12. Die Geburt Jesu

(Lk 2)

I Maria und Joseph reisen nach Bethlehem

In jenen Tagen erging vom Kaiser Augustus ein Befehl, das ganze Weltreich aufzuzeichnen. ... Joseph war aus dem Hause und dem Geschlechte Davids. So zog er aus der Stadt Nazareth1 in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem 2 heißt, um sich mit Maria, seiner Angetrauten, die guter Hoffnung war, aufschreiben zu lassen.

Das große Geheimnis soll sich jetzt erfüllen. Der Sohn Gottes will seinen Einzug in diese Welt halten. Maria und Joseph machen sich auf den Weg nach Bethlehem.

Wozu diese Reise? Ein kaiserliches Edikt ist veröffentlicht worden, und man muß ihm Folge leisten. Gott bedient sich zur Ausführung seiner Pläne ebenso des Ehrgeizes der Großen wie des Glaubens der Kleinen. Siehe, mit welcher Pünktlichkeit Maria und Joseph sich dem kaiserlichen Befehl unterziehen. Weshalb sollten sie denn murren? Gehorchen sie nicht dem Willen Gottes, indem sie sich dem Befehle eines irdischen Machthabers unterwerfen? Beachte ferner, mit welcher Einfachheit sie das allgemeine Gesetz befolgen. Sie verlangen keine Ausnahme, sondern tun, was alle tun. Durch nichts wollen sie sich von den andern unterscheiden, als durch die Art, der Verrichtung ihrer Handlungen und durch ihre größere Armut und Demut. Begleite Maria und Joseph mit Liebe und Hingebung. Biete dich an, ihnen auf der beschwerlichen Reise zu dienen. Nimm an ihren Gesprächen teil. Vereinige dich mit ihren Gebeten und ihrem Verlangen, in allem den Willen Gottes zu erfüllen.

1 Nazareth liegt vier Tagesreisen weit von Bethlehem. Man steigt in die Ebene Esdrelon hinab, die man durchwandern muß, um Eugannim zu erreichen. Von da gelangt man durch Sichem und das Gelände von Beeroth in die Gegend von Jerusalem. Bethlehem liegt nur zwei Stunden von Jerusalem entfernt. Es ist das Jahr 749 nach römischer Zeitrechnung, die Woche des 25. Dezember.

2 Bethlehem liegt auf einem langen, weißen Hügel, dessen mit Reben, Oliven und Feigenbäumen bepflanzte Abhänge ziemlich regelmäßige Terrassen bilden. Auf dem Gipfel der Anhöhe lag die Grotte, über der sich gegenwärtig die Kirche der Geburt Jesu erhebt.

 

II Maria und Joseph suchen vergebens einen Platz in der Herberge

In der Herberge fand sich kein Platz für sie.

Betritt mit Maria und Joseph das kleine Bethlehem. Der Sohn Gottes bedarf deiner, um eine Unterkunft zu finden, so stelle dich denn in seinen Dienst. Klopfe mit Ihm an die verschiedenen Türen, wo Er einkehren und sich offenbaren möchte. Suche Ihm eine Herberge, und nenne seinen Namen jenen, die vorübereilen.

Was geschieht in Bethlehem? Immer wieder werden Maria und Joseph abgewiesen; nirgends ist Platz für sie. Der Schöpfer findet keine gastliche Aufnahme bei seinen Geschöpfen. Für alle hat Bethlehem Raum, nur nicht für Ihn. Bitte den Heiligen Geist um Erklärung dieses Geheimnisses.

Weshalb läßt Gott es zu, daß sein eingeborener Sohn an allen Türen abgewiesen wird? Weil Er Ihn sendet als Lehrmeister des wahren Lebens. Er hofft, daß du durch die Betrachtung dieser schmählichen Abweisungen eines Tages zur Erkenntnis des hohen Wertes der Demütigungen gelangst, die zu erwählen der Gottessohn vom Himmel kam. Das ist seine erste Lehre. Nimm diese neue Lebensanschauung freudig an.

 

III Die Geburt Jesu in einem Stall

Und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte Ihn in Windeln und legte Ihn in eine Krippe.

Folge Maria und Joseph in den Stall. Dieser ist der von Jesus selbst erwählte Palast, in dem Er seinen Einzug in die Welt feiern will. Im Lichte dieser freien Wahl lerne die Schönheit der freiwilligen Armut begreifen. Welcher Gegensatz zwischen dem Geiste Gottes und dem Geiste der Welt! Während die Welt nur den Überfluß liebt und die Armut fürchtet, erwählt der Heiland für sich die Armut und verachtet den Reichtum. Sei getrost, meine Seele! Er, der sich einen so unwirtlichen Ort zur Geburtsstätte auserkor, wird es nicht verschmähen, trotz deiner Unvollkommenheiten und deines Elendes in deine Seele einzukehren.

Nahe dich der Krippe, diesem Altar, auf dem dein Gott als König des Opfers und der Entsagung ruht. Betrachte in Liebe das Innere des Stalles. Ist seine Dürftigkeit nicht der Pracht fürstlicher Paläste vorzuziehen, weil Jesus hier weilt?

Knie nieder und bringe an der Krippe heute die Opfer dar, die der Herr durch die Stimme seiner Gnade schon so oft von dir gefordert hat. Öffne dem neugeborenen Erlöser dein Herz und heiße Ihn willkommen. Bete Ihn auf den Armen seiner Mutter an. Versprich Ihm, dich in seinen Dienst zu stellen und dich in seiner Schule auszeichnen zu wollen. Hier an der Krippe laß alles an deinem Geist vorüberziehen, was nach dem Plan Gottes geschah, damit der Herr aller Dinge in dieser außerordentlichen Armut geboren werden, in Entbehrungen, Demütigungen und Leiden leben und endlich am Kreuz sterben konnte. Und dies alles tat Er für dich. Laß diese Erwägungen deine Seele tief durchdringen.