2. Der göttliche Ursprung Jesu

(Joh 1)

 

I Der Evangelist beschreibt die ewige Zeugung des Wortes

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Durch dieses ist alles geworden, und ohne Es ward nichts von allem, was geworden ist. In Ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Das Licht leuchtet in der Finsternis; allein die Finsternis hat es nicht ergriffen.

Bemühe dich, deine Seele von allem Vergänglichen loszureißen, damit sie sich zum Geheimnis der Gottheit zu erheben vermag. Der Evangelist lädt dich ein, dich zu dieser Höhe aufzuschwingen. Bete in tiefster Demut die sich offenbarende göttliche Majestät an. Bekenne mit lebendigem Glauben die Gottheit des Wortes, der zweiten Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Das Wort ist Gott, und weil es Gott ist, geschieht in unserm Leben nichts ohne seine Mitwirkung. Es ist nichts in dir, was nicht Ihm gehört, weil du nichts hast, was nicht von Ihm kommt. Und sieh, Er selbst will in demselben Maß unser sein, wie wir Ihm angehören. Er entschließt sich, in unsere Mitte herniederzusteigen. Gott sendet uns nicht einen Fürsten des Himmels, Ihn selbst sollen wir sehen. Von Ewigkeit her dachte Er an uns. Er liebte uns und war um unser Heil bemüht. Es genügte Ihm nicht, unser erster Freund zu sein. Nein, Er wollte unter allen auch unser Vertrautester sein. Er will unser Bruder werden. Er will Mensch werden, um unser Leben mitzuleben, uns ganz nahe zu sein.

Betrachte die Würde, zu der du durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes erhoben bist. Bereite dem menschgewordenen Wort in deinem Herzen den Platz, der Ihm gebührt. Öffne Ihm die Tore deiner Seele. Huldige Ihm, und danke Ihm für alles, was du bist und hast.

 

II Der Evangelist erinnert an die Aufnahme, welche die Menschen dem Ewigen Wort bereitet haben

Ein Mann trat auf, von Gott gesandt. Sein Name war Johannes. Der kam, Zeugnis zu geben, Zeugnis für das Licht. Alle sollten durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht das Licht. Nur Zeugnis geben sollte er für das Licht. Das wahre Licht, das da erleuchtet jeden Menschen, kam in die Welt. Er war in der Welt. Die Welt ist durch Ihn geworden; und doch hat die Welt Ihn nicht erkannt. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinigen nahmen Ihn nicht auf.

Das Wort Gottes, also der Logos, wird Mensch, um sich der Welt zu offenbaren. Er ist das Licht, und sein Licht ist seine Lehre. Ihn zu sehen wird herrlich sein. Er wird Mensch, damit die Menschen auf Ihn hören! Ihn aufnehmen heißt an Ihn glauben.

Begrüße im Evangelisten Johannes den ersten Zeugen Jesu. Er ist in vorzüglicher Weise ein Mann des Glaubens. Aus seinem Beispiel lernen wir, dem menschgewordenen Wort Ehre zu erweisen. Aber ach! Der Evangelist fügt hinzu: «Die Welt hat Ihn nicht erkannt, die Seinigen nahmen Ihn nicht auf!» Das Beispiel des heiligen Johannes ist nicht von allen nachgeahmt worden. Es hat leider Menschen gegeben, die in ihrer Blindheit der unendlichen Herablassung Gottes gegenüber gleichgültig blieben. Er, der aus der Herrlichkeit des Himmels herabsteigt, wird von denen verstoßen, die Ihm alles verdanken. Der Evangelist weist daraufhin, um dich auf deine Pflicht aufmerksam zu machen. So nimm denn deinen Heiland auf, und unterwirf Ihm deinen Verstand. Da Er zu dir sprechen will, so gebiete Schweigen der geheimen Stimme der Eigenliebe und aller menschlichen Voreingenommenheit. Vergiß nie, daß der Heiland bei dir in sein Eigentum kommt, und daß dein Platz zu seinen Füßen ist. Empfange Ihn mit der demütigen und gläubigen Gesinnung eines Jüngers.

 

III Die Wohltaten, die das menschgewordene Wort der Welt spendet

Allen aber, die Ihn aufnahmen, gab Er Macht, Kinder Gottes zu werden. Denen, die da glauben an seinen Namen, die nicht aus dem Geblüt, nicht aus dem Wollen des Fleisches und nicht aus dem Wollen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Und wir haben geschaut seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater, voll der Gnade und Wahrheit.

Erfasse die Reichtümer der Gnade, welche die Menschwerdung des Wortes uns bringt. Durch seinen eingeborenen Sohn bietet uns der himmlische Vater die Annahme an Kindesstatt an. Der menschgewordene Sohn Gottes will uns das Recht auf die Erbschaft des Himmels wieder erkaufen. Er gibt dir die Versicherung, daß du in Wahrheit Kind Gottes und Erbe des Himmels bist. Es ziemt sich deshalb, daß du aus der Mittelmäßigkeit deines geistlichen Lebens heraustrittst. Fang an, dir deiner wahren Größe bewußt zu werden! Erwecke in dir das lebhafte Verlangen, aus dem irdischen Leben des Sohnes Gottes allen Nutzen zu ziehen und die himmlischen Schätze, die Er unter so unscheinbarer Hülle verbirgt, gebührend zu würdigen.

Dem Licht des Glaubens mußt du folgen, wenn du deinen Schöpfer und Herrn im Gewand der menschlichen Natur erkennen willst. Nicht irdische Wissenschaft lüftet den Schleier, der das Geheimnis der Menschwerdung deckt, dies vermögen nur demütiger Glaube, reine Absicht, stille Sammlung und eifriges Gebet.

«Wir haben Ihn gesehen», schreibt zum Schluß der Evangelist in heiligem Entzücken. Er hat recht, denn Ihn sehen und wissen, wer Er ist und was Er uns bringt, das ist der Anfang der höchsten Freude und die Bürgschaft aller Güter.