut verkauften sie und verteilten es unter alle, nach eines jeden Bedürfnis. 46 Täglich verharrten sie einmütig im Tempel, brachen das Brot in den einzelnen Häusern und nahmen Speise in Freude und Einfalt des Herzens. 47 Sie lobten Gott und waren beliebt beim ganzen Volk. Der Herr aber führte täglich der Gemeinde solche zu, die gerettet werden sollten. 42 47: Der.,Kommunismus“ der Urkirche erwuchs nicht aus dem Klassenhaß der Besitzlosen, sondern aus der Bruderliebe der Besitzenden. Mit dem Ausdruck „Brotbrechen“ ist wahrscheinlich die Eucharistiefeier gemeint. Die Christen hatten also von Anfang an auch ihren eigenen Gottesdienst, obschon sie noch den Tempel besuchten.

 

Die Kirche wächst und erstarkt in Jerusalem

3 Heilung eines Gelähmten. Petrus und Johannes gingen (eines Tages) hinauf in den Tempel zur neunten Stunde des Gebetes. Da trug man einen Mann herbei, der von Geburt an lahm war. Diesen setzte man täglich an das sogenannte „schöne Tor“ des Tempels hin, damit er die Besucher des Tempels um ein Almosen anspreche. Als er den Petrus und Johannes sah, die eben in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn scharf an — ebenso Johannes — und sprach: Sieh uns an! Da schaute er sie an in der Hoffnung, etwas von ihnen zu bekommen. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth [steh auf und] geh umher! Dann faßte er ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Knöchel. Er sprang auf, konnte stehen und gehen und trat mit ihnen in den Tempel, ging, sprang umher und lobte Gott. Und alles Volk sah ihn umhergehen und Gott loben. 10 Sie erkannten ihn als den Mann, der des Almosens wegen an dem „schönen Tor“ des Tempels zu sitzen pflegte, und wurden mit Staunen und Schauder erfüllt über das, was mit ihm vorgegangen war. 7-10: Die Schilderung verrät das große Interesse des Arztes Lukas an den Einzelheiten der Heilung.

 

Rede des Petrus. 11 Da er aber nicht von Petrus und Johannes wich, lief die ganze Volksmenge voll Staunen zu ihnen bei der sogenannten Halle Salomons. 12 Als Petrus das sah, redete er zu dem Volke: Ihr Männer aus Israel! Was wundert ihr euch über diesen da, oder was staunt ihr uns an, als hätten wir aus eigener Kraft oder Frömmigkeit diesen zum Gehen gebracht? 13 Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott unserer Väter, hat seinen Knecht Jesus verherrlicht. Diesen habt ihr ausgeliefert und verleugnet vor Pilatus, der ihn freilassen wollte. 13: „Knecht“ Gottes heißt Jesus im Hinblick auf die Weissagungen des Isaias vom leidenden Gottesknecht (Is 42 ff). Der lateinische Text setzt dafür „Sohn“ Gottes. 14 Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und die Freigabe des Mörders verlangt, 15 den Urheber des Lebens dagegen getötet; aber Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Des sind wir Zeugen! 16 Und durch den Glauben an seinen Namen hat diesen Mann, den ihr seht und kennt, sein Name gestärkt; der Glaube, der durch Jesus kommt, hat ihm vor euer aller Augen die volle Gesundheit gegeben. 17 Und nun weiß ich wohl, meine Brüder, daß ihr aus Unwissenheit gehandelt habt, wie auch eure Vorgesetzten. 18 Gott aber hat so erfüllt, was er durch den Mund aller Propheten vorausverkündete, nämlich, daß sein Gesalbter leiden werde. 19 So tut nun Buße und bekehret euch, damit eure Sünden getilgt werden. 20 Dann werden Zeiten der Erquickung kommen von dem Herrn, und er wird den für euch bestimmten Messias Jesus senden. 21 Ihn muß zwar der Himmel aufnehmen bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, wovon Gott von alters her geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten. 22 So sprach Moses: Einen Propheten wie mich wird der Herr unser Gott euch aus euren Brüdern erwecken. Den sollt ihr hören in allem, was er zu euch reden wird. 23 Wer aber auf diesen Propheten nicht hört, wird aus dem Volk ausgetilgt werden (5 Mos 18, 15. 19). 24 Auch alle Propheten von Samuel an und in den folgenden Zeiten, so viele ihrer geredet, haben ebenfalls diese Tage verkündet. 25 Ihr seid die Söhne der Propheten und des Bundes, den Gott mit euren Vätern geschlossen, da er zu Abraham sprach: In deinem Samen sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde (1 Mos 22 18). 26 Für euch zuerst hat Gott seinen Knecht auferweckt und gesandt, damit er euch segne, wenn ein jeder sich bekehrt von euren Schlechtigkeiten. 26: Auch dem bevorzugten Volk Israel nutzt seine Rasse nichts, wenn es sich nicht durch Abkehr von der Sünde die Gnade Gottes erwirbt.

 

4 Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat. Als sie noch zum Volke redeten, traten die Priester, der Tempelhauptmann und die Sadduzäer an sie heran. 1: Die Sadduzäer leugneten die Auferstehung der Toten, sahen sich also durch die Bezeugung des auferstandenen Christus bloßgestellt. Den andern gereichte die Verkündigung der Unschuld des von ihnen Gekreuzigten zum Ärger. Diese waren unwillig, daß sie das Volk lehrten und am Beispiel Jesu die Auferstehung von den Toten verkündeten. Sie legten Hand an sie und setzten sie in Gewahrsam bis zum folgenden Morgen, denn es war schon Abend. Viele aber von denen, welche die Rede gehört hatten wurden gläubig, und so stieg die Zahl der Männer auf etwa fünftausend. Am folgenden Morgen versammelten sich ihre Vorsteher sowie die Ältesten und Schriftgelehrten in Jerusalem, auch Annas, der Hohepriester, und Kaiphas, Johannes und Alexander und wer sonst aus hohepriesterlichem Geschlecht war. Man führte sie vor und fragte: Mit welcher Kraft oder in welchem Namen habt ihr dies getan?

 

Verteidigung des Petrus. Da sprach Petrus, erfüllt vom Heiligen Geist zu ihnen:

Ihr Vorsteher des Volkes und ihr Ältesten, [höret]! Wenn wir heute verhört werden wegen einer einem gebrechlichen Menschen erwiesenen Wohltat und [sagen sollen], durch wen dieser geheilt worden ist, 10 so sei euch allen und dem ganzen Volke Israel kundgetan: Im Namen unseres Herrn Jesus Christus, des Nazareners, den ihr gekreuzigt, und den Gott von den Toten auferweckt hat, in dem [Namen] steht dieser Mann gesund vor euch. 11 Dies ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der zum Eckstein geworden ist (Ps 118, 22). 12 Und es ist in keinem andern Heil. Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden sollen.

 

Ihre Freilassung. 13 Da sie den Freimut des Petrus und Johannes sahen und bemerkten, daß es ungelehrte und ungebildete Leute seien, verwunderten sie sich und erkannten sie als ehemalige Jünger Jesu. 14 Und weil sie den Geheilten bei ihnen stehen sahen, wußten sie nichts zu entgegnen. 15 Sie befahlen ihnen also, aus der Versammlung abzutreten. Dann berieten sie miteinander 16 und sprachen: Was sollen wir mit diesen Leuten machen? Denn, daß offenbar ein Wunder durch sie geschehen, ist allen Bewohnern Jerusalems bekannt, und wir können es nicht leugnen. 17 Aber, damit es nicht weiter unter dem Volk verbreitet wird, wollen wir ihnen unter Drohungen verbieten, fortan in diesem Namen zu irgendeinem Menschen zu sprechen. 18 Sie ließen sie rufen und befahlen ihnen, niemals mehr zu reden und zu lehren im Namen Jesu. 19 Petrus und Johannes aber antworteten: Ob es recht ist vor Gott, auf euch mehr zu hören als auf Gott, das beurteilt selbst. 20 Wir können nicht verschweigen, was wir gesehen und gehört haben. 21 Jene aber drohten ihnen noch mehr und entließen sie; denn sie fanden keine Möglichkeit, sie zu strafen, wegen des Volkes, da alle Gott priesen ob des Geschehenen. 17-21: Die Begründung des ersten „Kanzelparagraphen“ gegen die Verkünder unbequemer Wahrheiten spricht allem Recht Hohn. Die Apostel geben unerschrocken die richtige Antwort darauf. 22 Denn der Mann, an dem dieses Heilungswunder sich ereignet hatte, war über vierzig Jahre alt.

 

Loblied der Christen. 23 Nach ihrer Freilassung kamen sie zu den Ihrigen und berichteten alles, was die Oberpriester und Ältesten zu ihnen gesagt hatten. 24 Da diese es vernommen, erhoben sie einmütig ihre Stimme zu Gott und beteten: Herr, du bist es, der den Himmel und die Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht hat. 25 Du hast durch den Heiligen Geist, durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, gesprochen: Warum toben die Heiden und sinnen die Völker auf Eitles? 26 Es stehen auf die Könige der Erde, und es kommen zusammen die Fürsten der Erde wider den Herrn und seinen Gesalbten (Ps 2,1. 2). 27 Wahrhaftig, in dieser Stadt haben sich zusammengeschlossen wider deinen heiligen Knecht Jesus: Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels. 28 Sie vollführten alles, was deine Hand und dein Ratschluß vorherbestimmt hatten. 29 Und nun, Herr, sieh her auf ihre Drohungen und verleihe deinen Knechten Kraft, mit allem Freimut dein Wort zu predigen. 30 Strecke deine Hand aus, daß Heilungen, Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus. 31 Nach diesem Gebet erbebte der Ort, wo sie versammelt waren, und alle wurden mit dem Heiligen Geiste erfüllt und verkündeten das Wort Gottes mit Freimut.

 

Christliches Gemeindeleben. 32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele. Nicht einer nannte etwas von seinem Besitztum sein eigen, sondern sie hatten alles gemeinsam. 33 Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung des Herrn Jesus [Christus], und große Gnade ruhte auf ihnen allen. 34 Es gab ja auch keinen Bedürftigen unter ihnen. Denn, wer Ländereien oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte den Erlös des Verkauften 35 und legte ihn zu Füßen der Apostel. Einem jeden wurde so viel zugeteilt, als er bedurfte. 36 So besaß Joseph, der von den Aposteln den Beinamen Barnabas erhielt, das heißt Sohn des Trostes, ein Levit aus Cypern, einen Acker; 37 diesen verkaufte er, brachte das Geld und legte es zu den Füßen der Apostel. 32-37: Die freiwillige Gütergemeinschaft hob das Eigentumsrecht nicht auf. Die vorbildliche Tat des Barnabas bildet das Gegenstück zur Handlungsweise des Ehepaares Ananias und Saphira.

 

5 Ananias und Saphira. Ein Mann aber namens Ananias verkaufte mit seiner Frau Saphira einen Acker. Mit Wissen seiner Frau unterschlug er etwas von dem Erlös, brachte einen Teil davon und legte ihn zu Füßen der Apostel. Da sprach Petrus: Ananias warum hat der Satan dir das Herz erfüllt, daß du den Heiligen Geist belogest und etwas von dem Erlös aus dem Acker unterschlugest? Blieb er nicht dein, wenn du ihn nicht verkauftest? Und blieb nicht der Erlös nach dem Verkauf zu deiner Verfügung? Warum hast du dir so etwas in den Sinn kommen lassen? Nicht Menschen hast du belogen, sondern Gott! Als Ananias diese Worte hörte, fiel er zu Boden und gab den Geist auf. Und große Furcht kam über alle, die es hörten. Die jungen Männer aber erhoben sich, deckten ihn zu, trugen ihn hinaus und begruben ihn. Nach etwa drei Stunden kam auch seine Frau herein, ohne zu wissen, was geschehen war. Petrus sprach zu ihr: Sag mir, [Frau,] habt ihr den Acker nur um so viel verkauft? Sie sagte: Ja, nur um so viel. Petrus sprach zu ihr: Warum seid ihr miteinander übereingekommen, den Geist des Herrn zu versuchen? Siehe, die Füße derer, die deinen Mann begruben, stehen vor der Tür und werden auch dich hinaustragen. 10 Sogleich fiel sie zu seinen Füßen nieder und gab den Geist auf. Die jungen Männer traten herein, fanden sie tot, trugen sie hinaus und begruben sie neben ihrem Mann. 11 Und große Furcht kam über die ganze Gemeinde und über alle, die es hörten. 1-11: Die schwere Strafe für den Betrug sollte den Geist der Unwahrhaftigkeit aus der Gemeinschaft der Christen fernhalten und allen zeigen, daß die Apostel mit göttlicher Strafgewalt ausgerüstet seien. Christliche Eheleute sollen stets bedenken, daß Gott auch das im geheimen begangene Böse sieht und einmal Rechenschaft darüber fordert.

 

Wundertätigkeit der Apostel. 12 Durch die Hände der Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder im Volke. Sie waren alle einmütig beisammen in der Halle Salomons. 13 Von den anderen aber wagte niemand, sich ihnen anzuschließen; das Volk jedoch schätzte sie hoch. 14 Mehr und mehr wuchs die Zahl derer, die an den Herrn glaubten, Scharen von Männern und Frauen. 15 Man trug sogar die Kranken auf die Straßen hinaus und legte sie auf Betten und Bahren, damit, wenn Petrus käme, wenigstens sein Schatten auf einen von ihnen fiele [und sie von ihren Krankheiten befreit würden]. 16 Auch das Volk aus den Städten um Jerusalem strömte zusammen, und man brachte Kranke und von unreinen Geistern Geplagte, die alle geheilt wurden. 16: Hier wird die erste Erweiterung der Kirche über die Stadtgrenze Jerusalems hinaus berichtet.

 

Gefangennahme der Apostel. 17 Der Hohepriester und sein ganzer Anhang, die Partei der Sadduzäer, erhoben sich und wurden mit Eifersucht erfüllt. 18 Sie legten Hand an die Apostel und warfen sie in das öffentliche Gefängnis. 19 In der Nacht aber öffnete ein Engel des Herrn die Türen des Gefängnisses, führte sie heraus und sprach: 20 Geht hin und tretet auf und redet im Tempel zum Volke all diese lebenspendenden Worte. 21a Als sie das hörten, gingen sie gegen Tagesanbruch in den Tempel und lehrten. 21b Da kamen der Hohepriester und seine Anhänger, beriefen den Hohen Rat und alle Ältesten der Söhne Israels und schickten zum Gefängnis, um sie vorführen zu lassen. 22 Die Diener kamen hin, fanden sie jedoch nicht in dem Gefängnis. Sie kehrten zurück mit der Meldung: 23 Das Gefängnis fanden wir mit aller Sorgfalt verschlossen und die Wächter an den Türen stehen; als wir aber öffneten, fanden wir niemand darin. 24 Auf diese Meldung wurden der Tempelhauptmann und die Oberpriester ratlos und fragten sich, was daraus werden solle. 25 Da kam einer und meldete ihnen: Wahrhaftig, die Männer, die ihr ins Gefängnis geworfen habt, stehen im Tempel und lehren das Volk. 26 Darauf ging der Hauptmann mit den Dienern hin und holte sie herbei, doch nicht mit Gewalt. Denn sie fürchteten, von dem Volke gesteinigt zu werden. 27 Sie brachten sie also und stellten sie vor den Hohen Rat. Der Hohepriester befragte sie: 28 Wir haben euch doch streng befohlen, nicht in diesem Namen zu lehren! Und seht, nun habt ihr Jerusalem angefüllt mit eurer Lehre und wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. 28: Die Angst vor dem Wahrwerden der Selbstverfluchung (Mt 27,25) wird wach. 29 Petrus und die Apostel aber erwiderten: Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen! 29: Keiner irdischen Macht steht es zu, die Gewissen zu knechten. Gottes Recht bricht Menschenrecht. 30 Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Kreuzesholz gehängt und getötet habt. 31 Diesen hat Gott zum Herrscher und Heiland erhöht durch seine Rechte, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu ermöglichen. 32 Wir sind Zeugen dieser Dinge, ebenso der Heilige Geist, welchen Gott denen gegeben hat, die ihm gehorchen. 33 Als sie das hörten, gerieten sie in Wut und wollten sie töten.

 

Rede Gamaliels. 34 Da erhob sich im Hohen Rat ein Pharisäer namens Gamaliel, ein beim ganzen Volk angesehener Gesetzeslehrer. Er befahl, die Männer für kurze Zeit hinauszuführen. 35 Dann sprach er zu ihnen: Ihr Männer von Israel, überlegt euch wohl, wie ihr mit diesen Leuten verfahren wollt. 36 Denn vor einiger Zeit trat Theudas auf, behauptete, etwas Besonderes zu sein und gewann einen Anhang von etwa vierhundert Männern. Er wurde getötet, und alle seine Anhänger wurden zerstreut und vernichtet. 37 Nach diesem trat Judas, der Galiläer, auf in den Tagen der Schätzung und zog einen Volkshaufen zum Abfall nach sich. Auch er kam um, und alle seine Anhänger wurden zerstreut. 37: Den Anlaß zum Aufstand des Judas aus Gamala gab die römische Verordnung einer Eintragung in die Steuerlisten um das Jahr 7 n. Chr. 38 Und für jetzt sage ich euch: Stehet ab von diesen Leuten und lasset sie frei! Denn, ist dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen, so wird es zerfallen. 39 Ist es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten; sonst möchtet ihr gar als Widersacher Gottes erfunden werden. Sie stimmten ihm bei. 40 Dann ließen sie die Apostel rufen und geißeln und verboten ihnen, im Namen Jesu zu reden. Darauf ließ man sie frei. 41 Diese aber gingen voll Freude vom Hohen Rate weg, weil sie gewürdigt worden waren, für den Namen [Jesu] Schmach zu leiden. 42 Und sie hörten nicht auf, täglich im Tempel und in den Häusern zu lehren und die frohe Botschaft zu verkünden, Jesus sei der Messias.

Verfolgung der Kirche in Jerusalem

 

6 Wahl und Weihe der Diakonen. In diesen Tagen, da die Zahl der Jünger sich mehrte, entstand ein Murren der Hellenisten wider die Hebräer, weil bei der täglichen Almosenspende ihre Witwen zurückgesetzt wurden. 1: Hellenisten hießen die griechisch redenden Juden und Judenchristen aus der Diaspora; Hebräer nannte man die einheimischen Judenchristen, die sich der hebräisch-aramäischen Muttersprache bedienten. Da beriefen die Zwölf die Gesamtheit der Jünger und sprachen: Es geht nicht an, daß wir das Wort Gottes vernachlässigen und die Tische bedienen. Darum Brüder, seht euch nach sieben Männern von gutem Ruf aus eurer Mitte um, die voll des Heiligen Geistes und der Weisheit sind, die wollen wir zu diesem Dienste bestellen. Wir aber werden eifrig dem Gebete und dem Dienste des Wortes obliegen. Die Rede fand Beifall bei der ganzen Versammlung. Sie wählten Stephanus, einen Mann voll des Glaubens und des Heiligen Geistes, Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochien. Die nun stellten sie den Aposteln vor. Diese beteten und legten ihnen die Hände auf. 2-6: Laienhilfe soll dem Priester jene Lasten abnehmen, die zwar auch Sache der Kirche sind, aber keine priesterliche Weihe oder Lehrvollmacht fordern. Ob hier schon von der höheren Weihe des Diakonats die Rede ist, ist umstritten. Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger in Jerusalem vermehrte sich stark. Auch sehr viele Priester unterwarfen sich dem Glauben.

 

Anklage gegen Stephanus. Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, wirkte große Wunder und Zeichen unter dem Volke. Einige von den Mitgliedern der sogenannten Synagoge der Libertiner, der Cyrenäer, der Alexandriner und derer aus Cilicien und Asien traten auf und stritten mit Stephanus. 9: Die verschiedenen Landsmannschaften der Diasporajuden hielten auch beim Synagogendienst zusammen. Libertiner hießen die Nachkommen jener Juden, die unter Pompejus 64-63 v. Chr. als Kriegsgefangene aus Palästina fortgeführt, teilweise aber wieder freigelassen worden waren. 10 Sie konnten aber der Weisheit und dem Geiste, womit er redete, nicht widerstehen. 11 Nun stifteten sie Männer an, die sagen sollten: Wir haben ihn Lästerworte wider Moses und Gott reden hören. 12 Sie hetzten also das Volk samt den Ältesten und Schriftgelehrten auf. Dann fielen sie über ihn her, schleppten ihn fort und führten ihn vor den Hohen Rat. 13 Sie stellten falsche Zeugen auf, die sagten: Dieser Mensch hört nicht auf, wider die heilige Stätte und das Gesetz Drohworte auszusprechen. 14 Denn wir haben ihn sagen hören: Jesus, der Nazarener, wird diese Stätte zerstören und die Gebräuche ändern, die uns Moses überliefert hat. 15 Alle, die im Hohen Rate saßen, blickten ihn gespannt an und sahen sein Angesicht wie das Angesicht eines Engels.

 

7 Verteidigungsrede des Stephanus. Der Hohepriester aber fragte: Verhält sich das so? Er sprach: Brüder und Väter, hört! Der Gott der Herrlichkeit erschien unserm Vater Abraham in Mesopotamien, ehe er sich in Haran niederließ, und sprach zu ihm: Zieh hinweg aus deinem Lande und von deiner Verwandtschaft und komm in das Land, das ich dir zeigen werde (1 Mos 12,1). Da zog er aus dem Lande der Chaldäer fort und ließ sich in Haran nieder. Von dort versetzte er ihn nach dem Tode seines Vaters in dieses Land, in dem ihr jetzt wohnt. Er gab ihm kein Erbe darin, auch nicht einen Fuß breit. Wohl aber verhieß er, es ihm und seiner Nachkommenschaft zum Besitz zu geben, obwohl er noch keinen Sohn hatte. Gott sprach also: Deine Nachkommen sollen als Fremdlinge leben in fremdem Lande, man wird sie knechten und mißhandeln vierhundert Jahre lang. Aber das Volk, dem sie dienstbar werden, will ich richten, sprach Gott. Hernach werden sie ausziehen und mir dienen an diesem Ort. Er schloß mit ihm den Bund, dessen Zeichen die Beschneidung war. Und so zeugte er den Isaak und beschnitt ihn am achten Tage, und Isaak den Jakob und Jakob die zwölf Erzväter. Die Erzväter wurden eifersüchtig auf Joseph und verkauften ihn nach Ägypten. Aber Gott war mit ihm. 10 Er rettete ihn aus allen seinen Drangsalen, gab ihm Gnade und Weisheit vor dem Pharao, dem König von Ägypten, und setzte ihn zum Gebieter über Ägypten und sein ganzes Haus. 10: Was Joseph in Ägypten tat, geschah nicht aus eigennütziger Schlauheit, sondern verwirklichte die göttlichen Heilsabsichten und rettete das Volk vor dem Hungertod. 11 Es kam aber eine Hungersnot über ganz Ägypten und Kanaan. Die Not war groß, und unsere Väter fanden keine Nahrung. 12 Als aber Jakob hörte, daß es in Ägypten Getreide gebe, sandte er unsere Väter zum ersten Male hin. 13 Beim zweiten Male gab sich Joseph seinen Brüdern zu erkennen, und sein Geschlecht wurde dem Pharao bekannt. 14 Joseph ließ nun seinen Vater Jakob kommen und seine ganze Verwandtschaft, fünfundsiebzig Seelen. 15 Und Jakob zog hinab nach Ägypten und starb, er und unsere Väter. 16 Sie wurden nach Sichem gebracht und in dem Grabe beigesetzt, das Abraham für eine Geldsumme von den Söhnen des Hemor in Sichem gekauft hatte. 17 Als aber die Zeit der Verheißung nahte, die Gott dem Abraham zugesichert hatte, wuchs das Volk und mehrte sich in Ägypten, 18 bis ein anderer König in Ägypten auftrat, der von Joseph nichts wußte. 19 Dieser war voll Arglist gegen unser Volk, bedrückte unsere Väter und zwang sie, ihre Kinder auszusetzen, damit sie nicht am Leben blieben. 20 Zur selben Zeit wurde Moses geboren. Er war vor Gott angenehm und wurde drei Monate lang im Hause seines Vaters aufgezogen. 21 Als er aber ausgesetzt war, nahm ihn die Tochter des Pharaos auf und erzog ihn als ihren Sohn. 22 Moses wurde in aller Weisheit der Ägypter unterrichtet. Er war mächtig in seinen Worten und Taten. 23 Als er vierzig Jahre alt geworden war, kam es ihm in den Sinn, nach seinen Brüdern, den Israeliten, zu sehen. 24 Und da er sah, wie einem Unrecht geschah, setzte er sich zur Wehr, verschaffte dem Unterdrückten sein Recht und erschlug den Ägypter. 25 Er meinte, seine Brüder würden einsehen, daß ihnen Gott durch ihn Rettung bringe; doch sie begriffen es nicht. 26 Am folgenden Tage kam er zu ihnen, als sie eben stritten. Er wollte sie im Frieden versöhnen und sprach: Männer, ihr seid doch Brüder! Warum tut ihr einander Unrecht? 27 Doch der, welcher seinem Nächsten Unrecht tat, stieß ihn zurück und sagte: Wer hat dich zum Gebieter und Richter über uns gesetzt? 28 Willst du mich etwa umbringen, wie du gestern den Ägypter umgebracht hast? 29 Auf dieses Wort floh Moses. Er lebte als Fremdling im Lande Madian, wo er zwei Söhne bekam. 30 Nach Verlauf von vierzig Jahren erschien ihm in der Wüste beim Berge Sinai ein Engel in der Flamme eines brennenden Dornbusches. 31 Voll Staunen sah Moses die Erscheinung. Als er hinzutrat, sie zu betrachten, erscholl die Stimme des Herrn: 32 Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs. Moses aber zitterte und wagte nicht hinzuschauen. 33 Da sprach der Herr zu ihm: Löse die Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliges Land. 34 Ich habe sehr wohl die Mißhandlung meines Volkes in Ägypten gesehen und sein Seufzen gehört, und ich bin herabgekommen, sie zu befreien. Und nun komm, ich will dich nach Ägypten senden.

 

35 Diesen Moses, den sie verleugneten, als sie sprachen: Wer hat dich zum Gebieter und Richter gesetzt? — diesen sandte Gott als Gebieter und Retter durch den Engel, der ihm im Dornbusche erschienen war. 35: Deutlich spielt der Redner auf das ähnliche Verhalten der Juden gegenüber Christus an. 36 Dieser führte sie heraus, tat Wunder und Zeichen im Lande Ägypten, im Roten Meer und in der Wüste vierzig Jahre lang. 37 Dieser Moses ist es, der zu den Söhnen Israels sprach: Einen Propheten wie mich wird euch Gott aus euren Brüdern erwecken, [diesen sollt ihr hören]. 38 Dieser ist es, der bei der Gemeindeversammlung in der Wüste mit dem Engel, der am Berge Sinai zu ihm redete, und mit unsern Vätern verkehrte, er empfing Worte des Lebens, um sie euch mitzuteilen. 39 Ihm wollten unsere Väter nicht gehorchen, vielmehr verwarfen sie ihn und wandten sich im Herzen Ägypten zu. 40 Sie sprachen nämlich zu Aaron: Mach uns Götter, die vor uns hergehen sollen; denn dieser Moses, der uns aus dem Lande Ägypten geführt hat, — wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. 41 Und sie machten sich in jenen Tagen ein Kalb, brachten dem Götzenbilde Opfer dar und erfreuten sich an den Werken ihrer Hände. 42 Gott aber wandte sich ab und ließ sie in den Dienst des Himmelsheeres versinken, wie geschrieben steht im Buche der Propheten: Habt ihr mir denn Schlachtopfer und Speiseopfer gebracht während der vierzig Jahre in der Wüste, Haus Israel? 43 Nein, ihr habt das Zelt des Moloch, den Stern eures Gottes Remphan umhergetragen, die Bilder, die ihr gemacht, um sie anzubeten. Darum werde ich euch wegführen lassen über Babylon hinaus (Am 5, 25-27). 43: Dem semitischen Sonnengott Moloch und dem Sterngott Remphan oder Rephan haben die Juden auch später wiederholt gedient.

 

44 Das Bundeszelt hatten unsere Väter in der Wüste, wie ihnen Gott verordnet hatte, da er dem Moses befahl, es nach dem Vorbild dessen anzufertigen, das er gesehen hatte. 45 Dieses übernahmen auch unsere Väter und führten es mit, als sie unter Josua das Land der Heiden besetzten, die Gott vor unseren Vätern vertrieb bis zur Zeit Davids. 46 Dieser fand Gnade vor Gott und bat, daß er eine Wohnung finden möchte für den Gott Jakobs. 47 Doch erst Salomon baute ihm ein Haus. 48 Allein der Höchste wohnt nicht in Gebäuden, von Menschenhand gemacht. Sagt doch der Prophet: 49 Der Himmel ist mein Thron, die Erde aber der Schemel meiner Füße. Was für ein Haus wollt ihr mir bauen, spricht der Herr, oder welcher Ort ist die Stätte meiner Ruhe? 50 Hat nicht meine Hand das alles gemacht? (Is 66,1. 1. 2.) 51 Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohren! Ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geiste, wie eure Väter, so auch ihr. 51: Der Redner bricht wegen des Widerspruchs der Hörer den darlegenden Teil ab, um ihnen unverblümt ihren bösen Willen vorzuhalten. Hier vollzieht sich der Bruch zwischen der Synagoge Israels und der Kirche Christi, ein Augenblick von weltgeschichtlicher Bedeutung. 52 Welchen von den Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Sie haben die getötet, die vorausverkündeten das Kommen des Gerechten, dessen Verräter und Mörder ihr nun geworden seid. 53 Habt ihr doch das Gesetz auf Anordnung von Engeln hin empfangen, aber ihr habt es nicht gehalten

 

Der erste Blutzeuge. 54 Als sie dies hörten, ergrimmten sie in ihren Herzen und knirschten mit den Zähnen wider ihn. 55 Er aber, voll des Heiligen Geistes, blickte zum Himmel auf und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen, 1-55: Die meisterhafte, aus dem Stegreif gehaltene, aber wegen der Unterbrechung seitens der Juden nicht zu Ende geführte Verteidigungsrede zeigt, mit welcher Sicherheit der Diakon die Geschichte seines Volkes beherrschte, wie sie das Alte Testament erzählt.

 56 und er rief aus: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. 57 Sie aber schrien mit lauter Stimme, hielten sich die Ohren zu und stürzten alle miteinander auf ihn los. 58 Dann stießen sie ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu den Füßen eines jungen Mannes mit Namen Saulus nieder. 59 Sie steinigten also den Stephanus, der betend ausrief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! 60 Er fiel auf die Knie und rief mit lauter Stimme: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten entschlief er [im Herrn].

 

(8) 1a Saulus aber hatte seiner Ermordung zugestimmt.

 

Das Christentum in Samaria

8 Verfolgung der Kirche. 1b An jenem Tage brach eine große Verfolgung gegen die Kirche zu Jerusalem aus. Alle, mit Ausnahme der Apostel, wurden zerstreut in die Landstriche von Judäa und Samaria. Den Stephanus aber bestatteten gottesfürchtige Männer und hielten eine große Totenklage über ihn. Saulus dagegen verwüstete die Kirche. Er drang in die Häuser ein und schleppte Männer und Frauen weg und überlieferte sie ins Gefängnis. Die so Zerstreuten zogen umher und verkündeten die Heilsbotschaft des Wortes [Gottes]. 1-4: Wider ihren Willen tragen die Verfolger zur Verbreitung der Lehre Christi über die Grenzen Judäas hinaus bei. Von Anfang an waren die Verfolger der Kirche „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“.

 

Die Tätigkeit des Diakons Philippus in Samaria. Philippus aber zog hinab in die Hauptstadt Samarias und predigte ihnen von dem Messias. Die Scharen waren einmütig darauf bedacht, die Worte zu hören, die er sprach, und die Wunder zu sehen, die er wirkte. Viele von ihnen hatten unreine Geister, die unter lautem Geschrei ausfuhren. Auch viele Gichtbrüchige und Gelähmte wurden geheilt. Daher war eine große Freude in jener Stadt. Schon länger hatte in der Stadt ein Mann namens Simon sich aufgehalten, Zauberei getrieben und die Bevölkerung von Samaria aus der Fassung gebracht, indem er sich für etwas Großes ausgab. 10 Alle hingen ihm an, klein und groß, und sagten: Dieser ist die Kraft Gottes, welche die Große heißt. 11 Sie hielten sich aber an ihn, weil er sie lange mit seinen Zauberkünsten berückt hatte. 12 Als aber Philippus die frohe Botschaft vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi verkündete, glaubten sie ihm; Männer und Frauen ließen sich taufen. 13 Simon wurde auch selbst gläubig, ließ sich taufen und hielt sich beständig an Philippus. Da er die großen Wunder und Zeichen sah, die da geschahen, konnte er nicht genug staunen.

 

Petrus und Johannes in Samaria. 14 Als aber die Apostel in Jerusalem hörten, daß Samaria das Wort Gottes angenommen habe, sandten sie den Petrus und Johannes zu ihnen. 15 Diese zogen hinab und beteten für sie, daß sie den Heiligen Geist empfangen möchten. 16 Denn er war noch über keinen von ihnen gekommen, sondern sie waren nur getauft auf den Namen des Herrn Jesus. 17 Da legten sie ihnen die Hände auf, und sie empfingen den Heiligen Geist. 17: Als Diakon hatte Philippus nicht die Vollmacht, das Sakrament der Firmung zu spenden. Die Urkirche unterschied also bereits Laienapostolat und amtliches Apostolat mit Weihegewalt. 18 Als aber Simon sah, daß durch die Handauflegung der Apostel der [Heilige] Geist verliehen werde, bot er ihnen Geld an 19 mit der Bitte: Gebt auch mir diese Gewalt, daß jeder, dem ich die Hände auflege, den Heiligen Geist empfange. 20 Petrus aber erwiderte ihm: Dein Geld fahre samt dir ins Verderben, weil du gemeint hast, die Gabe Gottes für Geld zu erwerben. 21 Du hast keinen Anteil und kein Anrecht darauf, denn dein Herz ist nicht aufrichtig vor Gott. 22 Bekehre dich von dieser deiner Bosheit und bitte Gott, vielleicht wirst du Verzeihung finden für das, was du in deinem Herzen vorhast. 23 Denn, wie ich sehe, bist du voll bitterer Galle und von Bosheit umstrickt. 24 Simon antwortete und sprach: Betet ihr für mich zum Herrn damit nichts von dem über mich komme, was ihr gesagt habt. 18-24: Nach diesem Simon heißt der Versuch, Geistliches um Geldeswert zu erwerben oder weiterzugeben, „Simonie“. 25 Nachdem sie nun Zeugnis gegeben und das Wort des Herrn gepredigt, kehrten sie nach Jerusalem zurück. Dabei verkündeten sie noch vielen Ortschaften der Samariter die frohe Botschaft.

 

Bekehrung des äthiopischen Kämmerers. 26 Ein Engel des Herrn sprach zu Philippus: Mach dich auf und geh nach Süden, auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinab führt, sie ist öde. 27 Da machte er sich auf und ging fort. Und siehe, da war ein Äthiopier, ein Kämmerer (Eunuch), ein Würdenträger der äthiopischen Königin Kandake, der ihren gesamten Schatz zu verwalten hatte. Er war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. 28 Nun reiste er wieder heim. Er saß auf seinem Reisewagen und las den Propheten Isaias. 28: Schon die Art der Reiselektüre kennzeichnet diesen edlen Wahrheitssucher. 29 Da sprach der Geist zu Philippus: Geh hin und schließe dich diesem Wagen an. 30 Philippus lief hinzu und hörte den Propheten Isaias lesen. Er fragte: Verstehst du wohl auch, was du liesest? 31 Er erwiderte: Wie könnte ich es, wenn mich niemand unterweist? Und er bat den Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. 31: Zur Bibellesung gehört notwendig Bibelerklärung. 32 Die Schriftstelle, die er las, war folgende: Wie ein Schaf ward er zur Schlachtbank geführt. Und wie ein Lamm vor seinem Scherer stumm ist, so tut er seinen Mund nicht auf. 33 Durch seine Erniedrigung ward sein Strafurteil aufgehoben. Wer mag sein Geschlecht beschreiben? Denn weggenommen von der Erde wird sein Leben (Is 53,7. 8). 34 Der Kämmerer aber wandte sich an Philippus: Ich bitte dich, von wem sagt dies der Prophet? Von sich selbst oder von einem andern? 35 Philippus fing an zu reden, und indem er von dieser Schriftstelle ausging, verkündete er ihm die frohe Botschaft von Jesus. 36 Wie sie des Weges dahinzogen, kamen sie an ein Wasser. Der Kämmerer sprach: Sieh, da ist Wasser. Was hindert, daß ich getauft werde? 37 [Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so darf es geschehen. Er antwortete: Ich glaube, daß Jesus der Sohn Gottes ist.] 37: Dieser Vers fehlt in manchen Textzeugen.

 

38 Er ließ den Wagen halten. Beide stiegen hinab ins Wasser, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. 39 Als sie aus dem Wasser herausgestiegen waren, entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr. Dann zog er voll Freude auf seinem Wege fort. 40 Philippus aber befand sich in Azot. Auf seiner Wanderung durch das Land verkündete er die Heilsbotschaft in allen Städten, bis er nach Cäsarea gelangte. 40: Azot liegt nördlich von Gaza, Cäsarea nördlich von Azot am Mittelmeer.

 

Bekehrung des Saulus

9 Auf dem Wege nach Damaskus. Saulus schnaubte immer noch Wut und Mordlust gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe an die Synagogen von Damaskus. Er wollte alle Anhänger dieser Lehre, die er etwa fände, Männer und Frauen, gebunden nach Jerusalem führen. Schon war er auf seiner Reise in die Nähe von Damaskus gekommen, da umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel. Er fiel zu Boden und hörte eine Stimme, die ihm zurief: Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich? Er aber fragte: Wer bist du, Herr? Dieser antwortete: Ich bin Jesus, den du verfolgst. [Es ist hart für dich, wider den Stachel auszuschlagen. Zitternd und entsetzt fragte er: Herr, was willst du, das ich tun soll? Der Herr sprach zu ihm:] 5: Jesus und die von Saulus verfolgten Christen sind also eins, der mystische Leib Christi. Wie ein angespanntes Zugtier vergeblich gegen den Stachel des Treibers ausschlägt, so nutzt es Saulus nichts, sich der Gnade Gottes zu widersetzen. Aber steh auf und geh in die Stadt; da wird dir gesagt werden, was du tun sollst. Die Männer, die mit ihm reisten, standen sprachlos da, sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand. Saulus erhob sich vom Boden. Als er aber die Augen aufschlug, sah er nichts. Da nahmen sie ihn an der Hand und führten ihn nach Damaskus hinein. Und er konnte drei Tage nicht sehen, aß und trank nichts. 9: Die Bekehrung des Saulus zum Apostel ist nach der Herabkunft des Heiligen Geistes das wichtigste Ereignis in der Urkirche. Nur als ein Wunder der göttlichen Gnade läßt sich diese plötzliche Wendung des erbittertsten Verfolgers zu Christus hin verstehen. Er selbst hat sie zeitlebens nie anders aufgefaßt.

 

Ananias und Paulus. 10 In Damaskus lebte ein Jünger namens Ananias. Zu diesem sprach der Herr in einem Gesicht: Ananias! Er sagte: Sieh, Herr, hier bin ich! 11 Der Herr aber sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die man die „Gerade“ heißt, und frage im Hause des Judas nach einem Mann namens Saulus aus Tarsus. Denn siehe, er betet; 12 und er sah, wie ein Mann mit Namen Ananias hereinkam und ihm die Hände auflegte, damit er sehend werde. 13 Ananias antwortete: Herr, ich habe von vielen Seiten gehört, wieviel Böses dieser Mann deinen Heiligen in Jerusalem zugefügt hat. 14 Auch hier hat er Vollmacht von den Oberpriestern, alle, die deinen Namen anrufen, in Ketten zu legen.

 

15 Der Herr aber sprach zu ihm: Geh nur hin! Denn dieser Mann ist mir ein auserwähltes Werkzeug, um meinen Namen vor Heiden und Könige und Kinder Israels zu tragen. 16 Ich selber will ihm zeigen, wieviel er um meines Namens willen leiden muß. 17 Da ging Ananias hin. Er kam in das Haus, legte ihm die Hände auf und sprach: Bruder Saulus! Der Herr Jesus, der dir auf dem Wege, auf dem du herkamst, erschienen ist, hat mich zu dir gesandt, damit du wieder sehend und voll des Heiligen Geistes werdest. 18 Sogleich fiel es wie Schuppen von seinen Augen, und er sah wieder, stand auf und wurde getauft. 19 Nun nahm er Speise und kam zu Kräften. Er blieb noch einige Tage bei den Jüngern in Damaskus.

 

Wirksamkeit des Paulus in Damaskus. 20 Und sofort verkündete er in den Synagogen, daß Jesus der Sohn Gottes sei. 21 Alle, die ihn hörten, waren außer sich und sagten: Ist das nicht dergleiche, der in Jerusalem die auszurotten suchte, welche diesen Namen anrufen? Ist er nicht auch hierher gekommen, um sie gefesselt zu den Oberpriestern zu führen? 22 Saulus aber trat nur um so kraftvoller auf und brachte die zu Damaskus wohnenden Juden in Verwirrung durch den Nachweis, daß dieser der Messias sei.

 

Reise nach Jerusalem und Tarsus. 23 Nach geraumer Zeit aber faßten die Juden den Beschluß, ihn zu beseitigen. 24 Doch ihr Anschlag wurde dem Saulus bekannt. Sie bewachten indes Tag und Nacht die Tore, um ihn umzubringen. 25 Aber die Jünger nahmen ihn und ließen ihn bei Nacht in einem Korbe über die Mauer hinab. 26 Als er nach Jerusalem gekommen war, suchte er sich den Jüngern anzuschließen. Aber alle fürchteten sich vor ihm; denn sie konnten nicht glauben, daß er ein Jünger sei. 27 Da nahm Barnabas sich seiner an, führte ihn zu den Aposteln und erzählte ihnen, wie er auf dem Wege den Herrn gesehen, daß dieser mit ihm geredet, und wie er in Damaskus freimütig im Namen Jesu gepredigt habe. 28 So ging er denn bei ihnen ein und aus in Jerusalem und predigte freimütig im Namen des Herrn. 29 Er redete und führte Streitgespräche mit den griechisch redenden Juden. Diese aber suchten ihn zu töten. 30 Da die Brüder dies erfuhren, geleiteten sie ihn nach Cäsarea hinab und sandten ihn weiter nach Tarsus.

 

Grundlegung und Befestigung der Heidenmission

 

Petrus in Lydda und Joppe

31 Die Kirche hatte nun Frieden in ganz Judäa, Galiläa und Samaria. Sie baute sich auf, wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch den Beistand des Heiligen Geistes. 32 Es begab sich aber, als Petrus überall umherzog, daß er auch zu den Heiligen kam, die in Lydda wohnten. 32: Die Bezeichnung „Heilige“ war für alle Christen üblich. Die Reise des Apostelfürsten ist eine oberhirtliche Visitation. 33 Hier fand er einen Mann mit Namen Äneas. Dieser war gelähmt und lag seit acht Jahren zu Bett. 34 Petrus sprach zu ihm: Äneas, [der Herr] Jesus Christus macht dich gesund. Steh auf und mach dir selbst dein Bett! Sogleich stand er auf. 35 Alle Bewohner von Lydda und Saron sahen ihn und bekehrten sich zum Herrn. 36 In Joppe aber lebte eine Jüngerin namens Tabitha, das heißt übersetzt Dorkas (Gazelle). Sie tat viel Gutes und spendete reichliche Almosen. 37 In jenen Tagen aber geschah es, daß sie krank wurde und starb. Man wusch sie und legte sie ins Obergemach. 38 Da aber Lydda nahe bei Joppe ist, sandten die Jünger auf die Kunde, daß Petrus dort sei, zwei Männer zu ihm, mit der Bitte: Säume nicht, zu uns herüber zu kommen. 39 Petrus machte sich auf und ging mit ihnen. Als er angekommen war, führten sie ihn in das Obergemach. Da traten alle Witwen zu ihm heran und zeigten ihm unter Tränen die Unter- und Oberkleider die Dorkas zu verfertigen pflegte, als sie noch unter ihnen weilte. 40 Petrus hieß alle hinausgehen, kniete nieder und betete. Dann wandte er sich zu dem Leichnam und sprach: Tabitha, stehe auf! Da öffnete sie ihre Augen, und als sie Petrus erblickte, richtete sie sich auf. 41 Er gab ihr die Hand und half ihr auf. Dann rief er die Heiligen und Witwen und stellte sie lebend vor. 42 Dies wurde in ganz Joppe bekannt, und viele glaubten an den Herrn. 43 Er blieb aber geraume Zeit in Joppe bei einem gewissen Simon, einem Gerber. 36-43: Tabitha könnte man „die heilige Elisabeth“ der Urkirche nenne. Ihr Vorbild unterstützte wirksam die Predigt der Apostel.

 

Petrus und der Hauptmann Kornelius

10 Gesicht des Heiden Kornelius. In Cäsarea lebte ein Mann mit Namen Kornelius, Hauptmann in der sogenannten italischen Kohorte. 1: Cäsarea war die Residenz des römischen Landpflegers. Dort lagen gewöhnlich fünf Kohorten (= je etwa 500 Mann) Hilfstruppen. Er war samt seinem ganzen Hause fromm und gottesfürchtig, gab dem Volke viel Almosen und betete immerdar zu Gott. Um die neunte Stunde des Tages sah er in einem Gesichte deutlich einen Engel Gottes zu sich herantreten, der ihn anredete: Kornelius! Er sah ihn starr an und fragte erschrocken: Was ist's, Herr? Der antwortete ihm: Deine Gebete und deine Almosen sind emporgestiegen zu Gott, so daß er deiner gedenkt. Sende nun Männer nach Joppe und laß einen gewissen Simon holen, der den Beinamen Petrus führt. Dieser ist zu Gast bei einem gewissen Gerber Simon, der ein Haus am Meere hat. [Dieser wird dir sagen, was du tun sollst.] Als der Engel, der mit ihm geredet, verschwunden war, rief er zwei seiner Diener und einen gottesfürchtigen Soldaten von denen, die bei ihm den Dienst hatten. Diesen erzählte er alles und sandte sie nach Joppe.

 

Gesicht des Petrus. Am folgenden Tage, während jene auf ihrer Wanderung sich der Stadt näherten, stieg Petrus um die sechste Stunde auf das Dach zum Gebete. 10 Da wurde er hungrig und wollte etwas essen. Während man ihm zurichtete, kam über ihn eine Verzückung. 11 Er sah den Himmel offen und ein Behältnis wie ein großes Leintuch herabkommen, das an den vier Enden [vom Himmel] auf die Erde herabgelassen wurde. 12 Darin waren vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels aller Art. 13 Eine Stimme rief ihm zu: Steh auf, Petrus, schlachte und iß! 14 Petrus aber erwiderte: Niemals, Herr; noch nie habe ich etwas gegessen, was unrein und unheilig ist. 15 Zum zweiten Male rief ihm eine Stimme zu: Was Gott für rein erklärt hat, darfst du nicht unrein nennen. 16 Dies geschah dreimal, und sofort wurde das Behältnis wieder in den Himmel emporgezogen.

 

Die Boten des Kornelius bei Petrus. 17 Petrus war noch bei sich im Zweifel, was das Gesicht, das er gehabt, bedeute, siehe, da hatten die Boten des Kornelius das Haus des Simon erfragt und standen jetzt am Tore. 17: Die Erscheinung sollte Petrus belehren, das nicht nur die jüdischen Speisegesetze außer Kraft getreten seien, sondern auch die Unterscheidung von reinen Menschen (Juden) und unreinen (Heiden) hinfällig geworden sei. Die Religion des Neuen Bundes sollte nicht mehr an eine bestimmte Rasse gebunden sein, sondern alle Völker umfassen, also katholisch sein. 18 Sie riefen und fragten an, ob Simon mit dem Beinamen Petrus da zu Gaste sei. 19 Während Petrus aber über das Gesicht nachdachte, sprach der Geist zu ihm: Siehe, drei Männer suchen dich. 20 Wohlan, steh auf, steig hinab und geh ohne Bedenken mit ihnen, denn ich habe sie gesandt. 21 Petrus ging hinab zu den Männern und sprach: Seht, ich bin es, den ihr sucht; was ist der Grund, warum ihr gekommen seid? 22 Sie sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann, der in hohem Ansehen steht beim ganzen Judenvolk, erhielt Weisung durch einen heiligen Engel, dich in sein Haus holen zu lassen und von dir Weisungen zu vernehmen. 23a Da führte er sie hinein und beherbergte sie. 23b Am folgenden Tag machte er sich auf und reiste mit ihnen; einige der Brüder aus Joppe begleiteten ihn.

 

Ankunft des Petrus. 24 Des andern Tages kam er in Cäsarea an. Kornelius erwartete sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. 25 Als Petrus im Begriffe stand einzutreten, kam ihm Kornelius entgegen, fiel vor ihm nieder und bezeugte seine Verehrung. 26 Petrus hob ihn auf mit den Worten: Steh auf, auch ich bin ein Mensch! 27 Im Gespräch mit ihm trat er ein. Er fand da viele versammelt 28 und sprach zu ihnen: Ihr wißt, daß es einem Juden nicht erlaubt ist, mit einem Heiden zu verkehren und sich ihm zu nahen. Mir aber hat Gott gezeigt, daß man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf. 29 Darum bin ich ohne Bedenken gekommen, als man mich holte. So frage ich denn: Aus welchem Grunde ließt ihr mich rufen? 30 Kornelius antwortete: Vor vier Tagen, von dieser Stunde an gerechnet, betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, ein Mann stand vor mir in leuchtendem Gewande 31 und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört, und deiner Almosen ward gedacht vor Gott. 32 Darum schick nach Joppe und laß den Simon holen, der den Beinamen Petrus führt. Er ist zu Gast im Hause eines Gerbers Simon am Meere. 33 So sandte ich denn sogleich zu dir, und du hast wohlgetan, daß du gekommen bist. Nun stehen wir alle vor Gott hier, alles zu hören, was dir vom Herrn aufgetragen worden ist.

 

Rede des Petrus. 34 Da öffnete Petrus den Mund und sprach: Nun weiß ich gewiß, daß Gott nicht auf die Person sieht, 35 sondern in jedem Volke ist ihm angenehm, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt. 36 Das Wort, das Gott den Kindern Israels gesandt hat, indem er ihnen die Frohbotschaft vom Frieden durch Jesus Christus verkünden ließ (ist euch bekannt). Dieser ist aller Herr. 37 Ihr wißt, welches Ereignis sich zugetragen hat im ganzen Judenland, angefangen von Galiläa nach der Taufe, die Johannes predigte, 38 wie Gott ihn, Jesus von Nazareth, salbte mit Heiligem Geiste und Kraft, wie er umherzog, Wohltaten spendete und alle vom Teufel Überwältigten heilte. Denn Gott war mit ihm. 39 Wir sind Zeugen von allem, was er getan im Lande der Juden und zu Jerusalem. Ihn haben sie getötet, indem sie ihn ans Kreuzesholz hängten. 40 Diesen erweckte Gott am dritten Tag und ließ ihn erscheinen, 41 nicht dem ganzen Volk, sondern den von Gott vorherbestimmten Zeugen, uns, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben nach seiner Auferstehung von den Toten. 42 Er hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, daß er der von Gott bestimmte Richter der Lebendigen und der Toten ist. 43 Für ihn legen Zeugnis ab alle Propheten, daß jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen Vergebung der Sünden erlange.

 

Taufe des Kornelius und seiner Angehörigen. 44 Während Petrus noch diese Worte sprach, kam der Heilige Geist auf alle, die das Wort hörten. 45 Die Gläubigen aus der Beschneidung, die mit Petrus gekommen waren, waren außer sich darüber, daß auch über die Heiden die Gnade des Heiligen Geistes ausgegossen wurde. 45: Gläubige aus der Beschneidung sind Christen jüdischer Herkunft. 46 Denn sie hörten sie in (fremden) Sprachen reden und Gott lobpreisen. Da sagte Petrus: 47 Kann nun noch jemand das Wasser der Taufe denen versagen, die den Heiligen Geist empfangen haben wie wir? 48 Und er befahl, sie zu taufen im Namen [des Herrn] Jesus Christus. Darauf baten sie ihn, einige Tage bei ihnen zu bleiben.

 

11 Petrus rechtfertigt sein Verhalten gegen die Heiden. Die Apostel und die Brüder in Judäa hörten, daß auch die Heiden das Wort Gottes angenommen hatten. Als nun Petrus nach Jerusalem hinaufgekommen war, machten ihm die aus der Beschneidung Vorwürfe und sagten: Du bist bei Unbeschnittenen eingekehrt und hast mit ihnen gegessen.

 

Petrus aber fing an, ihnen den Hergang der Reihe nach auseinanderzusetzen: Ich war in der Stadt Joppe und betete. Da schaute ich in der Verzückung ein Gesicht: Ein Behältnis wie ein großes Leintuch kam herunter, an den vier Enden vom Himmel herabgelassen, und kam bis zu mir. Ich schaute genau hinein und sah die vierfüßigen Tiere der Erde, die wilden und die kriechenden Tiere und die Vögel des Himmels. Auch hörte ich eine Stimme, die mir zurief: Steh auf, Petrus, schlachte und iß! Ich erwiderte: Niemals, Herr; denn Gemeines oder Unreines ist noch nie in meinen Mund gekommen. Aber die Stimme antwortete zum zweitenmal vom Himmel: Was Gott für rein erklärt hat, darfst du nicht unrein nennen. 10 Dies geschah dreimal. Dann wurde alles wieder in den Himmel emporgezogen. 11 Doch sieh da standen schon drei Männer vor dem Hause, wo wir weilten, von Cäsarea zu mir gesandt. 12 Der Geist aber hieß mich ohne Bedenken mit ihnen gehen. Auch diese sechs Brüder gingen mit mir, und wir traten in das Haus des Mannes. 13 Da erzählte er uns, wie er in seinem Haus den Engel habe stehen sehen, der ihm gebot: Schick nach Joppe und laß den Simon holen, der den Beinamen Petrus führt. 14 Der wird Worte zu dir sprechen, durch die du gerettet werden wirst, du und dein ganzes Haus. 15 Kaum hatte ich zu reden begonnen, da kam der Heilige Geist auf sie, so wie auch auf uns am Anfang. 16 Da erinnerte ich mich des Wortes des Herrn, wie er sagte: Johannes taufte mit Wasser, ihr aber werdet mit dem Heiligen Geist getauft werden (Apg 1,5). 17 Wenn nun Gott ihnen die gleiche Gnade verliehen wie auch uns, die wir den Glauben an den Herrn Jesus Christus angenommen haben, — wer war ich denn, daß ich hätte Gott hindern können? 18 Als sie dies hörten, beruhigten sie sich, priesen Gott und sprachen: Also auch den Heiden hat Gott die Sinnesänderung verliehen, die zum Leben führt! 2-18: Es kennzeichnet den Auserwähltenstolz und die Überheblichkeit dieser Kreise, daß sie den obersten Leiter der Kirche zur Rechenschaft ziehen, weil er etwas tat, was ihnen nicht paßte. Petrus läßt die Tatsachen sprechen und macht den Judaisten klar, daß sie sich mit ihren Vorwürfen gegen Gott selber wenden.

 

Die erste heidenchristliche Gemeinde in Antiochien

Die Christen in Antiochien. 19 Aus Anlaß der Verfolgung, die wegen des Stephanus ausgebrochen war, hatten sich manche zerstreut und waren bis nach Phönizien, Cypern und Antiochien gekommen. Doch verkündeten sie das Wort [Gottes] nur den Juden. 20 Unter ihnen waren einige Männer aus Cypern und Cyrene; als diese nach Antiochien kamen, sprachen sie auch zu den Heiden und verkündeten ihnen die frohe Botschaft vom Herrn Jesus. 21 Die Hand des Herrn war mit ihnen, und eine große Zahl wurde gläubig und bekehrte sich zum Herrn. 22 Die Kunde davon drang zu den Ohren der Gemeinde zu Jerusalem, und sie sandten den Barnabas nach Antiochien. 23 Als dieser hinkam und die Gnade Gottes sah, freute er sich und ermahnte alle, mit entschlossenem Herzen beim Herrn auszuharren. 24 Denn er war ein trefflicher Mann und voll des Heiligen Geistes und des Glaubens. Eine große Schar wurde für den Herrn hinzugewonnen. 25 Er reiste dann nach Tarsus, um den Saulus aufzusuchen. 26 Er fand ihn und brachte ihn nach Antiochien. Es war ihnen vergönnt, ein volles Jahr in der Gemeinde zusammenzusein und eine so große Menge zu unterweisen, daß in Antiochien die Jünger zuerst „Christen“ genannt wurden. 26: Mit dem Namen „Christen“ unterschieden zuerst die Heiden die neue Religionsgemeinschaft von den Juden. Vielleicht war es anfangs ein Spottname, den aber die Christen als Ehrennamen aufgriffen, während sie bis dahin sich als Heilige, Brüder, Jünger oder Gläubige bezeichneten und von den Juden „Nazarener“ genannt wurden.

 

27 In diesen Tagen kamen Propheten von Jerusalem nach Antiochien hinab. 28 Einer von ihnen, namens Agabus, stand auf und weissagte durch den Geist, daß eine große Hungersnot über den ganzen Erdkreis kommen werde, die dann auch unter Klaudius eintrat. 29 Da beschlossen die Jünger, ein jeder solle nach seinem Vermögen den Brüdern in Judäa etwas zur Unterstützung senden. 30 Das taten sie denn auch und schickten die Summe durch Barnabas und Saulus an die Ältesten.

 

Neue Verfolgung in Jerusalem

12 Hinrichtung des älteren Jakobus. Um jene Zeit legte König Herodes Hand an einige aus der Gemeinde, um sie zu mißhandeln. 1: Gemeint ist Herodes Agrippa I., ein Enkel des Kindermörders von Bethlehem, ein wahrer Abenteurer. Er wurde 37 n. Chr. von seinem Freund, dem Kaiser Kaligula, zum König ernannt und vereinigte vorübergehend (41-44) fast das ganze Reich seines Großvaters in seiner Hand. Die Hinrichtung des Apostels Jakobus geschah um 42. Es ist das erste Eingreifen der Staatsgewalt in die Rechte der Kirche. Die Antwort der Christen ist Gebet und Gottvertrauen. Er ließ den Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwerte töten.

 

Gefangennahme und Befreiung des Petrus. Da er sah, daß dies den Juden gefiel, ließ er auch den Petrus ergreifen. Es waren die Tage der ungesäuerten Brote. Er ließ ihn also festnehmen, ins Gefängnis werfen und durch eine vierfache Wache von je vier Soldaten bewachen. Nach Ostern wollte er ihn dem Volke vorführen. 4: Je vier Soldaten lösten sich viermal, d. h. alle drei Stunden ab. Petrus wurde nun im Gefängnis bewacht. Die Gemeinde aber betete ohne Unterlaß für ihn zu Gott.

 

In der Nacht, bevor Herodes den Petrus vorführen wollte, schlief dieser zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt. Posten vor der Türe bewachten das Gefängnis. Und siehe, ein Engel des Herrn trat heran, und Licht erhellte die Zelle. Er stieß den Petrus in die Seite, weckte ihn und sprach: Steh eilends auf! Und die Ketten fielen ihm von den Händen. Der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und binde deine Sandalen unter! Er tat also. Er gebot ihm weiter: Wirf deinen Mantel um und folge mir! Er ging hinaus, ihm nach. Noch wußte er nicht, daß es Wirklichkeit war, was durch den Engel geschah; vielmehr glaubte er, ein Gesicht zu sehen. 10 Sie gingen nun an der ersten und der zweiten Wache vorbei und kamen an das eiserne Tor, das in die Stadt führte. Dieses öffnete sich ihnen von selbst. Sie traten hinaus, gingen eine Straße weiter, und plötzlich verließ ihn der Engel. 11 Jetzt kam Petrus zu sich und sagte: Nun weiß ich wirklich, daß der Herr seinen Engel gesandt und mich errettet hat aus der Hand des Herodes und aus aller Erwartung des Volkes der Juden.

 

12 Nachdem er sich klargeworden war, ging er zum Hause der Maria, der Mutter des Johannes mit dem Zunamen Markus, wo viele versammelt waren und beteten. 13 Er klopfte an der Türe des Hoftores. Da kam eine Magd namens Rhode heraus, um zu horchen. 12-13. Maria besaß also noch ihr Haus und Dienstpersonal. Mithin hatte der „Kommunismus“ der Urkirche das Privateigentum nicht beseitigt. 14 Sie erkannte die Stimme des Petrus, öffnete aber vor Freude das Tor nicht, sondern lief hinein und meldete, Petrus stehe vor dem Tore. 15 Sie sagten zu ihr: Du bist nicht recht bei Sinnen! Doch sie bestand darauf, daß es also sei. Da sagten sie: Es ist sein Engel. 15: Sie waren also überzeugt, daß der Einzelmensch einen Schutzengel habe. 16 Petrus aber fuhr fort zu klopfen. Da machten Sie auf, sahen ihn und waren außer sich. 17 Er winkte ihnen mit der Hand, sie möchten schweigen. Dann erzählte er ihnen, wie der Herr ihn aus dem Gefängnis befreit habe. Er fügte hinzu: Meldet dies dem Jakobus und den Brüdern! Dann machte er sich auf und zog an einen andern Ort. 17: Jakobus der Jüngere, der „Bruder des Herrn“, war der Leiter der Christengemeinde zu Jerusalem. Wohin Petrus sich begab, wissen wir nicht. Beim Apostelkonzil (um 50) war er wieder in Jerusalem, Manche nehmen an, er sei jetzt schon nach Rom gegangen. Doch warum hätte Lukas das verheimlichen sollen? 18 Als es Tag wurde, entstand nicht geringe Aufregung bei den Soldaten, was wohl aus Petrus geworden sei.

 

Schreckliches Ende des Herodes. 19a Herodes ließ nach ihm suchen, fand ihn aber nicht. Er verhörte die Wächter und ließ sie [zur Hinrichtung] abführen. 19b Er selbst begab sich von Judäa nach Cäsarea und hielt sich daselbst auf. 20 Gegen die Bewohner von Tyrus und Sidon war er heftig aufgebracht. Sie aber fanden sich einmütig bei ihm ein, gewannen den königlichen Kämmerer Blastus und baten um Frieden. Denn ihr Land bezog aus dem Gebiet des Königs Lebensmittel. 21 Am festgesetzten Tage legte Herodes das königliche Prachtgewand an, nahm auf der Tribüne Platz und hielt eine Rede an sie. 22 Das Volk rief ihm zu: Eines Gottes Stimme und nicht eines Menschen! 23 Sogleich schlug ihn der Engel des Herrn, weil er nicht Gott die Ehre gegeben hatte. Von Würmern zerfressen, gab er seinen Geist auf. 24 Das Wort des Herrn aber wuchs und mehrte sich. 25 Nach Erledigung ihres Auftrags aber kehrten Barnabas und Saulus von Jerusalem zurück. Sie nahmen den Johannes mit dem Zunamen Markus mit.

 

Erste Missionsreise des hl. Paulus

13 Aussendung und Abreise des Paulus und Barnabas. In der zu Antiochien bestehenden Gemeinde waren Propheten und Lehrer: Barnabas, Simon, mit dem Beinamen Niger, Lucius aus Cyrene, Manahen, der mit dem Vierfürsten Herodes erzogen worden war, und Saulus. Während sie dem Herrn den heiligen Dienst verrichteten und fasteten, sprach der Heilige Geist. Sondert mir den Saulus und Barnabas zu dem Werke aus, zu dem ich sie berufen habe. Alsdann fasteten und beteten sie, legten ihnen die Hände auf und entließen sie. 3: Da eine Gemeinde keine Weihe erteilen kann, ist von einer feierlichen Aussendung zur Heidenmission die Rede.

 

Wirksamkeit auf Cypern. Ausgesandt vom Heiligen Geist, gingen sie nach Seleucia hinab und fuhren von da nach Cypern. Sie kamen nach Salamis und predigten dort das Wort Gottes in den Synagogen der Juden. Auch den Johannes Markus hatten sie als Gehilfen bei sich. Nachdem sie die ganze Insel bis Paphus durchwandert hatten, fanden sie einen jüdischen Zauberer und Lügenpropheten namens Barjesu. Er lebte am Hofe des Statthalters Sergius Paulus, eines verständigen Mannes. Dieser ließ Barnabas und Saulus kommen und verlangte, das Wort Gottes zu hören. Aber der Zauberer Elymas — so lautet sein Name übersetzt — widerstand ihnen und suchte den Statthalter vom Glauben abzuhalten. Saulus aber, der auch Paulus heißt, erfüllt vom Heiligen Geiste, blickte ihn fest an 9: Nach damaliger Sitte hatte Saulus wahrscheinlich von jeher zwei Namen, den jüdischen Saulus = Saul zu Ehren des Königs Saul aus seinem Stamm, dazu den römischen Paulus. Mit letzterem wird er fortan ausschließlich benannt. 10 und sprach: Du, voll alles Trugs und aller Bosheit, Kind des Teufels und Feind aller Gerechtigkeit, hörst du nicht auf, die geraden Wege des Herrn krumm zu machen? 11 Siehe, die Hand des Herrn kommt über dich, du wirst blind sein und die Sonne nicht sehen eine Zeitlang. Sogleich befiel ihn Dunkel und Finsternis; er tappte umher und suchte einen, der ihn an der Hand führe. 12 Als der Statthalter sah, was geschehen, wurde er gläubig, voll Staunen über die Lehre des Herrn.

 

Wirksamkeit des Paulus und Barnabas in Antiochien. 13 Von Paphus segelten Paulus und seine Gefährten nach Perge in Pamphylien. Johannes jedoch trennte sich von ihnen und kehrte nach Jerusalem zurück. 14 Sie selbst aber zogen weiter von Perge und gelangten nach Antiochien in Pisidien. Dort gingen sie am Sabbat in die Synagoge und setzten sich. 15 Nach der Vorlesung aus dem Gesetze und den Propheten ließen ihnen die Synagogenvorsteher sagen: Liebe Brüder, wenn ihr ein Wort der Ermunterung an das Volk habt, so redet!

 

Rede des Paulus. 16 Da stand Paulus auf, winkte mit der Hand und sprach: Männer aus Israel und ihr Gottesfürchtigen, hört! 16: Die „Gottesfürchtigen“ aus den Heiden verehrten zwar den wahren Gott Israels, traten aber nicht durch die Beschneidung in den Volksverband Israels ein, wie es die Proselyten taten. 17 Der Gott dieses Volkes Israel erwählte unsere Väter und erhöhte das Volk, da sie Fremdlinge waren im Lande Ägypten, und führte sie heraus mit erhobenem Arme. 18 Vierzig Jahre hindurch ertrug er sie geduldig in der Wüste. 19 Sieben Völker vernichtete er im Lande Kanaan und gab ihnen deren Land als Erbbesitz 20 für ungefähr vierhundertundfünfzig Jahre. Danach gab er ihnen Richter bis auf Samuel, den Propheten. 21 Von da an forderten sie einen König. Gott gab ihnen Saul, den Sohn des Kis, aus dem Stamme Benjamin, vierzig Jahre lang. 22 Nachdem er diesen verworfen hatte, erweckte er ihnen David zum König. Diesem gab er das Zeugnis: Ich habe David, den Sohn des Jesse, als einen Mann nach meinem Herzen gefunden; er wird in allem meinen Willen tun (1 Sm 13,14). 23 Aus dessen Nachkommen ließ Gott nach der Verheißung Jesus als Retter für Israel hervorgehen. 24 Vor seinem Auftreten predigte Johannes dem ganzen Volke Israel eine Bußtaufe. 25 Als aber Johannes seinen Lauf vollendete, sprach er: Der, für den ihr mich haltet, bin ich nicht; aber seht, nach mir kommt einer, dem ich nicht würdig bin, die Schuhe von den Füßen zu lösen. 26 Werte Brüder, Söhne Abrahams und die unter euch Gott fürchten! An uns ist diese Heilsbotschaft ergangen. 27 Denn die Bewohner von Jerusalem und ihre Obern haben diesen nicht erkannt und durch ihren Richterspruch die Worte des Propheten, die jeden Sabbat vorgelesen werden, erfüllt. 28 Obwohl sie keine Todesschuld an ihm fanden, forderten sie von Pilatus seinen Tod. 29 Als sie dann alles vollbracht hatten, was von ihm geschrieben steht, nahmen sie ihn vom Kreuzesholz ab und legten ihn ins Grab. 30 Gott aber erweckte ihn [am dritten Tage] von den Toten. 31 Er erschien viele Tage hindurch denen, welche mit ihm von Galiläa nach Jerusalem hinaufgezogen waren, und diese sind nunmehr seine Zeugen vor dem Volke. 32 Und wir verkünden euch die frohe Botschaft von der an die Väter ergangenen Verheißung. 33 Denn diese hat Gott an uns, ihren Kindern, durch die Auferweckung Jesu erfüllt. So heißt es ja auch im zweiten Psalm: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt (Ps 2,7). 34 Daß er ihn aber von den Toten auferweckt hat, damit er nicht mehr der Verwesung anheimfalle, darüber sprach er also: Ich will euch geben die Heilsgüter Davids, die zuverlässigen (Is 55,3). 35 Darum sagt er auch anderswo: Du wirst deinen Heiligen nicht die Verwesung schauen lassen (Ps 16,10). 36 Denn David ist entschlafen, nachdem er zu seiner Zeit dem Willen Gottes gedient hatte, er wurde zu seinen Vätern versammelt und hat also die Verwesung gesehen. 37 Den aber Gott [von den Toten] erweckt hat, der hat die Verwesung nicht gesehen. 38 So sei euch denn kund, liebe Brüder, daß durch diesen euch Vergebung der Sünden verkündet wird. 39 Durch ihn wird jeder, der da glaubt, gerechtfertigt von allem, wovon ihr im Gesetze des Moses keine Rechtfertigung erhalten konntet. 40 Darum sehet wohl zu, daß euch nicht treffe das Wort des Propheten: 41 Sehet, ihr Verächter, staunet und vergehet! Denn ich vollbringe ein Werk in euren Tagen, ein Werk, das ihr nicht glauben würdet, wenn es euch jemand erzählte (Hab 1,5).

 

Erfolge und Widerstände. 42 Als sie fortgingen, bat man sie, am folgenden Sabbat wieder von diesen Dingen zu reden. 43 Als die Versammlung sich aufgelöst hatte, folgten viele von den Juden und den gottesfürchtigen Proselyten dem Paulus und Barnabas. Diese redeten ihnen eindringlich zu, in der Gnade Gottes zu verharren. 44 Am folgenden Sabbat versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort Gottes zu hören. 45 Beim Anblick dieser Menge wurden die Juden voll Eifersucht, widersprachen den Worten des Paulus und stießen Schmähungen aus. 45: Ihre vermeintlichen Rasseprivilegien vor Gott gehen ihnen über alles (vgl. Lk 11,52). Niemand wird ärmer an Wahrheit und Liebe, wenn er weitherzig anderen davon mitgibt. Es ist kein Teilen, sondern Vervielfachen. 46 Da erklärten Paulus und Barnabas freimütig: Euch mußte zuerst das Wort Gottes gepredigt werden. Weil ihr es aber von euch weiset und euch selbst des ewigen Lebens nicht wert erachtet, wenden wir uns jetzt zu den Heiden. 47 Denn also hat uns der Herr geboten: Ich hab dich zum Lichte der Heiden gesetzt, damit du ihnen zum Heile seiest bis ans Ende der Erde (Is 49,6). 48 Die Heiden hörten dies voll Freude und priesen das Wort des Herrn; und es wurden gläubig, so viele ihrer zum ewigen Leben bestimmt waren. 48: Die Berufung zum Christentum führte sie auf den sichersten Weg zum ewigen Leben, eine Gnade, die Gott ihnen schenkte, weil er ihre Mitwirkung voraussah. 49 Das Wort des Herrn aber verbreitete sich in der ganzen Gegend. 50 Doch die Juden hetzten die gottesfürchtigen Frauen aus vornehmem Stand und die Oberen der Stadt auf, erregten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas und vertrieben sie aus ihrem Gebiet. 51 Diese schüttelten den Staub von ihren Füßen, zum Zeugnis gegen sie, und kamen nach Ikonium. 52 Die Jünger aber wurden mit Freude und Heiligem Geist erfüllt.

 

14 Aufenthalt in Ikonium. Auch in Ikonium gingen sie in gleicher Weise in die Synagoge der Juden und predigten, so daß eine große Zahl Juden und Heiden den Glauben annahm. Die Juden aber, die ungläubig blieben, reizten und verhetzten die Gemüter der Heiden wider die Brüder. Trotzdem blieben sie geraume Zeit daselbst und redeten freimütig im Herrn, der dem Worte seiner Gnade die Bestätigung verlieh durch die Zeichen und Wunder, die er durch ihre Hände geschehen ließ. Da entstand aber eine Spaltung unter dem Volke der Stadt; einige hielten es mit den Juden, andere mit den Aposteln. Die Heiden und Juden samt ihren Obern wollten sie mißhandeln und steinigen. Sie wurden dies gewahr und flohen in die Städte Lykaoniens, nach Lystra und Derbe und in die ganze Umgegend; dort verkündeten sie die Heilsbotschaft.

 

In Lystra und Derbe. In Lystra saß ein Mann, der ohne Kraft in den Füßen von Geburt an lahm war und niemals hatte gehen können. Dieser hörte den Paulus predigen. Der blickte ihn an und erkannte, daß er Vertrauen habe, Heilung zu finden. 10 Dann sprach er mit lauter Stimme: Stelle dich aufrecht auf deine Füße! Da sprang er auf und ging umher. 11 Als die Scharen sahen, was Paulus getan, erhoben sie ihre Stimme und riefen auf lykaonisch: Götter in Menschengestalt sind zu uns herabgekommen! 11: In dieser Gegend waren einst nach der Göttersage Jupiter und Merkur oder Zeus und Hermes in Menschengestalt bei dem frommen Ehepaar Philemon und Baucis eingekehrt. 12 Den Barnabas nannten sie Zeus, den Paulus aber Hermes, weil er Wortführer war. 13 Der Priester (am Tempel) des Zeus vor der Stadt brachte Stiere und Kränze an das Tor und wollte opfern samt dem Volke. 14 Da die Apostel Barnabas und Paulus das hörten, zerrissen sie ihre Kleider, sprangen unter das Volk und riefen: 15 Ihr Leute, was tut ihr da? Auch wir sind sterbliche Menschen wie ihr. Wir verkünden euch die Heilsbotschaft, daß ihr euch von diesen nichtigen Götzen zum lebendigen Gott bekehren sollt, der Himmel und Erde und das Meer gemacht hat und alles, was darin ist. 16 Er ließ in den vergangenen Zeiten alle Völker ihre eigenen Wege gehen. 17 Und doch hat er sich nicht unbezeugt gelassen als Wohltäter, da er vom Himmel her Regen spendete und fruchtbare Zeiten und eure Herzen mit Speise und Wonne erfüllte. 18 Durch diese Worte konnten sie nur mit Mühe die Scharen abhalten, ihnen zu opfern. 19 Von Antiochien und Ikonium kamen aber einige Juden herbei und wiegelten das Volk auf. Sie steinigten den Paulus und schleppten ihn zur Stadt hinaus, in der Annahme, er sei tot. 20 Als aber die Jünger um ihn herumstanden, erhob er sich und ging in die Stadt hinein. Am andern Tag reiste er mit Barnabas nach Derbe.

 

Rückkehr nach Antiochien. 21 Dieser Stadt verkündeten sie die frohe Botschaft und gewannen viele Jünger. Dann kehrten sie nach Lystra, Ikonium und Antiochien zurück. 22 Sie bestärkten die Jünger, ermahnten sie zur Beharrlichkeit im Glauben und legten dar, daß wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen. 23 In jeder Gemeinde bestellten sie unter Gebet und Fasten Presbyter und empfahlen sie dem Herrn, an den sie glaubten. 24 Sie zogen über Pisidien nach Pamphylien 25 und verkündeten das Wort [des Herrn] in Perge. Von da gingen sie hinab nach Attalia 26 und fuhren von dort nach Antiochien, von wo aus sie der Gnade Gottes für das Werk, das sie nun glücklich vollendet hatten, empfohlen worden waren. 27 Nach ihrer Ankunft versammelten sie die Gemeinde und erzählten, welch große Dinge Gott durch sie getan, und daß er den Heiden die Türe zum Glauben geöffnet habe. 28 Sie verweilten dann geraume Zeit bei den Jüngern.

 

Das Apostelkonzil

15 Veranlassung. Von Judäa kamen einige herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht beschneiden laßt nach dem Brauch des Moses, so könnt ihr nicht selig werden. 1: Diese Judaisten spielen sich als Beauftragte der Mutterkirche auf (15,24) und stellen die Beschneidung als notwendiges Mittel zur Seligkeit hin. Der Weg zum Christentum müsse also über das Judentum gehen. Daher die begreifliche Erregung bei den Heiden. Da entstand ein heftiger Aufruhr und Streit zwischen Paulus und Barnabas und ihnen. Darum beschloß man, Paulus und Barnabas sowie einige andere aus ihrer Mitte sollten zu den Aposteln und Ältesten in Jerusalem hinaufziehen wegen dieser Streitfrage. Von der Gemeinde wurden sie eine Strecke weit begleitet. Sie zogen durch Phönizien und Samaria, erzählten von der Bekehrung der Heiden und bereiteten dadurch allen Brüdern große Freude. Bei ihrer Ankunft in Jerusalem wurden sie von der Gemeinde und von den Aposteln und den Ältesten empfangen. Sie berichteten, welch große Dinge Gott im Bunde mit ihnen getan habe. Einige aus der Partei der Pharisäer, die gläubig geworden waren, standen auf und erklärten: Man muß sie beschneiden und ihnen gebieten, das Gesetz des Moses zu halten.

 

Rede des Petrus. Da versammelten sich die Apostel und Ältesten, um diese Frage zu untersuchen. Nach langem Hin- und Herreden erhob sich Petrus und sprach zu ihnen: Liebe Brüder! Ihr wißt, daß Gott vor langer Zeit aus eurer Mitte mich auserwählt hat, daß die Heiden durch meinen Mund das Wort der Heilsbotschaft hören und glauben sollten. Gott, der Herzenskenner, legte für sie Zeugnis ab, indem er ihnen den Heiligen Geist gab wie auch uns. Er hat keinen Unterschied gemacht zwischen uns und ihnen, da er durch den Glauben ihre Herzen gereinigt hat. 7-9: Petrus weist auf die Bekehrung des Hauptmanns Kornelius hin. 10 Warum versucht ihr jetzt Gott, indem ihr dem Nacken der Jünger ein Joch auferlegt, das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten? 11 Vielmehr glauben wir, durch die Gnade des Herrn Jesus [Christus] das Heil zu erlangen gleich wie auch sie. 11: Nicht mehr auf Rasse und Blut wie im Alten Testament baut sich die wahre Religion auf, sondern nur auf die Gnade der Erlösung. 12 Da schwieg die ganze Versammlung, und sie hörten zu, wie Paulus und Barnabas erzählten, welch große Zeichen und Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte.

 

Rede des Jakobus. 13 Als diese damit zu Ende gekommen waren, ergriff Jakobus das Wort und sprach: Hört nun mich, liebe Brüder! 14 Simon hat erzählt, wie Gott zuerst dafür Sorge trug, daß er aus den Heiden ein Volk gewänne für seinen Namen. 15 Damit stimmen die Worte der Propheten überein, wie geschrieben steht: 16 Danach will ich wiederkommen und das Zelt Davids, das zerfallene, wiederaufbauen und seine Trümmer wiederherstellen und es wiederaufrichten, 17 damit auch die übrigen Menschen den Herrn suchen und alle Völker, über die mein Name genannt worden ist. So spricht der Herr, der solches bekanntmacht 18 von Ewigkeit her (Am 9,11. 12). 19 Darum geht meine Meinung dahin: Man soll denen, die sich aus den Heiden zu Gott bekehren, keine Lasten aufbürden, 20 sondern ihnen vorschreiben, daß sie sich enthalten von der Befleckung durch die Götzen, von der Unzucht, vom Erstickten und vom Blut. 20: Diese nachher zum Beschluß erhobenen „Jakobusklauseln“ sollten das friedliche Zusammenleben von Judenchristen und Heidenchristen erleichtern; sie waren aber örtlich und zeitlich bedingt. 21 Denn Moses hat von alten Zeiten her in allen Städten seine Verkündiger, da er in den Synagogen jeden Sabbat vorgelesen wird.

 

Beschluß des Konzils. 22 Darauf beschlossen die Apostel und Ältesten samt der ganzen Gemeinde, Männer aus ihrer Mitte zu wählen und mit Paulus und Barnabas nach Antiochien zu senden, nämlich Judas mit dem Zunamen Barsabas und Silas, Männer, die zu den angesehensten unter den Brüdern gehörten. 23 Man gab ihnen das folgende Schreiben mit: Die Apostel und Ältesten entbieten als Brüder den Brüdern aus dem Heidentum in Antiochien, Syrien und Cilicien ihren Gruß! 24 Wir haben gehört, daß einige aus unserer Mitte zu euch gekommen sind und euch mit ihren Reden beunruhigt und eure Gemüter verwirrt haben, Leute, denen wir keinen Auftrag gegeben hatten. 25 Darum haben wir, einmütig versammelt, beschlossen, Männer auszuwählen und zu euch zu senden mit unseren geliebten Barnabas und Paulus; 26 das sind Männer, die ihr Leben eingesetzt haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus. 27 So haben wir nun Judas und Silas gesandt, die euch dasselbe auch mündlich verkünden sollen. 28 Es hat nämlich dem Heiligen Geiste und uns gefallen, euch weiter keine Last aufzulegen, außer folgenden notwendigen Stücken: 29 Ihr sollt euch enthalten von den Götzenopfern, vom Blut, vom Erstickten und von der Unzucht. Wenn ihr euch davor bewahrt, wird es euch wohlergehen. Lebt wohl! 30 Also wurden sie entlassen und zogen nach Antiochien hinab. Dort versammelten sie die ganze Gemeinde und übergaben das Schreiben. 31 Als diese es gelesen hatten, freuten sie sich der Beruhigung. 32 Judas und Silas, die selbst Propheten waren, trösteten gleichfalls die Brüder mit vielen Worten und stärkten sie. 33 Nach längerer Zeit wurden sie von den Brüdern mit Friedensgrüßen entlassen zu denen, die sie abgesandt hatten. 34 [Silas jedoch fand für gut, daselbst zu bleiben. So ging Judas allein nach Jerusalem.]

 

Paulus auf dem Höhepunkt der Heidenmission

 

Zweite Missionsreise

Paulus und Barnabas. 35 Paulus und Barnabas blieben in Antiochien. Sie lehrten und verkündeten mit vielen andern die frohe Botschaft des Wortes des Herrn. 36 Nach einigen Tagen sprach Paulus zu Barnabas: Laß uns wieder hingehen und sehen, wie es um die Brüder steht in all den Städten, wo wir das Wort des Herrn gepredigt haben. 37 Da wollte Barnabas auch den Johannes, der den Zunamen Markus hat, mitnehmen. 38 Paulus aber verlangte, daß sie den nicht mitnähmen, der in Pamphylien sich von ihnen getrennt hatte und nicht mit ihnen ans Werk gegangen war. 39 So kam es zu einem Zerwürfnis, so daß sie sich voneinander trennten. Barnabas nahm den Markus zu sich und fuhr nach Cypern. 37-39: Der Streit störte nicht lange das Einvernehmen unter den Missionaren, wie aus 1 Kor 9,6; Kol 4,10; Phlm 2 und 2 Tim 4,11 hervorgeht. Auch zwischen Heiligen gibt es Meinungsverschiedenheiten. 40 Paulus aber wählte den Silas und reiste ab, von den Brüdern der Gnade Gottes empfohlen. Er zog durch Syrien und Cilicien, ermutigte die Gemeinden [und befahl ihnen, die Gebote der Apostel und Ältesten zu halten].

 

16 Paulus in Kleinasien. Er kam auch nach Derbe und Lystra. Und siehe, dort war ein Jünger namens Timotheus, Sohn einer gläubigen Jüdin und eines heidnischen Vaters. Diesem gaben die Brüder in Lystra und Ikonium ein gutes Zeugnis. Ihn wollte Paulus als Begleiter mitnehmen. Er nahm ihn also zu sich und ließ ihn beschneiden aus Rücksicht auf die in jenen Orten wohnenden Juden. Denn alle wußten, daß sein Vater ein Heide war. Sie durchzogen die Städte und übergaben ihnen die von den Aposteln und Ältesten in Jerusalem gefaßten Beschlüsse zur Beobachtung. Die Gemeinden wurden bestärkt im Glauben und nahmen täglich zu an Zahl. Sie durchwanderten dann Phrygien und die Landschaft von Galatien, da ihnen vom Heiligen Geiste verwehrt wurde, das Wort [Gottes] in (der Provinz) Asien zu predigen. 6: Asien ist nicht der Erdteil, sondern die römische Provinz dieses Namens an der Westküste Kleinasiens. Als sie gegen Mysien kamen, versuchten sie nach sie Bithynien zu gelangen. Aber der Geist Jesu gestattete es ihnen nicht. Sie zogen an Mysien vorbei und gingen hinab nach Troas. Da hatte Paulus in der Nacht ein Gesicht, ein Mazedonier stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! 10 Nach dieser Erscheinung suchten wir alsbald nach Mazedonien zu reisen, weil wir daraus schlossen, daß uns Gott gerufen, ihnen die Heilsbotschaft zu verkünden. 9-10: Trotz aller griechischen Kultur und römischen Kriegskunst vermochte Europa sich nicht mehr zu helfen. Christus mußte auch ihm Erlöser werden. In Troas schließt sich Lukas an, so daß er in erster Person Selbsterlebtes berichten kann.

 

Paulus in Philippi. 11 Wir segelten von Troas ab und fuhren geradewegs nach Samothrake und am folgenden Tag nach Neapolis 12 und von da nach Philippi, der ersten Stadt des Bezirks von Mazedonien, einer Kolonie. In dieser Stadt hielten wir uns einige Tage auf [und hatten Unterredungen]. 13 Am Sabbat gingen wir vor das Tor hinaus an den Fluß, wo ein Bethaus zu sein schien. Dort setzten wir uns nieder und redeten zu den Frauen, die da zusammengekommen waren. 14 Eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, namens Lydia, eine gottesfürchtige Frau, hörte zu. Der Herr schloß ihr das Herz auf, so daß sie der Predigt des Paulus Gehör schenkte. 15 Als aber sie und ihr Haus getauft waren, sprach sie die Bitte aus: Wenn ihr mich für eine Gläubige des Herrn erachtet, so kommt in mein Haus und bleibt da. So nötigte sie uns. 15: Lydia ist die erste uns bekannte Christin Europas, ihr Haus die erste christliche Kultstätte des Abendlandes.

 

Paulus treibt einen bösen Geist aus. 16 Es geschah aber, als wir zur Gebetsstätte gingen, daß uns eine Magd begegnete, die einen Wahrsagegeist hatte und ihrer Herrschaft durch ihr Wahrsagen großen Gewinn brachte. 17 Diese folgte dem Paulus und uns nach und schrie: Diese Männer sind Diener des höchsten Gottes; sie verkünden euch den Weg des Heils. 18 So tat sie viele Tage lang. Unwillig wandte sich Paulus um und sprach zu dem Geist: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi, von ihr auszufahren! Und in derselben Stunde fuhr er aus.

 

Vor Gericht und im Kerker. 19 Da nun ihre Herrschaft sah, daß die Hoffnung auf Gewinn ihnen genommen war, ergriffen sie den Paulus und Silas und schleppten sie auf den Marktplatz vor die Obrigkeit. 20 Sie führten dieselben den Prätoren vor mit der Anklage: Diese Leute versetzen unsere Stadt in Unruhe, da sie Juden sind. 21 Sie verkünden Gebräuche, die wir als Römer nicht annehmen und üben dürfen. 22 Da erhob auch das Volk sich gegen sie. Die Prätoren ließen ihnen die Kleider vom Leibe reißen und befahlen, sie mit Ruten zu schlagen. 23 Sie warfen sie dann nach einer scharfen Geißelung ins Gefängnis mit der Weisung an den Gefängniswärter, sie sicher zu verwahren. 24 Auf diese Weisung hin legte er sie in das innerste Gefängnis und schloß ihre Füße in den Block.

 

25 Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und lobten Gott; die Gefangenen hörten ihnen zu. 26 Da entstand plötzlich ein starkes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Kerkers erschüttert wurden. Sogleich öffneten sich alle Türen, und die Fesseln aller wurden gelöst. 27 Als der Gefängniswärter erwachte und die Türen des Kerkers offen sah, zog er das Schwert und wollte sich töten, in der Meinung, die Gefangenen seien entflohen. 28 Paulus aber rief mit lauter Stimme: Tu dir kein Leid an, denn wir sind alle noch hier. 29 Da forderte er Licht und trat hinein. Zitternd fiel er dem Paulus und Silas zu Füßen. 30 Dann führte er sie hinaus und fragte: Ihr Herren, was muß ich tun, um selig zu werden? 31 Sie antworteten: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du selig werden, du und dein Haus. 32 Dann verkündeten sie ihm und allen, die in seinem Hause waren, das Wort des Herrn. 33 Noch in derselben Stunde der Nacht nahm er sie zu sich und wusch ihre Striemen. Sogleich ließ er sich mit all den Seinigen taufen. 34 Nachher führte er sie in seine Wohnung und ließ ihnen ein Mahl bereiten. Er frohlockte, daß er mit seinem ganzen Hause den Glauben an Gott erlangt hatte. 35 Bei Tagesanbruch sandten die Prätoren die Amtsdiener und ließen sagen: Laß diese Leute frei! 36 Der Gefängniswärter berichtete dies dem Paulus: Die Prätoren haben hergeschickt, man solle euch freilassen. So geht nun hinaus und zieht in Frieden! 37 Paulus aber ließ ihnen sagen: Ohne Untersuchung hat man uns, römische Bürger, öffentlich schlagen und ins Gefängnis werfen lassen; und jetzt will man uns heimlich fortschicken? Nein, sie sollen nur selbst kommen und uns hinausführen. 38 Die Amtsdiener überbrachten den Prätoren diese Antwort. Diese gerieten in Furcht, als sie hörten, daß es Römer seien. 35-38 Paulus zeigt um der Sache Christi willen männliches Selbstbewußtsein. Niemand soll sagen, das Christentum sei von ehrlosen, landfremden Menschen nach Philippi gebracht worden. Er fordert öffentliche Genugtuung. 39 Sie gingen hin, redeten ihnen zu und führten sie hinaus mit der Bitte, sie möchten die Stadt verlassen. 40 Sie gingen nun aus dem Gefängnis und begaben sich zu Lydia. Dort trafen sie die Brüder, ermahnten sie und zogen weiter.

 

17 Paulus in Thessalonich. Auf dem Wege über Amphipolis und Apollonia kamen sie nach Thessalonich, wo die Juden eine Synagoge hatten. 1: Thessalonich ist das heutige Saloniki. Paulus besuchte sie nach seiner Gewohnheit und besprach sich an drei Sabbaten mit ihnen auf Grund der Schriften. Er gab ihnen Aufschluß und wies nach, daß der Messias leiden und von den Toten auferstehen mußte, und — dieser Messias ist Jesus, den ich euch verkünde. Einige von ihnen ließen sich auch überzeugen und schlossen sich an Paulus und Silas an, sowie auch von den gottesfürchtigen Heiden eine große Menge und nicht wenige vornehme Frauen. Die Juden wurden eifersüchtig und holten einige schlechte Leute vom Pöbel herbei, veranlaßten einen Auflauf und brachten die Stadt in Aufruhr. Sie erschienen vor Jasons Haus, in der Absicht, sie der Volksversammlung vorzuführen. Aber sie fanden sie nicht. Darum schleppten sie den Jason und etliche Brüder vor die Stadtobern und schrien: Diese Leute, welche die ganze Welt in Aufruhr gebracht haben, sind jetzt auch hier. Jason hat sie aufgenommen. Sie alle handeln gegen die Verordnungen des Kaisers, da sie sagen, ein anderer sei König, nämlich Jesus. Sie brachten die Menge und die Stadtobern, die dies hörten, in Unruhe. Diese ließen sich von Jason und den übrigen Bürgschaft stellen und gaben sie dann frei.

 

In Beröa. 10 Die Brüder sandten alsbald bei Nacht den Paulus und Silas fort nach Beröa. Hier gingen sie nach ihrer Ankunft in die Synagoge der Juden. 11 Diese waren edler als die in Thessalonich. Sie nahmen das Wort mit aller Bereitwilligkeit auf und forschten täglich in den Schriften, ob es sich also verhalte. 12 Viele von ihnen wurden gläubig, wie auch nicht wenige von den vornehmen heidnischen Frauen und Männern. 13 Als aber die Juden in Thessalonich erfuhren, daß auch in Beröa von Paulus das Wort Gottes verkündet werde, kamen sie dahin und brachten die Massen in Aufregung und Unruhe. 14 Da sandten die Brüder den Paulus alsbald weg, damit er bis ans Meer wandere; Silas aber und Timotheus blieben daselbst zurück. 15 Die den Paulus begleiteten, führten ihn nach Athen. Sie erhielten von ihm den Auftrag an Silas und Timotheus, sie sollten so schnell wie möglich nachkommen. Dann reisten sie ab.

 

In Athen. 16 Während Paulus in Athen auf sie wartete, wurde er innerlich tief erregt, da er die Stadt ganz in Abgötterei versunken sah. 17 Er redete in der Synagoge zu den Juden und den Gottesfürchtigen und auf dem Markte jeden Tag zu denen, die gerade sich einfanden. 18 Einige aber von den epikureischen und stoischen Philosophen stritten mit ihm; etliche sagten: Was will denn dieser Schwätzer sagen? Andere: Er scheint ein Verkündiger fremder Götter zu sein, weil er ihnen nämlich die Heilsbotschaft von Jesus und der Auferstehung verkündete. 18: Epikureische Genußsucht und stoischer Tugendstolz sind ungeeignete Voraussetzungen für die Lehre Christi, die sich nur den Demütigen erschließt. 19 Sie führten ihn nun zum Areopag und sprachen: Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du vorträgst? 19: Areopag hieß die oberste Behörde Athens, benannt nach dem „Areshügel“ zwischen dem Töpfermarkt und der Akropolis. Dort pflegte sich „die gebildete Welt“ Athens zu treffen. 20 Denn du gibst uns seltsame Dinge zu hören, und wir möchten wissen, was dies sein mag. 21 Alle Athener nämlich und die dort weilenden Fremden hatten für nichts anderes Zeit, als etwas Neues zu reden und zu hören. 22 Paulus trat in die Mitte des Areopags und sprach: Ihr Männer von Athen! Ich finde euch in jeder Hinsicht überaus religiös. 23 Denn da ich umherging und eure Heiligtümer betrachtete, fand ich auch einen Altar mit der Inschrift: Dem unbekannten Gott. Nun, was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch! 23: Ein Altar mit ähnlicher Inschrift ist 1909 in Pergamon ausgegraben worden. 24 Gott, der die Welt gemacht hat, und alles, was in ihr ist er, der Herr des Himmels und der Erde — er wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhänden gemacht sind. 25 Er läßt sich auch nicht von Menschenhänden bedienen, als bedürfe er etwas, da er selbst allem Leben gibt und Odem und alles. 26 Er hat auch bewirkt, daß von einem einzigen her alle Völker der Menschen über die gesamte Oberfläche der Erde hin wohnen. Er hat bestimmte Zeiten und Grenzen ihres Aufenthaltes festgesetzt. 27 Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn herausfühlen und finden möchten, da er ja nicht ferne ist einem jeden aus uns. 28 Denn in ihm leben wir und bewegen wir uns und sind wir. Haben doch einige von euren Dichtern gesagt: Auch wir sind ja von seinem Geschlecht. 28: Gott gab uns das Dasein und erhält es. Wir sind nach seinem Ebenbild geschaffen. Das Zitat stammt aus den Dichtungen des Aratus (270 v. Chr.) und Kleanthes (260 v. Chr.). 29 Da wir vom Geschlechte Gottes sind, so dürfen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich dem Gold oder Silber oder Stein, den Gebilden menschlicher Kunst und Erfindung. 30 Zwar hat Gott über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen. Aber nun läßt er den Menschen verkünden, daß sie überall Buße tun sollen; 31 denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er die Welt richten will in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestellt und durch seine Auferweckung von den Toten bei allen beglaubigt hat.

 

32 Als sie aber von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten einige. Andere dagegen sagten: Wir wollen dich darüber ein andermal hören. 33 So ging Paulus aus ihrer Mitte weg. 34 Einige Männer jedoch schlossen sich ihm an und wurden gläubig. Unter diesen war auch Dionysius, Mitglied des Areopags, und eine Frau namens Damaris und noch einige andere.

 

18 Paulus in Korinth. Hierauf schied Paulus von Athen und kam nach Korinth. Dort traf er einen Juden namens Aquila, der aus Pontus stammte und kurz zuvor aus Italien hergekommen war, und dessen Frau Priscilla. Klaudius hatte nämlich angeordnet, daß alle Juden Rom verlassen müßten. Diesen schloß er sich an. Da er dasselbe Handwerk trieb, blieb er bei ihnen und arbeitete. Sie waren nämlich Zeltmacher von Beruf. Jeden Sabbat sprach er in der Synagoge; [er ließ den Namen des Herrn Jesus mit einfließen] und suchte Juden und Heiden zu überzeugen. 2-4: Das Ehepaar Aquila und Priska gehört zu den eifrigsten Laienaposteln der Urkirche. Nach dem Eintreffen des Silas und Timotheus aus Mazedonien aber ging Paulus völlig auf in der Verkündigung des Wortes und bezeugte den Juden, daß Jesus der Messias sei. Da sie aber sich dagegen auflehnten und lästerten, schüttelte er seine Kleider ab und sprach zu ihnen: Euer Blut komme über euer Haupt! Ich habe keine Schuld. Von nun an werde ich zu den Heiden gehen. Und er ging von da weg und begab sich in das Haus eines gottesfürchtigen Mannes namens Titus Justus, dessen Haus an die Synagoge stieß. Der Synagogenvorsteher Crispus aber nahm mit seinem ganzen Hause den Glauben an den Herrn an. Auch viele Korinther, die zuhörten, glaubten und ließen sich taufen. Der Herr aber sprach des Nachts in einer Erscheinung zu Paulus: Fürchte dich nicht, lehre weiter und schweige nicht! 10 Ich bin mit dir, und niemand wird dich angreifen und dir ein Leid zufügen; denn ich habe viel Volk in dieser Stadt. 11 Er blieb also ein Jahr und sechs Monate dort und predigte bei ihnen das Wort Gottes.

 

Paulus vor Gallio. 12 Als aber Gallio Statthalter von Achaja war, traten die Juden einmütig gegen Paulus auf, führten ihn vor den Richterstuhl 13 und sprachen: Dieser verleitet die Leute, Gott anders zu verehren, als das Gesetz befiehlt. 14 Als Paulus erwidern wollte, sprach Gallio zu den Juden: Wenn es sich um ein Unrecht oder ein Verbrechen handelt, ihr Juden, so müßte ich euch nach dem Rechte annehmen. 15 Wenn es sich aber um Streitigkeiten über Lehre und Namen und euer Gesetz handelt, so mögt ihr selbst zusehen. Darüber will ich nicht Richter sein. 16 Damit wies er sie von seinem Richterstuhle weg. 17 Nun fielen alle über den Synagogenvorsteher Sosthenes her und verprügelten ihn vor dem Richterstuhle. Gallio aber kümmerte sich nicht darum. 12-17: Gallio war der Bruder des Philosophen Seneka. Durch eine Inschrift aus Delphi ist seine Statthalterschaft für das Jahr 51-52 oder 52-53 in Korinth bezeugt.

 

Rückkehr nach Jerusalem und Antiochien. 18 Nach längerem Aufenthalt nahm Paulus Abschied von den Brüdern und fuhr nach Syrien, und zwar mit Priscilla und Aquila. Zu Kenchreä hatte er sich das Haupt scheren lassen, weil er ein Gelübde gemacht hatte. 19 Sie gelangten nach Ephesus. Dort verließ er sie. Er selbst ging in die Synagoge und besprach sich mit den Juden. 20 Auf ihre Bitte, längere Zeit zu bleiben, ging er nicht ein. 21 Vielmehr nahm er von ihnen Abschied mit den Worten: Ich werde, so Gott will, wieder zu euch kommen. Dann fuhr er fort von Ephesus 22 nach Cäsarea. Von dort ging er hinauf nach Jerusalem, begrüßte die Gemeinde und zog dann nach Antiochien hinab.

 

Dritte Missionsreise

23 Nach kürzerem Aufenthalt daselbst setzte er seine Reise fort. Er durchwanderte nacheinander die Landschaft Galatien und Phrygien und bestärkte alle Jünger.

 

Der Alexandriner Apollos in Ephesus. 24 Unterdessen kam nach Ephesus ein Jude namens Apollos, aus Alexandrien gebürtig, ein beredter und in der Schrift wohl bewanderter Mann. 25 Dieser war unterrichtet über den Weg des Herrn. Er redete mit glühender Begeisterung und lehrte genau über Jesus, obwohl er nur die Taufe des Johannes kannte. 26 Mit Freimut begann er in der Synagoge aufzutreten. Priscilla und Aquila hörten ihn, nahmen ihn zu sich und erklärten ihm den Weg Gottes noch genauer. 26: Priscilla, die mehrfach vor ihrem Mann genannt wird, muß eine hochgebildete Laienhelferin gewesen sein, da sie dem gelehrten Apollos Ergänzungsunterricht erteilte. 27 Als er nach Achaja reisen wollte, ermunterten ihn die Brüder und schrieben an die dortigen Jünger, sie möchten ihn freundlich aufnehmen. Nach seiner Ankunft erwies er den dortigen Gläubigen gute Dienste durch seine Begabung. 28 Denn schlagend widerlegte er die Juden öffentlich und bewies aus der Schrift, daß Jesus der Messias sei.

 

19 Wirksamkeit des Apostels Paulus in Ephesus. Während Apollos in Korinth war, zog Paulus durch die höher gelegenen Gegenden und kam nach Ephesus. Dort traf er einige Jünger. Er fragte sie: Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet? Sie antworteten ihm: Nein, wir haben nicht einmal gehört, ob der Heilige Geist [bereits] da ist. Da fragte er weiter: Welche Taufe habt ihr denn empfangen? Die Taufe des Johannes, erwiderten sie. Paulus erklärte: Johannes hat eine Bußtaufe gespendet und dem Volke gesagt, sie sollten an den, der nach ihm komme, glauben, nämlich an Jesus. Da sie dies hörten, ließen sie sich taufen auf den Namen des Herrn Jesus. Und als Paulus ihnen die Hände auflegte, kam der Heilige Geist auf sie, und sie redeten in Zungen und sprachen prophetisch. 6: Das Sakrament der Firmung wurde gleich nach der Taufe gespendet. Es waren im ganzen ungefähr zwölf Männer.

 

Er ging in die Synagoge, trat dort drei Monate hindurch mit Freimut auf, indem er sich besprach und sie für das Reich Gottes zu gewinnen suchte. Einige aber waren hartnäckig, verweigerten den Glauben und lästerten die Lehre [des Herrn] vor dem Volke. Darum trennte er sich von ihnen, sonderte die Jünger ab und lehrte täglich im Hörsaal eines gewissen Tyrannus. 10 Das dauerte zwei Jahre lang, so daß alle Bewohner der Provinz Asien, Juden wie Heiden, das Wort des Herrn hörten.

 

Wunder des Paulus. 11 Auch wirkte Gott ungewöhnliche Wunder durch die Hände des Paulus. 12 Sogar die Schweißtücher und Schürzen von seinem Leibe legte man den Kranken auf; die Krankheiten wichen dann von ihnen, und die bösen Geister fuhren aus. 13 Einige herumziehende jüdische Beschwörer versuchten über die von bösen Geistern Besessenen den Namen des Herrn Jesus anzurufen und sagten: Ich beschwöre euch bei Jesus, den Paulus verkündet. 14 Sieben Söhne eines jüdischen Oberpriesters Skeuas taten dies. 15 Aber der böse Geist antwortete ihnen: Jesus kenne ich; auch Paulus ist mir bekannt; ihr aber, wer seid ihr? 16 Dann stürzte sich der Mensch, in dem der böse Geist war, auf sie, überwältigte alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus jenem Hause entflohen. 17 Dies wurde allen Einwohnern von Ephesus, Juden und Heiden, bekannt. Furcht kam über alle, und der Name des Herrn Jesus wurde hochgepriesen. 18 Viele Gläubige kamen und bekannten und offenbarten das, was sie getan hatten. 19 Viele von denen, die abergläubische Dinge getrieben hatten, brachten die Bücher zusammen und verbrannten sie vor aller Augen; man berechnete den Wert, und es ergaben sich fünfzigtausend (Drachmen). 19: Die hohe Summe von etwa 36 000 Mark zeigt nicht nur, wie verbreitet die Zauberei war, sondern auch, wie stark bereits die Christengemeinde in Ephesus gewesen sein muß.

 

20 So wuchs das Wort durch die Kraft des Herrn und erstarkte. 21 Nach diesen Ereignissen nahm sich Paulus vor, über Mazedonien und Achaja nach Jerusalem zu reisen. Er sagte sich: Wenn ich dort gewesen bin, muß ich auch Rom sehen. 22 Zwei seiner Gehilfen, Timotheus und Erastus, sandte er nach Mazedonien. Er selbst blieb noch einige Zeit in Asien.

 

Aufstand des Demetrius. 23 Um diese Zeit entstand ein großer Aufruhr wegen der Lehre [des Herrn]. 24 Ein Silberschmied nämlich namens Demetrius, der silberne Tempelchen der Artemis verfertigte, verschaffte den Handwerkern nicht geringen Verdienst. 25 Diese und andere mit derartigen Arbeiten Beschäftigte rief er zusammen und sprach: Ihr Männer, ihr wißt, daß wir dieser Arbeit unsern Wohlstand verdanken. 26 Nun seht und hört ihr, daß dieser Paulus nicht nur zu Ephesus, sondern fast in ganz Asien viel Volk überredet und abwendig gemacht hat, indem er behauptet: Das sind keine Götter, die von Menschenhänden verfertigt werden. 27 Nicht allein dieses unser Geschäft kommt in Mißkredit, sondern auch der Tempel der großen Göttin Artemis läuft Gefahr, in völlige Verachtung zu geraten, ihre ganze Majestät wird geradezu vernichtet werden, die doch ganz Asien und die ganze Welt verehrt. 28 Da sie dies hörten, wurden sie voll Zorn und schrien: Groß ist die Artemis von Ephesus! 29 Die ganze Stadt kam in Bewegung. Alle stürmten einmütig ins Theater und schleppten die Mazedonier Gajus und Aristarch, Gefährten des Paulus, mit fort. 30 Paulus wollte unter das Volk gehen, aber die Jünger ließen es nicht zu. 31 Auch einige ihm befreundete Asiarchen ließen ihn bitten, sich nicht ins Theater zu begeben. 3l: Asiarchen hießen die Abgeordneten des Provinziallandtages der Provinz Asien. 32 Die einen schrien dies, die andern das. Die Versammlung war nämlich ein Durcheinander, und die meisten wußten nicht einmal, weshalb sie zusammengekommen waren. 33 Aus der Menge drängte man einen Alexander heraus, den die Juden vorschoben. Alexander winkte mit der Hand Stillschweigen und wollte sich vor dem Volke verantworten. 33: Schlau versuchen die Juden, die entfesselte Volkswut von sich abzulenken, aber der Judenhaß der Menge läßt den Sprecher nicht zu Wort kommen. Nur der Stadtschreiber behält ruhige Nerven. 34 Als man aber erkannte, daß er ein Jude war, erhob sich ein Ruf aus aller Munde, und sie schrien fast zwei Stunden lang: Groß ist die Artemis von Ephesus! 35 Der Stadtschreiber aber beschwichtigte die Menge und sprach: Ihr Epheser! Wo ist ein Mensch, der nicht weiß, daß die Stadt Ephesus Tempelhüterin der großen Artemis und ihres vom Himmel gefallenen Bildes ist? 36 Da man das also nicht bestreiten kann, so müßt ihr euch ruhig verhalten und nicht unbesonnen handeln. 37 Denn ihr habt diese Männer hergeführt, die weder Tempelräuber noch Lästerer unserer Göttin sind. 38 Wenn nur Demetrius und die mit ihm verbundenen Handwerker eine Klage gegen jemand haben, so gibt es ja Gerichtstage und Statthalter; dort mag man einander anklagen! 39 Habt ihr aber noch eine andere Beschwerde, so kann man sie in der ordentlichen Volksversammlung erledigen. 40 Wir laufen allesamt Gefahr, wegen des heutigen Aufruhrs angeklagt zu werden; denn es ist kein Grund vorhanden, mit dem wir uns wegen dieser Zusammenrottung rechtfertigen können. Nach diesen Worten entließ er die Versammlung. 23-40: Das Heiligtum der Artemis war ein weltberühmter Wallfahrtsort. Die Pilger kauften gerne kleine Nachbildungen als Andenken. Der ganze Abschnitt ist ein klassisches Beispiel für die abstoßende Verquickung von Religion und Geschäft, von Massenpsychose und sinnloser Verhetzung. Die meisten Teilnehmer an der Kundgebung gegen die Christen wußten nicht einmal, worum es sich handelt. (V. 32).

 

20 Paulus in Mazedonien und Griechenland. Reise nach Troas. Als der Aufruhr sich gelegt hatte, rief Paulus die Jünger zu sich und ermahnte sie. Dann nahm er Abschied und reiste nach Mazedonien. Als er jene Gegenden durchzogen und mit vielen Worten die Gläubigen ermahnt hatte, kam er nach Griechenland. Hier brachte er drei Monate zu. Als er sich dann nach Syrien einschiffen wollte, versuchten die Juden einen Anschlag gegen ihn. Darum kam er zum Entschluß, den Rückweg über Mazedonien zu nehmen. Es begleiteten ihn bis nach Asien Sopater, der Sohn des Pyrrhus, aus Beröa; aus Thessalonich Aristarch und Sekundus; ferner Gajus aus Derbe und Timotheus; aus Asien Tychikus und Trophimus. Diese reisten voraus und warteten auf uns in Troas. 5: In Philippi schloß sich wieder der Verfasser der Apostelgeschichte an; daher die Erzählung in erster Person.

 

Abschiedsfeier in Troas. Wir selber aber fuhren nach den Tagen der ungesäuerten Brote von Philippi ab und kamen in fünf Tagen zu ihnen nach Troas; dort blieben wir sieben Tage. Als wir am ersten Tage der Woche zum Brotbrechen zusammengekommen waren, redete Paulus zu ihnen und dehnte seine Ansprache bis Mitternacht aus, weil er am folgenden Tag abreisen wollte. Es brannten viele Lampen in dem Obergemach, wo wir versammelt waren. Ein Jüngling namens Eutychus saß auf der Fensterbank. Er sank in tiefen Schlaf, da Paulus lange redete. Vom Schlaf überwältigt, fiel er vom dritten Stockwerk hinunter und wurde tot aufgehoben. 10 Paulus stieg hinab, beugte sich über ihn, umfaßte ihn und sprach: Beruhigt euch; denn sein Leben ist in ihm. 11 Dann ging er wieder hinauf, brach das Brot und aß und sprach noch lange weiter bis Tagesanbruch; alsdann reiste er ab. 12 Den Jüngling brachten sie lebendig herbei und empfanden nicht geringen Trost.

 

Paulus in Milet. 13 Wir aber waren auf das Schiff vorausgegangen und fuhren nach Assos, wo wir den Paulus aufnehmen wollten. Denn so hatte er es angeordnet, da er selbst zu Lande hinreisen wollte. 14 In Assos traf er mit uns zusammen. Wir nahmen ihn an Bord und kamen nach Mitylene. 15 Von da fuhren wir am folgenden Tage ab und gelangten auf die Höhe von Chios. Des andern Tages legten wir bei Samos an, und am nächsten Tage kamen wir nach Milet. 16 Paulus hatte sich nämlich entschlossen an Ephesus vorbeizufahren, um nicht in Asien Zeit zu verlieren. Denn er hatte es eilig, um womöglich das Pfingstfest in Jerusalem zu feiern.

 

Abschied von den Ältesten aus Ephesus. 17 Von Milet sandte er nach Ephesus und berief die Ältesten der Gemeinde zu sich. 18 Als sie dann beisammen waren, sprach er zu ihnen: Ihr wißt, wie ich die ganze Zeit hindurch, vom ersten Tage an, da ich Asien betrat, bei euch zugebracht habe. 19 In aller Demut, unter Tränen und Prüfungen, die mir durch die Nachstellungen der Juden widerfuhren, habe ich dem Herrn gedient. 20 Nichts, was euch nützlich sein konnte, habe ich euch vorenthalten, sondern alles habe ich euch verkündet, öffentlich und in den Häusern. 6-20: „Tage der ungesäuerten Brote“ hieß die Osterfestwoche. Der „erste Tag der Woche ist der Sonntag. Der Abschnitt zeigt also, daß die Christen zwar das Osterfest nach jüdischem Brauch feierten; aber auch schon den Sonntagsgottesdienst hielten an Stelle der Sabbatfeier. 21 Vor Juden und Heiden habe ich die Bekehrung zu Gott und den Glauben an unsern Herrn Jesus [Christus] feierlich bezeugt. 22 Und nun seht, durch den Geist gebunden, ziehe ich nach Jerusalem, ohne zu wissen, was mir dort begegnen wird. 23 Nur das bezeugt mir der Heilige Geist von Stadt zu Stadt, daß Bande und Trübsal meiner warten. 24 Doch [all dies fürchte ich nicht; und sogar] mein Leben sehe ich für ganz wertlos an, wenn ich nur meine Laufbahn vollende und die Aufgabe erfülle, die ich von dem Herrn Jesus erhalten habe, nämlich Zeuge der Frohbotschaft von der Gnade Gottes zu sein. 25 Und nun seht, ich weiß, daß ihr mein Angesicht nicht mehr sehen werdet, ihr alle, unter denen ich als Verkündiger des Reiches [Gottes] wandelte. 26 Darum beteure ich euch feierlich am heutigen Tage, daß ich rein bin vom Blute aller. 27 Denn ich habe es nicht unterlassen, euch den ganzen Ratschluß Gottes zu verkünden. 28 Habet acht auf euch und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist zu Bischöfen eingesetzt hat, die Kirche Gottes zu hüten, die er mit seinem Blute sich erworben. 28: Die Begriffe „Älteste“ (Presbyter) und Bischöfe waren damals noch nicht genau abgegrenzt, so daß Paulus dieselben Männer hier als Bischöfe bezeichnet, die vorher (V. 17) „Älteste“ genannt worden sind. 29 Denn ich weiß, daß nach meinem Weggang reißende Wölfe unter euch eindringen und die Herde nicht schonen werden. 30 Aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die Verkehrtes reden, um die Jünger zu sich hinüberzuziehen. 31 Seid darum wachsam und denkt stets daran, daß ich drei Jahre lang, Tag und Nacht, unaufhörlich unter Tränen einen jeden von euch ermahnte. 32 Nun empfehle ich euch Gott und dem Worte seiner Gnade, ihm, das fähig ist, aufzubauen und das Erbe zu verleihen unter allen Geheiligten. 33 Silber und Gold oder Kleider habe ich von niemand begehrt, wie ihr selbst wißt. 34 Denn für meine und meiner Gefährten Bedürfnisse haben diese Hände gesorgt. 35 In allem habe ich euch gezeigt, wie man so durch Arbeit sich der Schwachen annehmen muß, eingedenk des Wortes des Herrn Jesus, der ja selber sagte: Seliger ist Geben als Nehmen. 35: Das Wort findet sich in keinem geschriebenen Evangelium, bildet also ein gutes Einzelzeugnis für die mündliche Überlieferung der Lehre Jesu. 36 Nach diesen Worten kniete er nieder und betete mit ihnen allen. 37 Da brachen alle in lautes Weinen aus. Sie fielen dem Paulus um den Hals und küßten ihn. 38 Am meisten betrübte sie sein Wort, daß sie sein Angesicht nicht mehr sehen sollten. Dann gaben sie ihm das Geleite an das Schiff.

 

21 Weiterreise bis Tyrus. Als wir uns von ihnen getrennt hatten und abgefahren waren, kamen wir geradenwegs nach Kos, am nächsten Tag nach Rhodus, von dort nach Patara. Und da wir ein Schiff fanden, das nach Phönizien fuhr, stiegen wir ein und segelten ab. Als wir Cypern zu Gesicht bekamen, ließen wir es zur Linken liegen, fuhren gegen Syrien und landeten in Tyrus; da sollte nämlich das Schiff seine Fracht ausladen. Daselbst fanden wir Jünger und blieben deshalb sieben Tage, diese, vom Geiste erleuchtet, rieten dem Paulus, er solle nicht nach Jerusalem hinaufgehen. Nach Ablauf dieser Tage schickten wir uns zur Abreise an. Alle, mit Frauen und Kindern, gaben uns das Geleite bis vor die Stadt hinaus. Am Strande knieten wir nieder und beteten. Dann nahmen wir Abschied voneinander; wir stiegen ins Schiff, sie dagegen gingen wieder heim.

 

Reise nach Jerusalem. Wir machten den letzten Teil der Fahrt von Tyrus nach Ptolemais, begrüßten die Brüder und blieben einen Tag bei ihnen. Des andern Tages reisten wir ab und kamen nach Cäsarea. Wir gingen in das Haus des Evangelisten Philippus, der einer von den Sieben war, und blieben bei ihm. Dieser hatte vier Töchter, Jungfrauen, die prophetisch begabt waren. 9: Diese vier Jungfrauen waren mit einer besonderen Gabe des Heiligen Geistes, der Prophetengabe, ausgestattet und standen mit ihrem Vater im Dienste der kirchlichen Gemeinde (vgl. 1 Kor 14). Hier liegen die apostolischen Anfänge klosterähnlichen Gemeinschaftslebens jungfräulicher Christinnen, zunächst noch in der eigenen Familie. 10 Während wir einige Tage dort waren, kam noch ein Prophet von Judäa herab namens Agabus. 11 Dieser besuchte uns, nahm den Gürtel des Paulus, band sich Hände und Füße und sagte: So spricht der Heilige Geist: Den Mann, dem dieser Gürtel gehört, werden die Juden zu Jerusalem also binden und in die Hände der Heiden ausliefern.

 

12 Da wir dies hörten, baten wir und die Einheimischen den Paulus dringend, er solle nicht nach Jerusalem hinaufgehen. 13 Paulus entgegnete: Warum weint ihr und macht mir das Herz schwer? Ich bin bereit, nicht nur mich binden zu lassen, sondern auch zu sterben in Jerusalem für den Namen des Herrn Jesus. 14 Da wir ihn nicht umstimmen konnten, drangen wir nicht weiter in ihn und sprachen: Des Herrn Wille geschehe! 15 Nach Verlauf dieser Tage machten wir uns reisefertig und zogen hinauf nach Jerusalem. 16 Mit uns zogen auch einige von den Jüngern aus Cäsarea; sie brachten uns zu einem gewissen Mnason aus Cypern, einem alten Jünger, bei dem wir Wohnung nehmen sollten.

 

Paulus in der Gefangenschaft

In Jerusalem

Aufnahme in Jerusalem. 17 Bei unserer Ankunft in Jerusalem nahmen uns die Brüder mit Freuden auf. 18 Am folgenden Tage ging Paulus mit uns zu Jakobus, und alle Ältesten fanden sich ein. 19 Er begrüßte sie und erzählte alles im einzelnen, was Gott unter den Heiden durch seinen Dienst getan. 20 Da sie dies gehört hatten, priesen sie Gott und sprachen zu ihm: Du siehst, Bruder, wie viele Tausende unter den Juden gläubig geworden und doch alle Eiferer sind für das Gesetz. 21 Nun ist ihnen über dich berichtet worden, daß du alle Juden, die unter den Heiden wohnen, den Abfall von Moses lehrest und sie anweisest, sie sollen ihre Kinder nicht beschneiden und nicht nach den Satzungen leben. 22 Was ist nun zu tun? Jedenfalls [wird eine Menge zusammenkommen; denn] sie werden erfahren, daß du angekommen bist. 23 Tu darum, was wir dir sagen: Hier bei uns sind vier Männer, die ein Gelübde auf sich genommen haben. 23: Es handelt sich um das Gelübde des Nasiräats. Auf bestimmte Zeit oder auf immer enthielten sich die Nasiräer freiwillig von allen Erzeugnissen des Weinstocks und allen berauschenden Getränken. Das äußere Zeichen des Gelübdes war ungeschorenes Haupthaar. Bei Ablauf der gelobten Zeit waren bestimmte Opfer vorgeschrieben. Das Haupthaar wurde dann im Opferfeuer verbrannt. Der Anschluß des Apostels an diese Nasiräer und die Übernahme der Opferkosten widerlegte am besten die Verdächtigung der Gegner. 24 Diese nimm zu dir, weihe dich mit ihnen und bezahle für sie, damit sie sich das Haupt scheren lassen können. Dann werden alle erkennen, daß an dem, was man über dich berichtet hat, nichts ist, sondern daß auch du selbst das Gesetz treu beobachtest. 25 Was aber die gläubig gewordenen Heiden betrifft, so haben wir beschlossen und ihnen mitgeteilt, sie sollen sich enthalten vom Götzenopfer, vom Blut, von Ersticktem und von Unzucht. 26 Da nahm Paulus die Männer zu sich, reinigte sich mit ihnen am folgenden Tag, ging in den Tempel und zeigte den Ablauf der Reinigungszeit an, damit für jeden einzelnen von ihnen das Opfer dargebracht würde.

 

Gefangennahme des Paulus. 27 Als die sieben Tage zu Ende gingen und die Juden aus Asien ihn im Tempel sahen, brachten sie das ganze Volk in Aufruhr, legten Hand an ihn 28 und schrien: Männer aus Israel, helft! Das ist der Mensch, der gegen das Volk, das Gesetz und diese Stätte allenthalben jedermann lehrt; außerdem führte er auch Heiden in den Tempel und hat so diesen heiligen Ort entweiht. 29 Sie hatten nämlich vorher den Trophimus aus Ephesus bei ihm in der Stadt gesehen und meinten, Paulus habe ihn in den Tempel geführt. 30 Die ganze Stadt kam in Bewegung. Es entstand ein Volksauflauf. Sie ergriffen den Paulus, schleppten ihn aus dem Tempel, und sogleich wurden die Tore geschlossen. 31 Schon wollten sie ihn töten, da wurde dem Obersten der Kohorte gemeldet, ganz Jerusalem sei in Aufruhr. 31: Auf großen Warnungstafeln an den Schranken der inneren Vorhöfe stand in griechischer Sprache zu lesen: „Kein Nichtjude darf den Raum innerhalb der um den Tempel gezogenen Schranke und Ummauerung betreten; wird jemand dabei ertappt, so hat er selbst die Schuld daran, daß sofort die Todesstrafe verhängt wird.“ Eine solche Warnungstafel ist uns erhalten geblieben. 32 Dieser eilte sogleich mit Soldaten und Hauptleuten hinab zu ihnen. Da sie den Obersten und die Soldaten sahen, ließen sie ab, Paulus zu schlagen. 33 Der Oberst trat hinzu, ergriff ihn und ließ ihn mit zwei Ketten fesseln. Dann fragte er, wer er sei und was er getan habe. 34 Die einen in der Menge riefen dies, die andern jenes. Weil er wegen des Lärms nichts Gewisses erfahren konnte, ließ er ihn auf die Burg bringen. 34: Es ist die Burg Antonia an der Nordwestecke des Tempelplatzes. Dort war die Kaserne der römischen Besatzung. 35 Als er an die Treppe gekommen war, mußte er von den Soldaten getragen werden wegen des Volksgedränges. 36 Denn die Menge folgte ihm nach und schrie: Weg mit ihm! 37 Als Paulus in die Burg hineingeführt werden sollte, sagte er zu dem Obersten: Darf ich etwas mit dir reden? Der entgegnete: Du verstehst Griechisch? 38 Bist du also nicht der Ägypter, der vor einiger Zeit Aufruhr erregte und viertausend Sikarier in die Wüste führte? 38: Sikarier = Dolchträger hießen die Mitglieder einer radikal-nationalistischen Partei unter den Juden. 39 Paulus antwortete ihm: Ich bin ein Jude aus Tarsus. Bürger einer nicht unansehnlichen Stadt Ciliciens. Ich bitte dich, erlaube mir, zum Volk zu reden. 40 Dieser gestattete es. Nun trat Paulus auf die Treppe und winkte dem Volke mit der Hand. Es entstand eine große Stille, und er hielt auf hebräisch folgende Rede: 40: Hebräisch bezeichnet hier nicht das Schrifthebräisch, sondern die aramäische Sprache der damaligen Hebräer.

 

22 Verteidigung des Paulus. Ihr Brüder und Väter! Hört die Verteidigung, die ich nun an euch richte! Da sie hörten, daß er in hebräischer Sprache zu ihnen redete, wurden sie noch stiller. Er fuhr fort: Ich bin ein Jude, zu Tarsus in Cilicien geboren, aber in dieser Stadt erzogen, zu den Füßen Gamaliels nach der Strenge des väterlichen Gesetzes unterrichtet. Ich war ein Eiferer für Gott, so wie ihr alle es heute seid. Als solcher habe ich diese Lehre verfolgt bis auf den Tod; Männer und Frauen fesselte ich und überlieferte sie ins Gefängnis. Das wird mir der Hohepriester bezeugen und der gesamte Ältestenrat. Von ihnen erhielt ich sogar Empfehlungsbriefe an die Brüder und reiste nach Damaskus, um die dortigen [Christen] gefesselt zur Bestrafung nach Jerusalem zu führen. Als ich nun auf dem Wege war und mich Damaskus näherte, da geschah es, daß mich plötzlich um die Mittagsstunde vom Himmel her ein großes Licht umstrahlte. Ich fiel zu Boden und hörte eine Stimme, die zu mir sprach: Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich? Ich fragte: Herr, wer bist du? Er sprach zu mir: Ich bin Jesus von Nazareth, den du verfolgst. Meine Begleiter sahen wohl das Licht, verstanden aber nicht die Stimme dessen, der zu mir sprach. 10 Ich sagte: Was soll ich tun, Herr? Der Herr antwortete mir: Steh auf und geh nach Damaskus. Dort wird dir alles gesagt werden, was du tun sollst. 11 Da ich nun, durch jenen Lichtglanz geblendet, nichts sehen konnte, wurde ich von meinen Gefährten an der Hand geführt und kam nach Damaskus. 12 Dort besuchte mich ein gewisser Ananias, ein frommer Mann nach dem Gesetz, der gutes Zeugnis hatte von allen dortigen Juden. 13 Er trat herzu und sprach zu mir: Bruder Saulus, werde wieder sehend! Und ich konnte zur selben Stunde ihn wieder anschauen. 14 Er sprach: Der Gott unserer Väter hat dich dazu bestimmt, seinen Willen zu erkennen, den Gerechten zu sehen und die Stimme aus seinem Munde zu hören. 15 Denn du sollst ihm Zeuge sein vor allen Menschen von dem, was du gesehen und gehört hast. 16 Und nun, was zögerst du? Steh auf, laß dich taufen und deine Sünden abwaschen, indem du seinen Namen anrufst. 17 Als ich dann nach Jerusalem zurückgekehrt war und im Tempel betete, da geschah es, daß ich in Verzückung geriet. 18 Ich sah ihn, und er sprach zu mir: Eile und verlaß geschwind Jerusalem; denn dein Zeugnis über mich werden sie nicht annehmen. 19 Ich erwiderte: Herr, sie Wissen es doch selbst, daß ich es war, der deine Gläubigen ins Gefängnis werfen und in den Synagogen geißeln ließ. 20 Und als das Blut deines Zeugen Stephanus vergossen wurde, stand ich dabei, billigte es und verwahrte die Kleider seiner Mörder. 21 Er sprach zu mir: Zieh hin, denn ich will dich in die Ferne zu den Heiden senden. 22 Bis zu diesem Wort hörten sie ihn an. Dann erhoben sie ein lautes Geschrei: Weg von der Erde mit einem solchen Menschen; er darf nicht länger leben! 1-22: Die ganze Rede beweist, daß Paulus nicht aus eigener Überlegung, erst recht nicht aus schlauer Berechnung zum Anhänger und Verkünder Christi geworden ist, sondern durch Gottes Gnadenwahl. 23 Als sie so schrien und ihre Kleider wegwarfen und Staub in die Luft schleuderten, 24 ließ ihn der Oberst auf die Burg führen und befahl, ihn zu geißeln und zu verhören, um herauszubringen, warum sie so wider ihn schrien. 25 Als sie ihn zur Geißelung angebunden hatten, sagte Paulus zu dem dabeistehenden Hauptmann: Ist es euch erlaubt, einen Mann, der römischer Bürger ist, sogar ohne Urteil zu geißeln? 25: Darauf stand schwere Strafe. Um seinen Fehler gutzumachen, zeigt der Oberst fortan besonderes Entgegenkommen. 26 Da der Hauptmann dies hörte, ging er zum Obersten und machte die Meldung: Was willst du tun? Dieser Mann ist ja ein römischer Bürger. 27 Da kam der Oberst herbei und fragte ihn: Sag mir, bist du ein Römer? 28 Ja, antwortete er. Der Oberst entgegnete: Ich habe mir dies Bürgerrecht um viel Geld erworben. Paulus versetzte: Ich habe es schon von Geburt. 29 Sogleich ließen jene, die ihn foltern wollten, von ihm ab. Der Oberst aber geriet in Furcht, da er erfuhr, daß er ein römischer Bürger sei und er ihn hatte fesseln lassen.

 

Paulus vor dem Hohen Rat. 30 Weil er aber genau erfahren wollte, wessen er von den Juden beschuldigt wurde, ließ er ihm am folgenden Tag die Fesseln abnehmen, ordnete eine Sitzung der Oberpriester und des ganzen Hohen Rates an, ließ Paulus hineinführen und vor sie stellen.

 

23 Paulus sah festen Blickes auf den Hohen Rat und sprach: Brüder! Mit ganz gutem Gewissen bin ich vor Gott gewandelt bis auf den heutigen Tag. Da befahl der Hohepriester Ananias den neben ihm Stehenden, ihn auf den Mund zu schlagen. Paulus sprach zu ihm: Dich wird Gott schlagen, du übertünchte Wand! Du sitzest da, um mich zu richten nach dem Gesetz, und wider das Gesetz läßt du mich schlagen? Die Dabeistehenden aber sagten: Den Hohenpriester Gottes lästerst du? Paulus antwortete: Brüder, ich wußte nicht, daß es der Hohepriester ist. Denn es steht geschrieben: Den Obersten deines Volkes sollst du nicht lästern (2 Mos 22,27). 2-5: Paulus hatte entweder nicht gemerkt, wer den Befehl gegeben hatte, oder der Hohepriester war ihm bisher persönlich unbekannt geblieben, da ja der Apostel seit mehreren Jahren nicht mehr in Jerusalem gewesen war. Eine unwahre oder spöttische Ausrede liegt also nicht in der Antwort. Weil Paulus wußte, daß der eine Teil Sadduzäer und der andere Teil Pharisäer waren, rief er laut im Hohen Rat: Brüder! Ich bin ein Pharisäer, ein Sohn von Pharisäern. Wegen der Hoffnung und der Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht. 6: Vgl. Apg. 4,1-3. Paulus nutzt sehr geschickt die inneren Gegensätze in den Reihen seiner Feinde aus. Sobald er dies gesagt hatte, entstand Streit zwischen den Pharisäern und Sadduzäern, und die Versammlung spaltete sich. Die Sadduzäer leugnen nämlich die Auferstehung, Engel und Geister, die Pharisäer dagegen nehmen beides an. Es erhob sich nun ein großes Geschrei. Einige von den Schriftgelehrten aus der Pharisäerpartei standen auf, stritten und sprachen: Wir finden nichts Böses an diesem Manne; wie, wenn ein Geist oder ein Engel mit ihm gesprochen hätte? 10 Da aber der Streit heftig wurde, fürchtete der Oberst, Paulus möchte von ihnen zerrissen werden. Darum ließ er Soldaten herabkommen, ihn aus ihrer Mitte reißen und in die Burg führen.

 

Verschwörung gegen Paulus. 11 In der folgenden Nacht trat de Herr zu ihm und sprach: Sei getrost! Denn wie du in Jerusalem Zeugnis von mir ablegtest, so mußt du auch in Rom Zeugnis geben. 12 Als es Tag geworden war, rotteten sich die Juden zusammen und verschworen sich, weder zu essen noch zu trinken, bis sie Paulus getötet hätten. 13 Es waren mehr als vierzig Männer, die sich so verschworen hatten. 14 Diese gingen zu den Oberpriestern und Ältesten und sprachen: Wir haben uns unter Selbstverfluchung verschworen, nichts zu genießen, bis wir Paulus getötet haben. 15 Laßt also ihr samt dem Hohen Rat den Obersten wissen, er solle ihn euch vorführen, als ob ihr die Sache genauer untersuchen wolltet; wir aber stehen bereit, ihn zu töten, bevor er in eure Nähe kommt. 16 Der Schwestersohn des Paulus hörte von diesem Anschlag, ging hin und trat in die Burg ein und meldete es dem Paulus. 17 Da rief Paulus einen der Hauptleute zu sich und sprach: Führe diesen Jüngling zum Obersten, er hat ihm etwas zu melden. 18 Dieser nahm ihn mit, führte ihn zum Obersten und sprach: Der gefangene Paulus hat mich rufen lassen und gebeten, diesen jungen Mann zu dir zu führen, da er dir etwas zu sagen hat. 19 Der Oberst nahm ihn bei der Hand, ging mit ihm beiseite und fragte ihn: Was ist's, das du mir zu sagen hast? 20 Er antwortete: Die Juden haben sich verabredet, dich zu ersuchen, daß du morgen Paulus vor den Hohen Rat führen lassest, als wollten sie seine Sache genauer untersuchen. 21 Traue du ihnen aber nicht! Denn mehr als vierzig Männer aus ihnen lauern ihm auf; sie haben sich verschworen, weder zu essen noch zu trinken, bis sie ihn umgebracht haben. Schon sind sie bereit und warten auf deine Zusage. 22 Da entließ der Oberst den Jüngling mit der Warnung, niemand zu sagen, daß er ihm diese Anzeige gemacht habe.

 

Zweijährige Gefangenschaft in Cäsarea

Überführung nach Cäsarea. 23 Hierauf rief er zwei Hauptleute und sprach zu ihnen: Haltet zweihundert Soldaten bereit zum Marsche nach Cäsarea, auch siebzig Reiter und zweihundert Lanzenträger, von der dritten Stunde der Nacht an. 24 Auch haltet Reittiere bereit, daß man den Paulus darauf setze und ihn wohlbehalten zum Landpfleger Felix bringe. [Der Oberst fürchtete nämlich, die Juden möchten ihn mit Gewalt entführen und töten, er selbst aber in den Verdacht kommen, als habe er Geld annehmen wollen.] 25 Auch schrieb er einen Brief folgenden Wortlauts: 26 Klaudius Lysias entbietet dem erlauchten Landpfleger Felix seinen Gruß! 27 Diesen Mann haben die Juden ergriffen, und es war nahe daran, daß sie ihn töteten. Da kam ich mit der Truppe herbei und rettete ihn, weil ich erfahren hatte, daß er ein römischer Bürger ist. 27: Von der ungesetzlichen Fesselung und der von ihm befohlenen Geißelung meldet Lysias wohlweislich nichts. Er stellt die Sache so dar, als habe er sich ein Verdienst um einen römischen Bürger erworben. Ein köstliches Zeugnis, wie in einer amtlichen Verlautbarung der wahre Sachverhalt verschleiert werden kann. 28 Weil ich feststellen wollte, aus welchem Grunde die ihn beschuldigten, führte ich ihn vor ihren Hohen Rat. 29 Da fand ich, daß er wegen Streitfragen ihres Gesetzes angeklagt, aber keines Verbrechens schuldig sei, das Tod oder Fesseln verdient. 30 Es wurde mir aber angezeigt, daß ein Anschlag gegen den Mann geplant sei. Darum habe ich ihn sofort zu dir gesandt und die Ankläger beschieden, die Klage gegen ihn vor dir anzubringen. Lebe wohl!

 

31 Dem Befehl gemäß nahmen die Soldaten den Paulus und führten ihn bei Nacht nach Antipatris. 32 Am andern Tag ließen sie die Reiter mit ihm weiterziehen und kehrten in die Burg zurück. 33 Jene kamen nach Cäsarea, übergaben dem Landpfleger den Brief und stellten ihm auch den Paulus vor. 34 Er las das Schreiben und fragte, aus welcher Provinz er sei. Als er erfuhr, daß er aus Cilicien sei, 35 sprach er: Ich werde dich verhören, wenn auch deine Ankläger angekommen sind. Dann befahl er, ihn im Palaste des Herodes in Haft zu halten.

 

24 Verhandlung vor Felix. Nach fünf Tagen kam der Hohepriester Ananias herab mit einigen Ältesten und einem Anwalt Tertullus, und sie traten als Ankläger gegen Paulus vor dem Landpfleger auf. Paulus wurde gerufen. Dann begann Tertullus die Klage und sprach: Erlauchter Felix! Durch dich leben wir in tiefem Frieden, und durch deine Fürsorge sind viele Verbesserungen für dieses Volk getroffen worden. 2: Tacitus gibt ein anderes Urteil über den Landpfleger Felix: „Er übte voll Grausamkeit und Habgier Königsrechte mit Sklavengesinnung aus.“ Die Juden selber zeigten ihn bald danach wegen seiner Verbrechen beim Kaiser an. Das erkennen wir immer und überall mit aller Dankbarkeit. Um dich aber nicht länger hinzuhalten, bitte ich dich, in Kürze uns gütigst anzuhören. Diesen Mann haben wir als eine Pest kennengelernt, als Unruhestifter unter allen Juden in der ganzen Welt und als Rädelsführer der Sekte der Nazarener. Er hat sogar versucht, den Tempel zu entweihen. Wir nahmen ihn fest [6b und wollten ihn nach unserem Gesetze richten. Aber der Oberst Lysias kam hinzu und entriß ihn mit aller Gewalt unseren Händen. 6-7: Der eingeklammerte Text fehlt in den besten Handschriften. 8a Er befahl, seine Ankläger sollten vor dich kommen]. 8b Du kannst ihn selbst verhören und dich vergewissern über alle unsere Klagen gegen ihn. Auch die Juden schlossen sich dem an und versicherten, daß es sich so verhalte.

 

Verteidigung des Paulus. 10 Der Landpfleger gab dem Paulus einen Wink, daß er reden solle. Da sprach er: Da ich weiß, daß du seit vielen Jahren Richter über dieses Volk bist, so verteidige ich guten Mutes meine Sache. 11 Du kannst feststellen, daß es nicht mehr als zwölf Tage sind, seitdem ich nach Jerusalem hinaufzog, um anzubeten. 12 Weder im Tempel noch in den Synagogen, noch in der Stadt hat man mich betroffen, daß ich mit jemand gestritten oder einen Volksauflauf erregt hätte. 13 Auch können sie dir nichts von dem beweisen, wessen sie mich jetzt beschuldigen. 14 Das aber gestehe ich dir ein, daß ich nach der Lehre, die sie eine Ketzerei nennen, dem Gott meiner Väter also diene, daß ich alles glaube, was im Gesetz und in den Propheten geschrieben steht. 15 Auch habe ich die Hoffnung zu Gott, die auch diese selbst hegen, daß es eine Auferstehung der Gerechten und Ungerechten geben wird. 16 Darum befleißige ich mich auch selbst, mein Gewissen allzeit unverletzt zu bewahren vor Gott und den Menschen. 17 Nach mehreren Jahren bin ich gekommen, Almosen zu bringen für mein Volk und Opfer [und Gelübde]. 18 Hierbei fanden sie mich im Tempel, als ich mich der Reinigung unterzog, jedoch ohne Volksauflauf und Aufruhr. 19 Es waren aber einige Juden aus Asien da. Diese hätten vor dir erscheinen und Klage erheben müssen, wenn sie etwas wider mich hätten. 20 Oder diese selbst hier mögen aussagen, ob sie irgendein Verbrechen an mir gefunden, als ich vor dem Hohen Rate stand; 21 es müßte nur wegen dieses einen Wortes sein, das ich in ihrer Mitte laut ausrief: Wegen der Auferstehung der Toten werde ich heute vor euch gerichtet.

 

22 Felix wußte ganz genau Bescheid über diese Lehre. Er vertagte aber doch die Sache und sprach: Wenn der Oberst Lysias herabkommt, will ich eure Sache entscheiden. 23 Er gab dem Hauptmann die Weisung, den Paulus in Haft zu halten jedoch milde zu behandeln und niemand von den Seinigen zu hindern, ihm Dienste zu leisten.

 

Paulus wieder vor Felix. 24 Nach einigen Tagen kam Felix mit seiner Gemahlin Drusilla, einer Jüdin, beschied den Paulus zu sich und hörte ihn an über den Glauben an Jesus Christus. 25 Als er aber von der Gerechtigkeit, der Enthaltsamkeit und dem künftigen Gerichte sprach, erschrak Felix und sagte: Für diesmal magst du gehen; zu einer gelegenen Zeit will ich dich rufen lassen. 26 Zugleich hoffte er, Paulus würde ihm Geld geben. Darum rief er ihn oft zu sich und unterhielt sich mit ihm. 26: Der vom Sklaven zum Statthalter emporgestiegene Römer hielt wohl den Apostel wegen der Bemerkung über die Almosengelder (24,17) für einen vermögenden Mann, aus dem etwas herauszuschlagen sei. Drusilla, die Tochter des Agrippas I., war seine dritte Frau aus königlichen Familien. Sie hatte, um Felix heiraten zu können, ihren Gatten, den König von Emesa, verlassen. 27 Nach Ablauf von zwei Jahren erhielt Felix den Porcius Festus als Nachfolger. Felix wollte sich den Juden gefällig zeigen; darum ließ er Paulus als Gefangenen zurück.

 

25 Verhandlung vor dem Landpfleger Festus. Drei Tage nach seiner Ankunft in der Provinz begab sich Festus von Cäsarea hinauf nach Jerusalem. Die Hohenpriester und die Vornehmsten der Juden erschienen vor ihm und erhoben Klage gegen Paulus. Sie ersuchten ihn um die gegen ihn gerichtete Vergünstigung, daß er ihn wieder nach Jerusalem überführen lasse; denn sie planten einen Anschlag auf ihn, um ihn unterwegs umzubringen. Festus gab zur Antwort, Paulus werde in Cäsarea verwahrt,er selbst aber wolle in Bälde abreisen. Dann mögen eure Bevollmächtigten — sprach er — mit hinabkommen und ihn anklagen, wenn der Mann ein Verbrecher ist. Er blieb nur acht bis zehn Tage bei ihnen und ging dann hinab nach Cäsarea. Am folgenden Tag hielt er Gerichtstag und ließ Paulus vorführen. Als dieser erschienen war, standen die Juden, die von Jerusalem herabgekommen waren, rings um ihn her und brachten viele und schwere Anklagen gegen ihn vor, die sie aber nicht beweisen konnten. Paulus sprach zu seiner Verteidigung: Weder gegen das Gesetz der Juden noch gegen den Tempel, noch gegen den Kaiser habe ich mich irgendwie verfehlt. Festus aber wollte sich den Juden gefällig erweisen und stellte deshalb an Paulus die Frage: Willst du nach Jerusalem hinaufgehen und dich dort hierüber vor mir richten lassen? 10 Paulus erwiderte: Ich stehe vor dem Richterstuhl des Kaisers, da muß ich gerichtet werden. Den Juden habe ich kein Leid getan, wie du recht gut weißt. 11 Bin ich im Unrecht und habe ich etwas Todeswürdiges verübt, so weigere ich mich nicht zu sterben. Ist aber nichts an den Anklagen, die diese gegen mich vorbringen, so kann mich niemand ihnen ausliefern. Ich lege Berufung an den Kaiser ein. 11: Als römischer Bürger durfte Paulus an den Kaiser appellieren. Damit hörte die Gerichtsbarkeit des Landpflegers über ihn auf, und der Angeklagte mußte nach Rom überführt werden. 12 Da besprach sich Festus mit den Räten und gab den Bescheid: Den Kaiser hast du angerufen; zum Kaiser sollst du gehen!

 

Der König Agrippa zu Cäsarea. 13 Nach einigen Tagen trafen der König Agrippa und Bernike in Cäsarea zur Begrüßung des Festus ein. 13: Agrippa II., Bernike und Drusilla waren Geschwister, Bernike, die Heldin vieler Romane, war ebenso berühmt wegen ihrer Schönheit wie berüchtigt wegen ihrer Sittenlosigkeit. Auch von dem Zusammenleben mit ihrem Bruder erzählte sich das Volk wenig Gutes. 14 Da sie sich mehrere Tage dort aufhielten, legte Festus dem König die Sache des Paulus vor und sprach: Es ist ein Mann von Felix als Gefangener zurückgelassen worden. 15 Als ich nach Jerusalem kam, erhoben die Oberpriester und Ältesten über ihn Klage bei mir und forderten seine Verurteilung. 16 Ich antwortete ihnen: Es ist nicht Brauch bei Römern, einen Menschen auszuliefern, ehe der Beklagte den Klägern gegenübergestellt wurde und Gelegenheit gehabt hat, sich zu verteidigen und sich von der Beschuldigung zu reinigen. 17 Als sie dann mit mir hierher kamen, habe ich ohne Verzug am folgenden Tage mich zu Gericht gesetzt und den Mann vorführen lassen. 18 Die Kläger traten gegen ihn auf, brachten aber nichts Schlimmes gegen ihn vor, wie ich vermutete. 19 Ihre Klage wider ihn betraf einige Streitfragen über ihre Religion und über einen gewissen verstorbenen Jesus, von dem Paulus behauptete, er lebe. 20 Da ich nun in der Untersuchung solcher Dinge in Verlegenheit war, fragte ich ihn, ob er nach Jerusalem gehen und dort sich darüber richten lassen wolle. 21 Da aber Paulus Berufung einlegte und bis zur Entscheidung Seiner Majestät in Gewahrsam verbleiben wollte, so ließ ich ihn in Haft halten, bis ich ihn zum Kaiser schicken kann. 22 Agrippa sagte zu Festus: Ich möchte auch selbst den Mann hören. Morgen, erwiderte er, sollst du ihn hören.

 

Verhandlung vor Agrippa. 23 Am Tage darauf erschienen Agrippa und Bernike mit größtem Gepränge und begaben sich in den Empfangssaal mit den Kriegsobersten und den Vornehmsten der Stadt. Auf Befehl des Festus wurde Paulus vorgeführt. 24 Festus sprach: König Agrippa und ihr alle, die ihr mit uns anwesend seid! Da seht ihr den Mann, dessentwegen das ganze Judenvolk in Jerusalem und hier mit Geschrei mich angegangen hat, er dürfe nicht mehr leben. 25 Ich fand jedoch nichts Todeswürdiges an ihm. Doch da er selbst Berufung an Seine Majestät einlegte, so beschloß ich, ihn dahin zu senden. 26 Nun weiß ich aber nichts Zuverlässiges über ihn, dem (kaiserlichen) Herrn, zu schreiben. Darum ließ ich ihn euch, und besonders dir, König Agrippa, vorführen, damit ich nach erfolgtem Verhör weiß, was ich zu schreiben habe. 27 Denn es scheint mir unvernünftig, einen Gefangenen hinzusenden, ohne die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen anzugeben.

 

26 Verteidigungsrede des Paulus vor Agrippa. Darauf sagte Agrippa zu Paulus: Es wird dir jetzt gestattet, dich zu verteidigen. Da streckte Paulus die Hand aus und begann seine Verteidigungsrede: König Agrippa! Ich schätze mich glücklich, daß ich wegen all der Anklagen der Juden gegen mich heute vor dir mich verteidigen darf. Du bist ja ein ausgezeichneter Kenner aller jüdischen Sitten und Streitfragen. Darum bitte ich dich, mich mit Geduld anzuhören. Meinen Lebenswandel von Jugend auf, wie ich ihn von Anfang an unter meinem Volke und in Jerusalem führte, kennen alle Juden. Sie kennen mich von früher her, wenn sie Zeugnis dafür ablegen wollen, daß ich ehedem nach der strengsten Richtung unserer Religion als Pharisäer gelebt habe. Und nun stehe ich vor Gericht wegen der Hoffnung auf die Verheißung, die von Gott an unsere Väter ergangen ist. Zu ihr hoffen unsere zwölf Stämme zu gelangen, Tag und Nacht Gott dienend. Wegen dieser Hoffnung, o König, werde ich angeklagt von Juden! Wie? Gilt es bei euch für unglaublich, daß Gott Tote erwecke? Nun hatte ich mir eingebildet, ich müsse viel Feindseliges verüben wider den Namen Jesu, des Nazareners. 10 Das tat ich denn auch in Jerusalem. Viele der Heiligen ließ ich in die Gefängnisse werfen, wozu ich von den Oberpriestern Vollmacht hatte. Und wenn sie hingerichtet wurden, stimmte ich dafür. 11 In allen Synagogen suchte ich sie oft durch Bestrafung zur Lästerung zu zwingen, und in meiner maßlosen Wut verfolgte ich sie selbst bis in die auswärtigen Städte. 12 So ging ich nach Damaskus mit Vollmacht und Auftrag der Oberpriester. 13 Da sah ich am Mittag auf dem Wege, o König, vom Himmel her ein Licht, glänzender als die Sonne, das mich und meine Gefährten umstrahlte. 14 Wir stürzten alle zu Boden. Dann hörte ich eine Stimme in hebräischer Sprache zu mir sagen: Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich? Schwer ist es dir, gegen den Stachel auszuschlagen. 15 Ich aber fragte: Herr, wer bist du? Der Herr antwortete: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 16 Doch steh auf und stell dich auf deine Füße. Denn dazu bin ich dir erschienen, dich zu bestellen zum Diener und Zeugen dessen, was du gesehen hast und was ich dir noch offenbaren werde. 17 Ich errette dich aus dem Volke und den Heiden, zu denen ich dich sende. 18 Du sollst ihnen die Augen öffnen, daß sie sich bekehren aus der Finsternis zum Lichte, von der Macht Satans zu Gott. So sollen sie Sündenvergebung empfangen und Erbteil unter denen, die geheiligt sind durch den Glauben an mich. 12-18: Auch dieser eigene Bericht des Apostels beweist, daß ihm Christus vor Damaskus in Wahrheit erschienen ist und daß der Vorgang nicht eine Vorspiegelung überreizter Nerven war. 19 Darum, König Agrippa, blieb ich nicht ungehorsam gegen die himmlische Erscheinung; 20 vielmehr predigte ich zuerst denen in Damaskus und Jerusalem und im ganzen Land Judäa, dann den Heiden, daß sie Buße tun, sich zu Gott bekehren und würdige Werke der Bekehrung vollbringen sollen. 21 Deshalb ergriffen mich die Juden im Tempel und suchten mich zu töten. 22 Aber durch Gottes Hilfe beschützt, stehe ich da bis auf den heutigen Tag. Ich lege Zeugnis ab vor klein und groß; ich sage nichts anderes, als was die Propheten und Moses geweissagt haben, 23 daß nämlich der Messias leiden müsse und als erster aus der Auferstehung der Toten Licht verkünden werde (meinem) Volke und den Heiden. 1-23: Paulus nimmt die damals übliche Haltung eines Redners an. Er freut sich um der Sache Christi willen über diese Gelegenheit zur Verteidigung. Mit starker Überzeugungskraft legt er seine Stellung zum Judentum (2-8) und Christentum (9-18) dar, um dann sein Wirken als Apostel zu rechtfertigen (19-23).

 

Eindruck der Rede. 24 Als er sich also verteidigte, rief Festus laut: Du bist von Sinnen, Paulus! Das viele Studieren bringt dich um den gesunden Verstand. 25 Paulus entgegnete: Erlauchter Festus, ich bin nicht von Sinnen, was ich rede, ist wahr und wohlüberlegt. 26 Mit diesen Dingen ist ja der König, zu dem ich auch mit Freimut spreche, vertraut. Denn ich kann nicht glauben, daß ihm etwas davon unbekannt ist; ist doch nichts von diesen Dingen in einem Winkel geschehen. 27 König Agrippa! Glaubst du den Propheten? Ich weiß, daß du glaubst. 28 Agrippa erwiderte dem Paulus: Beinahe könntest du mich bereden, ein Christ zu werden. 29 Wollte Gott, entgegnete Paulus, daß nicht nur beinahe, sondern völlig, nicht allein du, sondern auch alle, die mich heute hören, so würden, wie ich bin, ausgenommen diese Fesseln. 30 Da erhoben sich der König und der Landpfleger sowie Bernike und die übrigen Anwesenden. 31 Sie zogen sich zurück und redeten miteinander: Dieser Mann tut nichts, was Tod oder Fesseln verdient. 32 Agrippa aber sagte zu Festus: Man könnte diesen Mann freilassen, wenn er nicht Berufung an den Kaiser eingelegt hätte. 24-32: Mit bewundernswerter Schlagfertigkeit weiß Paulus unerschrockenen Seeleneifer zu verbinden. Der Wucht seiner Beweisführung vermag Agrippa sich nur durch Aufhebung der Versammlung zu entziehen.

 

Die Fahrt nach Rom

27 Fahrt bis Kreta. Als unsere Abfahrt nach Italien beschlossen war, übergab man den Paulus und einige andere Gefangene einem Hauptmann von einer kaiserlichen Kohorte namens Julius. Wir bestiegen ein Schiff aus Adrumet, das die Küstenplätze von Asien anlaufen sollte, und lichteten die Anker. Bei uns war noch der Mazedonier Aristarchus aus Thessalonich. Am folgenden Tage kamen wir nach Sidon. Julius behandelte den Paulus menschenfreundlich und erlaubte ihm, zu seinen Freunden zu gehen und sich mit dem Nötigen versorgen zu lassen. Von da segelten wir ab und fuhren unter Cypern hin, weil wir Gegenwind hatten. Dann durchfuhren wir das Meer längs Cilicien und Pamphylien und kamen nach Myra in Lycien. Hier traf der Hauptmann ein alexandrinisches Schiff, das auf der Fahrt nach Italien war; dorthin brachte er uns an Bord. Wir hatten aber viele Tage langsame Fahrt und gelangten nur mit Mühe in die Nähe von Knidus. Weil uns aber der Wind nicht heranließ, fuhren wir unter Kreta hin in die Gegend von Salmone. Mühsam fuhren wir der Küste entlang und kamen an einen Ort, „Schönhafen“ genannt, in dessen Nähe die Stadt Lasäa lag.

 

Verhandlungen wegen der Überwinterung. Geraume Zeit war bereits verflossen, und die Schiffahrt war schon gefährlich; denn der Fasttag war schon vorüber. Darum warnte sie Paulus: 9: Unter Fastenzeit ist hier das Fasten am großen Versöhnungsfest gemeint, das Ende September oder Anfang Oktober gefeiert wurde. Von Ende Oktober bis Anfang März ruhte wegen häufiger Stürme die Hauptschiffahrt. 10 Männer, ich sehe, daß die Fahrt schlimm und sehr gefährlich zu werden anfängt, nicht nur für die Ladung und das Schiff, sondern auch für unser Leben. 11 Doch der Hauptmann glaubte dem Steuermann und dem Schiffsherrn mehr als den Worten des Paulus. 12 Da der Hafen zum Überwintern nicht geeignet war, beschloß die Mehrheit, von da abzufahren, um womöglich zum Überwintern bis Phönike, einem Hafen von Kreta, zu gelangen, der nach Südwest und Nordwest offen ist.

 

Der Sturm. 13 Da nun leichter Südwind einsetzte, glaubten sie, ihr Vorhaben sicher ausführen zu können, lichteten die Anker und fuhren ganz nahe an Kreta entlang. 14 Aber nach kurzer Zeit brach ein Wirbelwind, der sogenannte Ost-Nordost, von der Insel her los. 15 Das Schiff wurde mit fortgerissen und konnte dem Sturm nicht standhalten; so gaben wir es preis und ließen uns forttreiben. 16 Wir liefen unter einem Inselchen namens Klauda hin, wo wir uns kaum des Rettungsbootes bemächtigen konnten. 17 Dieses zogen sie empor und suchten das Schiff zu schützen, indem sie es (mit Tauen) unterbanden. In der Furcht, in die Syrte zu geraten, zogen sie die Segel ein und ließen sich so dahintreiben. 17: Die große Syrte an der nordafrikanischen Küste war wegen ihrer Sandbänke besonders gefährlich. 18 Da wir aber vom Sturme gewaltig hin und her geworfen wurden, warfen wir am folgenden Tage Fracht über Bord. 19 Am dritten Tage warfen sie eigenhändig das Schiffsgerät hinaus. 20 Mehrere Tage sah man weder Sonne noch Sterne. Der Sturm tobte heftig weiter. Alle Hoffnung auf Rettung war uns abgeschnitten. 21 Da große Appetitlosigkeit (Seekrankheit) herrschte, trat Paulus mitten unter sie und sprach: Ihr Männer! Man hätte mir folgen und nicht von Kreta abfahren sollen: dann hätte man dies Ungemach und diesen Schaden sparen können. 22 Und jetzt ermahne ich euch, guten Mutes zu sein. Kein einziges Menschenleben wird aus euch verloren gehen, nur das Schiff. 23 Denn diese Nacht erschien mir ein Engel Gottes, dem ich gehöre und auch diene. 24 Der sprach: Fürchte dich nicht, Paulus! Du mußt dem Kaiser vorgestellt werden. Siehe, Gott hat dir alle deine Schiffsgenossen geschenkt. 25 Seid darum guten Mutes, ihr Männer! Denn ich vertraue auf Gott, daß es so kommen wird, wie mir gesagt worden ist. 26 Wir müssen jedoch auf irgendeine Insel verschlagen werden.

 

Schiffbruch. 27 Als wir die vierzehnte Nacht im Adriatischen Meer umhergetrieben wurden, vermuteten die Schiffsleute um Mitternacht Land in der Nähe. 28 Sie warfen das Senkblei und fanden zwanzig Klafter Tiefe, ein wenig weiter davon fanden sie fünfzehn Klafter. 28: Ein Klafter oder Faden = 1,85 Meter. 29 Aus Furcht, wir möchten irgendwo auf Klippen stoßen, warfen sie vom Hinterdeck vier Anker aus und warteten mit Sehnsucht auf den Anbruch des Tages. 30 Die Schiffsleute aber wollten aus dem Schiff entfliehen und ließen das Rettungsboot ins Meer, unter dem Vorwand, auch vom Vorderteil Anker auszuwerfen. 31 Da sprach Paulus zu dem Hauptmann und den Soldaten: Wenn diese nicht im Schiff bleiben, so könnt ihr nicht gerettet werden. 32 Da hieben die Soldaten die Taue des Bootes ab und ließen es ins Meer fallen.

 

33 Bis es aber Tag zu werden begann, ermahnte Paulus alle, Nahrung zu sich zu nehmen, und sagte: Vierzehn Tage sind es heute, daß ihr ohne Nahrung ängstlich zuwartet und nichts zu euch nehmet. 34 Deswegen ermahne ich euch, etwas zu genießen; denn dies gereicht euch zur Rettung. Es wird keinem von euch ein Haar vom Haupte verlorengehen. 35 Hierauf nahm er Brot, dankte Gott in Gegenwart aller, brach es und begann zu essen. 36 Nun faßten alle wieder Mut und nahmen ebenfalls Speise zu sich. 37 Wir waren auf dem Schiffe im ganzen zweihundertsechsundsiebzig Seelen. 37: Die alexandrinischen Handelsschiffe gehörten zu den größten jener Zeit, so daß die Zahl von 276 Personen außer der Getreideladung nicht unwahrscheinlich ist. 38 Nachdem sie sich satt gegessen hatten, erleichterten sie das Schiff und warfen das Getreide ins Meer.

 

39 Als es Tag geworden war, erkannten sie das Land nicht. Sie bemerkten aber eine Bucht mit einem flachen Strande. Auf diese wollten sie womöglich das Schiff auflaufen lassen. 40 Sie machten die Anker los und ließen sie ins Meer fallen, lösten die Riemen der Steuerruder, zogen das Vordersegel auf gegen den Wind und steuerten auf das Land zu. 41 Da wir auf eine Landzunge gerieten, ließ man das Schiff auflaufen. Das Vorderteil blieb unbeweglich stecken, das Hinterteil aber barst durch die Gewalt der Wellen. 42 Die Soldaten hatten vor, die Gefangenen zu töten, damit keiner durch Hinausschwimmen entkomme. 43 Allein der Hauptmann, welcher den Paulus retten wollte, ließ es nicht zu, sondern befahl, wer schwimmen könne, solle zuerst hinabspringen und das Land zu erreichen suchen. 44 Die anderen ließ er ans Land bringen, teils auf Brettern, teils auf sonstigen Schiffstrümmern. So war es möglich, daß alle sich ans Land retteten. 44: Der Vers kann auch übersetzt werden „Die andern (ließ er ans Land schaffen) teils auf Planken, teils auf dem Rücken von Schiffsleuten.“ 1-44: Die Schilderung der Überführung des Gefangenen nach Rom durch den Augenzeugen Lukas gehört zu den wertvollsten Urkunden über Seefahrten im Altertum.

 

28 Aufenthalt auf Malta. Als wir gerettet waren, erfuhren wir, daß die Insel Malta heiße. Die Eingeborenen erwiesen uns ungewöhnliche Menschenfreundlichkeit. Sie zündeten einen Holzstoß an wegen des eingetretenen Regens und wegen der Kälte und holten uns alle herbei. Als nun Paulus einen Haufen Reisig zusammenraffte und auf das Feuer legte, schnellte infolge der Hitze eine Otter hervor und biß sich in seine Hand fest. Die Eingeborenen sahen das Tier an seiner Hand hangen und sagten zueinander: Dieser Mensch ist gewiß ein Mörder, den die (Göttin der) Strafgerechtigkeit nicht leben läßt, obschon er dem Meer entkommen ist. Doch er schleuderte das Tier ins Feuer, ohne den geringsten Schaden zu nehmen. Die Leute aber erwarteten, er werde anschwellen oder plötzlich tot niederfallen. Da sie nach langem Warten sahen, daß er keinerlei Schaden genommen, kamen sie zu anderen Gedanken und sagten, er sei ein Gott. In der Umgegend des Ortes besaß der Vornehmste der Insel namens Publius Landgüter. Dieser nahm uns auf und beherbergte uns freundschaftlich drei Tage lang. Der Vater des Publius lag eben am Fieber und an der Ruhr darnieder. Paulus besuchte ihn, betete, legte ihm die Hände auf und machte ihn gesund. Daraufhin kamen auch die andern, die auf der Insel Krankheiten hatten, herbei und wurden geheilt. 10 Sie erwiesen uns auch viele Ehren und brachten uns bei der Abfahrt alles Nötige an Bord.

 

Auf der Fahrt nach Rom. 11 Nach drei Monaten fuhren wir auf einem alexandrinischen Schiffe ab, das auf der Insel überwintert hatte und das Zeichen der Dioskuren führte. 11: Die Dioskuren sind die Zwillingsbrüder Kastor und Pollux. Sie waren Söhne des Zeus und wurden als Schutzgötter der Schiffahrt verehrt. Das Schiff trug ihr Bild als Wappen. 12 Wir landeten in Syrakus und blieben dort drei Tage. 13 Von da fuhren wir im Bogen herum und gelangten nach Rhegium. Da tags darauf Südwind war, kamen wir nach zwei Tagen nach Puteoli. 14 Dort fanden wir Brüder, die uns baten, sieben Tatge bei ihnen zu bleiben. Und so kamen wir nach Rom.

 

15 Die Brüder hatten dort von uns gehört und kamen uns entgegen bis Forum Appii und Tres Tabernä. Als Paulus sie sah dankte er Gott und schöpfte neuen Mut. 15: Forum Apii liegt an der Via Appia, etwa 60 Kilometer von Rom. Ungefähr zwei Stunden von dort in der Richtung auf Rom liegt Tres Tabernä = „Drei Wirtschaften“ = „Drei Zabern“.

 

In Rom

16 Nach unserer Ankunft in Rom wurde dem Paulus erlaubt, zusammen mit dem Soldaten, der ihn bewachte, eine eigene Wohnung zu beziehen.

 

Ansprache des Apostels an die Juden in Rom. 17 Nach drei Tagen rief Paulus die Vornehmsten der Juden zu sich. Als sie zusammengekommen waren, sprach er zu ihnen: Werte Brüder! Ich habe nichts getan gegen das Volk oder die väterlichen Gebräuche, wurde aber doch als Gefangener aus Jerusalem in die Hände der Römer überliefert. 18 Diese verhörten mich und wollten mich freilassen, weil kein todeswürdiges Vergehen bei ihr vorlag. 19 Da die Juden Einspruch erhoben, war ich genötigt, Berufung an den Kaiser einzulegen. Doch wollte ich damit keineswegs mein Volk verklagen. 20 Deshalb habe ich euch zu mir gebeten, um euch zu sehen und zu sprechen. Denn um der Hoffnung Israels willen trage ich diese Fesseln. 17-20: Paulus will allem Gerede den Boden entziehen, indem er den wahren Grund seiner Gefangenschaft und der Berufung an das kaiserliche Gericht darlegt. 21 Sie erwiderten ihm: Wir haben aus Judäa weder Briefe über dich erhalten, noch ist einer von den Brüdern gekommen und hat etwas Schlimmes über dich berichtet oder erzählt. 22 Wir wünschen aber von dir zu hören, welcher Meinung du bist; denn von dieser Sekte ist uns bekannt, daß sie überall Widerspruch findet. 22: „Daß sie überall Widerspruch findet“, ist von jeher das Schicksal der Religion Jesu gewesen, nicht anders als bei Jesus selbst (vgl. Lk 2,34).

 

Missionstätigkeit. 23 Sie bestimmten ihm einen Tag und kamen dann in noch größerer Zahl zu ihm in seine Wohnung. Diesen erklärte und bezeugte er das Reich Gottes. Er suchte sie vom frühen Morgen bis zum späten Abend für Jesus zu gewinnen, wobei er von dem Gesetz des Moses und von den Propheten ausging. 24 Die einen glaubten seinen Worten, die andern blieben ungläubig. 25 Untereinander uneins, gingen sie weg. Paulus sagte ihnen noch das eine Wort: Treffend hat der Heilige Geist durch den Propheten Isaias zu euren Vätern gesprochen: 26 Geh zu diesem Volke und sprich: Hören werdet ihr und nicht verstehen; sehen werdet ihr und doch nicht wahrnehmen. 27 Denn verstockt ward das Herz dieses Volkes, und mit ihren Ohren hörten sie schwer, und ihre Augen schlossen sie, damit sie nicht etwa sehen mit den Augen und hören mit den Ohren und verstehen mit dem Herzen und sich bekehren, und ich sie heile (Is 6,9. 10). 28 So sei euch denn kundgetan, daß dieses Heil Gottes den Heiden gesandt worden ist; diese werden ihm Gehör schenken. 29 [Auf diese Worte gingen die Juden weg und stritten heftig miteinander.] 30 Er blieb volle zwei Jahre in eigener Mietwohnung und nahm alle auf, die zu ihm kamen. 31 Mit allem Freimut und ungehindert verkündete er das Reich Gottes und die Lehre von dem Herrn Jesus Christus. 31: Den Ausgang des Prozesses und die weiteren Schicksale des Apostels berichtet Lukas nicht mehr, weil er die Schrift vor der Freisprechung abschloß. Der letzte Teil sollte wohl auch dem Gericht näheren Aufschluß über den Gefangenen geben.

 

Die Briefe des hl. Apostels Paulus

 

Der Völkerapostel und seine Briefe

Einleitung

Über keinen Apostel gibt uns die Apostelgeschichte soviel Auskunft wie über den heiligen Paulus. Dennoch ist dieses Bild nicht lückenlos und abgeschlossen, weil der heilige Lukas keine Lebensbeschreibung liefern, sondern den Siegeszug des Evangeliums bis in die Welthauptstadt Rom in ausgewählten Berichten schildern wollte. Unsere Kenntnis über den erfolgreichsten Verkünder des Evangeliums wird in wichtigen Punkten aus dessen eigenen Schriften ergänzt, wobei weniger das äußere Geschehen erzählt als die innere Entwicklung dieses „auserwählten Werkzeuges“ Gottes erkennbar wird. Keiner war in gleichem Maße wie Paulus dazu berufen, „den Heiden die unergründlichen Reichtümer Christi zu verkünden und allen klarzumachen, welches die Verwirklichung des Geheimnisses sei, das von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war“ (Eph 3,8-9). Was wir über den Rahmen der Apostelgeschichte hinaus vom Lebensgang des Apostels aus seinen eigenen Schriften erfahren, wird durch die älteste Überlieferung bestätigt. Der Prozeß vor dem kaiserlichen Gerichtshof endete i. J. 63 mit Freisprechung. Wahrscheinlich hat sich Paulus dann zunächst für kurze Zeit nach Spanien begeben. Auf einer Fahrt nach Mazedonien und Kleinasien ließ er seinen Schüler Timotheus als Bischof in Ephesus zurück, den Titus auf Kreta. Um 66 wurde er zum zweitenmal „Gefangener Christi“ in Rom und starb dort i. J. 67 für seinen himmlischen Herrn durch Enthauptung.

 

Alle Schriften des Apostels sind Briefe. In ihrer geistigen Höhenlage sind sie weder reine Privatbriefe noch literarische Kunstepisteln. An Einzelpersonen oder bestimmte Gemeinden oder an eine Mehrheit von Gemeinden gerichtet, tragen sie den Charakter von Gelegenheitsschriften. In der Form passen sie sich dem damaligen Briefstil an und sind alle in der griechischen Weltsprache geschrieben. Der Apostel pflegte sie zu diktieren und einen eigenhändigen Gruß am Schlusse beizufügen. Ihre Gedankenfülle macht sie zu unerschöpflichen Quellen der göttlichen Offenbarung, zu Bergwerken des Geistes, wie der heilige Johannes Chrysostomus sagt. Zum Vorlesen beim Gottesdienst wurden sie bald vielmals abgeschrieben. Die heutige Reihenfolge ordnet sie nicht nach der Zeit der Abfassung, sondern nach dem Umfang und der Bedeutung, wobei der Hebräerbrief eine Größe für sich darstellt. Nicht alle Paulusbriefe sind uns erhalten geblieben. Unter den erhaltenen werden mehrere Gruppen unterschieden. Der Römerbrief, die beiden Korintherbriefe und der Galaterbrief heißen „die großen Gemeindebriefe“. Die Briefe an die Epheser, Kolosser, Philipper und an Philemon, die alle aus der ersten römischen Gefangenschaft stammen, werden als „Gefangenschaftsbriefe“ bezeichnet. Die zwei Schreiben an Timotheus und jenes an Titus werden „Pastoralbriefe“ genannt. Sie sind zeitlich die letzten, die Briefe an die Thessalonicher die ersten.

 

Der Brief an die Römer

Einleitung

Während Paulus die Wintermonate des Jahres 57 auf 58 in Korinth verbrachte, richtete er ein Schreiben an die Christengemeinde in Rom. Zwar kannte er einzelne ihrer Mitglieder, die Mehrheit aber war ihm unbekannt. Und weil er bald nach der Welthauptstadt zu kommen hoffte, um von dort nach Spanien zu gehen, da ihm der Osten kein ausreichendes Arbeitsfeld mehr bot (Röm 15,23-24), so sollte der Brief sein Kommen vorbereiten. Die verhältnismäßig stille Winterzeit gab dem Apostel auf dem Höhepunkt seiner Missionstätigkeit die erforderliche Muße, um die schon im Galaterbrief anklingenden Grundgedanken der Erlösungslehre noch ausführlicher zu behandeln. Das Verhältnis zwischen jüdischem Gesetz und christlicher Freiheit oder zwischen den „Werken des Gesetzes“ und dem „Glauben“ hatte den Geist des Apostels schon lange beschäftigt. An wen hätte er eher darüber schreiben sollen als an die blühende Christengemeinde Roms, gemischt aus ehemaligen Juden und Heiden, wobei die Heidenchristen in der Mehrheit waren? Das Fehlen stärkerer persönlicher Beziehungen zu dieser Gemeinde ermöglichte eine ruhige und tiefgreifende Erörterung dieser Lebensfragen der jungen Kirche. So entstand in jenem Wintermonaten das bedeutsamste aller paulinischen Schreiben, dessen Gehalt bis heute noch kein christlicher Denker ausgeschöpft hat.

 

Nach der üblichen Anschrift und Begrüßung (1,1-7) darf Paulus der römischen Gemeinde hohes Lob spenden und den Leitgedanken seines Schreibens aussprechen (1,8-17). Dann legt er im ersten Hauptteil dar, daß weder die Philosophie der Heiden noch das Gesetz der Juden, sondern nur der lebendige Glaube an Jesus Christus dem sündigen Menschen die Rechtfertigung verschaffen kann (1,18-11,36). Der zweite Hauptteil mahnt zur sittlichen Gestaltung des Christenlebens (12,1-15,13). Persönliche Mitteilungen und eine reiche Grußliste bilden den Schluß (15,14-16,27).

 

1 Gruß. Paulus, Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, auserwählt für die Heilsbotschaft Gottes, die Gott schon längst verheißen hat durch seine Propheten in den heiligen Schriften, von seinem Sohne, der dem Fleische nach aus dem Geschlechte Davids stammte, 4 dem Heiligen Geiste nach als Gottes Sohn machtvoll erwiesen wurde durch seine Auferstehung von den Toten, von Jesus Christus, unserm Herrn. 3-4 Paulus bekennt hier deutlich seinen Glauben an den Gottmenschen Jesus Christus, dessen menschliche und göttliche Natur er unterscheidet. Durch ihn haben wir Gnade und Apostelamt empfangen, um alle Völker zum Gehorsam im Glauben zu führen um seines Namens willen, zu denen auch ihr gehört, Berufene von Jesus Christus. Euch allen, Gottgeliebten, berufenen Heiligen in Rom, sei Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

 

Freude über den Zustand der Gemeinde. Vor allem danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle, weil euer Glaube in der ganzen Welt gerühmt wird. Gott, dem ich in meinem Geiste durch die Verkündigung der frohen Botschaft von seinem Sohne diene, ist mein Zeuge, daß ich unablässig euer gedenke. 10 Allzeit flehe ich in meinen Gebeten, es möchte mir doch endlich einmal nach Gottes Willen gelingen, zu euch zu kommen. 11 Denn ich sehne mich danach, euch zu sehen, um euch irgendeine geistige Gnadengabe mitteilen zu können zu eurer Stärkung, 12 das heißt, damit wir uns gegenseitig trösten durch unsern Glauben, den euren sowohl wie den meinen. 13 Es liegt mir daran, euch wissen zu lassen, Brüder, daß ich schon oft vorhatte, zu euch zu kommen; leider wurde ich bis jetzt daran gehindert. Ich möchte eben auch bei euch einige Früchte erhalten, wie bei den andern Völkern. 14 Griechen und Barbaren, Gebildeten und Ungebildeten bin ich Schuldner. 14: Wie Paulus sich als Schuldner aller bekennt, so trägt jeder Christ Mitverantwortung für das Heil seiner Mitmenschen. Keiner ist im Religiösen unabhängig. 15 So bin ich, was an mir liegt, bereit, auch euch in Rom die Heilsbotschaft zu verkünden.

 

Angabe des Themas. 16 Ich schäme mich der Heilsbotschaft nicht. Ist sie ja eine Gotteskraft zum Heil für jeden, der glaubt, für den Juden zuerst und auch für den Heiden. 16: Wer sich seines Glaubens in Christus schämt, beweist, daß er ihn nicht kennt. 17 In ihr wird offenbar die Rechtfertigung durch Gott, die aus dem Glauben stammt und zum Glauben führt, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus dem Glauben (Hab 2,4).

 

Rechtfertigung durch Jesus Christus

 

Heilsbedürftigkeit der Menschheit

Die Sünde der Heidenwelt. 18 Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbar über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit [Gottes] durch ihre Ungerechtigkeit unterdrücken. 19 Was man von Gott erkennen kann, ist ihnen offenbar, Gott selbst hat es ihnen geoffenbart. 20 Sein unsichtbares Wesen, seine ewige Macht und Göttlichkeit sind seit Erschaffung der Welt durch das Licht der Vernunft an seinen Werken zu erkennen. Deshalb sind sie nicht zu entschuldigen. 21 Denn, obwohl sie Gott erkannten, haben sie ihn doch nicht als Gott geehrt, noch ihm gedankt, sondern wurden töricht in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert. 22 Weise meinten sie zu sein und sind Toren geworden. 23 Die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauschten sie mit dem Bilde von vergänglichen Menschen, Vögeln, vierfüßigen und kriechenden Tieren. 18-23: Der Glaubenssatz, daß wir mit dem Lichte der Vernunft das Dasein Gottes aus den geschaffenen Dingen erkennen können, ist hier unzweideutig gelehrt. Nur durch eigene Schuld ist Unkenntnis Gottes möglich. „Nur der Tor spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott!“ 24 Darum überließ sie Gott den Gelüsten ihres Herzens, der Unreinigkeit, so daß sie ihre eigenen Leiber entehrten. 25 Den wahren Gott haben sie mit falschen Götzen vertauscht und die Geschöpfe verehrt und angebetet anstatt des Schöpfers, der gepriesen sei in Ewigkeit. Amen. 26 Darum überließ sie Gott schändlichen Leidenschaften; ihre Weiber vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen. 27 Ebenso verließen auch die Männer den natürlichen Umgang mit der Frau und entbrannten in wilder Gier gegeneinander; Männer verübten Schamloses aneinander und empfingen den gebührenden Lohn für ihre Verwirrung an sich selbst. 28 Weil sie die Gotteserkenntnis verwarfen, überließ sie Gott ihrer verworfenen Gesinnung, so daß sie taten, was nicht recht ist. 29 Sie wurden voll jeglicher Ungerechtigkeit, Bosheit, [Unzucht,] Habsucht, Schlechtigkeit, voll Neid, Mord, Hader, Arglist, Tücke. Sie sind Ohrenbläser, 30 Verleumder, Gottesfeinde, Spötter, Stolze, Prahler, Erfinder von Bösem, widerspenstig gegen Eltern, 31 unvernünftig, ungeordnet, ohne Liebe, ohne Treue, ohne Erbarmen. 32 Zwar kennen sie die göttliche Rechtsordnung (und wissen), daß jene den Tod verdienen, die solches treiben, dennoch tun sie es nicht nur selbst, sondern zollen auch denen noch Beifall, die es treiben. 26-32: Paulus, der nicht übertreibt, zeichnet hier ein erschütterndes Bild der sittlichen Zustände im Heidentum. Die Wurzel all dieser Verkommenheit aber ist die Abwendung von Gott. Das sechste Gebot wird dort am meisten übertreten, wo das erste nicht beobachtet wird.

 

2 Die Sünde der Juden. Darum bist du unentschuldbar, o Mensch, der du dich zum Richter aufwirfst, wer immer du bist; denn während du den andern richtest, verurteilst du dich selbst; du tust ja dasselbe, du als Richter. Denn wir Wissen, daß das Gericht Gottes der Wahrheit gemäß ist gegen die, welche solches tun. Vermeinst aber du, o Mensch, der du diejenigen richtest, die solches tun, und tust es selber auch, daß du dem Gerichte Gottes entrinnen wirst? Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, daß die Güte Gottes dich zur Bekehrung leitet? Aber durch deine Hartnäckigkeit und dein unbußfertiges Herz häufest du dir Zorn auf für den Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der einem jeden vergelten wird nach seinen Werken! denen, die durch Beharrlichkeit im Guten Herrlichkeit und Ehre und Unvergänglichkeit suchen, mit ewigem Leben, denen aber, die streitsüchtig sind und der Wahrheit sich nicht beugen, dagegen der Ungerechtigkeit sich hingeben, mit Zorn und Ungnade, Trübsal und Angst kommen über jede Menschenseele, die das Böse tut, über den Juden zuerst, aber auch über den Heiden; 10 Herrlichkeit aber und Ehre und Friede jedem, der das Gute wirkt, dem Juden zuerst, aber auch dem Heiden. 11 Denn es gibt keine Bevorzugung der Person bei Gott. 12 Alle nämlich, die, ohne das Gesetz zu kennen, gesündigt haben, werden ohne Gesetz verlorengehen, und alle, die im Gesetze gesündigt haben, werden durch das Gesetz gerichtet werden. 13 Denn nicht die Hörer des Gesetzes sind gerecht vor Gott, sondern die Befolger des Gesetzes werden gerechtfertigt werden. 14 Wenn nämlich die Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus die Vorschriften des Gesetzes erfüllen, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. 15 Sie zeigen damit, daß der Inhalt des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben ist, indem ihnen ihr Gewissen Zeugnis gibt und untereinander die Gedanken sich anklagen oder verteidigen, 16 an dem Tage, da Gott richten wird das Verborgene der Menschen nach meiner Heilsverkündung durch Jesus Christus. 14-16: Ein doppeltes Gesetz bindet den Menschen an Gott: Jedem Menschen ist das Naturgesetz ins Herz geschrieben. Es wird ihm bekannt durch die Stimme des Gewissens. Darüber hinaus hat Gott den Israeliten im Alten Bund das Gesetz der Offenbarung gegeben.

 

Pochen auf das Gesetz nutzlos. 17 Du nennst dich stolz einen Juden, verläßt dich auf das Gesetz, und rühmst dich Gottes. 18 Du kennst seinen Willen und weißt, vom Gesetze belehrt, zu beurteilen, was mehr frommt. 19 Du traust dir zu, ein Führer der Blinden zu sein, ein Licht derer, die im Finstern sind, 20 ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, der du doch die Richtschnur der Erkenntnis und Wahrheit im Gesetze besitzest. 21 Einen anderen lehrst du, und dich selbst belehrst du nicht? Du predigst, man dürfe nicht stehlen, und stiehlst? 22 Du sprichst, man dürfe nicht ehebrechen, und brichst die Ehe? Du verabscheust die Götzenbilder und beraubst doch ihre Tempel? 23 Du rühmst dich des Gesetzes und entehrst Gott durch Übertretung des Gesetzes? 24 Der Name Gottes wird doch euretwegen gelästert unter den Heiden, wie geschrieben steht (Is 52,5). 17-24: Der klarere Einblick in den Willen Gottes erhöht die Verantwortlichkeit. Wo das Leben im Gegensatz zur Lehre steht, wird die Religion zum Gespött.

 

Wert der Beschneidung. 25 Die Beschneidung nützt zwar, wenn du das Gesetz beobachtest; wenn du aber ein Übertreter des Gesetzes bist, so ist dein Judentum zum Heidentum geworden. 26 Wenn also der Unbeschnittene die Vorschriften des Gesetzes hält, wird ihm nicht sein Heidentum als Judentum angerechnet werden? 27 Und wird nicht der von Natur Unbeschnittene, der das Gesetz erfüllt, dich richten, der du trotz der Schrift und der Beschneidung ein Übertreter des Gesetzes bist? 28 Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist; auch taugt die Beschneidung nichts, die nur äußerlich am Leibe vollzogen ist. 29 Vielmehr ist der ein Jude, der es innerlich ist und die Beschneidung des Herzens dem Geiste, nicht dem Buchstaben nach an sich trägt. Lob wird einem solchen freilich nicht von Menschen, sondern von Gott zuteil. 25-29: Nicht die äußere Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft macht den Menschen wohlgefällig vor Gott, sondern rechte Gesinnung und Tat, im Alten wie im Neuen Bund.

 

3 Stellung der Juden. Was hat nun der Jude voraus, oder was nützt die Beschneidung? In jeder Hinsicht viel. Vor allem sind ihnen die Verheißungen Gottes anvertraut worden. Doch wie? Wenn einige von ihnen die Treue gebrochen haben, wird etwa ihre Untreue die Treue Gottes aufheben? Nimmer mehr! Gott muß als wahrhaftig dastehen, jeder Mensch dagegen als Lügner, wie geschrieben steht: Daß du gerecht befunden werdest in deinen Worten und den Sieg erhaltest, wenn man dich richtet (Ps 51,6). Wenn aber unsere Ungerechtigkeit die Gerechtigkeit Gottes dartut, was werden wir sagen? Ist etwa Gott menschlich gesprochen, ungerecht, da er die Strafe verhängt? Nimmermehr. Wie wird denn Gott sonst die Welt richten? Wenn die Wahrheit Gottes durch meine Lüge um so größer erscheint und zu seiner Verherrlichung dient, warum werde ich dann noch als Sünder verurteilt? Sollten wir etwa, wie man uns lästert und wie wir nach einigen behaupten sollen, das Böse tun, damit Gutes daraus werde? Deren Verurteilung ist allerdings gerecht. 1-8: Ein für allemal bleibt dem Volke Israel der Vorzug, daß Gott es unverdient zum Träger seiner Offenbarung gemacht hat. Israels klägliches Versagen läßt Gottes Güte in noch hellerem Licht erscheinen. Niemand darf daraus den Fehlschluß ziehen, ein guter Zweck heilige jemals ein schlechtes Mittel.

 

Allgemeine Sündhaftigkeit. Wie also? Haben wir (Juden) etwas vor ihnen voraus? Keineswegs; denn wir haben vorhin die Anklage erhoben, daß Juden und Heiden alle unter der Herrschaft der Sünde sind. 10 Wie geschrieben steht: Gerecht ist auch nicht einer, 11 keiner ist verständig, keiner, der Gott sucht. 12 Alle sind abgewichen, sind unnütz geworden, keiner ist, der Gutes tue, auch nicht einer. 13 Ein offenes Grab ist ihre Kehle, mit ihren Zungen üben sie Trug. Schlangengift ist unter ihren Lippen. 14 Ihr Mund ist voll von Fluch und Bitterkeit. 15 Ihre Füße sind schnell zum Blutvergießen, 16 Verderben und Unglück ist auf ihren Wegen, 17 den Weg des Friedens kennen sie nicht, 18 Furcht Gottes ist nicht vor ihren Augen (Ps 14,2. 3). 19 Wir wissen aber, daß das Gesetz alles, was es sagt, denen sagt, die unter dem Gesetze sind, damit jeder Mund verstumme und alle Welt dem Gericht Gottes unterstehe. 20 Denn durch die Werke des Gesetzes wird kein Mensch vor ihm gerechtfertigt; das Gesetz ist ja nur der Weg zur Erkenntnis der Sünde (Gal 2,16). 9-20: In dem gänzlichen Unvermögen, sich selbst aus Schuld und Sünde zu erlösen, sind Juden und Heiden gleich. Selbsterlösung ist ein Irrwahn. Auch das Gesetz vermag nicht zu retten. Es zeigt wohl, was Sünde sei, verleiht aber dem schwachen Menschen nicht die Kraft zum sündenreinen Leben.

 

Das Wesen der Rechtfertigung

Der rechtfertigende Glaube. 21 Jetzt aber ist Gerechtigkeit Gottes ohne Gesetz offenbar geworden, bezeugt vom Gesetz und den Propheten, 22 nämlich Gerechtigkeit durch den Glauben an Jesus Christus, allen [und über alle], welche an ihn glauben; denn es ist kein Unterschied. 23 Denn alle haben gesündigt und ermangeln der Herrlichkeit Gottes. 24 Sie werden gerechtfertigt ohne Verdienst durch seine Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus. 25 Ihn hat Gott dargestellt als blutiges Sühneopfer [das wirksam wird] durch den Glauben, um seine Gerechtigkeit zu erweisen. In seiner göttlichen Langmut hat er die früher begangenen Sünden hingehen lassen, 26 um in der jetzigen Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, damit er selber gerecht sei und denjenigen rechtfertige, der den Glauben an Jesus Christus hat. 27 Wo ist also dein Rühmen? Es ist ausgeschlossen! Durch welches Gesetz? Das der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. 28 Denn wir halten dafür, daß der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt werde, ohne die Werke des Gesetzes. 28: Mit den „Werken des Gesetzes“ sind nicht die guten Werke des Christen gemeint, in denen der Glaube erst seine Lebenskraft beweist, sondern jüdische Gesetzeswerke, denen keine rechtfertigende Kraft innewohnt. Hätte Luther den Vers nicht falsch gedeutet, so wäre die berühmt gewordene Einfügung des Wörtchens „allein“ berechtigt gewesen. 29 Oder gehört Gott nur den Juden an, nicht auch den Heiden? Ja doch auch den Heiden. 30 Denn es gibt nur einen Gott, und der rechtfertigt die Beschnittenen aus dem Glauben und die Unbeschnittenen durch den Glauben. 31 Heben wir also das Gesetz auf durch den Glauben? Nimmermehr, sondern wir bestätigen das Gesetz. 21-31: Was weder die heidnische Philosophie noch das jüdische Gesetz zu gewähren vermochten, das erlangen alle Menschen im Glauben an Jesus Christus: Sein Erlösungstod schenkt denen, die sich gläubig ihm anschließen, die „Herrlichkeit Gottes“, d. h. das übernatürliche Gnadenleben. Keine Nation ist mehr dabei bevorzugt.

 

4 Abrahams Rechtfertigung durch den Glauben. Was werden wir also sagen, daß unser Vater dem Fleische nach, Abraham, erlangt habe? Ist Abraham aus Werken gerechtfertigt worden, so hätte er Grund, sich zu rühmen, aber nicht vor Gott. Denn was sagt die Schrift? Abraham glaubte Gott, und dies wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet (1 Mos 15, 6). Wer Werke vollbringt, dem wird der Lohn nicht aus Gnade, sondern nach, Schuldigkeit angerechnet. Wer dagegen keine Werke vollbringt, wohl aber an den glaubt, der den Sünder rechtfertigt, dem wird sein Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet [nach dem Ratschlusse der Gnade Gottes]. So spricht auch David den Menschen selig, dem Gott Gerechtigkeit ohne Werke zurechnet: Selig, deren Missetaten vergeben und deren Sünden bedeckt sind; selig der Mann, welchem Gott die Sünde nicht zurechnet (Ps 32,1. 2). 1-8: Auch im Alten Testament erfolgte die Rechtfertigung durch den Glauben und nicht durch natürliche Werke. Dies sehen wir an Abraham, der nicht um seiner Werke willen, sondern für seinen Glauben die Rechtfertigung erhielt. Aus Gnade hat ihn Gott gerechtfertigt; und ebenso war es bei David.

 

Abraham gerecht vor der Beschneidung. Gilt nun diese Seligpreisung nur von den Beschnittenen oder auch von den Unbeschnittenen? Wir sagen ja, daß dem Abraham der Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet ward. 10 Wie ward er ihm denn angerechnet? Nach der Beschneidung oder vor der Beschneidung? Nicht nach, sondern vor der Beschneidung. 11 Er erhielt die Beschneidung als Siegel, und zwar als Zeichen der Gerechtigkeit, die im Glauben liegt, den er vor der Beschneidung schon hatte. Er sollte Vater aller unbeschnittenen Gläubigen sein, so daß auch ihnen die Gerechtigkeit angerechnet wird. 12 Und er sollte auch der Vater der Beschnittenen sein, nicht bloß derer, welche die Beschneidung haben, sondern auch derer, welche den Fußstapfen des Glaubens nachwandeln, den unser Vater Abraham vor der Beschneidung hatte. 9-12 Als Abraham gerechtfertigt wurde, war er noch unbeschnitten; also können auch Heiden = Unbeschnittene das Heil erlangen. 13 Nicht durch das Gesetz wurde die Verheißung dem Abraham oder seiner Nachkommenschaft, daß er Erbe der Welt sein solle, sondern durch die Glaubensgerechtigkeit. 14 Denn wenn die Anhänger des Gesetzes Erben sind, so ist der Glaube wertlos und die Verheißung nichtig. 15 Das Gesetz wirket ja Zorn. Wo aber kein Gesetz ist, da ist auch keine Übertretung.

 

Vertrauen Abrahams. 16 Deshalb gilt: Auf Grund des Glaubens und somit aus Gnade, damit die Verheißung gültig bleibe für alle Nachkommen, nicht bloß für den, der das Gesetz hat, sondern auch für den, der den Glauben Abrahams hat; er ist ja unser aller Vater, 17 wie geschrieben steht: Zum Vater vieler Völker habe ich dich bestellt. Gott hat er geglaubt, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft. 16: Unser aller Vater kann Abraham nur genannt werden, wenn nicht mehr aus dem Blute, sondern aus dem Geiste, nicht mehr aus dem Gesetz, sondern aus dem Glauben das Kindesverhältnis zu Gott erwächst. 18 Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt, daß er Vater vieler Völker würde, weil ihm gesagt worden: So (zahllos) wird deine Nachkommenschaft sein (1 Mos 15,5). 19 Und er ward nicht schwach im Glauben, beachtete weder seinen erstorbenen Leib, da er beinahe hundert Jahre alt war, noch den erstorbenen Schoß der Sara. 20 Er zweifelte nicht ungläubig an der Verheißung Gottes, sondern erstarkte im Glauben, indem er Gott die Ehre gab 21 in der festen Überzeugung, daß er mächtig ist, auch zu tun, was immer er versprochen hat. 22 Darum wurde es ihm auch angerechnet zur Gerechtigkeit. 23 Aber nicht bloß seinetwegen steht geschrieben, es sei ihm angerechnet worden zur Gerechtigkeit, 24 sondern auch um unsertwillen, denen es wird angerechnet werden, wenn wir glauben an den, der unsern Herrn Jesus Christus von den Toten auferweckt hat, 25 ihn, der dahingegeben wurde um unserer Sünden willen und auferstanden ist um unserer Rechtfertigung willen. 13-25: Von allen Menschen gilt, was an Abraham geschah: Nicht das Gesetz, sondern der Glaube wird ihnen der Weg zum Heil. Aber es muß ein starker Glaube sein, der auch dann nicht wankt, wenn alles verloren zu sein scheint (V. 18).

 

Die Früchte der Rechtfertigung

5 Friede mit Gott. Gerechtfertigt also durch den Glauben haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir mittels des Glaubens auch Zutritt zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns ob der Hoffnung auf die Herrlichkeit [der Kinder] Gottes. Aber nicht allein dies, sondern wir rühmen uns auch ob der Trübsale, da wir wissen, daß Trübsal Geduld wirkt (Jak 1,3), die Geduld Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung. Die Hoffnung aber trügt nicht; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. 3-5: Der Geist Gottes lehrt uns, das Leid nicht in stummer Ergebung hinzunehmen, sondern ihm hohe positive Werte abzugewinnen. Denn Christus ist, da wir noch schwach waren, zur rechten Zeit für Gottlose gestorben. Es stirbt nämlich kaum jemand für einen Gerechten; für den Wohltäter dürfte vielleicht jemand den Mut haben, zu sterben. Gott aber erweist seine Liebe zu uns dadurch, daß Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren. Um so viel mehr also werden wir jetzt, da wir in seinem Blute gerechtfertigt sind, durch ihn vor dem Zorne bewahrt werden. 10 Wurden wir, solange wir Feinde waren, versöhnt mit Gott durch den Tod seines Sohnes, so werden wir um so mehr als Versöhnte errettet werden durch sein Leben. 11 Und nicht allein dies, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt Versöhnung empfangen haben. 1-11: Die Sünde hatte Feindschaft zwischen Gott und den Menschen geschaffen. Christi Erlösungstod brachte den Frieden. Nachdem er aus reiner Liebe soviel für uns Sünder tat, was dürfen wir da erst als Erlöste von seiner Güte erwarten! Dem Christen ziemt steter Optimismus.

 

Vergleich zwischen Adam und Christus. 12 Demnach, gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so auf alle Menschen der Tod deshalb übergegangen ist, weil alle gesündigt haben. 12: Der Satz ist unvollendet. 13 Zwar gab es bis zum Gesetz Sünde in der Welt; aber die Sünde wird nicht zugerechnet, wenn kein Gesetz da ist. 14 Aber der Tod herrschte von Adam bis auf Moses auch über diejenigen, welche nicht durch eine ähnliche Übertretung wie Adam sündigten. Dieser (Adam) ist ein Vorbild des zukünftigen. 15 Aber nicht wie mit der Sünde (durch den einen) verhält es sich auch mit der Gnade. Denn wenn durch des einen Sünde die vielen gestorben sind, so ist die Gnade Gottes und die Gabe in der Gnade des einen Menschen Jesus Christus um so reicher auf die vielen übergegangen. 16 Und nicht wie mit der Sünde durch den einen verhält es sich auch mit der Gnade; denn das Gericht ging von einer Sünde aus (und führte) zu der Verdammung, die Begnadigung aber von vielen Sünden zur Rechtfertigung. 17 Wenn durch die Sünde des einen der Tod herrschte durch den einen, werden um so mehr die, welche die Fülle der Gnade und der Gabe der Rechtfertigung empfangen, im Leben herrschen durch den einen Jesus Christus. 18 Wie also durch des einen Sünde auf alle Menschen Verdammnis kam, so kommt auch durch des einen Gerechtigkeit auf alle Menschen Rechtfertigung zum Leben. 19 Wie nämlich durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechtigkeit gemacht. 20 Das Gesetz aber kam hinzu, damit die Sünde überhand nehme; als aber die Sünde überschwenglich war, wurde die Gnade noch überschwenglicher. 21 Wie die Sünde herrschte durch den Tod, so sollte die Gnade herrschen mittels der Rechtfertigung zum ewigen Leben durch Jesus Christus, unsern Herrn. 12-21: Christus ist als Erlöser der Stammvater eines neuen Geschlechtes. Von Adam gingen Sünde, Tod und Elend auf alle seine Nachkommen über; von Christus fließt die Fülle des neuen Lebens der Gnade auf alle über. Die Lehre von der Erbsünde ist hier biblisch begründet. Bei Erwägung dieser paulinischen Erlösungslehre hat der hl. Augustinus das kühne Wort geprägt: „O glückhafte Schuld, die einen solch herrlichen Erlöser verdient hat!“ Wer über das Geheimnis der Bosheit grübelt, darf das Geheimnis der noch größeren Liebe nicht vergessen.

 

Rechtfertigung und sittliches Leben

6 Die Wirksamkeit der rechtfertigenden Gnade. Was also werden wir sagen? Werden wir in der Sünde verharren, damit die Gnade um so reichlicher werde? Das sei ferne! Da wir der Sünde gestorben sind, wie sollten wir in ihr noch leben? Oder wisset ihr nicht, daß wir alle, die auf Jesus Christus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Denn mitbegraben sind wir mit ihm durch die Taufe auf den Tod, damit wie Christus auferstanden ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir einen neuen Lebenswandel führen. Wenn wir mit ihm durch Ähnlichkeit mit seinem Tode verwachsen sind, so werden wir es zugleich auch mit seiner Auferstehung sein. Dies wissen wir, daß unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der sündige Leib zerstört werde und wir fürderhin nicht mehr der Sünde dienen. Wer gestorben ist, ist gerechtfertigt von der Sünde. 1-7: Der in Christus so reich beschenkte Christ darf sich nicht träger Ruhe oder gar genießerischer Zügellosigkeit hingeben. Der Adel der Erlösung legt die Pflicht eines reinen Lebens auf. Christ sein und Sünder sein wäre ein Unding, wie leben und zugleich tot sein. Bei der Taufe, die durch Untertauchen gespendet wurde, ist der alte Mensch der Sünde begraben worden; ein neuer Mensch mit Christus, dem Auferstandenen, zur Lebenseinheit verbunden, ist aus dem Taufwasser emporgestiegen. Wenn wir aber mit Christus gestorben sind, so glauben wir, daß wir zugleich auch leben werden mit ihm, da wir wissen, daß Christus nach seiner Auferstehung von den Toten nicht mehr stirbt, der Tod über ihn fürder nicht herrschen wird. 10 Insofern er starb, starb er ein für allemal der Sünde; insofern er aber lebt, lebt er Gott. 11 So betrachtet auch ihr euch als solche, die der Sünde abgestorben sind, für Gott aber leben in Christus Jesus [unserm Herrn]. 12 Darum herrsche nicht die Sünde in eurem sterblichen Leibe, daß ihr seinen Begierden gehorchet. 8-12: Alle Sünde ist abgetan, wie bei einem Verbrecher die gesamte Schuld gesühnt ist durch die vollzogene Todesstrafe. Rückfall in die Sünde bedeutet Rückfall in die Sklaverei der Begierden.

 

Leben im Dienste Gottes. 13 Gebet eure Glieder der Sünde nicht hin als Werkzeug der Ungerechtigkeit, sondern gebet euch Gott hin als solche, die vom Tode zum Leben gekommen sind, und gebet eure Glieder Gott hin als Werkzeuge der Gerechtigkeit. 14 Denn die Sünde wird nicht über euch Gewalt haben, weil ihr nicht unter dem Gesetze seid, sondern unter der Gnade. 15 Wie nun? Werden wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz sind, sondern unter der Gnade? Das sei ferne! 16 Wisset ihr nicht, daß ihr dessen Knechte seid und dem zu gehorchen habt, dem ihr euch als Knechte zum Gehorsam gebt, entweder Knechte der Sünde zum Tod oder des Gehorsams zur Gerechtigkeit? 17 Dank aber sei Gott, daß ihr, die ihr Knechte der Sünde waret, von Herzen gehorsam geworden seid gegen die Vorschriften der Lehre, in die ihr eingeführt wurdet. 18 Losgelöst von der Sünde, seid ihr dienstbar geworden der Gerechtigkeit. 19 Ich rede nach Menschenweise um der Schwachheit eures Fleisches willen: Wie ihr eure Glieder hingegeben habt zum Dienst der Unreinigkeit und Gesetzwidrigkeit, zu einem ungezügelten Leben, so gebet jetzt eure Glieder hin in den Dienst der Gerechtigkeit zur Heilung. 20 Da ihr nämlich Diener der Sünde waret, seid ihr frei gegenüber der Gerechtigkeit gewesen. 21 Welche Frucht hattet ihr aber damals von den Dingen, über die ihr jetzt errötet? Das Ende derselben ist ja der Tod. 22 Jetzt aber, befreit von der Sünde und dem Dienst für Gott geweiht, habt ihr als Frucht Heiligung und als Endgewinn das ewige Leben. 23 Denn der Sold der Sünde ist der Tod, die Gnade Gottes aber das ewige Leben in Jesus Christus, unserem Herrn. 13-23: Jeder Christ bleibt sein Leben lang verpflichtet, die Sünde zu meiden, deren Knecht er einst war. Er gehört ganz Christus zu eigen. Streben nach Heiligkeit ist nicht nur Sache einzelner, sondern aller Erlösten. Ewiges Leben ist der lockende Preis.

 

7 Die Befreiung vom Dienst des Gesetzes. Oder wisset ihr nicht, Brüder, ich rede zu solchen, die das Gesetz kennen, daß das Gesetz über den Menschen herrscht, solange er lebt? Denn ein Weib, das unter einem Manne steht, ist an das Gesetz gebunden, solange der Mann lebt; ist aber der Mann gestorben, so ist sie vom Gesetze des Mannes befreit. Darum wird sie, wenn sie zu Lebzeiten ihres Mannes mit einem andern Manne zusammenlebt, Ehebrecherin genannt; ist aber ihr Mann gestorben, so ist sie befreit vom Gesetze des Mannes, so daß sie nicht Ehebrecherin ist, wenn sie mit einem anderen Manne lebt. Somit seid auch ihr, Brüder, dem Gesetze gegenüber tot durch den Leib Christi, um einem andern anzugehören, dem, der von den Toten erstanden ist, damit wir Frucht bringen für Gott. Denn da wir im Fleische waren, da waren die sündhaften Leidenschaften infolge des Gesetzes wirksam in unseren Gliedern, so daß sie Frucht brachten für den Tod. Jetzt aber sind wir als Gestorbene gelöst vom Gesetze, in dem wir festgehalten wurden, so daß wir dienen im neuen Geiste und nicht mehr nach alten Buchstaben. 1-6: Die gänzliche Hingabe an Christus ist keine Untreue gegen den früheren Herrn, das Gesetz. Denn das mystische Sterben mit Christus in der Taufe hat uns frei gemacht, wie eine Frau durch den Tod ihres Mannes frei wird für eine neue Ehe. Der Vergleich setzt die Unauflöslichkeit der Ehe zu Lebzeiten beider Gatten als selbstverständlich voraus.

 

Gesetz und Begierlichkeit. Was werden wir also sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber ich habe die Sünde nur kennengelernt durch das Gesetz. Ich hätte von der Lust nichts gewußt, wenn nicht das Gesetz sagte: Du sollst nicht begehren. Es nahm aber die Sünde vom Gebot Anlaß und wirkte in mir jegliche Lust; denn ohne Gesetz war die Sünde tot. Ich aber lebte einmal ohne Gesetz; als aber das Gebot gekommen war, lebte die Sünde auf. 10 Ich dagegen starb. Das Gebot, welches zum Leben verhelfen sollte, gereichte mir in Wirklichkeit zum Tode. 11 Denn die Sünde, welche durch das Gebot veranlaßt wurde, verführte mich und tötete mich durch dasselbe. 12 So ist zwar das Gesetz heilig und das Gebot heilig, gerecht und gut. 13 Ist also das Gute mir Ursache des Todes geworden? Ferne sei dies! Aber die Sünde, um offenbar zu werden als Sünde, brachte mir durch das Gute den Tod, damit die Sünde durch das Gebot über die Maßen sündhaft werde. 7-13: Das Gesetz als solches ist keineswegs böse. Wenn aber mit den Unterscheidungssjahren die böse Begierlichkeit erwacht, reizt das Gesetz mit seinen Geboten und Verboten zur Sünde. Es nötigt nicht zur Sünde, aber es wird Anlaß zur Sünde. Gott ließ das zu, obgleich er es voraussah, weil auf diese Weise die unheimliche Macht des Bösen den Menschen zum Bewußtsein kam. Nie hätte das Gesetz allein die Rettung bringen können.

 

Zwiespalt zwischen Geist und Fleisch. 14 Wir wissen, daß das Gesetz geistig ist; ich aber bin fleischlich, verkauft an die Sünde. 15 Was ich wirke, kenne ich nicht, tue ich doch nicht das, was ich will, [das Gute,] sondern ich tue [das Böse], das ich hasse. 16 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so stimme ich dem Gesetze bei, daß es gut sei. 17 Dann aber bin nicht mehr ich der Täter, sondern die in mir wohnende Sünde. 18 Ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes wohnt. Denn das Wollen liegt mir nahe, aber das Vollbringen des Guten nicht. 19 Ich tue ja nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so wirke nicht ich es, sondern die in mir wohnende Sünde. 21 Ich finde also, indem ich das Gute tun will, das Gesetz in mir, daß mir das Böse anklebt. 22 Ich freue mich am Gesetze Gottes nach dem inneren Menschen. 23 Aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetze meines Geistes widerstreitet und mich gefangenhält unter dem Gesetze der Sünde, das in meinen Gliedern ist. 24 O ich unglückseliger Mensch, wer wird mich befreien von diesem todbringenden Leiden? 25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! Somit diene ich selber mit dem Geiste dem Gesetze Gottes, mit dem Fleische aber dem Gesetze der Sünde. 14-25: Ergreifend schildert der Apostel die sittliche Not des noch unerlösten, dem Gesetz verpflichteten, aber noch nicht durch die Gnade gestärkten Menschen. Paulus hat ja ähnliches an sich erfahren vor seiner Bekehrung. Also nicht der Christusjünger Paulus ist unter dem „Ich“ zu verstehen, sondern der Unbekehrte, der vom Gesetz das Heil vergeblich erwartete. Wie oft endet der Titanenstolz der „Übermenschen“ im gleichen Elend.

 

8 Das Glück des Gnadenstandes. Freiheit von Sünde und Tod. Demnach gibt es keine Verdammnis mehr für diejenigen, die in Christus Jesus sind [und nicht nach dem Fleische wandeln]. Denn das Gesetz des lebendigmachenden Geistes in Christus Jesus hat mich vom Gesetz der Sünde und des Todes befreit. Was dem Gesetze unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt ward, [das hat Gott bewirkt]. Er sandte seinen Sohn, der uns ähnlich wurde durch das sündhafte Fleisch und wegen der Sünde, und er verdammte in seinem Fleische die Sünde.So sollte die Satzung des Gesetzes erfüllt werden in uns, die wir nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geiste. 1-4: In jubelnder Begeisterung stellt der Apostel dem Bilde des jammervollen Sündenknechtes das Bild des durch Christus erlösten und zur Freiheit erhobenen Menschen gegenüber. Denn die nach dem Fleische leben, sinnen auf das, was des Fleisches ist; die aber nach dem Geiste leben, sinnen auf das, was des Geistes ist. Das Sinnen des Fleisches ist Tod, das Sinnen des Geistes aber Leben und Friede. Das Sinnen des Fleisches ist feindlich wider Gott, da es dem Gesetze Gottes sich nicht unterwirft und dies auch nicht vermag. Die dem Fleische leben, können Gott nicht gefallen. Ihr aber lebt nicht dem Fleische, sondern im Geiste, wenn anders Gottes Geist in euch wohnt. Wenn aber jemand den Geist Christi nicht hat, gehört er ihm nicht an. 10 Ist dagegen Christus in euch, so ist der Leib zwar dem Tode verfallen wegen der Sünde, der Geist aber lebt wegen der Rechtfertigung. 5-10: Christen sind Geistesmenschen. Wer den Sinn eines wahrhaft positiven Christentums erfassen will, findet hier den besten Aufschluß.

 

Das ewige Leben des Leibes und der Seele. 11 Wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten erweckt hat, in euch wohnt, so wird der, welcher Christus Jesus von den Toten erweckt hat, auch eure sterblichen Leiber beleben durch seinen Geist, der in euch wohnt. 12 Darum, Brüder, sind wir Schuldner nicht dem Fleische, um nach dem Fleische zu leben. 13 Wenn ihr nach dem Fleische lebt, werdet ihr sterben, wenn ihr aber durch den Geist die Regungen des Fleisches ertötet, werdet ihr leben. 14 Alle, die sich vom Geiste Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes. 15 Ihr habt ja nicht wieder empfangen den Geist der Knechtschaft, damit ihr euch wieder fürchten müßtet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! (2 Tim 1,7; Gal 4,5. 6.) 16 Der Geist selbst gibt Zeugnis zusammen mit unserm Geist, daß wir Kinder Gottes sind. 17 Wenn aber Kinder, so auch Erben: Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir nämlich mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden. 11-17: Wer dem Christentum vorwirft, es zerbreche den aufrechten Charakter und erzeuge knechtische Gesinnung, kann hier lernen, daß genau das Gegenteil zutrifft. 18 Ich halte dafür, daß die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der künftigen Herrlichkeit, die an uns wird offenbar werden. 19 Denn das Harren der Schöpfung ist ein Harren auf die Offenbarung der Kinder Gottes. 20 Denn der Vergänglichkeit ist die Schöpfung unterworfen, nicht freiwillig, sondern um dessentwillen, der sie unterworfen hat in der Hoffnung, 21 daß auch die Schöpfung selbst befreit wird von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. 22 Wir wissen, daß die ganze Schöpfung mitseufzt und in Wehen liegt bis jetzt; 23 aber nicht nur sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe besitzen, seufzen in unserem Innern und erwarten, daß wir zu Kindern Gottes angenommen und unser Leib erlöst werde. 24 Durch Hoffnung sind wir ja gerettet worden. Die Hoffnung aber, welche man sieht, ist keine Hoffnung; denn wie kann einer hoffen, was er schon erfüllt sieht. 25 Wenn wir aber hoffen auf das, was wir nicht sehen, so erwarten wir es mit Geduld. 26 Ebenso kommt auch der Geist unserer Schwachheit zu Hilfe; denn um was wir bitten sollen, wie es sich gehört, wissen wir nicht, sondern der Geist selbst tritt dafür ein mit unaussprechlichen Seufzern. 27 Der aber die Herzen erforscht, weiß, was der Geist begehrt; denn in Übereinstimmung mit Gott begehrt er für den Heiligen. 26-27: Ein trostvoller Gedanke für alle, die darunter leiden, daß sie nicht besser beten können! Gottes Geist betet mit ihnen und für sie wie die Mutter für ihr stammelndes Kind. 28 Wir wissen aber, daß denjenigen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach der Vorherbestimmung [zu Heiligen] berufen sind. 28: Für den, der Gott liebt, gibt es nur ein einziges Unglück: die Sünde. 29 Denn die er vorher erkannte, hat er auch vorherbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu werden, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt, die er aber gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht. 29-30: Gottes Ruf und des Menschen Antwort, Gnadengeschenk des Himmels und freies Mittun des Geschöpfes wirken zusammen. Wir müssen Christus gleichförmig werden, sonst sind wir keine Christen. 18-30: Das neue Leben ist Gegenwart und Zukunft zugleich. Sogar die leblose Natur ist infolge des Sündenfalles in diesen Prozeß hineingezogen und läßt in ihrem schmerzlichen Harren die Größe der künftigen Herrlichkeit ahnen.

 

Heilsgewißheit. 31 Was werden wir nun dazu sagen? Wenn Gott für uns ist, wer ist wider uns? 32 Er, der ja seines eigenen Sohnes nicht schonte, sondern für uns alle ihn hingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken. 33 Wer wird Anklage erheben gegen die Erwählten Gottes? Gott? Nein! denn er ist es, der rechtfertigt. 34 Wer wird verdammen? Christus Jesus? Nein! denn er ist es, der gestorben, aber auch wieder erstanden ist, der zur Rechten Gottes ist, der auch Fürsprache einlegt für uns. 35 Wer also wird uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? 36 Es steht ja geschrieben: Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag, werden geachtet wie Schlachtschafe (Ps 44,23). 37 Aber in all dem überwinden wir durch ihn, der uns geliebt hat. 38 Denn ich bin gewiß: Weder Tod noch Leben, noch Engel, noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Mächte, 39 weder Höhe noch Tiefe, noch ein anderes Geschöpf vermag uns zu trennen von der Liebe Gottes, welche ist in Christus Jesus, unserm Herrn. 31-39: Voll von kämpferischem Geist und siegesgewissem Gottvertrauen ruft der Apostel alle Feinde des Heils in die Schranken. Gott wird das Werk seiner Liebe an uns nicht unvollendet lassen.

 

Die Verwerfung der Juden und der Heilsplan Gottes

9 Schmerz des Apostels über die Verwerfung. Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, da mir mein Gewissen es mitbezeugt im Heiligen Geiste, daß ich großen Kummer und beständigen Schmerz in meinem Herzen trage. Gerne möchte ich gebannt und vom Messias getrennt sein für meine Brüder, meine Stammesgenossen dem Fleische nach. Sind sie doch Israeliten, denen die Gotteskindschaft zuteil geworden ist und die Herrlichkeit und der Bund und die Gesetzgebung und der Gottesdienst und die Verheißung. Ihnen gehören die Väter an, und aus ihnen stammt dem Fleische nach der Messias, der Gott ist, über allem, hochgelobt in Ewigkeit. Amen

 

Nicht jedoch, als ob das Wort Gottes hinfällig geworden wäre. Denn nicht alle, die aus Israel sind, sind Israeliten. Noch sind alle Kinder, welche Nachkommen Abrahams sind, sondern (es heißt): Nach Isaak soll dir die Nachkommenschaft genannt werden (1 Mos 21,12). Das heißt: Nicht jene, die nur der Abstammung nach Kinder sind, zählen zu den Kindern Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen angesehen. Das Wort der Verheißung nämlich lautet so: Um diese Zeit werde ich kommen, und Sara wird einen Sohn haben. 10 Aber nicht nur diese, sondern auch Rebekka, welche von einem, nämlich unserem Stammvater Isaak, empfangen hatte. 11 Ehe sie geboren waren oder etwas Gutes oder Böses getan hatten — damit der Ratschluß Gottes aus freier Wahl bestünde —,12 ward ihr nicht um der Werke willen, sondern nach dem Willen des Berufenden gesagt: Der Ältere wird dem Jüngeren dienen, 13 wie geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, den Esau aber gehaßt (Mal 1,2). 1-11, 36: Von der frohen Heilsgewißheit der Erlösten geht der Apostel, der sein Volk innig liebt, über zur Betrachtung der Verwerfung der Juden. Wie läßt sich ihr Schicksal mit Gottes Treue und Barmherzigkeit vereinen? Der Erörterung dieser schwierigen Frage sind die drei Kapitel 9-11 gewidmet. 6-12: Gott ist seinen Verheißungen nicht untreu geworden, denn sie waren, wie die Geschichte der Patriarchen beweist, von vornherein nicht ausschließlich an die leibliche Abstammung von Abraham geknüpft. 13: Mit bloß menschlichem Auge betrachtet, sieht die Auserwählung und Verwerfung wie Liebe oder Haß aus.

 

Freiheit Gottes in der Gnadenwahl. 14 Was also werden wir sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Nimmermehr! 15 Denn zu Moses sagte er: Ich erbarme mich, wessen ich mich erbarmen will, und erzeige Barmherzigkeit, wem ich Barmherzigkeit erzeigen will. 16 Demnach kommt es nicht auf das Wollen an noch auf das Laufen, sondern auf Gottes Erbarmen. 17 Denn es spricht die Schrift zu Pharao: Eben dazu habe ich dich erweckt, um an dir meine Kraft zu zeigen, damit mein Name auf der ganzen Erde verkündet werde (2 Mos 9,16). 18 Also erbarmt er sich, wessen er will, und verhärtet, wen er will. 19 Du sagst mir nun: Warum tadelt er dann noch? Wer widerstehet seinem Willen? 20 O Mensch, wer bist du, daß du mit Gott rechten willst? Spricht etwa das Gebilde zu seinem Bildner: Warum hast du mich so gemacht? 21 Hat der Töpfer nicht Macht über den Ton, aus derselben Masse ein kostbares Prunkgefäß oder ein minderwertiges Gefäß zu machen? 22 Wenn nun Gott, weil er seinen Zorn zeigen und seine Macht kundtun wollte, die Gefäße des Zornes, die zur Verdammnis bestimmt waren, in großer Geduld ertrug, 23 um den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit zu zeigen, die er zur Herrlichkeit vorbereitet hat, (was wagst du dawider zu sagen)?

 

Das neue Gottesvolk. 24 Zu solchen hat er auch uns berufen, nicht nur aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. 16-24: Es steht nicht bloß bei dem Menschen, die Gnade und Barmherzigkeit Gottes zu erlangen, sondern es steht in erster Linie bei Gott selbst. Nicht unser eigenes Wollen ist Grund unserer Begnadigung; freilich, ohne daß der Mensch will und strebt, begnadigt ihn Gott auch nicht. Wenn nun der Mensch die Gnade nicht will, so kann ihn Gott auch diesem bösen Willen überlassen, oder wie V. 18 dies ausdrückt: den Menschen verhärten. Nie hat ein Mensch das Recht, Gott, seinen Schöpfer, zur Rechenschaft zu ziehen oder sich über ihn zu beklagen. 25 So sagt er auch bei Osee: Ich werde das mein Volk nennen, welches nicht mein Volk ist, und die Nichtgeliebte Geliebte heißen [und Begnadigte, die keine Begnadigte ist] (Os 2,24). 26 Und an der Stätte, wo man zu ihnen sagte: Nicht mein Volk seid ihr, werden sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden (Os 1,10). 27 Isaias ruft über Israel: Wenn auch die Zahl der Kinder Israels dem Sand am Meere gleich wäre, so wird doch nur der Rest gerettet werden. 28 Denn der Herr erfüllt sein Wort und beschleunigt es auf Erden [in der Gerechtigkeit; ja schnell wird der Herr sein Wort ausführen] (Is 10,22). 29 Und wie Isaias vorhergesagt hat: Hätte der Herr der Heerscharen uns nicht einen Samen übriggelassen, so wären wir geworden wie Sodoma, und Gomorrha würden wir gleichen (Is 1,9). 25-29: Die Annahme der Heiden an Kindes Statt nach Verwerfung der halsstarrigen Israeliten, aber auch die Erhaltung eines Restes in Israel hat Gott schon durch die Propheten vorausverkündet.

 

Die Schuld des ungläubigen Israel. 30 Was werden wir nun sagen? Daß die Heiden, die nicht nach der Gerechtigkeit strebten, Gerechtigkeit erlangt haben, aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben. 31 Israel aber, das nach der Gesetzesgerechtigkeit strebte, ist zum Gesetze [der Gerechtigkeit] nicht gelangt. 32 Warum? Weil es nicht durch den Glauben, sondern durch die Werke darnach strebte; sie stießen sich an dem Steine des Anstoßes, 33 wie geschrieben steht: Siehe, ich setze in Sion einen Stein des Anstoßes und einen Felsen des Ärgernisses, und jeder, der auf ihn sein Vertrauen setzt, wird nicht zuschanden werden (Is 8,14; 28,16; 1 Petr 2,6). 30-33: Israel ist selber schuld daran, daß es nicht zum Heil gelangte, weil es nicht demütig den Weg des Glaubens gehen wollte.

 

10 Unglaube und Werkheiligkeit der Juden. Brüder! Ihre Rettung ist der Wunsch meines Herzens und der Gegenstand meines Gebetes für sie. Denn ich gebe ihnen das Zeugnis, daß sie Eifer für Gott haben, aber nicht die rechte Einsicht. Da sie die Gerechtigkeit Gottes nicht erkennen und ihre eigene geltend machen wollen, so unterwerfen sie sich nicht der Gerechtigkeit Gottes. Denn Endziel des Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt. Moses schreibt ja von der Gerechtigkeit, die vom Gesetze kommt: Wer sie übt, der wird in ihr leben (3 Mos 18,5). Die Gerechtigkeit aber, die aus dem Glauben kommt, spricht also: Sage nicht in deinem Herzen: Wer steigt zum Himmel auf? das ist, um Christus herabzuholen (5 Mos 30,12). Oder: Wer wird hinabsteigen in den Abgrund? um nämlich Christus von den Toten heraufzuholen, sondern, was sagt die Schrift? Nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, das Wort des Glaubens nämlich, das wir verkünden (5 Mos 30,14). Wenn du mit deinem Munde den Herrn Jesus bekennst und in deinem Herzen glaubst, daß Gott ihn von den Toten erweckt hat, so wirst du selig werden. 10 Denn mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit, mit dem Munde aber geschieht das Bekenntnis zum Heile. 11 Die Schrift sagt ja: Jeder, der glaubt an ihn, wird nicht zuschanden werden (Is 28,16). 12 Denn es ist kein Unterschied zwischen Juden und Griechen, einer und derselbe ist ja der Herr aller, reich für alle, die ihn anrufen. 13 Ein jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird selig werden (Joel 2,32). 14 Doch wie sollen sie den anrufen, an den sie nicht glauben? Oder wie werden sie an den glauben, von dem sie nicht gehört haben? Wie aber werden sie hören ohne Prediger? 15 Wie kann man aber predigen, wenn man nicht gesandt ist? Steht doch geschrieben: Wie schön sind die Schritte derer, die Frieden verkünden, die frohe Botschaft vom Guten bringen! (Is 52,7). 1-15: An Eifer fehlte es den Juden nicht, aber es war nur blinder Eifer. Der Mensch hat nicht selber zu bestimmen, wie er zu Gott gelangt. In seiner Liebe hat Gott es uns leicht gemacht, ihn zu finden. Er hat Christus zum Mittler bestimmt. Der Glaube an Christus ist die unerläßliche Bedingung des Heils. Mit Wort und Tat muß dieser Glaube bekannt werden.

 

Unentschuldbarkeit der ungläubigen Juden. 16 Aber nicht alle gehorchten der Heilsbotschaft; denn Isaias sagt: Herr, wer glaubte unserer Predigt? (Is 53,1.) 17 Also kommt der Glaube aus dem Hören, das Hören aber durch das Wort Christi. 18 Ich frage nun: Haben sie etwa nicht gehört? Und doch ist über die ganze Erde ihr Schall ergangen und bis an die Grenzen des Erdkreises ihr Wort. 19 Und ich frage: Hat Israel es nicht verstanden? Schon Moses sagt: Zur Eifersucht will ich euch zwingen gegen ein Nichtvolk, gegen ein unverständiges Volk will ich euch zum Zorne reizen (5 Mos 32,21). 20 Ja, Isaias erkühnt sich und sagt: Von denen, die mich nicht suchten, bin ich gefunden worden, und denen, die nach mir nicht fragten, ward ich offenbar. 21 Zu Israel aber spricht er: Den ganzen Tag breite ich meine Hände aus nach einem ungehorsamen und widerspenstigen Volk (Is 65, 1,2). 16-21: Niemand kann sich mit Unkenntnis der Heilsbedingungen entschuldigen. Aber wer nicht hören will, wenn Gott die Wahrheit überall verkünden läßt, darf sich nicht wundern, wenn andere der Gnade teilhaftig werden, die ihm angeboten war.

 

11 Israel ist nicht gänzlich verworfen. Ich frage nun: Hat Gott etwa sein Volk verworfen? Nimmermehr! Denn auch ich bin ein Israelite, ein Nachkomme Abrahams vom Stamme Benjamin. Der Herr hat sein Volk nicht verworfen, das er vorher erkoren hat. Oder wisset ihr nicht, was die Schrift in der Eliasgeschichte sagt, wie er sich bei Gott beklagt gegen Israel? Herr, deine Propheten haben sie getötet, deine Altare verwüstet, ich allein bin übrig, und sie streben mir nach dem Leben (3 Kg 19,18). Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? Ich habe mir übrigbehalten siebentausend Männer, welche ihre Knie nicht gebeugt haben vor Baal. So ist auch in dieser Zeit ein Rest, den die Gnade sich auserwählt hat, vorhanden. Ist es aber Gnade, so geschah es nicht für Werke, sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade. Wie nun? Was Israel anstrebte, das hat es nicht erreicht. Die Auserwählten haben es erreicht, die übrigen aber sind verstockt worden. Wie geschrieben steht: Gott hat ihnen einen Geist der Betäubung gegeben: Augen, damit sie nicht sehen, Ohren, damit sie nicht hören, bis auf den heutigen Tag (Is 6,10). Und David sagt: Ihr Tisch werde ihnen zum Fallstrick, zum Fange, zum Anstoß und zur Vergeltung. 10 Ihre Augen sollen finster werden, daß sie nicht sehen, und den Rücken beuge ihnen allezeit (Ps 69, 23. 24). 1-10: Trotz allem hat der gütige Gott sein Volk nicht ganz verworfen. Paulus selber ist ein Beweis dafür. Die große Masse geht durch eigene Schuld ins Verderben: aber eine kleine Gruppe bleibt treu. Das Geheimnis der Minderheiten in der Verwirklichung der göttlichen Absichten wiederholt sich immer wieder in der Heilsgeschichte der Menschheit.

 

Berufung der Heiden wird Ansporn für Israel. 11 Ich frage nun: Strauchelten sie so, daß sie für immer fielen? Nimmermehr! Durch ihre Sünde ist das Heil zu den Heiden gekommen, um sie eifersüchtig auf diese zu machen. 12 Wenn aber ihre Sünde für die Welt Reichtum bedeutet und ihre Minderung für die Heiden Reichtum, um wie viel mehr ihre Fülle? 13 Euch Heiden aber sage ich: Solange ich Heidenapostel bin, werde ich meinem Amte Ehre machen; 14 vielleicht könnte ich doch meine Volksgenossen zur Nacheiferung anregen und einige aus ihnen retten. 15 Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt bedeutet, was wird ihre Wiederaufnahme anders sein als Leben aus den Toten? 16 Ist die Erstlingsgabe gottgeweiht, so ist es auch die Masse des Opferbrotes; und ist gottgeweiht die Wurzel, so sind es auch die Zweige. 11-16: Gott straft als Vater, schneidet als Arzt. In wunderbarer Wechselwirkung läßt er die Juden fallen und begnadet die Heiden, damit das Glück der Heiden den Juden endlich die Augen öffne und sie nun in heiliger Eifersucht nach den Gütern greifen, die sie ehedem verachteten. 17 Wenn nun einige Zweige abgebrochen sind und du als wilder Ölzweig zwischen ihnen eingepfropft, an der Wurzel und an der Saftfülle des edlen Ölbaums Anteil hast, 18 so erhebe dich nicht über die Zweige. Erhebst du dich aber, so bedenke: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel dich. 19 Du wirst sagen: Die Zweige wurden ausgebrochen, damit ich eingepfropft würde. 20 Wohl! Wegen des Unglaubens sind sie ausgebrochen worden; du aber stehst durch den Glauben. Sei nicht hoffärtig, sondern fürchte! 21 Wenn nämlich Gott der natürlichen Zweige nicht schonte, könnte er auch deiner nicht schonen. 22 Sieh also die Güte und Strenge Gottes; die Strenge gegen Gefallene, die Güte Gottes gegen dich, wenn du im Guten verharrst; sonst wirst auch du ausgehauen werden. 23 Aber auch jene, wenn sie nicht im Unglauben verharren, werden eingepfropft werden. Gott hat die Macht, sie wieder einzupfropfen. 24 Wenn du aus dem Ölbaum, der von Natur aus wild ist, ausgehauen und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft wurdest, um wie viel mehr werden jene, die ihm der Natur nach angehören, in ihrem Ölbaum eingepfropft werden? 17-24: Auserwähltenstolz wäre bei den bekehrten Heiden übel angebracht. Israel bleibt der edle Ölbaum, wenn auch manche Zweige abgebrochen sind. Aus dieser Wurzel wuchs das Christentum. Die Heiden, ehedem Wildlinge; sind aus Gnade dem edlen Baum aufgepfropft worden. „Gegen die Natur“ geschah das (24), da sonst ein edler Zweig auf einen wilden Stamm aufgepfropft wird. Darum ziemt dem Heidenchristen demütige Dankbarkeit für das Wunder der Erwählung.

 

Schließliche Bekehrung Israels. 25 Ich will euch, Brüder, nicht im unklaren lassen über folgendes Geheimnis, damit ihr euch nicht für weise haltet: Die Verstocktheit eines Teils der Israeliten dauert so lange, bis die Vollzahl der Heiden eingetreten ist. 26 Alsdann wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Aus Sion wird der Retter kommen, der die Gottlosigkeit abwendet von Jakob. 27 Dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde (Is 59,20). 28 Hinsichtlich der Heilsbotschaft sind sie zwar Feinde, um euretwillen, aber hinsichtlich der Erwählung sind sie Lieblinge um der Väter willen. 29 Denn Gottes Gaben und Berufung sind unwiderruflich. 30 So wie einstmals auch ihr Gott nicht gehorcht habt, jetzt aber Barmherzigkeit erlangt habt um ihres Unglaubens willen, 31 so haben auch diese jetzt nicht gehorcht zu eurer Begnadigung, damit auch sie Barmherzigkeit erlangen; 32 Gott hat alle zusammen in den Ungehorsam fallen lassen, damit er aller sich erbarme. 25-32: Einst wird auch für Israel die Gnadenstunde schlagen. Die Kirche betet am Karfreitag in ergreifenden Worten, daß sie bald schlagen möge.

 

33 O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes; wie unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unerforschlich seine Wege! 34 Wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? 35 Oder wer hat ihm zuerst etwas geschenkt, daß ihm vergolten würde? 36 Denn aus ihm und durch ihn und für ihn ist alles; ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen 33-36: Das alles ist so wunderbar, daß der Apostel tiefbewegt einen Hymnus auf die göttliche Vorsehung anstimmt.

 

Mahnung zu gottgefälligem Leben

 

Mahnungen allgemeiner Art

12 Demut. So ermahne ich euch denn, Brüder, bei dem Erbarmen Gottes, daß ihr euren Leib darbringt als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, als euren geistigen Gottesdienst. Und machet euch nicht dieser Welt gleichförmig, sondern wandelt euch um durch Erneuerung eures Sinnes, daß ihr prüfet, was der Wille Gottes, was gut, wohlgefällig und vollkommen sei. 2: Zwischen Christentum und Weltgeist besteht allzeit ein unversöhnlicher Gegensatz. Wer es mit der Welt nicht verderben will, wird sicher Christus untreu werden. Vgl. Jo 15,18-21. Vermöge der mir verliehenen Gnade mahne ich euch alle, nicht höher zu denken, als sich geziemt, sondern bescheiden von sich zu denken, so wie einem jeden Gott das Maß des Glaubens zugeteilt hat. Denn gleichwie wir an einem Leibe viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Verrichtung haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, einzeln aber untereinander Glieder. Wir haben aber Gaben, die nach der uns verliehenen Gnade verschieden sind. Ist es die Gabe der Prophetie, übt sie aus in Übereinstimmung mit dem Glauben. Oder jemand hat ein Kirchenamt, der sei tätig in dem Amte, wer ein Lehramt hat, der sei tätig in der Belehrung. Wer die Gabe des Ermahnens hat, der sei tätig in der Ermahnung; wer gibt, der gebe in Einfalt, wer Vorsteher ist, tue es mit Sorgfalt; wer Barmherzigkeit übt, tue es in Freudigkeit. 4-8: Hier denkt Paulus vor allem an Laienapostel.

 

Bruderliebe. Die Liebe sei ungeheuchelt, hasset das Böse und haltet fest am Guten! 10 Liebet einander herzlich mit brüderlicher Liebe, kommt mit Achtung einander zuvor. 11 Seid nicht träge im Eifer, seid im Geiste glühend und dient dem Herrn. 12 Seid freudig in der Hoffnung, in der Trübsal geduldig, anhaltend im Gebet. 13 Den Heiligen kommet zu Hilfe in ihren Nöten, befleißigt euch der Gastfreundschaft. 14 Segnet, die euch verfolgen; segnet und verfluchet nicht (Mt 5,44). 15 Freuet euch mit den Fröhlichen, weinet mit den Weinenden. 16 Habet einerlei Gesinnung untereinander, trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern lasset euch herab zum Niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.

 

Friedfertigkeit. 17 Niemandem vergeltet Böses mit Bösem; seid auf das Gute bedacht [nicht nur vor Gott, sondern auch] vor allen Menschen. 18 Habet womöglich, soviel an euch liegt, Frieden mit allen Menschen. 19 Rächet euch nicht selbst, Geliebteste, sondern laßt dem Zorngerichte Gottes Raum; denn es steht geschrieben: Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr (5 Mos 32,35). 20 Vielmehr, wenn dein Feind Hunger hat, so speise ihn, wenn ihn dürstet, so tränke ihn; denn tust du dieses, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. 20: Dem Eindruck steter und selbstloser Liebe sich auf die Dauer zu entziehen, ist so schwer, wie wenn einer glühende Kohlen auf dem Haupte trüge. 21 Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute! 9-21: Fast jeder Satz enthält ein Lebensprogramm. Alles aber ist getragen von echt christlicher Liebe.

 

Pflichten gegen die Obrigkeit

13 Jedermann unterwerfe sich der obrigkeitlichen Gewalt; denn es gibt keine Gewalt außer von Gott, die bestehenden Gewalten aber sind von Gott angeordnet. Wer also sich der Gewalt widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes; die sich aber dieser widersetzen, ziehen sich selbst ihr Strafgericht zu. Die Obrigkeiten sind nicht ein Schrecken für die gute Tat, sondern für die böse. Willst du aber, daß die Obrigkeit für dich nicht zum Schrecken sei, so tue das Gute, und du wirst Lob haben von ihr. Denn Gottes Dienerin ist sie, dir zum Guten; tust du aber das Böse, so fürchte sie; nicht umsonst trägt sie das Schwert; sie ist ja Gottes Dienerin, Rächerin zur Bestrafung für den, der das Böse tut. Darum muß man ihr untertan sein, nicht nur um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Aus diesem Grunde entrichtet ihr auch Abgaben; denn Diener Gottes sind jene, die gerade diesem Amte obliegen. Gebet also jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, wem Steuer, Zoll, wem Zoll, Ehrfurcht, wem Ehrfurcht, Ehre, wem Ehre gebührt. 1-7: Es verdient Beachtung, daß Paulus diese Mahnungen niederschrieb, als Nero Kaiser des römischen Weltreiches war.

 

Liebe, Erfüllung des Gesetzes. Bleibt niemand etwas schuldig, außer, daß ihr einander liebet; denn wer den Nächsten liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; [du sollst kein falsches Zeugnis geben;] du sollst nicht begehren, und jedes andere Gebot ist enthalten in dieser Vorschrift: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses an. Erfüllung des Gesetzes also ist die Liebe.

 

Wandel im Licht. 11 Und dies sollt ihr tun, weil ihr die Zeit versteht; die Stunde ist ja da, wo ihr vom Schlafe euch erheben sollt. Denn jetzt ist unser Heil näher, als da wir gläubig wurden. 12 Die Nacht ist vorgeschritten, und der Tag hat sich genaht. Laßt uns also ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes. 13 Wie am Tage laßt uns ehrbar wandeln, nicht in Schmausereien und Trinkgelagen, nicht in Ausschweifung und Unzucht, nicht in Streit und Eifersucht. 14 Ziehet vielmehr den Herrn Jesus Christus an und pfleget den Leib nicht so, daß dessen Begierden geweckt werden. 11-14: Auch wer das alles treu befolgt, kann es erleben, daß ihn die Feinde des Lichtes Christi zu den Finsterlingen und Dunkelmännern zählen, sich selber aber für „aufgeklärt“ halten.

 

Pflichten gegenüber den Schwachen

14 Ermahnung zur Geduld mit den Schwachen. Des Schwachen im Glauben nehmt euch an, ohne euch über Meinungen zu zanken. Der eine glaubt, alles essen zu dürfen; wer aber schwach ist, der ißt Gemüse. Wer ißt, verachte nicht den, der nicht ißt, und wer nicht ißt, soll den, der ißt, nicht verurteilen; denn Gott hat ihn angenommen. Wer bist du, der du einen fremden Knecht richtest? Seinem Herrn steht oder fällt er; er wird aber stehen, denn der Herr hat die Macht, ihn aufrecht zu halten. Der eine macht einen Unterschied zwischen den Tagen, der andere beurteilt jeden Tag gleich, jeder soll nach seiner festen Überzeugung handeln. Wer den Tag beobachtet, beobachet ihn für den Herrn; wer ißt, der ißt um des Herrn willen; denn er dankt Gott; und wer nicht ißt, der ißt nicht um des Herrn willen und dankt Gott. Niemand von uns lebt ja für sich selbst, und niemand stirbt für sich selbst. Leben wir, so leben wir für den Herrn, sterben wir, so sterben wir für den Herrn. Ob wir also leben oder sterben: wir gehören dem Herrn. Dazu nämlich ist Christus gestorben und ins Leben zurückgekehrt, damit er über die Toten und Lebendigen herrsche. 10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder was verachtest du deinen Bruder? Wir alle werden stehen vor dem Richterstuhle Christi. 11 Es steht ja geschrieben: So wahr ich lebe, spricht der Herr, vor mir werden sich alle Knie beugen, und jede Zunge wird Gott bekennen (Is 45,23. 24). 12 Demnach wird ier von uns Gott über sich Rechenschaft geben. 13 Darum wollen wir nicht mehr uns gegenseitig richten, sondern das sei vielmehr euer Gedanke, daß ihr keinem Bruder Anstoß oder Ärgernis gebet. 14 Ich weiß es und bin überzeugt im Herrn Jesus, daß nichts an sich unrein ist; nur dem, welcher es für unrein hält, ist es unrein. 15 Wenn aber dein Bruder wegen einer Speise betrübt wird, so wandelst du nicht mehr nach der Liebe. Richte nicht durch eine Speise jenen zugrunde, für welchen Christus gestorben ist. 16 Laßt also euer Gut nicht zum Gespött werden. 17 Denn das Reich Gottes ist nicht Speise und Trank, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geiste. 18 Wer in diesen Dingen Christus dient, ist Gott wohlgefällig und vor den Menschen erprobt. 19 So wollen wir nach dem streben, was den Frieden fördert, und was der Erbauung dient, [das laßt uns untereinander beobachten]. 20 Zerstöre nicht um einer Speise willen das Werk Gottes. Alles ist, rein; aber wer durch sein Essen Ärgernis gibt, für den ist es Sünde. 21 Es ist gut, kein Fleisch zu essen, keinen Wein zu trinken, noch etwas [zu tun], woran dein Bruder sich stößt [oder sich ärgert oder schwach wird]. 22 Hast du eine Überzeugung, so habe sie für dich vor Gott; selig, wer sich selbst nicht zu verdammen hat in dem, was er für recht hält. 23 Wer aber beim Essen zweifelt, der ist verurteilt, wenn er ißt, weil er nicht aus Überzeugung handelt. Alles aber, was nicht aus Überzeugung geschieht, ist Sünde. 1-23: Es gab manche Christen, namentlich Judenchristen, die sich abmühen, manche Äußerlichkeiten streng zu beobachten. Sie hielten gewisse jüdische Feiertage, enthielten sich des Genusses von Fleisch und Wein. Sie fürchteten nämlich, Fleisch oder Wein zu erhalten, die vorher den Götzen geopfert worden waren. Solche Christen werden von Paulus hier kurz „die Schwachen“ genannt. Ihre Religion bewegt sich allzusehr in den Randgebieten, Von der Freiheit der Kinder Gottes sind sie noch weit entfernt. Sehr geschickt weiß der Apostel, Licht und Schatten zu verteilen, so daß weder die „Schwachen“ noch die „Starken“ sich verletzt fühlen können.

 

Neue Ermahnungen

15 Eintracht und Duldsamkeit. Wir Starken müssen die Gebrechen der Schwachen tragen und nicht uns selbst gefallen. Ein jeder von uns sei gefällig gegen seinen Nächsten zum Guten, zur Erbauung. Auch der Messias hat nicht sich selbst zu Gefallen gelebt, sondern wie geschrieben steht: Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen (Ps 69,10) 1 ff.: Ein Christ soll sich nach dem Vorbild Christi nie auf den kalten Rechtsstandpunkt stellen und alle Überheblichkeit meiden.. Denn alles, was ehedem geschrieben worden, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch die Geduld und den Trost aus der Schrift die Hoffnung haben. 4: In der Bibel spricht Gott selber zu uns und gibt unserer Hoffnung eine unerschütterliche Grundlage. Wenn alle von Menschen geschriebenen Bücher uns nichts mehr zu sagen hätten, am Gotteswort vermag sich unsere Seele immer wieder aufzurichten. Der Gott der Geduld und des Trostes aber verleihe euch, einer Gesinnung zu sein untereinander, nach dem Vorbild Christi Jesu, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, verherrlichet. Darum nehme einer sich des andern an, so wie auch der Messias sich eurer angenommen hat zur Ehre Gottes. Ich sage nämlich: Christus Jesus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen an die Väter zu bestätigen. Die Heiden aber verherrlichen Gott um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: Darum will ich dich preisen, [o Herr,] unter den Völkern und deinem Namen Lob singen (Ps 18,50). 10 Und wiederum heißt es: Freuet euch, ihr Heidenvölker, mit seinem Volke (5 Mos 32,43). 11 Und weiter: Lobt den Herrn, ihr Völker alle, erhebt ihn, ihr Nationen alle (Ps 117,1). 12 Und wiederum spricht Isaias: Es wird kommen die Wurzel Jesse, und zwar er, der sich erhebt als Herrscher über die Völker; auf ihn werden die Völker hoffen (Is 11,10). 13 Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit jeglicher Freude und mit Frieden durch den Glauben, damit ihr überreich seiet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes.

 

Schluß des Briefes

Rückblick. 14 Ich bin selber meinerseits überzeugt von euch, meine Brüder, daß auch ihr voll Liebe und reich an aller Erkenntnis seid, fähig, einander zu ermahnen. 15 Ich habe euch zum Teil etwas freimütig geschrieben, jedoch in der Absicht, eure Erinnerung aufzufrischen, und zwar auf Grund der Gnade, die mir von Gott verliehen worden. 16 Ich soll Diener Christi Jesu sein bei den Heiden und den heiligen Dienst an der Frohbotschaft Gottes verrichten, damit die Opfergabe der Heiden wohlgefällig sei, geheiligt im Heiligen Geiste. 17 Und so kann ich mich rühmen in Christus Jesus, was Gott betrifft. 18 Denn ich erkühne mich nicht, von etwas zu reden, was nicht Christus durch mich gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu führen durch Wort und Tat, 19 durch die Kraft der Zeichen und Wunder, durch die Kraft des Heiligen Geistes. So habe ich von Jerusalem an ringsum bis nach Illyrien die Verkündigung der Frohbotschaft vom Messias vollends ausgerichtet. 20 Dabei habe ich es aber als Ehrensache betrachtet, die Heilsbotschaft nicht dort zu verkünden, wo Christus schon bekannt war, um nicht auf fremdem Grunde zu bauen, 21 sondern wie geschrieben steht: Denen keine Kunde ward von ihm, die werden sehen, und die nicht hören, werden verstehen (Is 52,15).

 

Reisepläne. 22 Darum bin ich auch oft verhindert worden, zu euch zu kommen [und bin es noch immer]. 23 Da ich aber jetzt in diesen Gegenden ein Feld der Tätigkeit nicht mehr habe und schon seit vielen Jahren mich danach sehne, zu euch zu kommen, 24 so hoffe ich, wenn ich nach Spanien reise, auf der Durchreise euch zu sehen und von euch dorthin das Geleit zu empfangen, wenn ich vorher die Freude des Zusammenseins mit euch einigermaßen genossen habe. 9-24: Paulus hielt es nicht lange in der Etappe aus. In vorderster Front wollte er stets neue Eroberungen für seinen himmlischen König machen. 25 Jetzt aber reise ich nach Jerusalem, um den Heiligen zu Hilfe zu kommen. 26 Denn Mazedonien und Achaja haben beschlossen, eine Beisteuer zusammenzubringen für die Armen unter den Heiligen zu Jerusalem. 26: Vgl. 1 Kor 16,1-4, 2 Kor 8,1-9, 15. 27 Sie fanden es so für gut; sie sind aber auch deren Schuldner; denn wenn die Heiden Anteil erhalten haben an ihren geistigen Gütern, so sind sie schuldig, ihnen mit den irdischen beizustehen. 28 Wenn ich also dies vollbracht und jenen diesen Ertrag auf Heller und Pfennig eingehändigt habe, so will ich bei euch durch nach Spanien reisen. 29 Ich weiß aber, daß, wenn ich zu euch komme, ich mit der Fülle des Segens Christi kommen werde.

 

30 Darum bitte ich euch, Brüder, bei unserem Herrn Jesus Christus und bei der Liebe des Heiligen Geistes, helfet mir kämpfen durch eure Fürbitte für mich bei Gott, 31 damit ich vor den Ungläubigen, die in Judäa sind, errettet werde und die Heiligen in Jerusalem der überbrachten Gabe sich freuen können. 30-31: Gebetsgemeinschaft ist die beste Kampfgemeinschaft für die Sache Christi. 32 Dann werde ich in Freude zu euch kommen, so Gott will, und mit euch mich erquicken. 33 Der Gott des Friedens aber sei mit euch allen. Amen.

 

16 Empfehlung und Grüße. Ich empfehle euch Phöbe, unsere Schwester, die im Dienste bei der Gemeinde zu Kenchreä ist, nehmet sie auf im Herrn, würdig der Heiligen, und stehet ihr bei in jedem Anliegen, worin sie euer bedarf; denn auch sie ist vielen zur Schützerin geworden, auch mir selber. 1: Phöbe hat noch den Titel „Diakon“. Sie ist amtliche Seelsorgshelferin in der Hafenstadt Kenchreä. Später erst wurde die weibliche Form des Titel. „Diakonisse“ geprägt. Grüßet Priska und Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus, die für mein Leben ihren Hals gewagt haben, denen nicht bloß ich Dank schulde, sondern auch alle Gemeinden der Heiden. Grüßet die Gemeinde, die in ihrem Hause ist. Grüßet meinen lieben Epänetus, welcher der Erstling Asiens für Christus ist. Grüßet Maria, die sich viel bemüht hat um euch. Grüßet Andronikus und Junias, meine Verwandten und Mitgefangenen, die unter den Aposteln angesehen sind, die auch vor mir in (Gemeinschaft mit) Christus waren. Grüßet den Ampliatus, meinen Geliebten im Herrn. Grüßet den Urbanus, unsern Gehilfen in Christus, und Stachys, meinen Geliebten. 10 Grüßet Apelles, den Bewährten in Christus. Grüßet die Hausgenossen des Aristobulus, 11 grüßet Herodion, meinen Verwandten; grüßet die Hausgenossen des Narzissus, die im Herrn sind. 12 Grüßet Tryphäna und Tryphosa, die sich bemühen im Herrn; grüßet Persis, die Teuerste, die viel im Herrn gearbeitet hat. 13 Grüßet Rufus, den Auserwählten im Herrn, und seine Mutter, die auch die meine ist. 14 Grüßet Asynkritus, Phlegon, Hermes, Patrobas, Hermas und die Brüder bei ihnen. 15 Grüßet Philologus und Julia, Nereus und seine Schwester Olympas und alle Heiligen, die bei ihnen sind. 15: Dieser Gruß offenbart die Gemütstiefe des Völkerapostels. 16 Grüßet euch untereinander mit heiligem Kusse. Es grüßen euch alle Gemeinden Christi. 1-16: Diese Grußliste ist ein herrliches Zeugnis für die enge Verbundenheit der jungen Christengemeinden in Ost und West und für die Bedeutung des Laienapostolates.

 

Warnung vor Irrlehrern. 17 Ich ermahne euch aber, Brüder, daß ihr auf der Hut seiet vor denen, welche die Spaltungen und Ärgernisse verursachen im Widerspruch zu der Lehre, die ihr gelernt habt; geht ihnen aus dem Wege. 18 Denn derlei Leute dienen nicht Christus, unserem Herrn, sondern ihrem Bauch, und mit süßen Reden und Schmeicheleien verführen sie die Herzen der Arglosen. 19 Euer Gehorsam ist allerorten bekannt; darum freue ich mich über euch. Ich wünsche aber, daß ihr weise seiet im Guten, aber arglos, wo es um Böses geht. 20 Der Gott des Friedens aber wird in Bälde den Satan unter euren Füßen zertreten. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch!

 

21 Es grüßt euch Timotheus, mein Mitarbeiter, und Luzius und Jason und Sosipatros, meine Verwandten. 22 Ich, Tertius, der diesen Brief geschrieben hat, grüße euch im Herrn. 22: Paulus hat dem Tertius den Brief diktiert. 23 Es grüßt euch Gajus, mein und der ganzen Gemeinde Hauswirt. Es grüßt euch Erastus, der Schatzmeister der Stadt, und der Bruder Quartus. 24 [Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen! Amen.]

 

Lobpreis Gottes. 25 Dem aber, der mächtig ist, euch zu stärken nach meiner Heilsverkündigung und der Predigt über Jesus Christus gemäß der Offenbarung des Geheimnisses, das seit ewigen Zeiten verborgen gehalten war, 26 jetzt aber geoffenbart und durch Schriften der Propheten auf Anordnung des ewigen Gottes allen Völkern verkündet worden, um sie zum Glaubensgehorsam zu führen, 27 dem allein weisen Gott, ihm sei Ehre [und Herrlichkeit] durch Jesus Christus von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 

Der erste Brief an die Korinther

Einleitung

Paulus war in erster Linie Großstadtmissionar. Auf seiner zweiten großen Missionsreise (von 50-52) weilte er anderthalb Jahre in Korinth, der Hauptstadt Achajas, und gründete in dieser bedeutenden Handels- und Industriestadt eine blühende Christengemeinde. Über keine urchristliche Einzelgemeinde sind wir so gut unterrichtet wie über diese. Bald nach dem Weggang des Apostels bildeten sich in der Gemeinde mehrere Parteien und drohten, die Einheit zu sprengen. In Ephesus erhielt Paulus nähere Nachrichten darüber. Zudem sahen sich die Leiter der korinthischen Kirche genötigt, dem Apostel eine Reihe schriftlicher Fragen zur Entscheidung und Auskunft vorzulegen. Das gab den Anlaß zur Abfassung unseres Briefes, nachdem ein anderer, nicht erhaltener Paulusbrief an die Korinther vorausgegangen war. Die Niederschrift erfolgte um Ostern 57.

 

Der erste Hauptteil ist der Abstellung der eingerissenen Mißstände gewidmet (1,10-6,20), der zweite gibt Antwort auf den korinthischen Fragebogen (7,1-15,58). Geschäftliche Anliegen, persönliche Nachrichten und Grüße bilden den Schluß.

 

Liegt die besondere Bedeutung des Römerbriefes in seinem dogmatischen Tiefgehalt, so ist der erste Korintherbrief eine unersetzliche Urkunde über das urkirchliche Gemeindeleben und die Arbeitsweise des größten Seelsorgers aller Zeiten. Das Werden und Wachsen, die Gefährdung und Rettung einer jungen christlichen Gemeinschaft mitten in einer sittlich verkommenen Großstadt wird daraus ebenso ersichtlich wie das Sorgen und Ringen, Belehren und Mahnen des Völkerapostels gegenüber seinen geistlichen Kindern. Alles in dem Brief atmet Lebensnähe und Wirklichkeitssinn.

 

Paulus, durch Gottes Willen zum Apostel Jesu Christi berufen, und Sosthenes der Mitbruder, grüßen die Kirche Gottes zu Korinth, die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen im Verein mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen an jeglichem Orte, dem ihrigen wie dem unseren. Gnade wünsche ich euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

 

Eingang. Ich sage meinem Gott allezeit Dank euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt ist. Denn ihr seid durch ihn in allen Stücken reich geworden in aller Lehre und aller Erkenntnis. Ebenso ist das Zeugnis vom Messias in euch befestigt worden. So mangelt es euch, die ihr die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus sehnsüchtig erwartet, an keiner Gnadengabe. Er wird euch auch befestigen bis ans Ende, auf daß ihr am Tage der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus untadelig seid. Getreu ist Gott, durch den ihr zur Gemeinschaft seines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, berufen seid. 9: Von Gott zur Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus berufen zu sein, ist der Sinn unseres religiösen Lebens und die größte aller Gnaden

 

Mißstände in der Gemeinde

Das Parteiwesen

Torheit des Parteiwesens. 10 Um des Namens unseres Herrn Jesus Christus willen ermahne ich euch, Brüder: Seid alle einmütig im Bekenntnisse und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr vollkommen eines Sinnes und einer Meinung. 10 ff.: Die Einheit und Einigkeit der Gemeinde ist dem Apostel so wichtig, daß er den vierten Teil des Briefes der Abstellung des Parteihaders widmet. Er kennzeichnet zuerst den Tatbestand und den Widersinn der Parteiungen 1,10-17. Dann deckt er die tieferen Gründe der Parteisucht auf: 1,18-4,21. Die Korinther verkennen den wesenhaften Unterschied zwischen dem Gotteswort und der Weltweisheit: 1,18-31. Der Apostel aber hat bewußt auf Weltweisheit verzichtet: 2,1-5. Den Reifen verkündet er die aus Gott stammende wahre Weisheit: 2,6-16. Die Korinther aber verraten geistige Unreife: 3,1-17, Ihr Stolz ist Selbsttäuschung und Unrecht gegen die schwergeprüften Apostel: 3,18-4, 13. Dennoch bleibt Paulus noch beim Tadeln ihr Vater: 4,14-21. 11 Es ist mir nämlich über euch, meine Brüder, von den Angehörigen der Chloë berichtet worden, daß Streitigkeiten unter euch sind. 12 Ich meine das, daß bei euch der eine sagt: Ich bin Anhänger des Paulus, ein anderer: Ich bin Anhänger des Apollos, der dritte: Und ich des Kephas [Petrus], ein vierter: Ich bin Anhänger Christi. 13 Ist denn Christus geteilt? Ist etwa Paulus für euch gekreuzigt worden? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft? 14 Ich danke Gott, daß ich niemand von euch getauft habe als den Krispus und den Gajus. 15 So kann niemand sagen, ihr seiet auf meinen Namen getauft. 16 Doch ja, des Stephanas Haus habe ich getauft, sonst wüßte ich nicht, daß ich noch jemand getauft hätte. 17 Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern die Heilsbotschaft zu verkünden, doch nicht mit Menschenweisheit, damit das Kreuz Christi nicht seiner Kraft beraubt werde. 17: Die Gültigkeit und Wirksamkeit der Taufe hängt nicht von der Würde des Spenders ab. Es kommt aber sehr viel darauf an, wer uns im Glauben unterrichtet und wie es geschieht.

 

Die Weisheit der Gerechtfertigten. 18 Denn die Lehre vom Kreuze ist denen, die verlorengehen, Torheit, uns aber, die selig werden, ist sie Gottes Kraft. 19 Es steht ja geschrieben: Vernichten will ich die Weisheit der Weisen, die Klugheit der Klugen zuschanden machen (Is 29,14). 20 Oder wo ist ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortfechter dieser Welt? (Is 33,18). Hat Gott nicht die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht? 21 Weil die Welt mit ihrer Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, hat es Gott gefallen, durch die Torheit der Predigt diejenigen selig zu machen, welche glauben. 22 Die Juden fordern Wunderzeichen, und die Griechen suchen Weisheit, 23 wir aber verkünden Christus, den Gekreuzigten, der den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit ist. 24 Denen aber, die berufen sind, den Juden sowohl als den Heiden, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25 Denn das Törichte, das von Gott kommt, ist weiser als die Menschen, und das Schwache, das von Gott kommt, ist stärker als die Menschen. 26 Seht nur auf eure Berufung, Brüder! Es sind nicht viele Gebildete im Sinne der Welt, nicht viele Einflußreiche, nicht viele aus vornehmen Familien, 27 sondern, was die Welt töricht nennt, das hat Gott auserwählt, um die Gebildeten zu beschämen; was die Welt schwach nennt, das hat Gott sich erwählt, um das Starke zu schanden zu machen. 28 Was die Welt für niedrig hält, was sie verachtet, ja, was keine „Existenz“ hat, das hat Gott sich erwählt, um das, was etwas ist, zunichte zu machen, 29 damit kein Sterblicher sich vor Gott rühme. 30 Aus ihm aber seid ihr in Christus Jesus, welcher uns zur Weisheit von Gott geworden ist, zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. So hat sich das Schriftwort bestätigt: 31 Wer sich rühmt, der rühme sich im Herrn (Jer 9, 23. 24). 26-31: Diese Sätze beweisen nicht, daß das Christentum aus einer Proletarierbewegung entstanden sei; denn es gab, wenn auch „nicht viele“, so doch in hinreichender Zahl auch Christen aus den höheren Kreisen von Anfang an in der Kirche. Gott wollte aber zeigen, daß sein Reich auf Erden nicht Menschenwerk sei, nicht mit natürlichen Machtmitteln und kluger Berechnung errichtet, sondern Schöpfung der Gnade.

 

2 Die Predigt des Apostels ist frei von Weltweisheit. Auch ich bin, als ich zu euch kam, Brüder, nicht aufgetreten mit erhabener Beredsamkeit und hoher Weisheit, um euch das Zeugnis Gottes zu verkünden. Denn ich hatte mir vorgenommen, nichts unter euch zu wissen als allein Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten. Ich trat mit Schwachheit und Furcht und großer Zaghaftigkeit bei euch auf. Mein Reden und Predigen bestand nicht in weiser menschlicher Überredungskunst, sondern im Beweis von Geist und Kraft; euer Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft gründen. 1-5: Paulus war keine äußerlich imponierende Erscheinung. Der vorausgegangene Mißerfolg in Athen hatte ihn noch zaghafter gemacht. Wahre Weisheit reden wir wohl auch unter den Vollkommenen, nicht jedoch Weisheit dieser Welt noch der Fürsten dieser Welt, die abgetan werden. Wir reden vielmehr Gottes Weisheit, die geheimnisvolle, verborgene, die Gott vor Beginn der Welt zu unserer Verherrlichung vorherbestimmt hat. Diese Weisheit hat keiner der Fürsten dieser Welt erkannt, denn hätten sie dieselbe erkannt, nie hätten sie den Herrn der Herrlichkeit gekreuzigt. Vielmehr gilt davon das Schriftwort: Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, Gott hat es denen bereitet, die ihn lieben (Is 64,4). 10 Uns aber hat Gott eben das geoffenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen der Gottheit. 11 Denn welcher Mensch kennt das Wesen des Menschen, außer dem Geist des Menschen selbst, der in ihm ist? So erkennt auch keiner das Wesen Gottes als nur der Geist Gottes. 12 Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir erkennen, was uns Gott geschenkt hat. 13 Dies reden wir auch nicht in Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern in Worten, wie der Geist sie lehrt, indem wir das Geistesgut in Geistesworte kleiden. 14 Der sinnliche Mensch faßt nicht, was des Geistes Gottes ist. Ja, als Torheit erscheint es ihm; er vermag es nicht zu verstehen, weil es geistig beurteilt werden muß. 14: Der Erfolg der Glaubensverkündigung hängt nicht nur vom Prediger sondern auch von der Geistesverfassung des Hörers ab. Wenn uns „der Sinn Christi“ abgeht, werden wir nie den Standpunkt wahrhaft religiöser Menschen verstehen. 15 Der Geistige aber beurteilt alles, doch er selbst wird von niemanden beurteilt. 16 Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, daß er ihn belehren könnte? (Is 40,13.) Wir aber haben den Sinn Christi.

 

3 Nochmaliges Eingehen auf die Parteistreitigkeiten. Auch ich, Brüder, konnte zu euch nicht reden wie zu Geistigen, sondern nur wie zu Fleischlichen, wie zu Unmündigen in Christus. Milch gab ich euch zu trinken, nicht feste Speise, denn die vermochtet ihr noch nicht zu vertragen, ja, ihr vermögt es auch jetzt noch nicht; denn noch seid ihr im irdischen Denken ganz befangen. Denn solange Eifersucht und Zwietracht bei euch herrschen, seid ihr da nicht fleischlich? Wandelt ihr da nicht nach recht menschlicher Weise? Denn wenn einer sagt: Ich bin Anhänger des Paulus, der andere aber: Ich des Apollos — seid ihr da nicht (allzusehr) Menschen? 1-4: Die übertriebenen Ansprüche an die äußere Form der Predigt stehen bei den Korinthern in auffallendem Gegensatz zur eigenen religiösen Unkenntnis. Oberflächenmenschen finden am meisten Anlaß zum Nörgeln am Tun und Lassen der kirchlichen Behörde. Was ist denn Apollos? Und was ist Paulus? Nur Diener sind sie, durch die ihr zum Glauben gelangt seid, und zwar ein jeder, wie es der Herr ihm verliehen hat. Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, aber Gott hat das Gedeihen gegeben. Daher ist weder der etwas, welcher pflanzt, noch der, welcher begießt, sondern der das Gedeihen gibt: Gott. Der da pflanzt und der begießt, sind eines, ein jeder aber wird seinen besonderen Lohn empfangen nach seiner besonderen Anstrengung.

 

Apostel und Gemeinde. Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, seid Gottes Bau. 10 Nach der mir von Gott verliehenen Gnade habe ich wie ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Doch sehe ein jeder, wie er darauf weiterbaue. 11 Denn einen andern Grund kann niemand legen als den, welcher gelegt ist, nämlich Jesus Christus. 11: Das gilt für die religiöse Entwicklung aller Zeiten. 12 Ob aber jemand auf diesem Grunde Gold, Silber, Edelsteine oder Holz, Heu, Stoppeln aufbaut — 13 das wird sich bei dem Werke eines jeden herausstellen; der Tag des Herrn wird es kundmachen, weil er sich im Feuer offenbaren wird. Wie das Werk eines jeden ist, wird das Feuer erproben. 14 Besteht das Werk, das er gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. 15 Verbrennt sein Werk, so wird er Schaden leiden. Zwar wird er selbst selig werden, jedoch so wie durch Feuer. 16 Wißt ihr nicht, daß ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt? 17 Wer nun den Tempel Gottes vernichtet, den wird Gott vernichten; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr.

 

Warnung vor weltlicher Weisheit. 18 Keiner täusche sich selbst. Wenn jemand unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, so werde er ein Tor, damit er weise werde. 19 Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. Es steht nämlich geschrieben: Er fängt die Weisen in ihrer Schlauheit (Job 5,13). 20 Und wiederum: Der Herr kennt die Gedanken der Weisen in ihrer Nichtigkeit (Ps 94,11). 21 Darum rühme sich niemand der Menschen. Denn alles ist euer: 22 Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben und Tod, Gegenwart und Zukunft — alles ist euer. 23 Ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes. 20-23: Wer als Christ sich von Minderwertigkeitsgefühlen beherrschen läßt, beweist, daß er gar nicht weiß, wie recht er ist in seiner Zugehörigkeit zu Christus.

 

4 Die wahren christlichen Lehrer. So halte man uns für Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes. Von Verwaltern fordert man nun, daß sie treu befunden werden. Mir liegt gar wenig daran, daß ich von euch gerichtet werde oder überhaupt von einem menschlichen Gerichte. Doch auch nicht einmal über mich selbst fälle ich ein Urteil. Ich bin mir zwar nichts bewußt, doch deswegen bin ich noch nicht gerechtfertigt; der mich richtet, ist der Herr. So richtet denn nicht vor der Zeit, bis daß der Herr kommt. Er wird auch das im Finstern Verborgene an das Licht bringen und die Gesinnungen der Herzen offenbar machen. Dann wird jeder von Gott sein Lob erhalten. 1-5: Der Glaubensbote steht im Dienste Christi. Gottes Geheimnisse sind ihm zu treuen Händen anvertraut. Er darf also nie seine eigenen Ideen statt des göttlichen Wortes verkünden. Nur seinem göttlichen Herrn schuldet er Rechenschaft.

 

Hinweis auf die Demut. Dies aber, Brüder, habe ich auf mich selbst und auf Apollos angewendet um euretwillen. Lernet so an uns die Regel: Nicht über das hinaus, was geschrieben steht, damit keiner sich aufblähe auf Kosten des einen zugunsten des andern. 6: Die echten und darum einfachen Wahrheiten der Heiligen Schrift bieten uns bessere Gewähr als dieser oder jener vielgenannte Lehrer oder Modeschriftsteller. Wer gibt dir denn einen Vorzug? Was hast du denn, das du nicht empfangen hättest? Hast du es aber empfangen, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen? Schon gesättigt seid ihr! Schon reich geworden seid ihr! Ihr seid ohne uns zur Herrschaft gelangt! Ja, wäret ihr nur zur Herrschaft gelangt! Dann könnten wir auch mit euch herrschen. Wie mir scheint, hat Gott uns Apostel in die letzte Reihe gestellt, wie zum Tod Verurteilte. Denn ein Schauspiel sind wir der Welt geworden, den Engeln und Menschen. 10 Wir sind Toren um Christi willen; ihr seid ja klug in Christus! Wir sind schwach; ihr seid stark! Ihr seid hochgeehrt, wir sind verachtet. 11 Bis zur Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße: wir werden mißhandelt und heimatlos umhergetrieben. 12 Wir müssen uns plagen mit unserer Hände Arbeit. Man flucht uns, und wir segnen; man verfolgt uns, und wir dulden. 13 Man lästert uns, und wir bitten. Wie Auswurf dieser Welt sind wir geworden, wie der allgemeine Abschaum bis zu dieser Stunde. 7-13: Den selbstgefälligen Nörglern stellt Paulus in bitterer Ironie das Bild der bescheidenen und schwergeprüften Glaubensboten gegenüber. Wo die wahre Größe zu finden ist, mögen die Leser selbst entscheiden.

 

Stellung des Apostels zur Gemeinde. 14 Ich schreibe das nicht, um euch zu beschämen, sondern um euch als meine geliebten Kinder zu ermahnen. 15 Denn wenn ihr zehntausend Lehrmeister hättet in Christus, so habt ihr doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus bin ich durch die Heilsverkündigung euer Vater geworden. 16 So bitte ich euch denn: Werdet meine Nachahmer, [gleich wie ich Christi Nachahmer bin]. 17 Deshalb sende ich den Timotheus, meinen lieben und treuen Sohn im Herrn, zu euch; er wird euch meine Wege in Christus in Erinnerung bringen, so wie ich allenthalben in allen Gemeinden lehre. 18 Als ob ich nicht zu euch käme, so aufgeblasen sind einige geworden. 19 Ich werde, so Gott will, bald zu euch kommen. Dann will ich nicht die Rede der Aufgeblasenen, sondern ihre Kraft kennenlernen. 20 Denn nicht in Worten besteht das Reich Gottes, sondern in Kraft. 19-20: Gegenüber den heidnischen Großsprechern hat der bekehrte römische Rechtsanwalt Minucius Felix und ähnlich der heilige Cyprian von Carthago erklärt: „Wir sind Philosophen in Taten, nicht in Worten, tragen die Weisheit nicht im Mantel, sondern in der Wahrheit zur Schau. Das innere Bewußtsein der Tugend ist uns wichtiger als die Prahlerei damit. Unsere Größe zeigt sich im Leben, nicht im Reden.“ 21 Was wollt ihr? Soll ich mit der Rute zu euch kommen oder in Liebe und im Geiste der Milde?

 

Andere Übelstände

5 Strafurteil über einen Unzüchtigen. Hört man ja doch von Unzucht unter euch und gar von einer solchen Unzucht, dergleichen nicht einmal unter den Heiden vorkommt: nämlich daß einer das Weib seines Vaters hat. Und ihr seid aufgeblasen, anstatt daß ihr in Trauer geraten wäret, damit der Schuldige aus eurer Mitte entfernt würde. Nun — ich für meinen Teil bin zwar nicht leiblich, wohl aber im Geiste unter euch und habe mein Urteil über diesen, der sich so schwer vergangen hat, bereits gefällt, als wäre ich leiblich anwesend. Im Namen unseren Herrn Jesus Christus — im Geiste seid ihr und ich versammelt — mit der Vollmacht unseres Herrn Jesus soll ein solcher dem Satan übergeben werden zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet werde am Tage unseres Herrn [Jesus Christus]. 5: Die vom Teufel verursachten körperlichen Leiden sollen den Sünder zur Reue und dadurch zur Rettung der Seele führen. Nicht gut steht es um euer Rühmen. Wißt ihr nicht, daß ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? 6: Der Blutschänder ist wie ein gefährlicher Bazillus in der Gemeinde. Feget aus den alten Sauerteig, damit ihr ein neuer Teig seiet. Ihr seid ja ungesäuerte Brote; denn unser Osterlamm, Christus, ist geschlachtet. So lasset uns denn Ostern halten nicht mit altem Sauerteig, nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit dem ungesäuerten der Lauterkeit und Wahrheit. In dem (vorigen) Briefe habe ich euch geschrieben: Habt keinen Umgang mit Unzüchtigen. 9: Dieser Brief ist uns nicht erhalten geblieben. 10 Ich meinte damit nicht allgemein die Unzüchtigen dieser Welt oder die Habsüchtigen oder Räuber oder Götzendiener; sonst müßtet ihr ja aus der Welt hinausgehen. 11 Nun aber schreibe ich euch: Ihr sollt keinen Umgang haben mit einem, der sich Bruder nennt und dabei ein Unzüchtiger oder ein Habsüchtiger oder Götzendiener oder Lästerer oder Trunkenbold oder ein Räuber ist; mit einem solchen sollt ihr nicht einmal zusammen essen. 11: Bloße Namenschristen schaden der Kirche am meisten. Übertriebene Toleranz gegen sie ist übel angebracht. 12 Denn was geht es mich an, die, welche draußen sind, zu richten? Richtet ihr nicht die, welche innerhalb der Gemeinde sind? 13 Denn die Außenstehenden wird Gott richten. Schafft den Bösen fort aus eurer Mitte!

 

6 Prozesse zwischen Christen vor heidnischen Gerichten. Wagt es jemand von euch, der einen Rechtshandel mit einem andern hat, denselben vor den Ungerechten entscheiden zu lassen und nicht vor den Heiligen? 1: Die Christen genossen damals ähnlich wie die Juden in gewissen Punkten die Vergünstigung eigener Gerichtsbarkeit. Um so schlechter wirkte es, wenn sie mit ihren Streitfragen vor die heidnischen Gerichte gingen. Vgl. Apg. 18,12-17. Oder wisset ihr nicht, daß die Heiligen über diese Welt Richter sein werden? Wenn die Welt durch euch gerichtet wird, seid ihr dann nicht würdig, über die geringfügigsten Dinge zu Gericht zu sitzen? Wißt ihr nicht, daß wir Engel richten werden? Um wieviel mehr weltliche Dinge! 3: Vgl. Dan 7,9 ff.; Weish 3,8; Mt 19,28; Lk 22,30. Wenn ihr nun weltliche Rechtshändel habt, so bestellt jene zu Richtern in der Gemeinde, die am wenigsten Ansehen haben. Zu eurer Beschämung muß ich das sagen. Also ist kein Weiser unter euch, auch nicht einer, der Schiedsrichter sein könnte zwischen Brüdern? Nein! Ein Bruder rechtet mit einem Bruder — und das vor Ungläubigen! Es ist überhaupt schon ein Fehler an euch, daß ihr Streitigkeiten miteinander habt. Warum erleidet ihr nicht lieber Unrecht? Warum laßt ihr euch nicht lieber übervorteilen? Statt dessen verübt ihr selber Unrecht und übervorteilt andere, sogar Brüder. Oder wisset ihr nicht, daß Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Täuschet euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Weichlinge, weder Knabenschänder 10 noch Diebe, weder Habsüchtige noch Trunkenbolde, weder Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes erben. 11 Und solche Menschen seid ihr, einige von euch, gewesen. Aber nun seid ihr abgewaschen, ja geheiligt, ja ihr seid gerechtfertigt im Namen unseres Herrn Jesus Christus und im Geiste unseres Gottes.

 

Warnung vor Unzucht. 12 Ihr sagt: Alles ist mir erlaubt. Wohl — aber nicht alles frommt. Alles ist mir erlaubt. Gut — aber ich soll mich von nichts beherrschen lassen. 12: Paulus zitiert Schlagworte korinthischer Schwärmer. Sie verwechselten die christliche Freiheit mit sittlicher Ungebundenheit und meinten, „den Reinen sei alles rein“, auch offensichtliche Unzucht. Sie verunreinige ebensowenig die Seele wie der Genuß der den Juden verbotenen Speisen. Der Christ begeht in Wirklichkeit durch die Unzucht einen Frevel gegen Christus (12-17) und schändet den eigenen Leib (18-20), 13 Die Speise ist für den Magen und der Magen für die Speise; Gott aber wird einmal beide vernichten. Jedoch der Leib ist nicht für die Unkeuschheit, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. 14 Gott hat aber nicht nur den Herrn auferweckt, sondern er wird auch uns durch seine Kraft auferwecken. 15 Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi zu Gliedern einer Buhlerin machen? Das sei fern! 16 Oder wißt ihr nicht, daß, wer einer Buhlerin anhängt, ein Leib mit ihr wird? Denn es werden, heißt es, die zwei ein Leib sein (1 Mos 2,24). 17 Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit ihm. 18 Fliehet die Unkeuschheit! Jede (andere) Sünde, welche der Mensch begeht, bleibt außerhalb des Leibes; wer aber Unkeuschheit treibt, sündigt gegen den eigenen Leib. 19 Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt, den ihr von Gott habt? Wißt ihr nicht, daß ihr nicht euch selbst gehört? 20 Denn um hohen Preis seid ihr erkauft. Verherrlichet Gott [und traget ihn] in eurem Leibe! 19-20: Nirgendwo wird auch dem Menschenleibe so hohe Würde zuerkannt wie in der Religion Jesu; aber sie treibt keinen Fleischeskult. Es gibt kein „Recht auf den Körper“, um ihn zur Sünde zu mißbrauchen.

 

Beantwortung der Anfragen

 

Ehe und Jungfräulichkeit

7 Rechte und Pflichten in der Ehe. Was die Frage betrifft, worüber ihr mir geschrieben habt, so wisset: Der Mann tut wohl daran, keine Frau zu berühren. Um jedoch Unkeuschheit zu verhüten, mag ein jeder Mann seine Frau und jede Frau ihren Mann haben. 1-2: Paulus gibt Antwort auf eine diesbezügliche Frage, will also weder den einzigen noch den höchsten Zweck der Ehe nennen, wenn er sie als das von Gott gegebene Mittel zur Stillung der starken Naturtriebe empfiehlt. Der Frau leiste der Mann die eheliche Pflicht, ebenso die Frau ihrem Mann. Die Frau hat keine Gewalt über ihren Leib, sondern der Mann; ebenso hat auch der Mann kein Recht über seinen Leib, sondern die Frau. Entziehet euch einander nicht, es sei denn mit gegenseitiger Einwilligung auf eine Zeitlang, um euch dem Gebete zu widmen. Dann kommet wieder zusammen, damit der Satan euch nicht versuche wegen eurer Unenthaltsamkeit. 3-5: Beide Gatten stehen sich mit gleichem Recht und gleicher Pflicht in diesem Punkte gegenüber. Kein Eheteil darf ohne Grund dem andern sein Recht verkürzen, aber ebensowenig etwas fordern, was gegen Gottes Gesetz und die Heiligkeit des Ehelebens verstößt.

 

Werte der Ehe und Ehelosigkeit. Ich meine das als Zugeständnis, nicht als Gebot. Ich wünschte nämlich, daß alle Menschen wären, wie ich bin. Aber ein jeder hat eben seine besondere Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere anders. 7: Nicht nur die Berufung zur gottgeweihten Jungfräulichkeit, sondern auch zur Ehe ist eine Gnade. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht die Kraft zur Enthaltsamkeit haben, so sollen sie heiraten, denn besser ist Heirat als steter Brand der Sinnlichkeit. 10 Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr, daß die Frau sich nicht vom Manne trenne. 11 Falls sie sich aber doch getrennt haben sollte, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich mit dem Manne. Ebenso soll der Mann die Frau nicht verstoßen. 10-11: Die Unauflösbarkeit der Ehe ist also ein Gebot des Herrn und gilt für alle. Vgl. Mt 5,32; 19,3-11; Mk 10,4-12; Röm 7,1-3. Die Kirche kann daran nichts ändern, noch weniger der Staat..

 

Ehen zwischen Christen und Heiden. 12 Den übrigen aber sage ich, nicht der Herr: Wenn ein Mitbruder eine ungläubige Frau hat, und diese willigt ein, mit ihm zu leben, so entlasse er sie nicht. 13 Und wenn eine [gläubige] Frau einen ungläubigen Mann hat, und dieser willigt ein, mit ihr zusammenzuleben, so entlasse sie den Mann nicht. 14 Denn der ungläubige Mann ist durch die gläubige Frau geheiligt und ebenso die ungläubige Frau durch den gläubigen Mann, sonst wären ja eure Kinder unrein, nun aber sind sie heilig. 15 Wenn jedoch der Ungläubige sich trennen will, so mag er sich trennen. Denn in solchem Falle ist der Bruder oder die Schwester nicht gebunden, sondern zum Frieden hat uns Gott berufen. 16 Denn woher weißt du, Frau, ob du den Mann zum Heile führen wirst? Oder woher weißt du, Mann, ob du die Frau zum Heile führen wirst? 17 Nur wandle ein jeder so, wie es ihm der Herr zugeteilt, wie der Herr ihn berufen hat. Also verordne ich es in allen Gemeinden. 12-17: Bis heute gilt dieses „paulinische Privileg“ bei Ehen, die von zwei Ungetauften geschlossen wurden, wenn ein Ehegatte später christlich wird. 18 Ist einer als Beschnittener berufen, so suche er das nicht zu verbergen. Ist einer als Unbeschnittener berufen, so lasse er sich nicht beschneiden. 19 Weder auf Beschneidung kommt es an noch auf Unbeschnittensein, sondern auf die Beachtung der Gebote Gottes. 18-19: Die Rassenunterschiede sind nicht das Wesentliche in der Religion. 20 Ein jeder bleibe in dem Berufe, in welchem er berufen worden ist. 21 Bist du als Sklave berufen, mach dir keine Sorgen. Aber auch wenn du frei werden kannst, bleibe erst recht dabei. 22 Denn wer als Sklave im Herrn berufen ward, ist ein Freigelassener des Herrn. Ebenso, wer als Freier berufen ward, ist ein Sklave Christi. 23 Ihr seid teuer erkauft; werdet keine Menschenknechte. 24 Worin ein jeder berufen ist, Brüder, darin bleibe er bei Gott. 20-24: Andere Erklärer verstehen die Stelle im umgekehrten Sinne: Aber wenn du gar frei werden kannst, dann mache lieber Gebrauch von der Freiheit. Jedoch zeigt der Zusammenhang, daß nur die oben gegebene Übersetzung die richtige sein kann. Das Christentum wollte nicht die Massen der Sklaven unzufrieden machen und zur Revolution treiben. Es überwand die Sklaverei von innen heraus. Der Wert des Menschen ist unabhängig von seiner sozialen Stellung.

 

Vorzug der Jungfräulichkeit. 25 Betreffs der Jungfrauen habe ich kein Gebot vom Herrn. Einen Rat aber gebe ich als ein Mann, der durch die Gnade des Herrn Vertrauen verdient. 26 So meine ich denn, daß dieses gut sei bei der gegenwärtigen Bedrängnis, daß es nämlich gut für einen Menschen sei, also zu sein. 27 Bist du an eine Frau gebunden? — Suche keine Lösung. Bist du ledig, — Suche keine Frau. 28 Wenn du aber heiratest, so sündigst du nicht, und wenn die Jungfrau heiratet, so sündigt sie nicht. Bedrängnis des Fleisches werden sie jedoch haben. Und davon sähe ich euch gerne verschont. 29 Das sage ich euch, Brüder: Die Zeit drängt. Hinfort gilt es, daß die, welche Frauen haben, leben, als hätten sie keine; 30 und die, welche weinen, als weinten sie nicht; die, welche sich freuen, als freuten sie sich nicht; die, welche kaufen, als besäßen sie nichts; 31 und die, welche diese Welt genießen, als genössen sie dieselbe nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. 32 Ich wünsche aber, ihr möchtet ohne Sorge sein. Der Ehelose ist um das besorgt, was des Herrn ist; er möchte dem Herrn gefallen. 33 Der Verheiratete ist um das besorgt, was der Welt ist; er möchte seiner Frau gefallen. 34 So ist sein Herz geteilt. Die unverheiratete Frau und die Jungfrau ist auf das bedacht, was des Herrn ist; sie will an Leib und Seele heilig sein. Die Verheiratete aber ist auf das bedacht, was der Welt ist; sie will dem Manne gefallen. 35 Dies sage ich euch zu eurem Besten, nicht um eine Schlinge über euch zu werfen, sondern um die gute Sitte zu fördern und das unentwegte Ausharren beim Herrn. 32-35: Nicht um ein bequemeres Leben zu haben, soll einer die Jungfräulichkeit der Ehe vorziehen, sondern um in ungeteilter Hingabe Gott zu dienen und „an Leib und Seele heilig zu sein“. 36 Wenn aber jemand meint, es gereiche ihm zur Unehre, wenn seine Jungfrau über das blühende Alter hinaus ist, und wenn es so sein muß, so tue er, was er will; er sündigt nicht: sie mögen heiraten. 37 Wer aber in seinem Herzen festen Entschluß gefaßt hat, wer nicht genötigt ist, sondern Freiheit hat, nach seinem Willen zu handeln und sich dafür in seinem Herzen entschieden hat, seine Jungfrau (als Jungfrau) zu bewahren, der tut wohl daran. 38 Also, wer seine Jungfrau verheiratet, tut wohl: wer sie aber nicht verheiratet, tut besser. 36-38: Die Empfehlung des Jungfräulichkeitsideals brachte manchen Vater und Vormund in Verlegenheit, wie er es mit der Lebensgestaltung seines heiratsfähigen Mädchens halten sollte. Deshalb gibt Paulus darüber Auskunft.

 

Witwenstand. 39 Die Frau ist gebunden, solange ihr Mann lebt. Wenn aber ihr Mann entschlafen ist, so ist sie frei, sie heirate, wen sie will, doch geschehe es im Herrn. 40 Glücklicher aber wird sie sein, wenn sie so bleibt — nach meiner Ansicht; und ich meine doch auch den Geist Gottes zu haben.

 

Über den Genuß von Götzenopferfleisch

8 Der Genuß des Götzenopferfleisches ist an sich etwas Gleichgültiges. Was nun das Götzenopferfleisch betrifft, so haben wir ja alle hierin Erkenntnis. — Die (bloße) Erkenntnis bläht auf; die Liebe hingegen erbaut. Wenn aber jemand sich einbildet, etwas zu wissen, so hat er noch gar nicht erkannt, wie man erkennen soll. Wer aber Gott liebt, der ist erkannt von ihm. — Was also den Genuß des Götzenopferfleisches angeht, so wissen wir, daß ein Götze nichts in der Welt ist, und daß kein Gott ist als der Eine. — Wenn es auch wirklich sogenannte Götter geben mag, sei es im Himmel, sei es auf Erden — es gibt ja (bei den Heiden) viele Götter und viele Herren —, so haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alles kommt und für den wir da sind, und einen Herrn Jesus Christus, durch den alles ward und durch den wir sind.

 

Rücksicht auf die Schwachen. Allein nicht alle haben diese Erkenntnis; vielmehr einige, die ihre bisherige Gewöhnung an den Götzendienst noch nicht abgelegt haben, essen es als Götzenopfer, und ihr Gewissen wird, weil es schwach ist, dadurch befleckt. Speise gibt uns keinen Wert vor Gott. Denn bei ihm gewinnen wir nichts, wenn wir essen, und verlieren wir nichts, wenn wir nicht essen. Seht aber zu, daß diese eure Freiheit nicht etwa den Schwachen zum Anstoß werde. 10 Denn wenn jemand dich, der du die „Erkenntnis“ hast, beim Opfermahle sitzen sieht, wird nicht sein Gewissen, weil es schwach ist, aufgemuntert werden, Götzenopfer zu essen? 11 Und so geht durch deine „Erkenntnis“ der Schwache verloren, der Bruder, für den Christus gestorben ist. 12 Wenn ihr so gegen eure Brüder sündigt und ihr schwaches Gewissen verletzt, sündigt ihr gegen Christus. 13 Wenn daher eine Speise meinem Bruder Ärgernis gibt, will ich in Ewigkeit kein Fleisch essen, damit ich meinem Bruder nicht Anstoß gebe. 9-13: Eine in sich erlaubte Handlung kann durch die äußeren Umstände sündhaft werden. Das Christentum ist die Religion der Liebe, nicht des starren Rechts. 1 ff.: Ein Teil des den Götzen geopferten Fleisches wurde bei der Kultmahlzeit im Tempel gegessen, anderes kam zum Verkauf auf den Markt. Da die Christen als Minderheit unter den Heiden wohnten, ergaben sich daraus bei Einladungen leicht Gewissenszweifel.

 

9 Beispiel des Apostels. Seine Rechtsansprüche. Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht [Christus] Jesus, unsern Herrn, gesehen? Seid ihr nicht mein Werk im Herrn? Wenn ich für andere kein Apostel bin, so bin ich es doch für euch. Denn das Siegel meines Apostelamtes seid ihr im Herrn. Dies ist meine Verteidigung gegen die, welche mich zur Rede stellen. Haben wir nicht das Recht, uns Essen und Trinken reichen zu lassen? Haben wir nicht das Recht, eine Frau als Schwester mit uns zu führen, wie auch die übrigen Apostel, die Brüder des Herrn und Kephas? 5: Mit der Frau oder Schwester meint der Apostel wohl eine ältere Christin, welche für die leiblichen Bedürfnisse der Apostel sorgte, wie einst auch Frauen den Herrn begleiteten und „ihm mit ihrem Vermögen dienten“ (Luk 8,3). Es ist also nicht an eine Ehefrau gedacht. Über die Brüder des Herrn vgl. Mt 12,46; Gal 1,19. Oder haben nur ich und Barnabas nicht das Recht, das Handwerk aufzugeben? Wer leistet denn Kriegsdienste auf eigene Kosten? Wer pflanzt einen Weinberg, ohne seine Frucht zu genießen? Wer weidet eine Herde und nährt sich nicht von ihrer Milch? Rede ich dies nur nach menschlichen Vernunftgründen? Oder sagt dies nicht auch das Gesetz? Denn im Gesetz des Moses steht geschrieben: Du sollst einem Ochsen beim Dreschen keinen Maulkorb anlegen (5 Mos 25,4). Kümmert sich Gott wohl um die Ochsen? 10 Oder sagt er das nicht vielmehr um unseretwillen? Ja, unseretwegen ist es geschrieben. In der Hoffnung soll der Pflüger pflügen, und der Drescher soll arbeiten in der Hoffnung, an der Frucht Anteil zu haben. 11 Wir haben euch das Geistige gesät; ist es da zuviel, wenn wir von euch Zeitliches ernten? 12 Wenn andere das Verfügungsrecht über euch genießen, warum nicht vielmehr wir? Aber wir haben von dieser Befugnis keinen Gebrauch gemacht, sondern wir ertragen alles, um nicht der Heilsbotschaft Christi ein Hindernis zu bereiten. 13 Wißt ihr nicht, daß die, welche im Heiligtum beschäftigt sind, vom Heiligtum auch leben? Daß die, welche dem Altare dienen, vom Altare auch ihren Anteil bekommen? 14 So hat auch der Herr verordnet, daß die, welche die Heilsbotschaft verkünden, von der Heilsverkündigung leben sollen.

 

Freiwilliger Verzicht auf die Rechtsansprüche. 15 Ich habe davon keinerlei Gebrauch gemacht. Doch schreibe ich das nicht, damit es künftig so mit mir gehalten werde; denn lieber will ich sterben, als — nein, meinen Ruhm soll mir keiner rauben! 16 Wenn ich nämlich predige, gereicht mir das noch nicht zum Ruhme. Das ist meine Pflicht und Schuldigkeit, wehe mir, wenn ich die Heilsbotschaft nicht verkünden würde! 17 Denn wenn ich meine Arbeit aus freien Stücken tue, so habe ich Anspruch auf Lohn; tue ich sie aber unfreiwillig, so ist es nur ein Verwalteramt, das mir übertragen wurde. 16-17: In der Art seiner Berufung zum Apostelamt sieht Paulus eine Verpflichtung zu höheren Leistungen. 18 Worin besteht also mein Verdienst? Darin, daß ich die Heilsbotschaft unentgeltlich verkünde und dadurch von meinem Rechte keinen Gebrauch mache, das ich hätte auf Grund der Heilsverkündigung. 19 Denn obwohl ich unabhängig von allen war, habe mich doch zum Knechte aller gemacht, um recht viele zu gewinnen. 20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen. Denen, die unter dem Gesetze sind, ward ich, als wäre ich unter dem Gesetz, obwohl ich nicht unter dem Gesetze bin, um die zu gewinnen, welche unter dem Gesetze sind. 21 Denen, welche ohne Gesetz sind, bin ich wie einer der ihrigen geworden, obwohl ich nicht ohne Gesetz Gottes, sondern unter dem Gesetze Christi bin, um sie, die Gesetzlosen, zu gewinnen. 22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall etliche zu retten. 22: Als erfahrener Menschenkenner weiß der Apostel, daß er nicht alle zu retten vermag: aber er bietet alles auf, um wenigstens etliche zum Heil zu führen. 23 Das alles tue ich um der Heilsbotschaft willen, auf daß ich ihrer mit teilhaftig werde.

 

Der Wettkampf des Lebens. 24 Wißt ihr nicht, daß die Läufer in den Rennbahnen zwar alle laufen, daß aber nur einer den Preis gewinnt? Laufet so, daß ihr ihn erlanget. 25 Wer im Wettkampf ringt, enthält sich von allem. Jene tun das, um einen vergänglichen Kranz zu gewinnen, wir aber einen unvergänglichen. 26 So laufe auch ich nicht wie ins Blaue hinein; so kämpfe auch ich nicht wie einer, der Lufthiebe macht. 27 Vielmehr züchtige ich meinen Leib und mache ihn mir untertan, um nicht, während ich andern Herold war, selber dazustehen wie einer, der die Prüfung nicht bestand. 24-27: Um die Berufung zum Christentum ist es etwas bitter Ernstes. Der Name allein tut es nicht, noch genügen fromme Stimmungen.

 

10 Die Geschichte als Lehrmeisterin. Ich will euch nicht in Unkenntnis darüber lassen, Brüder, daß unsere Väter alle unter der Wolke waren und alle durch das Meer hindurchgingen und alle auf Moses in der Wolke und im Meere getauft wurden und alle dieselbe geistige Speise aßen und alle denselben geistigen Trank tranken; sie tranken nämlich aus einem geistigen Felsen, der sie begleitete — dieser Fels war Christus. Trotzdem hatte Gott an der Mehrzahl von ihnen kein Wohlgefallen; denn sie wurden niedergestreckt in der Wüste. Dies ist uns zum Vorbild geschehen. Es soll uns eine Warnung sein. Wir sollen nicht auch wie jene die Begierlichkeit zum Bösen in uns aufkommen lassen. Werdet auch nicht Götzendiener wie manche aus ihnen. Denn die Schrift sagt: Das Volk setzte sich, um zu essen und zu trinken, und stand dann auf, um zu tanzen (2 Mos 32,6). Laßt uns auch nicht Unkeuschheit treiben, wie einige von ihnen Unkeuschheit trieben; und es fielen an einem Tage dreiundzwanzigtausend. Laßt uns auch Christus nicht versuchen, wie etliche von ihnen es taten, die dafür durch die Schlangen umkamen. 10 Auch murret nicht, wie einige von ihnen murrten, die durch den Würgengel zugrunde gingen. 11 All das widerfuhr ihnen, uns zum Vorbilde. Es ist zur Warnung geschrieben für uns, zu denen das Ziel und Ende der Weltzeiten gekommen ist. 12 Wer also zu stehen glaubt, der sehe zu, daß er nicht falle. 13 Es hat euch bisher nur menschliche Versuchung betroffen. Gott ist treu, er läßt euch nicht über eure Kräfte versucht werden, sondern wird mit der Versuchung auch den Ausweg schaffen, der euch das Aushalten ermöglicht. 1-13: Die Geschichte Israels lehrt die Christen, daß die bloße Zugehörigkeit zum auserwählten Volke das Heil noch nicht sichert, auch im Neuen Bunde nicht.

 

Teilnahme an Götzenopfern. 14 Deshalb, Geliebte, fliehet vor dem Götzendienst. 15 Ich rede wie zu Verständigen, beurteilt denn selbst, was ich sage. 16 Der geweihte Kelch, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Und das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? 17 Denn weil es ein einziges Brot ist, so sind wir trotz unserer Vielheit ein einziger Leib, wir alle teilen uns ja in das eine Brot. 18 Sehet auf die Israeliten nach dem Fleische! Haben nicht die, welche die Opfer essen, teil an dem Altare? 19 Was sage ich damit? Daß das Götzenopfer etwas sei? Oder daß ein Götze etwas sei? 20 Nein! Sondern, was die Heiden opfern, das opfern sie den bösen Geistern und nicht Gott. Ich will aber nicht, daß ihr Gemeinschaft habt mit den bösen Geistern. 21 Ihr könnt nicht den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der bösen Geister. Ihr könnt nicht am Tische des Herrn teilnehmen und am Tische der bösen Geister. 16-21: Die hier dargelegten Wirkungen des eucharistischen Brotes und Weines beweisen klar den Glauben der Urkirche an die wahre Gegenwart des Leibes und Blutes Christi unter den Gestalten von Brot und Wein. 22 Oder wollen wir den Herrn herausfordern? Sind wir etwa stärker als er?

 

23 „Alles ist mir erlaubt.“ Wohl, aber nicht alles frommt. „Alles ist mir erlaubt.“ — Aber nicht alles erbaut. 24 Keiner suche den eigenen Vorteil, sondern den des Nächsten. 24: Der Satz: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ war also schon den ersten Christen bekannt. Vgl. Vers 33; Röm 15,2. 25 Alles, was auf dem Fleischmarkte verkauft wird, das esset, ohne um des Gewissens willen ängstlich nachzuforschen. 26 Des Herrn ist die Erde und alles, was sie erfüllt (Ps 24,1). 27 Wenn euch ein Ungläubiger einladet und ihr euch entschließt, hinzugehen, so esset alles, was euch vorgesetzt wird, ohne um des Gewissens willen nachzuforschen. 28 Sagt aber einer: Dies ist Opferfleisch, dann esset nicht, um dessentwillen, der es gesagt hat, und um des Gewissens willen. 29 Aber nicht dein Gewissen meine ich, sondern das des andern. Warum denn soll ich meine Freiheit von einem fremden Gewissen richten lassen? 30 Wenn ich mit Danksagung etwas genieße, warum soll ich mich lästern lassen wegen dessen, wofür ich Danke sage? 31 Ihr möget also essen oder trinken oder sonst etwa tun, tut alles zur Ehre Gottes. 32 Gebt kein Ärgernis, weder Juden noch Heiden, noch der Kirche Gottes, 33 so wie auch ich allen in allem zu Gefallen bin und nicht meinen Vorteil, sondern den Nutzen der vielen suche, damit sie selig werden. 25-33: Nach der vorausgehenden Erörterung gibt der Apostel nun praktische Anweisungen über den Genuß von Götzenopferfleisch.

 

11 Seid meine Nachahmer, wie ich Christi Nachahmer bin.

 

Über die gottesdienstlichen Versammlungen

Die Frauen beim Gottesdienste. Ich lobe euch, Brüder, daß ihr in allem meiner eingedenk seid und meine Vorschriften haltet, wie ich sie euch überliefert habe. Ihr müßt wissen, daß das Haupt eines jeden Mannes Christus ist; das Haupt der Frau aber ist der Mann, Christi Haupt endlich ist Gott. Jeder Mann, der mit verhülltem Haupte betet oder prophetisch redet, entehrt sein Haupt. Jede Frau aber, die mit unverhülltem Haupte betet oder prophetisch redet, entehrt ihr Haupt; denn es ist geradeso, als wäre sie geschoren. Denn wenn eine Frau sich nicht verhüllt, so mag sie sich gleich auch die Haare abschneiden lassen; gilt es aber für eine Frau als Schande, sich die Haare abschneiden oder kahlscheren zu lassen, so verhülle sie ihr Haupt. Der Mann dagegen soll das Haupt nicht verschleiern; denn er ist das Ebenbild und der Abglanz Gottes; die Frau aber ist des Mannes Abglanz. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Manne. Auch ist der Mann nicht der Frau wegen geschaffen, sondern die Frau des Mannes wegen. 10 Deshalb soll die Frau ein Machtzeichen auf dem Haupte haben um der Engel willen. 11 Jedoch ist weder der Mann ohne die Frau noch die Frau ohne den Mann im Herrn. 12 Wie nämlich die (erste) Frau vom Manne stammt, so ist (seither) der Mann durch die Frau; alles aber kommt von Gott. 13 Urteilt selbst: Ist es schicklich, daß eine Frau unverschleiert zu Gott bete? 14 Lehrt euch nicht die Natur selbst, daß einem Manne langes Haar zur Unehre gereicht, 15 wenn aber die Frau langes Haar trägt, es ihr eine Zierde ist? Die Haare sind ihr ja zum Schleier gegeben. 16 Wenn jedoch einer glaubt, streitsüchtig auf seiner Meinung bestehen zu müssen, der wisse: Wir haben einen solchen Brauch nicht und auch nicht die Gemeinden Gottes. 2-16: Korinthische Frauen zogen aus der christlichen Lehre von der Gleichberechtigung beider Geschlechter vor Gott falsche Schlüsse und wollten nun auch äußerlich wie die Männer auftreten, indem sie keinen Schleier mehr trugen. Dieser Bruch mit alter Sitte und Gewohnheit brachte Verwirrung beim Gottesdienst und gefährdete den guten Namen der Christen, weil damals die ehrlosen Frauen ohne Schleier aufzutreten pflegten. Deshalb erteilt Paulus auf die diesbezügliche Anfrage eine so entschiedene Antwort. Von Minderbewertung der Frau ist dabei keine Rede. Ist doch gerade der Schleier ein tiefes Symbol echten und reinen Frauentums.

 

Feier des Abendmahles. 17 Die folgende Anordnung treffe ich, ohne euch loben zu können, weil ihr nicht zum Wohl, sondern zum Schaden zusammenkommt. 18 Fürs erste höre ich, daß bei euren Gemeindeversammlungen Spaltungen unter euch seien und teilweise glaube ich es. 19 Es muß ja Spaltungen geben, damit die Bewährten unter euch offenbar werden. 20 Bei euren Zusammenkünften heißt es nicht mehr, des Herrn Abendmahl halten. 21 Nimmt doch ein jeder sein eigenes Mahl beim Essen vorweg; der eine hungert, während der andere betrunken ist. 22 Habt ihr denn nicht eure Häuser zum Essen und Trinken? Oder verachtet ihr die Kirche Gottes und beschämt die, welche nichts haben? Was soll ich euch sagen? Soll ich euch loben? Hierin kann ich euch nicht loben. 17-22: Mit der Feier der eucharistischen Geheimnisse pflegte die Urkirche ein Liebesmahl (Agape) zu verbinden. Es war Ausdruck des liebenden Familiengeistes und bot Gelegenheit zur Unterstützung der Armen. In Korinth waren schlimme Mißstände dabei eingerissen. 23 Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch auch überliefert habe: In der Nacht, in welcher er verraten wurde, nahm der Herr Jesus Brot, 24 dankte, brach es und sprach: [Nehmet hin und esset,] das ist mein Leib, der für euch [hingegeben wird]. Tut dies zu meinem Gedächtnis. 25 Auf gleiche Weise nahm er nach dem Mahle den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blute. So oft ihr trinket, tut es zu meinem Gedächtnis. 25: Das im Kelche enthaltene Blut ist Christi Blut, wodurch der Neue Bund geschlossen wird, wie auch der Alte Bund mit Opferblut geschlossen worden ist. (2 Mos 24,8). 26 So oft ihr nämlich dieses Brot esset und diesen Kelch trinket, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. 27 Wer daher unwürdig das Brot ißt oder den Kelch des Herrn trinkt, der ist schuldig des Leibes und Blutes des Herrn. 27: Wer das Brot oder den Kelch unwürdig empfängt, ist nach den Worten des Apostels schuldig des Leibes und Blutes Christi; daraus folgt, daß unter jeder der beiden Gestalten der ganze Christus gegenwärtig ist und der Genuß unter einer Gestalt genügt. 23-27: Dem Zerrbild der korinthischen Eucharistiefeier stellte Paulus das heilige Urbild des Herrenmahls gegenüber.

 

Unwürdiger Empfang. 28 Darum prüfe jeder sich selbst, und so esse er von dem Brote und trinke von dem Kelche. 29 Denn wer [unwürdig] ißt und trinkt, ißt und trinkt sich das Gericht, da er den Leib [des Herrn] nicht unterscheidet. 30 Darum sind unter euch so viele Schwache und Kranke, und viele sind entschlafen. 31 Wenn wir uns aber selbst richteten, so würden wir nicht gerichtet werden. 32 Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt verdammt werden. 33 Deshalb, meine Brüder, wenn ihr zum Mahle zusammenkommt, so wartet aufeinander. 34 Ist aber jemand hungrig, so esse er zu Hause, damit eure Versammlung euch nicht zum Strafgerichte wird. Das übrige will ich anordnen, wenn ich komme. 34: Das Nüchternheitsgebot vor Empfang der heiligen Kommunion galt damals noch nicht.

 

Über die Geistesgaben

12 Ursprung und Nutzen. Über die Geistesgaben will ich euch, Brüder, nicht im unklaren lassen. 1 Unter Geistesgaben oder Charismen versteht man außerordentliche übernatürliche Gnadengeschenke des Heiligen Geistes, die einzelnen Gläubigen zum Nutzen anderer und zur Erbauung des mystischen Leibes Christi verliehen werden. Sie traten in der Urkirche besonders stark in Erscheinung. Unklare Begriffe darüber und Überschätzung einzelner Gaben aus Sensationslust brachten Unordnung in den Gottesdienst. Ihr wisset, als ihr Heiden waret, ließet ihr euch willenlos zu den stummen Götzen hinziehen. Darum tue ich euch kund: Keiner, der im Geiste Gottes redet, flucht Jesus. Ebenso kann niemand sagen: Herr Jesus, außer im Heiligen Geiste. 3: Gläubiges Bekenntnis Christi oder Christushaß sind die besten Kennzeichen echter oder unechter Geistesgaben. Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber es ist derselbe Geist. Verschieden sind die Ämter, aber es ist derselbe Herr. Verschieden sind die Wunderwirkungen; aber es ist derselbe Gott, der alles in allem wirket. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes zum (allgemeinen) Nutzen gegeben. Dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit verliehen, einem andern das Wort der Wissenschaft nach demselben Geiste. Einem dritten Glauben in demselben Geist; einem andern die Gnadengabe zu Heilungen in dem einen Geiste. 10 Diesem die Gabe, Wunder zu wirken, jenem die Prophetengabe, einem andern die Unterscheidung der Geister, diesem mancherlei Sprachengabe, jenem die Auslegung solcher Sprachen. 11 All dies bewirkt ein und derselbe Geist, der einem jeden nach seiner Art zuteilt, wie er will.

 

Die Gläubigen sind Glieder des Leibes Christi. 12 Wie nämlich der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich ihrer viele sind, doch einen Leib bilden, also auch Christus. 13 Denn in einem Geiste sind wir alle zu einem Leibe getauft, ob Juden oder Heiden, ob Sklaven oder Freie; und alle sind wir mit einem Geiste getränkt. 14 Denn auch der Leib besteht nicht aus einem Glied, sondern aus vielen. 15 Wenn der Fuß sagte: Weil ich nicht Hand bin, gehöre ich nicht zum Leibe, so gehörte er darum doch zum Leibe. 16 Und wenn das Ohr sagte: Weil ich nicht Auge bin, gehöre ich nicht zum Leibe, so gehört es darum doch zum Leibe. 17 Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo wäre das Gehör? Wenn der ganze Leib Gehör wäre, wo wäre der Geruch? 18 So aber hat Gott ein jedes der Glieder am Leibe angebracht, wie er wollte. 19 Wenn alles nur ein Glied wäre, wo wäre da der Leib? 20 Nun aber sind es viele Glieder, jedoch nur ein Leib. 21 Es kann aber das Auge nicht zur Hand sagen: Ich bedarf deiner Dienste nicht, oder das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. 22 Nein; vielmehr sind diejenigen Glieder des Leibes, welche die schwächeren zu sein scheinen, besonders notwendig. 23 Jene, die als weniger ehrbar gelten, umkleiden wir mit reichlicherem Schmucke, und was an uns unanständig ist, wird mit um so mehr Anstand behütet; 24 die anständigen Teile brauchen das nicht. Gott hat den Leib so eingerichtet, daß er demjenigen mehr Ehre zuteil werden ließ, welchem es daran gebrach, 25 damit es keine Unordnung am Leibe gebe, sondern die Glieder einmütig füreinander Sorge trügen. 26 Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied ausgezeichnet wird, so freuen sich alle mit. 12-26: Wie es sinnlos wäre, wenn alle Glieder am Menschenleibe die gleiche Stellung und Aufgabe hätten, so haben die mit weniger auffälligen Geistesgaben ausgerüsteten Gläubigen keinen Grund, sich zurückgesetzt zu fühlen. Die Inhaber der vielbegehrten Gaben dürfen ebensowenig verächtlich auf die anderen herabschauen. Alle sollen miteinander und füreinander wirken. 27 Ihr aber seid Christi Leib, einzeln genommen dessen Glieder. 28 Und zwar hat Gott die einzelnen in der Kirche bestimmt, teils zu Aposteln, teils zu Propheten, zu Lehrern, dann für Wundertaten, dann für Krankenheilungen, für Hilfeleistungen, für Verwaltungen, für verschiedene Arten von Sprachengaben [und Auslegungen]. 29 Es sind doch nicht alle Apostel? Doch nicht alle Propheten? Doch nicht alle Lehrer? Haben etwa alle Wunderkräfte? 30 Alle die Gabe zu heilen? Reden alle in Sprachen? Haben alle die Gabe der Auslegung? 27-30: Die Lehre von der mystischen Einheit aller Gläubigen mit Christus von unserem Sein und Wirken in Christus und durch Christus, gehört zu den Lieblingsgedanken des Apostels. Die Kirche ist der mystische Leib Christi, Christus das Haupt. Also ist die Kirche keine bloße Organisation von Menschen, sondern ein göttlich-menschlicher Organismus. 31a Bemühet euch eifrig um die besseren Gaben. 31b Doch noch einen vorzüglicheren Weg will ich euch weisen.

 

13 Das Hohelied der Liebe. Wenn ich mit Menschen‑, ja mit Engelszungen redete, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich wie ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Hätte ich die Prophetengabe, wüßte ich alle Geheimnisse und besäße alle Erkenntnis, hätte ich alle Glaubenskraft, so daß ich Berge versetzen könnte, fehlte mir aber die Liebe, so wäre ich nichts. Wenn ich alle meine Habe den Armen zur Speise austeilte, und wenn ich meinen Leib zum Verbrennen hingäbe, hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir nichts. Die Liebe ist langmütig, gütig ist die Liebe; die Liebe ist nicht eifersüchtig, sie prahlt nicht und bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht taktlos, sucht nicht das Ihrige; sie läßt sich nicht erbittern, sie trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, freut sich vielmehr mit der Wahrheit. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie hält alles aus. 7: Statt „sie erträgt alles“ kann es auch heißen „sie deckt alles zu“, aber nicht aus Schwäche, wie es zuweilen mit dem Ausdruck bezeichnet wird: „Alles mit dem Mantel der Liebe zudecken.“ Die Liebe hört nie auf. Die Prophetengaben verschwinden; die Sprachengaben hören auf; Erkenntnis wird ein Ende nehmen. Denn Stückwerk ist unser Wissen, und unsere Prophetengabe ist Stückwerk. 10 Wenn das Vollkommene erscheint, wird das, was Stückwerk ist, abgetan werden. 11 Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; als ich aber Mann ward, legte ich das kindische Wesen ab. 12 Jetzt sehen wir nur wie durch einen Spiegel in Rätseln, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk; dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt bin. 13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; das größte aber unter ihnen ist die Liebe. 13: Denn die Liebe dauert im Himmel fort; dagegen geht der Glaube über ins Schauen, die Hoffnung in den Besitz. 1-13: Dieses Hohelied der Liehe zählt zu den kostbarsten Perlen aller religiösen Literatur. Die erste Strophe (1-3) preist den unersetzlichen Wert der Liebe in dreifachem Vergleich mit den Geistesgaben. In der zweiten Strophe werden die Eigenschaften der Liebe genannt (4-7). Die dritte Strophe gilt dem besonderen Vorzug der Liebe: ihrer Unvergänglichkeit (8-13).

 

14 Über den Wert der Sprachengabe und Prophetengabe. Strebet nach der Liebe! Wenn ihr dann noch Geistesgaben begehrt, so vorzüglich die Prophetengabe. Denn wer „in Sprachen redet“, redet nicht für Menschen, sondern für Gott, ihn versteht ja niemand, er redet im Geiste Geheimnisse. Wer dagegen prophetisch redet, redet für Menschen zur Erbauung, Ermahnung und Tröstung. 1-3: Unter den wunderbaren Gaben, womit Gott den Eifer der ersten Christen belohnte, ragen besonders die Sprachengabe und Prophetengabe hervor. Das „Reden in Sprachen“ war eine Verzückung, ein wunderbares Reden mit Gott in einer Sprache, welche die Zuhörer nicht verstanden. Die „Prophetengabe“ war ebenfalls ein gotterleuchtetes, begeistertes Sprechen, welches aber für die Zuhörer verständlich war und darum zur allgemeinen Erbauung, Ermahnung und Tröstung gereichte. Wer „in Sprachen redet“, erbaut sich selber; wer aber prophetisch redet, erbaut die Gemeinde [Gottes]. Ich wünsche zwar, daß ihr alle in Sprachen redet, noch lieber aber, daß ihr prophetisch redet. Denn der Prophet steht über dem Sprachenredner, es sei denn, daß dieser zugleich auslegt, damit die Gemeinde erbaut wird. Nun denn, Brüder, wenn ich als Sprachenredner zu euch käme, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht zu euch redete in Offenbarung oder Erkenntnis oder Prophezeiung oder Belehrung? Schon bei leblosen Instrumenten, die einen Ton geben, wie Flöte oder Zither, ist es so. Wenn sie nicht bestimmt unterschiedene Töne geben, wie sollte man doch das Geblasene oder Gespielte erkennen? Ebenso, wenn die Trompete einen unbestimmten Ton gibt, wer wird dann zur Schlacht rüsten? So ist es auch bei euch. Wenn ihr mittels der Sprachengabe nicht eine wohlverständliche Rede hervorbringet, wie wird man das Gesprochene verstehen? Ihr werdet in den Wind reden. 10 Soviel Arten von Sprachen sind wohl in der Welt, und keine ist zur Verständigung ungeeignet. 11 Wenn ich aber den Sinn der Sprache nicht kenne, so werde ich dem Redenden ein Fremdling sein, und der Redende ist für mich ein Fremdling. 12 So ist es auch bei euch. Da ihr euch also um die Geistesgaben bemüht, so trachtet danach, solche in Fülle zu haben, welche zur Erbauung der Gemeinde dienen. 12: Immer wieder betont der Apostel, daß beim Gottesdienst der Gemeinde in erster Linie der Nutzen der Gesamtheit zu erstreben ist, nicht bloß private Ergriffenheit. Liturgie ist Gemeinschaftsdienst vor Gott. 13 Wer daher „in Sprachen redet“, der bitte um die Gabe der Auslegung. 14 Denn wenn ich „in Sprachen bete“, so betet zwar mein Geist, aber mein Verstand bleibt ohne Frucht. 15 Was folgt daraus? Ich will mit dem Geiste beten, aber ich will auch mit dem Verstande beten; ich will singen mit dem Geiste, aber ich will auch mit dem Verstande singen. 16 Sonst, wenn du mit dem Geiste lobpreisest, wie soll der unkundige Laie zu deiner Lobpreisung das Amen sagen? Er weiß ja nicht, was du sagst. 17 Du sprichst zwar ein schönes Dankgebet; aber der andere wird nicht erbaut. 18 Ich danke Gott, daß ich mehr die Sprachengabe besitze als ihr alle. 19 Aber in der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit einem Verstande reden, um auch andere zu belehren, als zehntausend Worte „in Sprachen“. 20 Brüder, seid keine Kinder im Denken. In der Bosheit seid kleine Kinder, im Urteil aber Erwachsene. 21 Im Gesetz steht geschrieben: In fremden Sprachen und mit fremden Lippen will ich zu diesem Volke reden; aber auch so werden sie mir kein Gehör schenken, spricht der Herr (Is 28,11). 21: Den übermütigen Spöttern drohte Gott im Alten Bund seine Strafe in der Sprache der Feinde an, aber umsonst. So wird der Unglaube durch die Sprachengabe bestärkt: den Gläubigen aber ist solch ein Zeichen nicht nötig. 22 Demnach ist die Sprachengabe zum Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die Prophetengabe aber nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen. 23 Wenn also die ganze Gemeinde sich versammelt und alle „in Sprachen reden“, und es kommen dann Nichteingeweihte oder Ungläubige hinein, werden sie nicht sagen, daß ihr von Sinnen seid? 24 Wenn aber alle prophetisch reden, und es kommt ein Ungläubiger oder Nichteingeweihter dazu, so wird er von allen überführt, von allen beurteilt, 25 das Verborgene seines Herzens wird offenbar; er wird niederfallen auf sein Angesicht, wird Gott anbeten und bekennen: Wahrhaftig, Gott ist unter euch!

 

Vorschriften über die richtige Anwendung der Geistesgaben. 26 Was ist also zu tun, Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, hat jeder einen Psalm oder eine Lehre oder eine Offenbarung oder die Sprachengabe oder die Auslegung; da gilt: Alles geschehe zur Erbauung. 27 Redet jemand „in Sprachen“, so sollen es nur zwei tun oder höchstens drei, und zwar nacheinander, und einer gebe die Auslegung. 28 Ist aber kein Ausleger da, so schweige jener in der Versammlung; er rede mit sich und Gott. 29 Propheten mögen zwei oder drei sprechen, und die übrigen mögen es beurteilen. 30 Wenn aber einem andern, der noch dasitzt, eine Offenbarung zuteil wird, so soll der erste schweigen. 31 Denn ihr könnt alle der Reihe nach prophetisch reden, damit alle lernen und alle ermahnt werden. 32 Und Prophetengeister sind Propheten untertan. 33 Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens. So soll es gelten in allen Gemeinden der Heiligen. 26-33: Während heute mit allen Mitteln versucht werden muß, die Laien zum aktiven Anteil am Gemeindegottesdienst zu bringen, mußten der Begeisterung der ersten Christen straffe Zügel durch Vorschriften angelegt werden, wie sie Paulus hier gibt.

 

34 Die Frauen sollen in den Versammlungen schweigen. Denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. 35 Wollen sie aber sich über etwas unterweisen lassen, so mögen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es steht der Frau übel an, in der Gemeindeversammlung zu reden. 36 Oder ist etwa von euch Gottes Wort ausgegangen? Oder ist es zu euch allen gekommen? 34-36: Die Frauen dürfen und sollen sich aktiv am Gottesdienst beteiligen (vgl. 11,5-16). Nicht darauf bezieht sich das Schweigegebot. Aber das endlose Disputieren (vgl. 14,29-33) und ungezügelte Fragestellen sowie das amtliche Lehren, das „Reden von der Kanzel herab“ beim allgemeinen Gottesdienst verwehrt Paulus den Frauen, weil es dem Feinsten und Tiefsten in der Frauenseele widerstreitet und zugleich Störung hervorruft. 37 Wenn jemand meint, Prophet zu sein oder eine andere Geistesgabe zu besitzen, so anerkenne er, daß dies, was ich euch schreibe, ein Gebot des Herrn ist. 38 Wer es aber nicht anerkennt, der wird auch nicht anerkannt werden. 39 Also, meine Brüder, strebt nach der Prophetengabe, und das Sprachenreden hindert. 40 Alles aber geschehe mit Anstand und Ordnung.

 

Die Auferstehung Christi und unsere Auferstehung

15 Tatsache der Auferstehung des Herrn. Ich mache euch, Brüder, aufmerksam auf die Heilsbotschaft, die ich euch verkündet habe. Ihr habt sie angenommen, ihr steht in ihr fest. Durch sie werdet ihr gerettet, wenn ihr sie genauso festhaltet, wie ich sie euch verkündet habe. Sonst hättet ihr ja vergebens geglaubt. Ich habe euch nämlich vor allem vorgetragen, was ich auch selber überkommen habe, nämlich, daß Christus für unsere Sünden gestorben ist gemäß der Schrift, daß er begraben worden und am dritten Tage wieder auferstanden ist gemäß der Schrift, daß er dem Kephas erschienen ist und danach den Zwölfen. Hierauf ist er mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal erschienen, von denen die Mehrzahl jetzt noch am Leben ist, während einige entschlafen sind. Weiter ist er dem Jakobus erschienen, dann sämtlichen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch mir erschienen, der ich doch gleichsam eine Mißgeburt bin. Denn ich, ich bin der geringste unter den Aposteln, nicht wert, Apostel zu heißen, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. 10 Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin, und seine mir geschenkte Gnade ist nicht unwirksam gewesen, sondern ich habe mehr als sie alle gearbeitet, doch nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir. 11 Ob ich oder sie — also predigen wir, und also habt ihr geglaubt. 1-11: Der Bericht des Apostels über die Auferstehung Jesu ist keine Legende oder Privatmeinung, sondern ein durch viele Zeugen erhärteter Beweis für einen geschichtlichen Vorgang der jüngsten Vergangenheit, ein Hauptstück des urchristlichen Glaubensbekenntnisses.

 

Bedeutung der Auferstehung Christi für uns. 12 Wenn aber gepredigt wird, daß Christus von den Toten auferstanden ist, wie behaupten dann einige von euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? 13 Gibt es aber keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. 14 Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, so ist unsere Predigt ohne Sinn, ohne Sinn auch euer Glaube. 15 Dann sind wir als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt haben, daß er Christus auferweckt habe, den er nicht auferweckt hat, wenn nämlich Tote nicht auferstehen. 16 Denn wenn Tote nicht auferstehen, so ist auch Christus nicht auferstanden. 17 Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, so ist euer Glaube nichtig; dann seid ihr noch in euren Sünden. 18 Dann sind auch die in Christus Entschlafenen verloren. 19 Wenn wir bloß in diesem Leben auf Christus unsere Hoffnung setzen, so sind wir bejammernswerter als alle Menschen. 12-19: Weil Christus und die Christen eine einzige mystische Person bilden, so haben die Glieder teil am Geschick des Hauptes. Leugnet also jemand die allgemeine leibliche Auferstehung, so muß er auch die Auferstehung Christi leugnen. 20 Nun aber ist Christus von den Toten auferstanden als Erstling der Entschlafenen. 21 Denn weil durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Und gleichwie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle belebt werden. 23 Ein jeder aber, wenn die Reihe an ihm ist, als Erstling Christus, dann die, welche Christus angehören, bei seiner Wiederkunft. 24 Hierauf ist das Ende, wenn er das Reich Gottes dem Vater übergibt, nachdem er jede Herrschaft, Macht und Gewalt vernichtet hat. 25 Denn er muß herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. 26 Als letzter Feind wird der Tod vernichtet. 27 Denn alles hat er seinen Füßen unterworfen (Ps 8, 8). Wenn er aber erklärt: Alles ist unterworfen, so ist offenbar der ausgenommen, welcher ihm alles unterworfen hat. 28 Wenn ihm aber alles unterworfen ist, dann wird auch der Sohn sich selbst dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, auf daß Gott sei alles in allem. 20-28: Diese herrliche Schilderung der jenseitigen Vollendung nennt man die „Apokalypse des hl. Paulus“. Die „christliche Zeit“ geht über in die ewige Seligkeit bei dem dreieinigen Gott.

 

Folgen der Leugnung der Auferstehung. 29 Was wollen sonst die tun, welche in Stellvertretung für die Toten sich taufen lassen? Wenn überhaupt Tote nicht auferstehen, wozu lassen sie sich noch taufen in Stellvertretung für dieselben? 29: Die stellvertretende Taufe ist zwecklos. Paulus knüpft nur an diesen Mißbrauch seine Darlegung an, ohne ihn gutzuheißen, 30 Wozu setzen wir uns stündlich der Gefahr aus? 31 Täglich sterbe ich, so wahr ihr mein Ruhm seid, Brüder, den ich habe in Jesus Christus, unserem Herrn. 32 Wenn ich nur nach Menschenart in Ephesus mit wilden Tieren gekämpft habe — was nützt es mir, wenn Tote nicht auferstehen? Laßt uns dann essen und trinken, denn morgen sind wir tot! 32: Paulus gebraucht wohl den Ausdruck „wilde Tiere“ bildlich von den verrohten Feinden. 33 Laßt euch nicht irreführen! Böser Umgang verdirbt gute Sitten. 34 Werdet gründlich nüchtern und sündigt nicht! Denn einigen mangelt es an Erkenntnis Gottes; zu eurer Beschämung sage ich es.

 

Beschaffenheit unserer Auferstehung. 35 Aber es könnte einer sagen: Wie stehen die Toten auf? Mit was für einem Leibe kommen sie zum Vorschein? 36 Du Tor! Was du säest, keimt nicht auf, wenn es nicht zuvor abstirbt. 37 Und wenn du säest, säest du nicht die Pflanze, die erst werden soll, sondern ein bloßes Korn, etwa ein Weizen- oder ein anderes Samenkorn. 38 Gott aber gibt ihm einen Körper, so wie er will, und einer jeden Samenart einen eigenen Körper. 39 Nicht alles Fleisch ist dasselbe Fleisch; vielmehr ein anderes ist das Fleisch der Menschen, ein anderes das der Vierfüßler, anders das der Vögel, anders das der Fische. 40 So gibt es auch himmlische Körper und irdische Körper; aber anders ist der Glanz der himmlischen, anders derjenige der irdischen. 41 Anders ist der Glanz der Sonne, anders der Glanz des Mondes, anders der Glanz der Gestirne; denn Stern unterscheidet sich von Stern an Glanz. 42 So ist's auch mit der Auferstehung der Toten. Gesät wird in Verweslichkeit, auferweckt in Unverweslichkeit. 43 Gesät wird in Häßlichkeit, auferweckt in Herrlichkeit. Gesät wird in Hinfälligkeit, auferweckt in Kraft. 44 Gesät wird ein sinnlicher Leib, auferweckt ein vergeistigter Leib. Wenn es einen sinnlichen Leib gibt, so gibt es auch einen geistigen Leib. 45 Also steht geschrieben: Der erste Mensch, Adam ward zum lebenden Wesen (1 Mos 2,7), der letzte Adam ward zum lebendigmachenden Geist. 46 Freilich ist das Geistige nicht das Erste, sondern zuerst das Sinnliche, dann das Geistige. 47 Der erste Mensch ist aus der Erde, ist Staub, der zweite Mensch ist vom Himmel [ist himmlisch]. 48 Wie der Irdische, so auch die Irdischen, und wie der Himmlische, so auch die Himmlischen. 49 Wie wir daher das Bild des Irdischen getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen. 35-49: An Beispielen aus der Natur erläutert der Apostel die Möglichkeit der leiblichen Auferstehung und weist auf die Eigenschaften des Auferstehungsleibes hin, wie sie am verklärten Leibe Christi offenbar wurden.

 

50 Das aber versichere ich, Brüder: Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben, so wenig die Verwesung erbt die Unverweslichkeit. 51 Sehet, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden zwar nicht alle entschlafen, wohl aber werden wir alle verwandelt werden. 51: Im Lateinischen lautet der Vers: „Alle werden wir zwar auferstehen, aber nicht alle verwandelt werden.“ Daraus wollte man schließen, vor dem letzten Gericht müßte das dann noch lebende Geschlecht für kurze Zeit sterben, um auferstehen zu können. Der Urtext verbietet diese Schlußfolgerung. 52 Plötzlich, in einem Augenblick, auf den Schall der letzten Posaune; diese wird ertönen, und die Toten werden unverweslich auferstehen, und wir werden verwandelt werden. 53 Dieses Verwesliche nämlich muß anziehen Unverweslichkeit; und dieses Sterbliche muß anziehen Unsterblichkeit.

 

Dank an Christus, den Sieger über den Tod. 54 Wenn aber dieses Verwesliche Unverweslichkeit angezogen und dieses Sterbliche sich mit Unsterblichkeit umkleidet hat, dann wird das Wort der Schrift erfüllt werden: Verschlungen ist der Tod im Sieg (Is 25,8). 55 Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? (Os 13,14.) 56 Der Stachel des Todes ist die Sünde, die Macht der Sünde ist das Gesetz. 57 Gott sei Dank, der uns den Sieg verliehen hat durch unsern Herrn Jesus Christus. 58 Darum, meine lieben Brüder, seid fest, seid unerschütterlich, voll des Eifers im Werke des Herrn allezeit. Ihr wißt ja, daß eure Arbeit nicht vergeblich ist im Herrn. 58: Aus dem Jenseitsglauben wächst der Mut zur rechten Lebensgestaltung auf Erden. Er schafft Helden.

 

Schluß

16 Sammlung für die Gemeinde in Jerusalem. Was die Sammlung für die Heiligen betrifft, macht es ebenso, wie ich es für die Gemeinden von Galatien angeordnet habe. An jedem ersten Tage der Woche lege ein jeder von euch daheim zurück, was ihm gutdünkt, damit nicht erst bei meiner Ankunft gesammelt zu werden braucht. 2: Der Sonntag wurde schon in der Urkirche als „Tag des Herrn“ gefeiert, d. h. als Tag des verklärten Christus. Vgl. Offb 1,10. Bin ich dann da, so will ich jene, die ihr für geeignet haltet, mit Empfehlungsschreiben abschicken, damit sie eure Liebesgaben nach Jerusalem bringen. Lohnt es sich, daß auch ich reise, so sollen sie mit mir reisen.

 

Reiseplan. Ich werde zu euch kommen, sobald ich die Reise durch Mazedonien beendet habe; denn Mazedonien wird für mich nur Durchgangsland sein. Bei euch aber werde ich vielleicht bleiben oder auch den Winter zubringen, damit ihr mir die Missionsreise in sorgfältiger Vorbereitung unterstützet. Ich will euch nämlich jetzt nicht nur im Vorbeigehen sehen, ich hoffe vielmehr, einige Zeit bei euch zu verweilen, wenn es dem Herrn gefällt. In Ephesus werde ich bis Pfingsten bleiben. Denn eine große vielversprechende Türe hat sich mir aufgetan; doch auch der Widersacher sind viele.

 

Timotheus und Apollos. 10 Wenn aber Timotheus kommt, so sehet zu, daß er nicht eingeschüchtert wird unter euch; denn er arbeitet am Werke des Herrn wie ich. 11 Niemand also verachte ihn; geleitet ihn vielmehr in Frieden, daß er zu mir komme; denn ich erwarte ihn mit den Brüdern. 12 Von dem Mitbruder Apollos tue ich euch kund, daß ich ihn dringend gebeten habe, mit den Brüdern zu euch zu gehen. Indes er war durchaus nicht gewillt, jetzt zu gehen; er wird jedoch kommen, sobald es ihm gelegen ist.

 

Schlußermahnungen. 13 Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid Männer, seid stark. 14 Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. 15 Ich habe noch eine Ermahnung an euch, Brüder: Ihr kennet die Familie des Stephanus [des Fortunatus und Achaikus]. Ihr wisset, daß sie die Erstlingsfrucht Achajas ist und daß sie sich der Dienstleistung an den Heiligen zur Verfügung gestellt haben. 16 Ordnet auch ihr euch solchen unter und allen, welche mitwirken und arbeiten. 17 Ich freue mich über die Anwesenheit des Stephanas Fortunatus und Achaikus, weil sie den Mangel eurer Gegenwart ersetzt haben. 18 Denn sie haben meinen Geist erquickt und den eurigen. Solche Männer haltet in Ehren.

 

Grüße: 19 Es grüßen euch die Gemeinden von Asien. Auch grüßen euch vielmals im Herrn Aquila und Priska samt der Gemeinde in ihrem Hause [bei denen ich auch Obdach habe]. 20 Es grüßen alle Brüder. Grüßet einander mit heiligem Kusse. 21 Hier den Gruß von meiner, des Paulus, Hand! 21: Die eigenhändige Unterschrift galt zugleich als Beglaubigung. 22 Wenn jemand unsern Herrn Jesus Christus nicht liebt, der sei verflucht. Maran atha. 22: Maran atha ist ein altchristlicher Spruch, er wird übersetzt: Der Herr kommt; oder: Unser Herr komme! 23 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch. 24 Meine Liebe gehört euch allen in Christus Jesus. [Amen.]

 

 

Der zweite Brief an die Korinther

Einleitung

Bald nach der Absendung unseres ersten Briefes an die Korinther mußte Paulus Ephesus verlassen, weil die Innung der Silberschmiede einen Aufstand gegen ihn anzettelte. In Mazedonien traf er mit Titus zusammen, der ihm Nachrichten aus Korinth brachte. Bei der Mehrheit der Gemeinde herrschte tiefes Bedauern, dem geliebten geistlichen Vater so großen Kummer bereitet zu haben. Die Gemeinde sehnte sich nach seinem Besuch. Durch judenchristliche Hetzer aber wurden allerlei Verdächtigungen und Verleumdungen gegen ihn ausgestreut und fanden bei manchen offenes Gehör. Das Hilfswerk für die Armen in Jerusalem stockte. Die Freiheitsschwärmer fuhren fort mit ihrer ärgerniserregenden Verletzung des christlichen Sittengesetzes. Bei dieser Lage der Dinge hätte ein sofortiges persönliches Erscheinen und Eingreifen des Apostels in Korinth leider zu einer Katastrophe führen können. Darum sandte Paulus, um seinen Besuch vorzubereiten, den Titus mit zwei Begleitern nach Korinth zurück und gab ihnen unseren zweiten Korintherbrief mit. Der erste Teil ist der Selbstverteidigung des Apostels gewidmet (1,12-7,16). Im zweiten wird das Hilfswerk für Jerusalem empfohlen (8,1-9,15). Der dritte Teil stellt eine scharfe Abrechnung mit den judaistischen Gegnern und den Unbußfertigen dar (10,1-13,10).

 

Der Brief wurde etwa ein halbes Jahr nach dem ersten Korintherbrief geschrieben, im Herbst 57. Liegt die Bedeutung des ersten Schreibens in dem Aufschluß über urchristliches Gemeindeleben, so verdanken wir diesem zweiten Brief die wertvollsten Selbstbekenntnisse des Apostels.

 

1 Gruß und Lobpreis Gottes. Paulus, durch Gottes Willen Apostel Jesu Christi, und der Bruder Timotheus grüßen die Gemeinde Gottes zu Korinth samt allen Heiligen in ganz Achaja. 4: Zu trösten versteht am besten, wer selber durch tiefes Leid hindurchgegangen ist und auf dem Weg des Kreuzes Gott näherkam. Gnade wünsche ich euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

 

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Erbarmungen und der Gott alles Trostes, der uns tröstet in all unserer Trübsal, damit wir wiederum diejenigen, welche in allerlei Bedrängnis sind, trösten können eben mit dem Troste, mit dem wir selbst getröstet werden von Gott. Denn gleichwie die Leiden Christi sich reichlich über uns ergießen, so strömt auch durch Christus reichlicher Trost auf uns. Sei es nun, daß wir bedrängt werden, so geschieht es zu eurem Trost und Heil; sei es, daß wir getröstet werden, so geschieht es ebenfalls zu eurem Troste. Dieser erweist sich wirksam im standhaften Ertragen derselben Leiden, die auch wir erdulden. So steht unsere Hoffnung fest für euch; wir sind überzeugt, daß ihr, wie an unsern Leiden, so auch an unserem Troste Anteil habt. Denn wir wollen euch, Brüder, nicht in Unkenntnis lassen über die Trübsal, die uns in Asien widerfahren ist. Da sind wir über die Maßen und über unsere Kraft bedrängt worden, so daß wir sogar am Leben verzweifelten. Ja, wir hatten uns schon das Todesurteil gesprochen, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt. 10 Aus so bitterer Todesnot hat er uns errettet und wird uns auch ferner retten. Auf ihn haben wir die Hoffnung gesetzt, daß er uns auch fürderhin retten wird. 11 Ihr helft ja mit durch eure Fürbitte für uns, damit aus dem Munde vieler in unserem Namen für die uns erwiesene Gnade ein vielfacher Dank erstattet werde.

 

Selbstverteidigung gegen feindliche Anklagen

 

Gegen den Vorwurf der Unbeständigkeit

Lauterkeit seines Wirkens. 12 Unser Ruhm ist das Zeugnis unseres Gewissens, das Bewußtsein, daß wir in gottgefälliger Heiligkeit und Lauterkeit, nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes gewandelt sind in der Welt, ganz besonders aber euch gegenüber. 13 Wir schreiben euch ja nichts anderes als das, was ihr leset und verstehet. Ich hoffe aber, 14 ihr werdet die gute Meinung bis ans Ende bewahren, die ihr zum Teil wenigstens von uns gehegt habt, und werdet erkennen, daß wir euer Ruhm sind, wie auch ihr der unsrige am Tage unseres Herrn Jesus [Christus].

 

Verteidigung wegen Änderung des Reiseplans. 15 In dieser Zuversicht wollte ich früher zu euch kommen, damit ihr einen zweiten Hulderweis empfinget, 16 und bei euch durchreisen nach Mazedonien, dann wieder von Mazedonien zu euch kommen und von euch mir das Geleite nach Judäa geben lassen. 17 Habe ich nun etwa, als ich mir solches vornahm, leichtfertig gehandelt? Oder beschließe ich, was ich beschließe, in fleischlicher Weise, so daß es bei mir ja, ja und (zugleich) nein, nein heißt? 18 So wahr Gott treu ist, unsere Rede an euch ist nicht Ja und Nein zugleich. 15-18: Die Änderung des Reiseplanes benutzten die Gegner, um den Apostel als unwahrhaftigen, wankelmütigen Menschen zu verdächtigen. 19 Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns verkündet wurde, durch mich, Silvanus und Timotheus, war nicht Ja und Nein, sondern in ihm ist das Ja Wirklichkeit geworden. 20 Denn alle Verheißungen Gottes, so viele es gibt, sind in ihm zum Ja geworden und durch ihn auch zum Amen, Gott zur Ehre durch uns. 19-20: Die göttlichen Verheißungen sind in Christus Ja geworden, d. h. an ihm bejaht, bestätigt und erfüllt worden. 20: Die ganze Gemeinde bekennt ihren Glauben an Christus, das göttliche Amen, wenn sie beim Gottesdienst Amen spricht und so Gott die Ehre gibt durch ihr „Ja und Amen in der Kirche“. 21 Gott ist es, der uns samt euch in Christus befestigt, der uns gesalbt, 22 der uns auch das Siegel aufgeprägt und den Geist als Angeld in unsere Herzen gegeben hat.

 

Grund des Nichtkommens. 23 Ich aber rufe Gott zum Zeugen an — bei meiner Seele! —, daß ich aus Schonung gegen euch nicht mehr nach Korinth kam. 24 Nicht meine ich damit, daß wir euren Glauben meistern wollen, denn im Glauben steht ihr fest; nein, Mitarbeiter an eurer Freude sind wir.

 

So entschied ich mich dahin, nicht wieder in Betrübnis zu euch zu kommen. Denn wenn ich euch betrübe, wer ist dann noch, der mich erfreut? Doch nur der, den ich in Betrübnis versetzte. Geschrieben habe ich euch eben das, damit ich nicht bei meiner Anwesenheit Betrübnis erleide von denen, von welchen ich hätte Freude erfahren müssen; hege ich ja doch die Zuversicht zu euch allen, daß meine Freude euer aller Freude ist. Denn aus vieler Trübsal und Beklemmung des Herzens heraus schrieb ich euch, unter vielen Tränen, nicht um euch wehe zu tun, sondern damit ihr die Liebe erkennen möchtet, die ich vorzugsweise zu euch hege. 1,23-2,4: Nicht aus Wankelmut, sondern aus schonender Liebe wurde der Besuch hinausgeschoben.

 

Dem Reuigen soll verziehen werden. Wenn aber einer Betrübnis verursacht hat, so hat er nicht mich betrübt, sondern teilweise — um nicht zuviel zu sagen — euch alle. Es genügt für den Betreffenden diese Bestrafung durch die Mehrheit. Nun mögt ihr im Gegenteil lieber verzeihen und ihn trösten, damit nicht der Sünder durch übermäßige Betrübnis untergehe. Deshalb ermahne ich euch, Liebe gegen ihn walten zu lassen. Denn zu diesem Zwecke habe ich euch geschrieben, um eure Gesinnung zu prüfen, ob ihr in allem gehorsam wäret. 10 Wenn ihr aber etwas verzeihet, dem verzeihe auch ich; denn meine Verzeihung, wenn ich überhaupt etwas zu vergeben hatte, ist geschehen um euretwillen im Angesichte Christi, 11 damit wir nicht vom Satan überlistet würden, seine Schliche sind uns ja nicht unbekannt. 5-11: Der reuige Sünder scheint nicht der 1 Kor 5,1-13 erwähnte Blutschänder zu sein, sondern ein Mitglied der Gemeinde, das den Apostel schwer beleidigt hatte. Das 2, 3, 9 erwähnte Schreiben ist wohl verlorengegangen. 12 Als ich zur Verkündigung der Frohbotschaft Christi nach Troas kam, tat sich mir eine Türe im Herrn auf. 13 Ich hatte doch keine Ruhe in meinem Innern, weil ich meinen Mitbruder Titus nicht vorfand. Ich nahm daher von ihnen Abschied und zog nach Mazedonien. 14 Gott sei Dank, der uns allzeit in Christus [Jesus] triumphieren läßt und durch uns den Wohlgeruch seiner Erkenntnis allerwärts verbreitet. 15 Denn Christi Wohlgeruch sind wir für Gott unter denen, welche selig werden, und bei denen, welche verlorengehen, 16 den einen ein Geruch des Todes, der den Tod bringt, den andern ein Geruch des Lebens, der das Leben bringt. Und wer ist dazu geeignet? 15-16: Wie die gleiche Medizin dem einen Heilung bringt, dem andern Tod, so ist es mit dem Wirken der Glaubensboten. Vgl. Lk 2,34-35. Ähnlich sagt die Liturgie im „Lauda Sion“ vom Genuß der heiligen Eucharistie: „Bösen wird es Tod und Hölle — Guten ihres Lebens Quelle — So verschieden wirkt dies Brot.“ Die seelische Verfassung des Menschen ist dabei entscheidend. 17 Wir sind nämlich nicht, wie so viele, Verschacherer des Wortes Gottes, sondern aus lauterer Gesinnung, wie einer, der aus Gott redet, reden wir vor Gott in Christus.

 

Erhabenheit des Apostelamtes

Fangen wir an, uns wieder selbst zu empfehlen? Oder brauchen wir etwa, wie gewisse Leute, Empfehlungsbriefe an euch oder von euch? Unser Empfehlungsbrief seid ihr, uns ins Herz hineingeschrieben, gekannt und gelesen von allen Menschen. Ihr seid offensichtlich ein Brief Christi, ausgefertigt von uns und geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln des Herzens.

 

Ein solches Vertrauen haben wir durch Christus zu Gott, nicht als ob wir tüchtig wären, von uns selbst etwas zu ersinnen wie aus eigener Kraft, sondern unsere Tüchtigkeit ist aus Gott. Er hat uns auch dazu befähigt, Diener des Neuen Bundes zu sein, der nicht durch Buchstaben, sondern durch den Geist geschlossen ist. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. Wenn nun der Dienst des Todes, der in Buchstaben auf Steinen eingemeißelt war, schon eine solche Herrlichkeit hatte, daß die Israeliten nicht Moses in das Angesicht schauen konnten wegen des Glanzes seines Antlitzes, der doch verging, — wie wird nicht viel mehr der Dienst des Geistes voll Herrlichkeit sein? Denn wenn der Dienst der Verdammung herrlich war, so ist noch vielmehr der Dienst der Gerechtigkeit überreich an Herrlichkeit. 4-9: Als Diener des Neuen Bundes steht der Apostel hoch über Moses; denn der Alte Bund war auf den Buchstaben des Gesetzes gegründet, im Neuen Bund dagegen herrscht der Geist Gottes. Dort Tod, hier Leben.

 

Vorzug des Neuen Bundes. 10 Ja, was dort verherrlicht war, war im Vergleich hierzu so gut wie nicht verherrlicht wegen der überschwenglichen Herrlichkeit. 11 Denn wenn das Vergängliche herrlich war, so wird noch viel mehr das Bleibende voll Herrlichkeit sein. 10-11: Der Stern des altbundlichen Gesetzes mußte trotz seiner strahlenden Schönheit erblassen, als die Sonne des Neuen Bundes in Christus aufging. 12 Da wir nun eine solche Hoffnung haben, beweisen wir großen Freimut. 13 Wir machen es nicht so wie Moses, der eine Hülle über sein Angesicht legte, damit die Israeliten das schließliche Verschwinden des Vergänglichen (Lichtglanzes) nicht sehen sollten. 14 Aber ihr Sinn ward verhärtet. Denn bis auf den heutigen Tag bleibt dieselbe Hülle bei der Vorlesung des Alten Bundes liegen, ohne daß es sich dabei enthüllt, daß er (der Alte Bund) in Christus sein Ende gefunden hat. 15 Ja, bis auf den heutigen Tag liegt eine Decke auf ihren Herzen, wenn Moses gelesen wird. 16 Sobald sich aber Israel zum Herrn bekehrt, wird die Decke weggenommen. 17 Der Herr ist der Geist, wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. 18 Und wir alle schauen die Herrlichkeit des Herrn unverhüllt und werden umgestaltet in dasselbe Bild von Klarheit zu Klarheit, wie das der Wirkung entspricht, die vom Herrn, vom Geiste ausgeht. 12-18: Ein Apostel braucht nicht wie Moses das Schwinden des Glanzes zu verhüllen. Die Hülle des Moses ist ein Sinnbild der Verstocktheit der Juden. Am Karfreitag betet die Kirche, Gott möge die Hülle von ihren Herzen nehmen und sie zum Glauben an Christus gelangen lassen.

 

4 Der Apostel und sein Dienst. Darum, weil wir dieses Amt bekleiden durch die Barmherzigkeit, die uns zuteil geworden, verlieren wir den Mut nicht. Wir versagen uns schändliche, heimliche Kunstgriffe; nicht wandeln wir in Arglist, noch verfälschen wir das Wort Gottes; wir empfehlen uns vielmehr durch Offenbarung der Wahrheit jedem menschlichen Gewissen vor Gottes Angesicht. Wenn indes wirklich unsere Heilsverkündigung verhüllt ist, so ist sie nur bei denen verhüllt, die verloren gehen, bei den Ungläubigen, deren Sinn der Gott dieser Welt verblendet hat, damit ihnen nicht erstrahle der Lichtglanz der Frohbotschaft von der Herrlichkeit Christi, welcher das Ebenbild Gottes ist. Denn nicht uns selbst verkünden wir, sondern Christus Jesus als den Herrn, uns aber als eure Diener um Jesu willen. Denn Gott, welcher befahl, daß aus Finsternis Licht leuchte, er hat auch in unsern Herzen das Licht aufleuchten lassen, damit strahlend aufgehe die Erkenntnis der Herrlichkeit (Gottes im Antlitz [Jesu] Christi. 1-6. Bekenner Christi brauchen die Wahrheit nicht zu fürchten und das Licht nicht zu scheuen. Als Künder der Wahrheit dienen sie Christus, der das Licht der Welt ist. In ihm ist Gottes Herrlichkeit in menschlichem Antlitz sichtbar geworden. Jeder Christ soll für die andern ein Transparent Christi sein.

 

Bekenntnis der eigenen Schwäche Wir tragen jedoch diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwengliche Fülle der Kraft nicht uns, sondern Gott beigemessen werde. Allenthalben sind wir bedrängt, aber nicht erdrückt, im Zweifel, aber nicht in Verzweiflung. Wir werden verfolgt, fühlen uns aber nicht verlassen, niedergeworfen, aber keineswegs umgebracht. 10 Immerdar tragen wir das Todesleiden Jesu an unserm Leibe herum, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde. 11 Immerdar werden wir, die wir leben, dem Tode preisgegeben um Jesu willen, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleische offenbar werde. 12 So ist in uns der Tod mächtig, das Leben aber in euch. 12: Die Todesnot des Apostels um Christi willen vermittelt den Gläubigen den Zugang zum Leben in Christus.

 

Trost im Leiden. 13 Da wir aber denselben Glaubensgeist besitzen, wie ihn das Schriftwort bezeugt: Ich glaubte, darum redete ich (Ps 116,1), so glauben auch wir, und darum reden wir auch. 14 Dies tun wir in der Überzeugung, daß der, welcher den Herrn Jesus auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken und mit euch darstellen wird. 15 Denn alles geschieht um euretwillen, damit die Gnade sich mehre mit der Zahl (der Begnadeten) und so die Danksagung sich steigere zur Ehre Gottes. 16 Daher verlieren wir den Mut nicht, sondern wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. 17 Denn die leichte Not des Augenblicks erwirkt uns eine überschwengliche, ewige, alles überwiegende Herrlichkeit, 18 wenn wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare unsere Blicke richten. Denn das Sichtbare ist bloß zeitlich, das Unsichtbare aber ewig. 7-18: Alle äußeren Leiden und Verfolgungen können den inneren Widerstand dessen nicht brechen, in dem Christus lebt und wirkt. Wenn der Blick aufs Ewige gerichtet ist, verlieren zeitliche Drangsale ihre Schrecken.

 

Denn wir sind gewiß, daß, wenn dieses unser irdisches Gezelt abgebrochen wird, wir einen Bau von Gott empfangen, ein nicht mit Händen gemachtes, ewiges Wohnhaus im Himmel. 1: Der Leib ist das vergängliche Zelt der Seele, ihr irdisches Kleid. Im Himmel hat uns Gott eine ewige Wohnung bereitet und ein herrliches Festkleid. Die Seele sehnt sich danach, aber der Abbruch des Erdenzeltes und das Ausziehen des irdischen Kleides, der leibliche Tod, bleibt etwas Schmerzliches. Diese Stelle hat in der Präfation der Totenmesse Verwendung gefunden. Eben darum seufzen wir voll Verlangen, mit unserer himmlischen Wohnung überkleidet zu werden, da wir nur dann, wenn wir sie angezogen haben, nicht entblößt befunden werden. 3: Vorausgesetzt, daß der Herr schon zum Gericht kommt, solange wir noch mit dem irdischen Körper bekleidet (also noch lebend) und nicht bereits vom Leibe entblößt (also gestorben) sind. Im letzteren Fall hätten wir das Kleid des Leibes gar nicht mehr, könnten also nicht „über“kleidet werden. Freilich wäre ihm, wie er in V. 4 sagt, das erstere lieber, wenn, nämlich noch zu seinen Lebzeiten der jüngste Tag käme und er dann gleich mit dem unsterblichen Leibe überkleidet würde, ohne daß zuvor die gewaltsame Trennung des Leibes von der Seele eintreten müßte. Ja, in dieser Hütte seufzen wir beklommen, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche vom Leben verschlungen werde. Der uns aber dazu bereitet, ist Gott, der uns auch den Geist als Angeld gegeben hat. Deswegen sind wir allezeit voll Zuversicht. Wir wissen ja: Solange wir im Leibe sind, sind wir Pilger, fern vom Herrn. Denn im Glauben wandeln wir und nicht im Schauen. Ja, wir haben guten Mut und wünschen lieber auszuziehen aus dem Leibe und bei dem Herrn Heimat zu finden. 7-8: Dieser Satz spendet Trost und Kraft und lehrt die einzig richtige „Weltanschauung“. Daher befleißigen wir uns auch, in der Fremde wie daheim, ihm zu gefallen. 10 Denn wir alle müssen erscheinen vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeder, je nachdem er während seines Lebens im Leibe Gutes oder Böses tat, seine Vergeltung empfange.

 

Alles aus Liebe zu Christus 11 Da wir also mit der Furcht des Herrn vertraut sind, reden wir den Menschen zu, Gott sind wir schon bekannt; ich hoffe aber, daß wir auch in eurem Gewissen erkannt sind. 12 Wir wollen uns damit nicht wieder empfehlen, sondern geben euch Gelegenheit, für uns ein rühmendes Zeugnis abzulegen. Dann könnt ihr denen antworten, die ihren Ruhm im Äußeren und nicht im Innern suchen. 13 Denn mögen wir außer uns geraten, so geschieht es zur Ehre Gottes; oder mögen wir uns besonnen zeigen, so ist es zu eurem Nutzen. 14 Die Liebe Christi drängt uns ja, seitdem wir zu folgender Überzeugung gelangten: Ist einer für alle gestorben, so sind alle gestorben. 15 Er ist für alle gestorben, damit auch die, welche leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. 16 Daher kennen wir von nun an niemand dem Fleische nach; wenn wir einstmals Christus dem Fleische nach gekannt haben, so kennen wir ihn jetzt nicht mehr so. 16: Früher, vor seiner Bekehrung, kannte der Apostel Christus nur dem Fleische nach, beurteilte ihn nach den fleischlichen Gesichtspunkten eines ungläubigen Juden; jetzt hat er die wahre Kenntnis von ihm, kennt ihn als den von den Toten Auferstandenen, als den wahren Erlöser und Urheber des neuen Lebens. Die Eingliederung in Christus bei der Taufe ist eine wahre Neuschöpfung des Menschen. 17 Wer somit in Christus ist, ist ein neues Geschöpf; das Alte ist vergangen, siehe, etwas Neues ist geworden. 18 Das alles kommt von Gott, er hat uns mit sich versöhnt durch Christus und uns das Amt der Versöhnung übertragen. 1l-18: Die Gegner spotteten, wenn Paulus in unbegrenztem Seeleneifer außer sich geriet. Die Parole „Nur nichts übertreiben“, war stets denen eigen, die nicht von Christusliebe, sondern von berechnender Eigenliebe geleitet werden und darum fürchten, das Leben könne „ungemütlich“ werden. 19 Denn Gott ist es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt, den Menschen ihre Sünden nicht anrechnet und uns die Verkündigung der Versöhnung auferlegt hat. 20 An Christi Statt sind wir also gesandt, indem Gott durch uns ermahnt. Wir bitten an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott. 21 Er hat den, welcher von Sünde nichts wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gottes Gerechtigkeit darstellen. 18-21: Gott allein konnte die Erlösung herbeiführen. Es gibt keine Selbsterlösung. Aber der Mensch muß zum göttlichen Heilswillen sein freies Ja sprechen und sich erlösen lassen durch Christi stellvertretende Sühne.

 

6 Diener Gottes in Leid und Freud. Als Mitarbeiter ermahnen wir euch, daß ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfanget. Denn es heißt: Zur gnadenreichen Zeit erhörte ich dich, und am Tage des Heils half ich dir (Is 49,8). Seht, jetzt ist die gnadenreiche Zeit, seht, jetzt ist der Tag des Heils. Niemand wollen wir irgendeinen Anstoß geben, damit nicht unser Amt getadelt werde. Vielmehr wollen wir uns in allen Dingen als Gottes Diener erweisen durch viele Geduld in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, unter Schlägen, in Gefängissen, in Aufständen, in Mühen, in Nachtwachen, in Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Güte, im Heiligen Geiste, in aufrichtiger Liebe, durch wahrhaftige Lehre, in der Kraft Gottes, durch die Waffen der Gerechtigkeit zu Schutz und Trutz, bei Ehre und Schmach, bei schlechtem und gutem Ruf. Wir gelten als Betrüger und sind doch wahrhaftig, als unbekannte Persönlichkeiten und sind doch wohlbekannt, als Sterbende, und siehe, wir leben immer noch; als Gezüchtigte und sind doch noch nicht getötet. 10 Wir gelten als Trauernde und sind doch immer fröhlich, als Arme und machen doch viele reich, als solche, die nichts haben, und wir besitzen doch alles. 1-10: Paulus hat hier ein Selbstbildnis gezeichnet, das uns in einzelnen Zügen in vielen Heiligen entgegenstrahlt. Vers 10 sehen wir als Wirklichkeit beim Armen von Assisi, bei Elisabeth von Thüringen, Don Bosco, Bruder Konrad u. a.

 

Mahnungen und Warnungen

Warnung vor heidnischen Lastern. 11 Offen habe ich zu euch geredet, ihr Korinther; mein Herz hat sich weit aufgetan. 12 Ihr nehmt keinen engen Raum in uns ein; aber in euren Herzen ist es eng. 13 Vergeltet Gleiches mit Gleichem, erweitert ihr euer Herz; ich rede ja zu euch wie zu Kindern.

 

14 Ziehet nicht an einem Joche mit den Ungläubigen. Denn welche Gemeinschaft hat die Gerechtigkeit mit der Ungerechtigkeit? Oder wie kann sich Licht zu Finsternis gesellen? 15 Wie stimmt Christus mit Beliar überein? Oder was hat der Gläubige mit dem Ungläubigen zu tun? 16 Wie verträgt sich der Tempel Gottes mit Götzen? Denn wir sind der Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott bezeugt: Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein (3 Mos 26,12). 17 Darum gehet hinweg aus ihrer Mitte und sondert euch ab, spricht der Herr, und rühret nicht an, was unrein ist (Is 52,11). So werde ich euch aufnehmen 18 und werde euer Vater sein, und ihr werdet mir Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Allmächtige (2 Sm 7,14).

 

Da wir diese Verheißungen haben, Geliebteste, so laßt uns von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes uns reinigen und die Heiligung vollenden in der Furcht Gottes. 6,14-7,1: Vertrauter Verkehr mit der heidnischen Umgebung brachte den Christen große Gefahren, Ein kräftiger Trennungsstrich ist oft die einzige Rettung, also sittliche Pflicht.

 

Aussöhnung mit der Gemeinde Gebt uns Raum (in euren Herzen)! Wir haben niemandem unrecht getan, niemanden zugrunde gerichtet, niemanden übervorteilt. Das sage ich nicht, um euch anzuklagen. Denn ich habe schon vorhin gesagt, daß ihr in unsern Herzen seid, um im Tod und im Leben mit uns vereint zu bleiben. Groß ist meine Zuversicht zu euch; groß mein Rühmen über euch, erfüllt bin ich mit Trost, ich bin übervoll von Freude bei all unserer Trübsal.

 

Freude des Apostels über die Wirkung seines ersten Briefes. Hat doch auch, als wir nach Mazedonien kamen, unser Fleisch keine Ruhe gehabt, sondern wir erduldeten Trübsale aller Art; von außen Kämpfe, von innen Befürchtungen. Allein der, welcher die Niedergebeugten tröstet, Gott, tröstete uns durch die Ankunft des Titus. Doch nicht bloß durch seine Ankunft, sondern auch durch den Trost, den er bei euch gefunden. Er erzählte uns von eurer Sehnsucht, von eurer Trauer und von eurem Eifer für mich, so daß ich mich noch mehr freute. Wenn ich euch durch den Brief betrübt habe, so bereue ich es doch nicht. Und wenn es mich auch reute — ich sehe nämlich, daß jener Brief, obwohl nur auf kurze Zeit, euch betrübt hat —, so freue ich mich jetzt, nicht über eure Betrübnis, sondern weil die Betrübnis euch zur Ruhe geführt hat. Ihr seid ja in einer gottgefälligen Weise betrübt worden, so daß ihr durch uns in keiner Weise Schaden erlittet. 10 Denn gottgefällige Traurigkeit bewirkt heilsame Sinnesänderung, die keiner zu bereuen braucht; der Weltschmerz aber bewirkt Tod. 11 Sehet, eben eure gottgefällige Traurigkeit — welch große Sorgsamkeit hat sie in euch bewirkt, ja Entschuldigung, ja Entrüstung, Furcht, Sehnsucht, Eifer, Bestrafung. In allem habt ihr bewiesen, daß ihr unschuldig seid in dieser Angelegenheit. 10-11: Aus christlicher Reue wachsen sittliche Helden; denn sie ist das Zeichen innerer Kraft. Aus Weltschmerz gehen schwächliche Menschenverächter und feige Selbstmörder hervor. 12 Wenn ich euch also schrieb, so war es nicht wegen dessen, der unrecht getan hat, noch auch wegen dessen, der es erdulden mußte, sondern damit euer Eifer für uns offenbar werde unter euch vor Gott. 13 Deshalb sind wir getröstet. Zu diesem Trost hinzu empfanden wir aber noch weit mehr Freude über die Freude des Titus, weil sein Geist von euch allen erquickt wurde. 14 Wenn ich ihm über euch Gutes gesagt habe, so bin ich nicht zuschanden geworden, sondern, so wie wir euch alles in Wahrheit gesagt haben, so ist auch unser Lob vor Titus als Wahrheit bestätigt worden. 15 Sein Herz ist euch nun noch mehr zugetan im Gedanken an den Gehorsam euer aller, wie ihr ihn mit Ehrfurcht und Zittern aufgenommen habt. 16 Ich freue mich, daß ich mich in allem auf euch verlassen kann. 2-16: Die rechte Liebe glaubt an das Gute im andern und will es wecken und entfalten, auch wenn sie dabei wehetun muß.

 

Das Hilfswerk für die Christen in Jerusalem

8 Mazedonien ging voran. Wir tun euch, Brüder, die Gottesgabe kund, die in den Gemeinden Mazedoniens gespendet worden ist. Trotz vieler Prüfung durch Trübsal war nämlich ihre Freude übergroß, und aus der Tiefe ihrer Armut ergoß sich doch ein reicher Strom von Mildherzigkeit. Denn nach Vermögen, ja, wie ich bezeugen kann, über Vermögen haben sie aus freiem Antrieb gegeben. Inständig baten sie uns um die Gnade, an dem Hilfswerk für die Heiligen teilnehmen zu dürfen. Sie gaben nicht nur, wie wir gehofft hatten, sondern sich selbst gaben sie zuerst dem Herrn hin, dann uns durch den Willen Gottes. Infolgedessen baten wir den Titus, er möge, wie er angefangen, so auch dieses Liebeswerk bei euch zu Ende führen. 1 ff.: Paulus hatte auf dem. Apostelkonzil die Aufgabe übernommen, sich der verarmten Christen Jerusalems besonders anzunehmen. Die Art und Weise, wie er bisher in Galatien und Mazedonien Sammlungen für sie veranstaltete und wie er nun die Korinther dazu ermuntert (vgl. 1 Kor 16, 1-4), beweist, daß er nicht nur ein eifriger Missionar und gelehrter Theologe war, sondern auch als Organisator eines großen Hilfswerkes sich bewährte. Mit den kräftigsten natürlichen und übernatürlichen Beweggründen versteht er die Gebefreudigkeit zu wecken, ohne auch nur ein einziges Mal das Wort „Geld“ zu gebrauchen oder unfein die Opfer zu erpressen.

 

Korinth möge folgen. Doch wie ihr in allen Dingen überreich seid, im Glauben, in der Rede, in der Erkenntnis und jeglichem Eifer und überdies in eurer Liebe zu uns, so sollt ihr auch in diesem Liebeswerk euch auszeichnen. Nicht als wollte ich befehlen, sage ich das, sondern um durch den Eifer anderer die Echtheit eurer Liebe zu erproben. Denn ihr kennet die Gnade unseres Herrn Jesus Christus; ihr wisset, daß er um euretwillen arm geworden, da er reich war, damit ihr durch seine Armut reich würdet. 9: Christi Beispiel ist für jeden echten Christen der stärkste Beweggrund. 10 Einen Rat nur gebe ich euch in dieser Angelegenheit; denn es ist euch nützlich, weil ihr nicht nur mit dem Tun, sondern auch mit dem Wollen schon seit dem vorigen Jahre den Anfang gemacht habt. 11 Nun aber führet es auch durch die Tat zu Ende, damit der Bereitwilligkeit auch die Ausführung entspreche nach dem Vermögen. 12 Ist der Wille bereit, so ist er wohlgefällig (vor Gott) nach dem, was er hat, nicht nach dem, was er nicht hat. 13 Nicht so ist es gemeint, daß andere Erleichterung, ihr aber Last haben sollt, sondern es soll ein Ausgleich stattfinden. 13: Nicht die Umkehr der Besitzverhältnisse ist beabsichtigt, so daß die Spender verarmen, die Unterstützten aber reich werden, sondern liebevoller Ausgleich und Austausch sollen stattfinden. 14 In der gegenwärtigen Zeit soll euer Überfluß ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluß eurem Mangel zugute komme, auf daß ein Ausgleich eintrete 15 nach dem Wort der Schrift: Wer vieles sammelte, hatte keinen Überfluß, und wer wenig, hatte keinen Mangel (2 Mos 16,18). 15: Gott verhütete beim Sammeln des Mannas in der Wüste, daß die einen zuviel, die andern zu wenig bekamen.

 

Empfehlung des Sammlungsleiters Titus und seiner Gehilfen. 16 Dank aber sei Gott, der dem Titus denselben Eifer für euch ins Herz gab. 17 Er nahm nämlich meine Aufforderung willig an; ja, da er sehr eifrig war, reiste er schon aus freiem Antrieb zu euch. 18 Wir haben auch mit ihm den Bruder gesandt, dessen Lob bei der Heilsverkündigung in allen Gemeinden verbreitet ist. 19 Nicht allein dies, sondern er ist auch von den Gemeinden als unser Reisegefährte zu diesem Liebeswerke abgeordnet worden, das von uns zur Ehre des Herrn und als Erweis unseres guten Willens besorgt wird. 20 Wir wollten nämlich verhüten, daß jemand uns übel nachrede bei dieser reichen Gabe, die von uns vermittelt wird. 21 Denn wir nehmen Bedacht auf das, was recht und billig ist, nicht bloß vor dem Herrn, sondern auch vor Menschen. 20-21: In Geldfragen muß auch der Schein selbstsüchtiger Absichten vermieden werden, am meisten vom „Geistlichen“. 22 Mit ihnen haben wir noch unsern Mitbruder gesandt, dessen Eifer wir oft und in vielen Dingen erprobt haben, und der jetzt noch viel eifriger ist durch das große Vertrauen, das er zu euch hat. 23 Sei es, daß ich Titus empfehle — er ist mein Gefährte und Mitarbeiter bei euch, seien es unsere Brüder — sie sind die Abgesandten der Gemeinden, Christi Ehre. 24 Gebt ihnen deshalb den Beweis eurer Liebe und der Wahrheit dessen, was ich Rühmliches über euch gesagt habe; ihr gebt ihn vor den Gemeinden.

 

Über das Hilfswerk für die Heiligen ist es ja überflüssig, euch zu schreiben. Kenne ich doch eure Bereitwilligkeit und pflege sie den Mazedoniern gegenüber an euch zu rühmen. Ich sage nämlich, daß Achaja schon seit dem vorigen Jahre bereit sei; und dieser euer Eifer hat die meisten von ihnen zur Nachahmung angeeifert. Ich habe aber doch die Brüder gesandt, damit nicht unser Rühmen über euch in diesem Punkte zunichte gemacht werde, daß ihr vielmehr, wie ich sagte, gerüstet seiet. Nicht daß, wenn mit mir Mazedonier kommen und euch unvorbereitet finden, wir — um nicht zu sagen, ihr — beschämt würden in dieser Sache. Ich habe es deswegen für nötig erachtet, die Brüder zu bitten, daß sie zu euch vorausreisen und die verheißene Segensgabe vorbereiten, damit sie bereitliege wie eine Segensspende, nicht wie eine Geizhalsspende. 1-5: Sehr geschickt weiß Paulus die Mazedonier mit dem Eifer der Christen Achajas anzuspornen und diese wiederum zu ermuntern, sich vor jenen nicht bloßzustellen durch geringere Leistungen.

 

Einen fröhlichen Spender hat Gott lieb. Noch eins! Wer spärlich sät, wird auch spärlich ernten, und wer reichlich sät, wird auch reichlich ernten. Jeder gebe, wie er es sich in seinem Herzen vorgenommen hat, nicht aus Verdrossenheit oder aus Zwang, denn einen freudigen Geber liebt Gott (Sir 35,11). Gott hat die Macht, euch jegliche Gabe im Überflusse zukommen zu lassen, damit ihr an allem genug habt und dazu noch Überfluß zu guten Werken aller Art. Denn es steht geschrieben: Er streute aus, er gab den Armen; seine Gerechtigkeit währet in Ewigkeit (Ps 112,9). 10 Der, welcher dem Sämann Samen darreicht und Brot zur Nahrung, wird auch euch den Samen schenken und ihn mehren und die Früchte eurer Gerechtigkeit vervielfältigen. 11 So werdet ihr in allem reich zu jeder Art von Freigebigkeit, welche durch uns Danksagung gegen Gott bewirkt. 6-11: Gott läßt sich vom Menschen an Großmut nicht übertreffen. 12 Denn die Leistung dieser Liebesspende hilft nicht nur dem Mangel der Heiligen ab, sondern bringt euch reichsten Segen durch die vielen Dankgebete zu Gott. 13 Wegen dieses erprobten Liebesdienstes preisen sie Gott für euren Glaubensgehorsam gegen die Heilsbotschaft Christi und die Einfalt, mit welcher ihr ihnen und allen mitgeteilt habt. 14 In ihrem Gebete sehnen sie sich auch nach euch wegen der überschwenglichen Gnade, welche Gott gegen euch bewiesen hat. 15 Gott sei Dank für seine unaussprechlich große Gabe! 12-15: Der liebste Dank für das Wohltun liegt darin, daß die Armen Gott preisen und seinen Segen auf ihre Wohltäter herabrufen.

 

Abrechnung mit den Gegnern

 

Die Vorwürfe der Gegner sind unbegründet

10 Wir sind keine Schwächlinge. Ich selbst, Paulus, mahne euch bei der Sanftmut und Milde Christi, ich, der ich (wie man behauptet) ins Angesicht zwar unter euch bescheiden bin, aus der Ferne aber mich als starken Mann gegen euch aufspiele. Ich bitte euch, daß ich nicht bei meiner Anwesenheit kühn auftreten muß mit jener Entschiedenheit, mit der ich einzuschreiten gedenke gegen gewisse Leute, die da meinen, daß wir nach dem Fleische wandelten. Denn ob wir auch im Fleische wandeln, so kämpfen wir doch nicht nach dem Fleische. Die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern machtvoll durch Gott, um Festungen zu zerstören. Wir zerstören damit Pläne und jede Mauer, welche sich wider die Erkenntnis Gottes auftürmt; wir nehmen gefangen jeden Verstand, um ihn zum Gehorsam Christi zu führen; wir sind auch bereit, allen Ungehorsam zu züchtigen, sobald euer Gehorsam vollendet sein wird. 1 ff.: Im Kampf mit den judaistischen Hetzern wird die Sprache des Apostels schärfer. Er fürchtet sich nicht vor ihnen; denn sein Gewissen ist rein.

 

Beachtet das, was so klar vor Augen liegt. Wer sich zutraut, Christus anzugehören, der möge dies wiederum bei sich bedenken, daß, wie er Christus gehört, ebenso auch wir. Denn wenn ich mich auch irgendwie noch weit mehr unserer Vollmacht rühmen wollte, die uns der Herr zu eurer Erbauung und nicht zu eurer Zerstörung gegeben hat, so würde ich nicht zuschanden werden. Ich will das unterlassen, damit ich nicht den Schein erwecke, als wollte ich euch durch die Briefe in Schrecken setzen, 10 denn die Briefe, sagen sie, sind wohl wuchtig und gewaltig, wenn er aber leibhaftig da ist, ist er kraftlos und seine Rede verächtlich. 11 Der Betreffende bedenke folgendes: Geradeso, wie wir uns aus der Ferne durch Briefe mit dem Worte geben, werden wir uns auch bei unserer Anwesenheit durch die Tat erweisen.

 

Rechtes und unrechtes Rühmen. 12 Denn wir wagen es nicht, uns auf eine Linie zu stellen oder zu vergleichen mit gewissen Leuten, welche sich selbst empfehlen; doch sie sind nicht recht bei Sinnen, indem sie sich an sich selbst messen und sich mit sich selbst vergleichen. 13 Wir jedoch wollen uns nicht ins Maßlose rühmen, sondern nach dem Maße der Richtschnur, welche uns Gott zugemessen hat. Dies Maß reicht bis zu euch hinan. 14 Denn wir dehnen uns nicht über Gebühr aus, als wären wir nicht zu euch gelangt; wir sind ja bis zu euch gekommen mit der Heilsbotschaft Christi. 15 Nicht ins Maßlose rühmen wir uns über fremde Arbeiten, wohl aber hegen wir die Hoffnung: Wenn euer Glaube wächst, werden wir unter euch auf unserem eigenen Gebiet bis zur höchsten Höhe emporwachsen. 16 Dann können wir uns auch in den über euch hinaus liegenden Gegenden die Heilsbotschaft verkünden und müssen nicht innerhalb eines fremden Wirkungskreises uns dessen rühmen, was schon von anderen fertiggestellt wurde. 17 Wer sich aber rühmt, rühme sich im Herrn. 18 Denn nicht der ist bewährt, der sich selbst empfiehlt, sondern der, welchen der Herr empfiehlt. 12-18: Mit humorvoller Ironie sind die Großsprecher gekennzeichnet, mit denen niemand einen Vergleich aushält in ihrer Einbildung, Paulus aber hat wirkliche Erfolge aufzuweisen und braucht sich nicht mit fremden Federn zu schmücken.

 

Selbstruhm wider Willen

11 Ertragt unsere Torheit. Möchtet ihr doch ein klein wenig Torheit von mir ertragen! Ja, ertraget mich! Denn ich eifere um euch mit Gottes Eifer. Ich verlobte euch ja einem einzigen Manne, um euch als keusche Jungfrau Christus darzustellen. Ich fürchte aber, es möchte wohl gleichwie die Schlange durch ihre Arglist die Eva betrog, so auch euer Sinn verderbt werden und sich abwenden von der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus. Wenn einer kommt und einen andern Christus predigt, den wir nicht predigen, oder ihr einen andern Geist empfanget, den ihr nicht empfinget, oder eine andere Heilsbotschaft, die ihr nicht erhieltet, so würdet ihr euch das wohl gefallen lassen! 4: Ständen sie fester in der Treue zu Christus, so hätten sie von vornherein den Hetzern kein Gehör schenken dürfen. Ich dächte wohl, daß ich in keiner Beziehung hinter den „Überaposteln“ zurückstehe. 5: Damit meint der Apostel jene zugewanderten Lehrer, die sich in der Christengemeinde zu Korinth festsetzten, mit ihrer Redefertigkeit prahlten und über die Missionsarbeit des heiligen Paulus aburteilten. Denn wenn ich auch ein Stümper bin in der Rede, so doch nicht in der Erkenntnis, vielmehr haben wir solche stets in allen Stücken unter euch kundgetan.

 

Uneigennützigkeit. Oder habe ich etwa eine Sünde begangen, daß ich mich selbst erniedrigte, um euch zu erhöhen, indem ich nämlich euch unentgeltlich die Frohbotschaft Gottes verkündet habe? Andere Gemeinden habe ich beraubt und habe Unterstützung von ihnen genommen für den Dienst bei euch. Als ich bei euch war und in Not kam, bin ich gleichwohl keinem lästig gefallen; denn meinem Mangel halfen die aus Mazedonien gekommenen Brüder ab. So habe ich mich in allem gehütet, euch lästig zu sein, und werde es auch ferner tun. 10 So gewiß die Wahrheit Christi in mir ist, dieser Ruhm soll mir in den Gegenden Achajas nicht geschmälert werden. 11 Warum? Weil ich euch nicht liebe? Gott weiß es! 12 Was ich aber tue, werde ich auch ferner tun, um denen, die danach suchen, die Gelegenheit abzuschneiden, bei ihrem Rühmen sich mir gleichstellen zu können. 13 Die Betreffenden sind nämlich Lügenapostel, Pfuscher in ihrer Arbeit, die sich das Aussehen von Aposteln Christi zu geben suchen. 14 Und das ist kein Wunder. Denn der Satan selbst verkleidet sich in einen Engel des Lichtes. 15 Darum ist es nichts Sonderliches, wenn auch seine Diener sich verkleiden als Diener der Gerechtigkeit; doch ihr Ende wird sein nach ihren Werken. 7-15: Die Gegner ließen sich gut bezahlen und ärgerten sich über Paulus, der jede Unterstützung mit Geld seitens der Korinther ablehnte. Ihre Verlogenheit rechtfertigt den scharfen, sarkastischen Ton der Abwehr.

 

Vergleich mit seinen Gegnern. 16 Abermals sage ich: Niemand halte mich für einen Toren. Wenn aber doch, so nehmet mich als Toren hin, damit auch ich mich ein klein wenig rühme. 17 Was ich rede, sage ich nicht im Sinne des Herrn, sondern wie in Torheit, in diesem Punkte meines Rühmens. 18 Da viele sich rühmen nach dem Fleische, so werde auch ich mich rühmen. 19 Gern ertragt ihr ja die Toren, da ihr kluge Leute seid. 20 Laßt ihr es euch doch gefallen, wenn einer euch knechtet, wenn einer euch aussaugt, wenn einer euch überlistet, wenn einer sich stolz überhebt, wenn einer euch ins Gesicht schlägt. 21 Zu meiner Schande muß ich zugestehen, daß wir uns schwach gezeigt haben in diesem Stücke. Worauf einer pocht, ich rede in Torheit, darauf kann auch ich pochen. 22 Sie sind Hebräer? Ich auch! Sie sind Israeliten? Ich auch! Sie sind Nachkommen Abrahams? Ich auch! 23 Sie sind Diener Christi? Nun rede ich ganz dumm: Ich noch mehr! In Mühseligkeiten ohne Zahl, in Gefangenschaften überreichlich, in Schlägen über die Maßen, in Todesnöten oftmals. 21-23: In jeder Beziehung wagt Paulus den Vergleich mit den Gegnern. Gibt die Rasse oder Nationalität den Ausschlag, so ist er ihnen völlig ebenbürtig. In der Stellung zu Christus aber, worauf es doch ankommt, und in den Leiden für Christus übertrifft er sie alle. 24 Von den Juden erhielt ich fünfmal vierzig Streiche weniger einen. 24: Um nur ja die zulässige Höchstzahl von 40 Streichen nicht zu überschreiten, pflegten die Juden bei der Geißelung nur 39 Streiche zu geben. Aber auch diese überlebten manche nicht oder blieben zeitlebens gebrochene Menschen. 25 Dreimal bin ich mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt worden, dreimal habe ich Schiffbruch gelitten eine Nacht und einen Tag habe ich in den Meereswogen zugebracht. 26 Auf Reisen häufig in Gefahren von Flüssen, Gefahren von Räubern, Gefahren vom eigenen Volk, Gefahren von Heiden, Gefahren in den Städten, Gefahren in der Wüste, Gefahren auf dem Meere, Gefahren von falschen Brüdern. 27 In Mühe und Beschwerde, in vielfältigen Nachtwachen, in Hunger und Durst, in vielem Fasten, in Kälte und Blöße. 28 Abgesehen von allem andern (müßte ich noch nennen) den täglichen Andrang zu mir, die Sorge für alle Gemeinden. 29 Wo ist einer schwach, und ich wäre es nicht auch? Wer erleidet Ärgernis, ohne daß ich brennenden Schmerz empfinde? 30 Wenn denn gerühmt sein muß, so will ich mich meiner Schwachheit rühmen. 31 Der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der hoch gelobt ist in Ewigkeit, weiß, daß ich nicht lüge. 32 Zu Damaskus ließ der Statthalter des Königs Aretas die Stadt der Damaszener bewachen, um mich zu ergreifen. 33 Da wurde ich aus einem Fenster in einem Korb durch die Mauer hinabgelassen und entkam so seinen Händen.

 

12 Gnaden des Apostels. Gerühmt muß sein, wenn es auch nicht taugt, so will ich denn auf die Gesichte und Offenbarungen des Herrn zu sprechen kommen. Ich kenne einen Menschen in Christus, der vor vierzehn Jahren — ob in dem Leibe, ich weiß es nicht, ob außer dem Leibe, ich weiß es nicht, Gott weiß es — entrückt wurde bis in den dritten Himmel. Ich weiß, daß dieser Mensch — ob in oder außer dem Leibe, ich weiß es nicht, Gott weiß es — in das Paradies entrückt ward und geheimnisvolle Worte hörte, die auszusprechen keinem Menschen verstattet ist. Deswegen will ich mich rühmen; meiner selbst aber will ich mich nicht rühmen, es sei denn meiner Armseligkeiten. 1-5: Als ob er selber gar nicht der begnadete Mensch sei, so spricht Paulus von sich in dritter Person. Er rühmt Gottes Güte, nicht seine eigenen Leistungen. Der über dem Wolkenhimmel und Sternenhimmel liegende „dritte Himmel“ ist dort, wo die Engel und Seligen Gottes Herrlichkeit schauen, im himmlischen Paradies.

 

Selbstverdemütigung. Wenn ich mich aber auch rühmen wollte, so wäre ich nicht töricht, denn ich würde nur die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit niemand von mir mehr halte, als er an mir sieht oder von mir hört.

 

Leiden und Versuchungen. Und damit ich mich nicht wegen der außerordentlichen Offenbarungen überhebe, ward mir ein Stachel für mein Fleisch gegeben, ein Engel des Satans, auf daß er mich mit Fäusten schlage, damit ich mich nicht überhebe. Um seinetwillen habe ich dreimal den Herrn angefleht, daß er von mir weichen möge. Er aber sprach zu mir: Es genügt dir meine Gnade, denn die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung. Sehr gern will ich mich darum meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Christi in mir wohne. 10 Deswegen habe ich Wohlgefallen an [meinen] Schwachheiten, an Schmähungen, an Nöten, an Verfolgungen und Bedrängnissen um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. 7-10: Die großen Erfolge und die Begnadigungen hätten eine Versuchung zum Stolze werden können, darum kam ein schweres Leiden über ihn. Es ist an ein schmerzhaftes körperliches Leiden zu denken, das wie ein Stachel im Fleische saß. Was das für ein Leiden war, läßt sich nicht bestimmt sagen. Weil er durch dasselbe an der vollen Ausübung seines apostolischen Amtes gehindert wurde, führte der Apostel das Leiden auf eine Einwirkung Satans zurück. Das Apostolat geduldigen Leidens führt am schnellsten zur Verähnlichung mit Christus. Wenn wir im Bewußtsein des eigenen Unvermögens nur Werkzeuge in Gottes Hand sein wollen, erreicht der göttliche Meister am meisten mit uns.

 

Nachklänge zum Selbstruhm 11 Ein Tor bin ich geworden! Ihr habt mich dazu gezwungen, denn von euch hätte ich empfohlen werden sollen. Blieb ich doch hinter den „Überaposteln“ in nichts zurück, wenn ich auch nichts bin. 12 Die Beweise für mein Apostelamt wurden unter euch erbracht in aller Ausdauer durch Zeichen sowohl wie durch Wunder und Kräfte.

 

Uneigennützigkeit des Apostels. 13 Denn was ist es, worin ihr zu kurz gekommen wäret gegenüber den übrigen Gemeinden außer darin, daß ich persönlich euch nicht zur Last fiel? Verzeiht mir dieses Unrecht! 14 Seht, zum drittenmal bin ich jetzt bereit, zu euch zu kommen, und ich werde euch auch jetzt nicht zur Last fallen. Denn ich suche nicht euer Hab und Gut, sondern euch. Es müssen ja nicht die Kinder für ihre Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern für ihre Kinder. 15 Überaus gern will ich Opfer bringen, ja, mich selbst will ich opfern für eure Seelen. Wenn ich euch im Übermaß liebe, soll ich da weniger geliebt werden? 16 Doch genug! Ich bin euch nicht zur Last gefallen. Allein, „da ich verschlagen sei, habe ich euch mit List gefangen“. 16: Die Gegner stellen Paulus als ganz schlauen Egoisten hin, der persönlich selbstlos erscheint, aber durch seine Gehilfen sich bereichert. 17 Habe ich etwa durch einen von denen, die ich zu euch sandte, euch übervorteilt? 18 Ich bat den Titus und sandte mit ihm den Mitbruder. Hat euch etwa Titus übervorteilt? Sind wir nicht in demselben Geiste gewandelt? Nicht in denselben Fußstapfen? 13-18: Der bittere Sarkasmus soll die Irregeleiteten aufrütteln. Der Apostel kämpft um die Liebe seiner Kinder und um ihr Heil mit allen Waffen.

 

Schlußermahnungen

19 Ihr denkt wohl schon lange, daß wir uns vor euch verteidigen? Nein! Vor Gott in Christus reden wir; alles aber, Geliebte, geschieht zu eurer Erbauung. 20 Denn ich fürchte, ich möchte euch bei meiner Ankunft nicht so finden, wie ich es wünsche, und ihr möchtet mich dann so finden, wie ihr es nicht wünscht. Ich fürchte, es möchte unter euch etwa Streit, Eifersucht, Zorn, Zwietracht Verleumdung, Zwischenträgerei, Aufgeblasenheit, Auflehnung herrschen. 21 Ich fürchte, mein Gott möchte mich dann, wenn ich wiederkomme, bei euch demütigen, und ich müßte trauern über viele, die vorher gesündigt und nicht Buße getan haben wegen der Unlauterkeit, Unzucht und Ausschweifung, die sie verübt.

 

13 Strafandrohung. Ich komme jetzt zum drittenmal zu euch. Auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen soll (dann) jede Sache festgestellt werden. Ich habe es schon vorhergesagt, als ich zum zweitenmal anwesend war, und sage es jetzt noch einmal in der Abwesenheit vorher, und zwar denen, die früher gesündigt haben, sowie allen übrigen: Wenn ich wiederkomme werde ich keine Schonung üben! Ihr fordert ja einen Beweis, daß Christus in mir redet! Er hat sich doch nicht schwach, sondern mächtig an euch erwiesen. 1-3: Übertriebene Geduld wird zur Schwäche. Zwar ist er aus Schwachheit gekreuzigt worden; aber er lebt aus Gottes Kraft. Auch wir sind schwach in ihm, doch werden wir aus Gottes Kraft euch gegenüber mit ihm leben. 4: Zum ganzen Christus gehört nicht nur „die zerbrochene Knechtsgestalt“ des Karfreitags, sondern auch der Todesüberwinder des Ostermorgens. Prüfet euch selbst, ob ihr im Glauben seid, erprobt euch selbst. Oder erkennet ihr euch selbst nicht, daß Jesus Christus in euch ist: Es müßte denn sein, daß ihr euch nicht bewährt. 5: Es war immer so: Wer selber schwach im Glauben ist, kontrolliert am liebsten den Glauben und die Befugnisse der kirchlichen Vorgesetzten. Ich hoffe aber, ihr werdet erkennen, daß wir nicht unbewährt sind. Wir flehen zu Gott, ihr möchtet nichts Böses tun, nicht, damit wir bewährt erscheinen, sondern daß ihr das Gute tuet, wir aber wie unbewährt seien. Denn wir vermögen nichts gegen die Wahrheit, sondern für die Wahrheit. Wir freuen uns ja, wenn wir schwach sein dürfen, ihr aber stark seid. Eben darum, um eure Vollkommenheit, beten wir. 10 Deshalb schreibe ich dies aus der Ferne, damit ich bei meiner Ankunft nicht streng verfahren muß vermöge der Gewalt, die mir der Herr zum Aufbauen und nicht zum Niederreißen verliehen hat. 7-10: Wahrhaft große Männer wie Paulus bleiben, wenn auch hohe Macht in ihre Hand gelegt ist, gütig und wollen retten. Kleine Geister fürchten stets, ihre Macht zu verlieren, wenn sie nicht rücksichtslosen Gebrauch davon machen.

 

Gruß und Segen. 11 Im übrigen, Brüder, freuet euch, werdet vollkommen, ermuntert euch gegenseitig, lebt in Eintracht, haltet Frieden, und der Gott des Friedens und der Liebe wird mit euch sein. 12 Grüßet einander mit heiligem Kusse. Es grüßen euch alle Heiligen. 13 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. [Amen.] 13: Der Segenswunsch ist ein herrliches Zeugnis für den Glauben der Urkirche an den einen Gott in drei Personen..

 

 

Der Brief an die Galater

Einleitung

Im dritten vorchristlichen Jahrhundert siedelte sich eine Gruppe keltischer, aus Europa nach dem Südosten ausgewanderter Volksstämme im Hochland Kleinasiens an. Nach diesen Kelten wurde das Gebiet fortan Galatien und die Bewohner Galater genannt. Angora (Ankyra), der heutige Sitz der türkischen Regierung, gehörte zu den Hauptstädten der Galater. Hieronymus berichtet aus eigener Beobachtung, daß die galatische Sprache mit der Sprache des Trierer Landes verwandt sei. Auf seiner zweiten und dritten Missionsreise wirkte der heilige Paulus mit großem Erfolg unter den Galatern. Als er aber danach sich in Ephesus aufhielt, kamen beunruhigende Nachrichten aus den jungen Christengemeinden. Judaistische Irrlehrer brachten die noch nicht genügend im Glauben befestigten, aber auch ihrem keltischen Temperament entsprechend leicht beeinflußbaren Christen in Verwirrung (1,7; 3,1). Sie forderten als Bedingung der Rechtfertigung die Beobachtung des mosaischen Gesetzes. namentlich die Beschneidung. Der Glaube an Christus allein genüge nicht; der rechte Weg zum Christentum führe nur über das Judentum. Paulus, der Spätberufene unter den Aposteln, sei nicht maßgebend; denn er lehre anders als die „Altapostel“ Petrus, Jakobus und Johannes.

 

Die Gefahr für das Glaubensleben der Galater war groß. Um sie abzuwehren, schrieb Paulus um das Jahr 55 von Ephesus aus unsern Brief an die Galater. Darin stellt er mit allem Nachdruck „sein Evangelium“, das Evangelium von der Rechtfertigung des Menschen aus dem Glauben an Christus, dem „andern Evangelium“ der Judaisten gegenüber. Er weist den göttlichen Charakter seiner Lehre nach aus ihrem Ursprung (1,6 bis 2,21) und aus ihrem Inhalt (3,1-5,12). Nach diesem echten Evangelium muß sich das christliche Leben formen (5,13-6,18). Der Anlaß des Briefes und sein Inhalt machen die Schärfe des Tones begreiflich. Wie ein reinigendes Gewitter fahren diese Sätze zwischen die Galater. Als echter Streiter Christi führt Paulus die siegreiche Waffe der Wahrheit. Dennoch bleibt er der fast mütterlich um seine Kinder besorgte Apostel (4,12-20).

 

1 Gruß des Apostels. Paulus, nicht von Menschen noch durch einen Menschen zum Apostel bestellt, sondern durch Jesus Christus und Gott den Vater, der ihn von den Toten auferweckt hat, und alle Brüder bei mir an die Gemeinden von Galatien.

 

Gnade und Friede euch von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus! Um uns aus dieser schlimmen Welt zu erretten, hat er sich selbst für unsere Sünden dahingegeben. So war es der Wille unseres Gottes und Vaters. Ihm sei Ehre in alle Ewigkeit! Amen. 1-5: Die sonst im Eingang übliche Danksagung an Gott für die den Lesern geschenkten Gnaden und den guten Stand des Glaubenslebens fehlt aus naheliegenden Gründen in diesem Brief.

 

Das Evangelium ist göttlichen Ursprungs

 

Sein Evangelium nicht Menschenwerk

Mich wundert, daß ihr euch so rasch von dem abwendig machen lasset, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, und euch einer andern Heilsbotschaft zuwendet. Es gibt doch gar keine „andere“, sondern etliche Leute wollen euch nur verwirren und die Heilsbotschaft Christi umkehren. Aber sollten auch wir oder ein Engel vom Himmel euch eine andere Heilsbotschaft verkünden wollen, als wir euch verkündet haben, der sei verflucht! Was wir eben gesagt, das wiederhole ich jetzt: Sollte jemand euch eine andere Heilsbotschaft verkünden, als die ihr erhalten habt, so sei er verflucht! 6-9: Das eine und einzige Evangelium Christi darf nicht dem Zeitgeschmack angepaßt werden, jede Zeit hat sich nach ihm zu richten, sonst geht sie des Heils verlustig. Die Wahrheit ist ihrem Wesen nach intolerant.

 

Wandel im Judentum. 10 Rede ich etwa jetzt Menschen zulieb oder Gott, oder suche ich Menschen zu gefallen? Wenn ich noch Menschen gefallen wollte, könnte ich Christi Diener nicht sein. 10. Vgl. Lk 16,13; Mt 12,30. 11 Ich tue euch nämlich kund, meine Brüder, daß die von mir verkündete Heilsbotschaft nicht Menschenwerk ist. 12 Ich habe sie ja von keinem Menschen bekommen, noch bin ich darin von jemand unterwiesen worden, sondern Jesus Christus hat sie mir geoffenbart. 13 Ihr habt ja von meinem einstigen Wandel im Judentum gehört: Ich verfolgte die Kirche Gottes über die Maßen und suchte sie zu vernichten. 14 Vor vielen meiner Altersgenossen in meinem Volke tat ich mich hervor in meiner Leidenschaft für das Judentum und zeigte mich als übertriebenen Eiferer für die Überlieferungen meiner Väter.

 

Berufung zum Apostel von Gott. 15 Da gefiel es dem, der mich vom Mutterschoß an erwählt und durch seine Gnade berufen hat, 16 seinen Sohn in mir zu offenbaren. 15: Die plötzliche Bekehrung bei der Erscheinung vor Damaskus war ein Wunder der Gnade, lag aber von jeher im Plane Gottes. Ich sollte unter den Heiden die Frohbotschaft von ihm verkünden. Ich zog nicht Fleisch und Blut zu Rate 17 und reiste deswegen auch nicht nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern ging sofort nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück. 18 Erst drei Jahre später reiste ich nach Jerusalem, um den Petrus zu besuchen. Bei ihm blieb ich fünfzehn Tage. 18: Es ist ein deutlicher Beweis für den Vorrang des heiligen Petrus, daß der heilige Paulus es für notwendig hielt, ihn aufzusuchen, obwohl er einer Belehrung und Sendung von ihm nicht bedurfte; denn ein Apostel kann seine Berufung und Sendung. Nur unmittelbar von Gott empfangen. (vgl. 1,1.) 19 Sonst sah ich von den Aposteln keinen, außer dem Jakobus, dem Bruder des Herrn. 19: Der Vater dieses Apostels Jakobus ist Alphäus, seine Mutter die Schwester der Mutter Jesu. Das beweist klar, daß der Titel „Bruder des Herrn“ hier und an den anderen Stellen nur einen Verwandten (Vetter), keinen leiblichen Bruder Jesu bezeichnet. 20 Was ich euch da schreibe — siehe, Gott ist mein Zeuge, daß ich nicht lüge. 21 Hierauf ging ich in die Gegenden von Syrien und Cilicien. 22 Den Christengemeinden Judäas war ich persönlich noch unbekannt. 23 Sie wußten nur vom Hörensagen: Unser einstiger Verfolger predigt jetzt den Glauben, den er ehemals vernichten wollte. 24 Sie priesen darum Gott um meinetwillen.

 

Sein Evangelium und die Apostel

2 Gutheißung des Evangeliums Pauli durch die Apostel. Vierzehn Jahre später reiste ich wieder nach Jerusalem; ich hatte den Barnabas und auch den Titus bei mir. Meine Reise erfolgte auf eine Offenbarung hin. Damals legte ich ihnen die Heilsbotschaft, die ich unter den Heiden verkünde, vor, insonderheit den angesehenen Männern. Ich wollte nicht ins Leere laufen oder gelaufen sein. 2: Als Apostel brauchte Paulus keine Bestätigung; aber den Hetzern gegenüber konnte er sich nun auf die volle Übereinstimmung mit den Aposteln berufen. Aber nicht einmal Titus, mein Begleiter, ein geborener Grieche, wurde zur Beschneidung gezwungen. Hatten sich doch falsche Brüder eingeschlichen; sie drängten sich herzu, unserer Freiheit, die wir in Christus Jesus haben, aufzulauern, in der Absicht, uns unter das Joch der Knechtschaft zu beugen. Ihnen wollten wir auch nicht für einen Augenblick nachgeben; wir haben uns deswegen nicht unterworfen, damit die Wahrheit der Heilsbotschaft bei euch erhalten bleibe. 5: Im Grundsätzlichen hat Paulus, der sich sonst gern den gegebenen Verhältnissen anpaßte (vgl. 1 Kor 9,19-22), nie nachgegeben. Von seiten der angesehenen Männer aber — wer sie einst gewesen, geht mich nichts an; Gott sieht nicht auf das Ansehen der Person —, mir haben die Angesehenen nichts weiter auferlegt. Im Gegenteil, sie sahen ein, daß ich mit der Heilsbotschaft für die Unbeschnittenen betraut sei, wie Petrus mit der für die Beschnittenen; denn der dem Petrus wirksam beistand zur Ausübung des Apostelamtes unter den Beschnittenen, stand auch mir bei unter den Heiden. Auch erkannten sie, daß mir eine besondere Gnade verliehen sei. Deswegen gaben Jakobus, Kephas und Johannes, die als Säulen gelten, mir und dem Barnabas den Handschlag zum Zeichen der Gemeinschaft: Wir sollten zu den Heiden, sie selbst zu den Juden gehen. 10 Nur sollten wir der Armen eingedenk sein, was zu tun ich mich eifrig bemüht habe.

 

Anerkennung durch Petrus. 11 Als aber Kephas nach Antiochien kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, weil er Tadel verdiente. 12 Bevor nämlich Leute von Jakobus her gekommen waren, pflegte er Tischgemeinschaft mit den Heiden; nach ihrer Ankunft aber zog er sich zurück und sonderte sich von ihnen ab aus Furcht vor den Judenchristen. 13 Auch die andern Juden schlossen sich seiner Verstellung an, so daß sogar Barnabas sich von ihnen zu jener Verstellung bewegen ließ. 14 Da ich aber sah, daß ihr Wandel der Wahrheit der Heilsbotschaft nicht entsprach, sagte ich vor allen zu Kephas: Wenn du, obwohl Jude, nach Art der Heiden und nicht der Juden lebst, wie magst du die Heiden nötigen, nach der Weise der Juden zu leben? 14: Die Heidenchristen wollten in Gemeinschaft mit Petrus bleiben; da dieser aber zeitweilig sich zu den Judenchristen hielt, mußten sie sich den jüdischen Bräuchen anpassen. 11-14: Paulus trat dem Petrus nicht entgegen, weil er etwa mit dessen Lehre nicht einverstanden war; auch warf er ihm nicht Unwahrhaftigkeit vor, sondern er fand die gutgemeinte Anpassung Petri an die Judenchristen (Fernbleiben von der Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen) für unvereinbar mit seiner Überzeugung von der Gleichheit der Juden- und Heidenchristen. Wir lesen nirgendwo, daß Petrus seinem Mitapostel Paulus diesen Freimut verübelt habe. Wem es nur um die Sache zu tun ist, der soll auch dem Vorgesetzten gegenüber ein offenes Wort nicht scheuen.

 

Freiheit der Christen vom Gesetz. 15 Zwar sind wir von Geburt Juden und nicht von Heiden stammende Sünder. 16 Aber wir wissen, daß der Mensch nicht durch Gesetzeswerke gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus. Deswegen haben wir den Glauben an Jesus Christus angenommen; wir wollten auf Grund des Glaubens an Christus gerechtfertigt werden, nicht um der Gesetzeswerke willen; denn durch Gesetzeswerke wird kein Mensch gerechtfertigt. 17 Wenn wir bei dem Bestreben, in Christus gerechtfertigt zu werden, doch selbst als Sünder erfunden würden, wäre da nicht Christus Diener der Sünde? Das sei ferne! 18 Wenn ich nämlich das wieder aufbaue, was ich niedergerissen habe, bekenne ich mich selbst als Übertreter. 17-18: Um Christi willen beobachtete Paulus das Gesetz nicht; wäre das Sünde, so hülfe Christus dazu mit. Hat der Christ um Christi willen einmal das Gesetz verlassen, so wäre die nachträgliche Wiederholung desselben ein Beweis, daß die Annahme des Glaubens ein Fehler war. 19 Ich bin ja durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, um Gott zu leben. Mit Christus bin ich gekreuzigt. 20 Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Sofern ich aber noch im Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich dahingegeben hat. 21 Ich setze die Gnade Gottes nicht auf die Seite. Denn käme die Gerechtigkeit durch das Gesetz zustande, so wäre ja Christus umsonst gestorben.

 

Das Evangelium hat göttlichen Inhalt

3 Die Gerechtigkeit eine Frucht des Glaubens, nicht des Gesetzes. Eigene Erfahrung. O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch verzaubert? Euch ist doch Jesus Christus als der Gekreuzigte vor die Augen gezeichnet worden! 1: Paulus hat in seinen Predigten mit lebendiger Anschaulichkeit das Leiden Christi geschildert. Die Lehre von der Erlösung am Kreuze bildete das Kernstück seiner Unterweisungen. Vgl. 1 Kor 2,2. Das allein möchte ich von euch wissen: Habt ihr den Geist auf Grund von Gesetzeswerken oder wegen der Annahme des Glaubens erhalten? So verständig seid ihr? Im Geist habt ihr begonnen und wollt nun im Fleisch enden? Solltet ihr umsonst so viel erduldet haben? Ja, wenn es nur bloß umsonst wäre! Der euch den Geist verleiht und Wunder unter euch wirkt — tut er das wegen eurer Gesetzeswerke oder um der Annahme des Glaubens willen?

 

Beispiel Abrahams. Steht ja doch geschrieben: Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet (1 Mos 15,6). Erkennet daraus: Die, welche Glauben haben, sind Abrahams Söhne. Die Schrift sah vorher, daß Gott die Heiden um des Glaubens willen rechtfertigt. Deswegen gab sie dem Abraham die Verheißung: In dir werden alle Völker gesegnet werden. Daher werden mit dem gläubigen Abraham die Glaubenden gesegnet. 10 Alle nämlich, welche sich an die Gesetzeswerke halten, stehen unter einem Fluche. Es steht ja geschrieben: Verflucht sei jeder, der nicht alles, was im Gesetzesbuch geschrieben steht, beobachtet und danach handelt (5 Mos 27,26). 10: Wer meint, er könnte das Heil durch Beobachtung des Gesetzes erlangen, irrt; denn er ist nach dem Worte der Schrift dem Fluche verfallen. Wer nämlich nicht das ganze Gesetz beobachtet, ist verflucht. Es ist aber niemand möglich, aus eigener Kraft das Gesetz in seinem ganzen Umfange zu befolgen. 11 Daß aber durch das Gesetz keiner bei Gott gerechtfertigt wird, ist offenbar, denn: Der Gerechte wird aus dem Glauben Leben empfangen (Hab 2,4). 12 Das Gesetz aber ruht nicht auf dem Glauben, sondern: Wer seine Gebote vollbringt, wird durch sie das Leben haben (3 Mos 18,5). 13 Christus hat uns vom Fluche des Gesetzes erlöst, da er für uns zum Fluch geworden ist. Denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holze hängt (5 Mos 21,23). 14 Es sollte der Segen Abrahams durch Christus Jesus den Heiden zuteil werden, damit wir durch den Glauben den verheißenen Geist empfangen.

 

15 Liebe Brüder! Ich will an menschliche Verhältnisse erinnern. Ein rechtsgültig ausgefertigtes Testament eines Menschen kann niemand umstoßen, noch irgendwelchen Zusatz zu diesem machen. 16 Dem Abraham und seinem Sohn wurden aber die Verheißungen zugesagt. Es heißt nicht: „und den Samen“, in der Mehrzahl, sondern in der Einzahl: „und deinem Samen“, das ist Christus. 17 Ich will damit sagen: Ein von Gott rechtskräftig gegebenes Testament kann durch das 430 Jahre später gekommene Gesetz nicht umgestoßen werden, so daß es die Verheißung hinfällig machen würde. 18 Denn würde das Erbe durch das Gesetz erlangt, so würde es nicht mehr erlangt durch die Verheißung. Dem Abraham aber hat Gott durch die Verheißung Gnaden geschenkt. 15-18: Gott hat dem Abraham das Erbe des Heils verheißen, das er auf Grund seines Glaubens erhalten sollte. Das später gegebene Gesetz ändert an dieser Verheißung nichts, so wenig die rechtskräftige Verfügung (das gültige Testament) eines Menschen umgestoßen wird.

 

Das Gesetz Vorbereitung auf den Glauben. 19 Wozu nun das Gesetz? Es wurde um der Übertretungen willen hinzugefügt, bis der Same käme, dem die Verheißung geworden ist. Durch Engel angeordnet, ist es durch eines Mittlers Hand ergangen. 20 Es gibt aber keinen Mittler, wo es sich nur um eine einzige Partei handelt; nun ist aber Gott ein Einziger. 21 So ist also das Gesetz den Verheißungen Gottes entgegen? Nimmermehr. Denn wenn ein Gesetz gegeben worden wäre mit der Kraft, Leben zu schaffen, dann käme wirklich die Gerechtigkeit aus dem Gesetze. 22 Allein die Schrift erklärt, daß alle der Sünde unterworfen sind, damit die Verheißung auf Grund des Glaubens an Jesus Christus den Glaubenden verliehen werde. 19-22: Diese höchst schwierige Stelle hat bis jetzt über 300 Erklärungsversuche veranlaßt, weil meist der Titel „Mittler“ auf Christus, statt auf Moses bezogen wurde, der am Sinai das Gesetz Gottes den Menschen vermittelte, wobei nach alttestamentlicher Ausdrucksweise Engel mitwirkten. Die Verheißung erging ohne Zwischenglied (= ohne Mittler) an Abraham und „den Samen“ (= Christus). Das Gesetz aber bedurfte eines Mittlers, steht also an Wert unter der mittlerlosen Verheißung und fällt fort, nachdem sich in Christus die göttliche Verheißung erfüllt hat. Ein Mittler setzt eine Vielheit von Menschen voraus, zwischen denen er vermittelt, Gott und Christus aber sind nur einer, weil Christus selber Gott ist. Dieser paulinische Beweis für Jesu Gottheit erinnert an Jo 10,30; 14,7-12.

 

23 Vor der Ankunft des Glaubens wurden wir in den Banden des Gesetzes in Gewahrsam gehalten für den Glauben, der geoffenbart werden sollte. 24 So ist das Gesetz unser Zuchtmeister zu Christus hin geworden, damit wir durch Glauben gerechtfertigt würden. 25 Da nun aber der Glaube gekommen ist, stehen wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister. 26 Denn ihr seid alle Kinder Gottes durch den Glauben an Christus Jesus. 27 Ihr alle, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. 28 Jetzt gilt nicht mehr Jude und Grieche, Sklave und Freier, Mann und Weib; ihr alle seid ja Einer in Christus Jesus. 29 Wenn ihr Christi Eigentum seid, so seid ihr auch Abrahams Nachkommen, Erben auf Grund der Verheißung. 26-29: Die durch die Taufe bewirkte Lebensweisheit mit Christus hat die Christen auch untereinander zu einer Einheit verbunden. Die Spaltung durch nationale, soziale und sexuale Bevorzugung hat aufgehört.

 

4 Aufhören des Gesetzes mit Christi Ankunft. Ich sage aber: Solange der Erbe unmündig ist, unterscheidet er sich nicht vom Knechte, obwohl er Herr von allem ist. Er steht vielmehr unter Vormündern und Verwaltern bis zu der vom Vater festgesetzten Zeit. So waren auch wir, als wir noch unmündig waren, Sklaven der Weltelemente. Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, der aus einem Weibe geboren und dem Gesetz unterworfen war. 4: Paulus wußte also um die jungfräuliche Geburt des Gottessohnes aus Maria. Er sollte die unter dem Gesetz Stehenden erlösen, damit wir die Annahme an Kindes Statt empfingen. Weil ihr nun Söhne seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, der da ruft: Abba, Vater. Also bist du nicht mehr Knecht, sondern Sohn; wenn aber Sohn, dann auch Erbe durch Gott. 1-7: Die noch unmündige Menschheit vor Christus bedurfte des Gesetzes als Vormund. Juden wie Heiden, besonders die Heiden, waren den Weltelementen dienstbar. Der geistlose pharisäische Buchstabendienst war nicht viel besser als die heidnische Naturvergötterung. Christus brachte uns die Freiheit der Gotteskinder.

 

Warnung vor Rückfall in die Knechtschaft des Gesetzes. Damals freilich, als ihr Gott nicht kanntet, habt ihr Göttern gedient, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Jetzt aber kennet ihr Gott, oder besser: Ihr seid von Gott erkannt. Wie wollt ihr nun wieder zu den schwachen und armseligen Elementen zurückkehren und ihnen nochmals dienstbar werden? 10 Ihr treibt Kult mit Tagen, Monaten, Festzeiten und Jahren! 11 Ich muß für euch fürchten, vergeblich mich um euch abgemüht zu haben. 12 Liebe Brüder! Ich bitte euch: Werdet wie ich; auch ich richte mich ja nach euch. Ihr habt mir nie etwas zuleid getan. 12: Paulus hat sich nach den Heidenchristen gerichtet, sie sollen nur seinem Beispiel folgen, nicht den judenchristlichen Verführern. 13 Ihr wißt ja: In körperlicher Schwäche habe ich euch das erstemal die Frohbotschaft verkündet; 14 gleichwohl habt ihr mich, obschon eine Versuchung für euch in meinem leiblichen Zustand lag, nicht verachtet noch verabscheut, sondern wie einen Engel Gottes, ja wie Christus Jesus selbst aufgenommen. 15 Wo ist nun eure Seligpreisung? Ich kann euch ja bezeugen, daß ihr euch, wenn es möglich gewesen wäre, die Augen ausgestochen und sie mir gegeben hättet. 16 Bin ich nun dadurch euer Feind geworden, daß ich euch die Wahrheit sage? 17 Sie bemühen sich um euch auf keine gute Art; nein, sie wollen euch von mir wegdrängen, damit ihr euch um sie bemühet. 18 Der Eifer ist etwas Schönes, wenn er sich recht betätigt, und zwar allezeit, nicht nur solange ich bei euch bin. 19 Meine Kinder! Von neuem leide ich Geburtsschmerzen um euch, bis Christus in euch Gestalt angenommen hat. 20 Am liebsten möchte ich jetzt bei euch sein und meine Sprache ändern; denn ich weiß mir keinen Rat mehr euretwegen. 12-20: Nach den ernsten Zurechtweisungen wird Paulus in seiner Sorge und Liebe um die Christen zärtlich wie eine Mutter um ihr Kind. Christus in den Menschen zu formen, ist höchstes Ziel aller Seelsorge.

 

Leibliche und geistige Söhne Abrahams: Söhne der Knechtschaft und Söhne der Freiheit. 21 Sagt mir, die ihr unter dem Gesetz stehen wollt, versteht ihr denn das Gesetz nicht? 22 Es steht ja geschrieben: Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Magd und einen von der Freien. 23 Der von der Magd war nach dem Fleische geboren, der von der Freien auf Grund der Verheißung. 24 Das ist bildlich zu verstehen: Diese beiden Mütter bedeuten die zwei Bünde. Der eine ist jener vom Berg Sinai, der zur Knechtschaft gebiert; das ist Hagar. 25 Das Wort Hagar bedeutet nämlich den Berg Sinai in Arabien. Er entspricht dem jetzigen Jerusalem; denn dieses ist samt seinen Kindern in Knechtschaft. 26 Das obere Jerusalem aber ist die Freie: Das ist unsere Mutter. 27 Denn es steht geschrieben: Freue dich, du Unfruchtbare, die du kinderlos bist, frohlocke und juble, die du keine Geburtswehen kennst! Denn die Alleinstehende hat mehr Kinder als die Vermählte (Is 54,1). 28 Wir aber, meine Brüder, sind wie Isaak Kinder der Verheißung. 29 Aber wie damals der nach dem Fleisch Geborene den nach dem Geist Geborenen verfolgte, so ist es noch immer. 30 Doch was sagt die Schrift dazu? Stoße hinaus die Magd und ihren Sohn; denn der Sohn der Magd soll nicht mit dem Sohne der Freien Erbe sein! (1 Mos 21,10. 12.) 31 Also sind wir, liebe Brüder, nicht Kinder der Magd, sondern der Freien. 21-31: Die beiden Mütter, Hagar und Sara, sind die Sinnbilder des Alten und Neuen Bundes. Hagar, die Magd Abrahams, deren Sohn zur Knechtschaft bestimmt ist, ist das Sinnbild des Alten Bundes, der auf dem Berge Sinai gestiftet wurde. Seine Söhne sind unfrei und stehen unter der Knechtschaft des Gesetzes. Sara ist das Vorbild des oberen Jerusalems, d. h. der Kirche Christi. Diese ist frei von der Knechtschaft des Gesetzes und ist unsere Mutter. So sind die Gläubigen ebenso wie Isaak Kinder der Verheißung. Daran darf sie nicht irremachen, daß Verfolgungen über sie kommen; denn auch Isaak, der Sohn der Sara, wurde von Ismael, dem Sohne der Hagar, verfolgt. Edles Selbstbewußtsein muß trotz aller Verfolgungen die Christen erfüllen.

 

5 Mahnung zur Bewahrung der christlichen Freiheit. Für die Freiheit hat Christus uns frei gemacht. Stehet also fest und lasset euch nicht aufs neue unter das Joch der Knechtschaft zwingen! Seht, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden laßt, so wird euch Christus nichts nützen. Nochmals bezeuge ich jedem Menschen, der sich beschneiden läßt: Er ist verpflichtet, das ganze Gesetz zu halten. Wollt ihr durch das Gesetz gerecht werden, so ist eure Verbindung mit Christus gelöst, ihr seid der Gnade verlustig gegangen. Denn wir erwarten im Geiste auf Grund des Glaubens die erhoffte Gerechtigkeit. In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern nur der Glaube, der durch Liebe wirksam ist. 1-6: In der Religion geht es ums Ganze. Man kann nicht nach Belieben einzelnes annehmen, anderes verwerfen. Nicht Nationalität und Rasse geben den Ausschlag, sondern der lebendige Glaube an Christus. Anders denken heißt in jüdische Enge und Geistesknechtung zurückfallen. Ihr hattet einen so schönen Anlauf genommen; wer hat euch aufgehalten, so daß ihr der Wahrheit nicht mehr gehorcht? Die Lockung kommt nicht von dem, der euch berufen hat. Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig. 10 Ich habe im Herrn das Vertrauen zu euch, daß ihr nicht anders gesinnt sein werdet. Wer unter euch die Verwirrung anrichtet, hat die Strafe zu tragen, wer er auch sei. 11 Wenn aber ich die Beschneidung weiterpredigte, würde man mich dann noch verfolgen? Dann wäre ja das Ärgernis des Kreuzes behoben. 12 Die Verwirrung unter euch schaffen, sollten sich doch lieber gleich zerschneiden lassen! 11-12: Gerade der Kampf gegen die Notwendigkeit der Beschneidung und für die Erlösung am schmachvollen Kreuz hat dem Apostel die Feindschaft der Juden zugezogen. Ihnen sagt er sarkastisch: Wenn die Operation der Beschneidung das Heil bewirkt, dann laßt euch doch gleich kastrieren, um so des Heils noch sicherer zu sein.

 

Der Wandel des Christen

Herrschaft des Geistes über die bösen Begierden. 13 Denn zur Freiheit seid ihr berufen, liebe Brüder! Nur mißbraucht die Freiheit nicht zu einem Vorwand für fleischliche Gelüste; dienet vielmehr einer dem anderen durch die Liebe. 13: Freiheit vom jüdischen Gesetz bedeutet nicht sittliche Ungebundenheit. 14 Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 15 Wenn ihr aber einander beißt und freßt, sehet zu, daß ihr einander nicht aufzehrt! 16 Ich sage euch vielmehr: Wandelt im Geiste; dann werdet ihr die Gelüste des Fleisches nicht vollbringen. 16: Die beste Bekämpfung der Begierlichkeit ist die Übung der Werke des Geistes, der positiven, ihr entgegengesetzten Tugenden, 17 Das Fleisch gelüstet wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch; beide widerstreben einander, so daß ihr nicht das tut, was ihr etwa wollt. 18 Laßt ihr euch vom Geiste leiten, so steht ihr nicht unter dem Gesetz. 19 Als Werke des Fleisches sind offenkundig: Unzucht, Unkeuschheit, [Schamlosigkeit,] Wollust, 20 Abgötterei, Zauberei; Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Ränke, Spaltungen, Parteiungen, 21 [Haß,] Mord, Trunkenheit, Schlemmerei und dergleichen. Was ich euch schon zuvor gesagt, wiederhole ich: Die solches treiben, werden das Reich Gottes nicht erben.

 

Früchte des geistigen Lebens. 22 Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Treue, 23 Sanftmut, [Mäßigkeit,] Enthaltsamkeit, [Keuschheit]. Gegen dergleichen ist das Gesetz nicht da. 23: Wo durch die Gnade solche Früchte des Geistes reifen, braucht man kein Gesetz mehr, das ja nur gegen die Sünde gerichtet ist. 24 Die aber Christus angehören, haben ihr Fleisch mitsamt den Leidenschaften und Gelüsten ans Kreuz geschlagen. 25 Leben wir durch den Geist, so laßt uns auch im Geiste wandeln! 26 Laßt uns nicht nach eitlem Ruhme verlangen, nicht einander herausfordern noch einander beneiden!

 

6 Mahnung zur Nachsicht und werktätigen Nächstenliebe. Liebe Brüder! Wenn nun jemand in der Übereilung einen Fehltritt begeht, so weiset als Geistesmänner einen solchen im Geiste der Sanftmut zurecht! Dabei habe acht auf dich selbst, daß du nicht auch versucht werdest! Einer trage des andern Lasten; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen! Wenn einer sich einbildet, er sei etwas, da er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst. Ein jeder prüfe vielmehr sein eigenes Tun. Dann wird er seinen Ruhm für sich behalten und andere damit verschonen. Jeder muß seine eigene Last tragen. Wer in der Lehre Unterricht erhält, soll von allen seinen Gütern dem mitteilen, der ihn unterrichtet. Lasset euch nicht irremachen. Gott läßt seiner nicht spotten. Was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten: wer aber auf den Geist sät, wird vom Geiste ewiges Leben ernten. Lasset uns aber nicht müde werden, Gutes zu tun! Denn wenn wir nicht nachlassen, werden wir zu seiner Zeit auch ernten. 10 Lasset uns also, solange wir Zeit haben, allen Gutes tun, zumal den Glaubensgenossen! 10: Die christliche Pflicht: „Tut Gutes allen!“ wird dadurch nicht verletzt, daß wir auch konfessionelle Liebestätigkeit üben. Solche wird hier geradezu gefordert als Krönung der allgemeinen Wohltätigkeit. 1-10: Brüderliche Zurechtweisung ist sittliche Pflicht. Keiner darf wie Kain sprechen: „Bin ich etwa der Hüter meines Bruders?“ Christsein legt Verantwortung für alle auf uns. Das Bewußtsein der eigenen Armseligkeit zur Bescheidenheit.

 

Schluß

Christus einzige Hoffnung des Heils. 11 Seht, mit welch großen Buchstaben ich euch eigenhändig geschrieben habe! 11: Das folgende hat der heilige Paulus eigenhändig geschrieben. Den übrigen Text des Briefes hat er diktiert. Bei den hohen Beamten der römischen Kaiserzeit war es Sitte, einer amtlichen Kundgebung eigenhändig einige Worte oder Sätze beizufügen. Wenn Paulus ebenso verfährt, will er seine Mahnungen als der amtlich Beauftragte Christi um so eindringlicher machen. Die schwere Arbeit am Webstuhl oder Zeltstoff hat wohl die Hand des Apostels ungelenk gemacht (vgl. Apg 18,3-4). 12 Leute, die bei den Menschen wohlgelitten sein möchten, nötigen euch die Beschneidung auf, nur damit sie wegen des Kreuzes Christi nicht Verfolgung leiden. 13 Denn sie halten, obwohl selbst beschnitten, das Gesetz nicht; vielmehr wollen sie eure Beschneidung nur, um sich eures Fleisches rühmen zu können. 14 Mir aber sei es fern, mich zu rühmen, außer im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus, durch welchen mir die Welt gekreuzigt worden ist und ich der Welt. 12-14: Die von Paulus getadelten Eiferer wollten sich bloß bei ihren Volksgenossen in Gunst setzen und sich so vor den Verfolgungen wegen der Religion des Kreuzes schützen. 15 In Christus Jesus hat weder die Beschneidung einen Wert noch das Unbeschnittensein, sondern nur eine neue Schöpfung. 16 Wie viele immer nach diesem Grundsatz wandeln — Friede und Erbarmen über sie und über das neue Israel Gottes! 17 Möge mir fernerhin niemand lästig fallen; denn ich trage die Wundmale Jesu an meinem Leibe! 17: Die Wunden und Narben, die Paulus als Spuren der Mißhandlungen und Verfolgungen an sich trägt, weisen ihn aus als Diener, Kämpfer und Herold Christi. Sie sollten ihn künftig vor den Verdächtigungen der Gegner schützen. Daß Paulus wie der heilige Franz von Assisi und andere „Stigmatisierter“ gewesen sei, folgt aus dieser Stelle keineswegs.

 

18 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geiste, liebe Brüder! Amen.

 

 

Der Brief an die Philipper

Einleitung

Philippi, die alte Bergwerksstadt Mazedoniens, hat den Ruhm, die erste europäische Missionsstation des Völkerapostels geworden zu sein, als er um das Jahr 50 mit der Bekehrung unseres Erdteils begann. Die dort rasch erblühende Christengemeinde blieb stets seine Lieblingsgemeinde. Von ihr ließ er sich, was er bei allen andern ablehnte, mehrmals durch Spenden unterstützen. Als darum die Philipper hörten, Paulus leide in der Gefangenschaft Not, sandten sie, obwohl selbst verarmt, den Epaphroditus mit einer namhaften Summe nach Rom. Ihre kindliche Anhänglichkeit, ihre Besorgnis um sein Geschick und um die Sache Christi, ihre Glaubenstreue und Opferwilligkeit erfreuten den Gefangenen und bewogen ihn, dem heimkehrenden Epaphroditus einen Dankbrief an die Gemeinde und ihre Vorsteher mitzugeben. Es ist der herzlichste aller Paulusbriefe, ein unsterbliches Zeugnis für das reiche Gemüt und die edle Menschlichkeit des größten Missionars. Die Gefangenschaft hat seinen Bekennermut nicht zu brechen vermocht, aber sein ganzes Wesen abgeklärt. Der Brief wurde kurz vor dem Ende der Haft geschrieben, also im Frühjahr 63.

 

 Gruß. 1Paulus und Timotheus, Diener Christi Jesu, an alle Heiligen in Christus Jesus zu Philippi, samt den Bischöfen und Diakonen. 1: Wenn die Titel „Bischöfe“ und „Diakone“ damals auch noch nicht den erst später festumgrenzten kirchenrechtlichen Sinn hatten, so beweist die besondere Begrüßung doch schon die Anfänge einer hierarchischen Ordnung in der Kirche. Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

 

Danksagung und Fürbitte

Ich danke meinem Gott, so oft ich eurer gedenke. Allezeit bitte ich in allen meinen Gebeten mit Freuden für euch alle wegen eurer Teilnahme an der Heilsverkündigung Christi, die ihr gezeigt vom ersten Tage an bis jetzt. Und ich habe dabei das Vertrauen, daß der, welcher in euch das gute Werk angefangen, es vollenden werde bis auf den Tag Christi Jesu. Es ist ja auch billig für mich, so von euch allen zu denken, weil ich euch im Herzen trage, da ihr alle sowohl in meinen Banden als in der Verteidigung und Bekräftigung der Heilsbotschaft Mitgenossen meiner Gnade seid. 7: Lateinisch: „Mitgenossen meiner Freude“. Christliche Freude ist die aus der Wurzel der Gnade sprossende Blüte. Für Christus leiden zu dürfen, ist dem Apostel Gnade und Freude zugleich. Gott ist mein Zeuge, daß ich mich nach euch allen sehne mit der Zärtlichkeit Jesu Christi. Darum bete ich, daß eure Liebe mehr und mehr zunehme in Erkenntnis und allem Verständnis, 10 damit ihr das Bessere prüfen könnt, so daß ihr rein und ohne Tadel seid auf den Tag Christi, 11 voll Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes. 3-11: Dankbare Gesinnung spricht sich bei religiösen Menschen von selbst im Gebet füreinander aus.

 

Mitteilung über seine Lage

12 Meine Brüder! Ihr sollt wissen, daß meine Lage mehr zum Fortschritt der Heilsverkündigung beigetragen hat. 13 Im ganzen Lager wie auch sonst überall wurde bekannt, daß ich meine Fesseln um Christi willen trage. 13: Das Lager war die Kaserne der kaiserlichen Leibwache in Rom. 14 Die Mehrzahl der Brüder im Herrn faßte Vertrauen durch meine Bande und wagte um so mehr, ohne Furcht das Wort Gottes zu verkünden. 15 Einige predigen zwar Christus aus Neid und Streitsucht, andere dagegen in guter Gesinnung; 16 einige aus Liebe, weil sie wissen, daß ich zur Verteidigung der Heilsbotschaft bestellt bin. 17 Andere verkünden Christus aus Streitsucht, nicht aus reiner Absicht, indem sie meine Fesseln zu erschweren gedenken. 18 Was liegt daran? Wenn nur auf jede Weise Christus verkündet wird, sei es zum Vorwand, sei es in Wahrheit. Und darüber freue ich mich und werde mich auch ferner freuen. 18: Wenn auch diese Lehrer ihn durch ihr liebloses Vorgehen kränkten, so freut sich der demütige Apostel doch, daß auch durch sie das Evangelium gepredigt wird. 19 Ich weiß ja, daß mir dies zum Heile gedeihen wird durch euer Gebet und den Beistand des Geistes Jesu Christi. 20 So habe ich die Erwartung und Hoffnung, daß ich in keinem Stücke werde zuschanden werden, sondern daß in allem Freimut, wie immer, so auch jetzt Christus an meinem Leibe verherrlicht werden wird, sei es durch Leben, sei es durch Tod. 21 Denn für mich ist das Leben Christus und das Sterben Gewinn. 22 Wenn das Leben im Fleische für mein Wirken fruchtbar ist, so weiß ich auch nicht, was ich wählen soll. 23 Es zieht mich nach beiden Seiten hin: Ich habe das Verlangen, aufgelöst zu werden und mit Christus zu sein, was um vieles besser wäre. 24 Im Fleische zu bleiben ist aber notwendig euretwegen. 25 Und das weiß ich zuversichtlich, daß ich bleibe, daß ich bei euch allen bleiben werde zu eurer Förderung und zur Freude im Glauben, 26 damit euer Frohlocken in Christus Jesus über mich um so überschwenglicher werde, wenn ich wieder zu euch komme. 21-26: Sogar den Herzenswunsch nach der ewigen Vereinigung mit Christus will er zurückstellen aus apostolischem Eifer. Das ist nicht Lebensüberdruß, sondern christliche Lebensbejahung, sogar nach jahrelanger Gefangenschaft.

 

Mahnungen an die Gemeinde

Ausdauer. 27 Nur wandelt würdig der Frohbotschaft Christi, damit ich, mag ich kommen und euch sehen, oder abwesend sein, von euch hören darf, daß ihr feststeht in einem Geiste, einmütig miteinander kämpfet für den Glauben an die Frohbotschaft. 28 Laßt euch in keinem Stücke abschrecken von den Widersachern. Denn dies ist für sie ein Anzeichen des Verderbens, für euch aber des Heiles, und zwar von Gott. 29 Denn euch ist die Gnade verliehen, an Christus nicht nur zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden. 30 Ihr habt ja denselben Kampf zu bestehen, den ihr an mir sahet und jetzt von mir höret.

 

2 Christi Vorbild. Wenn bei euch eine Ermahnung in Christus etwas gilt, ein liebevoller Zuspruch, Geistesgemeinschaft und herzliches Erbarmen, dann macht meine Freude dadurch voll, daß ihr eines Sinnes seid, von gleicher Liebe erfüllt und einmütig auf dasselbe bedacht. Tut nichts aus Streitsucht oder eitler Ehrsucht, in Demut achte vielmehr einer den andern höher als sich selbst. Niemand sei nur auf sein Bestes bedacht, sondern auch auf das Wohl des andern. So sollt ihr gesinnt sein, wie auch Jesus Christus gesinnt war. 1-5: Immer wieder schärft der Apostel den jungen Christen die sozialen Tugenden ein. Selbstlose Liebe in brüderlicher Eintracht war die beste Empfehlung der neuen Religion vor den Heiden. Er, der in Gottesgestalt war, hat dennoch nicht geglaubt, das Gottgleichsein wie ein Beutestück festhalten zu sollen; nein, er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an, wurde den Menschen gleich und ward im Äußern als ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Darum hat ihn Gott auch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, 10 auf daß sich im Namen Jesu beugen alle Knie derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind, 11 und daß alle Zungen zur Ehre Gottes des Vaters bekennen: Jesus Christus ist der Herr! 6-11: Kein Tugendbeispiel ist anziehender und verpflichtender als Christus: Der vorweltliche, von Natur und Wesenheit dem Vater gleiche Gottessohn hat die Gottesherrlichkeit zwar nie aufgeben können; aber er wollte nicht in eifersüchtiger Unnahbarkeit wohnen wie die heidnischen Götter im Olymp. Auf Erden erschien er wie ein einfacher Mensch unter Menschen und verbarg seine „Gottesgestalt“ unter der Knechtsgestalt. Diese freigewählte Selbsterniedrigung hat Gott mit ewiger Glorie auch für die Menschennatur des Erlösers belohnt. Er ist der Herr des Universums. Keiner kommt an ihm vorbei.

 

Mahnung zum Gehorsam. 12 Darum, meine Lieben, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, wirket nicht bloß in meiner Anwesenheit, sondern noch weit mehr jetzt in meiner Abwesenheit euer Heil mit Furcht und Zittern. 13 Gott ist es ja, der das Wollen und Vollbringen in euch wirkt nach seinem Wohlgefallen. 14 Tut aber alles ohne Murren und Zaudern! 15 So werdet ihr tadellos und lauter, Kinder Gottes, ohne Fehl inmitten eines verkehrten und verderbten Geschlechtes, unter dem ihr leuchtet wie Sterne im Weltall. 16 Haltet also fest am Worte des Lebens, mir zum Ruhme für den Tag Christi, daß ich nicht umsonst gelaufen bin und nicht vergebens mich geplagt habe. 17 Und wenn ich auch hingeopfert werden muß beim priesterlichen Opferdienst an eurem Glauben, so freue ich mich doch und frohlocke mit euch allen. 17: Wie Christus, der göttliche Hohepriester, so darf auch Paulus Opferpriester und Opfergabe zugleich sein. Voll Freude will er sein Leben einsetzen für das Werk des Glaubens. 18 Deswegen freuet auch ihr euch und freuet euch mit mir.

 

Zwei treue Mitarbeiter

19 Ich hoffe im Herrn Jesus, den Timotheus bald zu euch zu senden, damit auch ich guten Mutes werde, wenn ich erfahre, wie es um euch steht. 20 Ich habe ja sonst keinen, der gesinnt ist wie er, der mit so herzlicher Teilnahme für euch sorgt. 21 Denn alle andern suchen nur den eigenen Vorteil, nicht die Sache Jesu Christi. 22 Seine erprobte Treue ist euch bekannt; wie ein Sohn seinem Vater hat er mir bei der Heilsverkündigung gedient. 23 Ihn also hoffe ich [zu euch] zu senden, sobald ich meine Lage übersehen kann. 24 Ich habe aber das feste Vertrauen zum Herrn, daß ich auch selbst bald zu euch kommen kann. 23-24: Der Apostel rechnet mit dem baldigen Ende seiner Gefangenschaft durch Freispruch vor dem kaiserlichen Gericht. 25 Ich habe es für nötig erachtet, den Epaphroditus, meinen Bruder, Mitarbeiter und Mitstreiter, euren Abgesandten und Überbringer eurer Gabe für meinen Bedarf, zu euch zu senden. 26 Er hatte nämlich großes Heimweh nach euch allen und war bekümmert darüber, daß ihr von seiner Erkrankung gehört habt. 27 Wirklich war er todkrank; aber Gott hat sich seiner erbarmt, aber nicht nur seiner, sondern auch meiner, daß ich nicht Trauer über Trauer hätte. 28 Um so eiliger sende ich ihn nun, damit ihr die Freude habet, ihn wiederzusehen, und ich von diesem Kummer befreit werde. 29 So nehmet ihn denn auf im Herrn mit aller Freude und haltet solche Männer in Ehren! 30 Denn um des Werkes Christi willen kam er dem Tode nahe und wagte sein Leben bei diesem Dienst für euch, um das zu ersetzen, was an eurem Liebesdienst für mich noch mangelte.

 

Mahnungen und Warnungen

3 Warnung vor Irrlehren. Übrigens, meine Brüder, freuet euch im Herrn! Das nämliche euch zu schreiben, ist mir keine Last, euch aber ist es notwendig. Hütet euch vor den Hunden, hütet euch vor den Pfuschern, hütet euch vor den Männern der Zerschneidung. 2: Männer der Zerschneidung werden sie genannt, weil sie auf die Beschneidung den größten Wert legen, ohne auf das Innere, Beschneidung des Herzens, zu achten, und weil sie die christliche Einheit zerschnitten. Männer der Beschneidung sind wir, die wir im Geiste Gott dienen und uns in Christus Jesus rühmen und nicht auf das Fleisch vertrauen, obwohl ich selbst auf das Fleisch Vertrauen setzen könnte. Wenn irgendein anderer meint, auf das Fleisch vertrauen zu können, ich könnte es noch mehr. Am achten Tage wurde ich beschnitten, ich bin aus dem Volke Israel, aus dem Stamme Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, in der Stellung zum Gesetz ein Pharisäer, dem Eifer nach ein Verfolger der Kirche [Gottes], und der Gerechtigkeit nach, die im Gesetze ist, wandelte ich ohne Tadel. 3-6: Käme das Heil von der rassenmäßigen Zugehörigkeit zum Volke Israel und nicht aus dem Geiste Gottes und aus der Erlösung durch Christus, so könnte Paulus doch getrost dieselben Ansprüche erheben wie die Gegner. Nichts fehlte ihm, was einen rasseechten Juden auszeichnete. Sein Stammbaum reicht fast 2000 Jahre zurück, seine Familie hat die völkische Sitte treu bewahrt, sein persönlicher Eifer trieb ihn in die Reihen der radikalen Partei, und selbst darin zeichnete er sich als Draufgänger im Kampf gegen die Christen aus. Aber was mir Gewinn brachte, das habe ich um Christi willen für Verlust gehalten. Ja, ich halte das noch alles für Verlust wegen der alles übertreffenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen habe ich dies alles preisgegeben und es für Unrat gehalten, um Christus zu gewinnen und in ihm erfunden zu werden, nicht mit eigener Gerechtigkeit, die aus dem Gesetze ist, sondern mit jener, die aus dem Glauben an [Jesus] Christus stammt, mit der Gerechtigkeit, die Gott verleiht auf Grund des Glaubens. 10 So möchte ich ihn erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden, und ihm möchte ich im Tode ähnlich werden, 11 um so zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. 7-11: Gottes Gnade hat ihm die Augen geöffnet für die wahre Religion im Glauben an Christus. Für Christus hat er alles geopfert, auch die sichere Aussicht auf eine glänzende Laufbahn. 1-11: Wiederholt hat Paulus bereits die Philipper vor den Umtrieben der judaistischen Irrlehrer warnen müssen. Er tut es nochmals mit besonderem Nachdruck. Hinterlistig beißende Hunde sind sie, Arbeiter, die alles verderben, was sie in die Hand nehmen, dabei aber tun, als verständen sie alles.

 

Mahnung zur Vollkommenheit. 12 Es ist nicht so, als hätte ich es schon erlangt, oder als wäre ich schon vollkommen, aber ich strebe danach, ob ich es wohl ergreifen könnte, weil ich auch von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Also, Brüder, ich bilde mir nicht ein, es schon ergriffen zu haben. Eines aber tue ich: ich vergesse, was hinter mir liegt, und strebe nach dem, was vor mir liegt. 14 Ich strebe nach dem Ziele, nach dem Siegespreis der Berufung, welche mir zuteil geworden ist von oben her, von Gott in Christus Jesus. 15 Wir alle, die wir vollkommen sind, wollen so gesinnt sein. Und wenn ihr etwa anders gesinnt seid, so wird euch Gott auch darüber belehren. 16 Aber es gilt, an dem, was wir bereits erreicht haben, unentwegt festzuhalten. 12-16: Die Unruhe zu Christus hin läßt den echten Christen nie zu satter Genügsamkeit kommen. Am Bewährten festhaltend, strebt er immer weiter.

 

Christlicher Wandel. 17 Seid meine Nachahmer, Brüder! Schaut auf jene, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt! 18 Denn viele wandeln — wie ich euch so oft gesagt habe, jetzt aber unter Tränen sage — als Feinde des Kreuzes Christi. 19 Ihr Ende ist Verderben, ihr Gott ist der Bauch, ihr Ruhm besteht in ihrer Schande, ihr Sinn ist auf das Irdische gerichtet. 20 Unsere Heimstätte aber ist im Himmel, woher wir auch den Heiland erwarten, unsern Herrn Jesus Christus. 21 Er wird unsern armseligen Leib umgestalten und ihn ähnlich machen seinem verklärten Leibe durch die Kraft, mit der er sich auch alles unterwerfen kann.

 

4 Mahnung zu Friedfertigkeit und innerer Freude. Nun denn, meine lieben Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und meine Krone, stehet also fest im Herrn, Geliebteste! Evodia ermahne ich und Syntyche ermahne ich, eines Sinnes zu sein im Herrn. 2: Evodia und Syntyche waren zwei um das Christentum sehr verdiente und in der Gemeinde zu Philippi hochangesehene Frauen. Zwischen beiden war ein Zwist entstanden. Ich bitte auch dich, du treuer Genosse, nimm dich ihrer an. Sie haben ja mit mir für die Heilsbotschaft gekämpft, auch mit Klemens und meinen übrigen Mitarbeitern, deren Namen in dem Buch des Lebens stehen. 3: Nach der Ansicht mehrerer Kirchenschriftsteller ist der hl. Klemens von Rom gemeint, der dritte Nachfolger des hl. Petrus. Freuet euch allezeit im Herrn! Abermals sage ich: Freuet euch! Euer gütiges Wesen werde allen Menschen kund! Der Herr ist nahe! Um nichts seid in Sorgen! In jeder Lage laßt eure Anliegen in Gebet und Flehen mit Dank kundwerden bei Gott. Dann wird der Friede Gottes, der jeden Begriff übersteigt, eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus behüten. — Endlich, Brüder, was wahr ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, liebenswürdig, was dem guten Rufe dient, was es überhaupt an Tugend und Lobenswertem gibt, darauf richtet euer Sinnen! Was ihr auch gelernt, empfangen, gehört und gesehen habt bei mir, das tuet! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein.

 

Dank für die liebevolle Sorge

10 Ich habe mich sehr erfreut im Herrn, daß eure Sorge um mich sich wieder so herrlich entfalten konnte. Ihr wolltet ja immer für mich sorgen, aber die Gelegenheit dazu fehlte. 11 Ich sage dies nicht der erlittenen Entbehrung wegen; ich habe gelernt, in meinen Verhältnissen zufrieden zu sein. 12 Ich weiß mich in die Not und auch in Überfluß zu schicken. In alles und jedes bin ich eingeweiht; ich kann satt sein und hungern, Überfluß haben und Mangel leiden. 13 Ich vermag alles in dem, der mich stärkt. 14 Doch ihr habt wohlgetan, an meiner Trübsal Anteil zu nehmen. 15 Ihr wißt selbst, liebe Philipper, als ich im Anfang der Heilsverkündigung Mazedonien verließ, trat keine Gemeinde mit mir in das Wechselverhältnis von Geben und Nehmen als ihr allein. 16 Auch nach Thessalonich habt ihr mir mehr als einmal etwas für meinen Bedarf geschickt. 17 Ich suchte nicht Geschenke, sondern den reichen Gewinn, der euch daraus gutgeschrieben wird. 18 Ich habe genug und mehr als genug. Ich bin reich, seit ich von Epaphroditus eure Sendung erhielt, es war ein lieblicher Geruch, ein angenehmes, wohlgefälliges Opfer vor Gott. 19 Mein Gott aber wird euch alles, dessen ihr bedürft, nach seinem Reichtum in herrlicher Fülle zuwenden in Christus Jesus. 20 Unserem Gott und Vater aber sei die Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 

Gruß und Segenswunsch. 21 Grüßet jeden Heiligen in Christus Jesus. Es grüßen euch die Brüder, die bei mir sind. 22 Es grüßen euch alle Heiligen, besonders die vom Hof des Kaisers. 22: Sogar in der Umgebung des Nero gab es also bereits Jünger Christi: Es dürften Hofbeamte und Mitglieder der kaiserlichen Dienerschaft gewesen sein. 23 Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geiste! Amen.

 

 

Der Brief an die Kolosser

Einleitung

In der phrygischen Stadt Kolossä im fruchtbaren Tal des Lykos und Mäander hatte der Paulusschüler Epaphras eine Christengemeinde gegründet, Paulus selbst war bis dahin noch nicht dorthin gekommen. Als die Gefahr für das Glaubensleben durch Irrlehrer wuchs, fuhr Epaphras nach Rom, um bei dem gefangenen Apostel Rat und Ermutigung zu suchen. Die Irrlehren stellten ein buntgemischtes System der Überschätzung jüdischen Brauchtums und völkischer Naturreligion dar. Christus lehnte man nicht ganz ab, forderte aber neben ihm einen übertriebenen Engel- und Geisterkult. Paulus unterschätzte die Gefahr nicht und wehrte sie in seinem an die Gemeinde gerichteten Brief dadurch ab, daß er kraftvoll die göttliche Herrlichkeit Christi darlegte. Nur in der gläubigen Lebensgemeinschaft mit dem menschgewordenen Gottessohn ist für die erlösungsbedürftige Menschheit das Heil zu finden. Es gibt keinen Mittler neben oder außer Christus. Nach Christi sittlicher Forderung muß darum der Lebenswandel jedes Menschen geformt sein, wenn er vor Gott bestehen will. In der klaren Herausstellung dieser Grundwahrheiten des Christentums liegt die überzeitliche Bedeutung des Kolosserbriefes. Paulus hat ihn 62 oder Anfang 63 geschrieben und durch seinen Mitarbeiter Tychikus nach Kleinasien bringen lassen.

 

Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, und der Bruder Timotheus an die Heiligen von Kolossä und die gläubigen Brüder in Christus. Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater [und dem Herrn Jesus Christus].

 

Dank. Wir danken Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, allezeit euretwegen im Gebete. Wir haben nämlich gehört von eurem in Christus Jesus wurzelnden Glauben und von der Liebe, die ihr zu allen Heiligen habt, die da ruht auf der Hoffnung, die euch im Himmel hinterlegt ist. Von ihr habt ihr früher vernommen durch das wahre Wort der Heilsbotschaft. Dieses ist zu euch gekommen, wie es ja in der ganzen Welt ist und Frucht bringt und wächst. So ist es auch unter euch von jenem Tage an, da ihr gehört und erkannt habt die Gnade Gottes in Wahrheit. Ihr habt ja den Unterricht empfangen von Epaphras, unserem geliebten Mitknecht, der ein treuer Diener Christi ist als unser Vertreter. Er hat uns auch erzählt von eurer Liebe im Geiste.

 

Fürbitte für die Gemeinde. Von dem Tage an, da wir es vernommen, hören wir daher nicht auf, für euch zu beten und zu flehen, daß ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistgewirkten Weisheit und Einsicht. 10 So sollt ihr Gottes würdig wandeln zum vollen Wohlgefallen, sollt fruchtbar sein an allen guten Werken und wachsen in der Erkenntnis Gottes. 11 Möget ihr gestärkt werden mit aller Kraft, wie es seiner machtvollen Herrlichkeit entspricht, zu aller Geduld und Langmut. 12 Mit Freuden sollt ihr dem Vater danksagen, denn er hat uns befähigt zur Teilnahme an dem Erbe der Heiligen im Lichte. 9-12: Auch für die ihm persönlich nicht bekannten Christen fühlt sich der Apostel mitverantwortlich und betet um ihr Wachstum im Glauben.

 

Belehrender Teil

Hoheit Christi. 13 Er hat uns befreit aus der Macht der Finsternis und in das Reich seines geliebten Sohnes versetzt. 14 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden. 15 Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung. 16 Denn in ihm ist alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und Unsichtbare, die Throne Herrschaften, Mächte und Gewalten — alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. 17 Und er ist vor allem, und alles hat in ihm Bestand. 17: Der Sohn Gottes ist früher als alles Erschaffene, von Ewigkeit her, also nicht geschaffen. 18 Er ist das Haupt des Leibes, der Kirche; er ist der Anfang, der Erstgeborene unter den Toten, damit er in allem den Vorrang habe. 18: Die Auferstehung ist gleichsam eine Wiedergeburt aus dem Tode. 19 Denn es hat Gott gefallen, die ganze Fülle in ihm wohnen zu lassen 20 und durch ihn alles mit sich zu versöhnen, indem er Frieden stiftete durch das Blut seines Kreuzes — alles, was auf Erden und im Himmel ist. 19-20: Nicht nur vorübergehend, sondern dauernd wohnte in Christus die ganze Fülle der göttlichen Wesenheit. Neben Christus kann es also keinen gleichberechtigten Mittler geben. 21 Auch euch, die ihr ehedem entfremdet und voll feindseliger Gesinnung wart durch eure bösen Werke, 22 auch euch hat er jetzt versöhnt durch den Tod in seinem fleischlichen Leibe, um euch heilig und untadelhaft und unsträflich vor ihm darzustellen. 23 Doch müßt ihr im Glauben festgegründet und beständig bleiben und dürft nicht weichen von der Hoffnung der Heilsbotschaft, die ihr gehört habt, die der ganzen Schöpfung unter dem Himmel verkündet ist, deren Diener ich, Paulus, geworden bin.

 

Der Dienst und die Leiden des Apostels. 24 Nun freue ich mich der Leiden für euch. Ich will das an meinem Fleische ergänzen, was an den Leiden Christi noch fehlt für seinen Leib, die Kirche. 24: Christus hat am Kreuze genug gelitten, um die ganze Menschheit zu erlösen. Aber weil jeder Christ ein Glied am mystischen Christusleib ist, hat Gott auch ihm ein bestimmtes Maß von Leiden zugedacht. Da es in der Lebenseinheit mit dem mystischen Christus gelitten wird, darf es auch „Leiden Christi“ oder „Drangsal Christi“ genannt werden. Es kommt der Kirche, die ja der mystische Leib Christi ist, zugute und wird erst vollendet, wenn die leidende und streitende Kirche ganz in die triumphierende übergegangen ist. Aus dieser tiefen Leidensmystik erwächst die Freude am Leiden für andere. 25 Ihr Diener bin ich ja geworden durch das Amt, das mir Gott für euch verliehen hat, das Wort Gottes vollständig zu verkünden. 26 Dieses Geheimnis, das früheren Zeiten und Geschlechtern verborgen war, ist nun seinen Heiligen geoffenbart. 27 Ihnen wollte Gott kundtun den herrlichen Reichtum dieses Geheimnisses unter den Heiden, nämlich Christus in euch, die Hoffnung auf die Herrlichkeit. 28 Ihn verkünden wir und ermahnen jedermann und lehren jedermann in aller Weisheit, damit wir jedermann vollkommen in Christus darstellen. 29 Dafür arbeite ich und kämpfe in seiner Kraft, die er in mir mächtig wirkt.

 

2 Warnung vor Irrlehren. Ihr sollt nämlich wissen, welche Mühe ich mir gebe um euch und die zu Laodizea und um alle, die mich nicht persönlich kennen. Ich möchte ihren Herzen Trost zuführen und sie in Liebe einigen und gelangen lassen zum ganzen Reichtum des vollen Verständnisses, zur Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, das heißt Christi, in welchem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind. 2: Im Lateinischen: „... des Geheimnisses Gottes, des Vaters, und Christi Jesu.“ Wer also Christus kennt, kennt Gott. Wer von Christus nichts wissen will, lehnt Gott ab. „Niemand kommt zum Vater, wenn nicht durch mich.“ (Jo 14,6.) Dies sage ich, damit euch niemand verwirre mit hochklingenden Reden.

 

Heil nur in Christus. Wenn ich auch dem Leibe nach abwesend bin, so bin ich doch im Geiste bei euch und sehe mit Freuden eure geschlossene Front und das Bollwerk eures Glaubens an Christus. Wie ihr also Christus Jesus, den Herrn, aufgenommen habt, so wandelt in ihm! Fasset Wurzel und erbauet euch auf ihm, seid fest im Glauben, wie ihr es gelernt habt, strömet über in Danksagung! Sehet zu, daß euch niemand einfängt durch Weltweisheit und leeren Trug, der sich gründet auf die menschliche Überlieferung und die Weltelemente, aber nicht auf Christus. Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig. 10 Und ihr seid in ihm dieser Fülle teilhaftig geworden. Er ist das Haupt über jede Macht und Herrschaft. 6-10: Nicht irgendeine Christusgestalt, sondern nur die von den Glaubensboten der Kirche überlieferte entspricht der Offenbarung Gottes an die Menschen. Christi Lehre ist nicht bloße „Weltanschauung“, hinter der statt einer letzten Sicherheit nur menschlicher Trug steht. Sie erschöpft sich nicht im Brauchtum eines einzelnen Volkes, in seinen „Überlieferungen“, wächst auch nicht aus den „Weltelementen“, den primitiven Kräften und dem vergöttlichten Blut und Boden. In Christus ist uns der außerweltliche Gott selber erschienen mit seiner unendlichen Fülle.

 

Das Heil kommt nicht aus den jüdischen Lehren. 11 In ihm habt ihr auch die Beschneidung empfangen, nicht eine solche, die mit Händen vorgenommen worden ist, sondern jene, die im Ablegen des Fleischesleibes besteht, die christliche Beschneidung. 11: Die „christliche Beschneidung“ ist die Taufe. Beim Untertauchen im Taufwasser wird alles Sündhafte begraben, ein neuer Mensch geht hervor. 12 Seid ihr doch mit ihm in der Taufe begraben worden und in ihm auferstanden durch den Glauben an die Macht Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat. 13 Auch euch, die ihr tot waret durch die Sünden und durch euer unbeschnittenes Fleisch, hat Gott mit ihm neu belebt. Er hat uns gnädig alle Sünden vergeben. 14 Er hat gelöscht den wider uns lautenden Schuldschein mit seinen Forderungen, hat ihn vernichtet, indem er ihn ans Kreuz heftete. 15 Er hat entwaffnet die Mächte und Gewalten, hat sie offen an den Pranger gestellt und durch ihn über sie triumphiert.

 

16 So soll euch denn niemand richten wegen Speise oder Trank oder wegen eines Festtages oder Neumondes oder Sabbats. 16: Die Irrlehrer haben auf äußere Dinge, wie Fasten, Festfeiern usw., großen Wert gelegt. Durch all diese Dinge erlangen sie das Reich Gottes nicht. Sie sind nur ein Schatten und ebenso unwirksam wie dieser. 17 Das sind ja nur Schatten des Zukünftigen. Das Wesen gehört Christus an. 18 Laßt euch von niemand um den Siegespreis bringen, der sich in „Demut“ und Engeldienst gefällt, sich mit Visionen wichtig macht, während er doch nur ohne Grund aufgeblasen ist in seinem fleischlichen Sinne; 19 der sich nicht an das Haupt hält, von welchem aus der ganze Leib durch Gelenke und Bänder verbunden und zusammengehalten ist und fortschreitet in göttlichem Wachstum. 20 Wenn ihr also mit Christus den Weltelementen abgestorben seid, was laßt ihr euch noch Vorschriften machen, als lebtet ihr in der Welt? 21 „Das fasset nicht an, das esset nicht, das rührt nicht an!“ — 22 Alles das geht zugrunde eben durch den Verbrauch; es sind ja Vorschriften und Lehren von Menschen. 23 Diese haben zwar den Schein von Weisheit in ihrer selbstgemachten Frömmigkeit, „Demut“ und Kasteiung des Leibes, aber es hat keinen Wert vor Gott, sondern dient nur zur Befriedigung des Fleisches. 23: Der Apostel will nicht diese Bußwerke an sich verurteilen, er selbst legte sich solche auf (1 Kor 9,27). Diese Übungen dürfen aber nicht als das Wichtigste im christlichen Leben betrachtet werden; wenn sie im richtigen Geiste ausgeführt werden, so sind sie ein vorzügliches Mittel zur sittlichen Vervollkommnung. Wer aber in seinen religiösen Übungen immer etwas anderes sucht als die andern, weil diese „nur gewöhnliche Frömmigkeit“ üben, der verwechselt Gott mit dem Götzen der geltungsbedürftigen Eigenliebe.

 

Mahnungen zu christlichem Leben

3 Allgemeine Pflichten. Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so suchet, was droben ist, wo Christus sitzet zur Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf der Erde ist. Denn ihr seid gestorben, euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit. 3-4: Wie die Welt nichts weiß von dem verklärten Christus, so auch nichts von dem übernatürlichen Leben des Christen, bis einst die große Wendung kommt beim allgemeinen Gericht. Wo das religiöse Innenleben fehlt, ist aller äußere „Betrieb“ nur Schein. So ertötet also das Irdische an euch: Unzucht und Unreinigkeit, Leidenschaft und böse Lust, Habsucht — das ist Götzendienst! Um ihretwillen kommt Gottes Zorn [über die ungehorsamen Kinder]. Auch ihr seid einst in diesen Dingen gewandelt, als ihr unter ihnen lebtet. Jetzt aber sollt ihr das alles ablegen: Zorn, Erbitterung, Bosheit, Lästerung, unehrbare Rede aus eurem Munde. Belüget einander nicht. Ziehet den alten Menschen aus mit seinen Werken. 10 Ziehet den neuen Menschen an, der neu geschaffen wird zur Erkenntnis, nach dem Bilde dessen, der ihn erschaffen hat. 11 Da gibt es nicht mehr Heiden und Juden, Beschnittene und Unbeschnittene, Barbaren und Scythen, Sklaven und Freie, sondern alles und in allen ist Christus.

 

12 So ziehet nun an als Gottes Auserwählte, Heilige und Geliebte, herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut, Geduld. 13 Ertraget einander und verzeihet einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat; wie der Herr euch verziehen hat, so sollt auch ihr tun. 14 Über das alles aber habet die Liebe; denn sie ist das Band der Vollkommenheit. 14: Die Liebe ist, wie das Oberkleid, die „Uniform“ der Jünger Jesu. An ihr werden sie erkannt. Vgl. Jo 13,34-35; 1 Kor 13. 15 Der Friede Christi herrsche in eurem Herzen; zu diesem seid ihr ja berufen in einem Leibe. Seid dankbar. 15: Lateinisch: Der Friede Christi jubele in euren Herzen. 16 Laßt das Wort Christi reichlich in euch wohnen. In aller Weisheit lehret und ermahnet einander, mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern lobsinget Gott voll Dankbarkeit in euren Herzen. 17 Alles, was ihr tut in Wort oder Werk, tut alles im Namen des Herrn Jesus [Christus] und danket durch ihn Gott, dem Vater.

 

Pflichten in der Familie. 18 Ihr Frauen, seid euren Männern untertan, wie es sich ziemt im Herrn. 19 Ihr Männer, liebet eure Frauen und seid nicht bitter gegen sie. 20 Ihr Kinder, gehorchet in allem euren Eltern; das ist wohlgefällig im Herrn. 21 Ihr Väter, verbittert eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden. 21: Die elterliche Autorität darf nicht aus Laune mißbraucht werden. Unverstandene und ungerecht behandelte Kinder werden verschüchtert oder verbittert. 22 Ihr Knechte, gehorchet in allem euren leiblichen Herrn, nicht mit Augendienerei, um Menschen zu gefallen, sondern in Einfalt des Herzens, in der Furcht Gottes. 23 Was ihr tut, das tut von Herzen als Dienst für den Herrn, nicht für Menschen. 24 Ihr wißt ja, daß ihr vom Herrn zum Lohne das Erbe empfanget. Dienet Christus, dem Herrn. 25 Wer unrecht tut, wird empfangen, was er verschuldet hat. Es gilt kein Ansehen der Person.

 

Ihr Herren, erweiset euren Knechten, was recht und billig ist. Bedenket, daß auch ihr einen Herrn im Himmel habt.

 

Mahnung zum Gebet. Seid beharrlich im Gebete; wachet darin mit Danksagung. Betet auch für uns, daß Gott uns eine Tür für die Predigt öffne, zu verkünden das Geheimnis Christi — um dessentwillen ich ein Gefangener bin —, damit ich es verkünde, wie es meine Pflicht ist zu reden. Seid weise im Verkehr mit Außenstehenden. Erkaufet die Zeit. 5: Vor denen, die draußen sind, nicht zur Kirche gehören, soll man unklugen und unzeitigen Eifer vermeiden. Eure Rede sei allezeit freundlich, mit Salz gewürzt, so daß ihr wißt, was ihr einem jeden antworten sollt. 6: Das Reden des Christen soll Weisheit mit Kraft, herzgewinnende Anmut mit gesunder, durchdringender Schärfe („Salz“) vereinigen. Süßliches Getue ist zuwider. Jedem wird bei der Taufe „das Salz der Weisheit“ gereicht, damit „es allzeit ihm bleibe“.

 

Gruß und Segen

Wie es mir geht, das wird euch alles Tychikus erzählen, der vielgeliebte Bruder, der treue Diener und Mitknecht im Herrn. Ihn schicke ich zu euch zu dem Zwecke, daß ihr erfahret, wie es um uns steht, und daß er eure Herzen tröste. Ihn begleitet Onesimus, der vielgeliebte und treue Bruder, euer Landsmann. Alles, was hier vorgeht, werden sie euch berichten. 10 Es grüßt euch Aristarch, mein Mitgefangener, und Markus der Vetter des Barnabas — betreff seiner habt ihr Aufträge erhalten; wenn er zu euch kommt, nehmt ihn auf —, 11 ferner Jesus, genannt Justus. Von denen aus dem Judentum sind diese allein als meine Mitarbeiter am Reiche Gottes mir zum Trost geworden. 12 Es grüßt euch Epaphras, euer Landsmann, ein Diener Christi Jesu. Er ringt allezeit für euch im Gebete, daß ihr vollkommen dastehet, ganz erfüllt von allem, was Gottes Wille ist. 13 Ich gebe ihm das Zeugnis, daß er sich viel Mühe gibt um euch sowie um die (Brüder) in Laodizea und Hierapolis. 14 Es grüßt euch Lukas, der geliebte Arzt, und Demas. 15 Grüßet die Brüder in Laodizea und den Nymphas und die Gemeinde in seinem Hause. 14-15: Laodizea und Hierapolis sind Nachbarstädte von Kolossä. Ob Nymphas als Name eines Christen oder aber Nympha als Name einer Christin zu lesen ist, steht nicht fest. 16 Wenn dieser Brief bei euch vorgelesen ist, dann sorgt, daß er auch in der Gemeinde zu Laodizea vorgelesen werde und daß ihr den von Laodizea zu lesen bekommt. 17 Sagt dem Archippus: Achte darauf, daß du das Amt, das du im Herrn empfangen hast, gut verwaltest. 17: Der hier erwähnte Brief an die Gemeinde von Laodizea ist uns verlorengegangen, wenn es nicht etwa der Epheserbrief ist. 18 Nun mein, des Paulus, eigenhändiger Gruß. Gedenket meiner Fesseln. Die Gnade sei mit euch! [Amen.]

 

 

Der erste Brief an die Thessalonicher

Einleitung

Auf seiner zweiten Missionsreise kam der heilige Paulus nach Thessalonich, einer bedeutenden Handelsstadt in Mazedonien, heute Saloniki. Es gelang ihm, eine große Anzahl von Gläubigen zu gewinnen, besonders Heiden. Infolge einer Hetze von seiten der Juden mußte er die Stadt verlassen und ging nach Beröa und Athen (Apg 17,1-10). Von dort sandte er den Timotheus nach Thessalonich. Nach einigen Wochen kam dieser zurück und erstattete dem Apostel Bericht über die Verhältnisse der jungen Christengemeinde. Daraufhin (ums Jahr 51/52) schrieb Paulus von Korinth her ihnen einen Brief, worin er seine Freude ausdrückt über den guten Zustand der Gemeinde und seine Sehnsucht nach ihr (1,1-3,13). Dann belehrt er sie über die Wiederkunft Christi und ermahnt sie zu einem wahrhaft christlichen Lebenswandel (4,1-5,28). Zeitlich steht dieser Brief an erster Stelle unter den Paulusbriefen.

 

1 Eingang. Paulus, Silvanus und Timotheus an die Gemeinde der Thessalonicher, die da ist in Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Gnade euch und Friede!

 

Beziehungen des Apostels zur Gemeinde

 

Danksagung

Wir danken Gott allezeit für euch alle, wenn wir euer in unseren Gebeten gedenken. Unablässig erinnern wir uns an euren werktätigen Glauben, eure in Mühsalen bewährte Liebe und beharrliche Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus vor unserm Gott und Vater. Wir sind überzeugt von eurer Auserwählung, meine von Gott geliebten Brüder. Denn unsere Heilsbotschaft erging an euch nicht in Worten allein, sondern auch in der Kraft, im Heiligen Geiste und in aller Zuversicht. Wisset ihr doch, wie wir unter euch um euretwillen aufgetreten sind. Ihr seid unsere und des Herrn Nachahmer geworden, ihr habt das Wort unter vieler Trübsal aufgenommen mit Freude, wie der Heilige Geist sie schenkt. So seid ihr ein Vorbild geworden für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja. Denn von euch aus erscholl das Wort des Herrn nicht bloß in Mazedonien und Achaja, sondern überall ist euer Glaube an Gott kundgeworden, so daß wir nicht nötig haben, etwas davon zu sagen. Die Leute selbst erzählen ja von uns, welche Aufnahme wir bei euch gefunden und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen 10 und seinen Sohn vom Himmel her zu erwarten, den er von den Toten auferweckt hat, Jesus nämlich, der uns errettet von dem künftigen Zorne.

 

Sein erster Aufenthalt in Thessalonich

Brüder! Ihr wißt selbst, daß unser Auftreten bei euch nicht kraftlos war. Vielmehr faßten wir trotz der vorher — wie ihr wißt — in Philippi erduldeten Leiden und Mißhandlungen im Vertrauen auf unsern Gott den Mut, bei euch die Frohbotschaft zu verkünden in heißem Bemühen.

 

Mühsale des Apostels. Unsere Predigt entsprang nicht aus trügerischer oder unlauterer Absicht oder Arglist. Vielmehr reden wir so, wie wir von Gott gewürdigt wurden, mit der Heilsverkündigung betraut zu werden; nicht um Menschen zu gefallen, sondern Gott, der unser Herz durchschaut. Denn niemals traten wir mit Schmeichelreden auf, wie ihr wißt, noch mit versteckter Habsucht — Gott ist Zeuge! Nie suchten wir Ehre von Menschen, weder von euch noch von anderen. Obgleich wir als Apostel Christi unser Ansehen hätten geltend machen können, sind wir in zärtlicher Liebe unter euch aufgetreten, wie wenn eine Mutter ihre Kindlein am Busen hegt. 7: Im Lateinischen lautet der Vers: „Obgleich wir als Apostel euch hätten zur Last fallen können, sind wir wie Kinder unter euch gewesen, wie wenn eine Mutter ihr Kindlein hegt.“ So hingen wir voll Sehnsucht an euch und verlangten, euch nicht nur die Heilsbotschaft Gottes zu bringen, sondern selbst unser Leben hinzugeben — so lieb waret ihr uns geworden. Ihr erinnert euch gewiß, meine Brüder, an unsere Mühe und Plage; um keinem von euch beschwerlich zu fallen, haben wir Tag und Nacht gearbeitet, als wir euch die Heilsbotschaft Gottes verkündeten. 9: Bei den alten Griechen und Römern war die Handarbeit verachtet; jene, die körperliche Arbeit verrichten, so sagte man, haben eine niedrige Beschäftigung, und die Werkstatt sei kein anständiger Platz für einen freien Menschen. Anders denkt der heilige Paulus, der sich in saurer Arbeit als Zeltmacher selbst das tägliche Brot verdient und freiwillig auf den standesgemäßen Unterhalt seitens der Gemeinde verzichtet. 10 Ihr und Gott seid Zeugen, wie lauter und gerecht und untadelhaft wir uns gegen euch, die Gläubigen, verhalten haben. 11 Ihr wißt doch, wie wir jeden einzelnen von euch wie ein Vater seine Kinder 12 ermahnt, aufgemuntert und beschworen haben, würdig zu wandeln des Gottes, der euch zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit berufen hat.

 

Freude über die guten Nachrichten. 13 Darum danken wir auch Gott ohne Unterlaß dafür, daß ihr die Predigt der Heilsbotschaft Gottes, die ihr von uns empfinget, aufgenommen habt, nicht als Menschenwort, sondern als das, was sie in Wahrheit ist, als Gotteswort, das sich ja auch wirksam erweist in euch, die ihr gläubig geworden seid. 14 Ihr seid ja, meine Brüder, Nachahmer geworden der Gemeinden Gottes, die in Judäa sind in Christus Jesus; denn ihr habt von euren Landsleuten dasselbe erdulden müssen, was jene von den Juden. 15 Diese haben sogar den Herrn Jesus und die Propheten getötet und uns verfolgt. Sie mißfallen Gott und sind allen Menschen feind. 15: Auch Tacitus sagt, die Juden seien „von feindseliger Gesinnung gegen alle“. 16 Sie wollen uns wehren, den Heiden zu predigen, daß sie des Heiles teilhaftig werden. So häufen sie immerfort Sünde auf Sünde. Aber schon ist Gottes Zorn über sie gekommen in vollem Maße.

 

Sehnsucht nach der Gemeinde. 17 Meine Brüder! Als wir verwaist und ferne von euch waren auf eine kurze Weile dem Angesichte, nicht dem Herzen nach, da strebten wir um so eifriger mit heißem Verlangen, euer Angesicht zu sehen. 18 Darum entschlossen wir uns, zu euch zu kommen, ich, Paulus, einmal, mehr als einmal. Aber der Satan hat uns gehindert. 18: Wahrscheinlich waren es Juden in Thessalonich, die als Helfershelfer Satans zu verhindern wußten, daß Paulus dorthin kam. 19 Denn wer ist unsere Hoffnung, unsere Freude, unsere Ehrenkrone, wenn nicht auch ihr es seid vor unserem Herrn Jesus [Christus] bei seiner Wiederkunft? 20 Ja, ihr seid unsere Ehre und Freude.

 

Da wir es nicht länger ertragen konnten, fanden wir für gut, allein in Athen zu bleiben. Wir entsandten den Timotheus, unseren Bruder und Gottes Diener in der Heilsverkündigung Christi, um euch in eurem Glauben zu stärken und zu ermahnen, damit keiner in dieser Trübsal wankend werde. Ihr wißt ja selbst, daß wir dazu bestimmt sind. Haben wir es euch doch schon, als wir bei euch waren, vorausgesagt, daß wir Trübsale leiden müssen. So ist es nun auch gekommen, ihr wißt es. 4: Vgl. Jo 15,18-21; 16,1-4. Ich konnte es also nicht länger ertragen und sandte ihn, um über euren Glauben Nachricht zu erhalten, ob nicht etwa der Versucher euch versucht habe und unsere Arbeit zunichte werden sollte. Nun aber ist Timotheus von euch zu uns zurückgekehrt und konnte uns gute Botschaft bringen über euren Glauben und eure Liebe, und daß ihr uns allezeit in gutem Andenken bewahret, daß ihr euch danach sehnt, uns zu sehen, wie auch wir euch. Darum, liebe Brüder, sind wir bei all unserer Not und Trübsal über euch getröstet durch euren Glauben. Nun leben wir wieder auf, wenn ihr feststehet im Herrn.

 

Gebet des Apostels für die Gemeinde. Wie können wir Gott euretwegen genug danken ob all der Freude, die wir an euch erleben vor unserem Gott? 10 Tag und Nacht flehen wir inständig, daß wir euch von Angesicht sehen und das ergänzen dürfen, was eurem Glauben noch fehlt. 11 Gott selbst, unser Vater, und unser Herr Jesus [Christus] ebne uns den Weg zu euch. 12 Euch aber lasse der Herr wachsen und zunehmen in der Liebe zueinander und zu allen Menschen, wie auch wir sie haben zu euch. 13 Ja, er möge eure Herzen kräftigen, daß ihr untadelhaft und heilig seiet vor Gott, unserem Vater bei der Wiederkunft unseres Herrn Jesus [Christus] mit allen seinen Heiligen. [Amen.] 7-13: Die Stelle beweist uns, wie groß die innere Anteilnahme des Apostels am Geschick seiner geistlichen Kinder, vor allem an ihrem Wachstum im Glauben war.

 

Mahnungen und Belehrungen

 

Mahnung zur Heiligung

Endlich, meine Brüder, bitten und ermahnen wir euch im Herrn Jesus: Wie ihr von uns unterrichtet worden seid zu wandeln und Gott zu gefallen — ihr wandelt ja auch so —, macht darin immer weitere Fortschritte. Ihr wißt ja, welche Vorschriften ich euch gegeben habe im Auftrage des Herrn Jesus. Denn das ist der Wille Gottes: eure Heiligung, daß ihr euch von der Unzucht enthaltet. Ein jeder soll seine Gattin besitzen in Heiligkeit und Ehrbarkeit, nicht in leidenschaftlicher Lust, so wie die Heiden, welche Gott nicht kennen. 4: Paulus mahnt, lieber eine zu gegenseitiger Heiligung dienende und sittlicher Würde bewahrte Ehe einzugehen, als sich der Unzucht zu ergeben. Um die Keuschheit und Reinheit der Ehe stand es besonders schlimm im Heidentum jener Zeit. Keiner soll sich Übergriffe erlauben oder seinen Bruder im Geschäfte übervorteilen. Der Herr ist ein Rächer von all diesem; wir haben es euch ja schon früher gesagt und bezeugt. Gott hat uns ja nicht zu einem Sündenleben, sondern zur Heiligkeit berufen. Wer also diese Mahnungen mißachtet, der verachtet nicht einen Menschen, sondern Gott, der euch seinen Heiligen Geist verleiht. 7-8: Wie schon Vers 3 es einschärfte, ist das Streben nach Heiligkeit nicht ein bloßer Rat für einzelne, sondern sittliche Pflicht für jeden Christen.

 

Mahnung zur Nächstenliebe

Wegen der Bruderliebe brauchen wir euch nicht zu schreiben. Ihr seid ja selbst von Gott belehrt, daß ihr einander lieben sollt. 10 Ihr übet das ja auch an allen Brüdern in ganz Mazedonien. Wir ermahnen euch aber, Brüder, wachset darin mehr und mehr. 11 Setzet eure Ehre darein, ein stilles Leben zu führen, eure eigenen Angelegenheiten zu besorgen und eurer Hände Arbeit zu verrichten. So haben wir euch angewiesen, 12 und so wandelt ihr ehrbar vor den Außenstehenden und braucht von keinem etwas zu begehren.

 

Über die Auferstehung der Toten

13 Meine Brüder! Wir wollen euch nicht in Ungewißheit lassen über die Entschlafenen, damit ihr nicht trauert wie die andern, die keine Hoffnung haben. 13: Jesus als Mittler der Erlösung ist auch Vermittler der vollendeten Frucht der Erlösung, der Auferstehung. 14 Wenn Jesus, wie wir glauben, gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die Entschlafenen durch Jesus herbeiführen mit ihm. 15 Denn das sagen wir euch als ein Wort des Herrn: Wir, die wir noch leben und übrigbleiben bis zur Ankunft des Herrn, wir werden den Entschlafenen nicht zuvorkommen. 16 Denn der Herr selbst wird, wenn der Befehlsruf ergeht, bei der Stimme des Erzengels, beim Schalle der Posaune Gottes, vom Himmel herabkommen. Und die Toten, die in Christus ruhen, werden zuerst auferstehen. 14-16: Die Thessalonicher waren in Sorge, ihre Toten seien bei der Wiederkunft Christi benachteiligt. Diese Sorge behebt der Apostel, ohne über Zeitpunkt des Gerichtes bestimmte Angaben zu machen. 17 Dann werden wir, die noch leben und übrig sind, zugleich mit ihnen entrückt werden auf Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft. Und dann werden wir bei dem Herrn sein allezeit. 18 So tröstet denn einander mit diesen Worten.

 

5 Bereitschaft auf das Kommen des Herrn. Meine Brüder! Über die Zeit und die Stunde brauchen wir euch nicht zu schreiben. Ihr selbst wißt ja genau, daß der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. Denn wenn sie reden von Friede und Sicherheit, dann kommt das Verderben plötzlich über sie wie die Wehen über die hoffende Mutter, und sie werden nicht entkommen. Ihr aber, meine Brüder lebet nicht in Finsternis, so daß jener Tag euch überraschen würde wie ein Dieb. Ihr alle seid ja Kinder des Lichts und Kinder des Tages; nicht der Nacht gehören wir an, nicht der Finsternis. Also laßt uns nicht schlafen wie die andern, sondern wachen und nüchtern sein. 6 Der natürliche Schlaf ist das Bild der Sorglosigkeit, die Trunkenheit das Bild der Gedankenlosigkeit und geistigen Betäubung in Sachen des Heils. Wer schläft, schläft des Nachts, wer trunken ist, ist des Nachts trunken. Wir aber gehören dem Tage an und wollen deshalb nüchtern sein. Anlegen wollen wir den Panzer des Glaubens und der Liebe und den Helm der Hoffnung auf das Heil. Denn Gott hat uns nicht zum Zorne bestimmt, sondern zur Erlangung des Heils durch unseren Herrn Jesus Christus. 10 Er ist ja für uns gestorben, damit wir allesamt mit ihm leben, wir mögen wachen oder schlafen. 11 Darum tröstet einander und erbauet einer den andern, wie ihr es ja schon tut.

 

Das Ideal des christlichen Lebens

12 Meine Brüder! Wir bitten euch, daß ihr jenen Anerkennung zollt, die unter euch arbeiten und euch im Herrn vorstehen und euch ermahnen. 13 Liebet und schätzet sie besonders um ihrer Arbeit willen. Lebet in Frieden miteinander. 14 Wir ermahnen euch, liebe Brüder, weiset die Unordentlichen zurecht, ermutigt die Kleinmütigen, nehmet euch der Schwachen an, habet Nachsicht mit allen. 15 Sehet zu, daß nicht einer dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern befleißigt euch allezeit des Guten gegeneinander und gegen jedermann. 16 Freuet euch allezeit. 17 Betet ohne Unterlaß. 17: Der heilige Augustinus sagt: „Betet ohne Unterlaß, was heißt das anders als: verlanget ohne Unterlaß das ewige Leben von demjenigen, der allein es zu geben vermag?“ Wir sollen alle Arbeiten, Freuden und Leiden Gott aufopfern. Der Gebetsgeist muß in uns leben, auch wenn wir wegen der Arbeit keine besonderen Gebete verrichten können. Dann wird die Arbeit als Gottesdienst zum Gebet. 18 Saget Dank bei allem. Denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch [allen]. 19 Den Geist löschet nicht aus. 20 Prophetengabe verachtet nicht. 21 Prüfet alles, das Gute behaltet. 21: Nicht alles ist echt, was äußerlich wie besondere Begnadigung aussieht. 22 Meidet jeden Schein des Bösen.

 

23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch ganz und gar, auf daß euer Geist, eure Seele und euer Leib völlig untadelhaft erhalten sei bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. 24 Treu ist, der euch berufen hat; er wird es auch zu Ende führen. 24: Gott tut seine Werke nie nur halb, wenn nicht der schlechte Wille des Menschen ihn hindert.

 

Schluß. 25 Liebe Brüder! Betet für uns. 26 Grüßet alle Brüder mit heiligem Kusse. 27 Ich beschwöre euch beim Herrn, daß dieser Brief allen [heiligen] Brüdern vorgelesen werde. 28 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch! [Amen.]

 

 

Der zweite Brief an die Thessalonicher

Einleitung

Wohl noch im gleichen Jahre, in dem der erste Brief an die Thessalonicher abgesandt worden war, sah sich Paulus veranlaßt, ein zweites Schreiben an diese Gemeinde zu richten. Die Verfolgung dauerte an und steigerte die Sehnsucht der Christen nach der Wiederkunft des Herrn zum Gerichte. Einige Wendungen im ersten Briefe waren dahin mißverstanden worden, das Weltende stehe unmittelbar bevor. Ein gefälschtes Schreiben des Apostels scheint diese Auffassung bestärkt zu haben (2,2). Die Folge war eine wachsende Unsicherheit bei den einen, Müßiggang und adventistische Schwärmerei bei den andern. Deshalb trat Paulus der Mißdeutung seiner Worte und dem Unfug der Arbeitsscheuen in einem neuen Schreiben entschieden entgegen. Daher der schärfere Ton im zweiten Briefe, der sonst engste Verwandtschaft mit dem ersten aufweist. Er ist ebenfalls in Korinth geschrieben worden.

 

Paulus, Silvanus und Timotheus an die Gemeinde zu Thessalonich, die da ist in Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Gnade euch und Friede von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

 

Über den Zustand der Gemeinde

Lob der Gemeinde. Danksagen müssen wir Gott allezeit um euretwillen, liebe Brüder. Das gebührt sich, denn euer Glaube wächst überreich, und die gegenseitige Liebe eines jeden von euch mehrt sich überaus. Deshalb dürfen wir selbst uns euer rühmen bei den Gemeinden Gottes wegen eurer Ausdauer und eures Glaubens in allen euren Verfolgungen und in den Trübsalen, die ihr auszuhalten habt. Sehet darin einen Erweis des gerechten Gerichtes Gottes, daß ihr würdig erachtet werdet des Reiches Gottes, für welches ihr ja leidet. Denn es entspricht der Gerechtigkeit Gottes, daß er euren Bedrängern mit Bedrängnis vergelte, euch aber, den Bedrängten, samt uns mit Erquickung, wenn der Herr Jesus vom Himmel her sich offenbaren wird mit seinem Engelheere in Feuerflammen, wenn er Rache nimmt an denen, die Gott nicht kennen wollen, und die nicht gehorchen der Heilsbotschaft unseres Herrn Jesus [Christus]. Diese werden mit ewigem Verderben büßen, getrennt vom Herrn und von seiner überwältigenden Herrlichkeit, 10 wenn er kommen wird an jenem Tage, um verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und gefeiert zu werden unter allen Gläubigen, weil bei euch unser Zeugnis Glauben gefunden hat. 4-10: Der Anschluß an Christus sichert uns nicht vor irdischem Leid, gibt aber Leidenskraft im Hinblick auf die ewige Vergeltung. 11 Darum beten wir auch allezeit für euch, daß unser Gott euch der Berufung würdig erachte und eure Freude zu allem Guten und euer Glaubenswerk in Kraft vollende. 12 Dann wird der Name unseres Herrn Jesus [Christus] verherrlicht werden in euch und ihr in ihm, nach der Gnade unseres Gottes, des Herrn Jesus Christus.

 

Belehrung über die Wiederkunft des Herrn

2 Die Wiederkunft ist unbestimmbar. Liebe Brüder! Wegen der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus und unserer Vereinigung mit ihm bitten wir euch: Laßt euch nicht so leicht die Besonnenheit rauben und außer Fassung bringen, weder durch eine angebliche Geistesoffenbarung noch durch solch ein Wort oder einen Brief unter unserem Namen, als ob der Tag des Herrn schon angebrochen sei. Laßt euch von niemand in irgendeiner Weise täuschen. Zuvor muß der Abfall kommen und der Mensch der Sünde geoffenbart werden, der Sohn des Verderbens, der Widersacher, der sich erhebt über alles, was Gott und Heiligtum heißt, der sich selbst in den Tempel Gottes setzt und sich für Gott ausgibt. 2-4: Weder durch falsche Propheten noch durch fälschlich dem Apostel zugeschriebene Äußerungen sollen die Gläubigen sich täuschen lassen. Als Vorzeichen der Wiederkunft Christi nennt Paulus: großen Abfall und das Erscheinen des „Antichrists“. Erinnert ihr euch nicht, daß ich euch das sagte, als ich noch bei euch war? Jetzt wißt ihr auch, was ihn aufhält, bis er offenbar werden soll zu seiner Zeit. Denn das Geheimnis der Bosheit ist schon am Werke; nur muß erst der aus dem Weg geräumt sein, der es bis jetzt aufhält. 6-7: Wen der Apostel mit dem meint, der „aufhält“, können wir nicht bestimmt sagen; er beruft sich ja auf seine frühere mündliche Belehrung. Wahrscheinlich denkt er vor allem an den Christushaß der Juden und heidnischen Christenverfolger. Dann wird jener Gottlose offenbar werden. Ihn wird der Herr Jesus töten mit dem Hauche seines Mundes und vernichten durch den Glanz seiner Wiederkunft. Sein Auftreten geschieht mit Teufelskraft unter allen möglichen Trugzeichen und Lügenwundern 10 und mit allerlei Verführung zur Bosheit bei denen, welche verlorengehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, um gerettet zu werden. 11 Darum wird Gott ihnen einen starken Irrwahn schicken, daß sie der Lüge glauben. 12 Und so verfallen alle dem Gerichte, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern an der Ungerechtigkeit Gefallen gehabt haben. 13 Wir aber müssen Gott allezeit danken um euretwillen, vom Herrn geliebte Brüder, daß Gott euch als Erstlinge zur Seligkeit erwählt hat in Heiligung durch den Geist und im Glauben an die Wahrheit. 14 Dazu hat euch Gott berufen durch unsere Heilsverkündigung, damit ihr Anteil habet an der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus. 15 So steht denn fest, liebe Brüder, und haltet euch an die Überlieferungen, die ihr durch Wort oder Schrift von uns empfangen habt. 15: Hier wird das geschriebene Gotteswort gleichwertig neben die apostolische Predigt gestellt. 16 Er aber, unser Herr Jesus Christus, und Gott, unser Vater, der uns geliebt und ewigen Trost und gute Hoffnung in Gnade gegeben hat, 17 er ermuntere eure Herzen und stärke sie zu jedem guten Werk und Wort.

 

Mahnungen

3 Gebet für den Apostel. Endlich, meine Brüder, betet für uns, daß das Wort des Herrn sich in schnellem Lauf ausbreite und herrlich sich offenbare, so wie bei euch, und daß wir befreit werden von den gottlosen und bösen Menschen. Denn nicht alle sind für den Glauben empfänglich. Aber der Herr ist getreu, der euch befestigen und vor dem Bösen bewahren wird. Im Herrn haben wir auch das Zutrauen zu euch, daß ihr tut und tun werdet, was wir euch gebieten. Der Herr lenke eure Herzen zur Liebe Gottes und zur Geduld Christi.

 

Warnung vor Müßiggang. Wir gebieten euch aber, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, daß ihr euch zurückziehet von jedem Bruder, der einen unordentlichen Lebenswandel führt und sich nicht an die Lehren hält, die er von uns empfangen hat. Ihr wißt ja selbst, wie ihr uns nachfolgen sollt. Wir haben unter euch keinen unordentlichen Wandel geführt; auch haben wir nicht umsonst jemandes Brot gegessen, sondern gearbeitet in Müh und Plage Tag und Nacht, um niemand von euch zur Last zu fallen. Gewiß hätten wir Anspruch darauf gehabt, aber wir wollten euch ein Vorbild geben an uns, damit ihr uns nachahmet. 10 Denn als wir bei euch waren, haben wir dies euch geboten: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. 11 Nun haben wir gehört, daß einige unter euch einen unordentlichen Lebenswandel führen, nichts arbeiten, sondern sich herumtreiben. 12 Solchen Leuten befehlen wir streng im Herrn Jesus Christus, sie sollen still ihre Arbeit tun und ihr selbstverdientes Brot essen. 13 Ihr aber, liebe Brüder, werdet nicht müde, Gutes zu tun. 14 Wenn einer unseren brieflichen Anordnungen nicht gehorcht, den merkt euch und habt keine Gemeinschaft mit ihm, damit er beschämt werde. 15 Aber behandelt ihn nicht als Feind, sondern weist ihn zurecht als Bruder. 6-15: Mit der vollen Autorität des Gesandten Christi schärft Paulus das Gebot der Arbeit ein. Sie ist sittliche Pflicht, ob Geistes- oder Handarbeit. Sein eigener freiwilliger Verzicht auf „Gehalt“ gab dem Gebot besonderen Nachdruck.

 

16 Er aber, der Herr des Friedens, gebe euch den Frieden immerdar auf jede Weise. Der Herr sei mit euch allen!

 

Eigenhändiger Gruß. 17 Hier mein, des Paulus, eigenhändiger Gruß! Das ist das Erkennungszeichen in jedem Briefe; so schreibe ich. 17: Der in Umlauf gesetzte gefälschte Brief war wohl Anlaß zu diesem Hinweis auf die Eigenart seiner Unterschrift. 18 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. [Amen.]

 

 

Der Brief an die Epheser

Einleitung

Die Briefe an die Epheser, Kolosser, Philipper und an Philemon wurden alle während der ersten Gefangenschaft des heiligen Paulus in Rom (61-63) geschrieben. Sie tragen deshalb die Bezeichnung „Gefangenschaftsbriefe“. Der im heutigen Kanon an erster Stelle stehende Epheserbrief ist nicht an die Einzelgemeinde von Ephesus gerichtet, in der Paulus drei Jahre gewirkt hat, während der Brief kein näheres persönliches Verhältnis zu den Lesern verrät. Wenn wir ihn nicht für den Kol 4,16 erwähnten Brief an die Gemeinde von Laodizea halten wollen, der dann später nach der Metropole Ephesus benannt wurde, ist der Epheserbrief wohl ein Rundschreiben an mehrere Gemeinden im Hinterland von Ephesus. Der Apostel will die Gläubigen gegen die drohenden Gefahren wappnen. Er zeigt ihnen die Herrlichkeit des Erlösungsgeheimnisses und der göttlichen Heilsanstalt, der Kirche, des mystischen Christusleibes (1-3). Dann ruft er sie zu einem echt christlichen Lebenswandel auf (4-6). Die wichtige Wahrheit, daß es nur innerhalb der Kirche ein wahres Christentum geben kann, wird in diesem Brief mit apostolischer Autorität verkündet für alle Zeiten.

 

Paulus, Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes, an die Heiligen zu Ephesus, die Gläubigen in Christus Jesus. 1: Die Worte „zu Ephesus“ fehlen in vielen alten Textzeugen. Gnade euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

 

Zum Höchsten hat uns Gott berufen

 

Das Heil und die Gemeinde

Lobpreis. Preiswürdig ist der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns in Christus gesegnet hat mit allem geistlichen Segen vom Himmel aus. In ihm hat er uns ja auserwählt vor Grundlegung der Welt, daß wir heilig und untadelhaft vor ihm seien. In Liebe hat er uns vorherbestimmt, daß wir in ein Kindesverhältnis zu ihm treten sollen durch Jesus Christus nach seinem gnädigen Willensentschluß, zum Preise seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadigt hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade, die überreich uns zuteil geworden ist in aller Weisheit und Erkenntnis. Denn er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan. So hat es ihm nämlich gefallen, 10 und so hatte er es sich vorgenommen, um seinen Heilsplan zu verwirklichen in ihm in der Fülle der Zeiten: In Christus wollte er alles im Himmel und auf Erden wieder einheitlich zusammenfassen. 10: In Christus sollte nicht nur alles „erneuert“ werden. Er ist nach Gottes ewigen Absichten der Inbegriff alles dessen, was Gott je für seine Geschöpfe tat, das A und Z, der Anfang und das Ende. 11 In ihm sind wir auch zu Erben berufen, wir, die wir vorausbestimmt wurden nach dem Vorsatze dessen, der alles wirkt nach dem Ratschlusse seines Willens. 12 So sollten wir zum Lobe seiner Herrlichkeit dienen, nachdem wir zuvor unsere Hoffnung gesetzt haben auf Christus. 13 In ihm seid auch ihr, nachdem ihr das Wort der Wahrheit, die Frohbotschaft eures Heils, gehört habt und gläubig geworden seid, besiegelt durch den verheißenen Heiligen Geist. 14 Dieser ist das Angeld unseres Erbes zur Erlösung seines Eigentums, zum Lobe seiner Herrlichkeit. 3-14: In einem herrlichen Hymnus besingt der Apostel den göttlichen Heilsplan und seine Verwirklichung. Von Ewigkeit her bestand der Ratschluß des Vaters, uns als seine Kinder anzunehmen (3-6). Sein menschgewordener Sohn vollbrachte die große Heilstat (7-12). Der Geist Gottes vollendet sie bis zum Antritt des ewigen Erbes (13‑14). Alles „zum Lobe seiner Herrlichkeit“! (6,12. 14.)

 

Fürbitte für die Gemeinde um Erkenntnis des Heils. 15 Seitdem ich also von eurem Glauben in der Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen gehört habe, 16 danke ich unaufhörlich für euch und lasse nicht nach, in meinen Gebeten euer zu gedenken. 17 Ich bete, daß der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch den Geist der Weisheit und Offenbarung gebe, ihn recht zu erkennen. 18 Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr einsehet, zu was für einer Hoffnung ihr berufen seid und wie reich sein herrliches Erbe unter den Heiligen ist. 19 Auch möget ihr erfahren die überschwengliche Größe seiner Macht über uns, die wir glauben, einer Macht, die zu messen ist an seiner gewaltigen Stärke. 17-19: Nicht um irdische Gaben fleht der Apostel, sondern um das Höchste, was Gott zu geben vermag, den Geist der Weisheit und Offenbarung. 20 Diese hat er an Christus kundgetan, da er ihn von den Toten erweckt und zu seiner Rechten im Himmel gesetzt hat. 21 Dort thront er nun hoch über aller Herrschaft, Gewalt, Macht und Kraft und über jedem Namen, der in dieser und der zukünftigen Welt genannt wird. 22 Alles hat er unter seine Füße gelegt, ihn aber hat er seiner Kirche zum alles überragenden Haupt gegeben; 23 ist diese doch sein Leib, die höchste Vollendung dessen, der alles in allem vollendet. 20-23: Der im Himmel thronende Christus ist uns nicht fern und fremd. Er bildet mit uns als unser Haupt und wir mit ihm als seine Glieder eine geheimnisvolle Wirklichkeit, den mystischen Christusleib, die Kirche. Erst in der Kirche erreicht Christus seine höchste Vollendung als gottmenschlicher Erlöser. Und wir sind nur als Glieder der Kirche in den alles erfüllenden Stromkreis des göttlichen Lebens einbezogen, der von ihm, dem Haupte, ausgeht. Der Satz: „Außer der Kirche kein Heil“ ist also keine Anmaßung, sondern eine Naturnotwendigkeit, das Lebensgesetz der Übernatur.

 

Christus Grund und Ziel des neuen Lebens

2 Gottes Erbarmen. Auch ihr waret einst tot in euren Übertretungen und Sünden, in denen ihr einst wandeltet nach der Weise dieser Welt, unter dem Einfluß des Fürsten, der Macht hat im Luftreich, des Geistes, der noch jetzt wirkt in den Söhnen des Ungehorsams. 2: Die Alten dachten sich das Luftreich zwischen Erde und Mond als Herrschaftsgebiet der Dämonen. Auch wir alle wandelten einst unter ihnen in den Gelüsten unseres Fleisches, vollbrachten die Begierden des Fleisches und der Sinne und waren von Natur Kinder des Zornes wie die übrigen. Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat in seiner übergroßen Liebe, mit der er uns geliebt, uns, da wir in den Sünden tot waren, lebendig gemacht mit Christus. Aus Gnade also seid ihr gerettet. Er hat uns mitauferweckt und mitversetzt in den Himmel in Christus Jesus. 6: Die Auferstehung Christi ist Grund, Vorbild und Bürgschaft unserer geistigen Wiederbelebung. Das ewige Leben beginnt in der Rechtfertigung und wird vollendet in der Auferstehung und Beseligung im Himmel. So wollte er in der zukünftigen Zeit den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade und Güte gegen uns in Christus Jesus erweisen. Denn durch die Gnade seid ihr errettet mittels des Glaubens, und das nicht aus euch selbst — es ist Gottes Gabe —, nicht aus Werken, damit sich keiner rühme. 10 Denn sein Gebilde sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken. Diese hat Gott zuvor bereitet, damit wir in ihnen wandeln. 1-10: Wie ein Toter nie aus sich selber ins Leben zurückkehrt, so vermag kein Sünder das verlorene Gnadenleben aus sich selbst wiederzuerlangen. Die Torheit der Lehre von der Selbsterlösung des Menschen ist hier ebenso klar dargelegt, wie die Größe der erbarmenden Gottesliebe gegen uns Sünder.

 

Vereinigung von Juden und Heiden in der Kirche. 11 Darum denket daran: dem Fleische nach waret ihr einst Heiden und wurdet Unbeschnittene genannt von den sogenannten Beschnittenen, die am Fleische mit Händen beschnitten sind. 12 In jener Zeit waret ihr ohne Christus, ausgeschlossen von der Gemeinschaft mit Israel, fremd dem Bunde der Verheißung; ihr lebtet ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt. 13 Nun aber seid ihr, die ihr einst ferne waret, in Christus Jesus nahegebracht worden durch das Blut Christi. 14 Denn er ist unser Friede, er hat aus beiden eins gemacht und die trennende Scheidewand, die Feindschaft, niedergerissen in seinem Fleische. 15 Er hat das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen außer Kraft gesetzt. Er stiftete Frieden, da er die zwei in seiner Person zu einem neuen Menschen umschuf. 16 Und die beiden versöhnte er in einem Leibe mit Gott durch das Kreuz, da er die Feindschaft in seiner eigenen Person tötete.

 

Durch Christus sind wir Hausgenossen Gottes. 17 Er kam und verkündete den Frieden euch, die ihr ferne waret, und Frieden denen, die nahe waren. 17: Jesus ist das Band zwischen Juden und Heiden (den „Nahen und Fernen“), die durch ihn zu einer Herde, einem Volke Gottes geeint werden sollen, ja zu einer einzigen mystischen Person, der Kirche. 18 Durch ihn haben wir beide Zutritt in einem Geiste zum Vater. 19 Also seid ihr nicht mehr Fremdlinge und Beisassen, sondern seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes. 19: In den griechischen Städten hatten die Fremdlinge und die Beisassen, die sich außerhalb der Stadtmauern ansiedeln mußten, nicht die gleichen Rechte wie die Bürger. Im Reich Gottes aber haben alle Christen die gleichen Rechte und vollen Anteil an der Gnade Christi. 20 Ihr seid auferbaut auf dem Grunde der Apostel und Propheten; Christus Jesus selbst ist der Eckstein. 21 In ihm hat jeder Bau Halt und wächst empor zu einem heiligen Tempel im Herrn. 22 In ihm werdet auch ihr miterbaut zur Wohnung Gottes im Geiste.

 

Herrlichkeit des apostolischen Berufes

Deshalb bitte ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu, für euch Heiden. Ihr habt gewiß gehört von der Mitteilung des Göttlichen Gnadenamtes, das mir für euch verliehen worden ist. Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich es oben kurz beschrieben habe. Daraus könnt ihr beim Lesen meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. Dieses wurde in früheren Zeiten den Menschen nicht kundgemacht, wie es jetzt geoffenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist. Danach sollen die Heiden Miterben, Mitglieder und Mitteilnehmer sein an seiner Verheißung in Christus Jesus durch die Heilsverkündigung. Ihr Diener bin ich geworden durch die Gabe der göttlichen Gnade, die mir durch sein machtvolles Wirken verliehen wurde. Mir, dem allergeringsten von allen Heiligen, ward solche Gnade verliehen, unter den Heiden zu verkünden die unergründlichen Reichtümer Christi. Allen soll ich klar machen, welches die Verwirklichung des Geheimnisses sei, das von Ewigkeit her verborgen gewesen in Gott, dem Schöpfer des Alls. 10 Aber jetzt soll den Mächten und Gewalten im Himmel durch die Kirche die überaus mannigfaltige Weisheit Gottes kund werden. 11 So war es Gottes Ratschluß von Ewigkeit her. Er hat ihn nun ausgeführt in Christus Jesus, unserem Herrn. 12 In ihm haben wir ja Zuversicht und vertrauensvollen Zutritt (zu Gott) durch den Glauben an ihn. 13 Darum bitte ich, daß ihr nicht mutlos werdet wegen der Drangsale, die ich für euch erdulde; sie gereichen euch zur Ehre. 1-13: Ohne das Gnadenwunder besonderer Offenbarung wäre der ehemalige Pharisäer und Kirchenverfolger Saulus niemals zur Erkenntnis des Christusgeheimnisses gelangt noch dessen Herold unter den Heiden geworden. So erhaben steht die Kirche da, daß sogar die Engel des Himmels erst in ihr die ganze Größe der göttlichen Weisheit erkennen, wie sie sich im Christusgeheimnis = im Erlösungsgeheimnis kundtut.

 

Gebet für die Gläubigen

14 So beuge ich denn meine Knie vor dem Vater [unseres Herrn Jesus Christus], 15 von welchem jegliche Gemeinschaft, die im Himmel und auf Erden einen Vater hat, ihren Namen empfängt. 15: Gott ist im höchsten Sinne Vater aller Engel und Menschen; sie sind seine Kinder, seine Familie. 16 Er möge euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit verleihen, daß ihr durch seinen Geist mit Kraft gestärkt werdet im inneren Menschen. 17 Christus möge durch den Glauben in euren Herzen wohnen. Möget ihr in Liebe festgewurzelt und festgegründet sein, 18 um mit allen Heiligen zu erfassen die Breite und Länge, die Höhe und Tiefe (des göttlichen Heilsplanes); 19 dann werdet ihr erkennen die Liebe Christi, die alle Erkenntnis übersteigt, bis ihr erfüllt seid mit der ganzen Fülle Gottes. 20 Dem aber, der Macht hat, alles zu tun, überschwenglich mehr als wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirksam ist — 21 ihm sei Ehre in der Kirche und in Christus Jesus für alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. 14-21: Dieses ergreifende Gebet des Völkerapostels ist der Höhepunkt des gedankentiefen Briefes, es ist das Muster apostolischer Fürbitte. Nicht um Nebensächlichkeiten, nur um Wesenhaftes wird da gebetet.

 

Mahnungen an die Gemeinde

 

Bewahrung der Einigkeit

So ermahne ich euch denn, ich, der Gefangene im Herrn: Wandelt würdig der Berufung, zu der ihr berufen seid, mit aller Demut und Sanftmut, in Langmut. Ertraget einander in Liebe. Bestrebt euch, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens. Ein Leib und ein Geist, wie ihr berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen. Einem jeden von uns ist die Gnade verliehen nach dem Maße, wie Christus sie ihm gegeben hat. Darum heißt es: Er ist hinaufgestiegen zur Höhe, hat mit sich geführt die Gefangenen und Gaben ausgeteilt den Menschen (Ps 68,19). Das Wort: „Er ist hinaufgestiegen“ — was bedeutet das anders, als daß er zuerst auch herabgestiegen ist auf die Erde hier unten? 10 Der herabstieg, er ist derselbe, der hinaufstieg über alle Himmel, damit er das All erfülle. 11 Und er bestellte die einen zu Aposteln, andere zu Propheten, andere zu Evangelisten, andere zu Hirten und Lehrern. 12 Sie sollen die Heiligen heranbilden zur Ausübung des Dienstes, zur Erbauung des Leibes Christi, 13 bis wir alle gelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur Mannesreife, zum Vollmaße des Alters Christi. 13: Gemeint ist eine geistige Altersreife, der Fortschritt im Verständnis des Glaubens bis zur Aufnahme der in Christus wohnenden Gnadenfülle. Da diese unermeßlich ist, darf es keinen Stillstand im religiösen Streben geben. 14 Wir sind dann nicht mehr unmündige Kinder, die sich von jedem Winde der Lehre, durch das Trugspiel der Menschen, durch Verführungskünste des Irrtums hin und her schaukeln und umhertreiben lassen. 15 Vielmehr sollen wir uns an die Wahrheit halten und in Liebe heranwachsen in allen Stücken, zu ihm hin, der das Haupt ist, Christus. 16 Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch jedes Gelenk, das da seinen Dienst zu verrichten hat je nach der Kraft, die jedem Einzelglied zugemessen ist. Und so geht das Wachstum des Leibes vor sich, bis er sich selbst auferbaut hat in Liebe. 16: Die Kirche ist ein lebendiger Organismus; der ganze Leib zieht seine Lebenskraft aus dem Haupte durch die in den Gliedern wirkende Liebe, 1-16: Die Erkenntnis des christlichen Lebensadels fordert christlichen Lebenswandel, vor allem die Übung der Gemeinschaftstugenden. Trotz der straffen Einheit herrscht in der Kirche keine Einerleiheit oder Gleichmacherei.

 

Wandelt als neue Menschen

Umwandlung des alten Menschen. 17 Das also sage ich und beschwöre euch im Herrn: Wandelt nicht mehr wie die Heiden, die nach ihrem verkehrten Sinne wandeln. 18 Sie sind verfinstert in ihrer Sinnesart, sind entfremdet dem Leben Gottes infolge der Unwissenheit, die in ihnen ist wegen der Verstocktheit ihres Herzens. 19 Abgestumpft sind sie, geben sich der Ausschweifung hin und frönen allen unreinen Lastern in unersättlicher Gier. 19: Das Laster nimmt dem Menschen die Lust am Geistigen. Der Lasterhafte vertiert. 20 So etwas habt ihr von Christus nicht gelernt, 21 vielmehr habt ihr von ihm gehört und seid durch ihn belehrt, wie ja in Jesus Wahrheit ist: 22 Ablegen sollt ihr den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der in seinen trügerischen Begierden zugrunde geht. 23 Erneuert euch vielmehr in eurer ganzen Gesinnung 24 und zieht an den neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

 

Warnung vor heidnischen Lastern. 25 Darum leget ab die Lüge und redet Wahrheit im gegenseitigen Verkehr, denn wir sind Glieder untereinander. 26 Zürnet ihr, so sündiget nicht; die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn (Ps 4, 5). 27 Gebt nicht Raum dem Teufel. 28 Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr, sondern erwerbe sich durch die Arbeit seiner Hände ehrlichen Lohn, damit er auch dem Bedürftigen mitteilen kann. 29 Kein faules Gerede komme aus eurem Munde, sondern nur gutes, das, wo es immer nottut, zur Erbauung dient; damit es den Hörern Segen bringe. 30 Betrübet nicht den Heiligen Geist Gottes, in welchem ihr besiegelt seid für den Tag der Erlösung. 31 Alle Bitterkeit, aller Zorn und Groll, alles Lärmen und Lästern, ja alle Bosheit bleibe ferne von euch.

 

Pflege des Tugendlebens. 32 Seid gütig und barmherzig gegeneinander. Vergebet einander, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat.

 

Werdet also Nachahmer Gottes als geliebte Kinder. Wandelt in Liebe, wie auch Christus euch geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Opfer, Gott zum lieblichen Wohlgeruch. Unzucht und jede Art von Unreinigkeit oder Habsucht soll unter euch nicht einmal zum Gegenstand des Gesprächs gemacht werden, wie es Heiligen ziemt; ebensowenig Gemeinheit, fades Geschwätz oder schlüpfriger Witz, Dinge, die sich nicht gehören; statt dessen vielmehr Danksagung! 3-4: Wo es nottut, müssen und dürfen auch solche Dinge besprochen werden; aber ein Christ wird sie nie leichtfertig in die Unterhaltung ziehen. Nicht der Prüderie, sondern dem feinen Ehrgefühl und der Schamhaftigkeit redet Paulus das Wort. Denn das merkt euch wohl: Kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger — denn das ist ein Götzendiener — hat Anteil an dem Reiche Christi und Gottes. Laßt euch von niemand betrügen mit eitlen Worten; denn um solcher Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die ungehorsamen Söhne. Werdet also nicht ihre Genossen!

 

Kinder des Lichtes, keine Finsterlinge! Denn einst waret ihr Finsternis, nun aber seid ihr Licht im Herrn. Wandelt als Kinder des Lichtes! Die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. 10 Prüfet, was Gott wohlgefällig ist. 11 Nehmet nicht teil an den unfruchtbaren Werken der Finsternis, rückt sie vielmehr ins rechte Licht. 12 Denn alles, was im geheimen von ihnen getrieben wird, davon auch nur zu reden, ist schändlich. 13 Alles aber, was ins Licht gerückt wird, ist vom Lichte erhellt. 14 Denn alles, was offenbar wird, ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, steh auf von den Toten, und Christus wird dir aufleuchten! 14: „Christus wird dich erleuchten“, heißt es im lateinischen Text.. Die Stelle dürfte einem urchristlichen Hymnus entnommen sein, vielleicht aus der ältesten Taufliturgie. 15 Sehet also zu, Brüder, wie ihr vorsichtig wandelt, nicht wie Unweise, sondern wie Weise. 16 Erkaufet die Zeit; denn die Tage sind böse. 17 Seid daher nicht unverständig, sondern lernt einsehen, was der Wille des Herrn ist. 18 Berauschet euch nicht mit Wein; das führt zur Liederlichkeit. Werdet vielmehr des Geistes voll. 19 Redet zueinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern; singet und jubelt dem Herrn in eurem Herzen. 20 Danket allezeit für alles Gott, dem Vater, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.

 

Mahnung bezüglich des Familienlebens. 21 Ordnet euch einander unter in der Ehrfurcht vor Christus. 21: Wo einer im andern Christus sieht, fällt die Unterordnung nicht schwer, am wenigsten in der Ehe und Familie. 22 Die Frauen sollen ihren Männern untertänig sein wie dem Herrn. 23 Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist, er, der Erlöser seines Leibes. 23: Diese Stelle gehört zum Erhabensten, was sich über die Ehe sagen läßt: Der Mann ist Abbild Christi, des Erlösers seines Leibes, der Kirche. Die Frau ist Abbild der bis zu Selbsthingabe von Christus geliebten Kirche, der Braut Christi. Nicht Selbstsucht führt sie zusammen, sondern der Wille, sich gegenseitig zu heiligen. Eines wird dem andern zum zweiten Ich. Und diese Einheit in der Zweiheit ist eingegliedert in die übernatürliche Lebensgemeinschaft mit Christus. Die Ehe ist also unendlich mehr als ein „weltlich Ding“. 24 So wie die Kirche Christus unterworfen ist, so seien es die Frauen ihren Männern in allem. 25 Ihr Männer, liebet eure Frauen, so wie Christus die Kirche geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, 26 um sie zu heiligen, indem er sie reinigte im Wasserbade durch das Wort [des Lebens]. 27 Herrlich wollte er die Kirche für sich selbst darstellen, ohne Makel, ohne Runzel oder andere Fehler; heilig sollte sie vielmehr sein und ohne Fehl. 28 So sollen die Männer ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Leib. Wer sein Weib liebt, liebt sich selbst. 29 Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er hegt und pflegt es, so wie Christus die Kirche. 30 Wir sind ja Glieder seines Leibes, [von seinem Fleisch und seinem Gebein]. 31 Darum wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein (1 Mos 2,24). 32 Dieses Geheimnis ist groß; ich sage dies aber in bezug auf Christus und die Kirche. 33 Jedenfalls sollt auch ihr, einer wie der andere, seine Frau lieben wie sich selbst. Die Frau aber soll vor ihrem Manne Ehrfurcht haben.

 

Ihr Kinder, gehorchet euren Eltern im Herrn; denn so gehört es sich. „Du sollst Vater und Mutter ehren“, das ist das erste Gebot mit einer Verheißung: „auf daß es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden.“ Ihr Väter, verbittert eure Kinder nicht, sondern erziehet sie in der Lehre und Zucht des Herrn. Ihr Knechte, gehorchet euren leiblichen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als gälte es Christus, — nicht in Augendienerei, um Menschen zu gefallen, sondern als Diener Christi, die den Willen Gottes tun von Herzen. Leistet euren Dienst mit willigem Sinn, als gälte es dem Herrn und nicht Menschen. Ihr wißt ja: Ein jeder, der Gutes tut, wird Lohn empfangen vom Herrn, sei er Knecht oder Freier. Ihr Herren, handelt ebenso gegen sie [die Knechte]. Lasset das Schelten. Bedenket, daß sie ebenso wie ihr einen Herrn im Himmel haben, bei dem kein Ansehen der Person gilt.

 

Die christliche Waffenrüstung

10 Im übrigen, [meine Brüder,] werdet stark im Herrn durch seine mächtige Kraft. 11 Ziehet an die volle Waffenrüstung Gottes, daß ihr standhalten könnt gegen die Nachstellungen des Teufels. 12 Denn wir haben nicht bloß zu kämpfen mit Fleisch und Blut, sondern mit Mächten und Gewalten, mit den finsteren Weltbeherrschern, mit den bösen Geistern in den Höhen. 13 Leget darum an die volle Waffenrüstung Gottes, damit ihr am bösen Tage widerstehen und in allem unerschütterlich aushalten könnt. 14 Tretet also an, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit. Ziehet an den Panzer der Gerechtigkeit, 15 beschuhet die Füße mit der Bereitschaft für die Frohbotschaft des Friedens. 16 Zu allem hin ergreifet den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen könnt. 16: Die Krieger im Altertum gebrauchten auch Pfeile mit verschiedenen brennbaren Stoffen an der Spitze, die vor dem Abschießen angezündet wurden. Paulus meint mit den „feurigen Geschossen“ die bösen Begierden, wohl auch die Verleumdungen und Anklagen von seiten der christenfeindlichen Juden und Heiden. 17 Nehmt den Helm des Heils und das geistige Schwert, das ist das Wort Gottes. 18 Mit allerlei Bitten und Gebeten flehet allezeit im Geiste. Seid dabei auch wachsam in beharrlicher Fürbitte für alle Heiligen. 19 Betet auch für mich, daß mir das rechte Wort gegeben werde, wenn ich den Mund auftue, um freimütig das Geheimnis der Heilsbotschaft zu verkünden. 20 Für diese bin ich ein Gesandter in Fesseln. Freimütig will ich dafür eintreten, wenn es meine Pflicht ist zu reden. 10-20: Paulus war während der Gefangenschaft ständig von einem Soldaten bewacht. In ihm sieht er das Bild des Christen als Gottesstreiter. Nicht um einen Kampf von Mensch gegen Mensch handelt es sich, sondern um das Niederringen des Fürsten der Finsternis und seiner Vasallen. Da reichen Menschenkräfte nicht aus. Das Gebet sichert die Hilfe von oben.

 

Schluß des Briefes

21 Damit ihr wißt, welches meine Lage ist und wie es mir geht, so soll Tydaikus, der vielgeliebte Bruder und treue Diener im Herrn, euch alles berichten. 22 Ich schicke ihn zu euch zu dem Zwecke, daß ihr erfahret, wie es um uns steht, und daß er eure Herzen tröste. 23 Friede sei den Brüdern und Liebe samt Glauben von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. 24 Die Gnade sei mit allen, die unsern Herrn Jesus Christus liebhaben in Unvergänglichkeit! [Amen.]

 

 

Die Katholischen Briefe

 

Der erste Brief des Petrus

Einleitung

Der heilige Petrus stammte aus Bethsaida am Galiläischen Meer. Mit seinem Bruder Andreas schloß er sich dem Heiland an, der ihn öfters auszeichnete und ihm das Oberhirtenamt in seiner Kirche verlieh. Nach der Himmelfahrt Jesu predigte er in Jerusalem, Palästina und Rom. Hier starb er im Jahre 67 n. Chr. den Martertod am gleichen Tage wie der hl. Paulus. Der erste Petrusbrief ist an die Christen in Kleinasien gerichtet. Sie lebten als Minderheit unter einer heidnischen Umgebung und hatten wegen ihres Glaubens mancherlei Leiden zu ertragen. Als oberster Hirte der ganzen Kirche schreibt Petrus diesen Brief zur Ermahnung, Tröstung und Ermutigung an sie. In begeisterter, bildhafter Sprache legt er ihnen unter häufiger Verwendung des Alten Testamentes die Heilswahrheiten vor und wendet sie geschickt auf das tägliche Leben an. Der Brief wurde um das Jahr 64 in Rom (= Babylon, 5,13) abgefaßt.

 

1 Eingang. Petrus, Apostel Jesu Christi, an die auserwählten Fremdlinge, die in Pontus, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien zerstreut leben und die auserwählt sind zufolge der Vorbestimmung Gottes des Vaters durch die Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blute Jesu Christi. Gnade und Friede werde euch in Fülle! 2: Die Christen sind von Gott dem Vater vorherbestimmt zum Glauben, in der Taufe durch den Heiligen Geist geheiligt und dazu berufen, dem Sohne Gottes zu gehorchen und sich mit seinem Blute zu besprengen, das heißt, sich von Sünden zu reinigen und zu heiligen durch Christi Blut.

 

Größe der Wohltaten Gottes

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zur lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen, unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das im Himmel für euch aufbewahrt ist. 3: Die Christenhoffnung ist lebendig durch die Auferstehung Jesu Christi; denn diese verbürgt dem Christen die eigene Auferstehung und Verklärung. In Gottes Kraft werdet ihr durch den Glauben behütet, damit ihr das Heil empfanget, das schon bereit ist, um am Ende der Zeit geoffenbart zu werden. Darüber frohlocket, wenn ihr auch jetzt noch für kurze Zeit, wenn es sein soll, durch mancherlei Prüfungen Trübsal leiden müßt! Euer Glauben soll dadurch als echt erprobt und kostbarer erfunden werden als vergängliches Gold, das durch Feuer geläutert wird, zum Lobe, zum Ruhme und zur Ehre bei der Offenbarung Jesu Christi. Ihn liebet ihr, ohne ihn gesehen zu haben, an ihn glaubet ihr, wenn ihr ihn auch jetzt nicht schauet. Im Glauben an ihn dürft ihr mit unaussprechlicher, verklärter Freude frohlocken, wenn ihr einst das Ziel eures Glaubens, das Heil der Seele erlangt. 10 Nach diesem Heile haben die Propheten, die von der euch zugedachten Gnade weissagten, geforscht und gesucht. 11 Sie sannen darüber nach, auf welche Zeit und welche Umstände der in ihnen wirkende Geist Christi hinweise, der ihnen zum voraus die für Christus bestimmten Leiden und die darauf folgende Herrlichkeit bezeugte. 12 Ihnen ist geoffenbart worden, daß sie nicht sich selbst, sondern euch mit dem zu dienen hätten, was euch jetzt verkündet worden ist durch diejenigen, welche in der Kraft des vom Himmel gesandten heiligen Geistes euch die Frohbotschaft gebracht haben. Darin Einblick zu gewinnen, gelüstet sogar die Engel. 3-12: Frohes Selbstbewußtsein darf trotz aller Leiden die Christen erfüllen. Gott hat sie überreich beschenkt. Das Heil in Christus, wonach die Propheten sich sehnten, und die Wahrheit des Evangeliums, worin selbst die Engel eine Erhöhung ihres Glückes erkennen, ist ihr herrlicher Besitz.

 

Ermahnungen zu verschiedenen Tugenden

Gehorsam und heilige Furcht. 13 Umgürtet daher die Lenden eurer Gesinnung, seid nüchtern, setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch bei der Offenbarung Jesu Christi dargeboten wird! 13: Wie die Wanderer, Arbeiter und Kämpfer das lange, weite Obergewand um die Hüften gürteten, um sich leichter bewegen zu können, so sollen sich auch die Christen zur Arbeit oder zum Kampf im Dienste Gottes rüsten und durch Abstreifen alles dessen, was sie hierbei hindert, ihrem Ziele entgegenwandern. — Sie müssen geistig nüchtern, d. h. vom Taumel der Sünde frei sein. 14 Seid gehorsame Kinder und gestaltet euer Leben nicht mehr nach den Gelüsten, denen ihr früher in den Zeiten eurer Unwissenheit dientet, 15 sondern seid heilig in eurem ganzen Wandel nach dem Vorbild des Heiligen, welcher euch berufen hat! 16 Es steht ja geschrieben: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig (3 Mos 19,2). 17 Und wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person jeden nach seinem Werke richtet, so führt einen gottesfürchtigen Wandel in der Zeit eurer Pilgerschaft! 18 Ihr wisset ja, daß ihr nicht mit vergänglichen Gütern, mit Silber oder Gold, von eurem törichten, von den Ahnen überkommenen Wandel losgekauft wurdet, 19 sondern durch das kostbare Blut Christi, dieses makellosen und unbefleckten Lammes. 20 Vor der Grundlegung der Welt ward er schon zum voraus dazu bestimmt, am Ende der Zeiten aber geoffenbart um euretwillen, 21 die ihr durch ihn an Gott glaubet, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit verliehen hat, so daß euer Glaube zugleich auch Hoffnung auf Gott ist.

 

Bruderliebe und sittliche Reinheit. 22 Reinigt eure Seelen im Gehorsam gegen die Wahrheit zu ungeheuchelter Bruderliebe, liebet einander innig mit aufrichtigem Herzen! 23 Seid ihr doch wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen durch das lebendige und bleibende Wort Gottes. 24 Denn alles Fleisch ist wie Gras und all seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras verdorrt und die Blume fällt ab. 24: Vgl. Jak 1,10-11. 25 Doch des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit (Is 40,6. 7). Das ist das Wort, das euch als Heilsbotschaft verkündet worden ist.

 

2 Festhalten an Christus. So legt denn ab alle Bosheit, alle Arglist, Heuchelei, Neid und alle bösen Nachreden! Wie neugeborene Kinder tragt Verlangen nach der geistigen lauteren Milch, damit ihr durch dieselbe zum Heile heranwachset. Ihr habt ja schon gekostet, wie gut der Herr ist (Ps 34,9). Zu ihm tretet hinzu als zu dem lebendigen Stein, der zwar von Menschen verworfen worden, bei Gott aber als auserlesen und kostbar gilt. Als lebendige Steine lasset euch selbst aufbauen zu einem geistigen Tempelbau, zu einer heiligen Priesterschaft, um geistige Opfer darzubringen, die Gott um Jesu Christi willen wohlgefällig sind. Deswegen heißt es auch in der Schrift: Siehe, ich lege in Sion einen auserlesenen, kostbaren Eckstein; wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden (Is 28,16). Euch nun, die ihr gläubig seid, wird die Ehre zuteil; den Ungläubigen aber gilt: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden und ein Stein des Anstoßes und ein Fels, über den man fällt (Is 8,14); sie stoßen sich daran, weil sie dem Worte nicht gehorchen. Das war ihnen ja bestimmt. 8: Es ist hier keineswegs im Sinne von Calvin behauptet, die ungläubigen Juden seien vorherbestimmt worden zur Sünde, sondern nur, daß ihnen im Falle ihrer Sünde die Strafe vorherbestimmt wurde. 4-8: Vgl. Mt 21,42-44. Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliger Stamm, ein Gott zugeeignetes Volk, ihr sollt die Großtaten dessen verkünden, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat. 9: Die Christen sind eine königliche Priesterschaft: Könige, weil zur Herrschaft im Himmel berufen, Priester, weil von Gott geweiht, um die geistigen Opfer der Anbetung, der Verdemütigung, der Selbstverleugnung, kurz der guten Werke überhaupt darzubringen. Jeder Christ empfängt in der heiligen Firmung das Sakrament des Laienpriestertums, um in der Zusammenarbeit mit dem amtlichen Priestertum am Aufbau des Gottesreiches mitzuwirken. 10 Einst waret ihr kein Volk, jetzt seid ihr das Volk Gottes, einst Nichtbegnadigte, jetzt seid ihr Begnadigte (Os 1,6. 9; 2,3. 25).

 

Christliche Pflichtenlehre

11 Geliebte! Ich ermahne euch als Fremdlinge und Pilger: Enthaltet euch der fleischlichen Lüste, die gegen die Seele streiten! 12 Führet einen ehrbaren Lebenswandel unter den Heiden! Sie sollen, während sie euch als Übeltäter schmähen, eure guten Werke sehen und um ihretwillen am Tage der Heimsuchung Gott die Ehre geben.

 

Pflichten gegen die Obrigkeit. 13 Unterwerfet euch um des Herrn willen jeglicher menschlichen Ordnung, sowohl dem König als dem obersten Herrn, 14 als auch den Statthaltern, weil sie von ihm zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lobe der Rechtschaffenen entsandt sind. 15 Denn das ist der Wille Gottes, daß ihr durch einen rechtschaffenen Wandel den Unverstand der törichten Menschen zum Schweigen bringt. 16 Ihr seid Freie, aber ihr dürft die Freiheit nicht zum Deckmantel der Bosheit machen, sondern müßt euch als Diener Gottes zeigen. 17 Erweiset jedermann Achtung, liebet die Brüder, fürchtet Gott, ehret den König! 17: Das N. T. schärft die Pflicht des Gehorsams gegen die Obrigkeit wiederholt ein, obwohl die christliche Religion vor dem römischen Staatsrecht als unerlaubt galt. Vgl. 1 Tim 2,1-3.

 

Pflichten der Sklaven. 18 Ihr Sklaven unterwerfet euch in aller Furcht euren Herren, nicht bloß den gütigen und milden, sondern auch den launenhaften. 19 Denn das ist wohlgefällig, wenn einer im Gedanken an Gott Trübsal erträgt und Unrecht leidet. 20 Was für ein Ruhm wäre es doch, wenn ihr wegen eurer Sünden Züchtigung aushalten müßtet! Nein! Wenn ihr Gutes tut und dabei Leiden zu ertragen wißt — das ist wohlgefällig vor Gott. 21 Dazu seid ihr ja berufen; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen, damit ihr in seine Fußstapfen tretet. 22 Er hat keine Sünde getan, und kein Trug ist in seinem Munde gefunden worden (Is 53,9). 23 Da er gescholten wurde, schalt er nicht wieder, da er litt, drohte er nicht, sondern stellte seine Sache dem gerechten Richter anheim. 23: Christus wehrte sich nicht gegen das Unrecht, sondern vertraute darauf, daß der Vater im Himmel ihm Recht verschaffen werde. Der lateinische Text spricht vom „ungerechten Richter“ (= Pilatus), dem sich Christus freiwillig überließ. 24 Er hat unsere Sünden an seinem Leibe auf das Holz hinaufgetragen, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden (Is 53,6). 25 Denn ihr waret wie irrende Schafe; jetzt aber seid ihr zurückgekehrt zum Hirten und Hüter eurer Seelen.

 

3 Belehrung für die Ehegatten. Ebenso ihr Frauen, seid euren Männern untertan, damit diese, wenn sie etwa dem Worte nicht gehorchen, durch den Wandel ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie euren in Gottesfurcht keuschen Wandel beobachten. Euer Schmuck bestehe nicht in Äußerlichem, in künstlichem Haargeflecht, in goldenem Geschmeide oder Kleiderpracht, sondern es sei der verborgene, innerliche Mensch mit einem allezeit sanften und milden Sinn; der hat hohen Wert in Gottes Augen. So schmückten sich einstmals auch die heiligen Frauen, die auf Gott hofften; sie waren ihren Männern untertan. So gehorchte Sara dem Abraham, indem sie ihn „Herr“ nannte. Ihre Kinder seid ihr geworden, wenn ihr Gutes tut und euch durch keine Drohung einschüchtern laßt. 1-6: Von dem Einfluß einer frommen, keuschen und allzeit gütigen Frau auf ihren Mann erwartet der Apostel mehr als von der Predigt des Missionars. Gleicherweise sollt ihr Männer einsichtsvoll zusammenleben mit den Frauen als den schwächeren Geschöpfen, erweiset ihnen Achtung als den Miterben der Gnade des Lebens, damit eure Gebete nicht gestört werden. 7: Nur dort, wo die Eheleute sich in heiliger Ehrfurcht als Gotteskinder begegnen, kann im Familienleben das Gebet die rechte Pflege finden.

 

Ermahnungen für alle. Seid endlich alle einträchtig, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig! Vergeltet nicht Böses mit Bösem, noch Schmähung mit Schmähung! Im Gegenteil, segnet, weil ihr ja dazu berufen seid, Segen zu ererben. 10 Denn wer seines Lebens froh werden und gute Tage haben will, der halte seine Zunge von Bösem fern und seine Lippen von trügerischem Gerede; 11 er wende sich weg vom Bösen und tue Gutes, er suche Frieden und trachte ihm nach. 12 Denn die Augen des Herrn sind auf die Gerechten gerichtet, und seine Ohren hören auf ihr Flehen; das Angesicht des Herrn aber wendet sich wider die Übeltäter (Ps 34,13-17). 13 Wer könnte euch auch Übles zufügen, wenn ihr eifrig nach dem Guten trachtet? 14 Indes, wenn ihr auch um der Gerechtigkeit willen leiden müßtet, Heil euch! Fürchtet euch nicht vor ihrer Drohung und laßt euch nicht bange machen! 15 Den Herrn Christus aber heiligt in euren Herzen und seid allezeit zur Verantwortung bereit einem jeden gegenüber, der von euch Rechenschaft über eure Hoffnung fordert. 16 Aber bewahrt dabei Sanftmut und Ehrfurcht und haltet euer Gewissen rein, damit die, welche euren guten Wandel in Christus schmähen, gerade darin beschämt werden, worin ihr verleumdet werdet. 17 Denn es ist besser, wenn es nun doch einmal Gottes Wille sein sollte, ihr leidet wegen guter als wegen böser Taten. 13-17: Das vorbildliche Leben der Christen ist die beste Werbung für den Glauben; aber es sichert die Gläubigen nicht immer vor der Verfolgung durch die Böswilligen. Vgl. Mt 5,10-12.

 

Das unschuldige Leiden des Heilandes als Vorbild. 18 Ist ja doch auch Christus einmal für unsere Sünden gestorben, der Gerechte für Ungerechte, damit er uns zu Gott führe; dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach aber lebendig gemacht. 19 Im Geiste ging er auch hin und predigte den Seelen im Gefängnis, 20 die einst ungläubig gewesen waren zur Zeit, als Gottes Langmut zuwartete in den Tagen Noes, als die Arche gebaut wurde. In ihr wurden nur wenige, nämlich acht Seelen, durch das Wasser hindurch gerettet. 20: Es scheint vorausgesetzt zu sein, daß die ungläubigen Zeitgenossen des Noe durch die Sintflut Kraft der vorausgegangenen Predigt des Noe zu Glauben und Buße geführt und so ewig gerettet wurden. Zu ihnen stieg die Seele Christi vor der Auferstehung in die Vorhölle hinab. 21 Sein Gegenbild, die Taufe, errettet jetzt auch euch. Denn sie ist nicht ein Ablegen körperlichen Schmutzes, sondern eine Anrufung Gottes um ein gutes Gewissen durch die Kraft der Auferstehung Jesu Christi. 22 Er sitzet zur Rechten Gottes, nachdem er [den Tod verschlungen hat, damit wir Erben des ewigen Lebens würden, und] aufgefahren ist in den Himmel, wo ihm Engel, Mächte und Gewalten untertan sind.

 

4 Das Beispiel der Christen. Da Christus also im Fleische gelitten hat, so wappnet auch ihr euch mit derselben Gesinnung! Denn wer dem Fleische nach gelitten hat, hat mit der Sünde gebrochen, so daß er den Rest seiner irdischen Tage nicht mehr im Dienste menschlicher Gelüste verlebt, sondern nach dem Willen Gottes. Lange genug habt ihr in der Vergangenheit den Willen der Heiden vollbracht und in Ausschweifungen, Lüsten, Trunkenheit, Schmausen und Zechen und frevelhaftem Götzendienst gelebt. Es befremdet sie, daß ihr nicht mehr mit ihnen euch hineinstürzt in den Strudel eines liederlichen Lebens. Deshalb schimpfen sie über euch.

 

Das Gericht

Sie werden aber dem Rechenschaft geben müssen, der bereit steht, die Lebendigen und die Toten zu richten. Denn dazu ist auch Toten die Heilsbotschaft verkündet worden, damit sie zwar im Fleische nach Menschenart gerichtet werden, aber im Geiste leben nach Gottes Art.

 

Ermahnung zur Frömmigkeit. Das Ende aller Dinge hat sich genähert, seid daher besonnen und nüchtern, um beten zu können. Vor allem aber habt einander innig lieb, denn die Liebe deckt eine Menge Sünden zu. Übt Gastfreundschaft gegeneinander ohne Murren! 10 Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes! 11 Hat einer die Redegabe, so trage er Gottes Wort vor; hat jemand ein Amt, so verwalte er es mit der Kraft, die Gott ihm schenkt, damit in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus. Sein ist die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen. 10-11: Es sind die in der christlichen Urkirche von Gott verliehenen außerordentlichen Gnadengaben, Charismen, gemeint. Nicht menschliches Geltungsbedürfnis soll durch sie befriedigt, sondern Gottes Ehre gefördert werden.

 

Ermahnung zur Geduld. 12 Geliebte! Stoßt euch nicht an der Feuerprobe, die zur Läuterung über euch kommt, als ob euch etwas Befremdliches damit widerfahre! 13 Nein, freut euch vielmehr in dem Maße, als ihr an Christi Leiden teilnehmen dürft, damit ihr bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne habet. 14 Werdet ihr um des Namens Christi willen geschmäht — dann Heil euch! Denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes ruht auf euch. 15 Sehet zu, daß ja keiner von euch als Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder wegen unbefugter Einmischung in fremde Angelegenheiten (als Spitzel?) zu leiden habe; 16 wenn er aber als Christ leidet, braucht er sich nicht zu schämen; vielmehr verherrliche er Gott durch diesen Namen. 16: Hier wird bereits der Name „Christ“ als Ehrenname betrachtet. Die Heiden hatten ihn wohl zuerst als Schimpfwort geprägt in Antiochien (Apg 11,26; 26,28). 17 Denn es ist Zeit, daß das Gericht bei dem Hause Gottes seinen Anfang nimmt. Wenn es aber zuerst zu uns kommt, was wird das Ende sein bei denen, welche der Heilsbotschaft Gottes nicht gehorchen? 18 Und wenn der Gerechte kaum gerettet wird, wo wird der Gottlose und der Sünder bleiben? 19 So mögen dann die, welche nach Gottes Willen leiden, dem getreuen Schöpfer ihre Seelen dadurch anbefehlen, daß sie Gutes tun. 12-19: Immer wieder schärft der Apostel den jungen Christengemeinden ein, daß die Berufung zum Christentum keinen Freibrief gegen Leiden und Verfolgungen auf Erden bedeute, daß vielmehr gerade das unschuldige Leiden um Christi willen ein Zeichen der Auserwählung, also ein Grund zur Freude sei.

 

5 Mahnungen an die kirchlichen Vorsteher. Die Ältesten unter euch mahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, aber zugleich auch der Genosse der einst sich offenbarenden Herrlichkeit: Weidet die euch anvertraute Herde Gottes und wachet über sie, nicht gezwungen, sondern aus freien Stücken nach Gottes Absichten; nicht aus schnöder Gewinnsucht, sondern mit Hingebung. Zeigt euch nicht als Gewaltherrscher gegen die euch Anvertrauten, sondern als Vorbilder der Herde! Wenn dann einmal der Oberhirte erscheint, werdet ihr den unverwelklichen Ehrenkranz davontragen. Ihr Jüngeren sodann, seid den Ältesten untertan! Ihr alle aber traget im gegenseitigen Verkehr das Kleid der Demut; denn Gott widersteht den Hoffärtigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.

 

Mahnung zur Demut und Wachsamkeit. Demütigt euch also unter die machtvolle Hand Gottes, daß er euch zur rechten Zeit erhöhe! Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für euch. Seid nüchtern und wachet! Denn euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlinge. Widersteht ihm standhaft im Glauben! Wisset, daß dieselben Leiden über eure Brüder in der Welt kommen. 8-9: Täglich wiederholt die Kirche im liturgischen Abendgebet (Komplet) diesen Aufruf zur Wachsamkeit und zum Kampfe. 10 Der Gott aller Gnade aber, der euch in Christus zu einer ewigen Herrlichkeit berufen hat, wird euch nach kurzem Leiden selber ausrüsten, kräftigen, stärken und auf festen Grund stellen. 11 Sein ist die [Herrlichkeit und die] Macht in alle Ewigkeit! Amen.

 

Persönliches Schlußwort. 12 Durch Silvanus, den treuen Bruder, wie ich ihn schätze, habe ich euch in Kürze geschrieben zur Mahnung und Bezeugung, daß dies die wahre Gnade Gottes ist, worin ihr steht. 13 Es grüßt euch die mitauserwählte Gemeinde in Babylon und mein Sohn Markus. 13: Unter Babylon ist die Stadt Rom zu verstehen, die mehr und mehr dem alttestamentlichen Babylon, der den Juden feindlichen Hauptstadt, sich ähnlich zeigte und schließlich zum Mittelpunkte der Christenverfolgung wurde. 14 Grüßet einander mit dem Kuß der Liebe! Frieden sei mit euch allen, die ihr in Christus [Jesus] seid! [Amen.]

 

 

Der zweite Brief des Petrus

Einleitung

Verfolgungen und Gefahren von außen hatten den Apostel Petrus veranlaßt, sein erstes Sendschreiben an die kleinasiatischen Christengemeinde zu richten. Nun bedrohten ernstere Gefahren von innen das Glaubensleben und die Sitten derselben Gemeinden. Gewissenlose Irrlehrer nahmen die Verzögerung der Wiederkunft Christi zum Anlaß, um die Lehre der Apostel zu bekämpfen und ins Lächerliche zu ziehen. Zugleich diente ihnen die Freiheit der Gotteskinder zum Deckmantel eines ungezügelten Sinnengenusses und der Ablehnung jeder Autorität. Schon der Apostel Judas hatte sich in seinem Briefe gegen die Verführer gewandt. Petrus kannte dieses Schreiben und verwendete manchen Gedanken daraus, um ein zweites Mal die Brüder in der Diaspora Kleinasiens durch ein oberhirtliches Wort zu unterweisen und zu festigen. Er schrieb den Brief in der Erwartung seines baldigen Todes (1,14) als Gefangener in Rom, also 66-67.

 

1 Eingangsgruß. Simon Petrus, Diener und Apostel Jesu Christi, an die, welche den gleich kostbaren Glauben wie wir erlangt haben durch die Gerechtigkeit unseres Gottes und Erlösers Jesus Christus. Gnade und Friede werde euch reichlich zuteil durch die Erkenntnis Gottes und unseres Herrn [Christus] Jesus!

 

Vorbereitung auf die Wiederkunft des Herrn

Von seiten Gottes. Seine göttliche Macht hat uns alles, was zum Leben und zur Frömmigkeit dient, geschenkt mittels der Erkenntnis dessen, der uns durch seine eigene Herrlichkeit und Kraft berufen hat. Dadurch hat er uns die kostbarsten und größten Verheißungen geschenkt, damit ihr durch sie der göttlichen Natur teilhaftig werdet, wenn ihr den in der Welt herrschenden verderblichen Lüsten entronnen seid.

 

Von seiten der Gläubigen. Eben deswegen wendet allen Fleiß auf und betätigt in eurem Glauben die sittliche Tatkraft, in der sittlichen Tatkraft die Erkenntnis, in der Erkenntnis die Enthaltsamkeit, in der Enthaltsamkeit die Ausdauer, in der Ausdauer die Frömmigkeit, in der Frömmigkeit die Bruderliebe, in der Bruderliebe die Liebe (überhaupt). 3-7: Das Erhabenste, dessen wir fähig sind, schenkte uns Gott in der Gnade; er läßt uns an seiner göttlichen Natur teilnehmen durch das Leben der Übernatur. Solcher Adel verpflichtet zu einem sittenreinen Leben. Gottes Gabe wird zur Aufgabe für uns. Denn sind diese Tugenden bei euch zu finden und im Zunehmen begriffen, so lassen sie euch nicht ohne Erfolg und Frucht für die Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus. Wer aber diesen Besitz nicht hat, ist blind, handelt wie ein Kurzsichtiger und vergißt, daß er von seinen früheren Sünden gereinigt worden ist. 10 Liebe Brüder! Seid deswegen vielmehr darauf bedacht, eure Berufung und Auserwählung [durch eure guten Werke] gewiß zu machen. Denn tut ihr dies, so werdet ihr nimmermehr zu Fall kommen. 11 Denn so wird euch in reichem Maße der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus gewährt werden.

 

Von seiten des Apostels. 12 Darum will ich stets an diese Dinge erinnern, obwohl ihr davon wißt und im Besitze der Wahrheit fest gegründet seid. 13 Ich erachte es aber für meine Pflicht, solange ich in diesem Zelte bin, euch durch Mahnung wach zu halten; 14 ich weiß, daß es bald zur Niederlegung meines Zeltes kommen wird, wie es mir auch unser Herr Jesus Christus kundgetan hat. 15 Ich will aber dafür Sorge tragen, daß ihr immer wieder auch nach meinem Hingang euch daran erinnern könnt. 12-15: Durch besondere Offenbarung weiß der Apostel um seinen bevorstehenden Tod. Der Brief soll noch wirken, wenn sein Verfasser längst heimgegangen ist.

 

Wiederkunft des Herrn durch seine Verklärung gesichert. 16 Wir haben uns nicht an ausgeklügelte Fabeln gehalten, als wir euch die machtvolle Ankunft unseres Herrn Jesus kundtaten, sondern wir sind Augenzeugen seiner Erhabenheit gewesen. 17 Denn er empfing von Gott Vater Ehre und Herrlichkeit, da von der hocherhabenen Herrlichkeit die Stimme an ihn erging: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe; [ihn höret!] 18 Diese Stimme haben wir vom Himmel kommen hören, als wir mit ihm auf dem heiligen Berge waren. 16-18: Vgl. Mt 17,1-9. 19 So steht uns das Prophetenwort um so fester, und ihr tut gut, euch daran zu halten als an eine Leuchte, die an dunklem Orte scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern in eurem Herzen aufgeht. 20 Darüber müßt ihr euch vor allem klar sein, daß keine Schriftweissagung eine willkürliche Deutung zuläßt. 21 Denn noch nie erging eine Weissagung durch menschlichen Willen, sondern durch den Heiligen Geist getrieben, sprachen die heiligen Gottesmänner. 19-21: Nur mit heiliger Ehrfurcht darf Gottes Wort in der Bibel gedeutet werden; denn der Geist Gottes spricht darin zu uns.

 

Falsche Propheten

2 Einführung. Es gab aber auch im Volke falsche Propheten, wie auch in eurer Mitte falsche Lehrer auftreten werden. Sie werden verderbliche Irrlehren einführen, und weil sie den Herrn, der sie erkauft hat, verleugnen, sich selbst jähes Verderben zuziehen. Viele werden ihre Ausschweifungen mitmachen; ihretwegen wird der Weg der Wahrheit gelästert werden. Aus Habgier wollen sie mit trügerischen Worten ein Geschäft an euch machen. Aber das ihnen schon längst gesprochene Urteil säumt nicht, und ihr Verderben schlummert nicht.

 

Ihr plötzlicher Untergang. Hat ja doch Gott der Engel, die gesündigt hatten, nicht geschont, sondern sie in die finsteren Abgründe der Hölle hinabgestoßen, wo sie bis zum Gericht gefangengehalten werden. Auch die alte Welt hat er nicht verschont, sondern nur Noe, den Herold der Gerechtigkeit, mit sieben anderen gerettet, als er über die Welt der Gottlosen die Flut kommen ließ. Auch die Städte Sodoma und Gomorrha hat er zu völliger Vernichtung verurteilt und in Asche gelegt zum warnenden Beispiel für künftige Frevler, dagegen den gerechten Lot der unter dem zuchtlosen Wandel der Gottlosen schwer zu leiden hatte, errettet. Denn mit Auge und Ohr mußte der Gerechte, da er mitten unter ihnen wohnte, Tag für Tag frevelhafte Taten wahrnehmen, was seine gerechte Seele quälte. 8: Im Lateinischen lautet der Vers: „Denn bei allem, was er sah und hörte, blieb er doch gerecht, obgleich er inmitten derer wohnte, die Tag für Tag seine gerechte Seele durch Freveltaten quälten.“ So weiß der Herr Fromme aus der Prüfung zu erretten, Ungerechte aber zur Strafe auf den Gerichtstag aufzubewahren, 10a besonders die, welche in unreiner Begierde der Fleischeslust frönen und jegliche Herrschaft verachten. 4-10: Die drei alttestamentlichen Beispiele zeigen, wie Gott durch ein plötzlich hereinbrechendes Ereignis die Bösen bestraft; die zwei letzten beweisen, wie er dabei zugleich die Guten errettet. Beides wird in der kommenden Wiederkunft sich wiederholen.

 

Ihr Lästern und ihre Unzucht. 10b Verwegen und frech, scheuen sie sich nicht, Majestäten zu lästern, wo doch Engel, 11 die ihnen an Kraft und Stärke überlegen sind, gegen sie beim Herrn kein lästerndes Urteil vorbringen. 12 Diese Menschen aber gleichen unvernünftigen Tieren, welche von Natur nur dazu da sind, daß man sie fängt und tötet. Sie lästern, was sie nicht verstehen, und werden durch ihr eigenes verderbliches Tun zugrunde gehen 13 und den Lohn ihrer Ungerechtigkeit davontragen. Bei Tage zu schwelgen, halten sie für Lust; sie sind Schmutz- und Schandflecken, schwelgen in ihren Betrügereien, wenn sie mit euch zusammen schmausen. 14 Ihre Augen sind voll ehebrecherischer Gier und im Sündigen unersättlich. Haltlose Seelen ködern sie; ihr Herz ist auf Habsucht eingeübt, sie sind Kinder des Fluches. 15 Sie haben den geraden Weg verlassen und sind in die Irre gegangen, indem sie den Weg Balaams, des Sohnes des Bosor, einschlugen, der ungerechten Lohn liebhatte. 16 Er wurde aber wegen seiner Verkehrtheit zurechtgewiesen. Denn ein stummes Lasttier fing mit menschlicher Stimme zu reden an und wehrte der Unvernunft des Propheten. 15-16: Balaan sollte auf Befehl des Moabiterkönigs Balak, der ihm hierfür Lohn in Aussicht stellte, durch einen Gottesspruch Israel verfluchen (4 Mos 22,7 ff). Er galt in der späteren Überlieferung als abschreckendes Beispiel, wie Gewinnsüchtige von Gott gestraft werden.

 

Ihr betrügerisches Vorgehen. 17 Brunnen ohne Wasser sind sie und Nebelwolken, vom Sturmwind gejagt. Für sie ist die dunkelste Finsternis vorbehalten. 18 Durch stolze Reden ohne jeden Inhalt verlocken sie mittels sinnlicher Begierden und Ausschweifungen diejenigen, welche eben erst denen entronnen sind, die im Irrtum wandeln. 19 Sie versprechen ihnen Freiheit und sind doch selbst Sklaven des Verderbens. Denn wenn jemand von einem andern überwältigt worden, so ist er dessen Sklave geworden. 20 Wenn nämlich die, welche durch die Erkenntnis unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus den Befleckungen der Welt entronnen sind, sich von diesen doch wieder verstricken und überwältigen lassen, so sind die letzten Dinge für sie schlimmer als die ersten. 21 Es wäre für sie besser, sie hätten den Weg der Gerechtigkeit gar nicht kennengelernt, als daß sie nach erlangter Erkenntnis sich wieder von dem ihnen überlieferten heiligen Gebote abwandten. 22 Bei ihnen ist eingetroffen, was das richtige Sprichwort sagt: Der Hund kehrt zum eigenen Auswurf zurück, und das gewaschene Schwein wälzt sich wieder im Kot. 17-22: Mit Vorliebe wandten sich die Irrlehrer an jene Christen, die erst kürzlich getauft und in der Wahrheit noch nicht hinreichend gefestigt waren. Unverblümt kennzeichnet Petrus das Schmachvolle des Rückfalles.

 

Leugner der Wiederkunft Christi

3 Ihre Lehre. Dies ist, Geliebte, schon der zweite Brief, den ich euch schreibe. In beiden wollte ich euren lautern Sinn durch Erinnerung wachhalten, damit ihr an die einst von den heiligen Propheten gesprochenen Worte und das von euren Aposteln überlieferte Gebot des Herrn und Heilandes denkt. Vor allem sollt ihr wissen, daß in den letzten Tagen Spötter mit frechen Reden auftreten werden, die nach ihren eigenen Lüsten wandeln und sagen: Wo bleibt seine verheißene Ankunft? Seitdem die Väter heimgegangen sind, bleibt alles so, wie es vom Anfang der Schöpfung an war.

 

Widerlegung aus der Sintflut. Bei dieser Behauptung entgeht ihnen, daß Himmel und Erde schon längst durch Gottes Wort aus Wasser und mittels Wasser Bestand hatten. Gerade dadurch ging die damalige Welt in der Wasserflut zugrunde. Der jetzige Himmel aber und die Erde sind durch dasselbe Wort fürs Feuer aufgespart. Sie werden aufbewahrt für den Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Menschen. 5-7: Das gewaltige Ereignis der Sintflut widerlegt die frivole Behauptung der Irrlehrer, bis jetzt habe sich noch keine Verheißung erfüllt, alles sei beim alten geblieben.

 

Zeit des Weltgerichtes. Das eine aber soll euch nicht entgehen, Geliebte, daß ein Tag beim Herrn ist wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag (Ps 90,4). Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie einige es für Verzögerung halten; er übt Langmut um euretwillen, da er nicht will, daß jemand verlorengehe, sondern alle sich zur Buße wenden. 10 Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb; dann wird der Himmel mit gewaltigem Krachen vergehen, die Elemente in Feuersglut sich auflösen, die Erde aber mitsamt ihren Werken verbrennen. 8-l0: Wir dürfen an Gottes Verheißung nicht unsere kleinen menschlichen Maßstäbe anlegen. Gott ist der Zeitlose, der Ewige, darum auch der Geduldige, doch ebenso der Gerechte und Wahrhaftige. Sein Tag kommt immer noch früh genug. Keiner vermag sich seinem Gerichte zu entziehen.

 

Ermahnungen

11 Wenn nun das alles sich so auflöst, welch heiliger Wandel und welche Gottseligkeit müssen euch da zu eigen sein! 12 Wie müßt ihr die Ankunft des Tages Gottes erwarten und ersehnen! Um dessentwillen wird der Himmel sich im Feuer auflösen und die Elemente im Brand zerschmelzen. 13 Wir erwarten aber gemäß seiner Verheißung einen neuen Himmel und eine neue Erde auf denen Gerechtigkeit ihre Wohnstätte hat.

 

Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn. 14 Befleißigt euch deshalb, Geliebte, in solcher Erwartung von ihm unbefleckt und untadelig erfunden zu werden in Frieden, 15 und erachtet die Langmut unseres Herrn als Heil. So hat auch unser lieber Bruder Paulus euch geschrieben mit der ihm eigenen Weisheit, 16 wie in allen seinen Briefen, wo er von diesen Dingen redet. Manches ist in ihnen schwer zu verstehen, was dann die Ungebildeten und Ungefestigten, wie sie es auch mit den übrigen Schriften tun, zu ihrem eigenen Verderben verdrehen. 15-16: Die Briefe des heiligen Paulus sind also damals weit über jene Kreise hinaus bekannt gewesen, für die sie zunächst bestimmt waren. Sie wurden zu den Heiligen Schriften der Offenbarung gezählt. Es ist nicht Sache jedes einzelnen Christen, den oft sehr schwierigen Sinn der Bibel festzustellen. Gott hat seine Offenbarung dem kirchlichen Lehramt zu treuen Händen anvertraut, damit alle Zeiten in ihr die Wahrheit finden. 17 Ihr, meine Lieben, wißt das jetzt; hütet euch daher, daß ihr euch nicht durch den Irrtum der Gottlosen mit fortreißen lasset und euren festen Halt verliert.

 

Schluß. 18 Wachset vielmehr in der Gnade und der Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus! Ihm sei Ehre jetzt und auf den Tag der Ewigkeit! Amen.

 

 

Der erste Brief des Johannes

Einleitung

Zwar nennt der Verfasser dieses Briefes sich nicht mit Namen; aber der Inhalt weist unzweideutig auf den Apostel Johannes hin, dem wir das vierte Evangelium verdanken. Die Zeugnisse dafür reichen bis in die apostolische Zeit zurück. Wahrscheinlich war der erste Johannesbrief ein Begleitschreiben zum Johannesevangelium. Daher die mehr unpersönliche Form ohne Adresse und Grüße. In väterlich warmen Worten bestärkt der greise Apostel seine Kinder im Glauben an den menschgewordenen Gottessohn. In ihm besitzen wir das neue Leben aus Gott, den Erweis unbegreiflicher Gottesliebe. Unser Erdenleben muß darum von dankbarer Gegenliebe erfüllt sein, die sichtbar wird in tätiger Nächstenliebe. Das ist die beste Abwehr aller Irrlehrer und „Antichristen“. Sie glauben, die Gemeinschaft mit Gott beibehalten zu können, ohne die sittlichen Forderungen Jesu zu erfüllen, indem sie leugnen, daß Jesus der gottgesandte Erlöser ist. Der Brief ist zu Ephesus gegen Ende des ersten Jahrhunderts geschrieben worden.

 

Eingang

 

Die Offenbarung des ewigen Lebens

Was von Anfang an war, was wir gehört und mit eigenen Augen gesehen haben, was wir geschaut und was unsere Hände berührt haben, es betrifft das Wort des Lebens —ja, das Leben ist sichtbar erschienen, und wir sahen es. Wir bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist, — was wir gesehen und gehört haben, das tun wir also euch kund, damit auch ihr Gemeinschaft habet mit uns und wir so Gemeinschaft haben mit dem Vater und mit Jesus Christus, seinem Sohne. Wir schreiben [euch] dies, damit [ihr euch freuet und] unsere Freude vollkommen sei. 1-4: Der ewige Logos, das göttliche Leben, sichtbar auf Erden erschienen in Christus, ist der Inhalt der wohlbezeugten apostolischen Lehre. Ihr Ziel ist die Lebensgemeinschaft mit Gott.

 

Die Botschaft Jesu und sein Erlöserblut

Sündigt nicht. Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm (Jo 8,12). Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und dabei in der Finsternis wandeln, so lügen wir und handeln nicht nach der Wahrheit. Wenn wir aber im Lichte wandeln, so wie er im Lichte ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns von jeder Sünde rein. Wenn wir sagen, wir hätten keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht; er vergibt uns unsere Sünden und wird uns rein machen von aller Ungerechtigkeit. 10 Sagen wir, wir hätten nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. 8-10: Sündenbewußtsein ist nicht knechtseliges Minderwertigkeitsgefühl, sondern ehrliche Selbsterkenntnis im Lichte des allheiligen Gottes.

 

Meine Kindlein, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündiget. Wenn aber einer sündigt, so haben wir einen Fürsprecher beim Vater, Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Versöhnung für unsere Sünden, doch nicht nur für unsere, sondern auch für die der ganzen Welt.

 

Haltet die Gebote. Daran sehen wir, daß wir ihn erkennen, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich kenne ihn, ohne daß er seine Gebote hält, der ist ein Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm. Wer sein Wort hält, in dem ist wahrhaft die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir es, daß wir in ihm sind. Wer da sagt, er bleibe in ihm, der muß selbst so wandeln, wie er wandelte. Meine Lieben! Es ist kein neues Gebot, das ich euch schreibe, sondern ein altes Gebot, das ihr von Anfang an hattet. Das Wort, das ihr gehört habt, das ist das alte Gebot. Und doch schreibe ich euch ein neues Gebot. Dies ist wahr in ihm und in euch. Denn die Finsternis ist vorüber, und schon leuchtet das wahrhaftige Licht. 7-8: Vgl. Jo 13,34. Wer sagt, er sei im Lichte, aber seinen Bruder haßt, der ist noch in der Finsternis. 10 Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Lichte und kein Anstoß ist in ihm. 11 Wer aber seinen Bruder haßt, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis, er weiß nicht, wohin er geht, weil die Finsternis seine Augen geblendet hat.

 

Sündigt nicht, habt die Welt nicht lieb. 12 Ich schreibe euch, Kindlein, weil euch die Sünden um seines Namens willen vergeben sind. 13 Ich schreibe euch, ihr Väter, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch, ihr Jünglinge, weil ihr den Bösen besiegt habt. 14 Ich habe euch geschrieben, ihr Kinder, weil ihr den Vater kennet. Ich habe euch geschrieben, ihr Väter, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist. Ich habe euch geschrieben, ihr Jünglinge, weil ihr stark seid, das Wort Gottes in euch wohnt und ihr den Bösen überwunden habt. 15 Habet die Welt nicht lieb, noch das, was in der Welt ist. Die Liebe des Vaters ist nicht in dem, der die Welt lieb hat. 16 Denn alles, was in der Welt ist, ist Fleischeslust und Augenlust und Hoffart des Lebens. Dies ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. 17 Die Welt vergeht samt ihrer Lust. Wer aber Gottes Willen tut, bleibt in Ewigkeit. Laßt euch nicht verführen. 15-17: Die Liebe zur gottfeindlichen Welt ist unvereinbar mit der Liebe zu Gott; denn niemand kann zwei Herren dienen. 18 Kindlein, es ist die letzte Stunde. Wie ihr gehört habt, daß der Antichrist kommt, so sind jetzt schon viele Antichristen aufgetreten. Daher wissen wir, daß es die letzte Stunde ist. 18: In Erinnerung an die Worte des Herrn (Mt 24; Mk 13; Lk 21) unterwiesen die Apostel die Gläubigen über die Vorzeichen der Wiederkunft Christi. Dazu gehörte das Auftreten des Antichristen, in dem sich der ganze Haß der gottfeindlichen Mächte verkörpert. Die Irrlehrer sind seine Vorläufer und Gehilfen. Ihr Auftreten zeige den Beginn der „letzten Stunde“, der Endzeit, an. Vgl. 2 Thess 2,3-12; 1 Petr 4,7; 2 Petr 3,8 ff. 19 Sie sind aus unserer Mitte hervorgegangen, aber sie gehörten nicht zu uns. Hätten sie zu uns gehört, so wären sie doch bei uns geblieben. Allein an ihnen sollte offenbar werden, daß nicht alle zu uns gehören. 20 Ihr aber seid gesalbt von dem Heiligen. Ihr wisset alles. 20: Der Heilige ist Christus. Er salbt die Seinen durch die Mitteilung des Heiligen Geistes, der sie „in alle Wahrheit einführt“. Vgl. Jo 16,13. 21 Wenn ich euch schrieb, tat ich dies nicht, weil ihr die Wahrheit nicht wisset, sondern weil ihr sie wisset und weil aus der Wahrheit keine Lüge kommt. 22 Wer anders ist der Lügner, als der, welcher leugnet, daß Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. 23 Wer den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht. Wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater. Was ihr von Anfang an gehört habt, soll in euch verbleiben. 24 Wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch verbleibt, dann werdet auch ihr im Sohne und im Vater bleiben. 25 Und die Verheißung, die er selbst uns gab, ist das ewige Leben. 26 Soviel wollte ich euch über eure Verführer schreiben.

 

27 Die Salbung aber, die ihr von ihm empfinget, bleibt in euch. Dann ist es nicht nötig, daß euch jemand belehre. Diese Salbung belehrt euch über alles, und so ist es wahr und keine Lüge. Verharret in ihm, wie sie euch belehrt hat. 28 Und nun Kindlein, bleibet in ihm, damit wir Zuversicht haben, wenn er erscheint, und nicht bei seiner Ankunft vor ihm zuschanden werden.

 

Wir sind Kinder Gottes

Kennzeichen der Gotteskindschaft. 29 Wenn ihr wisset, daß er gerecht ist, so wisset auch, daß jeder, der Gerechtigkeit übt, aus ihm geboren ist.

 

Seht, welch eine große Liebe der Vater uns geschenkt hat: Wir dürfen uns Kinder Gottes nennen; ja, wir sind es. Darum erkennt die Welt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat. Geliebte! Jetzt sind wir Kinder Gottes, und was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen aber, daß wir ihm ähnlich sein werden, wenn er erscheint. Denn wir werden ihn sehen, so wie er ist. Jeder nun, der dies von ihm hofft, heiligt sich, wie er heilig ist. Ein jeder, der Sünde begeht, tut auch Unrecht; die Sünde ist das Unrecht. 4: Die Sünde widerstrebt dem von Gott gesetzten Rechte, daher kann der Sünder nicht zu Gott kommen. Ihr wisset aber, daß er erschienen ist, um unsere Sünden hinwegzunehmen, und daß in ihm keine Sünde ist. Wer in ihm bleibt, sündigt nicht. Wer aber sündigt, hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt. Kindlein, niemand möge euch verführen. Wer Gerechtigkeit übt, der ist gerecht, wie jener gerecht ist. Wer Sünde begeht, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Dazu ist der Sohn Gottes erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören. Jeder, der aus Gott geboren ist, begeht keine Sünde, denn Gottes Samen bleibt in ihm. Er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist. 9: Der Samen Gottes ist der in der heiligen Taufe in die Seele gelegte Keim göttlichen Lebens, die heiligmachende Gnade. Solange diese Gnade im Menschen ist, lebt er in Gemeinschaft mit Gott. All sein Tun ist geheiligt. Aber das Gnadenleben kann verlorengehen. Es stirbt durch die bewußte Abkehr von Gott in der schweren Sünde, die darum Todsünde heißt.

 

Laßt uns die Brüder lieben. 10 Daran erkennt man die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels: Wer nicht Gerechtigkeit übt und wer seinen Bruder nicht liebt, der ist nicht aus Gott. 11 Denn das ist die Botschaft, die ihr von Anfang an gehört habet (Jo 13,34): 12 Wir sollen einander lieben, nicht wie Kain tat, der aus dem Bösen war und seinen Bruder tötete. Und weshalb tötete er ihn? Weil seine Werke böse waren, die seines Bruders aber gerecht. 13 Brüder, wundert euch nicht, wenn die Welt euch haßt. 14 Wir wissen, daß wir vom Tod zum Leben gekommen sind, weil wir die Brüder lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tode. 15 Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Mörder. Ihr wisset aber, daß kein Mörder ewiges Leben in sich behalten kann. 16 Daran haben wir die Liebe [Gottes] erkannt, daß er sein Leben für uns hingab. So müssen auch wir das Leben geben für die Brüder. 17 Wie kann die Liebe Gottes in dem bleiben, der irdisches Gut besitzt, aber sein Herz verschließt, wenn er seinen Bruder Not leiden sieht? 18 Meine Kindlein, wir wollen lieben, nicht mit Worten und nicht mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit. 19 Daran erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind, und können ihm gegenüber unser Herz beruhigen. 20 Denn wenn unser Herz uns verurteilt, so ist Gott größer als unser Herz, und er weiß alles. 18-20: Werktätige Nächstenliebe aus Liebe zu Gott ist das beste Heilmittel für ängstliche Seelen und das sicherste Zeichen der Gotteskindschaft. 21 Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verurteilt, so vertrauen wir zuversichtlich auf Gott. 22 Und wir werden von ihm alles empfangen, um was wir ihn bitten, weil wir seine Gebote halten und tun, was vor ihm wohlgefällig ist. 23 Und dies ist sein Gebot, daß wir an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie er uns geboten hat. 24 Wer seine Gebote hält, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Und daß er in uns bleibt, das erkennen wir an dem Geiste, den er uns gegeben hat.

 

4 Unterscheidet die Geister. Geliebte, trauet nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister ob sie aus Gott seien, denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen. Daran kennt man den Geist Gottes, jeder Geist, der bekennt, daß Jesus Christus im Fleische gekommen ist, der ist aus Gott, jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott. Dies ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, daß er komme; er ist bereits auf der Welt. 1-3: Vgl. 1 Kor 12,3. Kindlein, ihr seid aus Gott und habt jene (Antichristen) überwunden. Denn der in euch ist, ist größer, als der in der Welt ist. Jene sind von der Welt, darum reden sie von der Welt, und die Welt hört auf sie. Wir sind aus Gott. Wer Gott kennt, hört auf uns; wer nicht aus Gott ist, hört nicht auf uns. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums.

 

Christus, die Offenbarung der Liebe Gottes

Gottes Liebe zu uns. Geliebte, wir wollen einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott. Wer nicht liebt kennt Gott nicht, denn Gott ist die Liebe. Daran ist die Liebe Gottes an uns offenbar geworden, daß Gott seinen eingeborenen Sohn auf die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. 10 Darin erweist sich die Liebe: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns geliebt und seinen Sohn gesandt als Sühneopfer für unsere Sünden.

 

Unsere Liebe zu Gott. 11 Geliebte, wenn Gott uns so sehr liebte, müssen auch wir einander lieben. 12 Nie hat Gott jemand gesehen. Doch wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen. 12: Die christliche Nächstenliebe stellt am sichersten die Verbindung mit dem unsichtbaren Gott her. Sie ist ein Gotteserweis der Tat. 13 Daran erkennen wir, daß wir in ihm bleiben und er in uns, daß er von seinem Geiste uns gegeben hat. 14 Und wir haben gesehen und bezeugen es, daß der Vater seinen Sohn schickte als Heiland der Welt. 15 In jedem, der bekennt, daß Jesus der Sohn Gottes ist, bleibt Gott, und er bleibt in Gott. 16a Und wir haben erkannt und an die Liebe geglaubt, die Gott zu uns hat. 16b Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm. 17 Darin ist die Liebe [Gottes] bei uns vollendet, daß wir am Tage des Gerichtes Zuversicht haben, weil auch wir in dieser Welt sind, wie er ist. 18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht hat Pein. Wer aber fürchtet, ist in der Liebe noch nicht vollkommen. 17-18: Der Apostel meint die knechtische Furcht, die mit Liebe unvereinbar ist. Die kindliche Furcht, Gott zu beleidigen, ist dagegen ein Ausdruck der ehrerbietigen Liebe. 19 Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. 20 Wenn einer sagt: Ich liebe Gott, dabei aber seinen Bruder haßt, so ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, ist nicht imstande, Gott zu lieben, den er nicht gesehen hat. 21 Und wir haben dies Gebot von Gott: Wer Gott liebt, der muß auch seinen Bruder lieben.

 

5 Sieghafter Christusglaube. Jeder, der glaubt, daß Jesus der Christus ist, ist aus Gott geboren, und jeder, der den Vater liebt, liebt auch dessen Kind. Daran erkennen wir, daß wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Denn das ist die Liebe Gottes, daß wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. Denn was aus Gott geboren ist, besiegt die Welt, und das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube. Wer ist es denn, der die Welt überwindet, wenn nicht der, welcher glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist? Er ist es, Jesus Christus, der gekommen ist durch Wasser und Blut und Geist, nicht im Wasser allein, sondern im Wasser und Blut. Und der Geist ist es, der dafür Zeugnis gibt, denn der Geist ist die Wahrheit. Es sind nämlich drei, die Zeugnis geben [im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind Eins. Und drei sind, die Zeugnis geben auf Erden]: der Geist und das Wasser und das Blut; und diese drei sind auf ein und dasselbe Ziel gerichtet. Wenn wir das Zeugnis der Menschen annehmen, so ist doch das Zeugnis Gottes größer. Dies aber ist das Zeugnis Gottes, [das größer ist], daß er Zeugnis gab von seinem Sohne. 10 Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat das Zeugnis [Gottes] in sich. Wer Gott nicht glaubt, hat ihn zum Lügner gemacht, weil er an das Zeugnis nicht glaubt, das Gott von seinem Sohne gegeben hat. 11 Darin besteht das Zeugnis, daß Gott uns ewiges Leben gab, und dieses Leben ist in seinem Sohne. 12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat auch das Leben nicht. 5-12: Gegenüber den Irrlehrern jener Zeit hebt Johannes die absolute Notwendigkeit des Glaubens an Christus, den Gottessohn und Erlöser hervor. Ein dreifaches Zeugnis verbürgt diesen Glauben: der Heilige Geist der als Geist der Wahrheit in der Kirche wirkt (Jo 14,17; 15,26-27; 16,13); sodann das Zeugnis des himmlischen Vaters bei der Taufe Jesu (= Wasser); endlich der Erlösungstod am Kreuze (= Blut). Die in Klammern gesetzte Erweiterung in Vers 7-8 bildet das vielumstrittene „Comma Joanneum“. Es fehlt in allen wichtigen Textzeugen der alten Zeit und dürfte eine Randbemerkung sein, die später in den Text einbezogen wurde, Die darüber gefällte Entscheidung des römischen Offiziums vom 13.1.1897 ist durch die Erklärung vom 2.6.1927 wesentlich gemildert. Die wissenschaftliche Untersuchung der Frage ist freigestellt.

 

Kraft des Gebetes. 13 Dies schreibe ich euch, damit ihr wisset, daß ihr ewiges Leben habet, die ihr an den Namen des Sohnes Gottes glaubt. 14 Und dies ist die Zuversicht, die wir zu ihm haben, daß er uns erhört, wenn wir nach seinem Willen um irgend etwas bitten. 15 Und wenn wir wissen, daß er all unsere Bitten erhört, so wissen wir auch, daß wir das von ihm Erbetene (schon) erhalten haben.

 

Von der Todsünde. 16 Sieht jemand, daß sein Bruder eine Sünde begeht, die keine Todsünde ist, so soll er beten und ihm so zum Leben verhelfen, denen nämlich, die keine Todsünde begehen. Es gibt auch eine Todsünde. Wo es sich um eine solche handelt, sage ich nicht, daß man deshalb beten soll. 17 Jede Ungerechtigkeit ist Sünde; doch es gibt Sünde, die nicht todbringend ist. 16-17: Die Todsünde, von der hier die Rede ist, ist der Abfall vom Glauben gegen besseres Wissen.

 

Schluß. 18 Wir wissen, daß jeder, der aus Gott geboren ist, nicht sündigt. Wer aus Gott geboren ist, ist auf seiner Hut, und der Böse rührt ihn nicht an. 19 Wir wissen: Wir sind aus Gott, die ganze Welt aber ist in des Bösen Gewalt. 20 Wir wissen aber auch: Der Sohn Gottes ist gekommen und hat uns Einsicht verliehen, daß wir den Wahrhaftigen [Gott] erkennen. Und wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohne Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und ewiges Leben. 21 Kindlein, hütet euch vor den Götzen! [Amen.]

 

 

Der zweite Brief des Johannes

Einleitung

Der „Älteste“, der diesen Brief geschrieben hat, kann nicht irgendein unbekannter Presbyter der Urkirche gewesen sein. Beim Apostel Johannes treffen alle Voraussetzungen zu, um in ihm mit der kirchlichen Überlieferung den Verfasser zu erblicken. Die „auserwählte Herrin“, an die das Schreiben gerichtet ist, dürfte wohl keine einzelne christliche Frau, sondern eine Christengemeinde Kleinasiens sein. Die Mahnung zur Bruderliebe und die Warnung vor Irrlehrern rückt den Brief inhaltlich an den ersten Johannesbrief heran, von dem ihn wohl auch kein längerer Zeitraum trennt.

 

1 Wandel in Glaube und Liebe. Der Älteste an die auserwählte Herrin und ihre Kinder, die ich in Wahrheit liebe, und nicht ich allein, sondern alle, die die Wahrheit erkannt haben, um der Wahrheit willen, die in uns bleibt und mit uns ewig sein wird. Gnade wird mit uns sein, Barmherzigkeit und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, dem Sohne des Vaters, in Wahrheit und Liebe. Ich habe mich sehr gefreut, daß ich unter deinen Kindern solche gefunden habe, die in der Wahrheit wandeln, wie der Vater es uns geboten hat. Und nun bitte ich dich, o Herrin, daß wir einander lieben. Kein neues Gebot schreibe ich dir damit, sondern jenes, das wir von Anfang an hatten. Und das ist die Liebe, daß wir nach seinen Geboten wandeln. Denn das ist sein Gebot, daß ihr darin wandelt, wie ihr von Anfang an gehört habt. Viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen, die nicht bekennen, daß Jesus Christus im Fleische erschien. So einer ist der Verführer und der Antichrist. Sehet euch vor, daß ihr nicht verlieret, was ihr erarbeitet habt, sondern daß ihr vollen Lohn empfanget. Jeder, der darüber hinausgeht und in der Liebe Christi nicht verharrt, hat Gott nicht. Wer in der Lehre verharrt, der hat den Vater und den Sohn. 10 Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht mitbringt, so nehmet ihn nicht ins Haus auf und grüßet ihn nicht. 11 Denn wer ihn grüßt, macht sich seiner bösen Werke teilhaftig. 10-11: Das ist nicht Mangel an Liebe, sondern eine Forderung christlicher Selbstachtung und Glaubenstreue. 12 Noch vieles hätte ich euch zu schreiben. Ich will es aber nicht mit Papier und Tinte tun. Ich hoffe vielmehr, bei euch sein und von Mund zu Mund mit euch sprechen zu können, damit unsere Freude vollkommen sei. 13 Es grüßen dich die Kinder deiner auserwählten Schwester. 13: Gemeint sind die Christen der Gemeinde, in der Johannes weilte.

 

 

Der dritte Brief des Johannes

Einleitung

Auch bei diesem Brief ist „der Älteste“ der Apostel Johannes. Den Empfänger Gajus kennen wir nicht näher. Das kurze, wohl gegen Ende des Lebens vom hl. Johannes geschriebene Brieflein eröffnet lehrreiche Einblicke in das Leben der Urkirche. Der Quertreiber Diotrephes nimmt sogar gegen den Apostel und die Wandermissionare eine feindselige Stellung ein. Ähnlich wie im zweiten Briefe läßt die Bemerkung am Schluß vermuten, daß Johannes keine schriftlichen Mitteilungen in unrechte Hände geraten lassen möchte. Ob schon Spitzel am Werke waren?

 

1 Liebevolles Verhalten gegen Missionare. Der Älteste an den geliebten Gajus, den ich in Wahrheit liebe. Mein Lieber, ich wünsche, daß es dir in jeder Hinsicht wohlergehe und du gesund seiest, wie es deiner Seele wohlergeht. Ich freute mich sehr, da Brüder kamen und deine Treue bezeugten, wie du in der Wahrheit wandelst. Eine größere Freude habe ich nicht, als wenn ich höre, daß meine Kinder in der Wahrheit wandeln. Mein Lieber, du handelst getreu in allem, was du an den Brüdern tust, zumal an fremden. Diese haben angesichts der Gemeinde deine Liebe bezeugt, und du wirst wohltun, sie Gottes würdig weiter zu geleiten. Denn im Namen Gottes sind sie ausgezogen, ohne etwas von den Heiden anzunehmen. Darum liegt uns die Pflicht ob, solche Männer aufzunehmen, um so Mitarbeiter an der Wahrheit zu werden.

 

Klage über Diotrephes. Ich habe wohl an die Gemeinde geschrieben, aber Diotrephes, der unter ihnen der Erste sein will, nimmt uns nicht an. 10 Deshalb werde ich ihm seine Werke vorhalten, wenn ich komme, daß er böswillige Reden gegen uns führt und — als wäre dies noch nicht genug — die Brüder selbst nicht aufnimmt, ja diejenigen, die sie aufnehmen wollen, daran hindert und aus der Gemeinde ausschließt. 11 Mein Lieber, ahme das Böse nicht nach, sondern das Gute. Wer Gutes tut, ist aus Gott, wer Böses tut, hat Gott nicht gesehen. 12 Den Demetrius erkennen alle an, auch die Wahrheit selbst. Und wir stimmen diesem Zeugnisse bei, und du weißt, daß unser Zeugnis wahr ist.

 

Schluß. 13 Noch vieles hätte ich zu schreiben, ich will es aber nicht mit Tinte und Feder tun. 14 Ich hoffe, dich bald zu sehen, dann wollen wir von Mund zu Mund reden. 15 Friede sei mit dir! Es grüßen dich die Freunde. Grüße auch die Freunde, jeden einzeln!

 

 

Der Brief des Jakobus

Einleitung

Im Verzeichnis der neutestamentlichen Schriften folgt auf die Briefe des hl. Paulus eine Gruppe von sieben Schreiben, die unter dem Namen „Katholische Briefe“ zusammengefaßt werden: Der Jakobusbrief, zwei Petrusbriefe, drei Johannesbriefe und der Judasbrief. Katholische Briefe heißen sie, weil sie nicht wie die Paulusbriefe an eine Einzelgemeinde, eine bestimmte Gruppe von Gemeinden oder an eine Einzelperson gerichtet, sondern, wie es der Bedeutung des Wortes „katholisch“ entspricht, für die Allgemeinheit bestimmt sind. Dabei werden der zweite und dritte Johannesbrief wegen des gleichen Verfassers in die Gruppe einbezogen. Sie heißen auch „kanonische Briefe“. Der Verfasser des an erster Stelle stehenden Jakobusbriefes ist der Apostel Jakobus der Jüngere, der Sohn des Alphäus. Durch seine Mutter war er mit Jesus verwandt und wird darum der „Bruder des Herrn“ genannt. Als Bischof von Jerusalem genoß er höchstes Ansehen. Im Jahre 62 starb er den Marterod. Er richtete sein apostolisches Sendschreiben an „die zwölf Stämme in der Zerstreuung“, d. h. an die in der Diaspora lebenden Judenchristen. Aus ernstem Verantwortungsbewußtsein warnt er sie vor einem Glauben ohne Werke, vor leichtfertigem Reden, Klassengeist und Verzagtheit. In rechter Liebe sollen sie nach wahrer Weisheit streben und durch Gebet und gute Werke einander helfen. Der Brief ist zwischen den Jahren 48-62 geschrieben worden.

 

Jakobus, Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus, sendet den zwölf Stämmen in der Zerstreuung seinen Gruß.

 

Über die Versuchungen

Nutzen der Versuchung. Erachtet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet. Wisset, daß die Prüfung eures Glaubens Geduld wirkt; die Geduld aber soll ein Werk vollenden, damit ihr vollkommen werdet und untadelhaft und in keiner Beziehung versagt.

 

Gebet um Weisheit. Wenn es einem von euch an Weisheit mangelt, so erbitte er sie von Gott, der allen ohne weiteres gibt und nichts vorhält — und sie wird ihm gegeben werden. Er bitte aber in gläubigem Vertrauen und zweifle nicht, denn wer zweifelt, der gleicht einer Meereswelle, die vom Wind bewegt und umhergetrieben wird. Ein solcher Mensch soll nicht glauben, daß er etwas vom Herrn empfange. Er ist ja ein Mann mit geteiltem Herzen und unbeständig auf allen seinen Wegen. 5-8: Diesem vertrauensvollen Gebet hat Jesus Erhörung zugesichert. Vgl. Mk 11,22-24. Der Bruder in niedriger Stellung rühme sich wegen seiner Hoheit,10 der Reiche wegen seiner Niedrigkeit; denn wie eine Blume auf der Wiese wird er vergehen. 9: Heiliges Selbstbewußtsein, wie es dem Gotteskind ziemt, soll jeden Christen erfüllen, nicht törichte Überheblichkeit. 11 Die Sonne geht auf mit ihrer Glut und versengt das Gras; und seine Blüte fällt ab, und die Schönheit ihres Anblicks ist dahin. So wird auch der Reiche auf seinen Wegen dahinwelken.

 

Gott nicht Urheber der Versuchung. 12 Selig der Mann, der in der Versuchung standhält. Wenn er sich bewährt hat, wird er die Krone des Lebens empfangen, die der Herr denen verheißen hat, die ihn lieben. 13 Keiner sage, wenn er versucht wird: Von Gott werde ich versucht. Gott kann nicht zum Bösen versucht werden, er versucht auch selbst niemand. 14 Vielmehr wird ein jeder versucht, indem er von seiner eigenen Lust gereizt und verlockt wird. 15 Alsdann, wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. 16 Täuschet euch nicht, meine lieben Brüder! 17 Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, vom Vater der Lichter, bei dem kein Wandel ist und kein Schatten der Veränderung. 18 Aus freiem Willen hat er uns ins Leben gerufen durch das Wort der Wahrheit, damit wir gleichsam Erstlinge seiner Geschöpfe seien. 14 f: Der freie Wille ist gleichsam der Vater, die böse Begierlichkeit die Mutter der Sünde

 

Mahnung zu werktätigem Glauben

19 Wisset es, meine vielgeliebten Brüder: Jeder Mensch sei schnell bereit zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorne. 20 Denn der Zorn eines Mannes tut nicht, was vor Gott gerecht macht. 21 Leget darum ab alle Unreinigkeit, alles Böse, das noch in euch ist; in Sanftmut nehmet das eingepflanzte Wort auf, das eure Seelen retten kann.

 

Täter des Wortes. 22 Werdet Vollbringer des Wortes, nicht bloß Hörer, sonst würdet ihr euch selbst betrügen. 23 Wer ein Hörer des Wortes ist und kein Vollbringer, der gleicht einem Manne, der sein natürliches Aussehen im Spiegel betrachtet, 24 dann aber, wenn er sich betrachtet hat, weggeht und gleich vergißt, wie er aussah. 25 Wer aber hineinschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei verharrt, wer kein vergeßlicher Hörer, sondern ein tätiger Vollbringer ist, der wird selig werden in seinem Tun. 26 Wenn einer meint, er sei religiös, dabei aber seine Zunge nicht zügelt und so sich selbst betrügt, dessen Frömmigkeit ist wertlos. 27 Eine reine und makellose Frömmigkeit vor Gott dem Vater ist es, wenn man Waisen und Witwen in ihrer Not besucht und sich selbst unbefleckt bewahrt von dieser Welt. 26-27: Die Zunge zügeln, werktätige Liebe üben und nicht ein „Weltmensch“ sein, sind drei unerläßliche Stücke echter Relgiosität, ohne daß damit alle Pflichten erschöpft wären; denn Gott schreibt vor, wie wir ihn zu verehren haben. Es ist nicht in unser Belieben gestellt.

 

2 Verhalten gegen reich und arm ohne Ansehen der Person. Meine Brüder, haltet euren Glauben an unseren Herrn der Herrlichkeit, Jesus Christus, frei von Menschenrücksichten. Wenn nämlich in eure Versammlung ein Mann mit goldenem Ring, mit prächtigem Gewand eintritt und zugleich ein Armer in schmutzigem Kleide, und ihr schaut dann auf den mit dem prächtigen Gewande und sagt zu ihm: Du, mach es dir hier bequem, während ihr zu dem Armen sagt: Du bleib dort stehen, oder: Setz dich unten an meinen Fußschemel, habt ihr da nicht in euch ein parteiisches Urteil gefällt, seid zu Richtern geworden, geleitet von bösen Gedanken? Höret es, meine vielgeliebten Brüder! Hat nicht Gott die Armen in dieser Welt auserwählt zu Reichen im Glauben und Erben des Reiches, das er denen verheißen hat, die ihn lieben? Ihr aber habt dem Armen die Ehre genommen. Sind es nicht gerade die Reichen, die euch gewaltsam unterdrücken und euch vor die Gerichte schleppen? Lästern nicht sie den erhabenen Namen, der [in der Taufe] über euch angerufen wurde? Ja, wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, — dann tut ihr recht. 8: Der schöne Titel „königliches Gesetz“ hebt die Erhabenheit und allgemeine Verpflichtung des Gebotes der Nächstenliebe hervor. Wenn ihr aber Menschenrücksichten walten lasset, dann begehet ihr Sünde und werdet vom Gesetze als Übertreter überführt. 10 Denn wer das ganze Gesetz hält, aber in einem einzigen Stück fehlt, der verfehlt sich gegen das Ganze. 11 Der nämlich gesagt hat: Du sollst nicht ehebrechen, der hat auch gesagt: Du sollst nicht töten. Wenn du also zwar die Ehe nicht brichst, aber tötest, so bist du ein Übertreter des Gesetzes geworden. 12 So redet denn und handelt als solche, die durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. 13 Denn ein Gericht ohne Erbarmen wird über den ergehen, der kein Erbarmen geübt hat. Barmherzigkeit aber kann stolz auf das Gericht herabschauen.

 

Glaube ohne Werke tot. 14 Was hilft es, meine Brüder, wenn einer sagt, daß er Glauben habe, wenn er keine Werke hat? Kann etwa der Glaube ihn seligmachen? 15 Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleider sind und Mangel leiden am täglichen Unterhalte, 16 und einer von euch sagt zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch — ihr gebet ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen — was nützt das? 17 Also auch der Glaube, wenn er keine Werke hat; er ist tot für sich allein. 18 Ja, da könnte einer sagen: Du hast Glauben, ich habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne Werke, und ich will dir aus meinen Werken meinen Glauben zeigen. 19 Du glaubst, daß ein einziger Gott ist. Du tust wohl; auch die bösen Geister glauben und zittern. 19: Die bösen Geister müssen glauben und einsehen, daß es nur einen Gott gibt, aber dieser Glaube rechtfertigt und beseligt sie nicht, sondern erfüllt sie mit Furcht vor dem Gerichte und der Strafe. 20 Willst du wohl erkennen, du törichter Mensch, daß der Glaube ohne Werke wirkungslos ist? 21 Ist unser Vater Abraham nicht aus Werken gerechtfertigt worden, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altare opferte? 22 Du siehst, daß der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte und daß durch die Werke der Glaube erst vollendet wurde. 23 So erfüllte sich das Schriftwort: Abraham glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet, und er wurde Gottes Freund genannt (1 Mos 15,6). 24 Ihr seht also, daß der Mensch durch Werke gerechtfertigt wird und nicht durch den Glauben allein. 25 Wurde nicht ebenso Rahab, die Buhlerin, durch Werke gerechtfertigt, da sie die Kundschafter aufnahm und auf einem andern Weg fortschaffte? (Jos 2,4.) 26 Gleichwie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot. 14-26: Der Apostel denkt wohl an solche Leser seines Briefes, die der Ansicht sind, wenn sie mit innerer Überzeugung an der göttlichen Offenbarung festhalten, so sei dies genügend. Diesen sagt der Apostel, ein solcher Glaube ist wohl etwas Gutes, aber er kann nicht das ewige Heil verleihen. Der Glaube muß praktisch betätigt werden durch die Erfüllung der göttlichen Gebote, besonders der Nächstenliebe. — Ein Widerspruch mit der Lehre des heiligen Paulus, der sagt, daß der Mensch durch den Glauben und nicht durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt werde, liegt nicht vor. Der heilige Paulus verwirft nur die Werke des alttestamentlichen Gesetzes. Denn auch der heilige Paulus verlangt einen Glauben, der sich durch die Werke betätigt. — Zum rechten Glauben gehört die Liebe; denn der Glaube ist mehr als bloßes Fürwahrhalten; er ist eine übernatürliche Tugend, die das ganze Leben formt. Religion ohne Konfession ist ein Unding; denn die Form der Religion hat nicht der Mensch, sondern Gott zu bestimmen.

 

Warnung vor Zungensünden

3 Schwierigkeiten. Meine Brüder! Tretet nicht viel als Lehrer auf. Ihr wißt, daß wir damit nur ein um so strengeres Gericht auf uns laden. Wir fehlen alle ohnehin schon genug. Wer in Worten nicht fehlt, der ist ein vollkommener Mann, fähig, auch den ganzen Leib im Zaume zu halten. Wenn wir den Pferden die Zäume ins Maul legen, damit sie uns folgen, so lenken wir ihren ganzen Körper. Seht, auch die Schiffe, so groß sie sind und obgleich sie von starken Winden getrieben werden — sie werden von einem ganz kleinen Steuer gelenkt, wohin der Druck des Steuermannes will. So ist auch die Zunge ein kleines Glied, darf sich aber doch großer Dinge rühmen. Seht, ein kleiner Funke — wie groß der Wald, den er in Brand steckt! Auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt von Ungerechtigkeit. Die Zunge ist unter unsern Gliedern das Organ, das den ganzen Leib befleckt und das Lebensrad in Brand steckt, sie, die selbst von der Hölle ihr Feuer empfängt. 6: Durch das verheerende Feuer der Sünde bringt die Zunge Verderben in das Leben des Menschen hinein, ist so ein Werkzeug der Hölle. Jegliche Art der Landtiere und Vögel, der kriechenden Tiere und der Seetiere wird gebändigt und ist gebändigt worden durch die menschliche Natur. Die Zunge aber kann kein Mensch bändigen, das nimmermüde Übel todbringenden Giftes. Mit ihr preisen wir den Herrn und Vater, und mit ihr verfluchen wir die Menschen, die nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. 10 Aus demselben Munde geht Segen und Fluch hervor. Das, meine Brüder, sollte nicht so sein! 11 Läßt denn die Quelle aus derselben Öffnung süßes und bitteres Wasser hervorsprudeln? 12 Kann denn, meine Brüder, ein Feigenbaum Oliven oder ein Weinstock Feigen tragen? So kann auch keine Salzquelle süßes Wasser geben.

 

Von der wahren Weisheit. 13 Wer ist weise und verständig unter euch? Er zeige durch seinen guten Wandel seine Werke in weiser Sanftmut. 14 Wenn ihr aber bittere Eifersucht und Hader in eurem Herzen habet, dann rühmt euch nicht und lüget nicht wider die Wahrheit. 15 Das ist nicht die Weisheit, die von oben kommt, sondern die irdische, sinnliche, teuflische. 16 Denn wo falscher Eifer und Hader sind, da gibt es Unfrieden und allerlei böse Händel. 17 Die Weisheit, die von oben kommt, ist vor allem lauter, dann friedfertig, bescheiden, nachgiebig, [dem Guten hold,] voll Erbarmen und guter Früchte, frei von Parteilichkeit, ohne Heuchelei. 18 Frucht der Gerechtigkeit wird in Friede gesät für jene, die Frieden halten.

 

Ermahnungen

4 Warnung vor Neid und Streit. Woher kommen Streitigkeiten und Kämpfe unter euch? Woher anders als von euren Begierden, die da streiten in euren Gliedern? Ihr begehrt und kommt nicht zum Besitz; ihr mordet und neidet und könnet nicht erlangen; ihr streitet und kämpft und erhaltet nicht, weil ihr nicht betet. Ihr betet und erlanget nicht, weil ihr schlecht betet, um es in euren Lüsten zu verbrauchen. Ihr Ehebrecher! Wißt ihr nicht, daß die Freundschaft mit dieser Welt Feindschaft gegen Gott ist? Wer also Freund dieser Welt sein will, der wird ein Feind Gottes. 4: Ehebrecher im übertragenen, geistigen Sinne ist der Sünder, der Gott die Treue nicht hält und sich an die Welt hängt. Oder meint ihr, daß die Schrift umsonst sagt: Voll Eifersucht verlangt er nach dem Geiste, den er in uns Wohnung nehmen ließ. Um so größer ist auch die Gnade, die er schenkt. Deshalb spricht die Schrift: Gott widersteht den Hoffärtigen, den Demütigen aber gibt er Gnade (Spr 3,34). 5-6: Nicht im Wortlaut, aber dem Sinne nach ist dieser Gedanke im Alten Testament oft ausgesprochen; Gott verlangt Gegenliebe von dem Menschen, und zwar die ganze, ungeteilte Liebe. Wir gehören ihm zu eigen, nicht einem andern. Er kennt unsere Schwachheit und bemißt danach seine Gnade für die Demütigen. Unterwerfet euch also Gott! Widersteht dem Teufel, so wird er von euch fliehen. Nahet euch Gott, und er wird sich euch nahen, reinigt die Hände, ihr Sünder, läutert die Herzen, ihr Menschen mit geteilter Seele! Fühlet euer Elend, trauert und weinet; euer Lachen soll sich in Klagen und eure Freude in Trauer verwandeln. 10 Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen.

 

Warnung vor dem Richten über andere. 11 Redet einander nicht übel nach meine Brüder! Wer seinen Bruder lästert oder richtet, der lästert und richtet das Gesetz. Wenn du aber das Gesetz richtest, dann bist du nicht Vollbringer, sondern Richter des Gesetzes. 12 Nur einer ist Gesetzgeber und Richter, er, der Macht hat zu retten und zu verderben. Du aber, wer bist du, daß du den Nächsten richtest? Wohlan! 13 Ihr sagt: Heute oder morgen werden wir in die und die Stadt reisen und da ein Jahr zubringen, Handel treiben und Gewinn machen — 14 ihr wißt doch gar nicht, was der morgige Tag bringt. Was ist denn euer Leben? Ein Dunst seid ihr, der eine kleine Weile sichtbar ist und dann verschwindet. — 15 Ihr sollt lieber sagen: Wenn der Herr will und wir noch das Leben haben, dann werden wir dies oder jenes tun. 16 Nun aber prahlt ihr in eurem Übermut. Jedes Prahlen dieser Art ist böse. 17 Wer also versteht, Gutes zu tun und tut es nicht, dem ist´s Sünde.

 

5 Warnung an die Reichen. Wohlan, ihr Reichen! Weinet und klaget über das Elend, das über euch kommen wird. Euer Reichtum ist vermodert, eure Gewänder sind Mottenfraß geworden. Euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird ein Zeugnis wider euch sein und wie Feuer euer Fleisch verzehren. Noch in der Endzeit habt ihr Schätze aufgehäuft. Sehet, der Lohn, den ihr den Arbeitern, die eure Felder eingeerntet haben, vorenthalten habt, er schreit, und der Schrei der Schnitter ist zu den Ohren des Herrn der Heerscharen gedrungen.4: Die Habsucht wird zur „himmelschreienden Sünde“, wenn der Habsüchtige den Arbeitern den wohlverdienten Lohn vorenthält. Ihr habt auf Erden gepraßt und geschwelgt, ihr habt eure Herzen gemästet am Schlachttag. Ihr habt den Gerechten verurteilt und gemordet und er widersetzt sich euch nicht.

 

Ermahnung zum geduldigen Ausharren. So harret denn aus, meine Brüder, bis zur Ankunft des Herrn. Siehe, der Landmann wartet auf die köstliche Frucht der Erde, er harrt in Geduld, bis sie Früh- oder Spätregen bekommt. So seid auch ihr geduldig; stärket eure Herzen, denn die Ankunft des Herrn ist nahe. 8: Sowohl für den einzelnen Christen als für die ganze Christenheit ist die Zeit des Streitens und Leidens kurz im Vergleich zur Ewigkeit. Klaget nicht gegeneinander, meine Brüder, damit ihr nicht dem Gerichte verfallet. Siehe, der Richter steht vor der Türe. 10 Meine Brüder! Nehmet euch zum Vorbild im Leiden und Dulden [bei einem harten Tod] die Propheten, die im Namen des Herrn geredet haben. 11 Sehet, wir preisen die selig, die ausgehalten haben. Von der Geduld des Job habt ihr gehört, und den durch den Herrn herbeigeführten Ausgang kennt ihr; denn barmherzig ist der Herr und voll Mitleid.

 

Schlußermahnungen. 12 Meine Brüder! Vor allem schwöret nicht, weder beim Himmel noch bei der Erde, noch sonst einen Eid. Euer Ja sei ein Ja, und euer Nein sei ein Nein, damit ihr nicht dem Gerichte verfallet. 12: Leichtfertiges Schwören verrät Mangel an Wahrhaftigkeit. Auf das Ja oder Nein eines Christen muß sich jeder verlassen können. Vgl. Mt 5,34-37. 13 Ist jemand unter euch unglücklich? Er bete! Ist jemand guten Mutes? Er singe Loblieder!

 

Verhalten der Kranken. 14 Ist jemand unter euch krank? Er rufe die Priester der Kirche zu sich, die sollen über ihn beten und ihn mit Öl salben im Namen des Herrn. 15 Das glaubensvolle Gebet wird dem Kranken zum Heile sein, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er etwa Sünden begangen hat, so wird ihm verziehen werden. 14-15: Die Salbung mit Gebet, die der Priester der Kirche im Namen, d. i. im Auftrag, in der Vollmacht des Herrn an den Kranken vornehmen soll, ist das Sakrament der heiligen Ölung. — Aus Vers 16 ersehen wir, daß auch ein Bekenntnis der Sünden notwendig ist. 16 Bekennet also einander eure Sünden und betet füreinander, auf daß ihr geheilt werdet. Viel vermag beharrliches Gebet des Gerechten. 17 Elias war ein Mensch wie wir [den Leiden unterworfen]. Er betete inständig, daß es nicht regnen solle, und es regnete nicht auf der Erde drei Jahre und sechs Monate. 18 Dann betete er abermals, und der Himmel gab Regen, und die Erde brachte ihre Frucht (3 Kg 17,1; 18,45). 19 Meine Brüder! Wenn einer unter euch von der Wahrheit abgeirrt ist und es bringt ihn jemand zur Umkehr, 20 der wisse: Wer einen Sünder von seinem Irrwege zurückführt, der wird seine Seele vom Tode retten und eine Menge von Sünden bedecken.

 

 

Der Brief des Judas

Einleitung

Der heilige Judas ist ein Bruder Jakobus des Jüngeren, er ist also Verwandter des Heilandes und hat den Beinamen Thaddäus (= der Beherzte). Nach der Zerstreuung der Apostel soll er in Syrien gepredigt und den Martertod erlitten haben. — In seinem Briefe wendet er sich gegen Irrlehrer, welche die Freiheit vom Gesetz als Zügellosigkeit und Ungebundenheit auffaßten und die Gottheit Jesu leugneten. Verfaßt ist der Brief sicher vor der Zerstörung Jerusalems, wohl zwischen 62 und 67. Der heilige Petrus hat ihn bereits in seinem zweiten Schreiben benutzt. Die Vertrautheit mit den Schriften des Alten Testamentes und der Überlieferung Israels setzt als Empfänger judenchristliche Gemeinden voraus.

 

1 Veranlassung. Judas, Knecht Jesu Christi und Bruder des Jakobus, an die in Gott, dem Vater, geliebten und für Jesus Christus aufbewahrten Berufenen. 1: Aus Liebe hat Gottvater die Christen wie ein Kleinod aus der verdorbenen Welt abgesondert und bewahrt sie in innigster Lebensgemeinschaft auf für seinen Sohn. Barmherzigkeit werde euch zuteil und Friede und Liebe in Fülle! Geliebte! Da mir sehr am Herzen liegt, euch über unser gemeinsames Heil zu schreiben, so hielt ich es für nötig, euch schriftlich zu ermahnen, daß ihr kämpft für den Glauben, der den Heiligen ein für allemal überliefert ist. Denn es haben sich gewisse Leute eingeschlichen, für welche längst dieses Strafurteil geschrieben wurde; es sind Gottlose, welche die Gnade unseres Gottes zur Befriedigung der Lüste mißbrauchen und unsern alleinigen Gebieter und Herrn Jesus Christus verleugnen. 4: Die Christliche Lehre von der Erlösung und Freiheit vom mosaischen Gesetz verkehren und verdrehen sie, um ein zügelloses Leben damit zu rechtfertigen. In den göttlichen Strafurteilen des Alten Bundes, wie sie die folgenden Verse aufzählen, ist das kommende Geschick der Irrlehrer vorgebildet.

 

Belehrungen

Beispiele der Strafgerechtigkeit. Ich möchte euch aber daran erinnern — obwohl ihr schon alles ein für allemal wisset —, daß der Herr zwar sein Volk aus dem Lande Ägypten errettet, das zweite Mal aber die Ungläubigen vernichtet hat. Auch die Engel, die ihre Würde nicht bewahrten, sondern ihre Wohnstätte verließen, hat er aufbewahrt zum großen Gerichtstage mit ewigen Fesseln in der Finsternis. Auch Sodoma und Gomorrha und die umliegenden Städte, die auf ähnliche Weise wie diese Unzucht trieben und unnatürlicher Wollust nachgingen, stehen als warnendes Beispiel da: Sie leiden die Strafe ewigen Feuers! Trotzdem beflecken auch diese Träumer in ähnlicher Weise das Fleisch, verachten die Herrschaft und lästern die Majestäten. 8: Dreifach ist die Sünde der Irrlehrer: Unzucht, Verachtung der Oberhoheit Christi und Lästerung der Engel.

 

Anmaßung der Irrlehrer. Als dagegen der Erzengel Michael wegen des Leichnams des Moses mit dem Satan in Streit und Wortwechsel geriet, wagte er es doch nicht, ein lästerndes Urteil zu fällen, sondern sprach: Der Herr strafe dich! 9: Im Anschluß an 5 Mos 34,5 ff. hatte die jüdische Überlieferung die Geschichte von der Beisetzung des Moses weiter ausgeschmückt. Ein ähnliches Wort Michaels gegen Satan findet sich in Zach 3,1 ff. 10 Diese aber lästern alles, was sie nicht verstehen. Das aber, was sie von Natur, wie die unvernünftigen Tiere, kennen, wird zu ihrem Verderben. 11 Wehe ihnen! Denn sie gehen den Weg des Kain, sind dem Irrtum des Balaam aus Gewinnsucht ganz hingegeben und gehen zugrunde durch die Empörung des Kore. 12 Sie sind Schandflecken, die bei euren Liebesmahlen schamlos mitschmausen und sich selbst weiden, Wolken ohne Wasser, die von Winden umhergetrieben werden, Bäume im Spätherbst, unfruchtbar, zweimal abgestorben und entwurzelt. 13 Sie sind wilde Meereswogen, die ihre eigene Schande ausschäumen, irrende Sterne; ihnen ist die dunkelste Finsternis auf ewig aufbewahrt.

 

Prophetenworte Henochs und der Apostel. 14 Von diesen hat auch Henoch, der siebente Nachkomme von Adam her, prophezeit mit den Worten: Siehe, es kommt der Herr mit seinen Zehntausenden von Heiligen, 15 um Gericht zu halten über alle und um alle Gottlosen zu bestrafen wegen all ihrer gottlosen Werke, die sie verübt, und wegen aller Lästerungen, die gottlose Sünder gegen ihn ausgestoßen haben. 14: Das Buch Henoch gehört nicht zur Heiligen Schrift. Es entstand im 2. vorchristlichen Jahrhundert. Ein Beweis gegen die Inspiration des Briefes liegt nicht in der Verwendung dieser Prophezeiung zur Abwehr der Irrlehrer. 16 Das sind die Leute, die da murren, unzufrieden sind mit ihrem Geschick und doch nach ihren Lüsten wandeln. Ihr Mund führt hochtrabende Reden, während sie den Menschen um des Gewinnes willen schmeicheln. 17 Ihr aber, Geliebte, erinnert euch der Worte, welche die Apostel unseres Herrn Jesus Christus früher ausgesprochen haben. 18 Sie sagten euch: In der letzten Zeit werden Spötter kommen, die nach ihren gottlosen Lüsten wandeln. 19 Sie sind es, die Parteien bilden, Sinnenmenschen, denen der Geist fehlt.

 

Ermahnungen

20 Ihr aber, Geliebte, bauet euch fest auf eurem heiligsten Glauben auf; betet im Heiligen Geiste. 21 Bewahret euch in der Liebe Gottes und harret auf das Erbarmen unseres Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben! 22 Der einen erbarmt euch, weil sie noch schwanken; 23 andere rettet und entreißt sie dem Feuer; wieder anderer erbarmt euch in Furcht, bewahret Abscheu sogar vor dem Kleide, das vom Fleische befleckt ist. 22-23: Bei allem apostolischem Eifer zur Belehrung der Zweifelnden, zur Rettung der Gefährdeten und zur Wiedergewinnung der Abgefallenen ist Wachsamkeit über sich selbst nötig, damit der Abscheu vor dem Bösen nicht verlorengeht.

 

Schluß. 24 Ihm aber, der die Macht hat, euch vor jedem Fehltritt zu bewahren und euch zu befähigen, unbefleckt und voll Frohlocken vor seiner Herrlichkeit zu erscheinen [bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus], 25 ihm, dem alleinigen Gott, der uns zum Heiland geworden ist durch Jesus Christus, unsern Herrn, ihm gebührt Herrlichkeit, Majestät, Kraft und Herrschaft vor aller Zeit und jetzt und in alle Ewigkeit! Amen.

 

 

Die Offenbarung des Johannes

Einleitung

Die Apokalypse oder Geheime Offenbarung ist das einzige prophetische Buch des Neuen Testamentes. Wie die altbundlichen Propheten nicht nur Zukünftiges voraussagten, sondern auch das Gottesvolk belehren, mahnen und trösten wollten, so auch der Seher des Neuen Bundes. Er nennt sich selbst Johannes, einen Knecht Jesu Christi, und ist kein anderer als der Apostel Johannes, dem wir das letzte Evangelium und die drei Johannesbriefe verdanken. Während seiner Verbannung auf der Insel Patmos unter Kaiser Domitian (81-96) enthüllte ihm der Herr „das, was jetzt ist und was später kommen soll“ (1,19), und forderte ihn auf, es „in ein Buch zu schreiben und dieses an die sieben Gemeinden zu senden“ (1,11). So entstand um das Jahr 95 das geheimnisvollste Buch der Heiligen Schrift. In feierlich ernsten Briefen wendet sich der Verfasser nach einer Eingangsvision (1,9-20) in göttlichem Auftrag zunächst an die „Engel“ der sieben kleinasiatischen Christengemeinden (2,1-3,22). Es ist die Schilderung dessen, was jetzt ist. Daran schließt sich in einer Reihe von Visionen die Offenbarung dessen an, „was später kommen soll“ (4,1-22,5). In farbenglühenden, erschütternden Szenen spielt sich das gewaltige Ringen zwischen Gut und Böse, dem Gottesreich und der Satansmacht ab, bis der Teufel mit seinen Helfershelfern für immer überwunden ist und die Seligen mit Christus im himmlischen Jerusalem ein ewiges Siegesfest feiern.

 

Die Apokalypse sollte zunächst den damals lebenden Christen ein Trostbuch sein. In den schweren Leiden und Verfolgungen um des Glaubens willen sollten sie die Überzeugung bewahren, daß trotz allem die Sache Christi triumphieren werde. Zugleich ist das Buch aber nicht nur eine zeitgeschichtliche Trostquelle, sondern eine übergeschichtliche Darstellung der Schicksale des Gottesreiches, die große Liturgie der Weltgeschichte. Wer die Geheime Offenbarung liest, muß sich davor hüten, die Einzelbilder auf bestimmte Ereignisse zu beziehen, soll nicht die Deutung zum Tummelplatz einer ungezügelten Phantasie werden. Vieles dient nur zur Ausschmückung der Bilder, manches ist nur Symbol. In der prophetischen Schau fließen fernste Zukunft und lebendige Gegenwart oft ineinander. Einzelne Wahrheiten werden unter wechselnden Bildern mehrmals dargestellt. Wer am bloßen Buchstaben haftet, dem kann die Apokalypse „ein gefährliches Buch“ werden. Der Geist aber, der darin weht, formt auch heute noch tapfere Zeugen für die Wahrheit: Christus ist König der Könige und Herr der Herrscher (19,16)!

 

Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gab, um seinen Dienern kundzutun, was bald geschehen muß. Durch seinen Engel ließ sie dieser seinen Diener Johannes schauen, der Zeugnis gab vom Worte Gottes und vom Zeugnis Jesu Christi, von allem, was er sah. 1: Eigentlich sollte also das Buch „Geheime Offenbarung Jesu Christi“ heißen. Johannes ist der Vermittler dieser von Gott über Christus und seinen Engel ergehenden Offenbarung an die Menschen. Selig, wer die prophetischen Worte liest und hört und wer sich daran hält, was darin geschrieben steht. Denn die Zeit ist nahe. 4: Die ersten Empfänger sind sieben, nachher mit Namen genannte Christengemeinden der römischen Provinz Asien. Sie waren Mittelpunkt von Post- und Gerichtsbezirken und lagen alle an der Straße, die von Ephesus ausging und im Kreise dorthin zurückführte. In ihrer heiligen Siebenzahl sind sie Symbol der Gesamtkirche. Die Siebenzahl spielt eine große Rolle in der Apokalypse.

 

Eingangsoffenbarung. Johannes an die sieben Gemeinden von Asien. Gnade sei mit euch und Friede von dem, der ist und der war und der kommen wird, und von den sieben Geistern vor seinem Throne und von Jesus Christus, dem getreuen Zeugen, dem Erstgeborenen der Toten, dem Beherrscher der Könige der Erde. Ihm, der uns lieb hat und uns in seinem Blute von unsern Sünden erlöst und uns zu einem Königtum gemacht hat und zu Priestern für Gott, seinen Vater, — ihm gebührt die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit! Amen. 5: Die sieben Geister sind entweder eine Bezeichnung des Heiligen Geistes mit seinen sieben Gaben oder aber sieben Engel als Thronassistenten Gottes. Siehe, er kommt auf den Wolken. Schauen wird ihn jedes Auge, auch die, die ihn durchbohrten. Wehklagen werden über ihn alle Stämme der Erde. Wahrlich. Amen. Ich bin das Alpha und das Omega [der Anfang und das Ende], spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige.

 

Berufung des Johannes. Ich, Johannes, euer Bruder und Genosse in der Drangsal und Herrschaft und Geduld in [Christus] Jesus, war auf der Insel Patmos wegen des Wortes Gottes und des Zeugnisses für Jesus. 10 Da wurde ich am Tage des Herrn vom Geiste erfüllt und hörte hinter mir eine laute Stimme wie Posaunenschall. 11 Sie sprach: Was du siehst, schreib in ein Buch. Das sende an die sieben Gemeinden [in Asien] nach Ephesus, Smyrna, Pergamum, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodicea. 12 Ich schaute mich um nach der Stimme, die zu mir sprach, und beim Umschauen sah ich sieben goldene Leuchter 13 und inmitten der [sieben goldenen] Leuchter einen wie einen Menschensohn. Angetan war er mit langem Gewande und mit goldenem Gürtel um die Brust gegürtet. 14 Sein Haupt und Haar waren weiß wie schneeweiße Wolle, seine Augen wie Feuerflamme. 15 Seine Füße glichen dem Glanzerz, das im Schmelzofen glüht, seine Stimme dem Rauschen gewaltiger Wasser. 16 Sieben Sterne hielt er in der rechten Hand. Aus seinem Munde fuhr ein zweischneidiges scharfes Schwert, und sein Antlitz war, wie wenn die Sonne mächtig strahlt. 17 Da ich ihn sah, stürzte ich zu seinen Füßen hin wie tot. Er legte seine Rechte auf mich und sprach: Sei ohne Furcht. Ich bin der Erste und der Letzte 18 und der Lebendige. Ein Toter bin ich geworden, doch siehe, lebendig bin ich in alle Ewigkeit und halte die Schlüssel des Todes und des Totenreichs. 13-18: Der Gottesmensch erscheint mit den Gewändern und Zeichen des Königs, Priesters und Richters. 19 Schreibe nun, was du sahest, was ist und was später kommen soll. 20 Das Geheimnis der sieben Sterne, die du sahst in meiner Rechten, und die sieben goldenen Leuchter: Die sieben Sterne sind die Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden. 20: Die Sternenengel werden von den Gemeinden selbst unterschieden. Da ihnen im folgenden Fehler vorgehalten werden, können es nicht die Schutzgeister der Gemeinden sein. Es sind die Bischöfe. Sie sollen wie Engel den Willen Gottes verkünden und die Menschen zu Gott führen.

 

Die sieben Sendschreiben

2 An die Gemeinde von Ephesus. Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe: Also spricht, der die sieben Sterne in seiner Rechten hält, der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt: Ich kenne deine Werke, deine Mühe und deine Geduld. Ich weiß, daß du Böse nicht leiden kannst, und daß du die, welche sich Apostel nennen und es doch nicht sind, geprüft und als Lügner erfunden hast. Auch hast du Geduld und hast um meines Namens willen gelitten und bist nicht lässig geworden. Aber ich habe gegen dich, daß du deine erste Liebe verlassen hast. Gedenke also, von welcher Höhe du gefallen bist. Bekehre dich und vollbringe die Werke, die du früher tatest. Tust du dies nicht, so komme ich über dich und werde deinen Leuchter von seiner Stelle rücken, wenn du dich nicht bekehrst. 4-5: Der Eifer der ersten, begeisterten Liebe muß wieder entfacht werden, sonst scheidet die Gemeinde aus der heiligen Siebenzahl aus. Lauheit führt ins Verderben. Doch das hast du, daß du die Werke der Nikolaiten hassest, die auch ich hasse. 6: Die Sekte der Nikolaiten suchte das Christentum den Heiden annehmbarer zu machen, indem Unzucht und Genuß von Götzenopferfleisch als erlaubt hingestellt wurden. Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Dem Sieger werde ich zu essen geben vom Lebensbaume im Paradiese [meines] Gottes.

 

An die Gemeinde von Smyrna. Dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Also spricht der Erste und der Letzte, der tot war und lebt: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut — doch du bist ja reich. Und es lästern dich Leute, die sich Juden nennen, sind es aber nicht, sondern eine Synagoge Satans. 10 Fürchte dich nicht vor all den Leiden, die dir drohen. Siehe, es droht der Teufel, etliche aus euch ins Gefängnis zu werfen zu eurer Prüfung. Ihr werdet Trübsal haben zehn Tage lang. Sei getreu bis in den Tod, und ich werde dir das Leben als Siegeskrone geben. 11 Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Der Sieger soll kein Leid erfahren vom zweiten Tode. 8-11: An der zwar armen, aber trotz aller Drangsal treuen Gemeinde Smyrnas braucht nichts gerügt zu werden. Heute noch sammelt sich dort eine eifrige katholische Gemeinde in der Kirche des Johannesschülers, des hl. Märtyrers Polykarp.

 

An die Gemeinde von Pergamum. 12 Dem Engel der Gemeinde von Pergamum schreibe: Also spricht der Träger des zweischneidigen, scharfen Schwertes: 13 Ich weiß, wo du wohnest, da, wo Satans Thron steht. Doch du hältst meinen Namen fest und hast den Glauben an mich nicht verleugnet, auch nicht in den Tagen, da Antipas, mein getreuer Blutzeuge, getötet ward bei euch am Wohnsitz Satans. 14 Doch ein Weniges habe ich wider dich: Du hast Leute dort, die zu Balaams Lehre halten. Der lehrte den Balak, einen Fallstrick vor den Söhnen Israels zu legen, Götzenopferfleisch zu essen und Unzucht zu treiben. 15 So hast auch du Leute, die zur Lehre der Nikolaiten halten in gleicher Weise. 16 Bekehre dich also. Wenn nicht, so werde ich bald über dich kommen und werde sie bekämpfen mit dem Schwert aus meinem Munde. 17 Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Dem Sieger will ich geben von dem verborgenen Manna, und ich will ihm geben einen weißen Stein und auf dem Stein geschrieben einen neuen Namen, den niemand weiß als der Empfänger. 12-17: Pergamum war die Hauptstadt der römischen Provinz Asien, berühmt durch ihre Tempel. Das Heiligtum des Asklepios zog jährlich große Scharen aus ganz Asien an. Als Thron Satans wird vielleicht der gewaltige, 300 Meter über der Stadt gelegene Altar des Zeus Soter bezeichnet. Der ausgegrabene und im Berliner Museum aufgebaute „Pergamonaltar“ gibt uns eine Vorstellung seiner Pracht.

 

An die Gemeinde von Thyatira. 18 Dem Engel der Gemeinde von Thyatira schreibe: Also spricht der Sohn Gottes, der Augen hat wie eine Feuerflamme und dessen Füße Gluterz gleich sind. 19 Ich kenne deine Werke, deine Liebe und deinen Glauben, deine Dienstbereitschaft und deine Geduld, und daß deine letzten Werke zahlreicher sind als die ersten. 20 Doch etwas habe ich wider dich: Du siehst zu, wie das Weib Jezabel, das sich als Prophetin ausgibt, lehrt und meine Diener verführt, Unzucht zu treiben und Götzenopferfleisch zu essen. 21 Ich habe ihr Zeit gelassen, sich zu bekehren. Sie aber will sich nicht bekehren von ihrer Unzucht. 22 Siehe, darum werfe ich sie aufs Krankenlager, und die Genossen ihrer Unzucht lasse ich in große Trübsal kommen, wenn sie sich nicht abkehren vom Treiben des Weibes. 23 Ihre Kinder schlage ich mit dem Tode, und alle Gemeinden werden erkennen, daß ich es bin, der Nieren und Herzen erforscht. Jedem von euch werde ich vergelten nach seinen Werken. 24 Euch anderen aber in Thyatira, die einer solchen Lehre nicht huldigen und nichts von dem wissen, was jene die Tiefen Satans nennen, sage ich: Ich lege euch keine andere Last auf. 25 Nur haltet fest, was ihr habt, bis ich komme. 26 Wer siegt und bei meinen Werken verharrt bis ans Ende, dem will ich Gewalt über die Heidenvölker geben (Ps 2, 9). 27 Er wird sie weiden mit eisernem Stab, wie man das Töpfergeschirr zerschlägt, 28 so wie ich selbst von meinem Vater Macht empfangen habe. Den Morgenstern werde ich ihm geben. 29 Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt. 18-29: Thyatira in Lydien, die Heimat Lydias von Philippi, war berühmt durch seine Purpurfärbereien. Ob Jezabel der Name einer geschichtlichen Person ist oder symbolisch von Achabs schlechtem Weib auf die Anführerin einer zuchtlosen Sekte angewendet wird, ist unsicher. Den Treugebliebenen wird ewige Herrschaft mit Christus verheißen. Auch der Morgenstern (V. 28) ist Sinnbild der Herrschergewalt.

 

3 An die Gemeinde von Sardes. Dem Engel der Gemeinde von Sardes schreibe: Also spricht der Herr der sieben Geister Gottes und der sieben Sterne: Ich kenne deine Werke. Dem Namen nach lebst du, doch du bist tot. Wach auf! Stärke den Rest, der am Absterben ist. Ich finde deine Werke nicht vollgültig vor meinem Gott. Also gedenke, wie du belehrt wurdest und es annahmst. Bewahre es und bekehre dich. Wachst du aber nicht, so komme ich wie ein Dieb [über dich], ohne daß du die Stunde meiner Ankunft kennst. Aber einige Namen hast du in Sardes, die ihre Kleider nicht befleckt haben. Die sollen mit mir wandeln in weißen Gewändern, denn sie sind es würdig. Der Sieger wird also bekleidet werden mit weißen Gewändern, und ich werde seinen Namen gewiß nicht tilgen aus dem Buche des Lebens, und ich werde seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt. 1-6: In Sardes blühte die Wollindustrie. Die Bilder des Briefes knüpfen daran an. Dort hatte einst Krösus seine Schätze aufgehäuft. Das Wohlleben hat auch den Bischof und seine Gemeinde bereits eingeschläfert und veräußerlicht.

 

An die Gemeinde von Philadelphia. Dem Engel der Gemeinde von Philadelphia schreibe: Also spricht der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids trägt, der öffnet, so daß niemand zu schließen, der schließt, so daß niemand zu öffnen vermag. Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Türe offengestellt, die niemand schließen kann. Zwar hast du eine geringe Kraft, hast aber mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, Leute aus der Synagoge Satans führe ich zu dir, Leute, die sich Juden nennen — doch sie sind es nicht, sondern lügen. Siehe, diese will ich dazu bringen, daß sie kommen, dir zu Füßen fallen und einsehen, daß ich dich liebgewann. 10 Weil du bewahrt hast, was von meiner Geduld gesagt ist, so werde ich auch dich bewahren vor der Prüfungsstunde, die über den ganzen Erdkreis kommen soll zur Prüfung für die Bewohner der Erde. 11 [Siehe,] ich komme rasch. Halte, was du hast, damit niemand deine Krone nehme. 12 Den Sieger will ich zur Säule im Tempel meines Gottes machen. Er soll nicht mehr dort herauskommen, und ich will darauf schreiben den Namen meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das vom Himmel herabsteigt von meinem Gott, und meinen neuen Namen. 13 Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt. 7-13: Philadelphia, südöstlich von Sardes, empfängt auch 10-15 Jahre später hohes Lob von Ignatius dem Märtyrer. Die übermütigen Juden werden bald gedemütigt werden. Die Verheißung (Vers 12) knüpft an die Sitte an, daß dem Oberpriester des Kaiserkultes nach Ablauf seiner Amtszeit eine Statue im Tempelbezirk errichtet wurde.

 

An die Gemeinde von Laodicea. 14 Dem Engel der Gemeinde von Laodicea schreibe: Also spricht, der Amen heißt, das ist der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes. 14: Der Christusname „Amen“ erinnert an 2 Kor 1,19-20 und bezeichnet die absolute Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit des Gottessohnes und aller göttlichen Offenbarungen. 15 Ich kenne deine Werke: Weder kalt bis du noch warm. 16 O wärest du doch kalt oder warm! Da du aber lau bist und nicht warm noch kalt, so bin ich daran, dich aus meinem Munde auszuspeien. 17 Du sprichst: Wohlhabend bin ich und reich, ich brauche nichts. Und du weißt nicht, daß gerade du elend bist und erbärmlich, arm, blind und nackt. 18 Ich rate dir, bei mir im Feuer bewährtes Gold zu kaufen, damit du reich werdest, und weiße Kleider zum Anziehen, damit deine schändliche Blöße nicht offenbar werde, eine Salbe, deine Augen zu salben, damit du sehest. 19 Alle, die ich liebe, tadle und züchtige ich. Also sei eifrig und bekehre dich! 20 Siehe, ich stehe vor der Türe und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und [mir] die Türe öffnet, so werde ich zu ihm hineinkommen und Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. 21 Den Sieger werde ich mit mir auf meinem Throne sitzen lassen, wie auch ich als Sieger mit meinem Vater auf seinem Throne sitze. 22 Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt. 14-22: Laodicea war eine blühende Handels- und Industriestadt, berühmt durch ihre Banken und die medizinische Hochschule. Die heißen Quellen vom benachbarten Hierapolis fließen widerlich lau über die Felsen bei Laodicea. Die bilderreiche Sprache des Briefes verrät also genaueste Ortskunde. Das Christentum ist in kurzer Zeit bereits „kulturfreundlich“, weltlich geworden. Erneuerung tut not.

 

Die sieben Siegel

4 Der Thron Gottes. Darauf schaute ich: Siehe, eine offene Türe sah ich im Himmel, und die erste Stimme, die ich mit Posaunenschall hatte zu mir reden hören, sprach: Komm hier herauf. Ich will dir zeigen, was hernach geschehen soll. 1: Die hier beginnenden Visionen der zukünftigen Dinge werden durch eine prachtvolle Schilderung des Gottesthrones eingeleitet. Vgl. Is 6,1ff; Ez 1-2. Von diesem Throne aus wird alles Weltgeschehen gelenkt. Sofort geriet ich in Verzückung, und siehe: Ein Thron stand im Himmel und auf dem Throne saß jemand. Der sah aus wie ein Jaspis- und ein Sardisstein. Rings um den Thron war ein Regenbogen, der aussah wie Smaragd. Rings um den Thron waren noch vierundzwanzig Throne, darauf sah ich vierundzwanzig Älteste sitzen, die hatten weiße Kleider an und goldene Kronen auf ihren Häuptern. Vom Throne fuhren Blitze und Stimmen und Donner. Vor dem Throne brannten sieben Fackeln; das sind die sieben Geister Gottes. Vor dem Throne lag es wie ein gläsernes Meer, kristallgleich. Inmitten des Thrones und rings um den Thron standen vier Wesen, ganz voll Augen vorne und hinten. Das erste Wesen glich einem Löwen. Das zweite Wesen glich einem Stier. Das dritte Wesen hatte ein Gesicht wie ein Menschengesicht, und das vierte Wesen glich einem fliegenden Adler. Ein jedes der vier Wesen hatte sechs Flügel, ringsum und inwendig voll Augen. Ruhelos sprachen sie Tag und Nacht: Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der allmächtige Gott, der war und der ist und der kommen wird. 8: Diese Wesen sind voller Augen, d. h. sie spiegeln Gottes Herrlichkeit und Weisheit wider. Die Flügel bedeuten stete Bereitschaft, Gottes Willen rasch zu erfüllen. Und so oft die Wesen dem, der auf dem Throne sitzt, dem, der von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt, Ruhm und Ehre und Dank darbringen, 10 werfen (jedesmal) sich die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem, der auf dem Throne sitzt, beten den an, der von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt, legen ihre Kronen vor dem Throne nieder und sprechen: 11 Würdig bist du, o Herr, unser Gott, Ruhm und Ehre und Macht zu empfangen, denn du hast das All geschaffen, durch deinen Willen war es da und wurde es geschaffen.

 

5 Das Buch mit den sieben Siegeln. Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Throne saß, ein Buch, das war innen und außen beschrieben und mit sieben Siegeln versiegelt. 1: Das Buch ist siebenfach versiegelt, um anzudeuten, daß die darin enthaltenen Geheimnisse über die Schicksale des Reiches Gottes den Menschen vollständig verborgen sind. Es handelt sich um eine Buchrolle. An der darum gewickelten Schnur wurden die Siegel angebracht. Auch sah ich einen mächtigen Engel, der mit lauter Stimme ausrief: Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und seine Siegel zu lösen? Doch keiner im Himmel oder auf Erden oder unter der Erde vermochte das Buch zu öffnen und hineinzusehen. Da weinte ich sehr, daß niemand für würdig befunden wurde, das Buch zu öffnen und hineinzusehen. Einer der Ältesten aber spricht zu mir: Weine nicht. Siehe, gesiegt hat der Löwe aus Judas Stamm, der Sprosse Davids. Der kann das Buch öffnen und seine sieben Siegel lösen. Und ich sah inmitten des Thrones und der vier Wesen und inmitten der Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet. Es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben in die ganze Welt ausgesandten Geister Gottes. Es kam und nahm das Buch aus der Rechten dessen, der auf dem Throne saß. 5-7: Christus ist einziger Erlöser und Offenbarungskünder.

 

Verehrung des Lammes. Als es das Buch nahm, fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten vor dem Lamme nieder. Jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Weihrauch, das sind die Gebete der Heiligen. Sie singen ein neues Lied: Würdig bist du, [o Herr,] das Buch zu nehmen und seine Siegel zu erschließen. Denn du bist getötet worden und hast uns in deinem Blute erkauft für Gott aus allen Stämmen und Sprachen, Völkern und Nationen. 10 Du hast sie zu einem Königtum und zu Priestern gemacht für unsern Gott, und sie werden herrschen über die Erde. 11 Und ich schaute und hörte einen Chor vieler Engel rings um den Thron und die Wesen und die Ältesten. Es waren an Zahl zehntausendmal zehntausend und tausendmal tausend. 12 Sie riefen laut: Würdig ist das Lamm, das geschlachtet wurde, zu empfangen Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Ruhm und Preis. 13 Und jedes Geschöpf im Himmel, auf Erden, unter der Erde und im Meere, alles, was darin sich befindet hörte ich sagen: Dem, der auf dem Throne sitzt, und dem Lamme sei Preis und Ehre und Ruhm und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. 14 Die vier Wesen sprachen: Amen. Und die Ältesten warfen sich nieder und beteten [den] an, [der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit].

 

6 Die Öffnung der Siegel und die vier Reiter. Und ich sah, wie das Lamm das erste der sieben Siegel öffnete. Und ich hörte das erste der vier Wesen reden wie Donnerschall: Komm [und sieh]! Und ich sah, und siehe da, ein weißes Roß. Der darauf ritt, trug einen Bogen. Ein Kranz ward im gereicht, und als Sieger zog er aus und um zu siegen. Und beim Öffnen des zweiten Siegels hörte ich das zweite Wesen sagen: Komm [und sieh]! Und es kam ein zweites Roß zum Vorschein. Es war feuerrot. Seinem Reiter ward die Gewalt verliehen, den Frieden von der Erde zu nehmen und ein allgemeines Hinmorden zu veranlassen. Ihm ward ein großes Schwert gegeben. Beim Öffnen des dritten Siegels hörte ich das dritte Wesen sagen: Komm [und sieh]! Und ich sah, und siehe da, ein schwarzes Roß. Sein Reiter hielt in seiner Hand eine Waage. Da hörte ich wie eine Stimme inmitten der vier Wesen rufen: Ein Maß Weizen um einen Denar und drei Maß Gerste um einen Denar. Den Wein und das Öl aber schädige nicht! Beim Öffnen des vierten Siegels hörte ich die Stimme des vierten Wesens sagen: Komm [und sieh]! Da sah ich; und siehe da, ein graues Roß. Sein Reiter heißt der Tod, und das Totenreich zog mit ihm. Ihnen ward Gewalt gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten durch Schwert, Hunger, Pest und die Tiere der Erde. 2-8: Die Farbe der Rosse entspricht der Aufgabe der Reiter: Triumph, Krieg, Hunger, Tod. Die siegreichen Feldherren ritten auf einem Schimmel. Die Hungersnot treibt die Preise der Lebensmittel auf das Zwölffache (Weizen) und Achtfache (Gerste), während an Genußmitteln (Wein und Öl) kein Mangel ist.

 

Die Märtyrer. Und da das Lamm das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altare die Seelen derer, die hingeschlachtet waren um des Wortes Gottes und des Zeugnisses willen, das sie festhielten. 10 Sie riefen mit lauter Stimme: Wie lange noch, o heiliger und wahrhaftiger Herr, willst du nicht richten und unser Blut nicht rächen an den Bewohnern der Erde? 11 Und jedem von ihnen wurde ein weißes Kleid gegeben, und es wurde ihnen gesagt, sie sollten noch kurze Zeit sich gedulden, bis die Zahl ihrer Mitknechte und ihrer Brüder vollendet sei, die noch getötet werden sollten gleich wie sie. 9-11: Die Märtyrer empfangen sofort ihr Ehrenkleid im Himmel. Mit der Bestrafung ihrer Verfolger und der öffentlichen Sühne müssen sie sich gedulden, bis der letzte Blutzeuge gestorben ist.

 

Schreckliche Naturereignisse. 12 Und ich sah, als das Lamm das sechste Siegel öffnete, da entstand ein gewaltiges Erdbeben, und die Sonne wurde schwarz wie ein härenes Trauerkleid, und der ganze Mond wurde wie Blut. 13 Und die Sterne fielen vom Himmel auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine Frühfrüchte fallen läßt, wenn ein starker Sturm ihn schüttelt. 14 Der Himmel verschwand wie ein Buch, das man zusammenrollt. Jeder Berg und jede Insel wichen von ihrem Orte. 15 Und die Könige der Erde, die Fürsten und Befehlshaber, die Reichen und die Mächtigen, alle Sklaven und Freien versteckten sich in den Höhlen und Felsklüften der Berge. 16 Und sie sagen zu den Bergen und den Felsen: Fallet über uns und verberget uns vor dem Angesichte dessen, der auf dem Throne sitzt, und vor dem Zorne des Lammes. 17 Denn gekommen ist der große Tag ihres Zornes, und wer kann bestehen? 14-17: Den einst so übermütigen Machthabern wäre der schreckliche Tod durch Verschüttetwerden erträglicher als die Angst vor dem ewigen Richter. Das Bild vom zornigen Lamm steigert den Kontrast zwischen einst und jetzt.

 

7 Zwischengesicht: Versiegelung der Auserwählten. Danach sah ich vier Engel an den vier Enden der Erde stehen. Die hielten die vier Winde der Erde fest, daß kein Wind blasen sollte über die Erde noch über das Meer noch über irgendeinen Baum. Und ich sah einen andern Engel vom Aufgange der Sonne heraufkommen. Der trug ein Siegel des lebendigen Gottes und rief mit lauter Stimme den vier Engeln zu, denen die Macht gegeben war, zu schädigen das Land und das Meer: Schädigt nicht das Land noch das Meer noch die Bäume, bis wir den Dienern unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben.Und ich hörte die Zahl der also Bezeichneten: hundertvierundvierzigtausend Bezeichnete aus allen Stämmen der Söhne Israels. Aus dem Stamme Juda zwölftausend, aus dem Stamme Ruben zwölftausend, aus dem Stamme Gad zwölftausend, aus dem Stamme Aser zwölftausend, aus dem Stamme Nephtali zwölftausend, aus dem Stamme Manasse zwölftausend, aus dem Stamme Simeon zwölftausend, aus dem Stamme Levi zwölftausend, aus dem Stamme Issachar zwölftausend, aus dem Stamme Zabulon zwölftausend, aus dem Stamme Joseph zwölftausend und aus dem Stamme Benjamin zwölftausend mit dem Siegel Bezeichnete. 2-8: Die mit dem Siegel Gottes Bezeichneten werden nicht in den großen Abfall hineingezogen werden. Der untreu gewordene Stamm Dan ist durch Manasse ersetzt. Danach sah ich, und siehe da, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Völkern und Stämmen, Ländern und Sprachen. Sie standen vor dem Throne und vor dem Lamme, bekleidet mit weißen Gewändern und trugen Palmen in ihren Händen. 10 Sie riefen mit lauter Stimme: Heil unserm Gott, der auf seinem Throne sitzt, und dem Lamme! 11 Alle Engel standen rings um den Thron und die Ältesten und die vier Wesen, und sie warfen sich auf ihr Angesicht nieder vor dem Thron, beteten Gott an 12 und sprachen: Amen, Lob und Preis, Weisheit und Dank, Ehre, Macht und Kraft sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. 13 Da fragte mich einer von den Ältesten: Wer sind diese da in den weißen Kleidern, und wo kommen sie her? 14 Ich sagte zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Die sind es, die aus der großen Trübsal kommen. Sie haben ihre Kleider weiß gewaschen im Blute des Lammes. 15 Darum sind sie vor dem Throne Gottes und dienen ihm in seinem Tempel Tag und Nacht, und der, der auf dem Throne sitzt, wird bei ihnen wohnen. 16 Sie werden nicht mehr Hunger und Durst haben, weder die Sonne noch irgendeine Hitze wird sie drücken. 17 Denn das Lamm mitten vor dem Throne wird sie weiden und an die Quellen lebendigen Wassers führen; und Gott wird abwischen jede Träne von ihren Augen. 9-17: War die Zahl der Auserwählten aus Israel schon groß, so reicht zur Abschätzung der Geretteten aus der Heidenwelt gar kein Zahlensystem mehr aus. Ewig ungetrübtes Glück wartet ihrer als Hausgenossen Gottes.

 

8 Das siebente Siegel. Als das Lamm das siebente Siegel öffnete, entstand im Himmel Stille etwa eine halbe Stunde lang. Ich sah die sieben Engel, die vor Gott stehen, und es wurden ihnen sieben Posaunen gegeben. Ein anderer Engel kam und stellte sich an den Altar mit einem goldenen Rauchfaß. Es wurde ihm viel Rauchwerk gegeben, damit er es samt den Gebeten aller Heiligen darbringe auf dem goldenen Altar, der vor dem Throne [Gottes] steht. Und es stieg empor vor Gott der Weihrauch mit den Gebeten der Heiligen aus der Hand des Engels. Und der Engel nahm das Rauchfaß, füllte es mit Feuer vom Altare und warf es zur Erde hinab. Da entstanden Donner und Getöse und Blitze und ein gewaltiges Erdbeben. Und die sieben Engel mit den Posaunen schickten sich an zu blasen. 3-6: Das vereinigte Gebetsopfer der streitenden und der triumphierenden Kirche bringt als Erhörung nun die Vollendung der göttlichen Strafgerichte über die Welt.

 

Die sieben Posaunen

Die vier ersten Posaunen. Und der erste blies die Posaune. Da entstand Hagel und Feuer, mit Blut gemischt. Es fiel zur Erde, und der dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil der Bäume wurde versengt, und alles grüne Gras verbrannte. Und der zweite Engel blies. Da fiel es wie ein großer brennender Feuerberg in das Meer, und der dritte Teil des Meeres ward zu Blut, und der dritte Teil der lebenden Geschöpfe im Meere starb, und der dritte Teil der Schiffe ging zugrunde. 10 Und der dritte Engel blies. Da fiel vom Himmel ein großer Stern, gleich einer Fackel brennend. Er fiel in den dritten Teil der Flüsse und in die Wasserquellen. 11 Der Stern heißt Absinthium. Der dritte Teil der Wasser wurde zu Wermut, und viele Menschen starben an dem Wasser, weil es bitter geworden war. 12 Und der vierte Engel blies. Da wurde der dritte Teil der Sonne und der dritte Teil des Mondes und der dritte Teil der Sterne geschlagen, so daß ihr dritter Teil dunkler wurde und der Tag den dritten Teil seines Lichtes verlor und die Nacht desgleichen. 13 Und ich schaute, und ich hörte einen Adler, der hoch oben am Himmel dahinflog, mit lauter Stimme rufen: Wehe, wehe, wehe den Bewohnern der Erde wegen der übrigen Posaunenstöße der drei Engel, die noch die Posaune blasen sollen. 7-13: Die vier ersten Plagen wirken sich in der Natur aus. Es sind himmlische Warnungssignale an die Sünder auf Erden.

 

9 Die fünfte Posaune. Und der fünfte Engel blies. Da sah ich einen Stern; der war vom Himmel auf die Erde gefallen, ihm wurde der Schlüssel zum Brunnen des Abgrundes gegeben. Er schloß den Brunnen des Abgrundes auf, und Rauch stieg auf aus dem Brunnen wie der Rauch eines großen Ofens, und die Sonne und die Luft wurden verfinstert durch den Rauch aus dem Brunnen. 1-2: Der gefallene Stern bedeutet Satan, der Abgrund die Hölle, deren Mächte zu entfesseln ihm erlaubt wird. Und aus dem Rauche [des Brunnens] gingen Heuschrecken aus über die Erde. Denen ward eine Kraft gegeben wie die Kraft der Skorpione der Erde. Es wurde ihnen geboten, nicht das Gras des Landes, nichts Grünes und keinen Baum zu schädigen, sondern nur die Menschen, die das Siegel Gottes nicht auf ihrer Stirne tragen. Und es wurde ihnen aufgegeben, sie nicht zu töten, sondern fünf Monate lang zu quälen. Und ihr Biß schmerzt wie der Stich eines Skorpions, wenn er einen Menschen sticht. In jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen, aber ihn nicht finden. Sie werden sich sehnen zu sterben, doch der Tod flieht vor ihnen. Die Heuschrecken glichen gerüsteten Schlachtrossen. Auf dem Kopfe trugen sie Kronen wie von Gold, ihr Gesicht war wie das Gesicht eines Menschen. Sie hatten Haare wie Frauenhaare, Zähne wie Löwen und Panzer wie von Eisen. Ihr Flügelschlag klirrte wie das Gerassel vieler in den Krieg eilender Rosse und Wagen. 10 Sie haben Schwänze wie Skorpione und Stacheln, und in ihren Schwänzen ist ihre Kraft, die Menschen zu schädigen fünf Monate lang. 11 Über sich haben sie als König den Engel des Abgrunds, der auf hebräisch Abaddon und auf griechisch Apollyon, das ist der Verderber heißt. 12 Das erste Wehe ist vorüber, siehe, danach kommt ein zweifaches Wehe. 3-12: Auch der Prophet Joel schildert die furchtbare Heuschreckenplage als Gottes Strafgericht: Joel 1-2.

 

Die sechste Posaune. 13 Und der sechste Engel blies. Da hörte ich eine Stimme von den vier Ecken des goldenen Altars her, der vor Gottes Angesicht steht. 14 Diese sprach zu dem sechsten Engel mit der Posaune: Mache los die vier Engel, die an dem großen Flusse Euphrat gebunden sind. 15 Da wurden die vier Engel losgemacht, die bereit waren, auf Stunde und Tag und Monat und Jahr den dritten Teil der Menschen zu töten. 16 Und die Zahl des Reiterheeres war zweihundert Millionen. Ich hörte ihre Zahl. 17 Ich schaute aber im Gesichte die Rosse und die Reiter also: Sie trugen feuerrote, tiefblaue und schwefelgelbe Panzer. Die Pferdeköpfe waren wie Löwenköpfe. Aus ihrem Rachen kam Feuer, Rauch und Schwefel. 18 Von diesen drei Plagen, Feuer, Rauch und Schwefel, die aus ihrem Rachen kamen, wurde der dritte Teil der Menschen getötet. 19 Die Kraft der Rosse liegt in ihrem Rachen und in ihren Schwänzen. Denn ihre Schwänze gleichen Schlangen mit Köpfen. Damit richten sie Schaden an. 20 Die übrigen Menschen, die nicht umkamen in diesen Plagen, bekehrten sich doch nicht von den Werken ihrer Hände und ließen nicht ab, die Teufel und Götzenbilder aus Gold und Silber, Erz, Stein und Holz anzubeten, die weder sehen können, noch hören, noch gehen. 21 Und sie bekehrten sich nicht von ihren Mordtaten, ihren Zaubereien, ihrer Unzucht und Dieberei. 14-21: Von Babylonien am Euphrat her waren schon oft gewaltige Heere nach Westen gerückt. Die Reiterei der Parther machte sogar dem mächtigen Römerreich viel zu schaffen.

 

10 Erstes Zwischengesicht: Das Prophetenbuch. Nun sah ich einen andern starken Engel vom Himmel herniederkommen. Er war in eine Wolke gehüllt, über seinem Haupte stand der Regenbogen, sein Angesicht war wie die Sonne, und seine Füße glichen Feuersäulen. In der Hand hielt er ein offenes Büchlein. Seinen rechten Fuß stellte er auf das Meer, seinen linken auf das Land. Er rief mit lauter Stimme, wie wenn ein Löwe brüllt. Als er gerufen hatte, erhoben sieben Donner ihre Stimmen. Und als die sieben Donner verklungen waren, wollte ich schreiben. Ich hörte aber eine Stimme vom Himmel sagen: Versiegle, was die sieben Donner sprachen und schreibe es nicht auf. Und der Engel, den ich auf dem Meere und auf dem Lande stehen sah, erhob seine rechte Hand zum Himmel und schwur bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel schuf und was in ihm ist, und die Erde und was darauf ist, und das Meer und was darin sich befindet: Es wird keine Zeit mehr sein, sondern in den Tagen der Stimme des siebten Engels, wenn er zu posaunen anhebt, ist auch das Geheimnis Gottes vollendet, wie er es seinen Knechten, den Propheten, als Frohbotschaft verkündet hat. Da hörte ich die Stimme vom Himmel wieder mit mir reden. Sie sprach: Geh und nimm das offene Büchlein aus der Hand des Engels, der auf dem Meere und dem Lande steht. Ich ging zu dem Engel hin und sagte, er solle mir das Büchlein geben. Und er spricht zu mir: Nimm das Büchlein und verzehre es. Deinen Magen wird es bitter machen, in deinem Munde aber süß sein wie Honig. 9 Das Essen des Buches erinnert an Ezechiel (3,1). Es versinnbildet die vollkommene Aneignung des prophetischen Inhaltes. Es ist süß, Gottes Offenbarung zu empfangen, bitter aber, ein Bote seiner Strafgerichte zu sein. 10 Da nahm ich das Büchlein aus der Hand des Engels und verzehrte es. Es war in meinem Munde süß wie Honig, und da ich es verzehrt hatte, wurde es mir im Magen bitter. 11 Man spricht zu mir: Du mußt wieder prophezeien über viele Völker und Stämme und Sprachen und Könige.

 

11 Die zwei Zeugen. Nun gab man mir ein Rohr gleich einem Maßstab und sprach: Stehe auf und miß den Tempel Gottes und den Altar und die darin anbeten. Den Vorhof aber außerhalb des Tempels laß aus und miß ihn nicht, denn er ist den Heiden überlassen. Sie werden die heilige Stadt zertreten zweiundvierzig Monate lang. Und ich werde meinen zwei Zeugen geben, in Bußgewändern zu prophezeien tausendzweihundertsechzig Tage lang. 3: Unter den zwei Zeugen versteht die kirchliche Überlieferung den Henoch und Elias. Ein halbes Sabbatjahr wirken sie. Diese sind zwei Ölbäume und die zwei Leuchter, die vor dem Herrn der Erde stehen. Wenn ihnen jemand schaden will, so wird Feuer aus ihrem Munde gehen und ihre Feinde verzehren. Also muß jeder umkommen, der sie verletzen will. Diese haben die Macht, den Himmel zu verschließen, daß es nicht regne zur Zeit ihrer Weissagung, und sie haben Macht über die Wasser, sie in Blut zu verwandeln und die Erde zu schlagen mit jeglicher Plage, sooft sie wollen. Wenn sie aber ihr Zeugnis beendet haben, wird das Tier, das aus dem Abgrunde steigt, sie bekriegen, besiegen und töten. Und ihre Leiber werden liegen auf den Straßen der großen Stadt, die bildlich Sodoma und Ägypten heißt, wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde. 8: Jerusalem verdient seinen Namen nicht mehr, da sein Geist dem von Sodoma und Ägypten ähnlich geworden ist. Drei und einen halben Tag lang werden die Leute aus den verschiedenen Stämmen, Ländern, Sprachen und Völkern ihre Leichname anschauen und nicht zugeben, daß sie in Gräbern beigesetzt werden. 10 Und die Bewohner der Erde werden sich über sie freuen und frohlocken und einander beschenken, weil diese zwei Propheten die Bewohner der Erde belästigt haben. 11 Allein nach drei und einem halben Tage kam Lebensgeist von Gott über sie. Sie stellten sich auf ihre Füße und große Furcht befiel alle, die sie sahen. 12 Und man hörte eine laute Stimme vom Himmel: Kommet hier herauf. Und sie fuhren in der Wolke gen Himmel vor den Augen ihrer Feinde. 13 In derselben Stunde entstand ein großes Erdbeben. Der zehnte Teil der Stadt stürzte zusammen, und bei dem Erdbeben kamen siebentausend Personen ums Leben. Die Überlebenden gerieten in Schrecken und gaben dem Gott des Himmels die Ehre. 9-13: Die Welt jubelt, weil sie glaubt, endlich die strengen Bußprediger losgeworden zu sein, aber ihr Jubel ist verfrüht. 14 Das zweite Wehe ist vorbei: siehe, das dritte Wehe kommt rasch.

 

Die siebente Posaune. 15 Und der siebente Engel blies. Da hörte man vom Himmel laute Stimmen also rufen: Die Herrschaft über die Welt ist unserm Herrn und seinem Gesalbten zuteil geworden. Er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit. [Amen.] 16 Und die vierundzwanzig Ältesten, die vor Gott auf ihren Thronen sitzen, fielen auf ihr Angesicht, beteten Gott an 17 und sprachen: Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott, der du bist und warst [und kommen wirst], daß du deine große Gewalt und die Herrschaft übernommen hast. 18 Die Heiden ergrimmten. Da kam dein Zorn und die Zeit zum Gerichte für die Toten, zum Lohne für deine Diener, die Propheten und Heiligen und die, die deinen Namen fürchten, die Kleinen und die Großen, und zum Verderben für die, welche die Erde verdarben. 19 Da öffnete sich der Tempel Gottes im Himmel, und man sah seine Bundeslade in seinem Tempel, und es kamen Blitze und Stimmen, Donner und Erdbeben und ein gewaltiger Hagel. 15-19: Die Sicherheit des Endsieges Christi ist so groß, daß der Himmel schon im voraus das Triumphlied anstimmt.

 

Die Mächte der antichristlichen Zeit

12 Die Kirche des Erlösers und der Drache. Am Himmel erschien ein großes Zeichen: Ein Weib, bekleidet mit der Sonne, der Mond zu seinen Füßen und eine Krone von zwölf Sternen auf seinem Haupte. Es ist gesegneten Leibes und schreit in seinen Wehen und Geburtsnöten. Und ein anderes Zeichen erschien am Himmel: Siehe, ein großer, roter Drache mit sieben Häuptern, zehn Hörnern und sieben Kronen auf seinen Häuptern. Sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels weg und warf sie zur Erde. Der Drache stellte sich hin vor das Weib, dessen Stunde bevorstand, um nach der Geburt ihr Kind zu verschlingen. Es gebar einen Sohn, der alle Völker mit eisernem Zepter regieren sollte, und sein Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Throne. Das Weib aber floh in die Wüste, wo von Gott ein Ort für es bereitet war, um dort zwölfhundertsechzig Tage lang gepflegt zu werden.

 

Und im Himmel gab es eine [große] Schlacht. Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Auch der Drache mit seinen Engeln kämpfte. Sie richteten aber nichts aus, und ihr Platz im Himmel ging verloren. Und geworfen wurde der große Drache, die alte Schlange, die Teufel heißt und Satan, der alle Welt verführt; geworfen wurde er herab zur Erde, und mit ihm gestürzt wurden seine Engel. 10 Ich hörte eine laute Stimme im Himmel rufen: Nun ist das Heil erschienen und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Gewalt seines Gesalbten. Denn niedergeworfen ist der Ankläger unserer Brüder, der sie verklagt vor unserm Gott bei Tag und Nacht. 11 Sie aber haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes und das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht liebgehabt bis zum Tode. 12 Darum freuet euch, ihr Himmel und ihr Himmelsbürger alle. Wehe aber der Erde und dem Meere, denn zu euch ist der Teufel herabgefahren in großem Zorne. Er weiß, daß er nur wenig Zeit hat. 13 Als der Drache sah, daß er zur Erde herabgestürzt sei, verfolgte er das Weib, das den Knaben geboren hatte. 14 Dem Weibe aber wurden beide Flügel des großen Adlers gegeben, damit es an seine Stätte in der Wüste fliege, wo es eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit ernährt wird, fern von der Schlange. 15 Die Schlange spie aus ihrem Rachen Wasser dem Weibe nach gleich einem Strome, damit es von dem Strome fortgerissen werde. 16 Aber die Erde half dem Weibe. Sie öffnete sich und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Rachen gespien hatte. 17 Da ergrimmte der Drache gegen das Weib und begann Krieg zu führen mit seinen übrigen Kindern, die Gottes Gebote halten und das Zeugnis Jesu [Christi] bewahren. 1-17: Das Weib versinnbildet zunächst das Gottesvolk des Alten Bundes, aus dem der Messias hervorging; weiter ist es Symbol des „neuen Israel“, der Kirche, die als Mutter erscheint. Weil Maria die Mutter des Erlösers und der Erlösten ist, werden viele Einzelzüge der Vision auf sie angewendet. Der Drache ist Luzifer. Vom Führer der treuen Engel, Michael, besiegt, wendet er seine ganze Satanswut gegen die Kirche, kann sie aber nicht zerstören. 18 Und er stellte sich hin am Strande des Meeres. 18: Der Vers kann auch zum folgenden Abschnitt gezogen und übersetzt werden: „Ich trat nun an den Strand des Meeres.“

 

13 Die beiden Tiere. Ich sah aus dem Meere ein Tier auftauchen mit zehn Hörnern und sieben Häuptern und zehn Kronen auf den Hörnern. Auf den Häuptern standen gotteslästerliche Namen. Das Tier, das ich sah, glich einem Panther. Seine Füße waren wie Bärenfüße und der Rachen wie ein Löwenmaul. Diesem verlieh der Drache seine Kraft, seinen Thron und gewaltige Macht. Ich sah eines von seinen Häuptern wie zum Tode verwundet. Aber seine Todeswunde wurde geheilt. Die ganze Welt staunte über das Tier. Und man betete den Drachen an, der dem Tiere die Macht gegeben, und man betete auch das Tier an mit den Worten: Wer ist dem Tiere gleich? Wer kann mit ihm kämpfen? Es wurde ihm ein großsprecherisches Lästermaul gegeben und die Macht verliehen, es zweiundvierzig Monate so zu treiben. Und es tat sein Maul auf zu Lästerungen wider Gott und lästerte seinen Namen und seine Wohnung und die Himmelsbürger. Es wurde ihm gestattet, die Heiligen zu bekriegen und zu besiegen. Auch bekam es Macht über alle Stämme und Völker, Sprachen und Länder. So werden es denn anbeten alle Weltbewohner, deren Name nicht seit Grundlegung der Welt im Lebensbuch des geschlachteten Lammes geschrieben steht. Wer Ohren hat, der höre. 1-9: Das erste Tier versteht man wohl am besten als Sinnbild gottfeindlicher Weltmächte, die greuliche Mischung verschiedenartiger Bestandteile deutet auf die widernatürliche Vereinigung unter sich widerstreitender Bestrebungen, die sich nur zum Kampf gegen die göttliche Offenbarung verbinden. 10 Wer in Gefangenschaft führte, wird selbst in Gefangenschaft gehen. Wer mit dem Schwerte getötet, muß durchs Schwert fallen. Hier gilt es für die Heiligen, Geduld und Glauben zu bewahren. 10: Die Losung des Christen im Kampfe ist nicht: Gewalt mit Gewalt abwehren, sondern Geduld und Ausharren im Glauben. Vgl. Lk 21,19; Tit 2,2; Hebr 6,12; 10, 36. 11 Ich sah auch ein anderes Tier sich erheben von der Erde. Das hatte zwei Hörner wie ein Lamm und redete wie ein Drache. 12 Die ganze Gewalt des ersten Tieres übt es unter dessen Augen aus und bewirkt, daß die Erde und ihre Bewohner das erste Tier anbeten, dessen Todeswunde geheilt war. 13 Es wirkt große Zeichen, und sogar Feuer läßt es vom Himmel fallen vor den Menschen. 14 Und durch die Zeichen, die es vor dem Tiere zu wirken Macht hatte, verführte es die Bewohner der Erde, ein Bild des Tieres zu machen, das lebte trotz der Schwertwunde, die es hatte. 15 Es empfing die Macht, dem Bilde des Tieres Leben zu geben, so daß es redete und den Tod all derer bewirkte, die das Bild des Tieres nicht anbeteten. 16 Es bringt es fertig, daß alle, Kleine und Große, Reiche und Arme, Freie und Sklaven ein Zeichen an ihrer rechten Hand oder auf der Stirne anbringen, 17 und daß niemand kaufen oder verkaufen kann, der nicht das Zeichen oder den Namen des Tieres trägt oder die Zahl seines Namens. 18 Dazu gehört Weisheit. Wer Einsicht hat, berechne die Zahl des Tieres, es ist die Zahl für einen Menschen, und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig. 18: Im Griechischen und Hebräischen haben die Buchstaben Zahlenwert. Auch lateinische Buchstaben dienen heute noch als Zahlen. Es ist uns nicht möglich, den Zahlenwert des hier angedeuteten Symbols aus einem bestimmten Namen abzuleiten. Daß dieses Zeichen auf der Tiara des Papstes stehe, ist Fabel. 11-18: Das zweite Tier steht im Dienst des ersten; beide sind Helfershelfer des Drachen. Es versinnbildet die gottfeindlichen geistigen Mächte: falsches Prophetentum, glaubensfeindliche Wissenschaft, unchristliche Staatsreligionen. Vgl. Mt 7, 15; 24,11. 24.

 

14 Das Reich des Lammes. Und ich schaute, und siehe, das Lamm stand auf dem Berge Sion. Bei ihm waren Hundertvierundvierzigtausend, die seinen Namen und den Namen seines Vaters auf der Stirne geschrieben trugen. Ich hörte eine Stimme vom Himmel wie die Stimme vieler Wasser und wie die Stimme gewaltigen Donners, und wie von Harfenspielern, die ihre Harfen schlagen, klang die Stimme, die ich hörte. Sie singen gleichsam eine neues Lied vor dem Throne und vor den vier Wesen und den Ältesten. Niemand konnte das Lied lernen als die Hundertvierundvierzigtausend, die erkauft sind von der Erde. Das sind die, die sich mit Weibern nicht befleckten, denn sie sind jungfräulich. Sie folgen dem Lamme, wohin es geht. Als Erstlinge sind sie aus den Menschen erkauft für Gott und das Lamm. In ihrem Munde ward keine Lüge gefunden. Makellos sind sie [vor Gottes Thron]. 1-5: Diese 144000 (Symbol einer gewaltigen und doch bestimmten Menge) sind nicht die gleichen wie 7,4. Ihr Lied ist wuchtig und doch lieblich. Es zu singen und ständig das Ehrengeleite des Gotteslammes zu bilden, ist das Privileg der jungfräulichen Seelen beiderlei Geschlechts, die hienieden schon in ungeteilter Hingabe sich Christus weihten.

 

Ich sah einen andern Engel hoch oben am Himmel fliegen. Der hatte eine ewige Heilsbotschaft zu verkünden allen, die auf Erden wohnten, allen Völkern und Stämmen, Sprachen und Ländern. Er rief mit lauter Stimme: Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre. Denn gekommen ist die Stunde seines Gerichtes. Betet ihn an, der Himmel und Erde, Meer und Wasserquellen erschaffen hat. Ein zweiter Engel folgte ihm und rief: Gefallen, gefallen ist das große Babylon, das von dem Glutwein seiner Unzucht alle Welt hat trinken lassen (Jer 50,7). Nach ihnen folgte ein dritter Engel, der mit lauter Stimme rief: Wenn jemand das Tier und sein Bild anbetet und sein Zeichen empfängt auf Stirn oder Hand, 10 so soll er auch trinken vom Zornwein Gottes, der unvermischt eingeschenkt ist im Becher seines Zornes. Er wird gequält werden mit Feuer und Schwefel vor den heiligen Engeln und vor dem Lamme. 11 Und der Rauch ihrer Qual steigt auf von Ewigkeit zu Ewigkeit; sie haben keine Ruhe Tag und Nacht, die das Tier und sein Bild anbeten und das Zeichen seines Namens an sich tragen. 12 Hier gilt es auszuharren für die Heiligen, die Gottes Gebote und den Glauben an Jesus bewahren.

 

13 Darauf hörte ich eine Stimme vom Himmel [zu mir] sagen: Schreibe: Selig sind von nun an die Toten, die im Herrn sterben. Wahrlich, spricht der Geist, sie sollen ausruhen von ihren Mühen; denn ihre Werke folgen ihnen nach. 13: „Im Herrn sterben“ heißt, in der Lebensgemeinschaft mit Christus sterben, im Besitz seiner Gnade, treu seiner Nachfolge.

 

Beginn des Gerichts. 14 Und ich schaute, und siehe da, eine weiße Wolke, und auf der Wolke saß einer, einem Menschensohne ähnlich. Der trug auf seinem Haupte eine goldene Krone und in der Hand eine scharfe Sichel. 15 Und ein anderer Engel trat aus dem Tempel und rief mit lauter Stimme dem, der auf der Wolke saß, zu: Lege deine Sichel an und schneide, gekommen ist die Stunde zum Ernten, denn die Ernte der Welt ist reif geworden. 16 Und der auf der Wolke saß, legte seine Sichel an die Erde, und die Erde wurde abgeerntet. 17 Da kam wieder ein Engel aus dem Tempel im Himmel, der trug gleichfalls eine scharfe Sichel. 18 Und vom Altar her kam ein weiterer Engel, der Gewalt hatte über das Feuer. Der rief mit lauter Stimme dem zu, der die scharfe Sichel trug: Lege deine scharfe Sichel an und schneide die Trauben vom Weinstock der Erde, denn seine Beeren sind reif. 19 Da legte der Engel seine scharfe Sichel an die Erde und erntete den Weinstock der Erde ab und warf den Ertrag in die große Zornkelter Gottes. 20 Und die Kelter wurde außerhalb der Stadt getreten, und Blut floß aus der Kelter, das reichte den Pferden bis an die Zügel, tausendsechshundert Stadien weit. 20: 1600 Stadien sind 296 Kilometer. Der gewaltige Strom soll den Schrecken des Gottesgerichtes andeuten. 14-20: Das Endgericht ist auch von Christus unter dem Bild der Ernte dargestellt worden. Vgl. Mt 13,30. 36 ff.

 

Die sieben Plagen und Zornschalen

15 Die Plagen vor dem Gericht. Nun sah ich ein anderes großes und wunderbares Zeichen am Himmel, sieben Engel mit den sieben letzten Plagen. In diesen erfüllt sich Gottes Zorn. Ich sah etwas wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermischt. Und die, welche das Tier und sein Bild und die Zahl seines Namens überwunden hatten, standen mit Harfen Gottes an dem gläsernen Meere. Sie sangen das Lied des Moses, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott. Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer soll dich nicht fürchten, o Herr, und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig. Alle Völker werden kommen und dich anbeten, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden. 3-4: Wie Moses nach der wunderbaren Befreiung Israels ein Loblied anstimmte, so preisen die Seligen ihren Erlöser. Darauf hatte ich ein Gesicht, und es öffnete sich der Tempel, die himmlische Stiftshütte. Und aus dem Tempel traten die sieben Engel mit den sieben Plagen. Sie trugen Gewänder aus reiner glänzend weißer Leinwand und um die Brust goldene Gürtel. Eines von den vier Wesen reichte den sieben Engeln sieben goldene Schalen, gefüllt mit dem Zorne Gottes, der lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da wurde der Tempel erfüllt mit Rauch von der Herrlichkeit Gottes und seiner Kraft. Und niemand konnte den Tempel betreten, bis die sieben Plagen der sieben Engel ihr Ende erreicht hatten.

 

16 Die Ausgießung der Schalen. Ich hörte vom Tempel her eine laute Stimme zu den sieben Engeln sagen: Gehet, gießet aus die sieben Schalen des göttlichen Zornes über die Erde. Da ging der erste hin und goß seine Schale auf die Erde. Und es entstanden bösartige Geschwüre an den Menschen, die das Zeichen des Tieres trugen, und an denen, die sein Bild angebetet hatten. Und der zweite goß seine Schale in das Meer, und es wurde zu Blut wie von einem Toten, und alles, was im Meere lebte, mußte sterben. Und der dritte goß seine Schale aus über die Flüsse und die Wasserquellen, und es entstand Blut. Und ich hörte den Engel der Wasser sagen: Du bist gerecht, [o Herr,] der du bist und warst, du Heiliger, weil du also gerichtet hast. Denn Blut von Heiligen und Propheten haben sie vergossen. Dafür gabst du ihnen Blut zu trinken. So haben sie es verdient. Und ich hörte den Altar sprechen: Ja, Herr, allmächtiger Gott, wahrhaftig und gerecht sind deine Gerichte. 7: Es ist, als spräche der Altar selbst, indem die Märtyrerseelen unter dem Altare reden. Vgl. oben 6,9-11. Und der vierte goß seine Schale aus auf die Sonne, und es ward ihr Gewalt gegeben, die Menschen mit feuriger Glut zu versengen. Die Menschen litten sehr unter der schrecklichen Gluthitze und lästerten den Namen Gottes, der über diese Plagen gebietet, aber sie bekehrten sich nicht und gaben ihm nicht die Ehre. 10 Und der fünfte goß seine Schale aus auf den Thron des Tieres. Da ward dessen Reich voll Finsternis, und sie zerbissen ihre Zungen vor Schmerz 11 und lästerten den Gott des Himmels in ihren Schmerzen und Geschwüren, bekehrten sich aber nicht von ihren Werken. 12 Und der sechste goß seine Schale in den großen Fluß Euphrat. Dessen Wasser vertrocknete. So sollte der Weg bereitet werden für die Könige vom Osten. 13 Nun sah ich aus dem Maul des Drachen, dem Maul des Tieres und dem Maul des falschen Propheten drei unreine Geister in Gestalt von Fröschen ausfahren. 14 Es sind nämlich teuflische Geister, die Zeichen wirken und zu den Königen der ganzen Welt ziehen, sie zum Kriege zu versammeln auf den großen Tag des allmächtigen Gottes. — 13-14: Sumpfbewohner, aufgeblasen, großmäulig und doch ohnmächtig wie Frösche sind diese Gottesfeinde. 15 Siehe, ich komme wie ein Dieb (Mt 24,43). Selig, wer wacht und seine Kleider hütet, damit er nicht nackt herumgehen muß und seine Schande sichtbar wird. 15: Johannes unterbricht nach seiner Gewohnheit die Schilderung der furchtbaren Weltwehen durch eine eindringliche Mahnung an die Gläubigen. 16 Und er läßt sie zusammenkommen an dem Orte, der hebräisch Harmagedon heißt. 16: Der Name Harmagedon soll wohl an eine Schlacht bei Megiddo erinnern, wo das Heer der Feinde Israels völlig vernichtet wurde. Vgl. Ri 4-5; 4 Kg 9,27; 23,29-30.

 

17 Und der siebente goß seine Schale aus in die Luft. Da erscholl aus dem Tempel vom Throne her eine laute Stimme: Es ist geschehen! 18 Es kamen nun Blitze und Getöse und Donnerschläge. Ein Erdbeben entstand, so gewaltig, wie noch keines gewesen war, seitdem es Menschen auf Erden gibt. So furchtbar war dies große Erdbeben. 19 Die große Stadt wurde in drei Teile gespalten. Die Städte der Heiden stürzten zusammen. Des großen Babylon wurde vor Gott gedacht, damit er ihm den Becher seines glühenden Zornweins reiche. 20 Jede Insel wich zurück, und die Berge waren verschwunden. 21 Großer Hagel, wie Zentnersteine, fiel vom Himmel über die Menschen. Diese aber lästerten Gott wegen der Plage des Hagels, denn sie war überaus heftig.

 

17 Das Gericht über Babylon. Nun kam einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen hatten, und sagte zu mir: Komm, ich will dir die Verdammung der großen Buhlerin zeigen, die über vielen Wassern thront. Die Könige der Erde haben mit ihr Unzucht getrieben, und am Weine ihrer Buhlerei haben die Bewohner der Erde sich berauscht. Nun führte er mich im Geiste in die Wüste. Da sah ich ein Weib auf einem scharlachroten Tier sitzen, das bedeckt war mit Lästerworten, sieben Häupter und zehn Hörner hatte. Das Weib war in Purpur und Scharlach gekleidet, überladen mit Gold, Edelsteinen und Perlen. In der Hand hielt es einen goldenen Becher, gefüllt mit Greuel und dem Unrat seiner Unzucht. Auf seiner Stirne stand ein Name geschrieben, ein Geheimnis: Das große Babylon, die Mutter der Dirnen und der Greuel der Welt. Ich sah das Weib trunken vom Blute der Heiligen und vom Blute der Zeugen Jesu. Als ich es sah, staunte ich gar sehr. 1-6: Diese Buhlerin ist das Symbol der verkommenen Hauptstadt des christusfeindlichen Weltreiches, das schauerliche Gegenstück zu dem Sonnenweib (12,1 ff) und zur keuschen Braut des Lammes (19,7-9; 21,2. 9 ff, 22,17).

 

Deutung des Gesichts. Und der Engel sprach zu mir: Was staunst du? Ich will dir Aufschluß geben über das Geheimnis des Weibes und des Tieres mit den sieben Häuptern und den zehn Hörnern, das es trägt. Das Tier, das du sahst, war und ist nicht, und es wird aufsteigen aus dem Abgrund und ins Verderben gehen, und beim Anblick des Tieres, das war und nicht ist und dasein wird, werden sich wundern die Bewohner der Erde, deren Namen nicht seit Grundlegung der Welt im Buche des Lebens stehen. Hier heißt es, den Verstand gebrauchen und weise sein! Die sieben Häupter sind die sieben Berge, darauf das Weib ruht, und sind sieben Könige. 10 Fünf davon sind gefallen, einer ist da, der letzte ist noch nicht da, und wenn er gekommen ist, soll er nur kurze Zeit dableiben. 11 Das Tier, das war und nicht ist, ist selbst der achte und ist einer von den sieben und geht ins Verderben. 12 Die zehn Hörner, die du sahst, sind zehn Könige, die noch nicht zur Regierung gekommen sind. Sie sollen aber Herrschaft empfangen wie Könige unter dem Tiere eine Stunde lang. 13 Sie haben die gleiche Gesinnung und werden ihre Macht und Gewalt dem Tiere übergeben. 14 Sie werden mit dem Lamme kämpfen, aber das Lamm wird sie besiegen, denn es ist der Herr der Herren und der König der Könige, und die bei ihm sind, sind Berufene, Auserwählte und Getreue.

 

15 Weiter sprach er zu mir: Die Wasser, die du sahst, an denen die Buhlerin sitzt, sind Völker und Menschenmassen, Länder und Sprachen. 16 Die zehn Hörner, die du sahst, und das Tier, die werden die Buhlerin hassen, werden sie einsam und nackt hinstellen, ihr Fleisch verzehren und sie selbst im Feuer verbrennen. 17 Denn Gott gab es ihnen ins Herz, zu tun, was ihm gefällt, daß sie im gleichen Sinne handeln und ihre Herrschaft dem Tiere geben, bis die Worte Gottes vollführt sind. 18 Und das Weib, das du gesehen hast, das ist die große Stadt, welche die Herrschaft hat über die Könige der Erde. 7-18: Die Deutung ist wohl nicht zeitgeschichtlich auf Rom und römische Kaiser zu beziehen, sondern auf die endzeitliche Residenz des Antichristen und seiner sieben Vorgänger. Einzelzüge von Babylon und Rom dienen zur Veranschaulichung. Von 18,4 an steht,ihr’ = die Stadt.

 

18 Ankündigung des Falls von Babylon. Danach sah ich wieder einen Engel vom Himmel herabsteigen, der hatte große Gewalt, und die Erde wurde von seinem Glanze erleuchtet. Er rief mit Macht: Gefallen, gefallen ist das große Babylon. Es ist zur Behausung der Dämonen, zum Kerker für alle unreinen Geister, zum Gefängnis für alle unsauberen und verhaßten Vögel geworden, weil alle Völker vom Zornwein seiner Unzucht getrunken und die Könige der Erde mit ihm sich vergangen und die Kaufleute der Erde an dem Unmaß seiner Üppigkeit sich bereichert haben.

 

Eine andere Stimme hörte ich vom Himmel her rufen: Gehet weg von ihr, mein Volk, damit ihr nicht ihrer Sünden teilhaftig werdet und an ihren Plagen nicht Anteil habt. Denn ihre Sünden stiegen auf bis zum Himmel, und Gott gedachte ihrer Frevel. Vergeltet ihr, was sie euch angetan hat. Doppelt zahlet ihr heim nach ihren Werken. Zweifach füllt ihr den Becher, den sie gefüllt hat. Wie stolz sie prunkte und in Üppigkeit schwelgte, so viel gebet ihr Pein und Leid. In ihrem Herzen spricht sie: Als Königin throne ich, bin keine Witwe, und Leid werde ich niemals schauen. Darum sollen an einem Tage ihre Plagen kommen, Tod und Jammer und Hunger. Vom Feuer soll sie verzehrt werden, denn stark ist der Herrgott, der sie richtet.

 

Klagen. Weinen und wehklagen werden über sie die Könige der Erde, die mit ihr Unzucht trieben und üppig lebten, wenn sie den Rauch ihres Brandes sehen. 10 Aus Furcht vor ihren Qualen bleiben sie von weitem stehen und sagen: Wehe, wehe, du große Stadt Babylon, du starke Stadt. In einer Stunde kam dein Gericht. 11 Und es weinen und klagen über sie die Kaufleute der Erde, weil nun niemand mehr ihre Waren kauft. 12 Waren von Gold und Silber, Edelsteine und Perlen, feine Leinwand, Purpur, Seide und Scharlach, all das Thujaholz, alles Gerät aus Elfenbein und alles Gerät aus köstlichem Holz, Erz, Eisen und Marmor, 13 Zimt und Wohlgerüche, Salben, Weihrauch, Wein und Öl, Feinmehl und Weizen, Rinder und Schafe, Rosse und Wagen, Menschenleiber und Menschenseelen. 14 Die Früchte, die Lust deines Herzens, sind dir ausgegangen. Aller Glanz und Flitter ging dir verloren, man findet sie nimmermehr. 15 Die mit diesen Dingen Handel trieben und reich daran wurden, werden von weitem stehen aus Furcht vor ihrer Pein, werden weinen und jammern und sprechen: 16 Wehe, wehe, du große Stadt, die in feine Leinwand, in Purpur und Scharlach gekleidet war, geziert mit Gold und Edelstein und Perlen. 17 Daß in einer Stunde so großer Reichtum verging! Und alle Steuerleute und Küstenfahrer, alle Schiffsleute und Arbeiter zur See standen von weitem 18 und riefen, da sie den Rauch ihres Brandes sahen: Wo war eine Großstadt wie diese? 19 Und sie streuten sich Staub auf das Haupt, weinten und jammerten und sprachen: Wehe, wehe, du große Stadt, in der alle, die Schiffe auf dem Meere hatten, durch ihre Güter reich wurden. Daß sie in einer Stunde verwüstet ward! 20 Frohlocket über sie, o Himmel und ihr Heiligen, ihr Apostel und Propheten, denn Gott hat eure Sache an ihr gerichtet.

 

Sinnbild der Vernichtung. 21 Ein starker Engel hob einen großen Stein wie einen Mühlstein auf und warf ihn ins Meer mit den Worten: Mit solcher Wucht wird Babylon, die große Stadt, niedergeworfen und fortan nicht mehr gefunden werden. 22 Nicht wird man ferner in dir hören den Klang der Harfe. Gesang, Flötenspiel und Posaunenschall, keinen Künstler irgendwelcher Art wird man mehr in dir antreffen, das Geräusch der Mühle wird man nimmer in dir vernehmen. 22: Auf der Handmühle mahlen die Frauen am Morgen das für den Tag nötige Mehl. Das Geräusch dieser Mühle ist ebenso wie der Schimmer der Lampe und die Stimme von Bräutigam und Braut ein Bild des friedlichen, hoffnungsvollen Lebens. 23 Kein Lampenlicht soll mehr in dir scheinen, die Stimme von Bräutigam und Braut soll nicht mehr in dir laut werden. Deine Kaufleute waren ja die Fürsten der Erde; durch deine Zauberkünste wurden alle Völker verführt. 24 Und in ihr wurde das Blut von Propheten und Heiligen gefunden und von allen, die auf Erden hingeschlachtet wurden.

 

19 Der Jubel im Himmel. Darauf vernahm ich eine Stimme im Himmel von viel Volk: Alleluja, das Heil und die Herrlichkeit und die Kraft sind unserm Gott! Denn wahrhaftig und gerecht sind seine Gerichte, die er gehalten hat über die große Buhlerin, die in ihrer Unzucht die Welt verdarb. Das Blut seiner Diener an ihren Händen hat er gerächt. Und wieder riefen sie: Alleluja. Der Rauch von ihr steigt auf von Ewigkeit zu Ewigkeit. Dann warfen sich die vierundzwanzig Ältesten und die vier Wesen nieder und beteten Gott an, der auf dem Throne sitzt, und sprachen: Amen, Alleluja. Und eine Stimme vom Throne aus sprach: Lobpreiset unsern Gott, ihr alle seine Diener und die ihr ihn fürchtet, klein und groß! Und ich hörte eine Stimme wie von viel Volk und wie das Rauschen vieler Wasser und wie mächtiges Donnerrollen: Alleluja, der Herr, unser Gott, der Allmächtige herrscht! Wir wollen uns freuen und frohlocken und ihm die Ehre geben, denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hält sich bereit. 7 Die endliche Vereinigung des Erlösers mit der von ihm gegründeten Kirche am Ende der Zeiten erscheint unter dem Bilde einer Hochzeit, wie schon im Alten Bunde. Hl 8,2; Is 54,1; auch Mt 22,2 ff. Je vollkommener unsere guten Werke hienieden sind, um so herrlicher wird das Brautkleid der Kirche in der Ewigkeit sein. Sie konnte sich kleiden in reine, glänzende Leinwand. Das Linnenkleid sind die gerechten Werke der Heiligen. Und er spricht zu mir: Schreibe: Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind! Und er fährt fort: Diese Worte des Herrn sind wahrhaftig. 10 Da fiel ich zu seinen Füßen nieder, um ihn anzubeten. Er aber sagt zu mir: Das darfst du nicht tun. Ich bin dein und deiner Brüder Mitknecht, die das Zeugnis Jesu haben. Gott bete an. Denn das Zeugnis Jesu ist der Geist der Weissagung.

 

Christus König

Christi Sieg. 11 Und ich sah den Himmel offen, und siehe da, ein weißes Roß, und der darauf reitet, heißt Treu und Wahr; er richtet und streitet mit Gerechtigkeit. 12 Seine Augen sind wie Feuerflammen. Auf seinem Haupte trägt er viele Diademe und einen Namen geschrieben, den niemand außer ihm selbst kennt. 13 Bekleidet ist er mit einem blutbefleckten Gewande, und sein Name heißt: Das Wort Gottes. 14 Die Himmelsheerscharen folgen ihm nach auf weißen Rossen in weißen, reinen Linnenkleidern. 15 Aus seinem Munde fährt ein zweischneidiges Schwert, mit dem er die Völker schlagen soll. Er wird sie weiden mit eisernem Zepter und tritt die Kelter des grimmigen Zornweins des allmächtigen Gottes. 16 Auf seinem Kleide, und zwar auf seiner Hüfte trägt er geschrieben: König der Könige und Herr der Herrscher.

 

17 Und ich sah einen Engel in der Sonne stehen. Der rief mit lauter Stimme allen Vögeln zu, die durch den Himmelsraum flogen: Kommet, versammelt euch zum großen Mahle Gottes, 18 zu fressen das Fleisch von Königen, Fleisch von Kriegsobersten, Fleisch von Starken, Fleisch von Roß und Reitern, Fleisch von Freien und Sklaven, von Kleinen und Großen. 19 Ich sah das Tier und die Könige der Erde und ihre Heere versammelt, um Krieg zu führen gegen den, der auf dem Rosse saß, und gegen seine Heerschar. 20 Und das Tier ward ergriffen samt dem falschen Propheten, der die Wunder vor seinen Augen wirkte, durch welche er die verführte, welche das Zeichen des Tieres annahmen und sein Bild anbeteten. Diese beiden wurden lebendig in den Feuersee gestürzt, der von Schwefel brennt. 21 Die übrigen wurden durch das Schwert getötet, das aus dem Munde dessen fuhr, der auf dem Rosse saß, und alle Vögel sättigten sich an ihrem Fleische.

 

20 Das tausendjährige Reich. Ich sah einen Engel vom Himmel herabkommen, der hielt den Schlüssel des Abgrundes und eine große Kette in seiner Hand. Er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und Satan, und band ihn fest auf tausend Jahre. Dann stieß er ihn hinab in den Abgrund, verschloß und versiegelte ihn, damit er die Völker nicht mehr verführe, bis tausend Jahre vorüber sind. Danach muß er auf kurze Zeit wieder frei werden. Und ich sah Throne, und Männer setzten sich darauf. Denen wurde das Gericht übertragen. Und ich sah die Seelen derer, die wegen des Zeugnisses für Jesus und wegen des Wortes Gottes enthauptet worden waren, die das Tier und sein Bild nicht angebetet hatten und sein Zeichen nicht angenommen hatten auf ihrer Stirn und Hand. Sie lebten und regierten mit Christus tausend Jahre. Die übrigen Toten lebten nicht, bis die tausend Jahre vollendet sind. Dies ist die erste Auferstehung. Selig und heilig, der teil hat an der ersten Auferstehung. Über sie hat der zweite Tod keine Gewalt. Sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre. Und wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan aus seinem Kerker befreit. Er wird herauskommen und die Völker, die an den vier Enden der Erde wohnen, verführen, den Gog und den Magog. Er wird sie zum Kriege sammeln, und ihre Zahl ist wie der Sand am Meere. Sie rückten herauf zur Hochebene der Erde und umzingelten das Lager der Heiligen, die geliebte Stadt. Dann fiel Feuer vom Himmel herab und verzehrte sie. 6-9: In dem Augenblick, wo die Gottesfeinde zum letzten Schlag gegen die Kirche ausholen, bricht das vernichtende Strafgericht über sie selbst herein. 10 Ihr Verführer, der Teufel, wurde in den See von Feuer und Schwefel gestürzt, wo auch das Tier und der falsche Prophet sind, und sie werden gepeinigt werden Tag und Nacht in alle Ewigkeit. 7-10: Auf diese Stelle stützen sich die verschiedenen Lehren von einem „tausendjährigen Reihe“, die aber durch allzu wörtliche, grobsinnliche Auslegungen zu manchen Verirrungen und Ausschreitungen führten. Denn die Zahl 1000 ist nicht wörtlich zu nehmen, sondern bezeichnet einen längeren Zeitraum, dessen Anfang und Ende wir nicht bestimmen können. Gog und Magog nach Ez 39,2, sind wohl die Bezeichnung für die ganze Schar der widerchristlichen Mächte, nicht für bestimmte Völker.

 

Das letzte Gericht. 11 Ich schaute einen großen, glänzenden Thron und den, der darauf saß. Vor dessen Angesicht floh Erde und Himmel, und es fand sich kein Platz mehr für sie. 12 Ich sah die Toten, groß und klein, vor dem Throne stehen. Die Bücher wurden aufgeschlagen. Auch ein anderes Buch wurde aufgeschlagen, das ist das Buch des Lebens. Die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern stand, nach ihren Werken. 13 Das Meer gab die Toten wieder, die in ihm waren, der Tod und die Hölle gaben die Toten wieder, die in ihnen waren. Und über jeden wurde Gericht gehalten nach seinen Werken. 14 Und Tod und Hölle wurden in das Feuermeer geworfen. Dies ist der zweite Tod, das Feuermeer. 15 Und wer sich nicht eingeschrieben fand im Buche des Lebens, wurde in das Feuermeer geworfen. 11-15: Beim Erscheinen des Weltenrichters verfällt die Erde und der Sternenhimmel. Tod und Hölle sind als Personen gedacht. Das ewige Verderben der Verdammten heißt im Gegensatz zum ewigen Glück der Seligen „zweiter Tod“. Vgl.. 21,8.

 

Die jenseitige Heilsvollendung

21 Die neue Welt. Und ich schaute einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Ich, [Johannes,] sah die heilige Stadt, ein neues Jerusalem, aus dem Himmel von Gott herniederkommen, ausgestattet wie eine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist. Ich hörte eine laute Stimme vom Throne her sagen: Siehe, das Zelt Gottes unter den Menschen. Er wird unter ihnen wohnen. Sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein als ihr Gott. Und er wird abtrocknen jede Träne von ihren Augen. Der Tod wird nicht mehr sein; weder Trauer noch Klage noch Schmerz wird mehr sein; denn das Frühere ist vorbei. Der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu. Und er fuhr fort: Schreibe! Denn diese Worte sind gewiß und wahr. Er sagte weiter zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Ich will dem Dürstenden umsonst vom Quell des Lebenswassers geben. Wer siegt, wird dieses Erbe erlangen. Ich will ihm Gott sein, und er soll mir Sohn sein. Die Feiglinge aber und die Ungläubigen, die Entweihten. die Mörder, Unzüchtigen, Zauberer, Götzendiener und die Lügner alle werden ihren Teil bekommen in dem See, der von Feuer und Schwefel brennt. Das ist der zweite Tod. 1-8: Aus den im Weltenbrand geläuterten Elementen bildet Gott eine neue Erde und einen neuen Himmel. Im neuen, himmlischen Jerusalem läßt er die Gerechten in trauter Gemeinschaft ungetrübte Seligkeit genießen.

 

Das neue Jerusalem. Nun kam einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen tragen, gefüllt mit den sieben letzten Plagen, und redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir die Braut zeigen, die Gattin des Lammes. 10 Er führte mich im Geiste auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, die aus dem Himmel von Gott herniederkam, 11 in der Klarheit Gottes. Sie funkelte wie ein Edelstein wie Jaspisstein, wie ein Kristall. 12 Sie hatte eine große, hohe Mauer mit zwölf Toren, und an den Toren zwölf Engel, und Namen sind darauf geschrieben, nämlich die Namen der zwölf Stämme Israels. 13 Nach Osten waren es drei Tore, nach Norden drei Tore, nach Süden drei Tore und nach Westen drei Tore. 14 Die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundsteine, darauf standen die Namen der zwölf Apostel des Lammes. 15 Der mit mir sprach, hatte als Maßstab ein goldenes Rohr, um die Stadt und die Tore und die Mauer abzumessen. 16 Die Stadt ist im Viereck angelegt, und ihre Länge und Breite sind gleich. Und er maß die Stadt mit dem Rohr auf zwölftausend Stadien. Ihre Länge und Breite und Höhe sind gleich. 16: Die Zahlen, in denen besonders 3, 4, 20 eine Rolle spielen, haben sinnbildliche Bedeutung. 12000 Stadien = zirka 2220 Kilometer (wohl der Umfang, nicht die Seite der Stadt). 140 Ellen = zirka 70 Meter. Die Kubusform versinnbildet das Ebenmaß und die Vollendung. 17 Ihre Mauer maß er auf hundertvierundvierzig Ellen nach Menschenmaß, das Engelmaß ist. 18 Gebaut war die Mauer aus Jaspisstein, die Stadt selbst aus reinem Gold, ähnlich reinem Glase. Die Grundsteine der Stadtmauer sind geschmückt mit allerlei Edelsteinen. 19 Der erste Grundstein ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalcedon, der vierte ein Smaragd, 20 der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sardion, der siebente ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth und der zwölfte ein Amethyst. 21 Die zwölf Tore sind zwölf Perlen, jedes Tor aus einer Perle, die Straßen der Stadt reines Gold, wie durchsichtiges Glas. 22 Einen Tempel sah ich nicht darin, denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel und das Lamm. 23 Auch braucht die Stadt weder Sonne noch Mond, um in ihr zu scheinen, denn die Herrlichkeit Gottes beleuchtet sie und ihr Licht ist das Lamm. 24 Und die Völker werden in ihrem Lichte wandeln und die Könige der Erde ihre [Kostbarkeit und] Herrlichkeit hineintragen. 25 Ihre Tore werden nicht geschlossen bei Tage; und Nacht wird dort nicht sein. 26 Kostbarkeit und Herrlichkeit der Völker bringt man dorthin. 27 Nichts Unreines, noch was Greuel übt und Lüge, wird in sie eingehen, sondern nur, wer geschrieben steht im Lebensbuche des Lammes.

 

22 Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht vom Throne Gottes und des Lammes. Halbwegs zwischen ihrer Straße und dem Flusse stand in zwei Reihen der Lebensbaum, der zwölfmal Frucht bringt. Jeden Monat trägt er seine Frucht, und die Blätter des Baumes dienen zur Heilung der Völker. 1-2: Vgl. Ez 47,1-12. Einen verbotenen Baum gibt´s in dem neuen Paradies nicht mehr, aber eine ganze Allee des Lebensbaumes. Nichts vom Fluche Getroffenes wird es mehr geben. Der Thron Gottes und des Lammes wird dortstehen, und seine Knechte werden ihm dienen. Sie werden sein Angesicht schauen und seinen Namen auf ihrer Stirne tragen. Nacht wird nicht mehr sein. Sie brauchen kein Lampenlicht und kein Sonnenlicht, denn Gott der Herr wird sie erleuchten, und sie werden herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Schluß

Mahnung an Johannes. Und er sprach zu mir: Diese Worte sind gewiß und wahr, und der Herr, der Gott der Prophetengeister, hat seinen Engel gesandt, um seinen Dienern anzuzeigen, was bald geschehen muß. Siehe, ich komme bald! Selig, wer die Worte der Weissagung dieses Buches bewahrt. Ich, Johannes, bin es, der dies gehört und gesehen hat. Und nachdem ich es gehört und gesehen hatte, fiel ich dem Engel, der mir dies zeigte, zu Füßen, um anzubeten. Er aber spricht zu mir: Nur ja nicht! Ich bin bloß ein Mitknecht von dir und deinen Brüdern, den Propheten, und denen, die die Prophetenworte dieses Buches bewahren. Gott bete an!

 

10 Weiter spricht er zu mir: Lege die Prophetenworte dieses Buches nicht unter ein Siegel, denn die Zeit ist nahe. 11 Der Übeltäter mag noch Übles tun und der Beschmutzte sich noch beschmutzen, der Gerechte soll sich noch mehr rechtfertigen, und der Heilige soll sich noch mehr heiligen. 11: Wer so verstockt ist, daß die ernsten Mahnungen des Buches ihn nicht zur Umkehr bewegen, der mag sehen, wohin sein Weg ihn führt. 12 Siehe, ich komme bald und habe meinen Lohn bei mir, einem jeden zu vergelten, wie sein Werk ist. 13 Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. 14 Selig, die ihre Kleider waschen [im Blute des Lammes], damit sie ein Recht haben auf den Baum des Lebens und durch die Tore in die Stadt eingehen. 15 Draußen bleiben die Hunde, die Zauberer, die Unzüchtigen, die Mörder, die Götzendiener und alle, welche Lüge lieben und üben. 15: Hunde heißen die Irrlehrer und Christushasser. Vgl. Phil 3,2, Mt 7,6; 2 Petr 2,22. 16 Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, dies euch über die Gemeinden zu bezeugen. Ich bin die Wurzel und der Sproß Davids, der leuchtende Morgenstern. 17 Und der Geist und die Braut sagen: Komm! Und wer es hört, spreche: Komm! Und wen dürstet, komme, und wer will, empfange lebendiges Wasser umsonst. 17: Die Braut ist die Kirche Christi. In ihr lebt und wirkt der Hl. Geist.

 

18 Ich erkläre jedem, der die Prophetenworte dieses Buches hört: Wenn jemand hierzu etwas hinzufügt, so wird ihm Gott zufügen die Plagen, die in diesem Buche geschrieben stehen. 19 Und wenn jemand von den Worten dieses Prophetenbuches etwas ausstreicht, so wird ihm Gott seinen Anteil streichen am Lebensbaum und an der heiligen Stadt und an dem, was in diesem Buche steht. 20 Der hiervon Zeugnis gibt, spricht: Ja, ich komme bald! Amen! Komm, Herr Jesus! 20: Die Bitte des letzten Apostels ist ein liturgischer Sehnsuchtsruf der Urkirche. Vgl. 1 Kor 16,22. Wer Christus wahrhaft liebt, sehnt sein Kommen herbei. Mit dem Segenswunsch nach Christi Gnade schließt die allgemeine göttliche Offenbarung an die Menschen ab. 21 Die Gnade des Herrn Jesus [Christus] sei mit allen Heiligen! Amen. 6-21: Die Schlußverse heben die Zuverlässigkeit der Offenbarung hervor. Gott bürgt für sie.