5. Die Verkündigung der Geburt Jesu

(Lk 1)

I Der Engel Gabriel wird von Gott zu Maria gesandt

Im sechsten Monat ward der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa mit Namen Nazareth1 zu einer Jungfrau. Sie war verlobt mit einem Manne namens Joseph aus dem Hause Davids. Der Name der Jungfrau war Maria.

Betrachte die Jungfrau Maria im Gebet. Mit großer Sehnsucht erfleht sie die Ankunft des Erlösers. Vereinige deine Gebete mit den ihrigen und dein Verlangen mit dem Flehen ihres Herzens. Die Fülle der Zeiten ist gekommen. Der Ratschluß der Versöhnung des Menschen mit Gott ist besiegelt. Nach dem Plane Gottes begegnen sich seine Weisheit und seine Güte; seine Barmherzigkeit und seine Gerechtigkeit küssen sich (vgl. Psalm 84,11).

Betrachte, wie der eingeborene Sohn Gottes von seinem Vater die Sendung erhält, die gefallene Menschheit zu retten, und wie Er den Glanz seiner Herrlichkeit ablegt, um zu werden wie einer von uns. Die Erde gehört Ihm als Eigentum; was will Er von ihr annehmen? In welcher Gestalt will Er erscheinen? O Mensch, der du dich allzeit nur erhöhen möchtest, lerne hier dich zu erniedrigen, wie Er es getan hat.

Der Sohn Gottes erwählt als Heimat ein verachtetes Städtchen in einem unbekannten Land. Und wer soll seine Mutter werden, wer ist die von Gott Erwählte? Es ist Maria, eine vor der Welt ganz verborgene Jungfrau. Aber sie ist die frömmste und demütigste von allen. Ihr Herz ist das reinste, das je auf Erden geschlagen hat. Frömmigkeit, Demut und Reinheit machen in den Augen Gottes das wahre Verdienst aus. Suche dir klarzumachen, worin das wahre Leben besteht. Fern sei von dir aller Stolz und alles ehrgeizige Streben.

1 Nach der Überlieferung ist das Haus, das Maria bewohnte, wunderbar nach Loreto gebracht worden. Sein unterer in den Felsen gehauener Teil ist noch in Nazareth zu sehen. Er befindet sich in der Krypta der Verkündigungskirche. Auf 17 Stufen von weißem Marmor steigt man hinab und kommt in die sogenannte Engelskapeile.

 

II Der Engel grüßt Maria und überbringt ihr die Botschaft des Himmels

Der Engel trat bei ihr ein und sprach: «Sei gegrüßt, du Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen.» Bei diesen Worten erschrak sie und dachte nach, was dieser Gruß bedeuten solle. Der Engel sprach zu ihr: «Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast Gnade gefunden bei Gott. Du wirst empfangen und einen Sohn gebären. Dem sollst du den Namen Jesus geben.»

Begrüße den Engel Gabriel auf der Schwelle der ärmlichen Wohnung Mariens. Höre seinen frommen Gruß und lerne, ihn mit denselben Gefühlen der Freude, Ehrfurcht und staunenden Bewunderung auszusprechen. Ist es nicht angebracht, daß du jene hoch verehrst, die der Himmel zur höchsten Würde auserwählt hat? Im Ave Maria kommt diese Verherrlichung am vollkommensten zum Ausdruck.

Enthält dieser Gruß nicht auch für uns die Zusicherung aller Güter? Maria besitzt die ganze Fülle der Gnaden, damit sie uns reichlich davon mitteile. Der Herr ist mit ihr, damit Er durch sie uns gegeben werde. Sie ist von Gott über alle Geschöpfe erhoben, damit sie uns helfe, uns zu Ihm zu erheben. Schätze den im Ave Maria verborgenen Reichtum.

Beim Gruß des Engels erschrak Maria. Es gibt so reine Seelen auf Erden, daß sie die leiseste Furcht vor dem Bösen erzittern läßt. So empfindlich ist die Zartheit jungfräulicher Herzen. Willst du zu ihrer Zahl gehören? Durch Maria kannst du diese Gnade erlangen.

Nachdem der Engel Maria beruhigt hat, prophezeit er ihr die Größe des Erlösers, der aus ihr geboren werden soll. "Dieser wird groß sein und der Sohn des Allerhöchsten genannt werden.» Er wird der König der Könige sein. Der Sohn Gottes kommt zu uns, um in uns zu herrschen. Die wahre Ehre des Menschen wird darin bestehen, Ihn als höchsten Herrn anzuerkennen. Belebe und befestige deinen Glauben an Jesus und unterwirf dich Ihm als deinem König. Weihe dich seinem Dienste durch Maria.

 

III Die Einwilligung Mariens

«Wie wird das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?» Der Engel antwortete und sprach zu ihr: «Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten dich überschatten. Darum wird auch das Heilige, das aus dir geboren wird, Sohn Gottes genannt werden.»

Was sagt und tut Maria? In dem klaren Bewußtsein, daß unser Heil in ihre Hand gegeben ist, willigt sie freudig in den Ratschluß Gottes ein. Da uns durch sie der Erlöser geschenkt wird, schulden wir ihr Dank für alles, was uns der Heiland bringt. Daß wir wieder Kinder Gottes sind, die Gnade der Sündenvergebung, der Sakramente und der Beharrlichkeit im Guten, alles wird uns durch Maria geschenkt.

Hätte sie ihre Mitwirkung verweigert, wir hätten auf immer die Rechte auf das himmlische Erbe verloren. Ihre Einwilligung öffnet uns die Pforten des Himmels, und damit sind uns zugleich alle Mittel, dahin zu gelangen, zuteil geworden. Sprich Maria in kindlicher Weise deinen Dank aus. Wird deine Gegengabe nicht in eifriger Arbeit zur Ehre ihres Sohnes bestehen?

Betrachte, mit welchen Worten Maria ihre Einwilligung gibt. «Siehe, ich hin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort.» Maria kennt ihre Stellung Gott gegenüber, und sie will darin verharren. Der Mensch bleibt Gottes Diener, so hoch er auch erhoben werden mag. Von diesem Bewußtsein ist Maria auch im Augenblick ihrer Erhöhung durchdrungen. Sie mahnt dich, dies nie zu vergessen. Entsprich ihrer Mahnung! Dadurch schon zeigst du dich als ihr Kind.

Bedenke auch, wie die allerseligste Jungfrau hier die vollkommene Ergebung in den Willen Gottes übt. Sie übergibt sich Ihm in bedingungsloser Hingabe wie ein Werkzeug, das dem Herrn auch nicht den geringsten Widerstand leistet. Gott hat dies von ihr verlangt, um das Geheimnis der Menschwerdung wirken zu können. Diese Ergebenheit erwartet Er auch von dir, um das zu vollbringen, was Er mit dir vorhat. Gott könnte Großes durch dich wirken, wenn du dich Ihm wahrhaft hingeben würdest.